Deutschland nicht nur Ein-, sondern auch Auswanderungsland

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frems
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Deutschland nicht nur Ein-, sondern auch Auswanderungsland

Beitragvon frems » Di 2. Jun 2015, 13:02

Vorweg: Man kann natürlich ewig darüber streiten, ab welchem Grad der Wanderungsbewegungen man es mit einem "Ein-" bzw. "Auswanderungsland" zu tun hat und welche Kriterien man hierfür heranzieht. Mir ging's jetzt vor allem darum, daß die OECD kürzlich neue Zahlen veröffentlichte, wonach sehr viele Deutsche auch ins Ausland gehen und das (zumindest den Zielländern nach) scheinbar weniger (Nachkommen der) Gastarbeiter betrifft.

Nach den derzeit aktuellsten OECD-Zahlen lebten 2011 etwa 3,4 Millionen Deutsche in einem anderen OECD-Land, die meisten davon in den Vereinigten Staaten (rund 1,1 Millionen), Großbritannien und der Schweiz (je 270.000). Damit stellte Deutschland die fünftgrößte Auswanderergruppe in der OECD hinter Mexiko, Großbritannien, China und Indien. Mit 140.000 Emigranten sei die jährliche Auswanderung aus Deutschland in jüngster Zeit „auf hohem Niveau stabil“, hieß es.

Vor allem durch einen hohen Anteil an gut gebildeten Frauen stieg die Zahl der hoch qualifizierten Auswanderer im vergangenen Jahrzehnt um 40 Prozent. „Betrachtet man das überdurchschnittliche Bildungsniveau vieler Auswanderer, so verwundert es nicht, dass Karriere-Erwägungen den Hauptgrund für den Wegzug aus Deutschland bilden“, schreibt die OECD. [...]

Ein höheres Einkommen im Ausland erhoffen sich 46,9 Prozent, 41,4 Prozent nennen Unzufriedenheit mit dem Leben in Deutschland als Antrieb.

http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance ... 23987.html

Vor vielen Jahren gab's ja schon größere "Auswanderungswellen", die man aber vor allem der hohen Arbeitslosigkeit im "kranken Mann Europas" zugeschrieben hat. Nun ist die Arbeitslosenquote in Deutschland (insb. für Hochqualifizierte) gering, die Löhne gehören zu den höchsten in Europa (weltweit sowieso) und die Reallöhne stiegen in den letzten Jahren überdurchschnittlich (auch im europäischen Vergleich). Trotzdem wollen -- und sei es nur temporär -- viele Deutsche ihr Glück im Ausland suchen, was nicht nur finanzielle Gründe hat. Eine bedenkliche Entwicklung für den Wirtschaftsstandort Deutschland? Oder unproblematisch, da bspw. eine Fachkräfteknappheit die Löhne weiter ansteigen ließe und die ausgewanderten Fachkräfte schon zurückkämen oder von ähnlich qualifizierten Arbeitnehmern (z.B. aus Südeuropa) schon kompensiert werden?
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Boraiel
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Re: Deutschland nicht nur Ein-, sondern auch Auswanderungsla

Beitragvon Boraiel » Di 2. Jun 2015, 13:36

frems hat geschrieben:Vorweg: Man kann natürlich ewig darüber streiten, ab welchem Grad der Wanderungsbewegungen man es mit einem "Ein-" bzw. "Auswanderungsland" zu tun hat und welche Kriterien man hierfür heranzieht. Mir ging's jetzt vor allem darum, daß die OECD kürzlich neue Zahlen veröffentlichte, wonach sehr viele Deutsche auch ins Ausland gehen und das (zumindest den Zielländern nach) scheinbar weniger (Nachkommen der) Gastarbeiter betrifft.


http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance ... 23987.html
Vor vielen Jahren gab's ja schon größere "Auswanderungswellen", die man aber vor allem der hohen Arbeitslosigkeit im "kranken Mann Europas" zugeschrieben hat. Nun ist die Arbeitslosenquote in Deutschland (insb. für Hochqualifizierte) gering, die Löhne gehören zu den höchsten in Europa (weltweit sowieso) und die Reallöhne stiegen in den letzten Jahren überdurchschnittlich (auch im europäischen Vergleich). Trotzdem wollen -- und sei es nur temporär -- viele Deutsche ihr Glück im Ausland suchen, was nicht nur finanzielle Gründe hat. Eine bedenkliche Entwicklung für den Wirtschaftsstandort Deutschland? Oder unproblematisch, da bspw. eine Fachkräfteknappheit die Löhne weiter ansteigen ließe und die ausgewanderten Fachkräfte schon zurückkämen oder von ähnlich qualifizierten Arbeitnehmern (z.B. aus Südeuropa) schon kompensiert werden?

Das ist nun wirklich keine überraschende Erkenntnis, Deutschland stelle in den vergangenen Jahrzehnten/ Jahrhunderten so ziemlich die größte Auswanderungsgruppe. Das wir zur Zeit einen positiven (Ein-)Wanderungssaldo bei gleichzeitig niedriger Geburtenzahl in Deutschland haben, hängt mit seit Jahrzehnten verfehlter Politik, an der alle Parteien beteiligt waren, zusammen. Das viele in die Schweiz und insbesondere in die Vereinigten Staaten auswandern, ist nicht verwunderlich, diese Länder haben ganz andere Narrative zu bieten.
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Re: Deutschland nicht nur Ein-, sondern auch Auswanderungsla

Beitragvon Blickwinkel » Di 2. Jun 2015, 13:37

Boraiel » Di 2. Jun 2015, 13:36 hat geschrieben:Das ist nun wirklich keine überraschende Erkenntnis, Deutschland stelle in den vergangenen Jahrzehnten/ Jahrhunderten so ziemlich die größte Auswanderungsgruppe. Das wir zur Zeit einen positiven (Ein-)Wanderungssaldo bei gleichzeitig niedriger Geburtenzahl in Deutschland haben, hängt mit seit Jahrzehnten verfehlter Politik, an der alle Parteien beteiligt waren, zusammen. Das viele in die Schweiz und insbesondere in die Vereinigten Staaten auswandern, ist nicht verwunderlich, diese Länder haben ganz andere Narrative zu bieten.


Allerdings kehren sehr viele "Auswanderer" wieder zurück, weil viele nur auf Zeit im Ausland bleiben wollen und meist aufgrund der Familie(ngründung) wieder nach D zurückkehren.
Nichts ist in der Regel unsozialer als der sogenannte Wohlfahrtsstaat, der die menschliche Verantwortung erschlaffen und die individuelle Leistung absinken läßt. (Ludwig Erhard)
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Re: Deutschland nicht nur Ein-, sondern auch Auswanderungsla

Beitragvon Blickwinkel » Di 2. Jun 2015, 13:39

frems » Di 2. Jun 2015, 13:02 hat geschrieben:Vorweg: Man kann natürlich ewig darüber streiten, ab welchem Grad der Wanderungsbewegungen man es mit einem "Ein-" bzw. "Auswanderungsland" zu tun hat und welche Kriterien man hierfür heranzieht. Mir ging's jetzt vor allem darum, daß die OECD kürzlich neue Zahlen veröffentlichte, wonach sehr viele Deutsche auch ins Ausland gehen und das (zumindest den Zielländern nach) scheinbar weniger (Nachkommen der) Gastarbeiter betrifft.


http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance ... 23987.html

Vor vielen Jahren gab's ja schon größere "Auswanderungswellen", die man aber vor allem der hohen Arbeitslosigkeit im "kranken Mann Europas" zugeschrieben hat. Nun ist die Arbeitslosenquote in Deutschland (insb. für Hochqualifizierte) gering, die Löhne gehören zu den höchsten in Europa (weltweit sowieso) und die Reallöhne stiegen in den letzten Jahren überdurchschnittlich (auch im europäischen Vergleich). Trotzdem wollen -- und sei es nur temporär -- viele Deutsche ihr Glück im Ausland suchen, was nicht nur finanzielle Gründe hat. Eine bedenkliche Entwicklung für den Wirtschaftsstandort Deutschland? Oder unproblematisch, da bspw. eine Fachkräfteknappheit die Löhne weiter ansteigen ließe und die ausgewanderten Fachkräfte schon zurückkämen oder von ähnlich qualifizierten Arbeitnehmern (z.B. aus Südeuropa) schon kompensiert werden?


Es ist unproblematisch, weil viele wieder zurückkehren und es lediglich ein Zeichen für die Internationalisierung ist. Übrigens ist die Unzufriedenheit bei Menschen, die ausgewandert sind nach einer Weile höher, wie bei denjenigen, die hier geblieben sind. Liegt also bei manchen Menschen weder am Land noch an den Leuten, sondern einfach an ihnen selbst.
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Re: Deutschland nicht nur Ein-, sondern auch Auswanderungsla

Beitragvon Perdedor » Di 2. Jun 2015, 18:36

frems hat geschrieben:Trotzdem wollen -- und sei es nur temporär -- viele Deutsche ihr Glück im Ausland suchen, was nicht nur finanzielle Gründe hat.


Das hatten wir ja schonmal vor ein paar Wochen. Wichtige Informationen über die Quantität und die Beweggründe hier:
http://www.svr-migration.de/wp-content/ ... il_Web.pdf
Siehe auch
http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/D ... nn=1362958

Meine Zusammenfassung von damals:

1. Die Mehrheit der Auswanderer kehrt wieder zurück.
2. Das Wanderungssaldo der Einheimischen ist für ALLE Länder der Welt mittelfristig negativ. Anders geht es nämlich nicht. Es sei denn es gäbe irgendwo auf der Welt eine Quelle die aus dem Nichts Deutsche erschafft, die dann einwandern können.
3. Die Einwanderung von "Talenten" (jeglicher Herkunft) übersteigt die Abwanderung.
4. Die wichtigsten Gründe für die Auswanderung, sind "neue Erfahrungen", "berufliche Chancen" und "Familiäre Gründe". "Mehr Geld" kommt erst danach. Übrigens ist "mehr Geld" auch ein Grund für die Rückkehr.
5. Manche dürfte interessieren, dass viele der Auswanderer Deutsche mit Migrationshintergrund sind.

Zahlen:
- Das Wanderungssaldo Deutscher Bürger seit 1967 beträgt -1.427.000. D.h. in knapp 50 Jahren hat die deutsche Bevölkerung durch Auswanderung um gerade mal 1,5 Mio Menschen abgenommen (von heute ca. 74 Mio).
- ca. 70% der Ausgewanderten Deutschen kehrt wieder zurück
- Zusammengenommen ist die EU das Hauptauswanderungsziel der Deutschen (43%).
- Der Großteil der Auswanderer sind Akademiker (58%), aber ebenso der Rückkehrer (56%)
- Die wichtigsten Gründe für Auswanderung sind: Erfahrung machen, länger im Ausland zu leben (60%), andere Kultur (53%), interessantere berufliche Tätigkeit im Ausland (47%)
- Die wichtigsten Gründe für die Rückkehr sind: größere Nähe zu in Deutschland lebenden Familienangehörigen (45%), bessere Weiterentwicklung in Deutschland (32%), interessantere Tätigkeit in Deutschland (31%)
- 41% der "Auswanderer" wollen von vorneherein wieder zurückkehren (26% weiß nicht)
- vor allem die Älteren (60+) wollen eher NICHT zurückkehren (71%)

An den Zahlen kann man erkennen, dass berufliche Gründe wichtig sowohl für die Aus- als auch für die Rückwanderung sind. Viele Akademiker planen einen (von vorneherein begrenzten) Auslandsaufenthalt um ihre Chancen in Dtl zu verbessern.

Und wie schon gesagt: Wir reden ohnehin von sehr geringen Zahlen. Das Saldo der letzten 50 Jahre ist gerademal -1,5 Mio.


Boraiel hat geschrieben:Das viele in die Schweiz und insbesondere in die Vereinigten Staaten auswandern, ist nicht verwunderlich, diese Länder haben ganz andere Narrative zu bieten.


Es ist vor allem so, dass sich in vielen Branchen ein (begrenzter) Aufenthalt in diesen Ländern positiv im Lebenslauf macht. Es handelt sich vor allen im Bezug auf die USA nicht um Dauerauswanderer. Der Saldo war in den letzten 10 Jahren relativ ausgeglichen (Auswanderer nach USA 136.000, Rückwanderer aus USA 100.000). Die Dauerauswanderer sind vor allem Rentner, die ein besseres Klima suchen.
Zuletzt geändert von Perdedor am Di 2. Jun 2015, 18:39, insgesamt 1-mal geändert.
Arbeit. Leben. Zukunft.

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