Was ist Faschismus?

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Dark Angel
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Was ist Faschismus?

Beitragvon Dark Angel » Mo 2. Dez 2019, 18:15

Bezugnehmend auf die recht kontroverse Diskussion um den Entzug der Gemeinnützigkeit des VVN-BdA will ich die Frage diskutieren Was ist Faschismus?

Der Begriff "Faschismus" ist nicht eindeutig definiert.
Es gibt verschiedene theoretische Ansätze bzw Faschismustheorien, denen allen gemeinsam ist, dass nur Teilaspekte des Phänomens bzw nur einzelne geschichtliche Phasen des Faschismus erklärt werden können.
Sie bieten jedoch keine umfassende Erklärung und lassen sich - trotz vorhandener charakteristischer Gemeinsamkeiten, wie ausgeprägte Orientierung auf eine Führerperson, nationalistische, antikommunistische, antidemokratische und antipluralistische Einstellung sowie ein gewalttätiger Wille zur Macht und Verherrlichung des Militärischen - (auch) nicht auf alle Erscheinungsformen in den verschiedenen Ländern anwenden.

Die vergleichende Faschismusforschung ist immer noch bemüht eine umfassende erklärende Theorie zu finden. Dazu gibt es verschiedene Erklärungsansätze - die idealtpische und die realtpische Definition, mit denen versucht wird ein "faschistisches Minimum" herauszuarbeiten, welches allen Formen der faschistischen Ideologie zueigen ist und mit denen ein genuiner Faschismusbegriff definiert werden kann.
"Genuin" bedeutet in diesem Zusammenhang, dass es sich bei Faschismus um ein globales, zeitlich NICHT begrenztes Phänomen handelt, welches weder rechts noch links ist.

"Klassisch-faschistisch sind Parteien, die sich durch ihr Erscheinungsbild (uniformierte und bewaffnete und nach dem Führerprinzip aufgebaute Partei), ihren politischen Stil (Terror und Propaganda) und ihre Ideologie (Führerkult, Nationalismus, Rassismus sowie Antidemokratismus, Antikommunismus, Antisemitismus und neuerdings auch Antiislamismus) von anderen rechten und linken Parteien so wohl unterscheiden wie gleichen, das heißt „weder rechts noch links“ sind"
Quelle


Ich schrieb eingangs, dass es keine umfassende Faschinsmustheorie gibt, die alle Aspekte und Erscheinungsformen dieser Ideologie erklären kann, das hindert den VVN-BdA jedoch nicht, nur eine einzige Faschismustheorie als die "allgemeingültige" anzuerkennen und zwar die "Marxistische Faschismustheorie"
Nach dieser Faschismustheorie ist allein der "Kapitalismus" für das Entstehen verantwortlich.
Nur wenn auch der Kapitalismus als "Gesellschaftsordung" beseitigt wird, wird auch der Faschismus beseitigt.

Interessant in diesem Zusammenhang ist

"Hinzu kommt der Doppelcharakter des Faschismus als politische Theorie und politischer Kampfbegriff, der ziemlich wahl- und unterschiedslos auf alle möglichen politischen Phänomene und Personen angewandt wurde - und immer noch wird. Diese seine missbräuchliche Anwendung wurde zudem durch einige der monokausalen Theorien begünstigt. Dies gilt insbesondere für die instrumentalistischen."
(gleiche Quelle)


Wie sehr diese Aussage zutrifft, kann man u.a. hier im Forum beobachten.
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Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon conscience » Mo 2. Dez 2019, 20:58

Ich empfehle zum besseren Verständnis noch folgenden Abriss:
"Perspektiven auf den Faschismus. Von den Anfängen bis heute" klick

Abschließend können wir dort folgendes lesen:
Der Historiker Volker Weiß darauf hin, die „Neue Rechte“ in der Bundesrepublik stehe in der Tradition jener rechten Kräfte, die durch eine Haltung gekennzeichnet gewesen seien, die mit Zeev Sternhell als „revolutionärer Revisionismus“ bezeichnet werden könne. In dieser spiegele sich die radikale Ablehnung einer bestehenden Ordnung, aus der schließlich der Faschismus als totale Ablehnung der politischen Kultur und als „Idealtypus einer Umbruchsideologie“ entsprungen sei. Zudem lasse sich in der Rhetorik des völkisch-autoritären Populismus, so auch in den Verlautbarungen der AfD, eine deutliche Tendenz zum Antirationalismus erkennen, der immer auch eine offene Flanke zur „Glorifizierung von Gewalt“ aufweise. Andererseits seien die gegenwärtigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht mit den Polarisierungen der Zwischenkriegszeit vergleichbar, fehle doch der extremen Rechten heute trotz aller Gewaltaffinität ein entsprechender Militarisierungsgrad.
Quelle: s.o.
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Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon Skeptiker » Mo 2. Dez 2019, 21:30

Es gibt eine klar definierte Gruppe, die man Faschisten nennt - sie ist weltweit die gleiche und jedem wohl bekannt. Die Gruppe nennt sich "die Anderen". Demgegenüber sind "die Eigenen" grundsätzlich stramme Antifaschisten - notfalls mit faschistischen Mitteln.

Ich selber benutze den Begriff Faschismus relativ selten, eben weil er sehr unklar ist, aber andererseits als Etikett für alles verwandt wird, was verwerflich und menschenverachtend ist. Mir gefällt Totalitarismus als Begriff viel besser, weil der den Wesenskern des Phänomens besser beschreibt, der darin besteht, dass eine Geisteshaltung keinen Widerspruch duldet, stattdessen vollständigen Machtanspruch stellt. Diesen zu erhalten sind alle Mittel recht. Letztendlich verliert der Mensch neben der Ideologie seinen Wert und es kommt zu Gräueln. Die gefährlichen Abweichler müssen geeignet bekämpft werden - seien es Minderheiten durch äußere oder ethnische Merkmale, seien es Minderheiten in Auffassungen.

In welcher Farbe die Peiniger daher kommen, ist dabei egal - sie sind alle Anhänger der gleichen Philosophie, die das Ideal über die Menschlichkeit stellt.
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Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon Diestel » Mo 2. Dez 2019, 21:45

Faschismus ist nationalistisch, völkisch, rechtsextrem. Es gibt keinen linken Faschismus.
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Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon naddy » Mo 2. Dez 2019, 21:48

Wie sich der "historische" Faschismus seit Mussolini präsentierte kann jeder nachlesen. Darauf nehmen die oben aufgelisteten Erscheinungsformen und äußeren Attribute Bezug. Viel wichtiger aber ist, was ihn im Inneren ausmacht. Und das ist meiner Meinung nach in erster Linie ein absoluter Wahrheitsanspruch, der keine Gegenmeinung zuläßt und sie historisch gesehen auf brutalste Weise eliminiert. Das trifft auf Hitler ebenso zu wie auf Stalin, Mao, Pol Pot und diverse religiöse "Führer". Diese berufen sich in der Legitimation ihres Status auf ein "Auserwähltheitsprinzip", sei es göttlicher, rassischer, revolutionärer oder sonstiger Natur, je nach zugrunde gelegter Ideologie.
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Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon conscience » Mo 2. Dez 2019, 21:52

Skeptiker hat geschrieben:(02 Dec 2019, 21:30)

Es gibt eine klar definierte Gruppe, die man Faschisten nennt - sie ist weltweit die gleiche und jedem wohl bekannt. Die Gruppe nennt sich "die Anderen". Demgegenüber sind "die Eigenen" grundsätzlich stramme Antifaschisten - notfalls mit faschistischen Mitteln.


Das ist eine sehr schwammige und m.E. eine inhaltsleere und damit wertlose Definition des Begriffes Faschismus. Den Begriff könnte man damit auf alle und alles anwenden.


Hier mal eine andere dezidierte Definition des Begriffes.

Neben der Kennzeichnung des Faschismus als Epoche mit ihrer Implikation als abgeschlossene Zeitspanne, also mit einem Anfang und Ende, welche sich für den Wissenschaftler am besten als »toter Gegenstand« erforschen lässt, definiert Nolte Faschismus folgendermaßen: »Faschismus ist Antimarxismus, der den Gegner durch die Ausbildung ei- ner radikal entgegengesetzten und doch benachbarten Ideologie und die Anwendung von nahezu identischen und doch charakteristisch umgepräg- ten Methoden zu vernichten trachtet, aber im undurchbrechbaren Rahmen nationaler Selbstbehauptung und Autonomie«. Andere Elemente wie An- tisemitismus und Antiparlamentaris- mus, welche in allen Faschismen vor- kommen, sind laut Nolte nicht geeignet, »das Kriterium des Faschismus zu bilden«.
Nolte grenzt den Faschismus klar gegen den »paradoxen Zentralbegriff des Zeitalters«, die »Konservative Re- volution«, ab. Unter konservativer Revolution versteht Nolte, »wenn eine politisch entmachtete Schicht im extralegalen Kampf gegen die neue Staats- form ihre frühere Position zurückgewinnen sucht«. Die faschistische Revolution könne hingegen eher eine Revolution mit Hilfe der Konservativen genannt werden, da sie zwar von den Konservativen gegen die »rote Gefahr« unterstützt wurde, aber nicht die Machtverteilung aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg herbeiführen wollte, also keine restauratorischen Ziele verfolgt habe.

Quelle: https://faschismustheorie.de/wp-content ... -32-35.pdf
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Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon Fliege » Mo 2. Dez 2019, 22:04

Skeptiker hat geschrieben:(02 Dec 2019, 21:30)
Es gibt eine klar definierte Gruppe, die man Faschisten nennt - sie ist weltweit die gleiche und jedem wohl bekannt. Die Gruppe nennt sich "die Anderen". Demgegenüber sind "die Eigenen" grundsätzlich stramme Antifaschisten - notfalls mit faschistischen Mitteln.
conscience hat geschrieben:(02 Dec 2019, 21:52)
Das ist eine sehr schwammige und m.E. eine inhaltsleere und damit wertlose Definition des Begriffes Faschismus. Den Begriff könnte man damit auf alle und alles anwenden.

Das ist diejenige Definition, der gemäß heutzutage in Deutschland linksseitig verfahren wird, und diese Definition hat Skeptiker auf die Schippe genommen (das bedeutet: karikiert).
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Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon conscience » Mo 2. Dez 2019, 22:14

Fliege hat geschrieben:(02 Dec 2019, 22:04)

Das ist diejenige Definition, der gemäß heutzutage in Deutschland linksseitig verfahren wird, und diese Definition hat Skeptiker auf die Schippe genommen (das bedeutet: karikiert).


Aber natürlich - und nur eine Interpretation :D Wie konnte ich die Karikatur übersehen? Wenn man nicht aus Links-Rechts-Modus rauskommt, dann ist die obige Formulierung nahestehend. Ich nehme das Thema Faschismus lieber ernst und versuche es theoretisch zu untermauern und zitiere daher auch jene, die tatsächlich oder auch nur vermeintlich eher am äußersten rechten Rand anzusiedeln sind.
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Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon Fliege » Mo 2. Dez 2019, 22:21

conscience hat geschrieben:(02 Dec 2019, 22:14)
Aber natürlich - und nur eine Interpretation :D Wie konnte ich die Karikatur übersehen? Wenn man nicht aus Links-Rechts-Modus rauskommt, dann ist die obige Formulierung nahestehend. Ich nehme das Thema Faschismus lieber ernst und versuche es theoretisch zu untermauern und zitiere daher auch jene, die tatsächlich oder auch nur vermeintlich eher am äußersten rechten Rand anzusiedeln sind.

Nun ergibt sich schon der erste Ertrag dieser Diskussion:
Insofern man den Begriff "Faschismus" ernst nimmt und nicht so versteht, wie er heutzutage linksseitig verstanden wird, lässt sich sagen: Das, was heutzutage linksseitig unter "Faschismus" verstanden wird, ist nicht Faschismus.
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Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon conscience » Mo 2. Dez 2019, 22:27

Fliege hat geschrieben:(02 Dec 2019, 22:21)

Nun ergibt sich schon der erste Ertrag dieser Diskussion:
Insofern man den Begriff "Faschismus" nicht so versteht, wie er heutzutage linksseitig verstanden wird, lässt sich sagen: Das, was heutzutage linksseitig unter Faschismus verstanden wird, ist nicht Faschismus.


Und auch das ist nur deine Interpretation.

Es sieht für mich so aus, als ob Du alles, was Du politisch ablehnst, unter "Links" zusammenfasst, was dann zu verneinen gilt. Dann werden wir uns leider nie über die Bonapartismus-Theorie oder die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen austauschen können.
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Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon Fliege » Mo 2. Dez 2019, 22:31

conscience hat geschrieben:(02 Dec 2019, 22:27)
Und auch das ist nur deine Interpretation.
[...]

Ja, was sollte es denn sonst sein? Oder nimmst du an, es gebe Interpretationen, die niemandes Interpretationen sind?

Im übrigen bin ich gespannt auf die Beiträge weiterer Diskutanten.
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Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon Skeptiker » Mo 2. Dez 2019, 22:37

conscience hat geschrieben:(02 Dec 2019, 22:14)
Aber natürlich - und nur eine Interpretation :D Wie konnte ich die Karikatur übersehen? Wenn man nicht aus Links-Rechts-Modus rauskommt, dann ist die obige Formulierung nahestehend.

Was ist denn an meiner Formulierung im Rechts/Links-Schema verhaftet?

Nenne mir doch bitte mal einen Faschisten, der sich selber so nennt. Die gibt es sehr selten. Viel häufiger sind die Leute anzutreffen, die dem Mindset eines Faschisten entsprechen würden - allerdings werden die sich in den seltensten Fällen selber als solche erkennen.
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Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon Bartleby » Mo 2. Dez 2019, 22:53

naddy hat geschrieben:(02 Dec 2019, 21:48)

Wie sich der "historische" Faschismus seit Mussolini präsentierte kann jeder nachlesen. Darauf nehmen die oben aufgelisteten Erscheinungsformen und äußeren Attribute Bezug. Viel wichtiger aber ist, was ihn im Inneren ausmacht. Und das ist meiner Meinung nach in erster Linie ein absoluter Wahrheitsanspruch, der keine Gegenmeinung zuläßt und sie historisch gesehen auf brutalste Weise eliminiert. Das trifft auf Hitler ebenso zu wie auf Stalin, Mao, Pol Pot und diverse religiöse "Führer". Diese berufen sich in der Legitimation ihres Status auf ein "Auserwähltheitsprinzip", sei es göttlicher, rassischer, revolutionärer oder sonstiger Natur, je nach zugrunde gelegter Ideologie.


:thumbup:

Das wichtigste daran ist das Element der Grausamkeit: "auf brutalste Weise eliminiert" - das fängt schon vor dem Eliminieren an. Was als weiterer Punkt noch hinzukommt und allen solchen "Bewegungen" gemeinsam ist, sind bestimmte Legitimierungstechniken, die historischer Art sind und entweder auf eine Ur-Geschichte oder aber auf bestimmte historische Gesetzlichkeiten rekurrieren.

Wenn gesagt wird, es gäbe keinen linken Faschismus, stimmt das nur unter der Voraussetzung, dass man den Begriff rein auf die historischen Bewegungen bezieht. Dann aber, wie ja oben auch gezeigt wurde, könnte der Begriff nicht mit jener Selbstverständlichkeit auf neuere Bewegungen angewendet werden. Nimmt man dagegen die vorgeschlagene Definition, die bestimmte Psychotechniken und Psychomethoden im Inneren und Gewalt und Grausamkeit gegen innere und äußere "Feinde" aufzudecken versucht, lässt er sich natürlich auf Linke ebenso anwenden. Man könnte ihn dann als eine spezifische Terrormethode des Totalitarismus definieren. Nicht vergessen werde sollte ferner, dass es auch sehr überzeugte linke Schmittianer gibt.
In der Einsamkeit frisst sich der Einsame selbst auf, in der Vielsamkeit fressen ihn die Vielen. Nun wähle.
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Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon conscience » Mo 2. Dez 2019, 23:19

Bartleby hat geschrieben:
:thumbup:

Das wichtigste daran ist das Element der Grausamkeit: "auf brutalste Weise eliminiert" - das fängt schon vor dem Eliminieren an. Was als weiterer Punkt noch hinzukommt und allen solchen "Bewegungen" gemeinsam ist, sind bestimmte Legitimierungstechniken, die historischer Art sind und entweder auf eine Ur-Geschichte oder aber auf bestimmte historische Gesetzlichkeiten rekurrieren.

Wenn gesagt wird, es gäbe keinen linken Faschismus, stimmt das nur unter der Voraussetzung, dass man den Begriff rein auf die historischen Bewegungen bezieht. Dann aber, wie ja oben auch gezeigt wurde, könnte der Begriff nicht mit jener Selbstverständlichkeit auf neuere Bewegungen angewendet werden. Nimmt man dagegen die vorgeschlagene Definition, die bestimmte Psychotechniken und Psychomethoden im Inneren und Gewalt und Grausamkeit gegen innere und äußere "Feinde" aufzudecken versucht, lässt er sich natürlich auf Linke ebenso anwenden. Man könnte ihn dann als eine spezifische Terrormethode des Totalitarismus definieren. Nicht vergessen werde sollte ferner, dass es auch sehr überzeugte linke Schmittianer gibt.


Ich würde das so nicht über Psycho-Kontepte definieren wollen.

Und der Bezug auf Grausamkeit könnte auch dann für ganz andere Epochen gelten.


Wenn nach Gemeinsamkeiten suchen will, um etwa ein faschistisches Minimum zu definieren, dann ist es m.E. notwendig sich mit den politischen Bewegungen Frankreich der Gegenaufklärung zu befassen. So unterschiedliche Leute wie Nolte und Sternhell sehen in der Action Francaise den Vorläufer der Faschismen der Zwischenkriegszeit. Und es liegt nahe anzunehmen, dass die aktuellen rechtsextremen Bewegungen gerade mit dem Präfaschismus ihre größten Gemeinsamkeiten haben.
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Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon unity in diversity » Di 3. Dez 2019, 00:32

Ob es möglich ist, Faschismus zu definieren?
Jeder wird versuchen, seine ganz persönliche Definition einzubringen und sie so zu halten, daß er selber kein Faschist sein kann.
Man zählt sich immerhin zu den Guten.
Führer und Gefolgschaftsprinzip, hierarchischer Aufbau der Gesellschaftspyramide, wann hat das angefangen?
Bei den Hirten mit ihren Schäfchen, alle in reinstem Weiß?
Das schwarze Schaf ist schwarz, weil es die reine Lehre anzweifelt.
Das kann so ansteckend sein, daß die schwarzen Schafe ihr eigenes Alphatier suchen, falls sich keins von allein empfielt.
Ist die Lösung nah, wenn man alle Hierarchien einebnet?
Brauchen die Einebner keinen Anführer?
Faschist ist, wer nicht in die eigene Schublade paßt.
Faschist ist aber auch, wer den Inhalt anderer Schubladen ablehnt.
Weil wir nicht länger differenzieren wollen, integrieren wir grenzenlos, ab wann wird daraus Assimilation? Ist das faschistischer Expansionsdrang, ohne hinderliche Grenzen?
Wer sich nicht assimilieren lassen will, ist genau was?
Für jedes Problem gibt es 2 Lösungsansätze:
Den Falschen und den Unsrigen.
Aus den USA.
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Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon BlueMonday » Di 3. Dez 2019, 00:32

Bartleby hat geschrieben:(02 Dec 2019, 22:53)

:thumbup:

Das wichtigste daran ist das Element der Grausamkeit: "auf brutalste Weise eliminiert" - das fängt schon vor dem Eliminieren an.
.


Es gab auch Einschätzungen wie diese von dem us-amerikanischen Journalisten H. R. Knickerbocker: "Mussolini's Fascist state is the least terroristic of the three totalitarian states. The terror is so mild in comparison with the Soviet or Nazi varieties, that it almost fails to qualify as terroristic at all." Was er mit einem Beispiel eines befreundeten italienischen Journalisten illustrierte, der sich weigerte den Faschisten anzuschließen und dann zwar von seiner Zeitung entlassen wurde, aber der anders als unter Hitler oder Stalin nicht weiter verfolgt oder "physisch beseitigt" wurde. Gemessen an diese italienischen Maßstäben haben wir ja heutzutage auch schon wieder "faschistische" Verhältnisse hier und dort. Wobei es m.E. geeignetere Begriffe dafür gibt als den Faschismusbegriff.
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Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon Diestel » Di 3. Dez 2019, 06:19

„Linksfaschismus (auch Linker bzw. Roter Faschismus oder Rot-Faschismus) ist ein politischer Kampfbegriff ohne einheitliche Bedeutung. Meist soll er realsozialistische Staaten, linksgerichtete Politik oder Ideologie als „Faschismus“, seltener auch Antikapitalismus faschistisch genannter Staaten oder Gruppen als „links“ bewerten. Die Politikwissenschaft verwendet den Begriff, anders als den Faschismusbegriff, nicht zur Beschreibung einer Ideologie oder Gesellschaftsordnung.

Italienische Demokraten bezeichneten damit seit 1926 den Stalinismus als eine mit dem damaligen italienischen Faschismus vergleichbare Diktatur. Vertreter der SPD bezeichneten die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) seit etwa 1929 als „rotlackierte Faschisten“; umgekehrt kategorisierten Kommunisten die Sozialdemokratie als „Rotfaschismus“ oder „Sozialfaschismus“.

Der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas warnte 1967 vor einem „linken Faschismus“ der APO, der eine Gewalteskalation fördern und rechtfertigen könne. Obwohl er dieses Urteil später zurückzog, diente der Begriff in der Bundesrepublik Deutschland meist zur Diffamierung linksgerichteter Gruppen und Parteien.[1] Er soll die von ihnen vertretene Politik, die sich oft als Antifaschismus legitimiert, ihrerseits als faschistisch, also antidemokratisch und gewaltorientiert, angreifen und delegitimieren. Er hat sich dabei zu einem beliebig eingesetzten Stereotyp entwickelt.[2] Das Wort wird ähnlich wie die Begriffe Anarchismus und Linksextremismus von Politikern, Behörden und Medien häufig mit Chaos, Gewalt, Terror und Kriminalität assoziiert. „Linksfaschisten“ werden als Gefahr für die innere Sicherheit dargestellt und so diffamiert.

Das ist auch der Tenor dieses Threads:
Wir erweitern die Definition und basteln uns einen Linksfaschisten

Faschisten waren und bleiben aber Hitler und Mussolini. Stalin war ein grausamer Diktator, aber kein Faschist.
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Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon watisdatdenn? » Di 3. Dez 2019, 08:33

Ist Faschismus als Philosophie nicht die Erfindung von Giuvanni Gentile?
Und besagt dass das Interesse des einzelnen identisch mit dem Interesse des Staates ist?
Und darum der Staat alles regeln soll?
Im Gegensatz zu Kommunismus ist dabei aber nicht nur die Klasse wichtig, sondern auch die nationale Identität.

Hier gibt es ein guts Video von PragerU dazu:
Zuletzt geändert von watisdatdenn? am Di 3. Dez 2019, 08:37, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon Bartleby » Di 3. Dez 2019, 08:37

Diestel hat geschrieben:(03 Dec 2019, 06:19)

„Linksfaschismus (auch Linker bzw. Roter Faschismus oder Rot-Faschismus) ist ein politischer Kampfbegriff ohne einheitliche Bedeutung.


Vielleicht, vielleicht auch nicht. Es ist ganz eigenartig, vielen Menschen, die sich selbst (selbst! nicht per Zuschreibung) links verorten, bei solchen Diskussionen zuzuschauen. Man verteilt den Faschismus-Begriff völlig ohne historische Bezüge und erweitert ihn um alles, was den (rechten oder scheinrechten) Gegner schlecht aussehen lässt, um ihn mit dem historisch belasteten Begriff zu diffamieren. Man erweitert den Begriff also. Gleiches geschieht und wird zelotisch verteidigt mit dem Rassismus-Begriff, der plötzlich zu einer "Einstellung" wird. Ja, wenn Sie dem aber zustimmen im anderen Strang - warum winden Sie sich dann um eine Erweiterung des Faschismus-Begriffes auch auf bestimmte methodische Vorgehensweisen von Linken? Warum darf hier nicht sein, was Sie anderswo gar so heftig verteidigen?
In der Einsamkeit frisst sich der Einsame selbst auf, in der Vielsamkeit fressen ihn die Vielen. Nun wähle.
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Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon watisdatdenn? » Di 3. Dez 2019, 08:41

Diestel hat geschrieben:(03 Dec 2019, 06:19)
Faschisten waren und bleiben aber Hitler und Mussolini.

Stimme zu!
Was hat sie denn deiner Meinung nach zu Faschisten gemacht?
Definiere mal Faschismus.

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