BGE - bedingungsloses Grundeinkommen

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Atue001
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Re: BGE - bedingungsloses Grundeinkommen

Beitragvon Atue001 » Do 6. Aug 2020, 23:51

Ca. 4 Millionen Menschen beziehen Hartz IV.

Ca. 1 Million Menschen bekommt heute Grundsicherung im Alter.

Ca. 10 Millionen Menschen verdienen derzeit zu wenig, um später Rentenansprüche Oberhalb der Grundsicherung zu erreichen.

Ist eigentlich klar, welche Verwerfungen durch das derzeit bestehende System der Existenzgrundsicherung nach dem Bedürftigkeitsprinzip verursacht werden?

Klar kann man sagen: Sollen doch diese 15 Millionen sich einen Job suchen, bei dem sie anständig verdienen......besonders einfallsreich ist eine solche Forderung aber sicherlich nicht.

Denkt man ein wenig weiter wird klar, dass wir Probleme mit unserem Sozialsystem haben - und wenn wir nicht daran arbeiten, dieses Sozialsystem auf moderne nachhaltige und tragfähige Füße zu stellen, dann bekommen wir in wenigen Jahren schon die Quittung in Form von weitgehend verarmten Rentnern und einem auseinanderbrechenden Staat.

Man kann unser Sozialsystem dabei durchaus auf unterschiedlichem Wege reformieren und auf nachhaltige Füße stellen. Bisher hat mich aber kein vorgeschlagener Weg überzeugt, und ein weiter so ist indiskutabel.

Mit einem modernen BGE-System aber kann das Übel an der Wurzel gepackt werden, weil es bezogen auf die Bedürftikgeit alle Menschen gleich stellt und das veraltete Bedürftigkeitsprinzip durch das moderne Bedarfsprinzip ersetzt.

BGE-Gegner verteufeln diesen Schritt, und rechnen vor, dass mit einem BGE hunderte Milliarden und sogar Billionen aufgebracht werden müssen - und bestreiten dass das möglich ist. Genauso wird aber bestritten, dass mit einem BGE noch ausreichend viele arbeiten gehen würde.

Tatsächlich aber sind diese beiden Diskussionsansätze wenig hilfreich, weil sie eine andere Realität so verkürzt darstellt, dass sie verfremdet wirkt.
In einem BGE-System würde tatsächlich jeder ein BGE in Höhe von beispielsweise 1000€ je Monat bekommen - nur - das bedeutet eben nicht, dass er/sie damit auch 1000€ mehr zum konsumieren hätte, und schon gar nicht bedeutet dies, dass man diese 1000€ zusätzlich beliebig ausgeben kann.

Denn: den 1000€ ohne den Bedingungen der Bedürftigkeit stehen höhere Steuern und/oder Abgaben gegenüber, die genau diese 1000€ auch wieder gegenfinanzieren!

Entscheidend ist deshalb nicht, wie hoch das BGE ist, oder wie hoch die Gesamte zu finanzierende Summe ist - entscheidend ist vielmehr, wieviel mehr oder weniger jeder Einzelne in einem BGE-System zum (freien) Konsum übrig hat.

Dabei wird es Gewinner und Verlierer geben - in der Tendenz werden heutige Hartz IV-Empfänger allenfalls niedrige Beträge zusätzlich bekommen.
Die größten Gewinner werden die oben angesprochenen 10 Millionen sein, die nach heutigem Recht keine faire Rente erwarten können. Denn für sie wird sich etwas deutlich verändern: Sie werden zukünftig auch dann eine Rente bekommen, die im Alter ihre Konsumfähigkeit erhöht, wenn diese Ansprüche unterhalb der Grundsicherung liegen.


Um die Mehrausgaben zu finanzieren, wird es auch Verlierer geben - aber weitaus weniger, als man zunächst denkt. Denn: Um die drohende Rentenkatastrophe abzuwenden, wird dem Staat auch unter heutigem Recht nichts anderes übrig bleiben, als die Steuern zu erhöhen um die Finanzierung der Rente zu sichern. Dies über einen Generationenvertrag abzusichern ist auf jedem Fall klug und preiswert - dieses Verfahren hat sich auch in der Vergangenheit als relativ robust erwiesen. Bei einem BGE finanziert über einen Generationenvertrag sind alle eingebunden - mal als Netto-Leistungsempfänger, mal als Nettoleistungszahler. Gerade weil dies Generationenübergreifend funktioniert, wird ein BGE-System auf Akzeptanz stoßen.

Finanziert wird das BGE-System vor allem vom wohlhabenden oberen Drittel, zu einem wesentlichen Teil sogar von den obersten 1%. Das ist aber gut angelegtes Kapital, weil dies in soziale Sicherheit investiert wird, die gerade auch für die zahlende Klientel mit das höchste Gut ist, um ihren Wohlstand dauerhaft sicher zu stellen.
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denkmal
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Re: BGE - bedingungsloses Grundeinkommen

Beitragvon denkmal » Fr 7. Aug 2020, 11:28

Senexx hat geschrieben:(05 Aug 2020, 15:49)

Wenn sie nicht Hegel gemacht haben, ist Ihre Bildung leider defizitär. Hegel ist der geistige Anstifter des DIAMAT.

Und Therie ist das A und O.

Wie lässt schon der große Guareschi Peppone sagen, als Don Camillo ein Gleichnis erzöhlt?

Gleichnisse sind infam, denn sie führen alles auf ein praktisches Beispiel zurück. Wo jedes Kind doch weiß, dass es im Leben nicht auf die Praxis, sondern die richtige Theorie ankommt.

Die BGE-Befürworter gehören zu dieser Fraktion.

Wenn man die richtige Theorie hat, halten den Lauf weder Ochs' noch Esel auf.

wenn Sie das meinen... Ich sehe das anders (natürlich :) ) Hegel interressiert mich nicht in dem Sinne.
Im Laufe ihres steinernen Daseins nehmen sogar manche Denkmäler menschliche Züge an.
© Martin Gerhard Reisenberg
(*1949), Diplom-Bibliothekar und Autor
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jorikke
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Re: BGE - bedingungsloses Grundeinkommen

Beitragvon jorikke » So 9. Aug 2020, 08:00

Atue001 hat geschrieben:(06 Aug 2020, 23:51)

Ca. 4 Millionen Menschen beziehen Hartz IV.

Ca. 1 Million Menschen bekommt heute Grundsicherung im Alter.

Ca. 10 Millionen Menschen verdienen derzeit zu wenig, um später Rentenansprüche Oberhalb der Grundsicherung zu erreichen.

Ist eigentlich klar, welche Verwerfungen durch das derzeit bestehende System der Existenzgrundsicherung nach dem Bedürftigkeitsprinzip verursacht werden?

Klar kann man sagen: Sollen doch diese 15 Millionen sich einen Job suchen, bei dem sie anständig verdienen......besonders einfallsreich ist eine solche Forderung aber sicherlich nicht.

Denkt man ein wenig weiter wird klar, dass wir Probleme mit unserem Sozialsystem haben - und wenn wir nicht daran arbeiten, dieses Sozialsystem auf moderne nachhaltige und tragfähige Füße zu stellen, dann bekommen wir in wenigen Jahren schon die Quittung in Form von weitgehend verarmten Rentnern und einem auseinanderbrechenden Staat.

Man kann unser Sozialsystem dabei durchaus auf unterschiedlichem Wege reformieren und auf nachhaltige Füße stellen. Bisher hat mich aber kein vorgeschlagener Weg überzeugt, und ein weiter so ist indiskutabel.

Mit einem modernen BGE-System aber kann das Übel an der Wurzel gepackt werden, weil es bezogen auf die Bedürftikgeit alle Menschen gleich stellt und das veraltete Bedürftigkeitsprinzip durch das moderne Bedarfsprinzip ersetzt.

BGE-Gegner verteufeln diesen Schritt, und rechnen vor, dass mit einem BGE hunderte Milliarden und sogar Billionen aufgebracht werden müssen - und bestreiten dass das möglich ist. Genauso wird aber bestritten, dass mit einem BGE noch ausreichend viele arbeiten gehen würde.

Tatsächlich aber sind diese beiden Diskussionsansätze wenig hilfreich, weil sie eine andere Realität so verkürzt darstellt, dass sie verfremdet wirkt.
In einem BGE-System würde tatsächlich jeder ein BGE in Höhe von beispielsweise 1000€ je Monat bekommen - nur - das bedeutet eben nicht, dass er/sie damit auch 1000€ mehr zum konsumieren hätte, und schon gar nicht bedeutet dies, dass man diese 1000€ zusätzlich beliebig ausgeben kann.

Denn: den 1000€ ohne den Bedingungen der Bedürftigkeit stehen höhere Steuern und/oder Abgaben gegenüber, die genau diese 1000€ auch wieder gegenfinanzieren!

Entscheidend ist deshalb nicht, wie hoch das BGE ist, oder wie hoch die Gesamte zu finanzierende Summe ist - entscheidend ist vielmehr, wieviel mehr oder weniger jeder Einzelne in einem BGE-System zum (freien) Konsum übrig hat.

Dabei wird es Gewinner und Verlierer geben - in der Tendenz werden heutige Hartz IV-Empfänger allenfalls niedrige Beträge zusätzlich bekommen.
Die größten Gewinner werden die oben angesprochenen 10 Millionen sein, die nach heutigem Recht keine faire Rente erwarten können. Denn für sie wird sich etwas deutlich verändern: Sie werden zukünftig auch dann eine Rente bekommen, die im Alter ihre Konsumfähigkeit erhöht, wenn diese Ansprüche unterhalb der Grundsicherung liegen.


Um die Mehrausgaben zu finanzieren, wird es auch Verlierer geben - aber weitaus weniger, als man zunächst denkt. Denn: Um die drohende Rentenkatastrophe abzuwenden, wird dem Staat auch unter heutigem Recht nichts anderes übrig bleiben, als die Steuern zu erhöhen um die Finanzierung der Rente zu sichern. Dies über einen Generationenvertrag abzusichern ist auf jedem Fall klug und preiswert - dieses Verfahren hat sich auch in der Vergangenheit als relativ robust erwiesen. Bei einem BGE finanziert über einen Generationenvertrag sind alle eingebunden - mal als Netto-Leistungsempfänger, mal als Nettoleistungszahler. Gerade weil dies Generationenübergreifend funktioniert, wird ein BGE-System auf Akzeptanz stoßen.

Finanziert wird das BGE-System vor allem vom wohlhabenden oberen Drittel, zu einem wesentlichen Teil sogar von den obersten 1%. Das ist aber gut angelegtes Kapital, weil dies in soziale Sicherheit investiert wird, die gerade auch für die zahlende Klientel mit das höchste Gut ist, um ihren Wohlstand dauerhaft sicher zu stellen.


Für mein Dafürhalten ist dieser Text einer der Besten, die hier zum Thema BGE geschrieben wurden.
Ich musste das loswerden, unterscheidet er sich doch deutlich von den vielen emotionalen Wunschgedanken Texten.
Die Befürworter sollten ihn aufmerksam lesen.
... zusätzliches Verjuck-Pulver wird es nicht geben (können).
Senexx

Re: BGE - bedingungsloses Grundeinkommen

Beitragvon Senexx » So 9. Aug 2020, 09:06

Atue001 hat geschrieben:(06 Aug 2020, 23:51)

Ca. 4 Millionen Menschen beziehen Hartz IV.

Ca. 1 Million Menschen bekommt heute Grundsicherung im Alter.

Ca. 10 Millionen Menschen verdienen derzeit zu wenig, um später Rentenansprüche Oberhalb der Grundsicherung zu erreichen.

Fällt bei 83 Millionen nicht ins Gewicht, ist kein Grund, ein Großexperiment wie BGE zu starten.

Die Zahl der Hartz-Bezieher zu reduzieren, muss ein vordringliches Ziel sein.

Und das Bildungsniveau muss verbessert werden,

Hierzu ist es vordringlich, das Discountabitur abzuschaffen, die Hauptschule wiederzubeleben, und die Abgänge richtig und konsequent in den Grundfertigkeiten, wie Rechnen, Schreiben und Lesen zu unterweisen. Selbst Gymnasiasten haben heute nur minimalste Lesekenntnisse und eine wahnsinnige Abneigung, überhaupt eine Zeile zu viel zu lesen.
Occham

Re: BGE - bedingungsloses Grundeinkommen

Beitragvon Occham » So 9. Aug 2020, 10:11

Atue001 hat geschrieben:(06 Aug 2020, 23:51)
Genauso wird aber bestritten, dass mit einem BGE noch ausreichend viele arbeiten gehen würde.

Glaubst du eigentlich, ich rede aus meiner Glaskugel? Ich rede aus Erfahrung! Und die sagt mir, das es Menschen gibt, die so lange faulenzen, bis jeglicher Antrieb dahin ist. Ich kenne aber natürlich auch Menschen, die sich gerne in Arbeit selbst verwirklichen. Auf Grund dieser (meiner) Erfahrungen, würd ich nicht ohne Absicherung aus den Fenster springen! Heisst: wenn nicht genug Arbeiten... auch wenn dir deine Glaskugel etwas anderes sagt... BGE zurückziehen.
Mendoza
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Re: BGE - bedingungsloses Grundeinkommen

Beitragvon Mendoza » So 9. Aug 2020, 11:46

jorikke hat geschrieben:(09 Aug 2020, 08:00)

Für mein Dafürhalten ist dieser Text einer der Besten, die hier zum Thema BGE geschrieben wurden.
Ich musste das loswerden, unterscheidet er sich doch deutlich von den vielen emotionalen Wunschgedanken Texten.
Die Befürworter sollten ihn aufmerksam lesen.
... zusätzliches Verjuck-Pulver wird es nicht geben (können).


Ich finde den Beitrag fürchterlich. Meinetwegen nicht ganz so schlimm wie die von Lily - trotzdem. Klar, die Probleme gibt es. Die zu benennen ist keine Kunst. Durch ein BGE mögen vielleicht einige davon gelöst werden. Dabei werden aber neue und m.M.n. viel schlimmere geschaffen! Das wird in dem Beitrag komplett ausgeblendet. Alles will ich jetzt nicht durchkauen, denn das wurde hier schon x-mal besprochen. Sonst tippe ich hier noch heute Abend. Es wird aber so sein, dass sich 5-10% der jetzt arbeitenden Menschen einfach zur Ruhe setzen und damit bricht das BGE-Kartenhaus zusammen, weil die Steuereinnahmen fehlen. Und- wie Occham schon sagte - es gibt einfach stinkend faule Leute, die sofort ihren Job hinschmeißen würden. Vor allem dann wenn sie eine eigene Wohnung und genug Bargeld in der Hinterhand haben!
Churchill "Dem Kapitalismus wohnt ein Laster inne: Die ungleichmäßige Verteilung der Güter. Dem Sozialismus hingegen wohnt eine Tugend inne: Die gleichmäßige Verteilung des Elends."
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Re: BGE - bedingungsloses Grundeinkommen

Beitragvon Atue001 » So 9. Aug 2020, 22:44

Occham hat geschrieben:(09 Aug 2020, 10:11)

Glaubst du eigentlich, ich rede aus meiner Glaskugel? Ich rede aus Erfahrung! Und die sagt mir, das es Menschen gibt, die so lange faulenzen, bis jeglicher Antrieb dahin ist. Ich kenne aber natürlich auch Menschen, die sich gerne in Arbeit selbst verwirklichen. Auf Grund dieser (meiner) Erfahrungen, würd ich nicht ohne Absicherung aus den Fenster springen! Heisst: wenn nicht genug Arbeiten... auch wenn dir deine Glaskugel etwas anderes sagt... BGE zurückziehen.


Selbstverständlich kann deine Argumentation nur eine Spekulation sein - wir haben schließlich nirgendwo und bisher keine BGE-Gesellschaft. Und selbstverständlich kann man auch in einer BGE-Gesellschaft durchaus Fehlentwicklungen - sofern sie entstehen - korrigieren. Das passiert heute auch - warum sollte das in einer BGE-Gesellschaft nicht mehr möglich sein?


Mendoza hat geschrieben:Ich finde den Beitrag fürchterlich. Meinetwegen nicht ganz so schlimm wie die von Lily - trotzdem. Klar, die Probleme gibt es. Die zu benennen ist keine Kunst. Durch ein BGE mögen vielleicht einige davon gelöst werden. Dabei werden aber neue und m.M.n. viel schlimmere geschaffen! Das wird in dem Beitrag komplett ausgeblendet. Alles will ich jetzt nicht durchkauen, denn das wurde hier schon x-mal besprochen. Sonst tippe ich hier noch heute Abend. Es wird aber so sein, dass sich 5-10% der jetzt arbeitenden Menschen einfach zur Ruhe setzen und damit bricht das BGE-Kartenhaus zusammen, weil die Steuereinnahmen fehlen. Und- wie Occham schon sagte - es gibt einfach stinkend faule Leute, die sofort ihren Job hinschmeißen würden. Vor allem dann wenn sie eine eigene Wohnung und genug Bargeld in der Hinterhand haben!


Danke euch - sowohl für den zustimmenden, als auch den kritischen Beitrag! Allerdings möchte ich bei der Kritik schon auch gerne mal Alternativen genannt bekommen. 5 - 10% der jetzt arbeitenden Menschen setzen sich zur Ruhe?
Dazu auch mal der folgende Artikel: https://www.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/buero-co/merheit-der-arbeitnehmer-haben-innerlich-schon-gekuendigt-15753720.html
Was kostet es die Volkswirtschaft, wenn Menschen unzufrieden und wenig motiviert irgendwie ihren Job machen? Das ist verdammt teuer! Denn die meisten von denen verdienen - anders als Hartz IV Empfänger - noch richtig gut Kohle für einen schlechten Job.

Mit einem BGE könnten die angeblichen 5-10%, die sich zur Ruhe setzen würden, keine Sprünge machen. Aber der ein oder andere, der innerlich gekündigt hat, könnte mit der sozialen Absicherung durch das BGE den Mut fassen, einen besch....Job aufzugeben, und statt dessen etwas zu machen, wo er oder sie glücklicher ist.

Ich schließe überhaupt nicht aus, dass auch eine BGE-Gesellschaft Probleme haben wird - nur: Wo ist das Gegenmodell, was erfolgreicher ist? Die von mir beschriebenen Probleme (und deren Liste könnte man auch Buchumfang ausdehnen) des heutigen Systems haben mindestens eine gemeinsame Ursache. Und diese wesentliche Ursache ist das Bedürftigkeitsprinzip der Existenzgrundsicherung.
Dabei ist dieses Prinzip heute schon löchrig wie ein Sieb! Es gibt klare Urteile des BVerfG dass in letzter Konsequenz einer, der der Gesellschaft alles und insbesondere seine Arbeitsbereitschaft verweigert, nicht verhungern gelassen werden darf! Man kann ihn bestrafen, auf das Existenzminimum setzen, ihm Essen Trinken und Wohnung mit gewissen angemessenen Auflagen versehen - aber in letzter Konsequenz greift die Würde des Menschen auch für diese Verweigerer! Und weil das so ist, ist die tatsächliche Handhabe gering - und sie ist gesellschaftlich auch verdammt teuer, wenn man den gesellschaftlichen Zwang noch menschlich organisiert. Bezahlen tun wir all das auch heute schon.

Dass die Finanzierung nicht geht, ist noch immer ein Irrtum - denn wir haben das heute bereits organisiert. Nur nicht sonderlich gerecht - denn heute musst du für deine Existenzgrundsicherung selbst aufkommen. Das gilt für den, der 1000€ verdient genauso wie für den, der 1.000.000€ verdient. Nur fällt es dem ersten schwerer. Und weil es gerade beim Übergang von Hartz IV zur eigen finanzierten Existenzgrundsicherung so schwer ist, bestrafen wir Menschen, die genau an dieser Schwelle stehen, mit faktischen Steuersätzen von 80% und 90% auf ihr Einkommen - etwas was wir beim Millionär ablehnen.
Allein schon, wenn man nur diesen Übergang deutlich glatter regelt, wird so mancher, der heute keinen Sinn darin sieht, für 10% mehr als Hartz IV einen Knochenjob anzunehmen, sich anders besinnen. Allerdings - würde man diesen Knick im heutigen System korrigieren, es würde zu einem wesentlichen Teil die Finanzierungslücke entstehen, die man den BGE-Befürwortern gerne vorrechnet. Nur ist diese Gerechtigkeitslücke heute schon da!

Wir brauchen keine BGE-Gesellschaft, um das ein oder andere Problem in unserem System zu schliessen - aber ein BGE ist eine ziemlich elegante und konsistente, effiziente wie effektive Lösung für sehr viele Problemstellungen eines Systems, welches heute nur so strotzt vor Ungerechtigkeiten im Kleinen und Grossen, vor Inkonsequenzen, vor Finanzierungslücken, vor Bürokratiekosten und vor allem auch voll ist von mehr oder weniger versteckten Verschleierungstaktiken, damit die Ungerechtigkeiten des laufenden Systems nicht zu deutlich werden.

Ein BGE-Ansatz ist kein Schlaraffenland - aber ein solcher Ansatz hat das Potential zu einem grossen Wurf, der unser Sozialsystem endlich auch im Jahre 2020 ankommen lässt.
Occham

Re: BGE - bedingungsloses Grundeinkommen

Beitragvon Occham » Mo 10. Aug 2020, 02:05

Atue001 hat geschrieben:(09 Aug 2020, 22:44)

Selbstverständlich kann deine Argumentation nur eine Spekulation sein - wir haben schließlich nirgendwo und bisher keine BGE-Gesellschaft. Und selbstverständlich kann man auch in einer BGE-Gesellschaft durchaus Fehlentwicklungen - sofern sie entstehen - korrigieren. Das passiert heute auch - warum sollte das in einer BGE-Gesellschaft nicht mehr möglich sein?

Man kann eben schlecht vorhersagen, ob nun weiterhin genug gearbeitet wird oder nicht, in dem Sinne ist mein Beitrag genauso Spekulation wie dein Beitrag das noch "ausreichend viele arbeiten gehen würden"... das hab ich aber gesagt, das es sich nicht vorhersagen lässt... es gibt eben keine BGE-Gesellschaft um das zu belegen, wie du selbst gesagt hast... es lässt sich eben nicht vorhersagen, ohne Fakten... und solange es die nicht gibt, muss man damit kalkulieren, bei einer "Fehlentwicklung" das BGE zurückzuziehen, was wäre denn deine Idee einer "Fehlentwicklung" entgegenzuwirken??
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jack000
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Re: BGE - bedingungsloses Grundeinkommen

Beitragvon jack000 » Mo 10. Aug 2020, 03:46

Atue001 hat geschrieben:(06 Aug 2020, 23:51)Man kann unser Sozialsystem dabei durchaus auf unterschiedlichem Wege reformieren und auf nachhaltige Füße stellen. Bisher hat mich aber kein vorgeschlagener Weg überzeugt, und ein weiter so ist indiskutabel.

Mit einem modernen BGE-System aber kann das Übel an der Wurzel gepackt werden, weil es bezogen auf die Bedürftikgeit alle Menschen gleich stellt und das veraltete Bedürftigkeitsprinzip durch das moderne Bedarfsprinzip ersetzt.

Generell ist es richtig, dass man über eine Reform der sozialen Sicherungssysteme diskutieren kann und auch sollte. Aus dem Ärmel schütteln könnte ich mir jetzt auch keins aber Basisideen sind ja da.

Inwiefern aber berücksichtigt aber dein "modernes BGE-System" denn diejenigen, die aktuell ein höheres ALG1, ein höheres Kurzarbeitergeld, bzw. eine höhere Rente erwarten können als das es ein jedes BGE-System vorsieht? Was ist mit denen?
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Re: BGE - bedingungsloses Grundeinkommen

Beitragvon Atue001 » Mo 10. Aug 2020, 23:21

@jack000; @Occham;

meine präferierte Variante geht derzeit davon aus, dass wir uns auf eine BGE-Gesellschaft hin entwickeln sollten. Das bietet ausreichend Möglichkeiten, bei Fehlentwicklungen diese frühzeitig zu bemerken, und dann auch entschieden entgegenwirken zu können.

Ich bevorzuge Vorstufen, bei denen es beispielsweise darum geht, das Thema Existenzgrundsicherung zunächst einmal einheitlich über alle Rechtsbereiche hin zu einem Gesetz zusammen zu fassen. Und damit auch eine einheitliche Behandlung des Themas sowohl im Steuerrecht als auch im Sozialrecht herzustellen. Prinzipiell geht die Rechtsprechung heute schon mehr und mehr in diese Richtung - immer wieder wird der Gesetzgeber faktisch dazu durch finale Gerichtsurteile aufgefordert, diese Rechtthematiken gleichartig im Sozialrecht und Steuerrecht abzubilden.

Würde man aber eine einheitliche Existenzgrundsicherung etablieren, wäre das weitgehend Aufwandsneutral, weil die Mehraufwände genau da entstehen, wo heute Gerichte immer wieder beurteilen, dass Anpassungen gemacht werden müssen! Die würde man halt vorziehen.

In einem zweiten Schritt kann man dann das Bedürftigkeitsprinzip in Frage stellen - und das Bedarfsprinzip zur Anwendung bringen. Das geht prinzipiell weitgehend Aufwandsneutral - wobei man auch hier die üblichen Ungerechtigkeiten, die heute schon hinlänglich bekannt sind, wohl mit aufräumen würde.

Wahrscheinlich wären mit solchen Reformen schon 50% der BGE-Befürworter besänftigt - weil ihre Motivation nicht final ist, ein BGE einzuführen, sondern die vorhandenen offensichtlichen Ungerechtigkeiten zu beseitigen.
Umgekehrt wären wahrscheinlich schon 50% der BGE-Gegner auch damit besänftigt, weil sie feststellen, dass es damit zwar eine Art Grundeinkommen gibt, aber sich gesellschaftlich nicht wirklich was so dramatisch verschlechtert hat, dass ein grundlegender Protest gegenüber einem BGE noch lohnt.

Im Sinne von sinnvollen Pauschalisierungen würde man dann die Grundeinkommen sukzessive im niedrigen Bereich erhöhen - bis die üblichen und teuren Klagegründe wegen Einzelsachbeständen schlicht und einfach pauschaliert entfallen. Im Prinzip hat man dann schon ein BGE, wie es dem entspricht, was die meisten BGE-Befürworter (vor allem die Realistischen) fordern.

Immer dann, wenn ein einzelner Reformschritt zu ungewünschten Verwerfungen führt, kann man selbstverständlich korrigieren! Das passiert auch heute schon permannent, und ist normales Politikgeschäft.

ALG1 und Kurzarbeitergeld sind eigentlich kein Thema einer Existenzgrundsicherung. Die Rente hingegen schon. So wie diese heute organisiert ist, ist sie ein Beschiss. Denn sie suggeriert, dass es um eine echte Altersvorsorge ginge - tatsächlich aber deckt die Rente in einer sehr hohen Zahl und vor allem zu einem wesentlichen Prozentanteil vor allem die Thematik der Grundsicherung ab - die aber gehört eigentlich Steuerfinanziert! Würde man die Rente um diese Last befreien, wäre es garantiert, dass jede Einzahlung in die Rente zu einer Erhöhung der Konsumfähigkeit im Alter führt. Das ist heute nicht der Fall - ein Kardinalfehler der heutigen Lösung.


Moderne BGE-Ansätze gehen davon aus, dass man die Sozialsysteme mit der Einführung mit reformiert - sonst macht die Einführung eines BGEs nicht wirklich Sinn. Dies trifft im Minimum die Themen der Kranken- und Pflegeversicherung, der Arbeitslosenversicherung und der Rente - und nicht jede der Reformen, die man da tätigen soll, wird jedem Verfechter eines BGEs gefallen. Prinzipiell halte ich es durchaus für sehr überlegenswert, sowohl den Mindestlohn als auch den Kündigungsschutz mit der Einführung eines BGEs in Frage zu stellen! Und auch bei der Rente habe ich meine Zweifel, dass man in einem BGE-System noch eine Rentenversicherung braucht, wie wir sie kennen. Wer höhere Leistungen im Alter über die Grundsicherung hinaus haben will, kann und sollte sich dafür privat versichern (können und müssen).

Ein moderner BGE-Ansatz räumt insofern nicht nur mit veralteten Prinzipien bezüglich der Bedürftigkeit auf, sondern entrümpelt die bestehenden Sozialversicherungssysteme so, dass danach mehr Eigenverantwortung möglich, aber auch eingefordert wird.
Meruem
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Re: BGE - bedingungsloses Grundeinkommen

Beitragvon Meruem » Mo 10. Aug 2020, 23:41

Atue001 hat geschrieben:(10 Aug 2020, 23:21)

@jack000; @Occham;

meine präferierte Variante geht derzeit davon aus, dass wir uns auf eine BGE-Gesellschaft hin entwickeln sollten. Das bietet ausreichend Möglichkeiten, bei Fehlentwicklungen diese frühzeitig zu bemerken, und dann auch entschieden entgegenwirken zu können.

Ich bevorzuge Vorstufen, bei denen es beispielsweise darum geht, das Thema Existenzgrundsicherung zunächst einmal einheitlich über alle Rechtsbereiche hin zu einem Gesetz zusammen zu fassen. Und damit auch eine einheitliche Behandlung des Themas sowohl im Steuerrecht als auch im Sozialrecht herzustellen. Prinzipiell geht die Rechtsprechung heute schon mehr und mehr in diese Richtung - immer wieder wird der Gesetzgeber faktisch dazu durch finale Gerichtsurteile aufgefordert, diese Rechtthematiken gleichartig im Sozialrecht und Steuerrecht abzubilden.

Würde man aber eine einheitliche Existenzgrundsicherung etablieren, wäre das weitgehend Aufwandsneutral, weil die Mehraufwände genau da entstehen, wo heute Gerichte immer wieder beurteilen, dass Anpassungen gemacht werden müssen! Die würde man halt vorziehen.

In einem zweiten Schritt kann man dann das Bedürftigkeitsprinzip in Frage stellen - und das Bedarfsprinzip zur Anwendung bringen. Das geht prinzipiell weitgehend Aufwandsneutral - wobei man auch hier die üblichen Ungerechtigkeiten, die heute schon hinlänglich bekannt sind, wohl mit aufräumen würde.

Wahrscheinlich wären mit solchen Reformen schon 50% der BGE-Befürworter besänftigt - weil ihre Motivation nicht final ist, ein BGE einzuführen, sondern die vorhandenen offensichtlichen Ungerechtigkeiten zu beseitigen.
Umgekehrt wären wahrscheinlich schon 50% der BGE-Gegner auch damit besänftigt, weil sie feststellen, dass es damit zwar eine Art Grundeinkommen gibt, aber sich gesellschaftlich nicht wirklich was so dramatisch verschlechtert hat, dass ein grundlegender Protest gegenüber einem BGE noch lohnt.

Im Sinne von sinnvollen Pauschalisierungen würde man dann die Grundeinkommen sukzessive im niedrigen Bereich erhöhen - bis die üblichen und teuren Klagegründe wegen Einzelsachbeständen schlicht und einfach pauschaliert entfallen. Im Prinzip hat man dann schon ein BGE, wie es dem entspricht, was die meisten BGE-Befürworter (vor allem die Realistischen) fordern.

Immer dann, wenn ein einzelner Reformschritt zu ungewünschten Verwerfungen führt, kann man selbstverständlich korrigieren! Das passiert auch heute schon permannent, und ist normales Politikgeschäft.

ALG1 und Kurzarbeitergeld sind eigentlich kein Thema einer Existenzgrundsicherung. Die Rente hingegen schon. So wie diese heute organisiert ist, ist sie ein Beschiss. Denn sie suggeriert, dass es um eine echte Altersvorsorge ginge - tatsächlich aber deckt die Rente in einer sehr hohen Zahl und vor allem zu einem wesentlichen Prozentanteil vor allem die Thematik der Grundsicherung ab - die aber gehört eigentlich Steuerfinanziert! Würde man die Rente um diese Last befreien, wäre es garantiert, dass jede Einzahlung in die Rente zu einer Erhöhung der Konsumfähigkeit im Alter führt. Das ist heute nicht der Fall - ein Kardinalfehler der heutigen Lösung.


Moderne BGE-Ansätze gehen davon aus, dass man die Sozialsysteme mit der Einführung mit reformiert - sonst macht die Einführung eines BGEs nicht wirklich Sinn. Dies trifft im Minimum die Themen der Kranken- und Pflegeversicherung, der Arbeitslosenversicherung und der Rente - und nicht jede der Reformen, die man da tätigen soll, wird jedem Verfechter eines BGEs gefallen. Prinzipiell halte ich es durchaus für sehr überlegenswert, sowohl den Mindestlohn als auch den Kündigungsschutz mit der Einführung eines BGEs in Frage zu stellen! Und auch bei der Rente habe ich meine Zweifel, dass man in einem BGE-System noch eine Rentenversicherung braucht, wie wir sie kennen. Wer höhere Leistungen im Alter über die Grundsicherung hinaus haben will, kann und sollte sich dafür privat versichern (können und müssen).

Ein moderner BGE-Ansatz räumt insofern nicht nur mit veralteten Prinzipien bezüglich der Bedürftigkeit auf, sondern entrümpelt die bestehenden Sozialversicherungssysteme so, dass danach mehr Eigenverantwortung möglich, aber auch eingefordert wird.



Ich sehe genau so, mit Einführung eine BGE würde ich ebenfalls Mindestlohn und,Kündigungsschutz entfallen lassen und eine Rentnenversicherung wäre dann auch obsolet ( das Rentensytem funktioniert heute ohnehin kaum noch was man am vielen herum doktern der Politik am Rentensystem sieht , da es eben viele Ungerechtigkeiten für zu viele Meschen schafft) dass würde sich mit einemn BGE größtenteils erledigen.

Das mit der Eigenverantworting da stimme ich dir auch zu, gerade das BGE ermöglicht erst mehr Eigenverantwortung statt wie heute Bevormundung, Sanktionen und Schikane a,la Hartz4. Ganz zu schweigen von der teuren und uneffizienten Bürokratie und den immens Verwaltungsaufwand.
Occham

Re: BGE - bedingungsloses Grundeinkommen

Beitragvon Occham » Di 11. Aug 2020, 09:09

Atue001 hat geschrieben:(10 Aug 2020, 23:21)

@jack000; @Occham;

meine präferierte Variante geht derzeit davon aus, dass wir uns auf eine BGE-Gesellschaft hin entwickeln sollten. Das bietet ausreichend Möglichkeiten, bei Fehlentwicklungen diese frühzeitig zu bemerken, und dann auch entschieden entgegenwirken zu können.

Viel Varianten einer Fehlentwicklung entgegen zu wirken, gibt es nicht...
Atue001
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Registriert: Fr 2. Aug 2019, 00:00

Re: BGE - bedingungsloses Grundeinkommen

Beitragvon Atue001 » Di 11. Aug 2020, 23:53

Occham hat geschrieben:(11 Aug 2020, 09:09)

Viel Varianten einer Fehlentwicklung entgegen zu wirken, gibt es nicht...


Da kann man schon viel Phantasie entwickeln......beispielsweise könnte die Bedingungslosigkeit an die Bedingung einer erwachsenen eigenverantwortlichen und der Gesellschaft wohlwollenden Lebensführung gekoppelt sein. Konkret könnte das bedeuten, wenn jemand ein Straftäter wird, verwirkt er das Recht auf ein BGE. Oder auch: Wenn jemand dauerhaft nicht in der Lage ist, mit dem Angebot eines BGEs ein eigenverantwortliches Leben zu gestalten, greifen auch Sanktionsmaßnahmen.

Für die weitaus überwiegende Mehrheit würde das noch immer ein BGE bedeuten!

Nun kannst du damit zurecht einwerfen, dass es dann aber kein wirkliches bedingungsloses Grundeinkommen wäre....das liegt aber eher an dieser unglücklichen Begriffssetzung. Der Begriff Bedingungsloses Grundeinkommen wurde eigentlich nie so definiert, dass ein solches Grundeinkommen tatsächlich frei jeder Bedingung sein soll. Es ging bei der Bedingungslosigkeit vielmehr immer darum, einen klaren Kontrapunkt zur Bedürftigkeitsprüfung zu setzen. Also eigentlich darum, dass man das Bedürftigkeitsprinzip in Frage stellt, und es durch den moderneren Ansatz der Bedarfsprüfung ersetzt.

Für den Unterschied mal ein Beispiel aus der Krankenversicherung, die nach dem Bedarfsprinzip organisiert ist:
Wenn du eine Nasen-OP machen lässt, dann wird von der Krankenkasse regelmäßig bezahlt, wenn du den Bedarf nach dieser OP hast - es also eine medizinische Notwendigkeit für diese OP gibt. Es wird nicht bezahlt, wenn es diesen Bedarf nicht gibt. Würde die Krankenkasse das Bedürftigkeitsprinzip ansetzen, würde dir auch dann nichts bezahlt, wenn es die medizinische Notwendigkeit für die OP gibt, du diese aber eigentlich von deinem Ersparten bezahlen könntest.
Die Bedingung der Bedürftigkeit würde also dazu führen, dass eine einfache Nasen-OP eine ziemlich teure Geschichte für dein Vermögen sein könnte.....

Die Idee hinter einem BGE ist damit, dass man die Bedingungen der Bedürftigkeit fallenlässt - und sie durch den Bedarf ersetzt. Den BEDARF an Existenzgrundsicherung hat aber jeder Mensch. Deshalb sollte eine Existenzgrundsicherung auch jedem Menschen (im Rechtsraum) zustehen, und nicht nur denen, die Bedürftig sind.
Leider führt der Begriff der Bedingungslosigkeit regelmäßig in die Irre, weil Menschen damit verbinden, dass es einfach gar keine Bedingungen gibt - tatsächlich aber geht eigentlich jeder BGE-Befürworter davon aus, dass beispielsweise eine Minimalbedingung ist, dass der Nutzer eines BGEs zum Rechtsraum des BGEs gehört. Und meist werden implizit weitere Bedingungen genannt, die gelten sollen - also beispielsweise Volljährigkeit, oder auch Straffreiheit.....wirklich Bedingungslos im Sinne des Wortes sind solche Ansätze aber halt nicht.

Nur - wir leben ja auch nicht im Schlaraffenland oder in Utopistan - wenn wir so etwas wie ein BGE wollen, braucht es genau auch deshalb gewisse Rahmenbedingungen dafür. Entscheidender Unterschied zum heutigen Ansatz ist deshalb korrekterweise eigentlich das Thema Ersatz des Bedürftigkeitsprinzip durch das Bedarfsprinzip.

Insofern wäre es mir auch lieber, man würde unter BGE ein Bedarfsorientiertes Grundeinkommen verstehen - und nicht den leicht falsch zu interpretierenden Begriff des Bedingungslosen Grundeinkommens.
Meruem
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Re: BGE - bedingungsloses Grundeinkommen

Beitragvon Meruem » Mi 12. Aug 2020, 07:55

Atue001 hat geschrieben:(11 Aug 2020, 23:53)

Da kann man schon viel Phantasie entwickeln......beispielsweise könnte die Bedingungslosigkeit an die Bedingung einer erwachsenen eigenverantwortlichen und der Gesellschaft wohlwollenden Lebensführung gekoppelt sein. Konkret könnte das bedeuten, wenn jemand ein Straftäter wird, verwirkt er das Recht auf ein BGE. Oder auch: Wenn jemand dauerhaft nicht in der Lage ist, mit dem Angebot eines BGEs ein eigenverantwortliches Leben zu gestalten, greifen auch Sanktionsmaßnahmen.

Für die weitaus überwiegende Mehrheit würde das noch immer ein BGE bedeuten!

Nun kannst du damit zurecht einwerfen, dass es dann aber kein wirkliches bedingungsloses Grundeinkommen wäre....das liegt aber eher an dieser unglücklichen Begriffssetzung. Der Begriff Bedingungsloses Grundeinkommen wurde eigentlich nie so definiert, dass ein solches Grundeinkommen tatsächlich frei jeder Bedingung sein soll. Es ging bei der Bedingungslosigkeit vielmehr immer darum, einen klaren Kontrapunkt zur Bedürftigkeitsprüfung zu setzen. Also eigentlich darum, dass man das Bedürftigkeitsprinzip in Frage stellt, und es durch den moderneren Ansatz der Bedarfsprüfung ersetzt.

Für den Unterschied mal ein Beispiel aus der Krankenversicherung, die nach dem Bedarfsprinzip organisiert ist:
Wenn du eine Nasen-OP machen lässt, dann wird von der Krankenkasse regelmäßig bezahlt, wenn du den Bedarf nach dieser OP hast - es also eine medizinische Notwendigkeit für diese OP gibt. Es wird nicht bezahlt, wenn es diesen Bedarf nicht gibt. Würde die Krankenkasse das Bedürftigkeitsprinzip ansetzen, würde dir auch dann nichts bezahlt, wenn es die medizinische Notwendigkeit für die OP gibt, du diese aber eigentlich von deinem Ersparten bezahlen könntest.
Die Bedingung der Bedürftigkeit würde also dazu führen, dass eine einfache Nasen-OP eine ziemlich teure Geschichte für dein Vermögen sein könnte.....

Die Idee hinter einem BGE ist damit, dass man die Bedingungen der Bedürftigkeit fallenlässt - und sie durch den Bedarf ersetzt. Den BEDARF an Existenzgrundsicherung hat aber jeder Mensch. Deshalb sollte eine Existenzgrundsicherung auch jedem Menschen (im Rechtsraum) zustehen, und nicht nur denen, die Bedürftig sind.
Leider führt der Begriff der Bedingungslosigkeit regelmäßig in die Irre, weil Menschen damit verbinden, dass es einfach gar keine Bedingungen gibt - tatsächlich aber geht eigentlich jeder BGE-Befürworter davon aus, dass beispielsweise eine Minimalbedingung ist, dass der Nutzer eines BGEs zum Rechtsraum des BGEs gehört. Und meist werden implizit weitere Bedingungen genannt, die gelten sollen - also beispielsweise Volljährigkeit, oder auch Straffreiheit.....wirklich Bedingungslos im Sinne des Wortes sind solche Ansätze aber halt nicht.

Nur - wir leben ja auch nicht im Schlaraffenland oder in Utopistan - wenn wir so etwas wie ein BGE wollen, braucht es genau auch deshalb gewisse Rahmenbedingungen dafür. Entscheidender Unterschied zum heutigen Ansatz ist deshalb korrekterweise eigentlich das Thema Ersatz des Bedürftigkeitsprinzip durch das Bedarfsprinzip.

Insofern wäre es mir auch lieber, man würde unter BGE ein Bedarfsorientiertes Grundeinkommen verstehen - und nicht den leicht falsch zu interpretierenden Begriff des Bedingungslosen Grundeinkommens.


Zustimmung :thumbup: , die UNO hatte ja,erst vor kurzem ein globales Grundeinkommen ( auf Zeit) um die Corona bedingt größte Notem der Ärmsten der Welt zu lindern vorgeschlagen bzw gefordert , auch in vielen Staaten hat das Virus die ernsthafte Disskussion darüber schon befördert die Namen klingen anders ( von Bürgergeld bis Existenzgeld ist alles dabei) das Konzept dahinter geht aber zusehens in diese Richtung.
Occham

Re: BGE - bedingungsloses Grundeinkommen

Beitragvon Occham » Do 13. Aug 2020, 11:14

Atue001 hat geschrieben:(11 Aug 2020, 23:53)

Da kann man schon viel Phantasie entwickeln......beispielsweise könnte die Bedingungslosigkeit an die Bedingung einer erwachsenen eigenverantwortlichen und der Gesellschaft wohlwollenden Lebensführung gekoppelt sein. Konkret könnte das bedeuten, wenn jemand ein Straftäter wird, verwirkt er das Recht auf ein BGE. Oder auch: Wenn jemand dauerhaft nicht in der Lage ist, mit dem Angebot eines BGEs ein eigenverantwortliches Leben zu gestalten, greifen auch Sanktionsmaßnahmen.

Für die weitaus überwiegende Mehrheit würde das noch immer ein BGE bedeuten!

Nun kannst du damit zurecht einwerfen, dass es dann aber kein wirkliches bedingungsloses Grundeinkommen wäre....das liegt aber eher an dieser unglücklichen Begriffssetzung. Der Begriff Bedingungsloses Grundeinkommen wurde eigentlich nie so definiert, dass ein solches Grundeinkommen tatsächlich frei jeder Bedingung sein soll. Es ging bei der Bedingungslosigkeit vielmehr immer darum, einen klaren Kontrapunkt zur Bedürftigkeitsprüfung zu setzen. Also eigentlich darum, dass man das Bedürftigkeitsprinzip in Frage stellt, und es durch den moderneren Ansatz der Bedarfsprüfung ersetzt.

Für den Unterschied mal ein Beispiel aus der Krankenversicherung, die nach dem Bedarfsprinzip organisiert ist:
Wenn du eine Nasen-OP machen lässt, dann wird von der Krankenkasse regelmäßig bezahlt, wenn du den Bedarf nach dieser OP hast - es also eine medizinische Notwendigkeit für diese OP gibt. Es wird nicht bezahlt, wenn es diesen Bedarf nicht gibt. Würde die Krankenkasse das Bedürftigkeitsprinzip ansetzen, würde dir auch dann nichts bezahlt, wenn es die medizinische Notwendigkeit für die OP gibt, du diese aber eigentlich von deinem Ersparten bezahlen könntest.
Die Bedingung der Bedürftigkeit würde also dazu führen, dass eine einfache Nasen-OP eine ziemlich teure Geschichte für dein Vermögen sein könnte.....

Die Idee hinter einem BGE ist damit, dass man die Bedingungen der Bedürftigkeit fallenlässt - und sie durch den Bedarf ersetzt. Den BEDARF an Existenzgrundsicherung hat aber jeder Mensch. Deshalb sollte eine Existenzgrundsicherung auch jedem Menschen (im Rechtsraum) zustehen, und nicht nur denen, die Bedürftig sind.
Leider führt der Begriff der Bedingungslosigkeit regelmäßig in die Irre, weil Menschen damit verbinden, dass es einfach gar keine Bedingungen gibt - tatsächlich aber geht eigentlich jeder BGE-Befürworter davon aus, dass beispielsweise eine Minimalbedingung ist, dass der Nutzer eines BGEs zum Rechtsraum des BGEs gehört. Und meist werden implizit weitere Bedingungen genannt, die gelten sollen - also beispielsweise Volljährigkeit, oder auch Straffreiheit.....wirklich Bedingungslos im Sinne des Wortes sind solche Ansätze aber halt nicht.

Nur - wir leben ja auch nicht im Schlaraffenland oder in Utopistan - wenn wir so etwas wie ein BGE wollen, braucht es genau auch deshalb gewisse Rahmenbedingungen dafür. Entscheidender Unterschied zum heutigen Ansatz ist deshalb korrekterweise eigentlich das Thema Ersatz des Bedürftigkeitsprinzip durch das Bedarfsprinzip.

Insofern wäre es mir auch lieber, man würde unter BGE ein Bedarfsorientiertes Grundeinkommen verstehen - und nicht den leicht falsch zu interpretierenden Begriff des Bedingungslosen Grundeinkommens.

Ja der Begriff „Bedingungsloses Grundeinkommen“ ist wirklich unglücklich gesetzt, zumal das Grundeinkommen erarbeitet werden muss und damit gar nicht bedingungslos sein kann, da gefällt mir der Begriff „Bedarfsorientiertes Grundeinkommen“ auch besser.
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Re: BGE - bedingungsloses Grundeinkommen

Beitragvon Meruem » Do 13. Aug 2020, 11:24

Occham hat geschrieben:(13 Aug 2020, 11:14)

Ja der Begriff „Bedingungsloses Grundeinkommen“ ist wirklich unglücklich gesetzt, zumal das Grundeinkommen erarbeitet werden muss und damit gar nicht bedingungslos sein kann, da gefällt mir der Begriff „Bedarfsorientiertes Grundeinkommen“ auch besser.


Naja,der Begriff wurde zur Abgrenzg des heutigen Systems mit seinem Bedürftigkeitsprinzip ( siehe Hartz4) gebraucht mittlerweile hat die Geundidee viele Namen vedarfsorientes Grundeinkommen, Existenzgeld , Bürgergeld ( nicht dass FDP) usw,usw...

Den meisten gemein ist dass das Bedürftigkeitsprinzip zugunsten des modernen ( und aus meiner Sicht auch gerechteren) Bedarfsprinzip überwunden wird , wie gesagt mit dem Wegdmfall aller anderen Leistungen und der übermäßigen und teueren Bürokratie , die heute im Sozialsystem noch immer vorherrscht.
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Re: BGE - bedingungsloses Grundeinkommen

Beitragvon unity in diversity » Do 13. Aug 2020, 11:29

Occham hat geschrieben:(13 Aug 2020, 11:14)

Ja der Begriff „Bedingungsloses Grundeinkommen“ ist wirklich unglücklich gesetzt, zumal das Grundeinkommen erarbeitet werden muss und damit gar nicht bedingungslos sein kann, da gefällt mir der Begriff „Bedarfsorientiertes Grundeinkommen“ auch besser.

Mein Bedarf ist sowas von enorm, daß er garantiert jede Vorstellungskraft sprengt und als maßlos daherkommt.
Was nun?
Für jedes Problem gibt es 2 Lösungsansätze:
Den Falschen und den Unsrigen.
Aus den USA.
Occham

Re: BGE - bedingungsloses Grundeinkommen

Beitragvon Occham » Do 13. Aug 2020, 13:09

Meruem hat geschrieben:(13 Aug 2020, 11:24)

Naja,der Begriff wurde zur Abgrenzg des heutigen Systems mit seinem Bedürftigkeitsprinzip ( siehe Hartz4) gebraucht mittlerweile hat die Geundidee viele Namen vedarfsorientes Grundeinkommen, Existenzgeld , Bürgergeld ( nicht dass FDP) usw,usw...

Den meisten gemein ist dass das Bedürftigkeitsprinzip zugunsten des modernen ( und aus meiner Sicht auch gerechteren) Bedarfsprinzip überwunden wird , wie gesagt mit dem Wegdmfall aller anderen Leistungen und der übermäßigen und teueren Bürokratie , die heute im Sozialsystem noch immer vorherrscht.

Ich hab trotzdem so die Sorge, dass dann nicht mehr gearbeitet wird… Dann gibts keine Sonntagszeitungen mehr und viele andere Minijobs auch nicht mehr... aber vielleicht täusch ich mich...
Occham

Re: BGE - bedingungsloses Grundeinkommen

Beitragvon Occham » Do 13. Aug 2020, 13:10

unity in diversity hat geschrieben:(13 Aug 2020, 11:29)

Mein Bedarf ist sowas von enorm, daß er garantiert jede Vorstellungskraft sprengt und als maßlos daherkommt.
Was nun?

Hmm, gute Frage. Die beste Antwort wäre die, das man in die Schule geht, was lernt… um so viel Geld zu verdienen… denn gearbeitet muss ja werden…
Meruem
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Re: BGE - bedingungsloses Grundeinkommen

Beitragvon Meruem » Do 13. Aug 2020, 13:32

Occham hat geschrieben:(13 Aug 2020, 13:10)

Hmm, gute Frage. Die beste Antwort wäre die, das man in die Schule geht, was lernt… um so viel Geld zu verdienen… denn gearbeitet muss ja werden…


Um so viel Geld zu verdienen reicht selbst dass nicht aus die wenigsten werden mit Erwerbdmsarbeit wirklich reich ( selbst bei Akademikern ist dass so, ganz zu schweigen von Systemrelevanten Arbeiten etwa Pflegekräfte, Polizisten usw) dass muss man schon einen reichen Pappi haben, Aktien oder im Lotto gewinnen.

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