Universum oder Multiversum?

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Re: Universum oder Multiversum?

Beitragvon schokoschendrezki » So 13. Jan 2019, 20:56

watisdatdenn? hat geschrieben:(12 Jan 2019, 17:21)

Nun das Multiversum ist eine (von mehreren) konkrete Interpretation der mathematischen Funktionen in der Quantenphysik:

https://youtu.be/KNwKPfOKipk

Ebenso können im Standardmodell mathematisch ganz andere Universen entstehen.
Platt gesagt: warum haben Elektronen genau die Masse die sie haben? Es wird bei uns als Konstante angenommen aber nicht erklärt.
Eine mögliche Erklärung ist, dass es andere Universen gibt in denen zufälligerweise (oder Mechanismus dahinter?) die Konstante der Elektronenmasse eine andere ist.



Für mich sind das zwei starke Indizien dafür dass es andere Universen gibt.

Das Problem ist, dass man sich "andere Universen" nur so denken kann, dass es keinerlei Wechselwirkungen mit "unserem Universum" gibt, Gäbe es sie, wären es keine anderen Universen sondern gehörten zu dem unsrigen. Sprich: Weder Nachweise noch Widerlegungen von Eigenschaften einschließlich der der Existenz sind möglich.

Wenn überhaupt, dann kann nur das dimensionslose Verhältnis der Elektronenmasse zu der anderer Elementarteilchen eine Frage der Erklärbarkeit sein. Im Moment zumindest scheint sich die Meinung eher zu einem "hässlichen Universum" hinzuneigen. In welchem es einfach nicht erklärbare Gegebenheiten gibt.
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Re: Universum oder Multiversum?

Beitragvon Fliege » So 13. Jan 2019, 21:12

Perdedor hat geschrieben:(13 Jan 2019, 18:32)
Ja, nur ist die Aussage, dass die Vergangenheit existierst auch nicht falsifizierbar, da wir nicht zurück in die Vergangenheit reisen können um ihre Existenz zu widerlegen.

Bist du Phänomenalist, weil du mit Zeit und Vergangenheit ein Problem zu haben scheinst?
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Re: Universum oder Multiversum?

Beitragvon Skeptiker » So 13. Jan 2019, 21:34

Perdedor hat geschrieben:(13 Jan 2019, 18:32)

Ich fasse Deinen Beitrag mal zusammen um nicht weiter zerstückeln zu müssen: Du siehst die Vergangenheit als nicht "explizit" nachgewiesen, und möchtest daher Multiuniversen, die ebenfalls nicht "explizit" nachweisbar sind, als wissenschaftlich bezeichnen lassen.
Korrekt? Wenn nicht, dann bitte Einspruch erheben - soll kein Strohmann sein.

Ich möchte es Dir dann also nochmal anders erklären, weil ich denke Du bist da auf dem Holzweg.

Die wissenschaftliche Lehrmeinung beschreibt den Status quo der Wissenschaft. Es ist unstrittig, dass es Zeit gibt - das gilt als wissenschaftliche Lehrmeinung - korrekt? Die besondere Eigenschaft der Zeit ist ihr Fortschritt - korrekt? Wenn aber die Zeit fortschreitet, dann sind Zeitpunkte in zeitlicher Abfolge gestaffelt - korrekt?
DAS impliziert dass es eine Vergangenheit gibt, weil die Vergangenheit ein Zeitpunkt vor der Gegenwart ist - korrekt?

Nun magst Du sagen, dass das aber noch nichts darüber aussagt wieviel Vergangenheit es gibt, nur ihre grundsätzliche Existenz - meinetwegen. Es gibt aber sehr viele wissenschaftliche Disziplinen, die sich mit der Auswirkung zeitlicher Abfolgen befassen, Archeologie, Paläontologie, auch Kosmologie, um drei zu nennen. Diese müssten massive Fehler machen, wenn Deine 10 Minuten Theorie richtig wäre. Zeitreisen als Vorbedingung für die Anerkennung der Vergangenheit als wissenschaftlichen Fakt sind eine absurd hohe Forderung - man kann auch nicht ins Atom reisen um es zu untersuchen.

Und da kommen wir zum Kern: Nicht die Vergangenheit ist unwissenschaftlich, sondern die Theorie diese wäre nicht existent. Du stellst eine philosophische These auf die niemand falsifizieren kann um die Vergangenheit als Eigenschaft der Zeit als eine unbelegte Philosophie darzustellen, dabei ist es genau umgekehrt. Du degradierst die Wissenschaft um Multiversen einen niederschwelligen Eintritt zu ihr zu verschaffen.

So funktioniert das nicht. Damit Theorien wissenschaftliche Lehrmeinung werden, müssen sie sehr viele Püfungen über sich ergehen lassen. Theorien die sich diesen Prüfungen nicht stellen können, die können es halt auch niemals so weit bringen. Weiss man das von vornherein, dann sind wir eben in der Philosophie.

Ich möchte hinzufügen, dass Multiversen durchaus von vielen Wissenschaftlern als plausible Theorie angesehen werden. Es gibt aber auch viele Wissenschaftler die an Gott glauben, was Gottheiten zu keiner wissenschaftlichen Theorie werden läßt. Es ist nicht nur entscheidend WER eine Theorie für plausibel hält, sondern welchen Standards sie dabei genügt.
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Re: Universum oder Multiversum?

Beitragvon schokoschendrezki » So 13. Jan 2019, 21:38

Wenn man "Zeit" als grundsätzliche Tendenz zur Entropiezunahme (ohne Energieimport) versteht, braucht man nur Dinge wie das langsame Einebnen einer Sandburg durch die Meereswellen betrachten, um sich davon zu überzeugen, dass es eine "Vergangenheit" gibt, Vergangenheit ist das, was ohne Energieaufwendung von selbst zerfällt.
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Re: Universum oder Multiversum?

Beitragvon Skeptiker » So 13. Jan 2019, 21:52

schokoschendrezki hat geschrieben:(13 Jan 2019, 21:38)
Wenn man "Zeit" als grundsätzliche Tendenz zur Entropiezunahme (ohne Energieimport) versteht, braucht man nur Dinge wie das langsame Einebnen einer Sandburg durch die Meereswellen betrachten, um sich davon zu überzeugen, dass es eine "Vergangenheit" gibt, Vergangenheit ist das, was ohne Energieaufwendung von selbst zerfällt.

Das Problem bei Perdedor ist grundsätzlicher. Er bestreitet den Nachweis, wenn er nicht in der Lage ist die heile Burg in der Vergangenheit zu besuchen, weil dann die heile Burg nur eine Phantasie sein könnte die nicht existiert.

Da sind wir einfach nur in der Philosophie, und zwar als Mittel zum dem Zweck eine andere Philosophie zur Wissenschaft zu erklären.
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Re: Universum oder Multiversum?

Beitragvon Fliege » So 13. Jan 2019, 22:00

Skeptiker hat geschrieben:(13 Jan 2019, 21:52)
Das Problem bei Perdedor ist grundsätzlicher. Er bestreitet den Nachweis, wenn er nicht in der Lage ist die heile Burg in der Vergangenheit zu besuchen, weil dann die heile Burg nur eine Phantasie sein könnte die nicht existiert.

Da sind wir einfach nur in der Philosophie, und zwar als Mittel zum dem Zweck eine andere Philosophie zur Wissenschaft zu erklären.

Ja, zumal, falls es sich bei dieser Philosophie um Phänomenalismus handeln sollte, ein Sehr-junge-Welt-Kreationsmus vorgeschlagen würde.
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Re: Universum oder Multiversum?

Beitragvon Skeptiker » So 13. Jan 2019, 22:09

Fliege hat geschrieben:(13 Jan 2019, 22:00)
Ja, zumal, falls es sich bei dieser Philosophie um Phänomenalismus handeln sollte, ein Sehr-junge-Welt-Kreationsmus vorgeschlagen würde.

Richtig, und wenn der zutreffen würde, was würden uns dann noch die Wissenschaften und Multiuniversen scheren … ?
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Re: Universum oder Multiversum?

Beitragvon Perdedor » So 13. Jan 2019, 22:18

Fliege hat geschrieben:Bist du Phänomenalist, weil du mit Zeit und Vergangenheit ein Problem zu haben scheinst?


Ich habe gar kein Problem. Es geht hier um die Frage, ob eine Hypothese, die die Existenz eines Multiversums impliziert, als naturwissenschaftliche Theorie gelten kann.
Als Gegenargument wird angeführt, dass die anderen Universen nicht direkt nachweisbar wären. Ich stelle nun die Frage, was genau das bedeuten soll und vergleiche es mit der Vergangenheit, die auch nicht direkt nachweisbar ist. "Nicht direkt nachweisbar" bedeutet hier, dass wir zwar über unsere Theorien eine Vergangenheit implizieren, wir sie aber nicht direkt sehen, da wir eben nicht in der Zeit zurückgehen können.
Dies ist analog zu einer Theorie mit anderen Universen. Diese sehen wir auch nicht direkt.

Das Problem mit der nicht direkten Nachweisbarkeit ist ganz allgemein: Wir werden nie Informationen von jenseits des kosmologischen Ereignishorizotes erhalten. Trotzdem gehen wir natürlich davon aus, dass unsere Theorien auch dahinter gültig sind. Occams Razor verlangt hier gerade, dass wir davon ausgehen, dass das Universum danach weitergeht, da es eben eine Zusatzannahme wäre, wenn wir davon ausgingen, dass dort plötzlich das Universum zu Ende ist.
Wenn nun eine Multiversumstheorie, wie die von Linde, in unserem Universum ausführlich belegt wird, so wäre es unnatürlich davon auszugehen, dass die anderen Universen dieser Theorie nicht existieren.



Skeptiker hat geschrieben:Du siehst die Vergangenheit als nicht "explizit" nachgewiesen, und möchtest daher Multiuniversen, die ebenfalls nicht "explizit" nachweisbar sind, als wissenschaftlich bezeichnen lassen.


Jain. Es geht ums Prinzip. Eine Multiversumstheorie kann wissenschaftlich sein.
Ich behaupte nicht, dass zum gegenwärtigen Zeitpunkt bereits eine hinreichend belegte Theorie dieser Art existiert. Ich behaupte, dass eine solche Theorie aber nicht aufgrund fehlender explizieter Nachweisbarkeit der anderen Universen abgelent werden kann.

Skeptiker hat geschrieben:Nun magst Du sagen, dass das aber noch nichts darüber aussagt wieviel Vergangenheit es gibt


Genau.

Skeptiker hat geschrieben:Es gibt aber sehr viele wissenschaftliche Disziplinen, die sich mit der Auswirkung zeitlicher Abfolgen befassen, Archeologie, Paläontologie, auch Kosmologie, um drei zu nennen. Diese müssten massive Fehler machen, wenn Deine 10 Minuten Theorie richtig wäre.


Nein, überhaupt nicht. Diese Theorien beschreiben unsere Experimente (im weiteren Sinne, also auch Ausgrabungen etc.), die wir heute durchführen absolut korrekt. Das Gütesiegel jeder Theorie sind ihre experimentellen Belege, und die sind gegeben.
Wenn die Vergangenheit in Wahrheit anderes verlaufen ist, weil z.B. früher andere Naturgesetze galten, oder weil der Teufel Fossilien platziert hat um uns in die Irre zu führen, ist dies kein Fehler der Theorien.
Natürlich gibt es keinen Grund von solchen Täuschungen auszugehen. Trotzdem ist die Annahme dass es solche Täuschungen nicht gab, nicht falsifizierbar.

Skeptiker hat geschrieben:Zeitreisen als Vorbedingung für die Anerkennung der Vergangenheit als wissenschaftlichen Fakt sind eine absurd hohe Forderung - man kann auch nicht ins Atom reisen um es zu untersuchen.


Richtig.

Skeptiker hat geschrieben:Und da kommen wir zum Kern: Nicht die Vergangenheit ist unwissenschaftlich, sondern die Theorie diese wäre nicht existent.


Eben. Und jetzt sag mir noch warum.
Ich würde sagen, weil die Annahme der Nicht-Existenz unnatürlich ist, da unsere experimentell belegten Theorien ihre Existenz implizieren.
Und genau das kann auch für andere Universen gelten.

Skeptiker hat geschrieben:Theorien die sich diesen Prüfungen nicht stellen können, die können es halt auch niemals so weit bringen.


Aber die Multiversumstheorie von Linde kann dies ja. Viele Aussagen der Theorie lassen sich ganz explizit prüfen (z.B. BICEP2).
Lediglich die anderen Universen können nicht explizit nachgewiesen werden, genausowenig, wie die Vergangenheit.

Mir scheint, als besteht hier ein falscher Eindruck von diesen Theorien. Es ist eben nicht so, dass da ein Physiker hergeht und mal eben andere Universen postuliert. Nein, die Universen ergeben sich auf natürliche Weise aus dem mathematischen Formalismus. Welcher natürlich auch Gegebenheiten aus unserem Universum erklärt.
Nebenbei bemerkt, wird die das Multiversum z.T. auch mit der Viele-Welten Interpretation der Quantenmechanik verwechselt. Diese Dinge haben sehr wenig miteinander zu tun.
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Re: Universum oder Multiversum?

Beitragvon Fliege » So 13. Jan 2019, 22:41

Perdedor hat geschrieben:(13 Jan 2019, 22:18)
Es geht hier um die Frage, ob eine Hypothese, die die Existenz eines Multiversums impliziert, als naturwissenschaftliche Theorie gelten kann.
Als Gegenargument wird angeführt, dass die anderen Universen nicht direkt nachweisbar wären. [...]

Das Problem mit der nicht direkten Nachweisbarkeit ist ganz allgemein: Wir werden nie Informationen von jenseits des kosmologischen Ereignishorizotes erhalten. Trotzdem gehen wir natürlich davon aus, dass unsere Theorien auch dahinter gültig sind. [...]

Imre Lakatos schlug für solche umfassenden Konzeptionen, Hypothesen oder Theorien, sofern sie noch stark spekulativ sind, den Terminus "wissenschaftliche Forschungsproramme" vor. Früher hätte man von "Metaphysik" gesprochen, was man auch heute noch tun kann. "Wissenschaftliche Forschungsprogramme" sind metaphysische Theorien, die innerhalb der Wissenschaft oder mit Blick auf künftige wissenschaftliche Forschung entworfen werden, wobei Nachweisbarkeit in diesem Theoriestadium nicht relevant ist.

Deswegen meine ich, der Multiversum-Konzeption kommt aktuell der Status eines wissenschaftlichen Forschungsprogramms zu.
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Re: Universum oder Multiversum?

Beitragvon keinproblem » So 13. Jan 2019, 23:14

Perdedor hat geschrieben:(13 Jan 2019, 22:18)
Ich habe gar kein Problem. Es geht hier um die Frage, ob eine Hypothese, die die Existenz eines Multiversums impliziert, als naturwissenschaftliche Theorie gelten kann.
Als Gegenargument wird angeführt, dass die anderen Universen nicht direkt nachweisbar wären. Ich stelle nun die Frage, was genau das bedeuten soll und vergleiche es mit der Vergangenheit, die auch nicht direkt nachweisbar ist. "Nicht direkt nachweisbar" bedeutet hier, dass wir zwar über unsere Theorien eine Vergangenheit implizieren, wir sie aber nicht direkt sehen, da wir eben nicht in der Zeit zurückgehen können.
Dies ist analog zu einer Theorie mit anderen Universen. Diese sehen wir auch nicht direkt.

Interessanter Ansatz. Ich würde andere Universen und die Vergangenheit in der Hinsicht aber allein schon deswegen nicht vergleichen wollen, als dass das für voll nehmen der Vergangenheit eine philosophische Grundvoraussetzung der Empirie ist. Mit empirischen Paradigmen nun die Vergangenheit nachzuweisen (habe dich jetzt dahingehend so verstanden darfst mich gerne korrigieren) ist meiner Auffassung nach gar nicht möglich.

Man könnte das mit einem Forscher vergleichen, der für alle seine Arbeiten ein Mikroskop verwendet, damit bislang ziemlich gut gefahren ist und nun mit dem Mikroskop nachzuweisen versucht, dass das was er mit seinen beiden Augen sehen kann, wirklich der Realität entspricht. Da sein Instrument allerdings schon die Prämisse mit sich bringt, dass das was er sieht auch wirklich so ist wie er es sieht, wird er wohl auf eine tiefere Metaebene eingehen müssen.

Das Problem mit der nicht direkten Nachweisbarkeit ist ganz allgemein: Wir werden nie Informationen von jenseits des kosmologischen Ereignishorizotes erhalten. Trotzdem gehen wir natürlich davon aus, dass unsere Theorien auch dahinter gültig sind. Occams Razor verlangt hier gerade, dass wir davon ausgehen, dass das Universum danach weitergeht, da es eben eine Zusatzannahme wäre, wenn wir davon ausgingen, dass dort plötzlich das Universum zu Ende ist.
Wenn nun eine Multiversumstheorie, wie die von Linde, in unserem Universum ausführlich belegt wird, so wäre es unnatürlich davon auszugehen, dass die anderen Universen dieser Theorie nicht existieren.

Würde Occams Konzept hier nicht erst greifen, wenn das Linde Modell die plausibelste Erklärung für den Urknall wäre? Würde mich freuen, wenn es dir nichts ausmacht einige deiner Kenntnisse (mathematischer Formalismus zB) mit mir zu teilen, bin auf dem Gebiet nicht bewandert.

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Re: Universum oder Multiversum?

Beitragvon Perdedor » So 13. Jan 2019, 23:14

Fliege hat geschrieben:Imre Lakatos schlug für solche umfassenden Konzeptionen, Hypothesen oder Theorien, sofern sie noch stark spekulativ sind, den Terminus "wissenschaftliche Forschungsproramme" vor. Früher hätte man von "Metaphysik" gesprochen, was man auch heute noch tun kann.


Kann ich nicht nachvollziehen.
Selbst hochspekulative Theorien können irgendwann bestätigt oder widerlegt werden. Metaphysik bleibt aber immer Metaphysik.
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Re: Universum oder Multiversum?

Beitragvon Skeptiker » So 13. Jan 2019, 23:17

Perdedor hat geschrieben:(13 Jan 2019, 22:18)

Wenn Du schreibst, dass die Theorie von Linde sich mit wissenschaftlichen Methoden zumindest ansatzweise falsifizieren lässt, dann mag diese wissenschaftlich sein (nicht zu verwechseln mit wissenschaftlich nachgewiesen oder gar Lehrmeinung - einfach nur im Rahmen der Wissenschaft behandelbar). Für Theorien die sich der Falsifizierbarkeit entziehen, gilt das mE nicht. Da können wir gerne auf den Vorschlag von Fliege zurückgreifen.
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Re: Universum oder Multiversum?

Beitragvon Fliege » So 13. Jan 2019, 23:53

Perdedor hat geschrieben:(13 Jan 2019, 23:14)
Kann ich nicht nachvollziehen.
Selbst hochspekulative Theorien können irgendwann bestätigt oder widerlegt werden. Metaphysik bleibt aber immer Metaphysik.

Die Vorstellung, Metaphysik bleibe immer Metaphysik, ist eine altehrwürdige und heute überwundene Vorstellung von Metaphysik. (Von der Verwendung des Begriffes "Metaphysik" hängt in diesem Zusammenhang jedoch nichts ab.)
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Re: Universum oder Multiversum?

Beitragvon Perdedor » Mo 14. Jan 2019, 00:22

keinproblem hat geschrieben:Ich würde andere Universen und die Vergangenheit in der Hinsicht aber allein schon deswegen nicht vergleichen wollen, als dass das für voll nehmen der Vergangenheit eine philosophische Grundvoraussetzung der Empirie ist.


Ist das wirklich so? Was würde sich denn ändern, wenn die Welt vor 10min entstanden wäre, inklusive uns und all unserer Erinnerungen? Wir würden doch immernoch dieselben Naturgesetze aufstellen und dieselben Experimente machen wollen (für uns sähe/sieht ja alles genau gleich aus).
Wie dem auch sei. Das wäre dann ein metaphysisches Argument für die Existenz der Vergangenheit und kein naturwissenschaftliches.

keinproblem hat geschrieben:Da sein Instrument allerdings schon die Prämisse mit sich bringt, dass das was er sieht auch wirklich so ist wie er es sieht, wird er wohl auf eine tiefere Metaebene eingehen müssen.


Richtig. So weit wollte ich an dieser Stelle aber nicht gehen.
Wenn wir Occams Razor als ein Merkmal der wissenschaftlichen Vorgehensweise betrachten, wäre das, was der Forscher durch sein Mikroskop sieht eben identisch mit der Wirklichkeit. Alle weiteren Annahmen machen es nur komplizierter.
Das gilt natürlich auch für die Existenz der Vergangenheit oder die von anderen Universen, vorausgesetzt die entsprechende Theorie ist hinreichend belegt.

keinproblem hat geschrieben:Würde Occams Konzept hier nicht erst greifen, wenn das Linde Modell die plausibelste Erklärung für den Urknall wäre?


Ja, schon. Meine Aussagen waren im Konjuktiv gemeint. Aktuell ist das Modell der ewigen Inflation sehr spekulativ. Trotzdem ist es eine wissenschaftliche Hypothese und nicht Metaphysik, weil es eben falsifizierbare Vorhersagen macht. Die Möglichkeit anderer Universen ist eine Konsequenz aus der Theorie.



Skeptiker hat geschrieben:Wenn Du schreibst, dass die Theorie von Linde sich mit wissenschaftlichen Methoden zumindest ansatzweise falsifizieren lässt, dann mag diese wissenschaftlich sein


Ich will jetzt nicht diese Theorie besonders breit treten, da, wie schon gesagt, die letzten experimentellen Test eher gegen sie sprachen (was ja gerade ihre Falsifizierbarkeit belegt). Es ist nur ein Beispiel für eine Theorie, die wissenschaftlich ist und dabei das Multiversum impliziert. Wenn du nun ohne das Multiversum auskommen wolltest, müsstest du eine Theorie finden, die dasselbe leistet und dabei nicht komplizerter ist.
Bis dahin wäre die Annahme des Multiversums nach Occam geboten. Genau, wie die Annahme der Vergangenheit geboten ist.

Diese Aussagen sind unabhängig von der speziellen Hypothese von Linde. Selbst wenn diese vollständig widerlegt wird, zeigt es, dass es prinzipiell möglich ist eine wissenschaftliche Theorie, die ein Multiversum impliziert aufzustellen (gerade die die Widerlegung zeigt ihre Wissenschaftlichkeit).
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Re: Universum oder Multiversum?

Beitragvon Zunder » Mo 14. Jan 2019, 00:39

Die Vergangenheit ist keine physikalische Größe.
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Re: Universum oder Multiversum?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 14. Jan 2019, 13:21

Perdedor hat geschrieben:(13 Jan 2019, 22:18)

Ich habe gar kein Problem. Es geht hier um die Frage, ob eine Hypothese, die die Existenz eines Multiversums impliziert, als naturwissenschaftliche Theorie gelten kann.
Als Gegenargument wird angeführt, dass die anderen Universen nicht direkt nachweisbar wären. Ich stelle nun die Frage, was genau das bedeuten soll und vergleiche es mit der Vergangenheit, die auch nicht direkt nachweisbar ist. "Nicht direkt nachweisbar" bedeutet hier, dass wir zwar über unsere Theorien eine Vergangenheit implizieren, wir sie aber nicht direkt sehen, da wir eben nicht in der Zeit zurückgehen können.
Dies ist analog zu einer Theorie mit anderen Universen. Diese sehen wir auch nicht direkt.


Ja, aber schon das Modell "Multiversum" ist so angelegt, dass es mit einem Paralleluniversum keine Verknüpfung durch irgendeine physikalische Wechselwirkung zu geben hat. Während das Modell "Zeit", also Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft duchaus physikalische Wechselwirkungen, insbesondere Kausalverknüpfungen zulässt und einschließt. Wie immer die Wirklichkeit auch tatsächlich beschaffen ist: Die Modelle jedenfalls unterscheiden sich bereits fundamental.
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Re: Universum oder Multiversum?

Beitragvon BlueMonday » Mo 14. Jan 2019, 13:41

schokoschendrezki hat geschrieben:(13 Jan 2019, 20:56)

Das Problem ist, dass man sich "andere Universen" nur so denken kann, dass es keinerlei Wechselwirkungen mit "unserem Universum" gibt, Gäbe es sie, wären es keine anderen Universen sondern gehörten zu dem unsrigen. Sprich: Weder Nachweise noch Widerlegungen von Eigenschaften einschließlich der der Existenz sind möglich. .


Die Frage ist dann: Wenn keinerlei Daten zwischen diesen Welten wechseln können, welchen Sinn oder Nutzen oder welches Ziel hat dann das ganze Nachdenken darüber? Wir werden ja nie mehr als "unsere Welt" beobachten oder messen können.
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Re: Universum oder Multiversum?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 14. Jan 2019, 14:42

BlueMonday hat geschrieben:(14 Jan 2019, 13:41)

Die Frage ist dann: Wenn keinerlei Daten zwischen diesen Welten wechseln können, welchen Sinn oder Nutzen oder welches Ziel hat dann das ganze Nachdenken darüber? Wir werden ja nie mehr als "unsere Welt" beobachten oder messen können.


Ja. Genau das fragen sich die Kritiker dieses Modells auch.

Wir haben keine Erklärung für die Größe von dimensionslosen Konstanten wie die des Verhältnisses von Elektronenmasse zu Protonenmasse oder die der Stärke der elektromagnetischen Wechselwirkung. Ja, aber wo befinden wir uns denn? Es ist gerade mal um die hundert Jahre her, dass man überhaupt Kenntnis darüber erlangte, dass es sowas wie Elektronen und Protonen überhaupt gibt. Ein Augenblinzeln in kosmischen Dimensionen.

Das Multiversum-Modell war ursprünglich einmal als Viele-Welten-Interpretation der Quantentheorie ersonnen worden, um die Vorstellung einer deterministischen Uhrwerk-Welt, eines Laplaceschen Dämons zu retten. Das hat womöglich mehr mit Religionsgeschichte und mit Verhaftetsein an einer religiös geprägten Weltsicht als mit Wissenschaft zu tun.
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Re: Universum oder Multiversum?

Beitragvon syna » Di 15. Jan 2019, 00:55

BlueMonday hat geschrieben:Die Frage ist dann: Wenn keinerlei Daten zwischen diesen Welten wechseln können, welchen Sinn oder Nutzen oder welches Ziel hat dann das ganze Nachdenken darüber? Wir werden ja nie mehr als "unsere Welt" beobachten oder messen können.

schokoschendrezki hat geschrieben:(14 Jan 2019, 14:42)
Ja. Genau das fragen sich die Kritiker dieses Modells auch.

Und deshalb ist das auch mehr eine Frage des Glaubens. Eine Frage, die mehr in den Bereich von "Religion"
gehört: Man kann daran glauben, dass es Multiversen gibt. Man kann aber auch glauben, dass es
sie nicht gibt. Beweisen wird man das aber nie können - es ist genauso wie mit "Gott".

schokoschendrezki hat geschrieben:(14 Jan 2019, 14:42)
Wir haben keine Erklärung für die Größe von dimensionslosen Konstanten wie die des Verhältnisses von Elektronenmasse zu Protonenmasse oder die der Stärke der elektromagnetischen Wechselwirkung.

Dies ist aber ganz etwas anderes. Denn die Konstanten können wir ja messen - es könnte
ja sogar sein, dass ein neues, besseres Modell als das derzeitige Standardmodell einige
Naturkonstanten erklären könnte, d.h. aus anderen Konstanten herleiten könnte.
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Re: Universum oder Multiversum?

Beitragvon Papaloooo » Di 15. Jan 2019, 08:39

Senexx hat geschrieben:(13 Jan 2019, 11:53)

Wissenschaft arbeit mit Modellen. Wenn unsere Modelle zum Beispiel Schwarze Löcher und Und Wurmlöcher annehmen (müssen), folgt daraus, dass man sich Gedanken machen muss, was dahinter sein könnte. Es ist die logische Weiterentwicklung von Hypothesen und Theorien. Dass sie sich des physikalischen Experiments (noch) entziehen, ist irrelevant.

Mal unabhängig davon, dass ich die Multiversen-Theorie für plausibel halte, ist das Gedanken machen keine Wissenschaft.
Ebensowenig ist der Glaube daran, dass etwas zukünftig durch Experimente bewiesen werden könne, keine Wissenschaft.
Denn das würde ja implizieren, das alles als Wissenschaft zählt, von dem nicht widerlegt werden könnte, was ist in Zukunft bewiesen werden kann.
Wie sollte ein solcher Nachweis denn erbracht werden?
Der Bringschuld ist immer derjenige, der eine Behauptung aufstellt!
Das ist Kapitalismus:
Man kauft Dinge, die man nicht braucht von Geld, das man nicht hat, um Leute zu beeindrucken, die man nicht leiden kann.

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