Pronatalismus und Antinatalismus

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Re: Pronatalismus und Antinatalismus

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 29. Nov 2019, 13:43

Bartleby hat geschrieben:(29 Nov 2019, 11:18)

Dem ließe sich nun entgegenhalten: So what? Mit der von Ihnen beschriebenen Wende, betrachtet man sie vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen um die Rettung der Welt, wäre Horstmann aktueller denn je, wenn man die Pointe seines philosophischen Ansatzes versteht (sehr schön erläutert im wunderbaren Gespräch mit Robert Jungk, siehe youtube). Nimmt man FFF ernst, bedeutet das ja lediglich, dass das Untier seinen Lebensstil unverändert beibehalten sollte, um das zu erreichen, was seinerzeit die Atomwaffen- und Biowaffenarsenale an Möglichkeiten bot. Der Weltgeist wird sich als Aufhebung des Menschen, als die allmähliche Herstellung der Menschenleere entpuppen. Menschenleere als das Endziel des Ökologischen.

Der Gedanke der Natalitätsverweigerung wäre im gesellschaftlichen Diskurs in der Tat neben suizidären oder gar omnizidären Gedankenspielen der einzige, der sich im vorherrschenden gesellschaftlichen Diskurs nicht von jenen instrumentalisieren ließe, die FFF durch verbale Vereinnahmung und allerhand Resolutionen vereinnahmt und vereventisiert haben. Dafür fände sich niemand, weil Antinatalität die humanistischen Formeln und ökonomischen Interessen aushebeln würde. Das wäre jene Umwertung aller Werte, von der es Nietzsche träumte im Negativen, wahlweise ein konkretes Nirwana. Die Totologie im Sinne eines Burgers oder eines Caraco, Cioran hin oder her, bliebe davon weitgehend unberührt.


Dem könnte man jetzt nun entgegenhalten, dass - nach Karl Marx - "alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen ... das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce. ". Die Tragödie Anfang, Mitte der 80er bestand aus meiner Sicht für diejenigen, die sich dem damals zeitweiligen völligen Geschichtspessimismus hingaben darin, sich auf einmal vollkommen allein und völlig einsam auf weiter Flur zu befinden. Die Farce heute bestünde darin, dass es einen irgendwie einheitlichen Zeitgeist ohnehin nicht mehr gibt. Du kannst dich hinstellen und zur Realisierung von "Menschenleere" aufrufen. Du wirst Anhänger finden. Und gleich in der Nachbarschaft wird ein anderer zu etwas ganz anderem aufrufen, zum Beispiel zur maximalen Kinderindieweltsetzung. Und auch der wird seine Anhängerschaft (sprich: seine Facebookgruppe) finden. Wahrnehmen werden sie sich gegenseitig kaum.
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Re: Pronatalismus und Antinatalismus

Beitragvon Bartleby » Fr 29. Nov 2019, 15:19

schokoschendrezki hat geschrieben:(29 Nov 2019, 13:43)

Dem könnte man jetzt nun entgegenhalten, dass - nach Karl Marx - "alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen ... das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce. ". Die Tragödie Anfang, Mitte der 80er bestand aus meiner Sicht für diejenigen, die sich dem damals zeitweiligen völligen Geschichtspessimismus hingaben darin, sich auf einmal vollkommen allein und völlig einsam auf weiter Flur zu befinden. Die Farce heute bestünde darin, dass es einen irgendwie einheitlichen Zeitgeist ohnehin nicht mehr gibt. Du kannst dich hinstellen und zur Realisierung von "Menschenleere" aufrufen. Du wirst Anhänger finden. Und gleich in der Nachbarschaft wird ein anderer zu etwas ganz anderem aufrufen, zum Beispiel zur maximalen Kinderindieweltsetzung. Und auch der wird seine Anhängerschaft (sprich: seine Facebookgruppe) finden. Wahrnehmen werden sie sich gegenseitig kaum.

Es gab keine Tragödie in den Achtzigern, das war schon die Farce, was sich da als Bewegung skandierend und lichterkettend durch die Straßen sang. Glücklich, wer damals, ob nun mit Nietzsche oder mit Cioran und Horstmann, ein Antidot gegen den grassierenden Angstrausch oder auch nur eine Allergie gegen schlechte Musik hatte.

Dass es keinen einheitlichen Zeitgeist gäbe, halte ich nun für eine große Illusion. Genau deshalb die Empfehlung an FFF, es mit Anti-Natalität zu versuchen, also dem einzigen großen Widersacher des Zeitgeistes. Alles andere sind nur Variationen des anthropologischen Weltbildes mit seinem Natalismus. Man könnte sagen, die Philosophen haben die Welt immer nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie abzuschaffen. :D Anti-Natalität wäre ein erster Schritt :)
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Re: Pronatalismus und Antinatalismus

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 2. Dez 2019, 09:46

Bartleby hat geschrieben:(29 Nov 2019, 15:19)
Dass es keinen einheitlichen Zeitgeist gäbe, halte ich nun für eine große Illusion.

Da bin ich aber ganz entschieden anderer Meinung. Schon deshalb, weil eigentlich nur die Vorstellung, es gäbe so etwas wie einen "einheitlichen Zeitgeist" Gegenstand irgendeiner Illusion sein kann. Die einfache Feststellung einer postmodernen Zersplitterung, Zerfaserung, einer allgemeinen Auflösung von bisher für gültig angesehenen Normen ist doch keine "Illiusion". Sondern eben nur das: lakonische Feststellung von etwas Gegebenem und Vorgefundenem.
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Re: Pronatalismus und Antinatalismus

Beitragvon Bartleby » Mo 2. Dez 2019, 10:38

schokoschendrezki hat geschrieben:(02 Dec 2019, 09:46)

Da bin ich aber ganz entschieden anderer Meinung. Schon deshalb, weil eigentlich nur die Vorstellung, es gäbe so etwas wie einen "einheitlichen Zeitgeist" Gegenstand irgendeiner Illusion sein kann. Die einfache Feststellung einer postmodernen Zersplitterung, Zerfaserung, einer allgemeinen Auflösung von bisher für gültig angesehenen Normen ist doch keine "Illiusion". Sondern eben nur das: lakonische Feststellung von etwas Gegebenem und Vorgefundenem.


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Re: Pronatalismus und Antinatalismus

Beitragvon Neandertaler » So 8. Dez 2019, 12:43

Prinzipiell spricht natürlich nichts dagegen wenn Misanthropen auf Nachwuchs verzichten.

Es aber natürlich schon erstaunlich, welche Selbstlosen Komplex philosophisch Gründe, an einem Ort an dem sich eh nicht mehr viel Fortgepflanzt wird, einigen einfallen um zu rechtfertigen, warum sie diesen Trend entsprechen.

Mein Favorit ist der Klassiker "diese Welt kann ich meinen Kindern nicht zumuten" :rolleyes: :dead: :D

Was ich aber nicht nachvollziehen kann ist das hier so ein Unterschied zwischen Tod und Nichtexistenz gemacht wird und das eine nur positive während das andere nur negativ bewertet wird. Ich sehe da gar nicht so viel Unterschied.

Der Tod sollte einem nicht das ganze Leben versauen.

Und ohne den Tod(und das Alter) wäre letzlich das Leben sinnlos, es gäbe überhaupt keinen Grund heute aufzustehen, kein Wunder das Götter immer so psychotisch drauf sind.

Auch relativieren sich die Schrecken des Todes mit dem Alter, klar in jungen Jahren ist er noch völlig unzumutbar das wird aber mehr zu einem, "aber heute passt Grade nicht".

Und mit eigenem Nachwuchs verliert der Tod nochmal an Schrecken, man lebt ja dann irgendwie trotzdem weiter fort.

Auf das Leben!
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Re: Pronatalismus und Antinatalismus

Beitragvon Bartleby » So 8. Dez 2019, 13:20

Neandertaler hat geschrieben:(08 Dec 2019, 12:43)

Prinzipiell spricht natürlich nichts dagegen wenn Misanthropen auf Nachwuchs verzichten.

Es aber natürlich schon erstaunlich, welche Selbstlosen Komplex philosophisch Gründe, an einem Ort an dem sich eh nicht mehr viel Fortgepflanzt wird, einigen einfallen um zu rechtfertigen, warum sie diesen Trend entsprechen.

Mein Favorit ist der Klassiker "diese Welt kann ich meinen Kindern nicht zumuten" :rolleyes: :dead: :D

Was ich aber nicht nachvollziehen kann ist das hier so ein Unterschied zwischen Tod und Nichtexistenz gemacht wird und das eine nur positive während das andere nur negativ bewertet wird. Ich sehe da gar nicht so viel Unterschied.

Der Tod sollte einem nicht das ganze Leben versauen.

Und ohne den Tod(und das Alter) wäre letzlich das Leben sinnlos, es gäbe überhaupt keinen Grund heute aufzustehen, kein Wunder das Götter immer so psychotisch drauf sind.

Auch relativieren sich die Schrecken des Todes mit dem Alter, klar in jungen Jahren ist er noch völlig unzumutbar das wird aber mehr zu einem, "aber heute passt Grade nicht".

Und mit eigenem Nachwuchs verliert der Tod nochmal an Schrecken, man lebt ja dann irgendwie trotzdem weiter fort.

Auf das Leben!


Ja, da ist sie wieder, die Gleichung Leben = menschliches Leben. ;)
Als würde Menschenleere das Ende des Lebens bedeuten. Dabei ist es doch eher umgekehrt: Menschliches Leben bedeutet viel eher das Ende ganz vielen Lebens. Die Gleichung wäre ja: je weniger menschliches Leben, desto vielfältiger das Leben.
In diesem Sinne: Auf das Leben! :cool:
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Re: Pronatalismus und Antinatalismus

Beitragvon Neandertaler » So 8. Dez 2019, 20:06

Bartleby hat geschrieben:(08 Dec 2019, 13:20)

Ja, da ist sie wieder, die Gleichung Leben = menschliches Leben. ;)

Nö, ich stellte eine individuelle Betrachtung an wo dieses natürlich für mich und denn Treadresteller gilt, eine allgemeine Gleichung wurde nicht aufgestellt :)

Als würde Menschenleere das Ende des Lebens bedeuten. Dabei ist es doch eher umgekehrt: Menschliches Leben bedeutet viel eher das Ende ganz vielen Lebens. Die Gleichung wäre ja: je weniger menschliches Leben, desto vielfältiger das Leben.
Nach einer quantitativen Betrachtung hat die Ausbreitung des Menschen schon zu einer Menge Leben geführt, wenn ich es richtig in Erinnerung habe ist die Masse aller Menschen wesentlich schwerer als die Masse aller Wild (Wirbel) Tiere. Die Masse aller Haustiere ist noch mal ein Vielfaches. Der Artenvielfalt hingegen, besonders der großen Wirbeltiere, ist die Ausbreitung des Menschen natürlich überhaupt nicht zuträglich. Aber, what we worry, spätestens ein paar Millionen Jahre nach dem Menschen werden wir hier auf Erden sicher wieder eine Super Artenvielfalt haben.

In diesem Sinne: Auf das Leben! :cool:

Auf jeden Fall :thumbup: Nur meine persönliche Eitelkeit nicht der Loser zu sein der eine Millionen Jahre alte Kette von unzähligen Generationen unterbricht, befriedigt nicht menschliches Leben natürlich nicht.
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Re: Pronatalismus und Antinatalismus

Beitragvon naddy » So 8. Dez 2019, 20:14

Neandertaler hat geschrieben:(08 Dec 2019, 20:06)

Auf jeden Fall :thumbup: Nur meine persönliche Eitelkeit nicht der Loser zu sein der eine Millionen Jahre alte Kette von unzähligen Generationen unterbricht, befriedigt nicht menschliches Leben natürlich nicht.


Mit etwas Nachdenken auch menschliches Leben nicht. Oder was ist dein Verdienst daran? ;)
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Re: Pronatalismus und Antinatalismus

Beitragvon Neandertaler » So 8. Dez 2019, 20:33

naddy hat geschrieben:(08 Dec 2019, 20:14)

Mit etwas Nachdenken auch menschliches Leben nicht. Oder was ist dein Verdienst daran? ;)

:?: Was ist mein Verdienst daran wenn ich.mich fortpflanze?
Na dann habe ich die Kette nicht unterbrochen.
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Re: Pronatalismus und Antinatalismus

Beitragvon Bartleby » So 8. Dez 2019, 20:36

Neandertaler hat geschrieben:(08 Dec 2019, 20:33)

:?: Was ist mein Verdienst daran wenn ich.mich fortpflanze?
Na dann habe ich die Kette nicht unterbrochen.


Käme jetzt drauf an, ob das Fortpflanzungsprodukt nun Massenmörder wird oder nicht :D
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Re: Pronatalismus und Antinatalismus

Beitragvon naddy » So 8. Dez 2019, 20:52

Neandertaler hat geschrieben:(08 Dec 2019, 20:33)

:?: Was ist mein Verdienst daran wenn ich.mich fortpflanze?


Auf dieser Ebene könntest du dir noch ein paar andere Verdienste zurechnen, um deiner "Eitelkeit" zu schmeicheln. Beispielsweise warst du das Schnellste unter ein paar Millionen Spermien. ;)
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