Finanzkrise - beginnt das Streichkonzert?

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Thomas I
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Re: Finanzkrise - beginnt das Streichkonzert?

Beitragvon Thomas I » Mi 10. Feb 2010, 13:16

Claud hat geschrieben:Was du vorschlägst, ist eine Boulevardisierung der Schauspielerei, was zur folge hätte, dass noch mehr Menschen mit hochwertigen Filmen, Theaterstücken oder anderen Formen der Schauspielerei überfordert sind und sich lieber durch einfache Darstellungen berieseln lassen. Dann brauchst du auch keine Bibliotheken mehr, wenn diejenigen, welche darauf angewiesen sind, sich dafür nurnoch mit dem Abendprogrammn von ProSieben, den Kassenknüllern im Kino und der Bild zufrieden geben müssen.


Wenn die Orientierung der Schauspieleei an den Wünschen und Vorstellungen des Publikums eine Boulevardisierung ist, dann bin ich sehr für eine Boulvardisierung.
Ich halte es nämlich nicht für hochwertig wenn man die Texte von Shakespeare modernisiert und man dann im Ergebnis einen Heranwachsenden kaum noch ins Theater mitnehmen kann da außer "Arschloch, Fiken, Dummsau" kaum noch Worte übrigblieben in Macbeth (Theater München). Ich brauch auch keinen der im Sommernachtstraum nackt auf der Bühne in die Ecke pisst (Theater Weimar) noch brauche ich eine barbusige Königin der Nacht mit leuchtenden LEDS an den Nippeln (Oper Hannover) auch Dinge wie das "Rocktheater nackt" oder die Kotschmierereien (Theater Frankfurt, Ionescos "Massakerspiel")halte ich nicht für hochwertig.

Theater und Oper haben auch zu unterhalten und nicht nur zu provozieren. Im Bereich der Oper hat man das langsam verstanden...
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Olifant
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Re: Finanzkrise - beginnt das Streichkonzert?

Beitragvon Olifant » Mi 10. Feb 2010, 13:16

Thomas I hat geschrieben:...aber er hat Recht: Museen, Bibliotheken und Bildungseinrichtungen sind einfach wichtiger.


Woran bemisst sich die "Wichtigkeit"?
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Re: Finanzkrise - beginnt das Streichkonzert?

Beitragvon adal » Mi 10. Feb 2010, 13:18

Thomas I hat geschrieben:Kunst ist zwar frei, aber daraus resultiert nicht, dass die Gemeinschaft die Künstler auch unterhalten muß wenn ihr deren Werke nicht gefallen.
Das ist Unsinn. Die siebziger Jahre, als Intendanten und Regisseure niedrige Zuschauerzahlen für ein Qualitätskriterium hielten, sind lange vorbei.
1. ist ein ordentlicher Theaterskandal (den heutzutage kaum noch einer hinkriegt) gut für die Zuschauerquote,
2. bemühen sich die Theater seit den 90 er Jahren zunehmend um den Publikumszuspruch, um die Subventionen vor den Kämmerern zu rechtfertigen.
Kultur ist nebenbei bemerkt auch ein Standortvorteil - und zwar gerade deshab, weil sich dafür ja eher nur ein relativ kleiner Kreis von Bildungsbürgern interessiert. Massenunterhaltung wie Musicals und Andree-Rieu-Konzerte braucht niemand zu subventionieren.
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Claud
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Re: Finanzkrise - beginnt das Streichkonzert?

Beitragvon Claud » Mi 10. Feb 2010, 13:38

Thomas I hat geschrieben:
Sind wir doch mal ehrlich: Im Rahmen üppiger öffentlicher Bezuschussung haben viele Theater und Opernhäuser jahrzehntelang Inszenierungen gezeigt die vor allem provozieren und verstören sollten, haben damit den Stellenwert ihrer Einrichtungen in den Kreisen des interessierten Bildungsbürgertums reduziert und dabei immernoch Eintrittspreise genommen die nicht gerade als niedrig zu bezeichnen sind.

Es wird sich nun zeigen welche Häuser mit Erfolg darauf gesetzt haben die Bürger in ihrem Einzugsbereich an sich zu binden (und daher auch über andere Einnahmen als staatliche Bezuschussung verfügen) und welche eben nun nach Jahrzehnten der Provokation von sogenannten Spießbürger, bourgoisen Kapitalisten usw. usf. ohne Subventionen in die Röhre schauen.

Kunst ist zwar frei, aber daraus resultiert nicht, dass die Gemeinschaft die Künstler auch unterhalten muß wenn ihr deren Werke nicht gefallen.
Auch große Künstler wie Michelangelo, Mozart, Raffaelo und andere mußten auf den Geschmack und die Vorstellungen von Publikum und Auftraggeber Rücksicht nehmen.

Ein jeder der jetzt beklagt, das in seiner Heimatstaat ein Theater vor der Schliessung steht beantworte doch mal ehrlich die Frage: Wann war ich das letzte Mal da? Und meine letzten fünf Besuche dort erstrecken sich über welchen Zeitraum?

Ich halte zwar anders als Lostsoul Schauspielerei und Musik nicht für eine niedee Tätitgkeit, aber er hat Recht: Museen, Bibliotheken und Bildungseinrichtungen sind einfach wichtiger.


Das hängt vom Fall ab, im groben orientieren sich aber die meisten Schauspielhäuser auch am Geschmack der Besucher.

In Berlin ist es so, die Staatsoper hat eine Auslastung von über 85% (führt auch regelmäßig große Open-Air Veranstaltungen auf, die kostenlos besucht werden können und teilweise Zuschauerzahlen vorweisen können, die in die 50.000 gehen), die Deutsche Oper 68% und die komische Oper 64%. Häuser, wie das Berliner Ensemble, sind sehr gut ausgelastet und genießen einen hervorragenden Ruf, müssen aber dennoch subventioniert werden, indem beispielsweise das Land Berlin das Theatergebäude günstig vermietet und auch noch 10 Millionen € an Finanzmitteln fließen lässt. Kinder- und Jugendtheater, wie das Theater an der Parkaue oder das GRIPS bekommen jährlich je 5 Millionen €, das ATZE immerhin 200.000€ und können dadurch überhaupt Preise anbiete, die eine Familie die Karten überhaupt erschwinglich macht (ich gehe gerne in das Parkaue Theater, die Preise sind größtenteils auf Kinokarten Niveau).

Sicherlich kann man darüber reden, beispielsweise eine Oper zu schließen, wenn es eng wird. Man sollte aber nicht mit einer Mentalität rangehen, die alle Schauspielhäuser in Gefahr bringt und nur zur Folge hat, dass die Kulturelle Förderung weiter ausdünnt.
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Claud
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Re: Finanzkrise - beginnt das Streichkonzert?

Beitragvon Claud » Mi 10. Feb 2010, 13:42

Thomas I hat geschrieben:
Wenn die Orientierung der Schauspieleei an den Wünschen und Vorstellungen des Publikums eine Boulevardisierung ist, dann bin ich sehr für eine Boulvardisierung.
Ich halte es nämlich nicht für hochwertig wenn man die Texte von Shakespeare modernisiert und man dann im Ergebnis einen Heranwachsenden kaum noch ins Theater mitnehmen kann da außer "Arschloch, Fiken, Dummsau" kaum noch Worte übrigblieben in Macbeth (Theater München). Ich brauch auch keinen der im Sommernachtstraum nackt auf der Bühne in die Ecke pisst (Theater Weimar) noch brauche ich eine barbusige Königin der Nacht mit leuchtenden LEDS an den Nippeln (Oper Hannover) auch Dinge wie das "Rocktheater nackt" oder die Kotschmierereien (Theater Frankfurt, Ionescos "Massakerspiel")halte ich nicht für hochwertig.

Theater und Oper haben auch zu unterhalten und nicht nur zu provozieren. Im Bereich der Oper hat man das langsam verstanden...


Siehe oben, ich habe bereits dazu etwas geschrieben. :)

Was ich dir aber versichern kann, in Berlin werden vor allen jene Theater gefördert, die ein hochwertiges Programm anbieten und meistens auch mit guten Besucherzahlen glänzen können (abgesehen von zwei Opern, wo es aber auch an anderen Punkten krankt). Das Berliner Ensemble, welches ein Top Haus ist, spielt sehr viele Stücke von Brecht, Lessing, Goethe, Fritsch und Co, welche fast immer ausgebucht sind. Selbes gilt für die Jugendtheater, welche oftmals auch einen Pädagogischen Auftrag erfüllen und für die Jugendförderung sehr wichtig sind. Diese Stücke sind nicht so verfälscht, wie deine Beispiele.

Allerdings weiß ich nicht, wie das im Rest von Deutschland ist.
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Re: Finanzkrise - beginnt das Streichkonzert?

Beitragvon Thomas I » Mi 10. Feb 2010, 13:50

Claud hat geschrieben:
Das hängt vom Fall ab, im groben orientieren sich aber die meisten Schauspielhäuser auch am Geschmack der Besucher.

In Berlin ist es so, die Staatsoper hat eine Auslastung von über 85% (führt auch regelmäßig große Open-Air Veranstaltungen auf, die kostenlos besucht werden können und teilweise Zuschauerzahlen vorweisen können, die in die 50.000 gehen), die Deutsche Oper 68% und die komische Oper 64%. Häuser, wie das Berliner Ensemble, sind sehr gut ausgelastet und genießen einen hervorragenden Ruf, müssen aber dennoch subventioniert werden, indem beispielsweise das Land Berlin das Theatergebäude günstig vermietet und auch noch 10 Millionen € an Finanzmitteln fließen lässt. Kinder- und Jugendtheater, wie das Theater an der Parkaue oder das GRIPS bekommen jährlich je 5 Millionen €, das ATZE immerhin 200.000€ und können dadurch überhaupt Preise anbiete, die eine Familie die Karten überhaupt erschwinglich macht (ich gehe gerne in das Parkaue Theater, die Preise sind größtenteils auf Kinokarten Niveau).

Sicherlich kann man darüber reden, beispielsweise eine Oper zu schließen, wenn es eng wird. Man sollte aber nicht mit einer Mentalität rangehen, die alle Schauspielhäuser in Gefahr bringt und nur zur Folge hat, dass die Kulturelle Förderung weiter ausdünnt.


Du solltest die diesbezüglich guten Verhältnisse in Berlin nicht verallgemeinern. Warum denkst du kommen wir extra für bestimmte Stücke an der Staatsoper oder an der Komischen Oper nach Berlin?

Und auch Berlin ist davon nicht gefeit, ich erinnere nur an die Bruce LaBruce-Inszenierung „The Bad Breast“. Ich mein' der Mann macht ganz gute Pornos. Aber das ist noch kein Grund seine Machwerke für die Bühne zu adaptieren und zu subventionieren..
... oder der Macbeth von Jürgen Gosch 2006 zum Theatertreffen in Berlin mit literweise Kunstblut und live auf die Bühne scheissende Darsteller...
Odr ganz widerlich: Frank Castorfs Adaption (Aufführung kann amn da wirklich nicht mehr sagen) des Dostojewski-Klassikers "Schuld und Sühne" an der Volksbühne in 2005, die völlig durchgeknallte abartige Inszenierung des Stücks war geprägt von brutalen Sexpraktiken, der Darstellung von Fäkalien und anderen Abartigkeiten...

...und nun komme ich nichtmal aus Berlin, habe also kaum alles mitbekommen.
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Re: Finanzkrise - beginnt das Streichkonzert?

Beitragvon adal » Mi 10. Feb 2010, 13:56

Thomas I hat geschrieben:
Du solltest die diesbezüglich guten Verhältnisse in Berlin nicht verallgemeinern. Warum denkst du kommen wir extra für bestimmte Stücke an der Staatsoper oder an der Komischen Oper nach Berlin?

Und auch Berlin ist davon nicht gefeit, ich erinnere nur an die Bruce LaBruce-Inszenierung „The Bad Breast“. Ich mein' der Mann macht ganz gute Pornos. Aber das ist noch kein Grund seine Machwerke für die Bühne zu adaptieren und zu subventionieren..
... oder der Macbeth von Jürgen Gosch 2006 zum Theatertreffen in Berlin mit literweise Kunstblut und live auf die Bühne scheissende Darsteller...
Odr ganz widerlich: Frank Castorfs Adaption (Aufführung kann amn da wirklich nicht mehr sagen) des Dostojewski-Klassikers "Schuld und Sühne" an der Volksbühne in 2005, die völlig durchgeknallte abartige Inszenierung des Stücks war geprägt von brutalen Sexpraktiken, der Darstellung von Fäkalien und anderen Abartigkeiten...

...und nun komme ich nichtmal aus Berlin, habe also kaum alles mitbekommen.
Und du glaubst, bräsiges Guckkastentheater im Stil der 50er Jahre lockt das Publikum? Du solltest dich in deiner Heimatstadt als Theaterintendant bewerben.

Wenn du den Massengeschmack für maßgeblich hältst, brauchst du keinen Cent für Kultursubventionen ausgeben.
Zuletzt geändert von adal am Mi 10. Feb 2010, 14:00, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Finanzkrise - beginnt das Streichkonzert?

Beitragvon Thomas I » Mi 10. Feb 2010, 13:58

adal hat geschrieben:Das ist Unsinn. Die siebziger Jahre, als Intendanten und Regisseure niedrige Zuschauerzahlen für ein Qualitätskriterium hielten, sind lange vorbei.


Nein. Aber eine Bewegung auf ein Ende dieser 70er und 80er Jahre ist - auch unter dem Eindruck leerer kassen - langsam zu bemerken.
Ist natürlich nicht einfach für viele Schauspieler aus dieser Zeit, nun muß man plötzlich Texte auswendig können und kommt nicht mehr eingach mit einmal in die EDcke pissen in den Medien groß raus...

adal hat geschrieben:1. ist ein ordentlicher Theaterskandal (den heutzutage kaum noch einer hinkriegt) gut für die Zuschauerquote,..


Nicht wirklich.

adal hat geschrieben:2. bemühen sich die Theater seit den 90 er Jahren zunehmend um den Publikumszuspruch, um die Subventionen vor den Kämmerern zu rechtfertigen.


Das ist auch gut so. Im übrigen kann man so auch Spenden aus den Kreisen des Publikums anwerben - manche Häuser sind da ziemlich erfolgreich.

adal hat geschrieben:Kultur ist nebenbei bemerkt auch ein Standortvorteil - und zwar gerade deshab, weil sich dafür ja eher nur ein relativ kleiner Kreis von Bildungsbürgern interessiert.


Es kann aber auch schnell zum Standortnachteil werden wenn dieser kleine Kreis von Bildungsbürgern dann doch lieber dafür in benachbarte Städte reist (und dann auch das Essen vor dem Theater etc. pp. da macht), man aber trotzdem die Gelder für das eigene "Ekeltheater" locker macht/machen muß.

adal hat geschrieben: Massenunterhaltung wie Musicals und Andree-Rieu-Konzerte braucht niemand zu subventionieren.


Das Festspielhaus Baden-Baden zeigt dass das auch mit einem Qualität liefernden Opern- und Theaterhaus funktionieren kann wenn es sich mit Erfolg etabliert hat.
Und was in Baden-Baden gelingt sollte zumindest auch in den Metropolen dieses Landes machbar sein.
Zuletzt geändert von Thomas I am Mi 10. Feb 2010, 13:59, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Finanzkrise - beginnt das Streichkonzert?

Beitragvon Thomas I » Mi 10. Feb 2010, 14:00

adal hat geschrieben: Und du glaubst, bräsiges Guckkastentheater im Stil der 50er Jahre lockt das Publikum? Du solltest dich in deiner Heimatstadt als Theaterintendant bewerben.


Meine Heimatstadt ist diesbezüglich ganz gut ausgestattet und schafft auch erfrischende und provokante Inszrnierungen mit einer Aussage ohne auf Kunstblut, Pisse, Porno und Fäkalien zurückzugreifen und den Text durch eine Aneinanderreihung an Verbalinjurien zu ersetzen.
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Re: Finanzkrise - beginnt das Streichkonzert?

Beitragvon Claud » Mi 10. Feb 2010, 14:02

Thomas I hat geschrieben:Du solltest die diesbezüglich guten Verhältnisse in Berlin nicht verallgemeinern. Warum denkst du kommen wir extra für bestimmte Stücke an der Staatsoper oder an der Komischen Oper nach Berlin?


Da hast du sicherlich recht, ich glaube aber nicht, dass in anderen Regionen Zustände herrschen, die einer Katastrophe gleichen. Auch hier sollte man bei Verallgemeinerungen aufpassen.

Warum denkst du kommen wir extra für bestimmte Stücke an der Staatsoper oder an der Komischen Oper nach Berlin?


Das freut mich. :)


Und auch Berlin ist davon nicht gefeit, ich erinnere nur an die Bruce LaBruce-Inszenierung „The Bad Breast“. Ich mein' der Mann macht ganz gute Pornos. Aber das ist noch kein Grund seine Machwerke für die Bühne zu adaptieren und zu subventionieren..
... oder der Macbeth von Jürgen Gosch 2006 zum Theatertreffen in Berlin mit literweise Kunstblut und live auf die Bühne scheissende Darsteller...
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...und nun komme ich nichtmal aus Berlin, habe also kaum alles mitbekommen.


Ich glaube, etwas Experimentieren sollte auch drinn sein. Man muss auch aufpassen, dass die Kunst nicht auf einen Punkt stehen bleibt und sich nicht mehr weiterentwickelt. Den Großteil darf es aber nicht ausmachen, wenn es nicht genügen Besucher anlockt und nicht überzeugen kann, da hast du recht.
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Re: Finanzkrise - beginnt das Streichkonzert?

Beitragvon Olifant » Mi 10. Feb 2010, 14:03

Thomas I hat geschrieben:Meine Heimatstadt ist diesbezüglich ganz gut ausgestattet und schafft auch erfrischende und provokante Inszrnierungen mit einer Aussage ohne auf Kunstblut, Pisse, Porno und Fäkalien zurückzugreifen und den Text durch eine Aneinanderreihung an Verbalinjurien zu ersetzen.


Das ist ja alles schön und gut, es sagt trotzdem nichts über die Existenzberechtigung von Theatern aus.
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Re: Finanzkrise - beginnt das Streichkonzert?

Beitragvon Thomas I » Mi 10. Feb 2010, 14:05

Claud hat geschrieben:
Da hast du sicherlich recht, ich glaube aber nicht, dass in anderen Regionen Zustände herrschen, die einer Katastrophe gleichen. Auch hier sollte man bei Verallgemeinerungen aufpassen.



Das freut mich. :)




Ich glaube, etwas Experimentieren sollte auch drinn sein. Man muss auch aufpassen, dass die Kunst nicht auf einen Punkt stehen bleibt und sich nicht mehr weiterentwickelt. Den Großteil darf es aber nicht ausmachen, wenn es nicht genügen Besucher anlockt und nicht überzeugen kann, da hast du recht.


Was hat das mit Entwicklung zu tun wenn ich Pornos auf die Theaterbühne bringe (für Pornos gibt es ja auch keine Filmförderung oder??) oder seit 40 Jahren dieselben Muster zur Provokation angeblicher Spießbpürger wiederkäue?
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Re: Finanzkrise - beginnt das Streichkonzert?

Beitragvon Thomas I » Mi 10. Feb 2010, 14:08

Olifant hat geschrieben:
Das ist ja alles schön und gut, es sagt trotzdem nichts über die Existenzberechtigung von Theatern aus.


In meiner Heimat kommt (trotz hoher Verschuldung) bisher niemand auf die Idee diese Existenzberechtigung in Frage zu stellen. Im Gegenteil, Ludwigshafen hat seines erst mit hohem Aufwand saniert und auch in Mannheim stehen Kürzungen nicht zur Debatte - das liegt aber daran, dass die Bürger sich damit gut identifizieren und gerne dahin gehen.

Und das fehlt natürlich solchen angeblich progressiven in Wirklichkeit aber billig provokativen Ekeltheatern eben.
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Re: Finanzkrise - beginnt das Streichkonzert?

Beitragvon Claud » Mi 10. Feb 2010, 14:11

Thomas I hat geschrieben:Was hat das mit Entwicklung zu tun wenn ich Pornos auf die Theaterbühne bringe (für Pornos gibt es ja auch keine Filmförderung oder??) oder seit 40 Jahren dieselben Muster zur Provokation angeblicher Spießbpürger wiederkäue?


Gerade Sex ist doch eine tolle Sache beim Thema Kunst und unterliegt natürlich auch einer Förderung, wenn sie entsprechend begründet werden kann und Erfolge mitbringt. Ist dies nicht der Fall, dann sollte man auf eine Förderung bzw dem Stück verzichten, dass schrieb ich aber bereits. (Persönlich habe ich noch keinen Sex auf der Bühne erlebt, durchaus aber viele Bilder gesehen, wo es Menschen mit allen möglichen treiben und die Ausstellung dennoch vom staat gefördert wird.

Am Ende ist ja auch die Kommune gefragt, welche dann halt darauf pochen muss, dass der Intendant ausgetauscht wird, wenn die Einrichtung weiter gefördert werden soll und das Experiment keinerlei Vorteile bringt. Und wenn etwas seid 40 Jahren nach einem gleichen Schema dargestellt wird, dann zählt das bei mir nicht als Experiment.
Zuletzt geändert von Claud am Mi 10. Feb 2010, 14:12, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Finanzkrise - beginnt das Streichkonzert?

Beitragvon Olifant » Mi 10. Feb 2010, 14:12

Thomas I hat geschrieben:Und das fehlt natürlich solchen angeblich progressiven in Wirklichkeit aber billig provokativen Ekeltheatern eben.


Nicht, dass ich sowas gut fände, aber empirisch belegen wierst Du sowas wohl nciht können. Im Übrigen muss Kultur m.E. eben nicht zwingend widersprichsfrie sein. Gerade aus den Widersprüchen kultureller Darbietungen entstehen gesellschaftliche Diskurse.

Ich verstehe übrigens auch nicht, was das nun noch mit dem Thema zu tun hat. Ein Gemeinwesen muss sich entscheiden, welche kulturellen Angebote es gereit hält. Für den Inhalt sollten dann die Kulturmacher verantwortlich sein, Eine politisch verordnete Kultur würde ich bspw. strikt ablehnen.
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Re: Finanzkrise - beginnt das Streichkonzert?

Beitragvon gallerie » Mi 10. Feb 2010, 14:12

Olifant hat geschrieben:
Das ist ja alles schön und gut, es sagt trotzdem nichts über die Existenzberechtigung von Theatern aus.

...Deutschland ist das Land der Dichter und Denker, und mit diesen kulturellen Errungenschaften sollten wir durch Streichungen nicht hemmungslos unsere kulturellen Wurzeln abhacken.
Der Kommerz kann und ist nicht in der Lage diese Gut bewahren, dazu bedarf es staatlicher Unterstützung auf Lände- und kommunaler Ebene.
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Re: Finanzkrise - beginnt das Streichkonzert?

Beitragvon Thomas I » Mi 10. Feb 2010, 14:30

Olifant hat geschrieben:
Nicht, dass ich sowas gut fände, aber empirisch belegen wierst Du sowas wohl nciht können. Im Übrigen muss Kultur m.E. eben nicht zwingend widersprichsfrie sein. Gerade aus den Widersprüchen kultureller Darbietungen entstehen gesellschaftliche Diskurse.

Ich verstehe übrigens auch nicht, was das nun noch mit dem Thema zu tun hat. Ein Gemeinwesen muss sich entscheiden, welche kulturellen Angebote es gereit hält. Für den Inhalt sollten dann die Kulturmacher verantwortlich sein, Eine politisch verordnete Kultur würde ich bspw. strikt ablehnen.


Wenn es um die Wirtschaft geht, wird immer beklagt dass die Arbeiter und das Volk zuwenig über Inhalte und Ausrichtung der einzelnen Unternehmen etc. pp. mitzureden hat, da wird eine Demokratisierung eingefordert und auch oft ganz offen eine politisch verordnete Wirtschaft gefordert - beim Thema öffentlich geförderte Kultur aber soll genau das ein Tabu sein?
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Re: Finanzkrise - beginnt das Streichkonzert?

Beitragvon Olifant » Mi 10. Feb 2010, 14:35

Thomas I hat geschrieben:Wenn es um die Wirtschaft geht, wird immer beklagt dass die Arbeiter und das Volk zuwenig über Inhalte und Ausrichtung der einzelnen Unternehmen etc. pp. mitzureden hat, da wird eine Demokratisierung eingefordert und auch oft ganz offen eine politisch verordnete Wirtschaft gefordert - beim Thema öffentlich geförderte Kultur aber soll genau das ein Tabu sein?


Sorry, dieser Gedankengang ist mir zu verquer.
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Re: Finanzkrise - beginnt das Streichkonzert?

Beitragvon Claud » Mi 10. Feb 2010, 14:38

Thomas I hat geschrieben:
Wenn es um die Wirtschaft geht, wird immer beklagt dass die Arbeiter und das Volk zuwenig über Inhalte und Ausrichtung der einzelnen Unternehmen etc. pp. mitzureden hat, da wird eine Demokratisierung eingefordert und auch oft ganz offen eine politisch verordnete Wirtschaft gefordert - beim Thema öffentlich geförderte Kultur aber soll genau das ein Tabu sein?


Wolfgang Ruppert hat dies vor einigen Jahren anhand des Künstlerhabitus erklärt.

...

Wolfgang RUPPERT: Man muß sich fragen, wie sich der Gegensatz der Bewertungen erklärt: daß 1896, als Kandinsky von Moskau nach München kommt, Lenbach der allergrößte Künstler ist, und heute für uns sehr in seiner Bedeutung zurückgetreten ist und andererseits Kandinsky zu dem "modernen Künstler" stilisiert ist? Ich habe nun versucht, in diesen beiden Fallstudien dem sehr genau nachzugehen: Was sind denn die jeweils prägenden Zeitumstände? Und da zeigt sich eben auch, daß Lenbach in den 1860ern, als er seine wichtige Entwicklungsphase hat, sich dafür entscheidet, einem Markt zu folgen, den es gibt. Nämlich, die aufsteigenden Eliten des deutschen Reiches nach 1871 haben einen Bildbedarf an Porträts. Und er versteht es nun meisterhaft, dem historistischen Zeitgeschmack einen entsprechenden ästhetischen Ausdruck zu geben, in dem zugleich die Erinnerung an die große Zeit früherer Jahrhunderte mitschwingt. Die Porträts der gesellschaftlichen Eliten hängen heute überall noch. Lenbach hat etwa viertausend dieser Art gemalt, in einer ästhetik, die die Geschichte selbst in die eigene Gegenwart des 19. Jahrhunderts mit hereinholte. Kandinsky kontrastiert zu diesem Lenbach absolut. Er ist zunächst mal nicht darauf angewiesen, dem Markt zu folgen. Lenbach hatte kein elterliches Vermögen, sondern im Gegenteil, er mußte auch noch für seine Schwester sorgen. Er war darauf angewiesen, auch etwas von seinen Bildern verkaufen zu können. Kandinsky mußte es nicht. Kandinsky wird zunächst finanziert von seinem Vater, erbt dann ein Mietshaus in Moskau und ist damit unabhängig. Er ist im wirtschaftlichen Sinne frei, um zu experimentieren und auch in seiner ästhetischen Praxis gegen das Publikum zu arbeiten. Also zwei Künstler, die einen ganz beachtlichen Spannungsbogen, wie man diesen Künstlerhabitus nun ausformen kann, repräsentieren.

...


http://www.crossmediaspace.de/ruppert/gespraech.html
Zuletzt geändert von Claud am Mi 10. Feb 2010, 14:38, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Finanzkrise - beginnt das Streichkonzert?

Beitragvon Thomas I » Mi 10. Feb 2010, 14:45

Claud hat geschrieben:
Wolfgang Ruppert hat dies vor einigen Jahren anhand des Künstlerhabitus erklärt.



http://www.crossmediaspace.de/ruppert/gespraech.html


Das Argument ist also, weil Lenbach wenn er frei von Finanzsorgen gewesen wäre vielleicht anders gemalt hätte müssen wir heute subventionieren?

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