Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Moderator: Moderatoren Forum 3

Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 16231
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 16:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon schokoschendrezki » Sa 21. Nov 2020, 14:45

Orbiter1 hat geschrieben:(20 Nov 2020, 10:31)

Da werden BMW und andere Unternehmen ihre Pläne eben ändern müssen wenn sich die begonnene Abspaltung von Ungarn und Polen fortsetzt. Zumindest sollten diese Unternehmen bereits heute unmißverständlich klar machen dass man einen Plan B (den es sowieso gibt) weiter ausdetailliert und sämtliche Investitionstätigkeiten in Polen und Ungarn solange aussetzt bis eine Klärung in Fragen der Rechtsstaatlichkeit auf EU-Ebene erzielt wurde. Im übrigen sollten Unternehmen an ihren internationalen Investitionsstandorten an rechtsstaatlich einwandfreien Verfahren interessiert sein die von unabhängigen Richtern durchgeführt werden.

Das Problem bei der Beurteilung dieser aktuellen Entwicklung besteht darin, dass diese massiv von den Pandemieentwicklungen betroffen ist. Nachdem zunächst Länder wie Italien, Frankreich, UK, Spanien betroffen waen und Länder wie Tschechien, Slowakei und Ungarn weitgehend verschont zu bleiben schienen ... verlagert sich nun ein Schwerpunkt der Pandemie ins südliche Mittelosteuropa. Besonders der Raum dieses sogenannten mittelosteuropäischen Autoindustrieclusters vom südlichen Polen über Tschechien und Slowakei bis nach Nordwestungarn und den Raum Wien ist betroffen. Umso interessanter bzw. eigentlich fragwürdiger wird die auf Nichtauszahlung der entsprechenden AUszahlungen des Wiederaufbaufonds der EU hinauslaufende Politik des Systems Orbán. Ich würde mal denken: Es steht auf der Kippe. Weder sitzt die EU am längeren Hebel noch kann ein Land wie Ungarn bei einem Fortgang der aktuellen Entwicklung allein die Krise meistern. Dass Orbán aber eben nicht nur die EU sondern auch die z.B. von der deutsch-ungarischen Handelsvertretung vertretenen Unternehmen fest an seiner Seit weiß, ist Fakt. Und er ist mit seiner Fidesz-Partei nach wie vor Teil der EVP. Nicht vergessen. Vielleicht nicht persönlich er selbst, aber seine Fachleute, sind eben ganz einfach fleißig und uneitel. Sie reden nicht wie etwa Leute wie früher Junker oder heute Asselborn über Demokratie und Freiheit sondern studieren Punkt für Punkt die europäischen Verträge und analysieren ganz genau, wie weit sie wie gehen können. Wundert dich das? Hast du erwartet, dass die irgendwie zu ihrem eigenen Nachteil Politik machen?

Natürlich ist die Industrie an Rechtsstaatlichkeit nicht nur interessiert sondern darauf angewiesen. Der Verlust von Rechtsstaatlichkeit in Ungarn richtet sich aber keineswegs gegen die Wirtschaft. Weder gegen die nationale noch die von Investoren aus dem Ausland. Sie richtet sich gegen die eigenen Intellektuellen, Künstler, Journalisten. Sofern sie liberal und nicht nationalistisch drauf sind.
Ich habe nie in meinem Leben irgendein Volk oder Kollektiv geliebt ... ich liebe in der Tat nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig unfähig (Hannah Arendt)
Benutzeravatar
H2O
Moderator
Beiträge: 34426
Registriert: So 13. Sep 2015, 13:49

Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon H2O » Sa 21. Nov 2020, 15:41

Sie reden nicht wie etwa Leute wie früher Junker oder heute Asselborn über Demokratie und Freiheit sondern studieren Punkt für Punkt die europäischen Verträge und analysieren ganz genau, wie weit sie wie gehen können. Wundert dich das?


Ja, das wundert mich schon; der Sinn der EU war eine Gemeinschaftsbildung zum gegenseitigen Vorteil mit dem Ziel einer sich stetig vertiefenden Zusammenarbeit. Dieser Grundsatz ist an den bienenfleißigen Analytikern offenbar ganz vorbei gegangen. Können die sich überhaupt erklären, wozu es Nettozahler gibt, die, anstatt ihre Mittel zum eigenen Nutzen aus zu geben, diese zum Aufbau der osteuropäischen Wirtschaft und Infrastruktur bereitstellen? Da ist doch etwas oberfaul!
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 16231
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 16:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon schokoschendrezki » Sa 21. Nov 2020, 15:47

Kohlhaas hat geschrieben:(21 Nov 2020, 14:04)

Toller Kommentar. Du bist eine echte Geistesgröße! Ich verneige mich vor Deiner Großartigkeit.

Und was ändert das?

Fakt ist: Zwei Nationen haben angekündigt, dem Haushalt nicht zustimmen zu wollen. Sie erklären das nicht mit Vorbehalten gegen den Haushalt! Mit dem Haushalt sind sie und müssen sie vollkommen eiverstanden sein, weil die die größten Profiteure dieses Haushalts sind. Sie erklären die "angedrohte" Ablehung des Haushalts mit Gründen, die mit dem Haushalt selbst gar nichts zu tun haben.

Das ist definitiv ein Versuch, zu erpressen.


Natürlich ist das Erpressung. Was denn sonst. Und?

Gerade jetzt jährt sich zum 25. mal der Mannheimer Parteitag der SPD. Zur Erinnerung: Es ging um den Machtkampf zwischen Scharping, LaFontaine und Schröder. Warum erwähne ich das? Mit allen Mitteln, mit Gemeinheiten, Intrigen, Erpressungen, schlimmsten Vorwürfen wurde dieser Machtkampf geführt. 1995. Knapp 10 Jahre danach trat Ungarn der EU bei. Was erwartet man denn? Gutmenschlichkeit? "Dankbarkeit" vielleicht noch? Ungarn hat ganz wesentlich mit dem Ende des Eisernen Vorhangs dafür gesorgt, dass deutsche Unternehmen plötzlich über einen unfassbar erweiterten leicht zugänglichen Absatzmarkt verfügten. Und mit diesem erweiterten europäischen Markt Milliarden über Milliarden Gewinn machen. Summen, gegen die diese sogenannten "EU-Gelder" marginal sind. Dazu kommt mehr und mehr die Möglichkeit deutscher Unternehmen, ihre Produktions- und Entwicklungskapazitäten in diese Richtung auszudehnen. In Deutschland, ein wenig kann ich das schon beurteilen, ist die Lust am ingenieurmäßigen Tüfteln nur noch mäßig ausgeprägt. Man weiß, dass man schon ein bissel Mathe, Physik, Technik, Programmieren drauf haben muss ... und will dann aber schnell in die Management-Ebene. Das ist in einem Land wie Ungarn anders. Und das wird man in naher Zukunft auch bemerken.

Aber natürlich ist das Problem des Rechtsstaatsabbaus in Ungarn relevant. Und natürlich versorgt Viktor Orbán seine Freundes-Klicke ungehemmt mit EU-Mitteln, die er vornehmlich aus der idiotischen Agrar-Politik der EU bezieht. Leidtragende sind jedoch nicht wir Deutschen. Wir sind die Profiteure! Leidtragende sind ungarische Künstler, Intellektuelle und Journalisten.
Ich habe nie in meinem Leben irgendein Volk oder Kollektiv geliebt ... ich liebe in der Tat nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig unfähig (Hannah Arendt)
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 16231
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 16:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon schokoschendrezki » Sa 21. Nov 2020, 16:04

H2O hat geschrieben:(21 Nov 2020, 15:41)

Ja, das wundert mich schon; der Sinn der EU war eine Gemeinschaftsbildung zum gegenseitigen Vorteil mit dem Ziel einer sich stetig vertiefenden Zusammenarbeit. Dieser Grundsatz ist an den bienenfleißigen Analytikern offenbar ganz vorbei gegangen. Können die sich überhaupt erklären, wozu es Nettozahler gibt, die, anstatt ihre Mittel zum eigenen Nutzen aus zu geben, diese zum Aufbau der osteuropäischen Wirtschaft und Infrastruktur bereitstellen? Da ist doch etwas oberfaul!


Das können die sich schon erklären. Zumindest der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur und der regionalen Energieversorgung dient u.a. dazu, den Abtransport der Güter und den Hintransport der benötigten Teile in den Produktionsstätten internationaler Unternehmen in Ungarn zu gewährleisten. Schauen Sie. Was soll denn "vertiefende Zusammenarbeit" substanziell sein? Man könnte auf außenpolitische, kulturelle, militärische Zusammenarbeit verweisen. Das hat aber in Bezug auf Ungarn nur eine untergeordnete Bedeutung für die EU.

Was soll "Aufbau der osteuropäischen Wirtschaft" durch eigene (Staats)Mittel bedeuten? Die staatsgelenkte Wirtschaft wurde ja gerade abgeschafft. Der Staat kann vielleicht Geld für Kindergärten und Hochschulen bereitstellen. Die Wirtschaft ist europäisiert, globalisiert und geht ihre eigenen Wege. Es gibt nicht diesen "Empfänger" Ungarn mit seiner nationalen Wirtschaft. Ungarn ist Teil eines internationalisierten Wirtschaftsgeflechts mit Eigengesetzlichkeiten.
Ich habe nie in meinem Leben irgendein Volk oder Kollektiv geliebt ... ich liebe in der Tat nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig unfähig (Hannah Arendt)
Benutzeravatar
H2O
Moderator
Beiträge: 34426
Registriert: So 13. Sep 2015, 13:49

Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon H2O » Sa 21. Nov 2020, 16:13

Leidtragende sind jedoch nicht wir Deutschen. Wir sind die Profiteure!


Eine rührende Geschichte! Und weil wir Alt-EUler die Lust am Gewinn verloren haben, betreiben wir in der EU-Ratspräsidentschaft den Ausschluß Polens und Ungarns aus den geplanten Mitteln zur Überwindung der Folgen der Pandemie.

Aus meiner Sicht ist Gewinn notwendig für wirtschaftliches Handeln, denn sonst kann man sich die Mühe und Arbeit anderen Orts auch ersparen. Dann mache ich es mir zu Hause gemütlich... oder breche auf zu anderen Ufern.

Das Ziel der EU ist aber die Gemeinschaft, die zum gegenseitigen Vorteil besonders gut zusammenarbeitet. Die Zusammenarbeit ist aber nicht nur die Wirtschaft gerichtet, sondern auf sämtliche Gebiete einer Gesellschaft! Wenn erkennbar dieses Ziel verfehlt wird, dann braucht niemand diese Gemeinschaft oder das Mitglied, das gegen den Geist der Gemeinschaft mutwillig und erpresserisch verstößt. Da reden wir wirklich von Ungeheuerlichkeiten.

Entsprechend entschlossen tritt die EU mehrheitlich nun auch auf!
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 16231
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 16:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon schokoschendrezki » Sa 21. Nov 2020, 16:27

Zum Thema Quo Vadis selbst: Wenn ich Außenminister wäre ... ich würde das Maximum der mir zur Verfügung stehenden Mittel in Expertengruppen stecken, die die Möglichkeiten einer engeren französisch-deutsch-polnischen Zusammenarbeit innerhalb der EU ausloten. Dazu muss man zuerst das Phänomen Brexit sehen. Dann die Entwicklungen in den USA. Die Orientierung der USA (egal ob unter Trump oder Biden) auf Osteuropa. Die Rolle Polens gegenüber Russland und die Rolle Polens gegenüber den Staaten, die Schwierigkeiten mit Russland haben: Ukraine, Baltikum, Belarus. Die ganze weltpolitisch-geographische Gesamtlage. Damit will ich nicht die Bedeutung kleinerer Staaten wie Dänemark oder Tschechien herunterspielen. Eine EU mit einem Kernbündnis Frankreich,Deutschland,Polen wäre außenpolitisch einfach die Lösung für längerfristige Stabilität in der EU. Frankreich steht für eine eigenständige EU mit Frankreich als Führungsmacht. Deutschland als Vermittler. Die politische Lage in Polen ist Fifty-Fifty. Man könnte auf die Idee kommen, einfach die liberalen politischen Kräfte in Polen irgendwie zu stärken und dieses fifty-fifty-Verhältnis zu kippen. Keine kluge Idee, glaube ich, Es würde die Legenden von der deutschen Beeinflussung stärken, Man muss letztendlich auch klug und - natürlich ohne Aufgabe von Grundprinzipien - auf die PIS-Partei zugehen. Ich kann mir längerfristig nur eine EU mit einem deutsch-französisch-polnischen Kern vorstellen.
Ich habe nie in meinem Leben irgendein Volk oder Kollektiv geliebt ... ich liebe in der Tat nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig unfähig (Hannah Arendt)
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 16231
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 16:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon schokoschendrezki » Sa 21. Nov 2020, 16:33

H2O hat geschrieben:(21 Nov 2020, 16:13)

Eine rührende Geschichte! Und weil wir Alt-EUler die Lust am Gewinn verloren haben, betreiben wir in der EU-Ratspräsidentschaft den Ausschluß Polens und Ungarns aus den geplanten Mitteln zur Überwindung der Folgen der Pandemie.


Naja. Am dringlichsten betreiben ja die auszuschließenden beiden Länder selbst ihren eigenen Ausschluss. Und zwar bewusst. So naiv wird kaum einer der Diskutanten hier sein, um nicht zu sehen, dass Ungarn und Polen mit dem Veto vor allem die Auszahlung von Mitteln an sie selbst behindern. Vorsätzlich.
Zuletzt geändert von schokoschendrezki am Sa 21. Nov 2020, 16:56, insgesamt 1-mal geändert.
Ich habe nie in meinem Leben irgendein Volk oder Kollektiv geliebt ... ich liebe in der Tat nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig unfähig (Hannah Arendt)
Senexx

Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon Senexx » Sa 21. Nov 2020, 16:43

@Schokoschendrezki

Im Gegensatz zu den hier dominanten Luftschlossvertretern haben Sie einige vernünftige Gesichtspunkte eingebracht. Hegel ist out, Marx rulez.

Man kann es auch mit Heine sagen: Luftreich der Träume und so...
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 16231
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 16:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon schokoschendrezki » Sa 21. Nov 2020, 17:08

Senexx hat geschrieben:(21 Nov 2020, 16:43)

@Schokoschendrezki

Im Gegensatz zu den hier dominanten Luftschlossvertretern haben Sie einige vernünftige Gesichtspunkte eingebracht. Hegel ist out, Marx rulez.

Man kann es auch mit Heine sagen: Luftreich der Träume und so...

Hegel? Marx? Europa?

Ich hab' anlässlich von Hegels 250. Geburtstag unlängst im August in jüngster Zeit etliche Beiträge über diesen Philosophen gehört und gelesen. Dialektik. Vor allem aber auch "Geist" und "Naturzustand". Schwieriger Stoff. Nach Hegel wäre die EU, hätte sie Bestand, vielleicht so etwas wie die Realisierung einer Vernunft des Weltgeists und ... dialektisch betrachtet - dazu gleichzeitig der Widerspruch? Nun ja. Ich gebe zu, dass ich mit der Frage nach dem Zusammenhang Hegel, Quo Vadis EU eigentlich hoffnungslos überfordert bin. :(
Ich habe nie in meinem Leben irgendein Volk oder Kollektiv geliebt ... ich liebe in der Tat nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig unfähig (Hannah Arendt)
Kohlhaas
Beiträge: 4857
Registriert: So 24. Feb 2019, 19:47

Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon Kohlhaas » Sa 21. Nov 2020, 17:15

schokoschendrezki hat geschrieben:(21 Nov 2020, 15:47)Aber natürlich ist das Problem des Rechtsstaatsabbaus in Ungarn relevant. Und natürlich versorgt Viktor Orbán seine Freundes-Klicke ungehemmt mit EU-Mitteln, die er vornehmlich aus der idiotischen Agrar-Politik der EU bezieht. Leidtragende sind jedoch nicht wir Deutschen. Wir sind die Profiteure! Leidtragende sind ungarische Künstler, Intellektuelle und Journalisten.


Genau darum geht es doch! Genau dieses Problem soll der vereinbarte "Rechtsstaatsmechanismue" doch lösen. Bis es soweit ist, sind aber nicht wir Deutsche die "Profiteure" des Systems, sondern Orban und sie korruptes Machtsystem.
Benutzeravatar
H2O
Moderator
Beiträge: 34426
Registriert: So 13. Sep 2015, 13:49

Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon H2O » Sa 21. Nov 2020, 17:36

Das können die sich schon erklären. Zumindest der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur und der regionalen Energieversorgung dient u.a. dazu, den Abtransport der Güter und den Hintransport der benötigten Teile in den Produktionsstätten internationaler Unternehmen in Ungarn zu gewährleisten.


Ganz toll! Man kann auch sagen, daß Ungarn offenbar nur auf wirtschaftliche Entwicklung ausgerichtet ist, und daß es damit gut sein soll... aus ungarischer Sicht. Mitnichten!

Bei jedem China-Besuch wird EU-Spitzenpolitikern die Frage der Menschenrechte in die Aktentasche geschoben, aber bei Ungarn sollen Fragen nach der Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte keine wesentliche Rolle spielen? Mit China haben wir aber keinen Gemeinschaftsvertrag (EU-Vertrag) geschlossen. Da muß etwas vom Kopf wieder auf die Füße gestellt werden!
Benutzeravatar
Fliege
Beiträge: 6306
Registriert: Sa 26. Mai 2018, 00:15

Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon Fliege » Sa 21. Nov 2020, 18:56

Kohlhaas hat geschrieben:(21 Nov 2020, 12:44)

Das ist Quatsch mit Soße!

Die EU sieht keine Vetos vor. Die Verträge legen nur fest, dass bestimmte Entscheidungen einstimmig beschlossen werden müssen. Und hier soll auch niemand hinaus gemobbt werden. Zwei Mitgliedsstaaten stellen sich gerade ganz bewusst und aus eigenem Antrieb ins Abseits - in der Hoffnung, die anderen 25 Mitgliedsstaaten erpressen zu können.

Und bei dem ganzen Zank geht es nicht darum, dass die Gemeinschaft den beiden Möchtegern-Erpressern irgendwelche unmoralischen Dinge aufzwingen wollte. Es geht darum, dass die beiden Erpresser-Staaten sowas Grundsätzliches wie "Rechtsstaatlichkeit" ablehnen.

Man muss schon ein sehr eigentümliches "Demokratieverständnis" haben, wenn man sowas als "hinaus mobben" interpretiert.

Was du sagst, insbesondere das von mir Unterstrichene, klingt m. E. leider doch so, wie von mir befürchtet.

Dennoch mein Dank für deine Rechtfertigungsbemühung.
Fake-News-Bügelmaschine: "Glauben Sie nicht den Gerüchten, sondern nur den offiziellen Mitteilungen". — Don Alphonso: "2021 wird ein scheußliches Jahr".
Benutzeravatar
H2O
Moderator
Beiträge: 34426
Registriert: So 13. Sep 2015, 13:49

Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon H2O » Sa 21. Nov 2020, 19:36

schokoschendrezki hat geschrieben:(21 Nov 2020, 16:33)

Naja. Am dringlichsten betreiben ja die auszuschließenden beiden Länder selbst ihren eigenen Ausschluss. Und zwar bewusst. So naiv wird kaum einer der Diskutanten hier sein, um nicht zu sehen, dass Ungarn und Polen mit dem Veto vor allem die Auszahlung von Mitteln an sie selbst behindern. Vorsätzlich.


Nein, die beiden hatten nicht auf dem Zettel, daß die EU so weit gehen würde, das gesamte Pandemie-Wiederaufbaupaket als "Privatsache" von 24 EU-Mitgliedern zu entwickeln. Für die Teilhabe daran gelten die bekannten Bedingungen... und schon war die Erpressung ins Leere gelaufen.

Und der gewöhnliche EU-Haushalt kann mit erträglichen Einschränkungen auch auf der Grundlage des alten Haushalts weiter geführt werden. Die Einschränkungen sind für die alten Mitglieder erträglich... Beihilfen zur Regionalförderung fehlen darin.

Und so werden wir wohl gepeinigte Peiniger erleben.

In Polen fürchtet man deshalb schon (Gazeta Wyborcza), daß Orban im nächsten Verhandlungsgang einknicken wird, um an diese Mittel doch noch heran zu kommen. Die Parallele wird gezogen zur Wahl der 2 Ratspräsidentschaft Donald Tusks, als Polen für seine Abwahl einen Wahlsieg 1:27 errang. Wer den Schaden hat...
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 16231
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 16:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon schokoschendrezki » Sa 21. Nov 2020, 19:52

H2O hat geschrieben:(21 Nov 2020, 17:36)

Ganz toll! Man kann auch sagen, daß Ungarn offenbar nur auf wirtschaftliche Entwicklung ausgerichtet ist, und daß es damit gut sein soll... aus ungarischer Sicht. Mitnichten!

Bei jedem China-Besuch wird EU-Spitzenpolitikern die Frage der Menschenrechte in die Aktentasche geschoben, aber bei Ungarn sollen Fragen nach der Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte keine wesentliche Rolle spielen? Mit China haben wir aber keinen Gemeinschaftsvertrag (EU-Vertrag) geschlossen. Da muß etwas vom Kopf wieder auf die Füße gestellt werden!


H2O: China ist gerade aktuell mit dem gerade aktuell abgeschlossenen Ostasien-Freihandelsvertrag der Oberherr in einem unglaublichen, riesigen Wirtschaftsgebiet geworden. Das Japan und Australien einschließt. Bei allen politischen Querelen bis hin zu möglichen militärischen Querelen. China wird von einer kommunistischen Partei regiert. Erstens. Die USA sind bei diesem Freihandelsvertrag nicht dabei. Wollen nicht dabei sein. China ist nun der Chef in diesem riesigen Wirtschaftsraum. Ich sag das in keinster Weise als eine Art Triumph sondern als traurige Wahrheit. Der Kommunismus 2.0 scheint im Systemwettbewerb siegen zu können. Und: Wichtig: Auch hier zählt eine Exportnation wie Deutschland zu den Gewinnern, zu den Nettoprofiteuren. Und die eigentlichen Verlierer sind auch hier so wie in Ungarn die Intellektuellen, Künstler, Oppositionellen, Journalisten.
Ich habe nie in meinem Leben irgendein Volk oder Kollektiv geliebt ... ich liebe in der Tat nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig unfähig (Hannah Arendt)
Benutzeravatar
Tom Bombadil
Beiträge: 49219
Registriert: Sa 31. Mai 2008, 16:27
Benutzertitel: Non Soli Cedit

Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon Tom Bombadil » Sa 21. Nov 2020, 20:08

schokoschendrezki hat geschrieben:(21 Nov 2020, 19:52)

China ist gerade aktuell mit dem gerade aktuell abgeschlossenen Ostasien-Freihandelsvertrag der Oberherr in einem unglaublichen, riesigen Wirtschaftsgebiet geworden.

Nein, das stimmt nicht.
The tree of liberty must be refreshed from time to time with the blood of patriots and tyrants. It is its natural manure.
Thomas Jefferson
Diffamierer der Linken.
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 16231
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 16:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon schokoschendrezki » Sa 21. Nov 2020, 20:09

H2O hat geschrieben:(21 Nov 2020, 19:36)

Nein, die beiden hatten nicht auf dem Zettel, daß die EU so weit gehen würde, das gesamte Pandemie-Wiederaufbaupaket als "Privatsache" von 24 EU-Mitgliedern zu entwickeln. Für die Teilhabe daran gelten die bekannten Bedingungen... und schon war die Erpressung ins Leere gelaufen.

Und der gewöhnliche EU-Haushalt kann mit erträglichen Einschränkungen auch auf der Grundlage des alten Haushalts weiter geführt werden. Die Einschränkungen sind für die alten Mitglieder erträglich... Beihilfen zur Regionalförderung fehlen darin.

Und so werden wir wohl gepeinigte Peiniger erleben.

In Polen fürchtet man deshalb schon (Gazeta Wyborcza), daß Orban im nächsten Verhandlungsgang einknicken wird, um an diese Mittel doch noch heran zu kommen. Die Parallele wird gezogen zur Wahl der 2 Ratspräsidentschaft Donald Tusks, als Polen für seine Abwahl einen Wahlsieg 1:27 errang. Wer den Schaden hat...

Gut. Das werden wir sehen. Schon rein von den Einnahmeausfällen in der Tourismus-Branche ... ich glaube, Polen ist prozentual etwas weniger vom Tourismus abhängig als Ungarn, gibt es Schäden mehr als genug. Eines meine ich jedoch als verhältnismäßig sicher einzuschätzen: Orbán ist im Gegensatz zu Kaczynski ein Opportunist, Taktiker und gewandter politischer Kommunikator. Der weder von Kathollizismus noch von Katzenliebe getrieben wird ... sondern der einfach seine Klicke geschickt mit Macht und Geld versorgt. Und dem Volk irgendwas von der Großartigkeit des Ungarntums erzählt.
Ich habe nie in meinem Leben irgendein Volk oder Kollektiv geliebt ... ich liebe in der Tat nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig unfähig (Hannah Arendt)
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 16231
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 16:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon schokoschendrezki » Sa 21. Nov 2020, 20:11

Tom Bombadil hat geschrieben:(21 Nov 2020, 20:08)

Nein, das stimmt nicht.

Gut. Anderes Thema. Ich bin da auch nicht sonderlich kompetent. Ich habe damit einfach nur 90 Prozent der seriösen Kommentare der letzten Woche zu diesem Thema, die mir zugänglich waren, zusammengefasst.
Ich habe nie in meinem Leben irgendein Volk oder Kollektiv geliebt ... ich liebe in der Tat nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig unfähig (Hannah Arendt)
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 16231
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 16:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon schokoschendrezki » Sa 21. Nov 2020, 20:19

Kohlhaas hat geschrieben:(21 Nov 2020, 17:15)

Genau darum geht es doch! Genau dieses Problem soll der vereinbarte "Rechtsstaatsmechanismue" doch lösen. Bis es soweit ist, sind aber nicht wir Deutsche die "Profiteure" des Systems, sondern Orban und sie korruptes Machtsystem.

Unabhängig davon: Eine Exportnation ist immer Profiteur von Marktöffnungen. Die Osterweiterung der EU führte dazu, dass die Exportnationen sich dumm und dämlich verdienen. Die Infrastruktur-Ausgleichshilfen sind Peanuts dagegen. Als wenn es in Ländern wie Polen oder UNgarn nicht bereits eine dichte und funktionierende Verkehrs- und Bildungsinfrastruktur gegeben hätte. Schon vor dem EU-Beitritt.

Jetzt und kurz- und mittelfristig geht es jedoch noch um was anderes: Wo wird künftig in Europa produziert, entwickelt und getüftelt. Wo werden die hidden champions sitzen. Und welche Rolle wird die Übermacht China und das Projekt Seidenstraße dabei spielen.
Ich habe nie in meinem Leben irgendein Volk oder Kollektiv geliebt ... ich liebe in der Tat nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig unfähig (Hannah Arendt)
Benutzeravatar
Tom Bombadil
Beiträge: 49219
Registriert: Sa 31. Mai 2008, 16:27
Benutzertitel: Non Soli Cedit

Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon Tom Bombadil » Sa 21. Nov 2020, 20:24

schokoschendrezki hat geschrieben:(21 Nov 2020, 20:11)

Ich habe damit einfach nur 90 Prozent der seriösen Kommentare der letzten Woche zu diesem Thema, die mir zugänglich waren, zusammengefasst.

Die deutschen Medien ergehen sich gerne in Schwanengesängen und Wehklagen. Hier eine mMn. realistische Einschätzung: https://www.finanzen.net/nachricht/akti ... ep-9520128 Logisch, denn Japan, Südkorea, Australien und Indonesien sind auch keine wirtschaftlichen Leichtgewichte, die China mal einfach so übertölpelt hat. Und warum ist Russland nicht dabei?
Zwei wichtige Staaten fehlen: Indien und Taiwan. Sollten die USA nicht RCEP doch noch beitreten, sollten sie sich auf diese zwei Staaten fokussieren.
The tree of liberty must be refreshed from time to time with the blood of patriots and tyrants. It is its natural manure.
Thomas Jefferson
Diffamierer der Linken.
Benutzeravatar
Tom Bombadil
Beiträge: 49219
Registriert: Sa 31. Mai 2008, 16:27
Benutzertitel: Non Soli Cedit

Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon Tom Bombadil » Sa 21. Nov 2020, 20:27

schokoschendrezki hat geschrieben:(21 Nov 2020, 20:19)

Wo wird künftig in Europa produziert, entwickelt und getüftelt.

Wenn es nach Willen von grün-rot-blutrot geht: nirgends.

Und welche Rolle wird die Übermacht China...

China ist keine Übermacht. Wenn man sich aber immer nur vor China auf den Boden wirft und im Dreck wälzt, dann sieht das schon sehr dominant aus. Da fehlt es aber insbesondere den Deutschen an Selbstbewusstsein, es herrscht immer die diffuse Angst, deutsche Produkte könnten nicht mehr gefragt sein, wenn man sich nicht möglichst unterwürfig verhält.
The tree of liberty must be refreshed from time to time with the blood of patriots and tyrants. It is its natural manure.
Thomas Jefferson
Diffamierer der Linken.

Zurück zu „31. EU - EFTA“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast