Großbritannien - post Brexit

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Großbritannien - post Brexit

Beitragvon Vongole » Sa 2. Jan 2021, 17:06

Seit 1.Januar 2021 ist UK kein Mitglied der EU mehr.

In diesem Thread kann über die Brexit-Folgen, das weitere Verhältnis zur EU oder zu Nicht-EU-Staaten, sowie über alles, was UK sonst noch so betrifft, diskutiert werden.

Die Bürger von Dover (Grafschaft Kent) erhalten einen ersten Vorgeschmack auf die Brexit-Folgen:

'Betrayed': Dover residents furious over building of Brexit lorry park.
Letter from transport minister sent on New Year’s Eve said white cliffs site will be turned into ‘Inland Border Facility’

https://www.theguardian.com/politics/20 ... nt-village

Kent stimmte mehrheitlich für den Brexit.
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon Misterfritz » Sa 2. Jan 2021, 17:57

Aus der Brexit-Hochburg Boston
Glücklich sieht anders aus ...
Das Salz in der Suppe des Lebens ist nicht Selbstdisziplin, sondern kontrollierte Unvernunft ;)
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon H2O » Sa 2. Jan 2021, 18:27

Should auld acquaintance be forgot
And never brought to mind?
Should auld acquaintance be forgot
And days of auld lang syne?

For auld lang syne, my dear
For auld lang syne
We'll tak a cup o' kindness yet
For auld lang syne


https://www.youtube.com/watch?v=acxnmaVTlZA

:)
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon Vongole » Sa 2. Jan 2021, 18:35


Danke! :)

"And there’s a hand, my trusty fiere
And gie’s a hand o’ thine
And we’ll tak’ a right gude-willie waught
for auld lang syne. "

Wollen wir mal hoffen, dass sich UK trotz allem als trusty fiere erweist.
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon Michael Alexander » Sa 2. Jan 2021, 19:47

Den Briten war es wichtig, selbst über ihre eigenen Angelegenheiten zu bestimmen. Man sollte ihre Motivation also nicht auf wirtschaftliche Aspekte verengen, denn politische Aspekte waren dabei mindestens ebenso wichtig.

In Deutschland scheint man dies nicht zu verstehen. Vielleicht hat man sich in Kontinentaleuropa schon lange daran gewöhnt, dass nicht gewählte Beamten große Macht ausüben. In Großbritannien gilt dies als unvereinbar mit demokratischen Werten.

Um noch einmal eine Frage aus dem geschlossenen Brexit-Strang aufzugreifen:

Zitat Misterfritz:
Mal eine kleine Frage (ich weiss, es ist OT...):
Hast Du jemals einen Staatssekretär gewählt? Oder sonst einen höheren Regierungsbeamten?


Der Punkt ist, dass die EU-Kommission, um die es hier ging, wesentlich mehr Befugnisse hat, als dies Beamte zu tun pflegen. Vor allem hat die EU-Kommission das Initiativrecht, das heißt: sie kann Gesetze vorschlagen. In vielen Bereichen fällt ihr dieses Recht sogar fast ausschließlich zu. In demokratisch verfassten Staaten oder Organisationen fällt dieses Recht dem Parlament zu.

Das EU-Parlament, das, man stelle sich das vor: keine Gesetze vorschlagen kann, ist deswegen auch kein richtiges Parlament. Es ähnelt in seinen Dimensionen ja auch eher dem chinesischen Volkskongress. Es ist bezeichnend, dass seine Zustimmung zum kürzlichen Abkommen mit Großbritannien auch gar nicht als notwendig erachtet wurde; es reicht offenbar ein rückwirkendes Abnicken dessen, was die EU-Kommission ausgehandelt hat.

Ich finde, man kann zum Brexit unterschiedliche Meinungen haben. Dass die Briten mit ihrer Kritik an der EU jedoch keinerlei Berechtigung haben, trifft nicht zu. Es ist vielmehr verwunderlich, dass die Kritik, die die Briten eigentlich seit mindestens drei Jahrzehnten äußern, immer noch nicht dazu geführt hat, dass die Dinge sich ändern. Schlimmer sogar: Jeder, der auch nur eine solche Kritik erhebt, gilt gleich als Anti-Europäer oder schlimmer Rechtspopulist.
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon Michael Alexander » Sa 2. Jan 2021, 20:00

Entscheidend für den Brexit war, dass das Vereinigte Königreich sich im Maastricht-Vertrag ausgehandelt hatte, nicht der Währungsunion beitreten zu müssen. Dieses Opt-out teilt es mit dem glücklichen Dänemark, während alle anderen Nicht-Euro-Staaten versuchen, der Währungsunion durch verschiedene Tricks zu entkommen.

Die eigene Währung führt zu einer automatischen Anpassung der Wechselkurse, je nach wirtschaftlicher Lage des Königreiches relativ zu anderen Volkswirtschaften. Mit Hilfe der eigenen Notenbank und der eigenen fiskalischen Entscheidungen können die Briten ganz genau so reagieren, wie sie möchten, und sind nicht irgendwelchen Zwängen unterworfen.

Wie man darauf kommen kann, Länder mit völlig unterschiedlichen wirtschaftlichen Strukturen, verschiedenen Mentalitäten und ohne gegenseitige kulturelle Solidarität in ein Zwangssystem wie den Euro zu pressen, erscheint vielen Ökonomen als geradezu absurd. Politisch ist es gefährlich, weil dieses Zwangssystem den Hass zwischen den Völkern wiederbelebt.

Die Briten sind raus und werden von niemandem gehasst. Die Deutschen werden damit leben müssen, von Italienern, Griechen, Franzosen angeschuldigt zu werden, wenn es in deren Ländern nicht richtig läuft. Auch andere Länder werden sich die Einmischung in innere Angelegenheiten verbitten, ich denke hier an Polen und Ungarn. Zahlen darf Deutschland natürlich gerne. Den Briten war das halt einfach zu blöd, und am Ende haben sie sich gar nicht schlecht aus der Affäre gezogen. Wenn es mit der EU und dem Euro schlecht läuft, wird man den Deutschen die volle Schuld geben, und ein jahrzehntelanger Hass wird ihnen entgegenschlagen.
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon H2O » Sa 2. Jan 2021, 20:14

Na ja, in meinen Erinnerungen ist der Eindruck geblieben, daß die Briten gern gesagt haben, was sie nicht möchten. Die EU mitentwickeln, das war nicht ihr vorrangiges Bestreben. Muß ja auch nicht, und deshalb ist dieses Ende für beide Seiten tröstlich: Wir Anhänger einer sich stetig vertiefenden europäischen Zusammenarbeit haben einen mächtigen Gegner dieser Art von Gemeinschaft den Weg in seine selbstbestimmte Zukunft gehen lassen, und wir verbliebenen Europäer können nun unsere Vorstellung der europäischen Einheit verfolgen.

Ich halte auch die Kritik an der nicht legitimierten EU für unangebracht. Ja, sie ist nicht organisiert wie ein demokratisches Staatswesen... daran wurde sie beharrlich gehindert. Vermutlich und nicht zuletzt durch die Briten. Aber man kann bei einiger Zielstrebigkeit aus der EU mit einigen Rastpunkten durchaus so etwas wie eine demokratisch legitimierte Gemeinschaft entwickeln.

Das ist aber hier nicht das Thema; sondern eben der endgültige Abschied von den Briten aus dieser Gemeinschaft. Ich wünsche den Briten ohne jeden Groll Glück auf allen ihren Wegen. Und vielleicht, eines fernen Tages, werden sich unsere Wege wieder treffen. Schon deshalb ist ein freundlicher Umgang mit unserem Nachbarn angezeigt! Vergessen wir nie, daß die unterlegene Remain-Partei mit 48% nur sehr knapp ihr Ziel verfehlt hat... daß es insbesondere die ältere Generation war, die sich eine Zukunft in einem sehr engen Verbund mit den übrigen Nachbarn in Europa nicht vorstellen konnte.

Lassen wir die Briten also nun ihren Vorstellungen folgen. In einigen Jahrzehnten verändern sich die Sichtweisen dort und sicher auch in der Gemeinschaft. Die Geschichte ist nie zu Ende.
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon TheManFromDownUnder » So 3. Jan 2021, 10:27

Michael Alexander hat geschrieben:(02 Jan 2021, 20:00)

Entscheidend für den Brexit war, dass das Vereinigte Königreich sich im Maastricht-Vertrag ausgehandelt hatte, nicht der Währungsunion beitreten zu müssen. Dieses Opt-out teilt es mit dem glücklichen Dänemark, während alle anderen Nicht-Euro-Staaten versuchen, der Währungsunion durch verschiedene Tricks zu entkommen.

Die eigene Währung führt zu einer automatischen Anpassung der Wechselkurse, je nach wirtschaftlicher Lage des Königreiches relativ zu anderen Volkswirtschaften. Mit Hilfe der eigenen Notenbank und der eigenen fiskalischen Entscheidungen können die Briten ganz genau so reagieren, wie sie möchten, und sind nicht irgendwelchen Zwängen unterworfen.

Wie man darauf kommen kann, Länder mit völlig unterschiedlichen wirtschaftlichen Strukturen, verschiedenen Mentalitäten und ohne gegenseitige kulturelle Solidarität in ein Zwangssystem wie den Euro zu pressen, erscheint vielen Ökonomen als geradezu absurd. Politisch ist es gefährlich, weil dieses Zwangssystem den Hass zwischen den Völkern wiederbelebt.

Die Briten sind raus und werden von niemandem gehasst. Die Deutschen werden damit leben müssen, von Italienern, Griechen, Franzosen angeschuldigt zu werden, wenn es in deren Ländern nicht richtig läuft. Auch andere Länder werden sich die Einmischung in innere Angelegenheiten verbitten, ich denke hier an Polen und Ungarn. Zahlen darf Deutschland natürlich gerne. Den Briten war das halt einfach zu blöd, und am Ende haben sie sich gar nicht schlecht aus der Affäre gezogen. Wenn es mit der EU und dem Euro schlecht läuft, wird man den Deutschen die volle Schuld geben, und ein jahrzehntelanger Hass wird ihnen entgegenschlagen.


So wie ich es sehe wollten die Briten ein bisschen schwanger sein ohne Geburtswehen. Ne hassen tut sie niemand aber ernst nehmen auch nicht und das ist schlimmer. Wer den Respekt verliert ist auf dem Abschiebegleis.

Oder I take all give nothing! Goodies ja! Schattenseiten nein! Dazu ein fataler Irrlauben das sie eine Weltmacht sind und der Commonwaelth nach iher Nase tanzt. Jetzt kommen die cracks ans Tageslicht. Schotten und Nordiren lassen sich nicht von London drangsalieren. Wirtschaftsbuednisse mit der EU sind wesentlich attraktiver als mit dem Einzelstaat GB.

London wird nicht mehr lange Bank Central bleiben.

Wer A sagt muss auch B sagen. Wer eine eurpaeische Union befuerwortet der sollte auch eine geminsame Waehrung befuerworten. Man kann nicht alles haben ein Europa der Europaer und ein Europa der Nationalstaaten und der alter Quererleien.

Du hast einen Deutsch Komplex! ZB hier wird Deutschland als die kompetenste nation in Europa angesehen. Eure Kanzlerin als ein Vorbild fuer das was ein erfolgreiches Land als Regierungschef braucht.
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon sünnerklaas » So 3. Jan 2021, 11:38

Michael Alexander hat geschrieben:(02 Jan 2021, 20:00)

Wie man darauf kommen kann, Länder mit völlig unterschiedlichen wirtschaftlichen Strukturen, verschiedenen Mentalitäten und ohne gegenseitige kulturelle Solidarität in ein Zwangssystem wie den Euro zu pressen, erscheint vielen Ökonomen als geradezu absurd. Politisch ist es gefährlich, weil dieses Zwangssystem den Hass zwischen den Völkern wiederbelebt.


Das hatte sehr viel mit dem Vollzug der deutschen Einheit 1990 und den dazugehörigen 2+4-Verhandlungen und dem Vertragswerk zu tun. Letztenendes war der Euro sowie die konsequente Einbindung und Einhegung Deutschlands eine populistische Forderung, die vor allem aus Großbritannien kam. Als es dann soweit war, wollten die Briten nicht mehr mitmachen und sind aus dem Projekt Gemeinschaftswährung ausgestiegen. Daraufhin haben v.a. Deutsche und Franzosen das Ding dann durchgezogen, was wiederum dazu führte, dass die Briten sich an die Wand gedrückt gefühlt haben und glaubten, in der EU sowieso nichts mehr zu sagen zu haben, weil letztendlich immer das Berliner Kanzleramt und der Pariser Elysee-Palast in trauter Einigkeit die Marschroute vorgaben und Spanier und Italiener hinterher trotteten.
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon sünnerklaas » So 3. Jan 2021, 11:42

TheManFromDownUnder hat geschrieben:(03 Jan 2021, 10:27)

So wie ich es sehe wollten die Briten ein bisschen schwanger sein ohne Geburtswehen. Ne hassen tut sie niemand aber ernst nehmen auch nicht und das ist schlimmer. Wer den Respekt verliert ist auf dem Abschiebegleis.

Oder I take all give nothing! Goodies ja! Schattenseiten nein! Dazu ein fataler Irrlauben das sie eine Weltmacht sind und der Commonwaelth nach iher Nase tanzt. Jetzt kommen die cracks ans Tageslicht. Schotten und Nordiren lassen sich nicht von London drangsalieren. Wirtschaftsbuednisse mit der EU sind wesentlich attraktiver als mit dem Einzelstaat GB.

London wird nicht mehr lange Bank Central bleiben.

Wer A sagt muss auch B sagen. Wer eine eurpaeische Union befuerwortet der sollte auch eine geminsame Waehrung befuerworten. Man kann nicht alles haben ein Europa der Europaer und ein Europa der Nationalstaaten und der alter Quererleien.

Du hast einen Deutsch Komplex! ZB hier wird Deutschland als die kompetenste nation in Europa angesehen. Eure Kanzlerin als ein Vorbild fuer das was ein erfolgreiches Land als Regierungschef braucht.


Ein schöner Artikel aus der Neuen Züricher Zeitung. In einer der Brexit-Hochburgen bekommt man die Folgen des Brexits schon jetzt zu spüren:

Sie wollten den Brexit – doch nun überwiegt in einem Fischerstädtchen am Ärmelkanal die Enttäuschung (NZZ)

Eines der Probleme: rund drei Viertel des von britischen Fischern gefangenen Fischs wird in die EU exportiert. Der Fisch, den die Briten kaufen, wird u.a. aus Island impoirtiert. Ab 2026 haben britische Fischer ein großes Problem: wohin mit dem Fang, wenn ihn niemand kauft? In die EU kann man ihn dann ohne Zölle nicht mehr exportieren, die Briten essen keinen britischen Fisch. Und dabei wollte man doch so partout den Brexit.
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon Tom Bombadil » So 3. Jan 2021, 13:51

Ein interessantes Essay zum Brexit: https://www.zeit.de/politik/ausland/202 ... ionalismus
The tree of liberty must be refreshed from time to time with the blood of patriots and tyrants. It is its natural manure.
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon Misterfritz » So 3. Jan 2021, 13:55

Tom Bombadil hat geschrieben:(03 Jan 2021, 13:51)

Ein interessantes Essay zum Brexit: https://www.zeit.de/politik/ausland/202 ... ionalismus
Wurde hier schon mal thematisiert
https://www.politik-forum.eu/viewtopic. ... 5#p4901405
Aber stimmt, passt in diesen Strang gut oder gar besser rein ;)
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon Eiskalt » So 3. Jan 2021, 16:59

Michael Alexander hat geschrieben:(02 Jan 2021, 19:47)

Den Briten war es wichtig, selbst über ihre eigenen Angelegenheiten zu bestimmen. Man sollte ihre Motivation also nicht auf wirtschaftliche Aspekte verengen, denn politische Aspekte waren dabei mindestens ebenso wichtig.

In Deutschland scheint man dies nicht zu verstehen. Vielleicht hat man sich in Kontinentaleuropa schon lange daran gewöhnt, dass nicht gewählte Beamten große Macht ausüben. In Großbritannien gilt dies als unvereinbar mit demokratischen Werten.

Um noch einmal eine Frage aus dem geschlossenen Brexit-Strang aufzugreifen:

Zitat Misterfritz:


Der Punkt ist, dass die EU-Kommission, um die es hier ging, wesentlich mehr Befugnisse hat, als dies Beamte zu tun pflegen. Vor allem hat die EU-Kommission das Initiativrecht, das heißt: sie kann Gesetze vorschlagen. In vielen Bereichen fällt ihr dieses Recht sogar fast ausschließlich zu. In demokratisch verfassten Staaten oder Organisationen fällt dieses Recht dem Parlament zu.

Das EU-Parlament, das, man stelle sich das vor: keine Gesetze vorschlagen kann, ist deswegen auch kein richtiges Parlament. Es ähnelt in seinen Dimensionen ja auch eher dem chinesischen Volkskongress. Es ist bezeichnend, dass seine Zustimmung zum kürzlichen Abkommen mit Großbritannien auch gar nicht als notwendig erachtet wurde; es reicht offenbar ein rückwirkendes Abnicken dessen, was die EU-Kommission ausgehandelt hat.

Ich finde, man kann zum Brexit unterschiedliche Meinungen haben. Dass die Briten mit ihrer Kritik an der EU jedoch keinerlei Berechtigung haben, trifft nicht zu. Es ist vielmehr verwunderlich, dass die Kritik, die die Briten eigentlich seit mindestens drei Jahrzehnten äußern, immer noch nicht dazu geführt hat, dass die Dinge sich ändern. Schlimmer sogar: Jeder, der auch nur eine solche Kritik erhebt, gilt gleich als Anti-Europäer oder schlimmer Rechtspopulist.


Die Briten wählen ihre Beamten????
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon Eiskalt » So 3. Jan 2021, 17:02

Michael Alexander hat geschrieben:(02 Jan 2021, 20:00)

Entscheidend für den Brexit war, dass das Vereinigte Königreich sich im Maastricht-Vertrag ausgehandelt hatte, nicht der Währungsunion beitreten zu müssen. Dieses Opt-out teilt es mit dem glücklichen Dänemark, während alle anderen Nicht-Euro-Staaten versuchen, der Währungsunion durch verschiedene Tricks zu entkommen.

Die eigene Währung führt zu einer automatischen Anpassung der Wechselkurse, je nach wirtschaftlicher Lage des Königreiches relativ zu anderen Volkswirtschaften. Mit Hilfe der eigenen Notenbank und der eigenen fiskalischen Entscheidungen können die Briten ganz genau so reagieren, wie sie möchten, und sind nicht irgendwelchen Zwängen unterworfen.

Wie man darauf kommen kann, Länder mit völlig unterschiedlichen wirtschaftlichen Strukturen, verschiedenen Mentalitäten und ohne gegenseitige kulturelle Solidarität in ein Zwangssystem wie den Euro zu pressen, erscheint vielen Ökonomen als geradezu absurd. Politisch ist es gefährlich, weil dieses Zwangssystem den Hass zwischen den Völkern wiederbelebt.

Die Briten sind raus und werden von niemandem gehasst. Die Deutschen werden damit leben müssen, von Italienern, Griechen, Franzosen angeschuldigt zu werden, wenn es in deren Ländern nicht richtig läuft. Auch andere Länder werden sich die Einmischung in innere Angelegenheiten verbitten, ich denke hier an Polen und Ungarn. Zahlen darf Deutschland natürlich gerne. Den Briten war das halt einfach zu blöd, und am Ende haben sie sich gar nicht schlecht aus der Affäre gezogen. Wenn es mit der EU und dem Euro schlecht läuft, wird man den Deutschen die volle Schuld geben, und ein jahrzehntelanger Hass wird ihnen entgegenschlagen.


Ja schon aber ob Deutschland ist doch so oder so schuld. Egal ob es im Euro ist oder nicht. Wäre Deutschland nicht Teil des Euro wäre es ja auch schuld. Daran muss man sich gewöhnen
Memento mori
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon Vongole » So 3. Jan 2021, 17:14

Sieht nicht so prickelnd aus für Johnson:

The public are deeply unhappy with the government’s handling of the coronavirus pandemic and the Brexit negotiations, a damning new poll suggests.
The poll predicts that if a general election were held tomorrow neither the Conservatives nor Labour would win an outright majority. Disturbingly for Boris Johnson, the survey says the Conservatives would lose 81 seats, wiping out the 80-seat majority they won in December 2019.
It gives the first detailed insight into the public’s perception of Johnson’s handling of the Brexit talks and the pandemic, amid fears that Britain is heading into a third national lockdown.
The prime minister is on course to lose his own seat of Uxbridge and Ruislip South, if the insight is accurate.

https://www.theguardian.com/politics/20 ... y-majority
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon Misterfritz » So 3. Jan 2021, 17:27

Vongole hat geschrieben:(03 Jan 2021, 17:14)

Sieht nicht so prickelnd aus für Johnson:

The public are deeply unhappy with the government’s handling of the coronavirus pandemic and the Brexit negotiations, a damning new poll suggests.
The poll predicts that if a general election were held tomorrow neither the Conservatives nor Labour would win an outright majority. Disturbingly for Boris Johnson, the survey says the Conservatives would lose 81 seats, wiping out the 80-seat majority they won in December 2019.
It gives the first detailed insight into the public’s perception of Johnson’s handling of the Brexit talks and the pandemic, amid fears that Britain is heading into a third national lockdown.
The prime minister is on course to lose his own seat of Uxbridge and Ruislip South, if the insight is accurate.

https://www.theguardian.com/politics/20 ... y-majority
Da kann BoJo ja glücklich sein, dass Wahlen im Moment nicht anstehen ;)
Das Salz in der Suppe des Lebens ist nicht Selbstdisziplin, sondern kontrollierte Unvernunft ;)
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon Adam Smith » So 3. Jan 2021, 17:33

Eiskalt hat geschrieben:(03 Jan 2021, 17:02)

Ja schon aber ob Deutschland ist doch so oder so schuld. Egal ob es im Euro ist oder nicht. Wäre Deutschland nicht Teil des Euro wäre es ja auch schuld. Daran muss man sich gewöhnen


Die EU wird bei den Konservativen in England auch weiterhin der Schuldige für alles mögliche sein. Dem National Health Service wird es z.B. auch weiterhin so schlecht gehen, weil die EU halt daran schuld ist.
Das ist Kapitalismus:

Die ständige Wahl der Bürger bestimmt das Angebot.
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon sünnerklaas » So 3. Jan 2021, 17:45

Adam Smith hat geschrieben:(03 Jan 2021, 17:33)

Die EU wird bei den Konservativen in England auch weiterhin der Schuldige für alles mögliche sein. Dem National Health Service wird es z.B. auch weiterhin so schlecht gehen, weil die EU halt daran schuld ist.


So lange andere schuld sind, ist da alles in Butter. Ich bin ja mal auf die Stunts gespannt, die man bei den britischen Fischern ab 2026 macht... Drei Viertel des britischen Fangs wird in die EU exportiert. Wenn da noch Zölle rauf kommen, sind die britischen Fischer auf dem Kontinent nicht mehr konkurrenzfähig.
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon Adam Smith » So 3. Jan 2021, 17:47

sünnerklaas hat geschrieben:(03 Jan 2021, 17:45)

So lange andere schuld sind, ist da alles in Butter. Ich bin ja mal auf die Stunts gespannt, die man bei den britischen Fischern ab 2026 macht... Drei Viertel des britischen Fangs wird in die EU exportiert. Wenn da noch Zölle rauf kommen, sind die britischen Fischer auf dem Kontinent nicht mehr konkurrenzfähig.


Die Weltbevölkerung wächst sehr stark und damit auch die Nachfrage nach Lebensmitteln. Der Brexit ist in dieser Hinsicht schon vorteilhaft für die Engländer.
Das ist Kapitalismus:

Die ständige Wahl der Bürger bestimmt das Angebot.
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon Kohlhaas » So 3. Jan 2021, 18:11

Adam Smith hat geschrieben:(03 Jan 2021, 17:33)

Die EU wird bei den Konservativen in England auch weiterhin der Schuldige für alles mögliche sein. Dem National Health Service wird es z.B. auch weiterhin so schlecht gehen, weil die EU halt daran schuld ist.

In Zukunft nicht mehr. Das Brexit-Ziel "take back control" ist doch erfolgreich abgeschlossen. Alles was ab jetzt schief geht, können Johnson und seine Spießgesellen nicht mehr auf die EU abschieben.

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