Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

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Kohlhaas
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon Kohlhaas » Di 8. Dez 2020, 18:42

Und nicht genug damit, dass Ungarn und Polen keine Rechtsstaatlichkeit wollen, sie wollen auch keine Lohn- und Sozialstandards!

https://www.spiegel.de/wirtschaft/sozia ... 7062b80d76

Offenbar finden sie es gut, dass polnische und ungarische Arbeiter in Deutschland schlechter bezahlt werden als deutsche Arbeiter. Das ist ja sehr patriotisch.

Nun, mit diesem Vorstoß sind die Herren Morawiecki und Orban schonmal gescheitert. Mit dem Veto gegen den Haushalt und die Rechtsstaatlichkeit wird es genauso laufen.
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon Maikel » Mi 9. Dez 2020, 08:42

Kohlhaas hat geschrieben:(08 Dec 2020, 18:42)Offenbar finden sie es gut, dass polnische und ungarische Arbeiter in Deutschland schlechter bezahlt werden als deutsche Arbeiter.

Das kann man gut finden, weil sie damit konkurrenzfähiger sind, dadurch eher eingestellt werden. Und trotzdem noch für polnische und ungarische Verhältnisse wahnsinnig viel Geld nach Hause überweisen können. Nicht zu vergessen das deutsche Kindergeld.
Man vergegenwärtige sich, dass [im Durchschnitt] an jedem Tag seit vierzig Jahren, auch gestern und vorgestern, 170 000 Menschen aus extremer Armut aufgestiegen sind;
(Hans Widmer auf NZZ.ch)
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H2O
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon H2O » Mi 9. Dez 2020, 10:10

Nun ja, als Pole vom Dienst bitte ich doch darum, die ungleiche Verteilung des Wohlstands in der EU zu sehen. Genau die führt ja zur "Entsendung" von Arbeitnehmern in die Wohlstandszonen der EU. Mit der Notwendigkeit "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit", und um die Arbeitnehmer in den Wohlstandsgebieten der EU keiner unlauteren Konkurrenz aus zu setzen, wird erreicht, daß die Arbeit im Westen noch einträglicher wird, also noch mehr Menschen über ihren Schatten springen und ihr Land verlassen. Zuerst als entsandte Arbeitnehmer einer polnischen (Schein-)Firma, und irgendwann dann der Sprung aus dieser Umklammerung in ein deutsches Unternehmen, oder sogar in die Selbständigkeit... wenn der Arbeitnehmer eine gesuchte Qualifikation hat und sich wenigstens im Alltag auf Deutsch verständigen kann..

Uns Deutsche soll es freuen, wenn möglichst viele fleißige und anstellige Polen, Ungarn, Balten den Weg zu uns finden. Aber mit Blick auf Europa als Gemeinschaft ist diese Freude vielleicht doch verfehlt.

Das Thema ist also verzwickter als es uns zu sein scheint. Selbst das gewährte Kindergeld ist ein Faktor in der Preisfindung. Im Herkunftsland (Polen, Ungarn, Rumänien, Bulgarien) stiftet dieses Geld einigen Segen für Angehörige, öffnet Bildungschancen für Kinder, die ansonsten keinen Zugang dazu hätten. Und 20 Jahre später bekommen wir in Deutschland besser gebildete Arbeitnehmer im Entsendeverfahren, oder besser gebildete Arbeitnehmer an verlängerten Werkbänken erfolgreicher deutscher Unternehmen im Ausland.

In so mancher Hinsicht gilt (beileibe nicht immer!) der alte deutsche Spruch: "Der Teufel entleert sich immer auf dem größten Haufen!"
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon sünnerklaas » Mi 9. Dez 2020, 11:19

H2O hat geschrieben:(09 Dec 2020, 10:10)

Nun ja, als Pole vom Dienst bitte ich doch darum, die ungleiche Verteilung des Wohlstands in der EU zu sehen. Genau die führt ja zur "Entsendung" von Arbeitnehmern in die Wohlstandszonen der EU. Mit der Notwendigkeit "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit", und um die Arbeitnehmer in den Wohlstandsgebieten der EU keiner unlauteren Konkurrenz aus zu setzen, wird erreicht, daß die Arbeit im Westen noch einträglicher wird, also noch mehr Menschen über ihren Schatten springen und ihr Land verlassen. Zuerst als entsandte Arbeitnehmer einer polnischen (Schein-)Firma, und irgendwann dann der Sprung aus dieser Umklammerung in ein deutsches Unternehmen, oder sogar in die Selbständigkeit... wenn der Arbeitnehmer eine gesuchte Qualifikation hat und sich wenigstens im Alltag auf Deutsch verständigen kann..

Uns Deutsche soll es freuen, wenn möglichst viele fleißige und anstellige Polen, Ungarn, Balten den Weg zu uns finden. Aber mit Blick auf Europa als Gemeinschaft ist diese Freude vielleicht doch verfehlt.

Das Thema ist also verzwickter als es uns zu sein scheint. Selbst das gewährte Kindergeld ist ein Faktor in der Preisfindung. Im Herkunftsland (Polen, Ungarn, Rumänien, Bulgarien) stiftet dieses Geld einigen Segen für Angehörige, öffnet Bildungschancen für Kinder, die ansonsten keinen Zugang dazu hätten. Und 20 Jahre später bekommen wir in Deutschland besser gebildete Arbeitnehmer im Entsendeverfahren, oder besser gebildete Arbeitnehmer an verlängerten Werkbänken erfolgreicher deutscher Unternehmen im Ausland.

In so mancher Hinsicht gilt (beileibe nicht immer!) der alte deutsche Spruch: "Der Teufel entleert sich immer auf dem größten Haufen!"


Es ist ja unbestritten, dass die Abwanderung der letzten 30 Jahren eine Ursache für die heutige Stärke der AfD in Ostdeutschland, der PiS und von Fidesz in Ungarn ist. Hinzu kommt die große Skepsis vieler gegen Gewerkschaften. Die gelten als sozialistisches Teufelszeug. Durch das niedrige Lohnniveau sind diese Länder als Profuktionsstandort interessant. Eigentlich müssten die Löhne in Polen sehr viel höher sein, als sie es jetzt sind.
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon Kohlhaas » Mi 9. Dez 2020, 14:07

Maikel hat geschrieben:(09 Dec 2020, 08:42)

Das kann man gut finden, weil sie damit konkurrenzfähiger sind, dadurch eher eingestellt werden. Und trotzdem noch für polnische und ungarische Verhältnisse wahnsinnig viel Geld nach Hause überweisen können. Nicht zu vergessen das deutsche Kindergeld.

Genau diese Definition von "konkurrenzfähig" muss man aber doch hinterfragen. Diese Definition von "Konkurrenzfähigkeit" führt dazu, dass Polen/Ungarn/Rumänen.... in Deutschland als "billige Sklaven" so gern gesehen sind, monatelang irgendwelche Lastwagen durch die Gegend chauffieren und ihre Wochenenden auf irgendwelchen Autobahnraststätten in den Führerhäusern ihrer LKW´s verbringen müssen. Genau diese Definition von "konkurrenzfähig" führt doch dazu, dass Menschen in Deutschland ihre Jobs verlieren, weil Saisonarbeiter aus Polen oder Ungarn oder... "billiger" sind. Und das wiederum führt dazu, dass hierzulande die Fremdenfeindlichkeit zunimmt.

Meine "Vision" von Europa sieht anders aus. Die habe ich bei Urlauben z.B. in Griechenland auch schon verwirklicht gesehen. Ich fand es ganz wunderbar, zu sehen, dass die Menschen dort ungefähr genauso komfortabel leben konnten wie wir hier in Deutschland. DAS sollte das Ziel der europäischen Einigung sein: gleiche Lebensverhältnisse in allen Mitgliedsländern. Lohndumping ist gewiss kein sinnreiches Mittel zur Gestaltung der Zukunft Europas.
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon Kohlhaas » Mi 9. Dez 2020, 15:34

Wie es scheint, kneifen Polen und Ungarn den Schwanz ein. Sie wollen offenbar von ihren "Veto" abrücken und den Rechtsstaatsmechanismus hinnehmen:

https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/ ... 93561.html
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon Haegar » Mi 9. Dez 2020, 16:51

Kohlhaas hat geschrieben:Wie es scheint, kneifen Polen und Ungarn den Schwanz ein. Sie wollen offenbar von ihren "Veto" abrücken und den Rechtsstaatsmechanismus hinnehmen:

https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/ ... 93561.html


Schau mer mal, ob der Kompromiss bei dem Parlament und den sparsamen Vier Zustimmung findet.
Es war trotzdem interessant zu beobachten, dass die beiden Staaten der Meinung waren, dass sie in die Hand beissen können, die sie füttert.
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon Kohlhaas » Mi 9. Dez 2020, 18:15

Haegar hat geschrieben:(09 Dec 2020, 16:51)

Schau mer mal, ob der Kompromiss bei dem Parlament und den sparsamen Vier Zustimmung findet.
Es war trotzdem interessant zu beobachten, dass die beiden Staaten der Meinung waren, dass sie in die Hand beissen können, die sie füttert.

Wir wissen ja gar nicht, wie der Kompromiss aussehen wird. Das weiß ja noch niemand. Wenn die Kommission da eventuell eine "Aufweichung" des Rechtsstaatsmechanismus vorgeschlagen hätte, dann würde das ohnehin nicht durch das Parlament gehen. Die "sparsamen Vier" spielen da meiner Einschätzung nach keine Rolle. Entscheidend ist die Haltung der übrigen hoffentlich rechtsstaatlichen Fünfundzwanzig. Warten wir mal ab!

Bemerkenswert finde ich es jetzt erstmal, dass die widerlichen Populisten in Polen und Ungarn gerade klein beigeben. Mit dem Rechtsstaatsmechanismus hat die EU offenbar einen Weg gefunden, den populistischen und korrupten Möchtegerndiktatoren in der Union endlich mal das Maul zu stopfen. Dass eine korrupte Zecke wie Orban den Staat Ungarn lenken und seiner eigenen Sippe EU-Gelder in die Taschen schaufeln darf, ist noch unerträglicher als der Umstand, dass ein Mann wie Scheuer noch deutscher Verkehrsminister ist.
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon sünnerklaas » Mi 9. Dez 2020, 20:46

Kohlhaas hat geschrieben:(09 Dec 2020, 18:15)

Bemerkenswert finde ich es jetzt erstmal, dass die widerlichen Populisten in Polen und Ungarn gerade klein beigeben. Mit dem Rechtsstaatsmechanismus hat die EU offenbar einen Weg gefunden, den populistischen und korrupten Möchtegerndiktatoren in der Union endlich mal das Maul zu stopfen. Dass eine korrupte Zecke wie Orban den Staat Ungarn lenken und seiner eigenen Sippe EU-Gelder in die Taschen schaufeln darf, ist noch unerträglicher als der Umstand, dass ein Mann wie Scheuer noch deutscher Verkehrsminister ist.

Leuten, wie Orban musst man ganz einfach nur zum richtigen Zeitpunkt ganz kärftig auf die Finger hauen. Sinngemäß hiess es, als es bei der letzten Wahl für Orbans Partei eng zu werden drohte, man würde sofort den gefährlichen Ausländer ins Land lassen, sollte Fidesz nicht gewählt werden. Das kam bei vielen Ungarn an, die sind regelrecht panisch und hysterisch geworden. Das, was Orban da betreibt, ist letztendlich nichts mehr, als Schutzgelderpressung.
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon Dieter Winter » Do 10. Dez 2020, 22:32

Haegar hat geschrieben:(09 Dec 2020, 16:51)

Schau mer mal, ob der Kompromiss bei dem Parlament und den sparsamen Vier Zustimmung findet.
Es war trotzdem interessant zu beobachten, dass die beiden Staaten der Meinung waren, dass sie in die Hand beissen können, die sie füttert.


Der "Kompromiss" ist eine krachende Niederlage für die EU.
https://www.spiegel.de/politik/deutschl ... 3184264274
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon Kohlhaas » Do 10. Dez 2020, 23:24

Dieter Winter hat geschrieben:(10 Dec 2020, 22:32)

Der "Kompromiss" ist eine krachende Niederlage für die EU.
https://www.spiegel.de/politik/deutschl ... 3184264274

Den von Dir zitierten Kommentar kann ich gar nicht nachvollziehen. Seit Wochen wird den Polen und Ungarn gesagt, dass sie ihr dämliches Veto zurücknehmen und stattdessen den Europäischen Gerichtshof anrufen sollen. Wo ist das Problem? Ist doch völlig normal in einem Rechtsstaat, dass man bei Streitfragen Gerichte anruft.
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon Dieter Winter » Fr 11. Dez 2020, 03:51

Kohlhaas hat geschrieben:(10 Dec 2020, 23:24)

Den von Dir zitierten Kommentar kann ich gar nicht nachvollziehen. ....... Wo ist das Problem?

"Verstöße gegen die Rechtsstaatlichkeit sollen nur noch dann geahndet werden, wenn sie die Verwendung von EU-Mitteln betreffen. Andere Verletzungen der Grundwerte, etwa die Einschränkung der Medien- und Meinungsfreiheit oder die Unterdrückung von Minderheiten, sind außen vor."

Jetzt klarer?
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon H2O » Fr 11. Dez 2020, 08:10

Voller Überraschung stelle ich fest: Der Kanzlerin ist buchstäblich im letzten Augenblick die Quadratur des Kreises gelungen; die Zahl "Pi" hat ihre Schrecken verloren!

In der Presseschau der Frühnachrichten des DLF wurde bedauert, daß die Kanzlerin sich von Polen und Ungarn hat erpressen lassen. MP Rutte lobt, daß die notwendige gerichtliche Prüfung eines Verstoßes gegen die Rechtsstaatlichkeit nicht dazu führt, daß einmal gezahlte Gelder unwiderruflich verloren sind. Die polnische Presse (zumindest die noch unabhängigen Blätter!) sprechen von einer Niederlage, und Wettbewerber Ziobro (Innenminister) sieht seinen MP Morawiecki schon als Landesverräter vor Gericht stehen.

Gut gemacht! So sehen wohl gute Kompromisse aus! Allerdings hat Mutti in der Rzeczpospolita eine finstere Miene aufgesetzt... wirklich zum Fürchten. Ich nehme an, daß sich dort jemand darum bemüht hat, möglichst viele dieser Art Bilder zusammen zu tragen.

So etwas habe ich zuletzt bei der Bändigung der Griechen gesehen, als Mutti dort die Folterwerkzeuge ausgepackt hatte... na ja, eigentlich war das seinerzeit ja Herr Schäuble, aber der Kanzlerin hatte man deshalb den Kübel Jauche über den Kopf gegossen.

Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen, wer demnächst den Zuchtmeister geben wird. Vielleicht ist es eine gute Idee, sich den MP Rutte von den Niederlanden wenigstens dazu aus zu leihen? :thumbup:
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon Kamikaze » Fr 11. Dez 2020, 08:11

Und wieder einmal verspielt die EU ihre Glaubwürdigkeit und wird zur reinen Geldumverteilungsmaschine für jene, die sich an nichts zu halten brauchen.
Die Trottel in diesem System sind doch die, die sich an die "europäischen Werte" halten und diese umsetzen wollen.
Anstatt hier mal klare Kante zu zeigen hat die EU einmal mehr den Schwanz eingekniffen und den lautesten Schreihälsen wieder einmal den Arsch gepudert anstatt ihr eigenes Veto gegen sie aus zu spielen.
So langsam aber sicher verstehe ich die Briten - und das obwohl ich bis dato überzeugter Europäer war. :(
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon H2O » Fr 11. Dez 2020, 09:03

Mein, das Gegenteil ist richtig! Polen und Ungarn müssen sich künftig vom EuGH bescheinigen lassen, daß ihr Verständnis von einem Rechtsstaat verfehlt ist... und es gibt kein Veto mehr gegen dieses Urteil. Bisher konnte ein Veto eines Freundes die Anwendung des Urteilsspruchs verhindern... nun hilft diesen Sonderlingen noch nicht einmal mehr der Viererbund Visegrad. Wahr ist aber, daß zum Einlenken allein die Aussicht geführt hat, daß beide, Ungarn und Polen, an der europäischen Anleihe zur Überwindung der Pandemiefolgen, nicht mehr beteiligt worden wären. Das war sozusagen ein Sieg 2:27 wie seinerzeit, als über eine zweite Amtszeit Tusks als Ratspräsident abgestimmt wurde. Damals waren die beiden unbeugsamen, Frau MP Szydlo und Herr Außenminister Waszczykowski, recht bald darauf ihre Ämter los. Meine Vermutung: Herr Innenminister Ziobro wird als Scharfmacher sein Amt verlieren. Polexit findet statt... nicht! Niemand wird ihm verzeihen, daß er auf demonstrierende Frauen mit Totschlägern ausgerüstete Banditen losgelassen hat, während die Polizei sich das Treiben ansah.
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon H2O » Fr 11. Dez 2020, 09:17

sünnerklaas hat geschrieben:(09 Dec 2020, 11:19)

Es ist ja unbestritten, dass die Abwanderung der letzten 30 Jahren eine Ursache für die heutige Stärke der AfD in Ostdeutschland, der PiS und von Fidesz in Ungarn ist. Hinzu kommt die große Skepsis vieler gegen Gewerkschaften. Die gelten als sozialistisches Teufelszeug. Durch das niedrige Lohnniveau sind diese Länder als Profuktionsstandort interessant. Eigentlich müssten die Löhne in Polen sehr viel höher sein, als sie es jetzt sind.


Wieder meldet sich hier der Pole vom Dienst: Die Firma Lidl wirbt um geeignete Mitarbeiter im Lidl-Supermarkt in Kamień Pomorski. Vor etwa 2 Jahren wurde eine Anstellung "all inclusive" (Versicherungen, Altersversicherung, verbilligter Einkauf für Mitarbeiter) für 2.700 PLN angeboten (etwa 650 € / Monat). Gestern habe ich bei Lidl ein gleiches Stellenangebot für 3.900 PLN gesehen. Haben Sie jemals 30-prozentige Einkommenssteigerungen einer Berufsgruppe in Deutschland erlebt? Die mir erinnerliche "Spitzenleistung" war 1972 so ungefähr 15%... nach einige Monaten Streik.

Es tut sich also etwas in Polen... hoffentlich nicht nur bei Lidl.
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon Kamikaze » Fr 11. Dez 2020, 09:29

H2O hat geschrieben:(11 Dec 2020, 09:03)

Mein, das Gegenteil ist richtig! Polen und Ungarn müssen sich künftig vom EuGH bescheinigen lassen, daß ihr Verständnis von einem Rechtsstaat verfehlt ist... und es gibt kein Veto mehr gegen dieses Urteil. Bisher konnte ein Veto eines Freundes die Anwendung des Urteilsspruchs verhindern... nun hilft diesen Sonderlingen noch nicht einmal mehr der Viererbund Visegrad. Wahr ist aber, daß zum Einlenken allein die Aussicht geführt hat, daß beide, Ungarn und Polen, an der europäischen Anleihe zur Überwindung der Pandemiefolgen, nicht mehr beteiligt worden wären. Das war sozusagen ein Sieg 2:27 wie seinerzeit, als über eine zweite Amtszeit Tusks als Ratspräsident abgestimmt wurde. Damals waren die beiden unbeugsamen, Frau MP Szydlo und Herr Außenminister Waszczykowski, recht bald darauf ihre Ämter los.


Ich hoffe innständig, dass Sie mit Ihrer Einschätzung recht behalten. :)
Allerdings sehe ich aktuell auch wie häufig die Urteile des EuGH gelesen und schlicht ignoriert werden. :dead:
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 11. Dez 2020, 10:22

H2O hat geschrieben:(11 Dec 2020, 09:17)

Wieder meldet sich hier der Pole vom Dienst: Die Firma Lidl wirbt um geeignete Mitarbeiter im Lidl-Supermarkt in Kamień Pomorski. Vor etwa 2 Jahren wurde eine Anstellung "all inclusive" (Versicherungen, Altersversicherung, verbilligter Einkauf für Mitarbeiter) für 2.700 PLN angeboten (etwa 650 € / Monat). Gestern habe ich bei Lidl ein gleiches Stellenangebot für 3.900 PLN gesehen. Haben Sie jemals 30-prozentige Einkommenssteigerungen einer Berufsgruppe in Deutschland erlebt? Die mir erinnerliche "Spitzenleistung" war 1972 so ungefähr 15%... nach einige Monaten Streik.

Es tut sich also etwas in Polen... hoffentlich nicht nur bei Lidl.


Es ist allerdings schwierig, die pandemiebedingten Entwicklungen und den allgemeinen Wirtschaftstrend auseinanderzuhalten. Die Discounter gehören angeblich zu den Pandemiegewinnern. In allen größeren Innenstädten Deutschlands ist eine beschleunigte kulturelle Verödung zu befürchten, weil die wenigen großen Discounter noch weiter die Einzelhandelsfilialen verdrängen.
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 11. Dez 2020, 10:28

Kamikaze hat geschrieben:(11 Dec 2020, 08:11)

Und wieder einmal verspielt die EU ihre Glaubwürdigkeit und wird zur reinen Geldumverteilungsmaschine für jene, die sich an nichts zu halten brauchen.
Die Trottel in diesem System sind doch die, die sich an die "europäischen Werte" halten und diese umsetzen wollen.
Anstatt hier mal klare Kante zu zeigen hat die EU einmal mehr den Schwanz eingekniffen und den lautesten Schreihälsen wieder einmal den Arsch gepudert anstatt ihr eigenes Veto gegen sie aus zu spielen.
So langsam aber sicher verstehe ich die Briten - und das obwohl ich bis dato überzeugter Europäer war. :(


Ich bin in einem ziemlich interessanten Beitrag jüngst übrigens darauf hingewiesen worden, dass die sogenannten Lancaster-House-Verträge eigentlich noch immer gültig sind. 2010, noch unter Sarkozy, hatte sich Frankreich in der militärischen Zusammenarbeit mehr und mehr UK zugewandt. Eindeutig eine Abkehr von der immer wieder beschworenen "immer engeren Kooperation" innerhalb der EU mit Deutschland. Die Briten sind EU-mäßig nun draußen. Die Lancaster-House-Verträge gelten aber noch immer. Es ist wie so häufig nicht so einfach und eindeutig wie es scheint. Und mit dem Machtwechsel in Washington wird dieses ganze Verhältnis EU, UK, EU intern, transatlantisches Bündnis wiederum nochmal neu und spannend. Wird Biden die Verlagerung von US-Truppen nach Polen einschränken oder sogar stoppen?
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 11. Dez 2020, 10:36

Kamikaze hat geschrieben:(11 Dec 2020, 08:11)

Und wieder einmal verspielt die EU ihre Glaubwürdigkeit und wird zur reinen Geldumverteilungsmaschine für jene, die sich an nichts zu halten brauchen.
Die Trottel in diesem System sind doch die, die sich an die "europäischen Werte" halten und diese umsetzen wollen.
Anstatt hier mal klare Kante zu zeigen hat die EU einmal mehr den Schwanz eingekniffen und den lautesten Schreihälsen wieder einmal den Arsch gepudert anstatt ihr eigenes Veto gegen sie aus zu spielen.
So langsam aber sicher verstehe ich die Briten - und das obwohl ich bis dato überzeugter Europäer war. :(


Du solltest dir nocheinmal klar machen: Der EU-Haushalt ist ein kleines Bächlein gegenüber den riesigen großen Strömen, die durch Handelsfreiheit, Dienstleistungsfreiheit, Zollfreiheit usw. möglich geworden sind. Dort läuft gewissermaßen der Hauptfilm. Die Briten und die EU zanken sich um Fischereirechte, obwohl die Einnahmen daraus irgendwo unter ein Prozent vom BIP liegen. Die ganzen politischen Diskussionen sowohl um die Einzelheiten im Brexit-Abkommen wie auch um den Abschluss des EU-Haushalts werden weitgehend sozusagen medial und symbolisch geführt. Auch ein verantwortlicher Exekutiv-Politiker wie Johnson, so hat man zuweilen den Eindruck, will nicht eigentlich "regieren" im Sinne einer vernünftigen Exekutivpolitik, sondern "Premierminister sein" und einen ähnlichen Ruhm einheimsen wie sein großes Vorbild Churchill.
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