Wie gefährlich war die Wende?

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Wie gefährlich war die Wende?

Beitragvon NMA » Sa 26. Okt 2019, 22:42

Ich habe einmal ganz knapp die Chance verpasst, Stefan Aust, der Autor vom Buch "Deutschland, Deutschland", zu fragen, wir gefährlich die Nacht des 9. November 89 war.
Die Öffnung der Grenze, unsichere Grenzsoldaten, und ein offener eiserner Vorhang. Im Osten eine Militärs, die ohnehin wegen Gorbatschows Progressivität frustriert waren.

Was wäre passiert, wenn in dieser Nacht ein Schuss gefallen wäre? Warum ist das nicht passiert? Warum hat der Osten zugesehen, wie ihm die Felle davonschwimmen?
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Re: Wie gefährlich war die Wende?

Beitragvon Kritikaster » Sa 26. Okt 2019, 23:08

NMA hat geschrieben:(26 Oct 2019, 22:42)

Ich habe einmal ganz knapp die Chance verpasst, Stefan Aust, der Autor vom Buch "Deutschland, Deutschland", zu fragen, wir gefährlich die Nacht des 9. November 89 war.
Die Öffnung der Grenze, unsichere Grenzsoldaten, und ein offener eiserner Vorhang. Im Osten eine Militärs, die ohnehin wegen Gorbatschows Progressivität frustriert waren.

Was wäre passiert, wenn in dieser Nacht ein Schuss gefallen wäre? Warum ist das nicht passiert? Warum hat der Osten zugesehen, wie ihm die Felle davonschwimmen?

Es ist nicht passiert, weil die Befehlskette nicht funktionierte. Günter Schabowski hat sie mit seinem "sofort, unverzüglich" überfordert.
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Re: Wie gefährlich war die Wende?

Beitragvon H2O » Sa 26. Okt 2019, 23:23

NMA hat geschrieben:(26 Oct 2019, 22:42)

Ich habe einmal ganz knapp die Chance verpasst, Stefan Aust, der Autor vom Buch "Deutschland, Deutschland", zu fragen, wir gefährlich die Nacht des 9. November 89 war.
Die Öffnung der Grenze, unsichere Grenzsoldaten, und ein offener eiserner Vorhang. Im Osten eine Militärs, die ohnehin wegen Gorbatschows Progressivität frustriert waren.

Was wäre passiert, wenn in dieser Nacht ein Schuss gefallen wäre? Warum ist das nicht passiert? Warum hat der Osten zugesehen, wie ihm die Felle davonschwimmen?


Diese Nacht fiel ja nicht plötzlich und ganz unerwartet vom Himmel! Da gab es doch lange Vorläufer in Polen mit der Solidarnosc, wo die Mängel der sozialistischen Gesellschaftsordnung offen sichtbar und ansprechbar wurden.

Auch in diese Zeit des Wandels paßte ein Streik der Bergleute in der östlichen Ukraine (!), wo die Menschen sich beklagten, daß ihnen nach harter Arbeit unter Tage noch nicht einmal ein Stück Seife verfügbar war, um Kohlenstaub und Schweiß abwaschen zu können. Uns erreichten private Bitten aus der "DDR" um Rasierklingen und Nähnadeln... schlicht nicht zu erstehen für Geld und gute Worte. Da gab es Flucht aus der DDR aus dem "befreundeten Ausland" in die Botschaften der Bundesrepublik Deutschland. Und dann die Grenzöffnung in Ungarn.

In der "DDR" fanden Demonstrationen statt, wo wirklich noch Angst um Leib und Leben eine große Rolle spielten... weil eben niemand abschätzen konnte, ob da nicht doch einige Sicherungen durchbrennen würden und der allmächtige Sicherheitsapparat sich in Bewegung setzen würde. (Wobei ich hier auf die Doppelbedeutung von "Sicherheitsapparat" hinweisen möchte, weil man auch heute immer wieder von Sicherheitskräften spricht, wo im Klartext ein Unterdrückungssystem gemeint ist!)

Vor allem aber hatte Präsident Gorbatschow angewiesen, daß die sowjetischen Truppen sich nicht in diesen Prozeß einmischen sollten., in dem ein Volk mit seiner Herrschaft abrechnete. "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!" Ich gehe davon aus, daß der sowjetische Geheimdienst gut unterrichtet war davon, was sich in der "DDR" an Unmut angesammelt hatte. Vor allem aber stand das Thema "Wiedervereinigung Deutschlands" nicht ganz oben auf der Liste, sondern der bessere Sozialismus durch gesellschaftliche Prozesse. Es war also gar nicht zu befürchten, daß der sowjetische Machtbereich Einbußen erleiden würde.

Kurz und gar nicht gut: In der Nacht wurde wohl allseits eine Zeitenwende spürbar, die den Sicherheitsapparat der DDR um seine eigene Sicherheit fürchten ließ für den Fall, daß da plötzlich Blut fließen würde. Vor allem war klar, daß keine sowjetischen Truppen diesen Sicherheitsapparat schützen würden.

Damit ist nicht gesagt, daß die Maueröffnung ein Selbstläufer war, aber einmal von hochrangiger Stelle in Gang gesetzt, gab es da kein Halten mehr. Ohne das Vorspiel, das sich im gesamten "Ostblock" über Jahre, Monate und Wochen hinzog, ist die Zurückhaltung der Sicherheitsorgane der DDR (STASI, Polizei, Armee) nicht zu verstehen. Aus meiner Sicht ein erstarrter Machtapparat, der die Zeichen der Zeit nicht wahrhaben wollte, dem aber die Machtmittel abhanden gekommen waren, die zuvor die Umwälzungen in der "DDR", Ungarn, Tschechoslowakei, Polen und am Ende auch in der Sowjetunion nicht einordnen konnte und wollte... unfähig, aus eigener Kraft dem Treiben einen wirksamen Riegel vor zu schieben.
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Re: Wie gefährlich war die Wende?

Beitragvon Adam Smith » Sa 26. Okt 2019, 23:42

Weil der Kommunismus in Russland verschwunden ist. Es hat keiner mehr daran geglaubt.

Die WGT zählte im Januar 1991 nach eigenen Angaben 337.800 Soldaten in 24 Divisionen, verteilt auf fünf Landarmeen und eine Luftarmee. Dazu kamen noch 208.400 Familienangehörige von Offizieren sowie Zivilangestellte, darunter befanden sich etwa 90.000 Kinder.


https://de.m.wikipedia.org/wiki/Gruppe_ ... eutschland
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Re: Wie gefährlich war die Wende?

Beitragvon H2O » So 27. Okt 2019, 00:04

Müßte man nicht vorsichtiger sagen, daß die kommunistische Utopie durch das korrupte Machtgefüge der Staaten im sowjetischen Machtbereich jede Glaubwürdigkeit verloren hatte? Nicht ohne Grund sprachen doch "Vordenker" kritisch vom "real existierenden Sozialismus", weil sie den Machtmißbrauch zur Absicherung von bestehenden Herrschaftsverhältnissen nicht ansprechen durften. Dazu muß man noch anmerken, daß Anhängern dieser Utopie im Westen diese bittere Lehre erspart geblieben ist... sie also den Kampf für diese Gesellschaftsordnung noch nicht aufgegeben haben.
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Re: Wie gefährlich war die Wende?

Beitragvon imp » So 27. Okt 2019, 09:12

NMA hat geschrieben:(26 Oct 2019, 22:42)

Ich habe einmal ganz knapp die Chance verpasst, Stefan Aust, der Autor vom Buch "Deutschland, Deutschland", zu fragen, wir gefährlich die Nacht des 9. November 89 war.
Die Öffnung der Grenze, unsichere Grenzsoldaten, und ein offener eiserner Vorhang. Im Osten eine Militärs, die ohnehin wegen Gorbatschows Progressivität frustriert waren.

Was wäre passiert, wenn in dieser Nacht ein Schuss gefallen wäre? Warum ist das nicht passiert? Warum hat der Osten zugesehen, wie ihm die Felle davonschwimmen?

Die Gründe:

Die SED-Führung der zweiten Reihe hat schlicht nicht mehr gewollt und die erste Reihe widerwillig und ohne große Rücksprache mit der Sowjetunion heimgeschickt. Dort hatte man für die Belange der DDR auch kein großes Interesse mehr, zu zerrüttet war das Verhältnis zwischen Sowjetreformern wie Gorbechev und der ersten Reihe der DDR, die großteils ihre Jugend noch unter Hitler erlebte. Nehmen wir mal Siegfried Wenzel, selbst einer von den ganz alten, solche Leute hatten keinerlei Interesse, die Dinge so zu lassen wie sie waren. Jüngere gleich gar nicht, aber je weiter oben, umso weniger von den jüngeren gab es überhaupt.

Die Gefährlichkeit:
Einerseits war alles drin: Leicht hätten einzelne Polizisten, Soldaten, Grenzer aus Angst oder Notwendigkeit schießen können. Andererseits, je nach Ort, hätte das vielleicht sehr wenig oder sehr viel ausgelöst. Heute wissen wir, dass nichts passiert ist. Das ist gut.

Stellen wir umgekehrt die Frage: Wie gefährlich wäre es gewesen, diese Grenze nicht zu öffnen?
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Re: Wie gefährlich war die Wende?

Beitragvon Moses » So 27. Okt 2019, 09:37

Das an der Grenze kein Schuss gefallen ist lag u.a. auch am anerzogenen Gehorsam. Ein Cousin von mir hatte Dienst in Berlin an diesem Abend an der Mauer. Er spricht nicht viel darüber aber eine Aussage war sehr erhellend:
"Keiner wusste was, keiner hat Befehle gegeben . . . das hat sich einfach entwickelt und alle haben zugesehen, mit geladener Waffe und ohne Befehle."
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Re: Wie gefährlich war die Wende?

Beitragvon Adam Smith » So 27. Okt 2019, 09:38

imp hat geschrieben:(27 Oct 2019, 09:12)


Stellen wir umgekehrt die Frage: Wie gefährlich wäre es gewesen, diese Grenze nicht zu öffnen?


Die DDR ist ja der BRD einfach beigetreten und hat alles übernommen. Ohne eine Öffnung der Grenze wäre dieses so nicht passiert. Die DDR hätte sich stabilisiert und danach hätte es Forderungen gegeben. Bei uns ist nicht alles schlecht. Wir möchten eine Fusion und nicht übernommen werden.
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Re: Wie gefährlich war die Wende?

Beitragvon imp » So 27. Okt 2019, 09:39

Adam Smith hat geschrieben:(27 Oct 2019, 09:38)

Die DDR ist ja der BRD einfach beigetreten und hat alles übernommen. Ohne eine Öffnung der Grenze wäre dieses so nicht passiert. Die DDR hätte sich stabilisiert und danach hätte es Forderungen gegeben. Bei uns ist nicht alles schlecht. Wir möchten eine Fusion und nicht übernommen werden.

Die Forderung gab es. Sie war nicht durchsetzbar.
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Re: Wie gefährlich war die Wende?

Beitragvon Moses » So 27. Okt 2019, 09:42

imp hat geschrieben:(27 Oct 2019, 09:39)

Die Forderung gab es. Sie war nicht durchsetzbar.

Wie auch? Bei dieser "Lösung" wäre innerhalb absehbarer Zeit ein entvölkerter Landstrich an die Bundesrepublik angegliedert worden.
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Re: Wie gefährlich war die Wende?

Beitragvon Adam Smith » So 27. Okt 2019, 09:43

imp hat geschrieben:(27 Oct 2019, 09:39)

Die Forderung gab es. Sie war nicht durchsetzbar.


Weil alles so schnell ging.
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Re: Wie gefährlich war die Wende?

Beitragvon imp » So 27. Okt 2019, 09:47

Moses hat geschrieben:(27 Oct 2019, 09:42)

Wie auch? Bei dieser "Lösung" wäre innerhalb absehbarer Zeit ein entvölkerter Landstrich an die Bundesrepublik angegliedert worden.

Die These ist, dass diese Forderung mit weiterer Grenze mehr Rückhalt gehabt hätte, so verstehe ich das. Ich glaube das nicht. Entweder wäre die Einheit trotz Widerständen recht schnell als Beitritt gekonmen oder sie wäre Korea-mäßig abgesagt.
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Re: Wie gefährlich war die Wende?

Beitragvon Moses » So 27. Okt 2019, 09:55

imp hat geschrieben:(27 Oct 2019, 09:47)

Die These ist, dass diese Forderung mit weiterer Grenze mehr Rückhalt gehabt hätte, so verstehe ich das. Ich glaube das nicht. Entweder wäre die Einheit trotz Widerständen recht schnell als Beitritt gekonmen oder sie wäre Korea-mäßig abgesagt.

Die Korea-Lösung sehe ich nicht, dafür war die Dynamik auf beiden Seiten zu hoch und der Rückhalt für die DDR-Regierung im Ostblock zu gering.
Eine Einheit auf Augenhöhe hätte sicherlich viele Unwuchten verhindert war aber so nicht möglich.
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Re: Wie gefährlich war die Wende?

Beitragvon imp » So 27. Okt 2019, 10:05

Moses hat geschrieben:(27 Oct 2019, 09:55)

Die Korea-Lösung sehe ich nicht, dafür war die Dynamik auf beiden Seiten zu hoch und der Rückhalt für die DDR-Regierung im Ostblock zu gering.
Eine Einheit auf Augenhöhe hätte sicherlich viele Unwuchten verhindert war aber so nicht möglich.

Ich denke nicht, dass ein Szenarium mit einer weiteren DDR für die Insassen irgendwie schön gewesen wäre.

Jedoch hätte weder Kohl noch Lafontaine sich gegen eine Stimmung im Volk gestellt, "wir schaffen das nicht" oder "das wird zu teuer, was die alles wollen". Allein die Geschwindigkeit der Ereignisse ließ den Politikern keine Zeit, beim Versuch, irgendetwas herauszuhandeln Schaden anzurichten.
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Re: Wie gefährlich war die Wende?

Beitragvon Misterfritz » So 27. Okt 2019, 10:53

imp hat geschrieben:(27 Oct 2019, 10:05)
Jedoch hätte weder Kohl noch Lafontaine sich gegen eine Stimmung im Volk gestellt, "wir schaffen das nicht" oder "das wird zu teuer, was die alles wollen". Allein die Geschwindigkeit der Ereignisse ließ den Politikern keine Zeit, beim Versuch, irgendetwas herauszuhandeln Schaden anzurichten.
Schon die Warnung Lafontaines, dass es mit den angekündigten 80 Milliarden D-Mark sicherlich nicht getan sein würde, die Einheit sehr viel teurer werden würde, hat ihn den Wahlsieg gekostet. Mahnende Worte wollten damals nicht gehört werden.
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Re: Wie gefährlich war die Wende?

Beitragvon Adam Smith » So 27. Okt 2019, 11:03

Misterfritz hat geschrieben:(27 Oct 2019, 10:53)

Schon die Warnung Lafontaines, dass es mit den angekündigten 80 Milliarden D-Mark sicherlich nicht getan sein würde, die Einheit sehr viel teurer werden würde, hat ihn den Wahlsieg gekostet. Mahnende Worte wollten damals nicht gehört werden.


Es gab ja immer die Gefahr, dass die DDR plötzlich Forderungen stellen würde.

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Bundestagswahl_1990

Hätte es die Bundestagswahl vor der Wiedervereinigung gegeben, dann hätte es vermutlich eine gewählte DDR-Regierung gegeben, die von der Bevölkerung als solche anerkannt worden wäre. Wenn jetzt die Bürger der DDR ebenfalls hätten wählen wollen. Zu der Zeit war vieles möglich.

Es gab zwar eine Wahl in der DDR Anfang 1990, die wurde aber von den Ereignissen weggefegt.

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Volkskammerwahl_1990
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Re: Wie gefährlich war die Wende?

Beitragvon H2O » So 27. Okt 2019, 11:26

Misterfritz hat geschrieben:(27 Oct 2019, 10:53)

Schon die Warnung Lafontaines, dass es mit den angekündigten 80 Milliarden D-Mark sicherlich nicht getan sein würde, die Einheit sehr viel teurer werden würde, hat ihn den Wahlsieg gekostet. Mahnende Worte wollten damals nicht gehört werden.


Diese Aussage des SPD-Granden fand ich widerlich. Jeder ahnte oder wußte, daß die "DDR" nicht mit 80 Mrd zu einem funktionierenden und liebenswerten Gemeinwesen umgebaut werden könnte. Mir drängte sich damals der Eindruck auf, als ob ein Miesmacher die Einheitsfeier stören wollte. Ich kann nicht sagen, wie das damals die DDR-Insassen empfanden, denn ich vermied im Gespräch unter Verwandten jedes Geldthema, weil ja im Grunde sie die Empfangenden waren und ich der Zahlmeister. Und eine solche Stimmung wollte ich nicht... da hätte ich mich schrecklich schäbig gefühlt.

Heute empfinde ich das Genörgele im Osten sehr daneben. Die Leute hätten ihre Probleme schließlich auch selbst lösen können, so auf dem Niveau von Polen. Den Polen fehlen eben die 30 Jahre Aufbau Ost, die unsere Landsleute im Osten auf die beklagten 75% des West-Wohlstands angehoben haben. Ein Teil der Wahrheit dürfte auch sein, daß ungebundene junge Leute in Scharen in den Westen gegangen sind, und wenigstens sie kurzerhand den Sprung auf die 100% vollzogen hatten.

Auch das wäre ohne Wiedervereinigung gar nicht möglich gewesen.
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Re: Wie gefährlich war die Wende?

Beitragvon H2O » So 27. Okt 2019, 11:33

Adam Smith hat geschrieben:(27 Oct 2019, 11:03)

Es gab ja immer die Gefahr, dass die DDR plötzlich Forderungen stellen würde.

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Bundestagswahl_1990

Hätte es die Bundestagswahl vor der Wiedervereinigung gegeben, dann hätte es vermutlich eine gewählte DDR-Regierung gegeben, die von der Bevölkerung als solche anerkannt worden wäre. Wenn jetzt die Bürger der DDR ebenfalls hätten wählen wollen. Zu der Zeit war vieles möglich.

Es gab zwar eine Wahl in der DDR Anfang 1990, die wurde aber von den Ereignissen weggefegt.

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Volkskammerwahl_1990


Es gab zwar eine Wahl in der DDR Anfang 1990, die wurde aber von den Ereignissen weggefegt.

Ich meine, daß diese Regierung durchaus legitim war und auch anerkannt wurde. Aber der Druck zur Auflösung und zum Beitritt zur Bundesrepublik kam doch aus dieser Regierung und diesem Parlament selbst... die SED-Überbleibsel einmal außen vor gelassen.
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Re: Wie gefährlich war die Wende?

Beitragvon imp » So 27. Okt 2019, 11:40

Misterfritz hat geschrieben:(27 Oct 2019, 10:53)

Schon die Warnung Lafontaines, dass es mit den angekündigten 80 Milliarden D-Mark sicherlich nicht getan sein würde, die Einheit sehr viel teurer werden würde, hat ihn den Wahlsieg gekostet. Mahnende Worte wollten damals nicht gehört werden.

Das verdreht die Reihenfolge. Im Dezember 1990 war die Sache entschieden. Beobachter schreiben, der Wahlkampf aller Parteien sei kaum in Schwung gekommen, die Menschen des Themas langsam müde.

Die SPD hätte in keinem Fall eine Mehrheit gegen CDU, FDP, B90 und PDS erringen können.
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Re: Wie gefährlich war die Wende?

Beitragvon Adam Smith » So 27. Okt 2019, 11:41

H2O hat geschrieben:(27 Oct 2019, 11:33)

Ich meine, daß diese Regierung durchaus legitim war und auch anerkannt wurde. Aber der Druck zur Auflösung und zum Beitritt zur Bundesrepublik kam doch aus dieser Regierung und diesem Parlament selbst... die SED-Überbleibsel einmal außen vor gelassen.


Hätte es jetzt ebenfalls in der DDR am 2. Dezember 1990 eine eigene Wahl gegeben, dann hätte es, wie in der BRD auch, richtig Wahlkampf gegeben. Dann hätte sich die Bevölkerung mit dieser Regierung identifiziert. Und so eine Regierung möchte man beibehalten. Die Wiedervereinigung hätte dann vermutlich ganz anders ausgesehen. Das Zeitfenster war sehr klein.
Das ist Kapitalismus:

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