Parlamentswahl in Polen

Moderator: Moderatoren Forum 3

Benutzeravatar
Orbiter1
Beiträge: 7171
Registriert: Fr 23. Feb 2018, 13:25

Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon Orbiter1 » Do 23. Jan 2020, 20:22

Polens Präsident Duda war laut einem Bericht der Tagesschau nicht bei der großen Holocaust-Gedenkveranstaltung in Israel weil er im Gegensatz zu Putin dort keine Rede halten durfte. Das sagt dann wohl alles über die PiS-Regierung und ihren Präsidenten.
Benutzeravatar
H2O
Moderator
Beiträge: 30578
Registriert: So 13. Sep 2015, 13:49

Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon H2O » Do 23. Jan 2020, 20:50

Orbiter1 hat geschrieben:(23 Jan 2020, 20:22)

Polens Präsident Duda war laut einem Bericht der Tagesschau nicht bei der großen Holocaust-Gedenkveranstaltung in Israel weil er im Gegensatz zu Putin dort keine Rede halten durfte. Das sagt dann wohl alles über die PiS-Regierung und ihren Präsidenten.


Vorweg: Ich bin kein Freund der national-konservativen Partei PiS. Dennoch zeugt Ihre Bewertung Polens und seines Präsidenten von reinstem Unverständnis für das Selbstverständnis des Landes.

Den Ausgangspunkt hat der russische Präsident Putin gesetzt, der Polens Mitschuld am Ausbruch des 2. Weltkriegs behauptet hat, und dabei insbesondere den damaligen polnischen Botschafter in Berlin als ein "antisemitisches Schwein" bezeichnet hat. Und das im Vorfeld seines Besuchs in Jerusalem anläßlich der Befreiung der von Deutschen auf polnischem Boden errichteten Konzentrationslager von Auschwitz und Birkenau durch die Rote Armee. Diese Behauptungen mögen zutreffen oder nicht; aber ich kann verstehen, daß, wenn Putin eine weltweit beachtete Bühne in Yad Vashem zugestanden wird für solche Behauptungen, die polnische Seite sich die Möglichkeit erhofft, ihre Sicht der Dinge ebenfalls darstellen zu können.

Das war also eine sehr bittere Pille für Polen; nicht nur für seine Regierung, die ich auch gern entmachtet sähe. Anstatt nun noch Salz in solche Wunden zu reiben, sollten wir unseren Nachbarn in der Sache freundlich begegnen. Die werden bis zum Ende unserer Tage unsere Nachbarn sein. Natürlich geht es uns mit den Polen genau so: Wir werden unmittelbare Nachbarn sein, ob wir das nun gut finden oder nicht. Daraus sollten beide Seiten das Beste machen, was gerade möglich ist.
Benutzeravatar
Orbiter1
Beiträge: 7171
Registriert: Fr 23. Feb 2018, 13:25

Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon Orbiter1 » Do 23. Jan 2020, 21:57

H2O hat geschrieben:(23 Jan 2020, 20:50)

Vorweg: Ich bin kein Freund der national-konservativen Partei PiS. Dennoch zeugt Ihre Bewertung Polens und seines Präsidenten von reinstem Unverständnis für das Selbstverständnis des Landes.

Den Ausgangspunkt hat der russische Präsident Putin gesetzt, der Polens Mitschuld am Ausbruch des 2. Weltkriegs behauptet hat, und dabei insbesondere den damaligen polnischen Botschafter in Berlin als ein "antisemitisches Schwein" bezeichnet hat. Und das im Vorfeld seines Besuchs in Jerusalem anläßlich der Befreiung der von Deutschen auf polnischem Boden errichteten Konzentrationslager von Auschwitz und Birkenau durch die Rote Armee. Diese Behauptungen mögen zutreffen oder nicht; aber ich kann verstehen, daß, wenn Putin eine weltweit beachtete Bühne in Yad Vashem zugestanden wird für solche Behauptungen, die polnische Seite sich die Möglichkeit erhofft, ihre Sicht der Dinge ebenfalls darstellen zu können.
Das Holocaust-Gedenken als Bühne für einen Schlagabtausch zwischen Russland und Polen? Und dafür hätten sie auch noch Verständnis. Na Gottseidank ist der Welt dieses beschämende Ereignis erspart geblieben.
Das war also eine sehr bittere Pille für Polen; nicht nur für seine Regierung, die ich auch gern entmachtet sähe. Anstatt nun noch Salz in solche Wunden zu reiben, sollten wir unseren Nachbarn in der Sache freundlich begegnen. Die werden bis zum Ende unserer Tage unsere Nachbarn sein. Natürlich geht es uns mit den Polen genau so: Wir werden unmittelbare Nachbarn sein, ob wir das nun gut finden oder nicht. Daraus sollten beide Seiten das Beste machen, was gerade möglich ist.
Nö, die Einseitigkeit der Bundesregierung guten Willen gegenüber der polnischen Regierung zu zeigen sollte endlich beendet werden. Deutschland ist nicht auf die PiS-Regierung angewiesen.
Benutzeravatar
H2O
Moderator
Beiträge: 30578
Registriert: So 13. Sep 2015, 13:49

Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon H2O » Do 23. Jan 2020, 22:13

Orbiter1 hat geschrieben:(23 Jan 2020, 21:57)

Das Holocaust-Gedenken als Bühne für einen Schlagabtausch zwischen Russland und Polen? Und dafür hätten sie auch noch Verständnis. Na Gottseidank ist der Welt dieses beschämende Ereignis erspart geblieben.
Nö, die Einseitigkeit der Bundesregierung guten Willen gegenüber der polnischen Regierung zu zeigen sollte endlich beendet werden. Deutschland ist nicht auf die PiS-Regierung angewiesen.


Ich bevorzuge eine erträglich Nachbarschaft mit Polen... und lebe sie auch in Pommern.
Benutzeravatar
Orbiter1
Beiträge: 7171
Registriert: Fr 23. Feb 2018, 13:25

Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon Orbiter1 » Do 23. Jan 2020, 22:18

H2O hat geschrieben:(23 Jan 2020, 22:13)

Ich bevorzuge eine erträglich Nachbarschaft mit Polen... und lebe sie auch in Pommern.
Die PiS-Regierung bevorzugt aber keine erträgliche Nachbarschaft mit Deutschland. Den Wunsch sollte man ihr erfüllen.
Benutzeravatar
H2O
Moderator
Beiträge: 30578
Registriert: So 13. Sep 2015, 13:49

Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon H2O » Do 23. Jan 2020, 22:30

Orbiter1 hat geschrieben:(23 Jan 2020, 22:18)

Die PiS-Regierung bevorzugt aber keine erträgliche Nachbarschaft mit Deutschland. Den Wunsch sollte man ihr erfüllen.


Das mag ja stimmen; aber das Land hat 45 Mio Menschen, und mit vielen dieser Menschen stehe ich hier in Verbindung. Ich bin doch nicht von allen guten Geistern verlassen und zoffe mit denen herum, weil im fernen Warschau einige Leute sich das 17. Jahrhundert herbei träumen.
Benutzeravatar
Europa2050
Beiträge: 5666
Registriert: Di 4. Mär 2014, 08:38
Benutzertitel: Kein Platz für Nationalismus

Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon Europa2050 » Fr 24. Jan 2020, 07:05

H2O hat geschrieben:(23 Jan 2020, 22:30)

Das mag ja stimmen; aber das Land hat 45 Mio Menschen, und mit vielen dieser Menschen stehe ich hier in Verbindung. Ich bin doch nicht von allen guten Geistern verlassen und zoffe mit denen herum, weil im fernen Warschau einige Leute sich das 17. Jahrhundert herbei träumen.


Wobei man sagen muss, dass die Union im 17. Jhd durchaus als europäisches Musterland durchgehen kann, allein die Religionstoleranz - Katholiken, Calvinisten, Orthodoxe , Muslime! und vor allem Juden, die in der Union so unbehelligt leben konnten wie in zweitausend Jahren Europa kaum wo.
Die politische Verfassung - 10% des Volkes als Kleinadel mit politischer Mitsprache war für damalige Zeiten „demokratisch“ zu nennen.
Auch Wissenschaft - gut, Kopernikus war ein Jahrhundert früher ...
Kurzum, dem preußischen und moskowitischen Nachbarn deutlich zu bevorzugen.

Aber darauf referenziert die PiS in ihrer Vergangenheitsbezogenheit sicher nicht...
Law not war! - Benjamin Ferencz
Benutzeravatar
H2O
Moderator
Beiträge: 30578
Registriert: So 13. Sep 2015, 13:49

Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon H2O » Fr 24. Jan 2020, 08:50

Europa2050 hat geschrieben:(24 Jan 2020, 07:05)

Wobei man sagen muss, dass die Union im 17. Jhd durchaus als europäisches Musterland durchgehen kann, allein die Religionstoleranz - Katholiken, Calvinisten, Orthodoxe , Muslime! und vor allem Juden, die in der Union so unbehelligt leben konnten wie in zweitausend Jahren Europa kaum wo.
Die politische Verfassung - 10% des Volkes als Kleinadel mit politischer Mitsprache war für damalige Zeiten „demokratisch“ zu nennen.
Auch Wissenschaft - gut, Kopernikus war ein Jahrhundert früher ...
Kurzum, dem preußischen und moskowitischen Nachbarn deutlich zu bevorzugen.

Aber darauf referenziert die PiS in ihrer Vergangenheitsbezogenheit sicher nicht...


Richtig; Bewußtsein und Einfordern von Größe ja, Annäherungen an Tugenden lieber nicht. Eine merkwürdige Schar! (Wobei wir im westlichen Mitteleuropa zwischen 1618 und 1648 die Selbstzerstörung des alten Kaiserreichs HRR erleiden mußten, mit 30% Rückgang der Besiedlungsdichte)

Für Europäer sehr spannend in deutscher Sprache zu lesen: "Polen, was ist das?"
https://www.polityka.pl/tygodnikpolityk ... t-das.read
So viel Fairness in allen Richtungen habe ich noch nie in einer Geschichtsbetrachtung und -bewertung gefunden!
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 14867
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 16:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 24. Jan 2020, 09:20

Orbiter1 hat geschrieben:(23 Jan 2020, 22:18)
Die PiS-Regierung bevorzugt aber keine erträgliche Nachbarschaft mit Deutschland. Den Wunsch sollte man ihr erfüllen.

Die Abschottung zu einem großen und direkt benachbarten Land? In welchem Jahrhundert leben Sie eigentlich?

Deutschland wird mit noch ganz anderen außenpolitischen Herausforderungen - auch innerhalb der EU - umgehen müssen. Stichwort UK, Spanien, Italien, Griechenland ... um nur einige zu nennen. Ganz aktuell ist die Parallele Italien/Polen (wieder einmal) in einem Punkt offensichtlich: In beiden Ländern zieht im Hintergrund ein älterer eigentlicher Parteichef ohne offizielles Regierungsamt alle Fäden. Auch wenn Beppe Grillo und Jarosław Kaczyński politisch ziemlich unterschiedlich ticken.

Es besteht ein bemerkenswerter Unterschied zwischen der auf Konsolidierung der "Nation" ausgerichteten offiziellen Politik der PiS und der ganz zutreffend als "Offenheitsgrad" zu verstehendern Außenhandelsquote. ALso dem prozentualen Anteil der Exporte und Importe eines Landes am Gesamt-BIP. In dieser Hinsicht sind Länder wie Polen oder die Slowakei Weltspitze und liegen noch vor dem "Exportweltmeister" Deutschland. (https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der ... ndelsquote). Man wird noch so einiges befremdliche zu hören bekommen. Nichtsdestotrotz denken diese Länder aus eigenem Interesse nicht im Traume daran, sich irgendwie in die Isolation zu begeben.
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 14867
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 16:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 24. Jan 2020, 09:43

H2O hat geschrieben:(24 Jan 2020, 08:50)

Richtig; Bewußtsein und Einfordern von Größe ja, Annäherungen an Tugenden lieber nicht. Eine merkwürdige Schar! (Wobei wir im westlichen Mitteleuropa zwischen 1618 und 1648 die Selbstzerstörung des alten Kaiserreichs HRR erleiden mußten, mit 30% Rückgang der Besiedlungsdichte)

Für Europäer sehr spannend in deutscher Sprache zu lesen: "Polen, was ist das?"
https://www.polityka.pl/tygodnikpolityk ... t-das.read
So viel Fairness in allen Richtungen habe ich noch nie in einer Geschichtsbetrachtung und -bewertung gefunden!

Der Artikel ist gut. Und von Mai 2010. Einen Monat nach dem spektakulären Absturz der polnischen Regierungsmaschine bei Smolensk. Ich nehme an, auch aus diesem Anlass heraus das Interesse damals.

Er lässt auch einiges aus. Unter anderem die absolut überragende Rolle Polens im europäischen Jazz. Die eigentlich nur noch mit der Frankreichs vergleichbar ist. Jazz ist das Kulturphänomen, das wie kaum ein anderes für Offenheit steht.
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 14867
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 16:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 24. Jan 2020, 09:59

Wie extrem die Missverständnisse und Unkentnisse sind, zeigt folgender Fall: Tesla plant südöstlich von Berlin bekanntlich eine ihrer Gigafactories. Es geht um viele hundert gut bezahlte Jobs. Jüngst erst sorgte eine Stellenanzeige von Tesla für Unmut in Brandenburg: Erwartet werde von neuen Mitarbeitern "Polnischkenntnisse". Der von geradezu kretinhafter Dummköpfigkeit geprägte Reflex darauf: "Will Tesla jetzt 'Billigarbeiter' aus Polen einstellen"? Diese Leute haben nicht einmal den Anflug einer Ahnung, mit welchen Riesenschritten die Welt sich inzwischen weiterbewegt hat. Dass Länder wie Tschechien, Estland und auch bestimmte Zentren in Polen heute die Welt-Spitzenleute in Richtung IT stellen und in Prag, Talinn, Warschau oder Krakau am laufenden Band kleine feine IT-Startups entstehen.
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt
Benutzeravatar
H2O
Moderator
Beiträge: 30578
Registriert: So 13. Sep 2015, 13:49

Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon H2O » Fr 24. Jan 2020, 10:00

schokoschendrezki hat geschrieben:(24 Jan 2020, 09:43)

Der Artikel ist gut. Und von Mai 2010. Einen Monat nach dem spektakulären Absturz der polnischen Regierungsmaschine bei Smolensk. Ich nehme an, auch aus diesem Anlass heraus das Interesse damals.

Er lässt auch einiges aus. Unter anderem die absolut überragende Rolle Polens im europäischen Jazz. Die eigentlich nur noch mit der Frankreichs vergleichbar ist. Jazz ist das Kulturphänomen, das wie kaum ein anderes für Offenheit steht.


Tja, da klafft bei mir eine riesige Bildungslücke. Hier auf dem Lande ist davon nichts zu hören oder sehen. Dafür freundliches Miteinander.
Benutzeravatar
H2O
Moderator
Beiträge: 30578
Registriert: So 13. Sep 2015, 13:49

Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon H2O » Fr 24. Jan 2020, 10:12

schokoschendrezki hat geschrieben:(24 Jan 2020, 09:59)

Wie extrem die Missverständnisse und Unkentnisse sind, zeigt folgender Fall: Tesla plant südöstlich von Berlin bekanntlich eine ihrer Gigafactories. Es geht um viele hundert gut bezahlte Jobs. Jüngst erst sorgte eine Stellenanzeige von Tesla für Unmut in Brandenburg: Erwartet werde von neuen Mitarbeitern "Polnischkenntnisse". Der von geradezu kretinhafter Dummköpfigkeit geprägte Reflex darauf: "Will Tesla jetzt 'Billigarbeiter' aus Polen einstellen"? Diese Leute haben nicht einmal den Anflug einer Ahnung, mit welchen Riesenschritten die Welt sich inzwischen weiterbewegt hat. Dass Länder wie Tschechien, Estland und auch bestimmte Zentren in Polen heute die Welt-Spitzenleute in Richtung IT stellen und in Prag, Talinn, Warschau oder Krakau am laufenden Band kleine feine IT-Startups entstehen.


Nun aber 'mal langsam mit den jungen Pferden! Ich finde es auch befremdlich, wenn in einer Fertigungsstelle auf deutschem Boden Polnischkenntnisse erwartet werden von einem US-amerikanischen Unternehmen... zumal die von Ihnen genannte Kaste ganz wunderbar in der Weltsprache Englisch kommunizieren kann. Diese Sprachkenntnisse hätte ich gefordert und ohne zu stutzen verstanden. Nun, bei Größenordnung 100.000 polnischstämmigen Berlinern sollte Herr Musk doch genügend viele Muttersprachler finden. Etwas merkwürdig das Ganze! Warum dann ausgerechnet Berlin und nicht Posen oder Łodz? EU bleibt doch EU, oder etwa und möglicherweise doch nicht?

Wobei ich als "Pole" in der Hinsicht bestimmt keine Berührungsängste habe.
Benutzeravatar
Europa2050
Beiträge: 5666
Registriert: Di 4. Mär 2014, 08:38
Benutzertitel: Kein Platz für Nationalismus

Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon Europa2050 » Fr 24. Jan 2020, 10:15

H2O hat geschrieben:(24 Jan 2020, 08:50)

Richtig; Bewußtsein und Einfordern von Größe ja, Annäherungen an Tugenden lieber nicht. Eine merkwürdige Schar! (Wobei wir im westlichen Mitteleuropa zwischen 1618 und 1648 die Selbstzerstörung des alten Kaiserreichs HRR erleiden mußten, mit 30% Rückgang der Besiedlungsdichte)

Für Europäer sehr spannend in deutscher Sprache zu lesen: "Polen, was ist das?"
https://www.polityka.pl/tygodnikpolityk ... t-das.read
So viel Fairness in allen Richtungen habe ich noch nie in einer Geschichtsbetrachtung und -bewertung gefunden!


Ja, da hat jemand mit Hirn geschrieben. Und richtig - bis zur ersten polnischen Teilung habe ich in meiner bayerischen Gymnasialzeit (späte 70er Jahre) zum Thema Polen/Litauen nur die Landshuter Fürstenhochzeit und den Wiener Kahlenberg gelernt. Keine Befreiung Ostmitteleuropas durch Algirdas, kein Krewo, kein Lublin.

Deswegen haben heute ja auch so wenige Deutsche wirklich einen Plan von Polen/Ukraine/Litauen/Belarus. Ist halt irgendwie alles Russland - unsere diversen russischen Neubürger unterstützen solche Vorurteile ja auch noch.

Dafür Frankreich und Italien rauf und runter. Und - ich mag sie einfach nicht - Preussen.

Erst viel später stieß ich dank eines Buchtips (von einem Freund aus Belarus) auf dieses Werk, das für Interessierte an der Geschichte Ostmitteleuropas fast ein Muss ist. Ist aber englisch...

https://www.thalia.de/shop/home/artikel ... gJkefD_BwE
Law not war! - Benjamin Ferencz
Benutzeravatar
H2O
Moderator
Beiträge: 30578
Registriert: So 13. Sep 2015, 13:49

Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon H2O » Fr 24. Jan 2020, 11:27

Und - ich mag sie einfach nicht - Preussen.


Ich mag sie schon... vor allem als Preußen, wo jeder auf seine Weise selig werden konnte, wo die schönen Künste und die Musik in Palästen ein und aus gingen, wo bemerkenswerte Baudenkmäler entstanden, wo Forschung und Wissenschaften blühten bis zur Weltspitze. Andere dampfen Preußen auf ein paar widerliche Kommißköppe ein... jeder eben auf seine Weise.

Vor allem aber lernen wir aus der Vernachlässigung Osteuropas in unserem Geschichtsbild, daß Deutschland wohl nie ernsthaft und auf Augenhöhe dem Osten zugewandt war, sondern sich unbeirrt zum Westen bekannte... auf allen Gebieten der Kunst, der Musik, der Wissenschaften. Der Osten bestenfalls als Missionsgebiet mit Buschzulage in St. Petersburg. Zwischen Königsberg und St. Petersburg war wohl nichts von abendländischem Interesse.
Benutzeravatar
conscience
Beiträge: 2421
Registriert: Sa 4. Jun 2016, 13:56
Benutzertitel: Ideen-'Geschicht‘ler'

Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon conscience » Fr 24. Jan 2020, 12:40

Die Polen erbeten gegen den Geschichtsfälscher und Autokraten Putin Hilfe — das tun sie zu Recht. Allerdings fällt es schwer, diese Unterstützung zu leisten, da sich doch Polens radikal-konservative - oder sollte man schon sagen rechtsextreme - Regierung selbst ins Abseits befördert hat. Wahrschau sollte uns Deutschen näher sein als Moskau, denn mit der östlichen Autokratie unter der Fuchtel Putins haben wir keine gemeinsame Grenze. Mit Polen haben wir aber eine gemeinsame Grenze und es ist wünschenswert, dass das so bleibt, und sich in Wahrschau auf Dauer kein autokratisches Regime - weder mit groß-russischen autokratischen noch mit national-polnischen und despotischen - Allüren etablieren kann.
Gegen Antisemitismus und Antizionismus!! Unterstützt Israel!!
Benutzeravatar
naddy
Beiträge: 1128
Registriert: Mo 18. Mär 2019, 11:50

Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon naddy » Fr 24. Jan 2020, 12:53

conscience hat geschrieben:(24 Jan 2020, 12:40)

Die Polen erbeten gegen den Geschichtsfälscher und Autokraten Putin Hilfe — das tun sie zu Recht.

"Der Russe" war für die Deutschen ja schon immer das Problem. Neu ist, daß er es diesmal für die Linken ist.
"Das gefährliche an der Dummheit ist, daß sie die dumm macht, die ihr begegnen." (Sokrates).
Benutzeravatar
conscience
Beiträge: 2421
Registriert: Sa 4. Jun 2016, 13:56
Benutzertitel: Ideen-'Geschicht‘ler'

Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon conscience » Fr 24. Jan 2020, 13:28

naddy hat geschrieben:(24 Jan 2020, 12:53)

"Der Russe" war für die Deutschen ja schon immer das Problem. Neu ist, daß er es diesmal für die Linken ist.


Für jeden wahren Demokraten, egal ob der jetzt links oder rechts zu verordnen ist, ist Russland aufgrund seiner Politik und seinen aggressiven Aktionen ein Problem - das Land ist ein Unruhestifter in der internationalen Politik und die Politik mit dem die Europäer dem östlichen Riesen begegnen sollten, ist m.E. mit den Begriffen containment and rollback zu treffend beschrieben. Polen spielt für Deutschland und Europa eine wichtige Rolle, so ist es doch zusammen mit dem Baltikum unser eigenes Vorfeld, der Cordon sanitaire für die Europäische Union, dahinter verbirgt sich das "Reich der Unfreiheit". Darum kommt es darauf an, in Deutschland einerseits selbst eine Politikwende zu vollziehen und damit andererseits Polen und unsere östlichen Partnerstaaten besser zu unterstützen — praktisch durch militärische und wirtschaftliche Unterstützung, mehr noch politisch durch Integration in die Europäische Union und NATO.
Gegen Antisemitismus und Antizionismus!! Unterstützt Israel!!
Benutzeravatar
Europa2050
Beiträge: 5666
Registriert: Di 4. Mär 2014, 08:38
Benutzertitel: Kein Platz für Nationalismus

Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon Europa2050 » Fr 24. Jan 2020, 15:32

naddy hat geschrieben:(24 Jan 2020, 12:53)

"Der Russe" war für die Deutschen ja schon immer das Problem. Neu ist, daß er es diesmal für die Linken ist.


Irrtum.

Weil es „die Deutschen“ nicht gibt.

Im preußischen Bereich hat man über Jahrhunderte gerne mit Russland kooperiert und Ostmitteleuropa aufgeteilt, sowie gegen revolutionäre Ideen aus Frankreich opponiert. Spätestens seit 1789 war für Preussen Russland (Und Österreich) der Freund gegen Frankreich, Polen und die westdeutschen Kleinstaaten.

Dort - Polen, aber auch Rheinland, Bayern, Schwaben und die Schweiz war es genau andersrum. Frankreich als Verbündeter gegen die gefräßigen Preußen und Österreicher, unterstützt durch Russland. Napoleon wird dort auch komplett anders bewertet als in Preußen oder Russland.

Wirklich „hassbegründend“ zusammengestoßen sind Deutschland und Russland nur im WK2, selbst wenn Deutsche da grenzenlose Schuld auf sich geladen haben.

Selbst der WK1 war im Osten eher ein klassischer Krieg von Armeen und kein Gemetzel wie in Frankreich.
Und ein solcher Zusammenstoß ist - so schlimm er auch war - im historischen Gefüge eher wenig.

In sofern würde ich das deutsch-russische Verhältnis - insbesondere was Norddeutsche betrifft, im historischen Kontext eher als eines der Besseren betrachten. Und das erweckt dazwischen eben eher Argwohn.
Law not war! - Benjamin Ferencz
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 14867
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 16:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 24. Jan 2020, 16:00

Europa2050 hat geschrieben:(24 Jan 2020, 10:15)

Ja, da hat jemand mit Hirn geschrieben. Und richtig - bis zur ersten polnischen Teilung habe ich in meiner bayerischen Gymnasialzeit (späte 70er Jahre) zum Thema Polen/Litauen nur die Landshuter Fürstenhochzeit und den Wiener Kahlenberg gelernt. Keine Befreiung Ostmitteleuropas durch Algirdas, kein Krewo, kein Lublin.

Deswegen haben heute ja auch so wenige Deutsche wirklich einen Plan von Polen/Ukraine/Litauen/Belarus. Ist halt irgendwie alles Russland - unsere diversen russischen Neubürger unterstützen solche Vorurteile ja auch noch.

Dafür Frankreich und Italien rauf und runter. Und - ich mag sie einfach nicht - Preussen.

Erst viel später stieß ich dank eines Buchtips (von einem Freund aus Belarus) auf dieses Werk, das für Interessierte an der Geschichte Ostmitteleuropas fast ein Muss ist. Ist aber englisch...

https://www.thalia.de/shop/home/artikel ... gJkefD_BwE

Faszinierend, ja. Ebenso wie "Nachdenken über das 20. Jahrhundert" mit Snyder als Mitautor. Eine voräufige Gesamtbilanz. Wo stehen wir heute? In einer neuen Biedermeier-Epoche? War das Ende des Ost-West-Konflikts 89/90 in irgendeiner Hinsicht das, was in der ersten Hälfte des 19, Jahrhunderts der Wiener Kongress war? Und nun will man wieder eine polnische, ungarische einheitliche Nationalkultur, Ruhe, Erbaulichkeit? Zurück zum britischen Empire (ab Ende nächster Woche)?


Zu Preußen: Es waren die Dichterinnen der Romantik - allen voran Bettina von Armin - die sich mit ganzer Leidenschaft für ein unabhängiges Polen einsetzten. Es gab in der Mitte des 19. jahrhunderts in den literarischen Salons Preußens eine regelrechte "Polenbegeisterung". (Zusammen mit einem Italienfantum). General Bem und Giuseppe Garibaldi (und weniger bekannt vielleicht Lajos Kossuth in Ungarn) ... das waren die Che's des 19. jahrhunderts. Die Helden des "Völkerfrühlings".

Bezüglich Russland liegen die Dinge anders. Das muss man einfach mal geradeaus und ohne Rücksicht auf Polen, Ukrainer und sonstige Völker im Osten so sagen: Russland hat bereits im 19. Jahrhundert kosmopolitische Genies hervorgebracht. Turgenjew, Dostojewski und dann später Musiker, Literaten, Maler der Moderne: Strawinsky, Kandinski, Blok, Meyerhold, Malewitsch, Zwetajewa, Eisenstein, Pasternak, Tarkowski ... die Reihe lässt sich schier endlos fortsetzen. Wie kann eine Erdenregion nur derartig viele Genies hevorbringen? Mir ist das ein Rätsel. Teilweise sind es natürlich Russen jüdischer Herkunft. Es handelt sich jedenfalls nicht um "verdiente Nationalkünstler" sondern um Künstler an sich. Bei den Bemühungen der ehemaligen Sowjetrepubliken und jetzigen neuen Staaten bekomme ich regelmäßig schlechte Laune. Immer handelt es sich um Vertreter einer "Nationalkultur" ... mein Gott ... wenn etwa von der Kultur der neuen unabhängigen Ukraine die Rede ist, sehe ich Menschen mit Wischiwanka gekleidet und einem Teller Borschtsch auf dem Tisch. Das ist Provinz! Wie um alles in der Welt kann man an dieses grandiose kosmopolitische Potenzial Russlands wieder anknüpfen? Ohne freilich Russland als Imperialmacht anzuerkennen oder eine solche Rolle zu akzeptieren.
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt

Zurück zu „31. EU - EFTA“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste