Misanthropie

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schokoschendrezki
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Re: Misanthropie

Beitragvon schokoschendrezki » Sa 20. Okt 2018, 19:34

Fliege hat geschrieben:(17 Oct 2018, 00:33)

Philanthropen glauben als Gutmenschen an das Gute im Menschen. Wie lächerlich ein Glaube an das Gute im Menschen ist, möchte ich nicht näher erläutern. Inwiefern "Gutmensch" ein Baukasten-Begriff sein soll, ist mir schleierhaft.

Insofern als dass mit dieser jüngeren Begriffsschöpfung massenhaft Beiträge in schlechtem Deutsch, aus reflexhaften, rein subjektiven Gefühlslagen und ohne jede Originalität als Fließbandware die Medien fluten.
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt
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Fliege
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Re: Misanthropie

Beitragvon Fliege » So 21. Okt 2018, 11:50

Inwiefern ist es relevant, ob ein Begriff aus einer "jüngeren Begriffsschöpfung" hervorgegangen ist oder nicht?

Der Begriff "Gutmensch" heißt im Englischen übrigens "Do-gooder", wobei "Do-gooder" auf "philanthropist, humanitarian, volunteer, altruist" verweist. Den Begriff "Do-gooder" gibt es spätestens seit 1922, als "do-good" seit den 1650-er Jahren!
Schnittblumen verhalten sich zahm, sind aber nicht immer stubenrein; gelten "als politisch ungefestigt und unklar".
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Re: Misanthropie

Beitragvon Fuerst_48 » So 2. Dez 2018, 18:28

MäckIntaier hat geschrieben:(10 Sep 2018, 11:40)

Nun, das ist etwas, wozu man nicht 40 werden müsste. In einer rosaroten Blase gegenteiliger Erfahrungen lebt niemand.

Vielleicht sind es ja die Möglichkeiten menschlichen Seins, die der Mensch nicht ausschöpft und dann dazu führen, dass jemand lieber andere "Gesellschaft" sucht.

Wer schrankenlosem Egoismus huldigt, wird auch schon vor 40 zum Misanthropen.
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BlueMonday
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Re: Misanthropie

Beitragvon BlueMonday » So 2. Dez 2018, 21:41

Ich halte es mit Stirner: "Ihr liebt den Menschen, darum peinigt Ihr den einzelnen Menschen, den Egoisten; eure Menschenliebe ist Menschenquälerei."
Ich habe keine Abneigung gegen "den Menschen". Als reines Abstraktum existiert es schließlich gar nicht. Das Problem sind die Gläubigen, die Fanatiker auf ihren moralischen Feldzügen für "den Menschen", die dann verlangen, dass man ihnen gleich tun und sich anschließen soll. Vom Spuk zum Gebot, vom Gebot zur Dressur, von der Dressur zum Strafgesetz...

Oder "The road to hell is paved with good intentions ... but heaven is full of good works"

Die Liebe als Gebot ist nur noch ein Leichnam, ins Gegenteil verkehrt.
Tut doch, was ihr für wichtig haltet. Es ist eurer Stellenwert, den er etwas beimesst. Liebt, was ihr für liebenswert haltet. Es ist eure Liebe, eure Sympathie, eure Lebenszeit. Tut es einfach statt es von anderen einzufordern. Leuchtet als Beispiel, aber lasst den anderen die Sonnenbrille.
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Fuerst_48
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Re: Misanthropie

Beitragvon Fuerst_48 » Mo 3. Dez 2018, 20:15

BlueMonday hat geschrieben:(02 Dec 2018, 21:41)

Ich halte es mit Stirner: "Ihr liebt den Menschen, darum peinigt Ihr den einzelnen Menschen, den Egoisten; eure Menschenliebe ist Menschenquälerei."
Ich habe keine Abneigung gegen "den Menschen". Als reines Abstraktum existiert es schließlich gar nicht. Das Problem sind die Gläubigen, die Fanatiker auf ihren moralischen Feldzügen für "den Menschen", die dann verlangen, dass man ihnen gleich tun und sich anschließen soll. Vom Spuk zum Gebot, vom Gebot zur Dressur, von der Dressur zum Strafgesetz...

Oder "The road to hell is paved with good intentions ... but heaven is full of good works"

Die Liebe als Gebot ist nur noch ein Leichnam, ins Gegenteil verkehrt.
Tut doch, was ihr für wichtig haltet. Es ist eurer Stellenwert, den er etwas beimesst. Liebt, was ihr für liebenswert haltet. Es ist eure Liebe, eure Sympathie, eure Lebenszeit. Tut es einfach statt es von anderen einzufordern. Leuchtet als Beispiel, aber lasst den anderen die Sonnenbrille.

Gefällt mir als Beitrag mit Hand&Fuß ausnehmend gut.
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Re: Misanthropie

Beitragvon Fliege » Sa 15. Dez 2018, 18:41

Fuerst_48 hat geschrieben:(02 Dec 2018, 18:28)
Wer schrankenlosem Egoismus huldigt, wird auch schon vor 40 zum Misanthropen.

Tendieren nicht viel eher enttäuschte Altruisten zur Misanthropie?

(Enttäuschte Altruisten sind Altruisten, deren Altruismus sehr zu ihrem Nachteil von anderen ausgenutzt worden ist. Deswegen verachten Misanthropen nicht nur andere, sondern auch sich selbst. Anders gesagt: Fool me once, shame on you. Fool me twice, shame on me!)
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Re: Misanthropie

Beitragvon Uffzach » Sa 15. Dez 2018, 23:14

MäckIntaier hat geschrieben:(10 Sep 2018, 08:12)

Vom französischen Schriftsteller Chamfort stammt der Gedanke, wonach derjenige, der mit 40 nicht Misanthrop sei, die Menschen nie geliebt habe.
Das scheint überraschend: Menschenflucht aus enttäuschter Menschenliebe. Enttäuscht worüber? Und warum stehen Misanthropen in einem so zweifelhaften Ruf, obwohl sie einige herausragende Geister hervorgebracht haben? Was kritisieren sie eigentlich? Und ist das in der Massendemokratie mit ihren uniformen Individualismen vielleicht die letzte Haltung, bei der man sich die innere und äußere Unabhängigkeit wahrt? Was meinen Sie?

Ich habe die Menschen nie geliebt. Mir fiel gar kein Grund ein sie zu lieben. Menschen sind mir eher die Knetmasse, um Wirklichkeit zu formen. Warum und für wen Wirklichkeit formen, mag man fragen. Ich weiß das auch nicht, aber man tut was man kann. :cool:
Für die Freiheit des sprachlichen Ausdrucks !
Macht ist Macht über die Sprache der anderen. Fürchtet euch nicht, denn Bezeichner sind a priori bedeutungsleere Zeichenfolgen. :cool:
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Re: Misanthropie

Beitragvon Fuerst_48 » So 16. Dez 2018, 17:23

Fliege hat geschrieben:(15 Dec 2018, 18:41)

Tendieren nicht viel eher enttäuschte Altruisten zur Misanthropie?

(Enttäuschte Altruisten sind Altruisten, deren Altruismus sehr zu ihrem Nachteil von anderen ausgenutzt worden ist. Deswegen verachten Misanthropen nicht nur andere, sondern auch sich selbst. Anders gesagt: Fool me once, shame on you. Fool me twice, shame on me!)

Mag sein. Meine Erfahrung besagt: Enttäuschte Altruisten wenden sich nur von den Menschen ab, die sie enttäuscht, bzw. ausgenutzt haben.
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Re: Misanthropie

Beitragvon Fliege » So 16. Dez 2018, 19:24

Fuerst_48 hat geschrieben:(16 Dec 2018, 17:23)
Mag sein. Meine Erfahrung besagt: Enttäuschte Altruisten wenden sich nur von den Menschen ab, die sie enttäuscht, bzw. ausgenutzt haben.

Ich habe den Eindruck, es sind Egoisten, die sich von den Menschen abwenden, die sie enttäuscht oder gar ausgenutzt haben.
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Re: Misanthropie

Beitragvon Fuerst_48 » So 16. Dez 2018, 20:24

Fliege hat geschrieben:(16 Dec 2018, 19:24)

Ich habe den Eindruck, es sind Egoisten, die sich von den Menschen abwenden, die sie enttäuscht oder gar ausgenutzt haben.

Wie breit oder schmal siehst du den Pfad zwischen Egoisten und Misanthropen??
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Re: Misanthropie

Beitragvon Fliege » Do 27. Dez 2018, 17:10

Fuerst_48 hat geschrieben:(16 Dec 2018, 20:24)
Wie breit oder schmal siehst du den Pfad zwischen Egoisten und Misanthropen??

Diesen Pfad halte ich für durchaus eng, weil sich ein Egoist emotional nicht davon abhängig macht, von anderen geliebt zu werden, so dass ein Egoist deutlich frustrationsresistenter ist als ein Altruist.
Schnittblumen verhalten sich zahm, sind aber nicht immer stubenrein; gelten "als politisch ungefestigt und unklar".
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Re: Misanthropie

Beitragvon BlueMonday » Do 27. Dez 2018, 17:21

Der Egoist liebt nicht den Menschen an sich, sondern konkrete Menschen, er liebt nicht als Gebot und endlos, sondern weil es ihm gut tut, weil er es mag usw.

Der Egoist hasst nicht "die Menschen", sondern allenfalls den konkreten Menschen, der ihm schadet, der ihn stört usw. Der Misanthrop ist aus Sicht des Egoisten ein Besessener, besessen von der Idee allgemein und abstrakt zu hassen ("den Menschen").
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Re: Misanthropie

Beitragvon Fuerst_48 » Do 27. Dez 2018, 17:27

Fliege hat geschrieben:(27 Dec 2018, 17:10)

Diesen Pfad halte ich für durchaus eng, weil sich ein Egoist emotional nicht davon abhängig macht, von anderen geliebt zu werden, so dass ein Egoist deutlich frustrationsresistenter ist als ein Altruist.

Mag sein, dass du Recht hast, wobei es schwer zu verifizieren ist, wie das von Fall zu Fall aussieht.
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Re: Misanthropie

Beitragvon Fuerst_48 » Do 27. Dez 2018, 17:28

BlueMonday hat geschrieben:(27 Dec 2018, 17:21)

Der Egoist liebt nicht den Menschen an sich, sondern konkrete Menschen, er liebt nicht als Gebot und endlos, sondern weil es ihm gut tut, weil er es mag usw.

Der Egoist hasst nicht "die Menschen", sondern allenfalls den konkreten Menschen, der ihm schadet, der ihn stört usw. Der Misanthrop ist aus Sicht des Egoisten ein Besessener, besessen von der Idee allgemein und abstrakt zu hassen ("den Menschen").

Ob man Misanthropen therapieren sollte ??

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