Großbritannien - post Brexit

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Haegar
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon Haegar » Fr 9. Apr 2021, 10:16

Boris "zutiefst besorgt" über die Geister die er mit dem nationalistischen Brexitrausch aus der Flasche geholt hat:

https://www.spiegel.de/politik/ausland/ ... bd6ebccbaf

Man könnte sagen: Da hat doch jeder vernüftige Mensch davor gewarnt, Du Blondie !
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon sünnerklaas » Fr 9. Apr 2021, 15:54

Haegar hat geschrieben:(09 Apr 2021, 10:16)

Boris "zutiefst besorgt" über die Geister die er mit dem nationalistischen Brexitrausch aus der Flasche geholt hat:

https://www.spiegel.de/politik/ausland/ ... bd6ebccbaf

Man könnte sagen: Da hat doch jeder vernüftige Mensch davor gewarnt, Du Blondie !


Man hat es billigend in Kauf genommen. So wird eher ein Schuh draus: Raus aus der EU um jeden Preis, auch um den, dass der Bürgerkrieg in Nordirland wieder ausbricht. Und im Zweifelsfall wird man die Nordiren ziehen lassen. Dann haben die Iren und die EU das Problem mit gewalttätigen radikalen Unionisten, nicht die Briten.
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon Vongole » Fr 9. Apr 2021, 16:41

Prince Philipp, Duke of Edinburgh, dies aged 99
https://www.theguardian.com/uk-news/202 ... burgh-dies

Bis zur Beerdigung gilt eine landesweite Trauerzeit, die Queen wird keine Termine wahrnehmen, also auch keine Gesetze unterschreiben.
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon sünnerklaas » Fr 9. Apr 2021, 21:06

Vongole hat geschrieben:(09 Apr 2021, 16:41)

Prince Philipp, Duke of Edinburgh, dies aged 99
https://www.theguardian.com/uk-news/202 ... burgh-dies

Bis zur Beerdigung gilt eine landesweite Trauerzeit, die Queen wird keine Termine wahrnehmen, also auch keine Gesetze unterschreiben.


Passend dazu der Hinweis in der ZEIT: Eine Ära geht zu Ende.
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon Eiskalt » Mo 12. Apr 2021, 16:10


Die Geschäftslage britischer Exporteure war schon lange nicht mehr gut – und seit dem endgültigen Ausscheiden des Vereinigten Königreichs aus dem Handelsverbund der Europäischen Union (EU) Anfang des Jahres ist sie noch einmal schlechter geworden.

Das belegen Zahlen, die die britische Handelskammer BCC jetzt veröffentlicht hat. 41 Prozent der Exporteure auf der Insel melden in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres 2021 demnach einen Rückgang der Umsätze – und das, obwohl Weltwirtschaft und Welthandel eigentlich seit geraumer Zeit schon wieder Fahrt aufnehmen.

40 Prozent berichteten der Handelskammer von keinen Veränderungen im Geschäft, lediglich 20 Prozent der britischen Firmen geben an, dass sich ihre Umsätze erhöht haben. Es handle sich in Teilen um die schlechtesten Exportzahlen, »die jemals in der Geschichte unserer Datenaufzeichnung registriert wurden«, zitiert die Nachrichtenagentur Bloomberg Hannah Essex, Co-Chefin der Handelskammer.

Zwar verweise die britische Regierung immer darauf, es handle sich bei den Rückschlägen im Exportgeschäft um »teething problems«, also eine Art Kinderkrankheit nach dem Brexit, die schnell überstanden sein werde. Essex weist das zurück. Es seien im Gegenteil »strukturelle Probleme, die, wenn sie weiter nicht angegangen werden, zu langfristiger und möglicherweise irreversibler Schwäche führen könnten«.


https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/brexit-britische-handelskammer-meldet-historisch-schlechte-exportzahlen-a-ca28d529-e087-4c28-abc5-651c71e23457

Naja....fuck business! :x
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon Ove Haithabu » Mo 12. Apr 2021, 18:13

sünnerklaas hat geschrieben:(09 Apr 2021, 15:54)

Man hat es billigend in Kauf genommen. So wird eher ein Schuh draus: Raus aus der EU um jeden Preis, auch um den, dass der Bürgerkrieg in Nordirland wieder ausbricht. Und im Zweifelsfall wird man die Nordiren ziehen lassen. Dann haben die Iren und die EU das Problem mit gewalttätigen radikalen Unionisten, nicht die Briten.

Die Nordiren kann man gar nicht ziehen lassen. Dazu bedarf es einer Volksabstimmung, in der sich die Mehrheit der Nordiren entweder für eine Unabhängigkeit oder für einen Anschluß an die Republik Irlands ausspricht, in Nordirland. Und eine solche Mehrheit zeichnet sich auch trotz Brexit nicht ab.
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon Ove Haithabu » Mo 12. Apr 2021, 18:28

Kohlhaas hat geschrieben:(05 Apr 2021, 20:05)
Natürlich stecken die alten Kämpen dahinter. Oder auch einfach nur Mama und Papa. Bedenklich finde ich es, dass die jungen Leute offensichtlich bis heute die alten "Feindbilder" verstehen und verinnerlicht haben. Auf beiden Seiten!

Kein Wunder wenn man bedenkt dass es in Städten wie Belfast noch eine Mauer gibt bei der abends das Tor verriegelt wird. Und wenn der Papa dann die Frage nach dem "Warum ist die Mauer da ?" mit "Weil auf der anderen Seite der verrückte und streitsüchtige Katholik/Protestant wohnt." beantwortet, ist es auch nicht verwunderlich wenn die jungen Leute Hass lernen.

Das Argument "die andere Seite wird von der Politik bevorzugt" haben auch beide Seiten für sich gepachtet. Und wenn irgendjemand an irgendeinen Jahrestag in grün oder orange marschiert dann wird stets darauf gepocht dass man undedingt in den Vierteln auf der anderen Mauerseite marschieren muss. Hat natürlich nichts mit Provokation sondern mit Tradition zu tun. Na klar.

Kohlhaas hat geschrieben:(05 Apr 2021, 20:05)
Das Karfreitagsabkommen hat nur die Gewalt beendet, nicht die Feindschaft. Allein das ist schon ein großer Erfolg. Aber wie wir gerade sehen, kann das auch jederzeit wieder umschlagen. Eine Aussicht auf echten Frieden würde ich sehen, wenn sich die jungen Leute, die nie direkt mit der Gewalt konfrontiert waren, jetzt abseits halten würden.

Oder wenn diese jungen Leute nun auf die Strasse gehen würden um demonstrativ Gewalt auf beiden Seiten abzulehnen.
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon sünnerklaas » Mo 12. Apr 2021, 19:45

Ove Haithabu hat geschrieben:(12 Apr 2021, 18:13)

Die Nordiren kann man gar nicht ziehen lassen. Dazu bedarf es einer Volksabstimmung, in der sich die Mehrheit der Nordiren entweder für eine Unabhängigkeit oder für einen Anschluß an die Republik Irlands ausspricht, in Nordirland. Und eine solche Mehrheit zeichnet sich auch trotz Brexit nicht ab.


Das war die letzte Meldung, die ich dazu gelesen habe.
Das hier stammt aus dem Januar.

Würde Johnson die Volksabstimmung verlieren, hätte das Folgen für GB - das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland würde nicht mehr existieren. Übrig blieben Nachfolgestaaten bzw. ein Nachfolgestaat.

Aber für Johnson wäre das durchaus bequem: er wäre die Krawallmacher in Nordirland los. Damit könnten sich dann Iren und die EU herumplagen.
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon Ove Haithabu » Mo 12. Apr 2021, 23:52


Das sind nicht repräsentative Stimmungen. Bei einer tatsächlichen Abstimmung wird dann weitergedacht. Dann fliessen langfristige Überlegungen mit ein. Die Älteren fragen sich was wohl mit ihrer Pension in GB passiert und die Jüngeren fragen sich ob sie wohl nach wie vor einfachen und billigen Zugang zu britischen Universitäten haben werden. Und da man wohl kaum erwarten darf, dass ein Populist wie Johnson abtrünnigen Nordiren noch Geschenke hinterherwirft, kann man sich das Ergebnis wohl ausmalen.

sünnerklaas hat geschrieben:(12 Apr 2021, 19:45)
Würde Johnson die Volksabstimmung verlieren, hätte das Folgen für GB - das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland würde nicht mehr existieren. Übrig blieben Nachfolgestaaten bzw. ein Nachfolgestaat.

Das kommt darauf an wie eine Volkabstimmung aussähe. Ein nicht kleiner Teil der Nordiren identifiziert sich weder als britisch noch als irisch sondern als nordirisch. Die werden darauf pochen dass die Abstimmung nicht nur GB und Irland beinhaltet sondern auch den eigenen Staat Nordirland. Und mit drei Möglichkeiten gibt es erst recht keine Mehrheit mehr; dann bleibt der Status Quo.

sünnerklaas hat geschrieben:(12 Apr 2021, 19:45)
Aber für Johnson wäre das durchaus bequem: er wäre die Krawallmacher in Nordirland los. Damit könnten sich dann Iren und die EU herumplagen.

Dafür, dass es in den Dilemma auf unserer Insel keine Universallösung gibt, war die Angehensweise von Herr Johnson gar nicht mal so dumm. Denen mit orangenen Hemden kann er sagen "Ihr seit doch noch in GB" und denen mit grünen Hemden kann er sagen "Ihr seit doch noch in der Zollunion und im Erasmusprogramm auch noch". Das ist natürlich eine Gradwanderung, ob es klappt werden wir sehen.
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon Misterfritz » Di 13. Apr 2021, 00:05

Ove Haithabu hat geschrieben:(12 Apr 2021, 23:52)
Dafür, dass es in den Dilemma auf unserer Insel keine Universallösung gibt, war die Angehensweise von Herr Johnson gar nicht mal so dumm. Denen mit orangenen Hemden kann er sagen "Ihr seit doch noch in GB" und denen mit grünen Hemden kann er sagen "Ihr seit doch noch in der Zollunion und im Erasmusprogramm auch noch". Das ist natürlich eine Gradwanderung, ob es klappt werden wir sehen.
Doch, es ist dumm!
Denn die Krawalle und die Gewalt finden in Nordirland statt. also auf GB-Boden und ist damit das Problem von London.
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon Ove Haithabu » Di 13. Apr 2021, 11:01

Misterfritz hat geschrieben:(13 Apr 2021, 00:05)

Doch, es ist dumm!
Denn die Krawalle und die Gewalt finden in Nordirland statt. also auf GB-Boden und ist damit das Problem von London.

Nein, so eine einfache Lösung gibt es für dieses komplizierte Problem nicht. Das Problem kann nur gemeinsam gelöst werden.

Zum Höhepunkt der Troubles gab es auch Bombenanschläge ausserhalb von Nordirland, z. B. Dublin oder Birmingham. Es ist ein Problem für alle, nicht nur ein Problem von London.
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon Misterfritz » Di 13. Apr 2021, 11:25

Ove Haithabu hat geschrieben:(13 Apr 2021, 11:01)

Nein, so eine einfache Lösung gibt es für dieses komplizierte Problem nicht. Das Problem kann nur gemeinsam gelöst werden.

Zum Höhepunkt der Troubles gab es auch Bombenanschläge ausserhalb von Nordirland, z. B. Dublin oder Birmingham. Es ist ein Problem für alle, nicht nur ein Problem von London.
Sicherlich,
aber Verursacher ist aber nicht die EU sondern GB.
Das Salz in der Suppe des Lebens ist nicht Selbstdisziplin, sondern kontrollierte Unvernunft ;)
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon Kohlhaas » Di 13. Apr 2021, 12:31

Ove Haithabu hat geschrieben:(12 Apr 2021, 23:52)

Das sind nicht repräsentative Stimmungen. Bei einer tatsächlichen Abstimmung wird dann weitergedacht. Dann fliessen langfristige Überlegungen mit ein. Die Älteren fragen sich was wohl mit ihrer Pension in GB passiert und die Jüngeren fragen sich ob sie wohl nach wie vor einfachen und billigen Zugang zu britischen Universitäten haben werden. Und da man wohl kaum erwarten darf, dass ein Populist wie Johnson abtrünnigen Nordiren noch Geschenke hinterherwirft, kann man sich das Ergebnis wohl ausmalen.

Wenn solche Sorgen tatsächlich bestehen, sind sie wohl eher irrational. Die große Mehrzahl der Menschen in Nordirland sind britische Staatsangehörige. Ich wüsste nicht, wie Johnson diesen Leuten Rechte entziehen sollte, die allen britischen Bürgern laut Gesetz zustehen.

Das kommt darauf an wie eine Volkabstimmung aussähe. Ein nicht kleiner Teil der Nordiren identifiziert sich weder als britisch noch als irisch sondern als nordirisch. Die werden darauf pochen dass die Abstimmung nicht nur GB und Irland beinhaltet sondern auch den eigenen Staat Nordirland. Und mit drei Möglichkeiten gibt es erst recht keine Mehrheit mehr; dann bleibt der Status Quo.

Sicher kennst Du die Situation auf der Insel besser als ich, aber mir zumindest ist keine relevante Gruppe bekannt, die ein unabhängiges Nordirland anstrebt. Die Kernaussage des Karfreitagsabkommens lautet: Alle Iren sollen die gesamte Insel gemeinsam nutzen dürfen. Zweck dieser Festlegung war es, dass die verhasste Grenze zwischen dem Norden und der Republik verschwindet. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Idee mehrheitsfähig ist, jetzt stattdessen gleich zwei Grenzen zu erreichten - eine zur Republik hin und eine zweite zu Großbritannien hin. Außerdem hat eine deutliche Mehrheit der Nordiren für den Verbleib in der EU gestimmt. Hier liegt ein zusätzlicher Anreiz, bei einer möglichen Volksbefragung für die Vereinigung Nordirlands mit der Republik zu stimmen.

Dafür, dass es in den Dilemma auf unserer Insel keine Universallösung gibt, war die Angehensweise von Herr Johnson gar nicht mal so dumm. Denen mit orangenen Hemden kann er sagen "Ihr seit doch noch in GB" und denen mit grünen Hemden kann er sagen "Ihr seit doch noch in der Zollunion und im Erasmusprogramm auch noch". Das ist natürlich eine Gradwanderung, ob es klappt werden wir sehen.

Nicht so dumm? Die von Dir geschilderte Taktik würde nur funktionieren, wenn die Menschen dumm wären. Sind sie aber nicht. Die sehen doch im täglichen Leben, dass beide Aussagen letztlich nicht miteinander vereinbar sind. Miteinander vereinbar waren sie nur, solange GB Mitglied der EU war. Das wusste Johnson. Oder zumindest hätte er es wissen müssen. Es war ihm aber egal. Irland hat ihn nie interessiert. Man kann seine Politik nur so auslegen, dass ihm der Brexit wichtiger war als der Verbleib Nordirlands im Vereinigten Königreich. Und die Scharfmacher von der DUP haben Johnson unterstützt, weil sie ihre letzte Chance in einem "harten Brexit" gesehen haben, der wieder eine harte Grenze zwischen Nordirland und der Republik etabliert hätte. Genau deshalb sind jetzt die Krawalle aufgeflammt.

Und die Lage ist explosiv! Das sieht man daran, dass im Verlauf der Krawalle dann auch die "Friedensmauern" angegriffen wurden.

Aus meiner Sicht gibt es nur eine "Universallösung" für den Konflikt: Nordirland muss und wird sich über kurz oder lang mit der Republik vereinigen. Dann kann die EU Maßnahmen ergreifen, um die Spaltung Nordirlands behutsam und Schritt für Schritt abzubauen. Hier und da konfessionsübergreifende Schulen gründen, Sportvereine für Angehörige beider Konfessionen fördern, bürgerschaftliche Initiativen für konfessionsübergreifendes Zusammenleben anstoßen etc.pp --- alles Dinge, die Großbritannien nichtmal versucht hat! Die einzig denkbare "Universallösung" für den irischen Konflikt ist die EU.

Das mag sich jetzt so anhören, als würde in Nordirland ein "Konfessionskrieg" schwelen. Das ist natürlich nicht so. Da läuft kein Konfessionskrieg, sondern der letzte Kolonialkrieg des großartigen Britischen Empires. Die Konfessionszugehörigkeit der verfeindeten Parteien ist Zufall. Letztlich ist es ein Konflikt zwischen den zufällig mehrheitlich katholischen Iren und den zufällig mehrheitlich protestantischen britischen Kolonialherren. So behandelt Boris Johnson die ganze Angelegenheit auch. Es ist ihm schlicht egal, dass Großbritannien nun vielleicht seine letzte Kolonie verlieren könnte. Möglicherweise ist er sogar erfreut, endlich diese "notorisch aufsässigen" Iren loszuwerden.
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon sünnerklaas » Di 13. Apr 2021, 12:44

Kohlhaas hat geschrieben:Das mag sich jetzt so anhören, als würde in Nordirland ein "Konfessionskrieg" schwelen. Das ist natürlich nicht so. Da läuft kein Konfessionskrieg, sondern der letzte Kolonialkrieg des großartigen Britischen Empires. Die Konfessionszugehörigkeit der verfeindeten Parteien ist Zufall. Letztlich ist es ein Konflikt zwischen den zufällig mehrheitlich katholischen Iren und den zufällig mehrheitlich protestantischen britischen Kolonialherren. So behandelt Boris Johnson die ganze Angelegenheit auch. Es ist ihm schlicht egal, dass Großbritannien nun vielleicht seine letzte Kolonie verlieren könnte. Möglicherweise ist er sogar erfreut, endlich diese "notorisch aufsässigen" Iren loszuwerden.

So sehe ich das auch. Auch die DUP und die anderen Unionisten sind ihm letztendlich egal, es ging ihm einzig und allein um den Brexit. Und wenn der Konflikt außer Kontrolle gerät, wird Johnson ihn ganz einfach an die Republik Irland und die EU weiter geben. Dann hat er nichts mehr damit zu tun, obwohl er es war, der den Konflikt ordentlich angeheizt hat. Dann ist Großbritannien nicht mehr das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland, aber das ist ja auch egal. Lieber hat man den Brexit und die "Neuen Nachbarn" - die liegen zwar tausende von Kilometern weit weg, aber auch egal. Und je weniger direkte Kontakte in die EU - sei es nun Handel oder Universitäten, Schulen oder privat, umso besser für die Brexiteers: Nicht Brücken bauen und erhalten, sondern Brücken so abbrechen, dass Nachfolger sie nicht wieder aufbauen können bzw. es sehr schwer damit haben.
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon Ove Haithabu » Di 13. Apr 2021, 20:15

Kohlhaas hat geschrieben:(13 Apr 2021, 12:31)
Wenn solche Sorgen tatsächlich bestehen, sind sie wohl eher irrational. Die große Mehrzahl der Menschen in Nordirland sind britische Staatsangehörige. Ich wüsste nicht, wie Johnson diesen Leuten Rechte entziehen sollte, die allen britischen Bürgern laut Gesetz zustehen.

Sollten die Nordiren tatsächlich GB verlassen, so wären sie auch über Nacht keine britischen Staatsbürger mehr.

Kohlhaas hat geschrieben:(13 Apr 2021, 12:31)
Sicher kennst Du die Situation auf der Insel besser als ich, aber mir zumindest ist keine relevante Gruppe bekannt, die ein unabhängiges Nordirland anstrebt. Die Kernaussage des Karfreitagsabkommens lautet: Alle Iren sollen die gesamte Insel gemeinsam nutzen dürfen. Zweck dieser Festlegung war es, dass die verhasste Grenze zwischen dem Norden und der Republik verschwindet. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Idee mehrheitsfähig ist, jetzt stattdessen gleich zwei Grenzen zu erreichten - eine zur Republik hin und eine zweite zu Großbritannien hin. Außerdem hat eine deutliche Mehrheit der Nordiren für den Verbleib in der EU gestimmt. Hier liegt ein zusätzlicher Anreiz, bei einer möglichen Volksbefragung für die Vereinigung Nordirlands mit der Republik zu stimmen.

Es ging mir eher um die Identität, wie sich die Nordiren selber in Bezug auf nationale Identität sehen. Laut deren Statistikbehörde sehen sich die meisten "britisch", gefolgt von "irisch" und "nordirisch"

All usual residents 1,810,863
British 722,379
Irish 457,482
Northern Irish 379,267
British and Northern Irish 111,748
Irish and Northern Irish 19,132
Polish 18,618
British, Irish and Northern Irish 18,406
British and Irish 11,877
English 10,931
Scottish 6,771
https://www.ninis2.nisra.gov.uk/public/ ... ensus+2011

Wie die dann bei einer eventuellen Abstimmung tatsächlich votieren, kann man daraus nicht schliessen. Da man bei einer Wiedervereinigiung mit Irland automatisch in der EU wäre und mit einem unabhängigen Staat in der Warteschlange der EU-Beitrittskandidaten hinter Nordmazedonien und Albanien, dürfte die Lust auf einen eigenen Staat eher gering sein, da gebe ich Ihnen recht. Ausgeschlossen ist das aber nicht und selbst ein kleiner Prozentsatz pro Unabhängigkeit dürte eher zu Lasten des pro-irischen Lagers gehen.
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon Kohlhaas » Mi 14. Apr 2021, 14:07

Ove Haithabu hat geschrieben:(13 Apr 2021, 20:15)

Sollten die Nordiren tatsächlich GB verlassen, so wären sie auch über Nacht keine britischen Staatsbürger mehr.

Ich habe keine Ahnung, woher Du diese Idee hast. Es wäre vollkommen widersinnig, wenn GB im Falle einer Wiedervereingnigung Irlands die Menschen "zwangsausbürgern" würde, die sich gegen eine Abtrennung Nordirlands von Großbritannien ausgesprochen haben. Mir ist kein britisches Gesetz und keine Bestimmung im Karfreitagsabkommen bekannt, die eine Aberkennung der britischen Staatsangehörigkeit nahelegen oder überhaupt möglich machen würde. Schon heute ist es aufgrund des Karfreitagsabkommens möglich, dass Menschen in Nordirland sowohl die britische als auch die irische Staatsangehörigkeit haben dürfen. Was würde denn dagegen sprechen, dass britische Staatsangehörige in Irland leben??? Die EU würde sich dem mit absoluter Sicherheit nicht widersetzen! Und Großbritannien wäre vollkommen bekloppt, wenn es dagegen Einwände erheben würde. Die Frage der Staatsangehörigkeit hat genau gar nichts mit der Frage zu tun, ob Nordirland zu Irland oder zu Großbritannien gehört.

Es ging mir eher um die Identität, wie sich die Nordiren selber in Bezug auf nationale Identität sehen. Laut deren Statistikbehörde sehen sich die meisten "britisch", gefolgt von "irisch" und "nordirisch"

All usual residents 1,810,863
British 722,379
Irish 457,482
Northern Irish 379,267
British and Northern Irish 111,748
Irish and Northern Irish 19,132
Polish 18,618
British, Irish and Northern Irish 18,406
British and Irish 11,877
English 10,931
Scottish 6,771
https://www.ninis2.nisra.gov.uk/public/ ... ensus+2011

Ich habe durchaus verstanden, worum es Dir geht. Die Frage der "Selbstverortung" der Menschen in Nordirland besagt aber wenig bis nichts. Ich selbst bin Deutscher, außerdem noch Westfale, lebe seit drei Jahrzehnten in Hessen und fühle mich immer noch nicht als "Hesse"... ;-) Und darüber hinaus bin ich auch noch ein Europäer. Genau das ist der Umstand, der alle vorher genannten Fragen bedeutungslos macht. Als Europäer darf ich ganz entspannt ein Westfale sein, der die deutsche Staatsangehörigkeit hat und in Hessen lebt. Genauso entspannt könnte ich in Frankreich leben und genauso enspannt kann ein Franzose in Westfalen oder in Hessen leben. Den Konflikt mit der "Identität", den Du bezogen auf Irland beschreibst, gibt es in der EU nicht mehr. Die EU hätte auch nicht das geringste Problem damit, wenn in einem vereinigten Irland ganz viele britische Staatsbürger leben würden. Die Frage der Staatsbürgerschaft ist in diesem Fall völlig irrelevant. Es geht im Grunde nur um verwaltungstechnische Fragen: Wo finden Zollkontrollen statt? Müssen überhaupt Zollkontrollen stattfinden? Die EU legt auf Zollkontrollen jedenfalls keinen Wert. Boris Johnson und seine Kumpane haben das so gewollt!

Wie die dann bei einer eventuellen Abstimmung tatsächlich votieren, kann man daraus nicht schliessen. Da man bei einer Wiedervereinigiung mit Irland automatisch in der EU wäre und mit einem unabhängigen Staat in der Warteschlange der EU-Beitrittskandidaten hinter Nordmazedonien und Albanien, dürfte die Lust auf einen eigenen Staat eher gering sein, da gebe ich Ihnen recht. Ausgeschlossen ist das aber nicht und selbst ein kleiner Prozentsatz pro Unabhängigkeit dürte eher zu Lasten des pro-irischen Lagers gehen.

Also, zunächst mal wird bei der Frage, welches Land der EU beitreten darf, nicht nach dem "Windhund-Prinzip" verfahren. Das läuft nicht so, dass die Antragsteller in der Reihenfolge des Datums ihrer Antragstellung "abgearbeitet" werden. Nehmen wir als Beispiel mal die Türkei. Die Türkei ist seit ungefähr vier Jahrzehnten "Beitrittskandidat". In diesen vier Jahrzehnten sind viele Länder in die EU aufgenommen worden, die lange nach der Türkei den Beitritt beantragt haben.

Das ist aber nur eine "Nebensächlichkeit". Entscheidend ist, dass es in Irland gegenwärtig keine mir bekannte Interessengruppe gibt, die eine "Eigenstaatlichkeit" Nordirlands anstreben würde. Es gibt dort nur die folgenden zwei Optionen: Zugehörigkeit zu Irland oder Zugehörigkeit zu Großbritannien. Das Karfreitagsabkommen legt auch nichts anderes nahe. Es sieht nur die Option vor, dass Nordirland sich nach einem Volksentscheid für die Vereinigung mit Irland entscheiden darf. Da ist nirgendwo die Rede von einem "dritten Weg" der Gründung einer nationalen Unabhängigkeit Nordirlands. Das darf von mir aus gern passieren. Aber ich habe halt noch nie gehört, dass das irgendwer ernsthaft will! Realpolitisch gibt es nur diese zwei Optionen: Zugehörigkeit zu GB oder Zugehörigkeit zu Irland (mittelbar: zur EU). Punkt.
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon Misterfritz » Fr 16. Apr 2021, 11:26

Brexit-Sonderregeln
EU und Briten im Streit über Nordirland von Einigung weit entfernt
Im Streit über die Brexit-Sonderregeln für Nordirland sind sich die EU und Großbritannien offenbar kaum nähergekommen. Schwierige Themenbereiche seien weiterhin ungeklärt, hieß es aus London.

Daraus
Das Protokoll soll Grenzkontrollen an der Landgrenze zwischen der britischen Provinz und dem EU-Mitglied Irland verhindern. Dafür sind Kontrollen zwischen Nordirland und Großbritannien vorgesehen. Anfang März kündigte London jedoch an, Ausfuhren von Lebensmitteln und Agrarprodukten nach Nordirland vorerst weiterhin nicht zu kontrollieren.

Die Kommission leitete deshalb ein Vertragsverletzungsverfahren ein und aktivierte den im Austrittsabkommen vorgesehenen sogenannten Streitbeilegungsmechanismus. Das Verfahren wird nach Angaben von Sefcovic »weitergeführt, solange es notwendig ist«.

Das EU-Parlament droht wegen des Streits, das Ende vergangenen Jahres ausgehandelte Handelsabkommen mit Großbritannien nicht zu ratifizieren. Am Donnerstag stimmten zwar die parlamentarischen Ausschüsse für Außenhandel und Auswärtige Angelegenheiten für den Handelsvertrag, das nötige Votum im Parlamentsplenum wurde aber bewusst noch nicht angesetzt.

Handelsabkommen? Wozu - fuck business!
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon Misterfritz » Fr 16. Apr 2021, 12:08

Aus der New Financial:
Brexit & The City: Die bisherigen Auswirkungen
Dieser Bericht verdeutlicht den Schaden, den der Brexit in der Londoner City bereits angerichtet hat. Mehr als 440 Firmen aus dem Bank- und Finanzwesen haben einen Teil ihres Geschäfts, ihrer Mitarbeiter, ihres Vermögens oder ihrer juristischen Einheiten aus dem Vereinigten Königreich in die EU verlegt oder sind dabei, dies zu tun.
https://newfinancial.org/brexit-the-cit ... ct-so-far/
(Übersetzt)
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon Kohlhaas » Fr 16. Apr 2021, 13:36

Misterfritz hat geschrieben:(16 Apr 2021, 12:08)

Aus der New Financial:

Mit dem Brexitbeschluss war klar, dass es dazu kommen würde. Der wichtigste Finanzplatz der EU kann nicht außerhalb der EU liegen. Die Folgen werden jetzt sichtbar: Gut eine Billion Euro, zehn Prozent des britischen Bankensystems, wurden schon von der Insel auf den Kontinent verschoben, Amsterdam hat London als größten Aktienmarkt abgelöst. Und dieser Trend wird sich sicher noch fortsetzen. Das ist für Großbritannien ein schweres Problem, da der Finanzmarkt stets eine wichtige Stütze der britischen Wirtschaft war. Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, arbeiteten in London mehr Menschen im Finanzsektor als Frankfurt Einwohner hat.

https://www.n-tv.de/wirtschaft/Finanzfi ... 94443.html
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Re: Großbritannien - post Brexit

Beitragvon Eiskalt » Fr 16. Apr 2021, 19:27

Kohlhaas hat geschrieben:(16 Apr 2021, 13:36)

Mit dem Brexitbeschluss war klar, dass es dazu kommen würde. Der wichtigste Finanzplatz der EU kann nicht außerhalb der EU liegen. Die Folgen werden jetzt sichtbar: Gut eine Billion Euro, zehn Prozent des britischen Bankensystems, wurden schon von der Insel auf den Kontinent verschoben, Amsterdam hat London als größten Aktienmarkt abgelöst. Und dieser Trend wird sich sicher noch fortsetzen. Das ist für Großbritannien ein schweres Problem, da der Finanzmarkt stets eine wichtige Stütze der britischen Wirtschaft war. Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, arbeiteten in London mehr Menschen im Finanzsektor als Frankfurt Einwohner hat.

https://www.n-tv.de/wirtschaft/Finanzfi ... 94443.html


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