Parlamentswahl in Polen

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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon Vongole » So 1. Nov 2020, 16:32

Liberty hat geschrieben:(01 Nov 2020, 16:29)

Sollte man dann generell Behinderte für vogelfrei erklären? Wenn sie einem zu lästig werden, einfach Knarre raus und das Problem ist beseitigt. :?:

Ich würde es sehr begrüßen, wenn du meine Beiträge nicht in Trumpscher Manier in eine dir passende Richtung verbiegen würdest!
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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon H2O » So 1. Nov 2020, 16:34

Liberty hat geschrieben:(01 Nov 2020, 16:29)

Sollte man dann generell Behinderte für vogelfrei erklären? Wenn sie einem zu lästig werden, einfach Knarre raus und das Problem ist beseitigt. :?:


Würde mich bei solchen Redensarten nicht mehr wundern. Hier wäre das nach der Geburt Mord, vor der Geburt der Abbruch einer Schwangerschaft. Ein Unterschied, den Sie nicht gelten lassen wollen. Sei's drum; die Polen werden das Thema schon in zeitgemäße Bahnen lenken.
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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon naddy » So 1. Nov 2020, 16:36

Liberty hat geschrieben:(01 Nov 2020, 16:13)

Vermutlich dasselbe, was der Staat bereit ist für Frauen zu tun, deren 5jähriges Kind durch einen Unfall eine Behinderung davonträgt.

Aber den Unterschied hinsichtlich der Verantwortlichkeit zwischen einem Umstand, der durch erlassene Gesetze zwangsweise und vorsätzlich herbeigeführt wird und einem unvorhersehbaren "Schicksalsschlag" bist Du schon in der Lage zu erkennen, oder?

Woraus übrigens nicht zu folgern ist, daß für die Mutter des Unfallkindes keine Hilfen erforderlich wären. Nur vorsichtshalber...
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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon H2O » So 1. Nov 2020, 16:41

BlueMonday hat geschrieben:(01 Nov 2020, 16:26)

Da sollte Deutschland erst mal vor der eigenen Türe kehren. Aber das ist ja nie populär, auf and're zeigen dagegen sehr.
Das höchste Gericht, das Bundesverfassungsgericht bspw. wird von Bundestag und Bundesrat mit viel Einfluss und Kungelitis vom Justizministerium resp. den Ministerpräsidenten eingesetzt. Eine unübersehbare Verflechtung von Exekutive/Legislative und Judikative. Gewaltenteilung als Fantasie. Aber das scheint niemanden sonderlich zu interessieren. Mehr Schein als Sein scheint eh seit Langem die Devise in der Republik zu sein. Aber sich um die Polen kümmern wollen...
Die polnische Lösung ist die ehrlichere Lösung, die um die Verquickung der Gewalten keinen Hehl macht und keinen falschen Anschein erzeugt.


Tja, dann wundert mich schon, daß Sie sich nicht bei der EU-Kommission wegen Verletzung der Gewaltenteilung in unserem freiheitlich demokratischen Rechtsstaat gemeldet haben. Die eingesetzte Verfassungskommission ("Venedig-Kommission") hat diesen Mangel in Polen festgestellt. Und der EuGH hat ein Urteil gefällt. Aber das sind dort sicher Dummbatzen, und die polnische Seite konnte nicht darauf hinweisen, damit die Gerichte endlich im Fall Bundesrepublik tätig werden... oder so.
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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon Liberty » So 1. Nov 2020, 16:49

naddy hat geschrieben:(01 Nov 2020, 16:36)
Aber den Unterschied hinsichtlich der Verantwortlichkeit zwischen einem Umstand, der durch erlassene Gesetze zwangsweise und vorsätzlich herbeigeführt wird und einem unvorhersehbaren "Schicksalsschlag" bist Du schon in der Lage zu erkennen, oder?


Seit wann werden Behinderungen durch Gesetze herbeigeführt? Behinderungen sind immer ein unvorhersehbarer Schicksalsschlag. Und jeder Mensch kann zu jedem Zeitpunkt seiner Existenz von einer Behinderung betroffen werden.

Polen hat mehr als jedes andere europäische Land unter dem menschenverachtenden braunen und roten Sozialismus im 20. Jahrhundert gelitten. Ich schätze die Polen ziehen deshalb mehr als anderswo die Lehren aus der Geschichte, dass Menschenleben nicht mehr auf Grund irgendwelcher Merkmale in Frage gestellt und beseitigt werden dürfen.
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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon Liberty » So 1. Nov 2020, 16:53

H2O hat geschrieben:(01 Nov 2020, 16:41)
Tja, dann wundert mich schon, daß Sie sich nicht bei der EU-Kommission wegen Verletzung der Gewaltenteilung in unserem freiheitlich demokratischen Rechtsstaat gemeldet haben.


Gegen Deutschland wird die EU-Kommission kaum vorgehen, da sie finanziell am Tropf Deutschlands hängt. Polen ist nur ein armes Empfängerland, auf das man entsprechend Druck ausüben kann, wenn es nicht pariert.
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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon naddy » So 1. Nov 2020, 16:55

Liberty hat geschrieben:(01 Nov 2020, 16:49)

Seit wann werden Behinderungen durch Gesetze herbeigeführt?

:?: Okay, wir lassen das wohl besser. :|
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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon H2O » So 1. Nov 2020, 17:31

Liberty hat geschrieben:(01 Nov 2020, 16:53)

Gegen Deutschland wird die EU-Kommission kaum vorgehen, da sie finanziell am Tropf Deutschlands hängt. Polen ist nur ein armes Empfängerland, auf das man entsprechend Druck ausüben kann, wenn es nicht pariert.


Das ist natürlich eine völlig unbegründete Schutzbehauptung; selbstverständlich hat auch die Bundesregierung sich Vorhaltungen machen lassen müssen. Zuletzt mit dem dumm eingefädelten Mautverfahren. Aber im Gegensatz zu Polen erkennt unsere Bundesregierung solche Urteile an und bessert nach, oder sie läßt die Finger künftig davon.
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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon JJazzGold » So 1. Nov 2020, 19:01

H2O hat geschrieben:(01 Nov 2020, 15:43)

Nein, dieser Teilnehmer weigert sich schlicht, die deutsche Rechtslage an zu erkennen. Dabei ist es so leicht, mit Google "Schwangerschaftsabbruch Deutschland" auf die Seite von pro Familia zu kommen und sich dort alle Einzelheiten des in Deutschland zulässigen Verfahrens an zu sehen.

Keine deutschen Frau muß ein Kind austragen, das sie nicht gewollt empfangen hat. Das ist besser für die Frau und auch für den unerwünschten Menschen, der durch Nötigung der Mutter in die Welt gesetzt wird. Die Beratung der Schwangeren sorgt ja dafür, daß ein so schwerwiegender Schritt nicht aus einer kurzen Laune heraus vollzogen wird.


Richtig, es ist doch die Schwangere, die betroffen ist und eine Entscheidung zu fällen hat. Doch nicht irgendein anmaßender Staat.
Die PiS Vorgaben sorgen für Abbruchtourismus, oder im schlechtesten Fall für den illegalen Abbruch in einer Hinterhofwohnung.
Mich wundert nicht, dass viele Frauen und auch unterstützende Männer in Polen für die Entscheidungsfreiheit auf die Straße gehen. Würde ich auch mitmachen, wenn in Deutschland ein solch eklatanter Bruch der Rechte einer Frau wieder anstünde.
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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon H2O » Mo 2. Nov 2020, 07:45

JJazzGold hat geschrieben:(01 Nov 2020, 19:01)

Richtig, es ist doch die Schwangere, die betroffen ist und eine Entscheidung zu fällen hat. Doch nicht irgendein anmaßender Staat.
Die PiS Vorgaben sorgen für Abbruchtourismus, oder im schlechtesten Fall für den illegalen Abbruch in einer Hinterhofwohnung.
Mich wundert nicht, dass viele Frauen und auch unterstützende Männer in Polen für die Entscheidungsfreiheit auf die Straße gehen. Würde ich auch mitmachen, wenn in Deutschland ein solch eklatanter Bruch der Rechte einer Frau wieder anstünde.


Das sind aus meiner Sicht gesellschaftliche Reifungsprozesse, die Polen unter anderem auch durch den sehr engen Kontakt nach Westeuropa erlebt. Der zweite Aufreger wird durch selbstbewußtere gleichgeschlechtliche Verbindungen befeuert.

Als Mitglied der älteren Generation habe ich auch deren Forderungen und seinerzeit die Forderung der Selbstbestimmung von Frauen über ihre Schwangerschaft innerlich abgelehnt... habe aber keine Frage von Sein oder Nichtsein davon gemacht. Gut, daß ich mich da zurück genommen hatte... heute sehe ich diesen Entwicklungsschritt unserer Gesellschaft völlig entspannt!

Ich kann also mit der älteren Generation in Polen ganz gut mitempfinden, rate ihr aber zu wesentlich mehr Gelassenheit. Die nachwachsende Generation wird sich ohnehin durchsetzen, entweder heute schon oder in 10 Jahren... oder weil sie Polen in hellen Scharen verläßt. Das ist heute schon ein Problem... natürlich auch der Wohlstandsunterschied zum Westen. Umso mehr müßte die polnische Regierung auf vertiefte wirtschaftliche Zusammenarbeit drängen anstatt auf stumpfen Nationalismus.
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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon H2O » Mo 2. Nov 2020, 08:04

Die Gazeta Wyborcza berichtet heute:

Präsident Duda schlägt ganz offenbar eine Regelung für den Fall vor, daß die pränatale Untersuchung am entstehenden Menschen das Down-Syndrom nachweist. Dann soll eben doch ein Schwangerschaftsabbruch möglich sein, auch nach der 12. Woche. Dem Präsidenten haben Frau und Tochter ganz sicher ins Gewissen geredet.

Nun überlegt die PiS, wie sie denn eine Mehrheit für den Vorschlag des Präsidenten zusammen bekommen könnte. Vernünftiger scheint ihr derzeit eine Rücknahme des bestehenden Gesetzes zu sein, das ja allgemein Mißbildungen und Schäden am werdenden Menschen hinnimmt und auf Austragung und Geburt besteht.

Aus meiner Sicht sind beide Schritte sinnvoll. Der Vorschlag von Präsident Duda eignet sich für eine Erweiterung auf andere Schäden als das Down-Syndrom. Und der Rückzug des neuen Gesetzes stellt den alten Zustand wieder her. Auf lange Sicht wird auch Polen nichts anderes übrig bleiben als sich der gesellschaftlichen Entwicklung im Westen an zu schließen, wenn es seine jungen Leute nicht verlieren will.
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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon JJazzGold » Mo 2. Nov 2020, 10:43

H2O hat geschrieben:(02 Nov 2020, 07:45)

Das sind aus meiner Sicht gesellschaftliche Reifungsprozesse, die Polen unter anderem auch durch den sehr engen Kontakt nach Westeuropa erlebt. Der zweite Aufreger wird durch selbstbewußtere gleichgeschlechtliche Verbindungen befeuert.

Als Mitglied der älteren Generation habe ich auch deren Forderungen und seinerzeit die Forderung der Selbstbestimmung von Frauen über ihre Schwangerschaft innerlich abgelehnt... habe aber keine Frage von Sein oder Nichtsein davon gemacht. Gut, daß ich mich da zurück genommen hatte... heute sehe ich diesen Entwicklungsschritt unserer Gesellschaft völlig entspannt!

Ich kann also mit der älteren Generation in Polen ganz gut mitempfinden, rate ihr aber zu wesentlich mehr Gelassenheit. Die nachwachsende Generation wird sich ohnehin durchsetzen, entweder heute schon oder in 10 Jahren... oder weil sie Polen in hellen Scharen verläßt. Das ist heute schon ein Problem... natürlich auch der Wohlstandsunterschied zum Westen. Umso mehr müßte die polnische Regierung auf vertiefte wirtschaftliche Zusammenarbeit drängen anstatt auf stumpfen Nationalismus.


Da ich ein wenig jünger und Frau bin ;) , habe ich die weibliche Selbstbestimmung immer mitgetragen.

Was den Reifeprozess der polnischen Gesellschaft und mittel- bis langfristig das Durchsetzungsvermögen der nachwachsenden Generation betrifft, sind wir übereinstimmender Meinung. Ich gehe davon aus, dass der demonstrierende Widerstand die PiS unvorbereitet getroffen hat und jetzt krampfhaft überlegt wird, wie man den Spagat irgendwie hinbekommt.
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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon H2O » Mo 2. Nov 2020, 10:58

JJazzGold hat geschrieben:(02 Nov 2020, 10:43)

Da ich ein wenig jünger und Frau bin ;) , habe ich die weibliche Selbstbestimmung immer mitgetragen.

Was den Reifeprozess der polnischen Gesellschaft und mittel- bis langfristig das Durchsetzungsvermögen der nachwachsenden Generation betrifft, sind wir übereinstimmender Meinung. Ich gehe davon aus, dass der demonstrierende Widerstand die PiS unvorbereitet getroffen hat und jetzt krampfhaft überlegt wird, wie man den Spagat irgendwie hinbekommt.


Tja, das meinte die Gazeta Wyborcza auch: Viele PiS-Abgeordnete grübeln jetzt, wie sie aus dieser selbstgebauten Falle heraus kommen könnten. Präsident Duda hat den ersten Versuchsballon gestartet... vermutlich weil seine Frau ihm die Leviten gelesen hat und seine Tochter ihm auch noch ein paar passende Worte zukommen lassen hat. Das macht den Präsidenten in meinen Augen wieder sehr menschlich! Das ist kein böser Bube!

Aber natürlich gibt es die auch, mit einem Hang zum Machtmißbrauch. Wenn die ihrem Treiben zum Opfer fielen, dann wäre es nicht schade um sie.
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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon JJazzGold » Mo 2. Nov 2020, 11:29

H2O hat geschrieben:(02 Nov 2020, 10:58)

Tja, das meinte die Gazeta Wyborcza auch: Viele PiS-Abgeordnete grübeln jetzt, wie sie aus dieser selbstgebauten Falle heraus kommen könnten. Präsident Duda hat den ersten Versuchsballon gestartet... vermutlich weil seine Frau ihm die Leviten gelesen hat und seine Tochter ihm auch noch ein paar passende Worte zukommen lassen hat. Das macht den Präsidenten in meinen Augen wieder sehr menschlich! Das ist kein böser Bube!

Aber natürlich gibt es die auch, mit einem Hang zum Machtmißbrauch. Wenn die ihrem Treiben zum Opfer fielen, dann wäre es nicht schade um sie.


Irgendwo habe ich gelesen, dass Duda seine Tochter nach seinem Wahlsieg zur Beraterin ernannt hat. Da hätte er wohl besser auf sie gehört.

Was genau wollte die PiS mit diesem Rückfall ins Mittelalter erreichen? Sollte das die ältere Wählerschaft binden?
Es wäre doch weitaus sinnvoll gewesen, die Jüngeren als Wahl Volk zu rekrutieren. Nur wird man die mit solchen Mitteln anteilig verlieren. Wie Sie konstatierten, die geht, wenn man ihr solche Steine gegen ein modernes,,aufgeklärtes und selbstbestimmtes Leben in den Weg legt.
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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon H2O » Mo 2. Nov 2020, 13:55

JJazzGold hat geschrieben:(02 Nov 2020, 11:29)


Irgendwo habe ich gelesen, dass Duda seine Tochter nach seinem Wahlsieg zur Beraterin ernannt hat. Da hätte er wohl besser auf sie gehört.

Was genau wollte die PiS mit diesem Rückfall ins Mittelalter erreichen? Sollte das die ältere Wählerschaft binden?
Es wäre doch weitaus sinnvoll gewesen, die Jüngeren als Wahl Volk zu rekrutieren. Nur wird man die mit solchen Mitteln anteilig verlieren. Wie Sie konstatierten, die geht, wenn man ihr solche Steine gegen ein modernes,,aufgeklärtes und selbstbestimmtes Leben in den Weg legt.


Die PiS hatte sich tatsächlich bei jungen Leuten eingeschmeichelt, weil sie sich zum Ziel gesetzt hatte, im Lande für anspruchsvolle Beschäftigung zu sorgen. Der Denkfehler dieser Art von national gesonnenen Politikern ist jedoch aus meiner Sicht, daß sie ihre Wirtschaft als nationale Wirtschaft voran bringen möchten. Also immer dort, wo das möglich ist, die Betriebe polonisieren, in staatlicher Hand betreiben, insbesondere Medien, mit denen der eigene Stadpunkt verbreitet werden soll. Dazu hatte die PiS einen Bundesgenossen, der ihr nun das Genick zu brechen droht: Die nationalistisch gesonnenen katholische Kirche, die "Retterin Polens und des Polentums". Und die beharrte eben auf vorzeitlichen "Werten" und setzte sich in diesen Parteien fest durch geförderte Mitglieder und zugleich Nutznießer dieser Gesellschaft.

Es sieht so aus, als ob der maßgebliche konservative klerikale Verein "Ordo Iuris" mit diesen Gesetzen zur Abtreibung sich einen Traum erfüllen wollte... der nun zerstiebt. Es ist ja nicht so, daß nur die üblichen Verdächtigen der linken Szene ihrem Unmut Luft machen, sondern die Empörung hat weite Kreise der jungen Bevölkerung im fortpflanzungsfähigen Alter erfaßt... und deren Eltern. Das kam in der Tat unerwartet, denn die PiS hatte viele soziale Leistungen wie Kindergeld und 13. Monatsrente ermöglicht, womit sie den Nerv einer in weiten Bereichen um ihre Existenz ringender Bürger getroffen hatte. Und sie förderte die katholische Kirche als heimliches Mitglied und Unterstützer der PiS.

Da kann man sich schon vorstellen, wie sehr dieser Interessenverbund von polnischer nationalgesonnener Kirche und Nationalstaatlichkeit von diesem Aufstand der jungen Leute überrascht und wie empört er darauf einwirken wollte. Was natürlich nichts besser macht... im Gegenteil. Meine Vermutung: Ordo Iuris und allen politisch mit ihm verbandelten politischen Kräften wird es politisch an den Kragen gehen. Die Zeit bis zu den nächsten Wahlen beträgt 3 Jahre, also Zeit genug, deren politisches Treiben und Finanzgebaren zum persönlichen Vorteil auf zu klären und weitere Empörung zu schüren.

Eine wunderbare Geschäftsidee für die oppositionellen Zeitungen von nationaler Bedeutung, allen voran die Gazeta Wyborcza. Wenn mir die Vorträge dort zu feurig erscheinen, dann blicke ich auch schon einmal in die konservativere Reczpospolita... aber derzeit gibt es auch dort kein Halten: Auch dort ist die Empörung groß.

Meine Hoffnung: 2023 schwenkt Polen auf einen sehr europafreundlichen Kurs um, weil diese Art Konservativer vom Wähler in ihre Schranken gewiesen werden wird. Dann wird Polen zu dem freundlichen Nachbarn, die mir hier in Pommern jeden Tag begegnen!
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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon JJazzGold » Mo 2. Nov 2020, 18:09

H2O hat geschrieben:(02 Nov 2020, 13:55)

Die PiS hatte sich tatsächlich bei jungen Leuten eingeschmeichelt, weil sie sich zum Ziel gesetzt hatte, im Lande für anspruchsvolle Beschäftigung zu sorgen. Der Denkfehler dieser Art von national gesonnenen Politikern ist jedoch aus meiner Sicht, daß sie ihre Wirtschaft als nationale Wirtschaft voran bringen möchten. Also immer dort, wo das möglich ist, die Betriebe polonisieren, in staatlicher Hand betreiben, insbesondere Medien, mit denen der eigene Stadpunkt verbreitet werden soll. Dazu hatte die PiS einen Bundesgenossen, der ihr nun das Genick zu brechen droht: Die nationalistisch gesonnenen katholische Kirche, die "Retterin Polens und des Polentums". Und die beharrte eben auf vorzeitlichen "Werten" und setzte sich in diesen Parteien fest durch geförderte Mitglieder und zugleich Nutznießer dieser Gesellschaft.

Es sieht so aus, als ob der maßgebliche konservative klerikale Verein "Ordo Iuris" mit diesen Gesetzen zur Abtreibung sich einen Traum erfüllen wollte... der nun zerstiebt. Es ist ja nicht so, daß nur die üblichen Verdächtigen der linken Szene ihrem Unmut Luft machen, sondern die Empörung hat weite Kreise der jungen Bevölkerung im fortpflanzungsfähigen Alter erfaßt... und deren Eltern. Das kam in der Tat unerwartet, denn die PiS hatte viele soziale Leistungen wie Kindergeld und 13. Monatsrente ermöglicht, womit sie den Nerv einer in weiten Bereichen um ihre Existenz ringender Bürger getroffen hatte. Und sie förderte die katholische Kirche als heimliches Mitglied und Unterstützer der PiS.

Da kann man sich schon vorstellen, wie sehr dieser Interessenverbund von polnischer nationalgesonnener Kirche und Nationalstaatlichkeit von diesem Aufstand der jungen Leute überrascht und wie empört er darauf einwirken wollte. Was natürlich nichts besser macht... im Gegenteil. Meine Vermutung: Ordo Iuris und allen politisch mit ihm verbandelten politischen Kräften wird es politisch an den Kragen gehen. Die Zeit bis zu den nächsten Wahlen beträgt 3 Jahre, also Zeit genug, deren politisches Treiben und Finanzgebaren zum persönlichen Vorteil auf zu klären und weitere Empörung zu schüren.

Eine wunderbare Geschäftsidee für die oppositionellen Zeitungen von nationaler Bedeutung, allen voran die Gazeta Wyborcza. Wenn mir die Vorträge dort zu feurig erscheinen, dann blicke ich auch schon einmal in die konservativere Reczpospolita... aber derzeit gibt es auch dort kein Halten: Auch dort ist die Empörung groß.

Meine Hoffnung: 2023 schwenkt Polen auf einen sehr europafreundlichen Kurs um, weil diese Art Konservativer vom Wähler in ihre Schranken gewiesen werden wird. Dann wird Polen zu dem freundlichen Nachbarn, die mir hier in Pommern jeden Tag begegnen!


Danke für die interessante Info!
Mit Polen habe ich mich offen gestanden in den letzten Jahren wenig beschäftigt, nur was halt so ab und zu in den Nachrichten kam. Von Ordo Iuris hatte ich bis dato noch nie gehört. Da ist es sehr informativ Ihre Sichtweise zu lesen.

Ich bin echt gespannt, wie sich das weiter entwickelt.
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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon H2O » Mo 2. Nov 2020, 18:32

JJazzGold hat geschrieben:(02 Nov 2020, 18:09)

Danke für die interessante Info!
Mit Polen habe ich mich offen gestanden in den letzten Jahren wenig beschäftigt, nur was halt so ab und zu in den Nachrichten kam. Von Ordo Iuris hatte ich bis dato noch nie gehört. Da ist es sehr informativ Ihre Sichtweise zu lesen.

Ich bin echt gespannt, wie sich das weiter entwickelt.



Ja, für mich war Polen bis 1990 immer ein Land noch weit hinter der unbekannten DDR. Durch Verwandtschaft und Studium in West-Berlin war die DDR nicht völlig fremd... aber Polen... wo liegt das denn?

Auf meine alten Tage hat es mich nun hierher verschlagen; ich habe mich in die Landschaft an der Odermündung verliebt. Hier will ich den Rest meiner mir vergönnten Tage leben. Und dabei habe ich die Polen eben auch als Mitmenschen kennen gelernt. Manchmal denke ich, daß die, zumindest in Pommern, durch ihre Sprache ein wenig abgekoppelt sind vom Westen. Ich kann mich inzwischen gut auf Polnisch verständigen, und bin so auch Teil der Dorfgemeinschaft geworden. Man grüßt sich, wechselt ein paar belanglose Worte, und mit einigen entstehen eben mehr als unverbindliche Kontakte.

Ich berichte auch deshalb sehr gern von hier, weil ich hoffe, daß dann Polen, die in Deutschland arbeiten, mit mehr Achtung behandelt werden. Menschen wie Sie und ich!
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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon Vongole » Mo 2. Nov 2020, 19:28

Die PiS erhält ihre Qittung:

Die polnische nationalkonservative Regierungspartei PiS hat massiv in Umfragen verloren, nachdem das Verfassungsgericht den Weg für eine Verschärfung des Abtreibungsrechts ebnete. Laut einer von der Tageszeitung "Dziennik Gazeta Prawna" und dem Sender "RMF FM" in Auftrag gegebenen und am Montag veröffentlichten Umfrage kommt PiS landesweit auf 30,9 Prozent Zustimmung.
Vor zwei Wochen lag der Wert noch bei 40,5 Prozent. Auch eine Umfrage im Auftrag der linksliberalen "Gazeta Wyborcza" war zum Ergebnis gekommen, dass die Zustimmung für PiS massiv eingebrochen ist.
(..)
In einer weiteren Umfrage im Auftrag der Zeitung "Rzeczpospolita" sprachen sich 70 Prozent der Befragten für den Rücktritt von PiS-Chef und Vize-Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski aus.
https://www.spiegel.de/politik/ausland/ ... e41c1556e6
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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon Orbiter1 » Mo 2. Nov 2020, 19:51

Von einem Autokraten wie Kaczynski kann man jetzt in Abstimmung mit der erzkonservativen katholischen Kirche hartes Durchgreifen erwarten. Wenn da nicht bald was kommt wird er als Möchtegern-Autokrat enden.
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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon H2O » Di 3. Nov 2020, 09:43

Orbiter1 hat geschrieben:(02 Nov 2020, 19:51)

Von einem Autokraten wie Kaczynski kann man jetzt in Abstimmung mit der erzkonservativen katholischen Kirche hartes Durchgreifen erwarten. Wenn da nicht bald was kommt wird er als Möchtegern-Autokrat enden.


Natürlich gibt es sehr mitmenschliche und liebenswerte Geistliche auch in der katholischen Kirche Polens. Aber die national-katholischen Kräfte haben sich offenbar gegenseitig gefördert... und so bekleiden sie eben die wichtigsten Ämter ihrer Organisation. Das kann der katholischen Kirche in Polen schweren Schaden zufügen, denn immer mehr Menschen erkennen den Pferdefuß, der unter deren Soutanen gelegentlich sichtbar wird. Diese Leute verweigern sich dem Zeitgeist. Das ist nicht mehr die Kirche des Kardinals Karol Jósef Wojtyla, die seinerzeit (1965 !) zur polnisch-deutschen Versöhnung aufgerufen hatte.

Unser Gemeindepfarrer ist menschlich völlig in Ordnung; der sieht ja auch, wie die jungen Leute nach der Kommunion andere Sorgen umtreiben, als sich um ihre Kirche zu scharen.

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