Arbeit soll sich lohnen

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Herr Bert
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Arbeit soll sich lohnen

Beitragvon Herr Bert » Mo 25. Nov 2013, 15:27

Ursprünglich kam dieser Satz beinahe inflationär aus dem liberal-konservativem Lager. Man versuchte damit Einschnitte bei den Sozialleistungen zu begründen, indem man behauptete, dass der Lohnabstand zu den Sozialleistungen gewahrt bleiben müsse.

Mit jedem reduzierenden Eingriff in die Höhe der Sozialleistungen erhöhte sich allerdings mittelbar auch der Druck auf die untersten Löhne. Die Nachfrage, auch derer, die bisher Sozialleistungen empfangen hatten, nach bezahlter Arbeit stieg und auch dadurch sanken dort die Löhne.

Das hatte zur Folge, dass man sich dieselbe Frage einige Zeit später wieder stellte, nur auf einem niedigeren Niveau.

Mit dem sukzessiven Sinken der Löhne in den untersten Einkommensbereichen ging parallel auch eine Verschlechterung der sonstigen Arbeitsbedingungen einher. Man sourcte zunehmend aus und entzog diese Beschäftigtengruppen damit dem organisatorischen Fundament einer geregelten Arbeitnehmervertretung.

Die Gewerkschaften selbst konzentrierten sich in dieser Phase der Entwicklung zumehmend auf die Sicherung der Arbeitsbedingungen beim Rest der Beschäftigten und gaben als Preis für solche Sicherungseffekte die Interessen der -zumeist jüngeren- Beschäftigten in den untersten Einkommensgruppen auf.

An einem bestimmten Punkt dieser Entwicklung waren die untersten Löhne im Schnitt so gering, dass die Frage einer staatlichen Aufstockung dieser Löhne beinahe zwingende Folge war.

Die Agenda 2010 war das politische Instrument, um diesen Schritt zu vollziehen. Gleichzeitig wurde eine Entwicklung eingeleitet, die man bisher in dieser Form nicht kannte.

Denn jetzt wurde der Empfänger von Sozialleistungen sogar behördlich gezwungen, zu Löhnen arbeiten zu gehen, die nicht zum Leben reichten. Denn es gab ja die offizielle Aufstockung als Standardinstrument.

Ist das wirklich eine Entwicklung, die in unserer Gesellschaft mehrheitlich konsensfähig ist und war?

Kann man diese Entwicklung auch dann unterstützen, wenn man glaubt, man sei ja eh nicht betroffen?
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Milady de Winter
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Re: Arbeit soll sich lohnen

Beitragvon Milady de Winter » Mo 25. Nov 2013, 16:00

Ich hatte mich im Kontext Mindestlohn schon mehrfach zu diesem Thema geäußert. Ich bin nicht selbst betroffen aber absolut der Meinung, dass eine einzelne Person von ihrem Lohn leben können muss, ohne dass eine Aufstockung nötig ist. Denn mit jeder Aufstockung eines Dumpinglohns subventioniere ich einen Betrieb, der entweder nicht mehr zahlen WILL oder nicht mehr zahlen kann. Ersteres ist ein totales No-Go, letzteres sollte es in meinen Augen ebenfalls sein. Denn wenn ein Betrieb nicht mehr als einen Dumpinglohn zahlen KANN, dann ist der Betrieb in meinen Augen falsch organisiert. Das kann viele Gründe haben.
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HugoBettauer

Re: Arbeit soll sich lohnen

Beitragvon HugoBettauer » Mo 25. Nov 2013, 16:07

Es gehört zur Markthygiene, nur solche Löhne zuzulassen, die nicht sittenwidrig sind.
victim

Re: Arbeit soll sich lohnen

Beitragvon victim » Mo 25. Nov 2013, 16:11

Wieder mal Bauchweh vor Lachen, was da heute bei heise wieder mal über den Fachkräftemangel in der IT im Forum geliefert wird.
Die Arbeitnehmerle plustern sich auf und wollen gar anständig leben, hahaha.
Wer löhnert, erhält dafür Sozialleistungen.
So ist das eben mit dem Löhnern ;-)
Lohn ist Sozialleistung.
Das ist Zweck des Sozialstaats.
Zum Ablachen.
Wer Profit will, löhnert nicht.
Zuletzt geändert von victim am Mo 25. Nov 2013, 16:15, insgesamt 2-mal geändert.
pudding

Re: Arbeit soll sich lohnen

Beitragvon pudding » Mo 25. Nov 2013, 16:24

SoleSurvivor » Mo 25. Nov 2013, 17:07 hat geschrieben:Es gehört zur Markthygiene, nur solche Löhne zuzulassen, die nicht sittenwidrig sind.

Und wer sorgt für die "Sauberkeit" im Markt? Der Markt oder die Profiteure der Entwicklung sicherlich nicht.
pudding

Re: Arbeit soll sich lohnen

Beitragvon pudding » Mo 25. Nov 2013, 16:26

victim » Mo 25. Nov 2013, 17:11 hat geschrieben:Wieder mal Bauchweh vor Lachen, was da heute bei heise wieder mal über den Fachkräftemangel in der IT im Forum geliefert wird.
Die Arbeitnehmerle plustern sich auf und wollen gar anständig leben, hahaha.
Wer löhnert, erhält dafür Sozialleistungen.
So ist das eben mit dem Löhnern ;-)
Lohn ist Sozialleistung.
Das ist Zweck des Sozialstaats.
Zum Ablachen.
Wer Profit will, löhnert nicht.

Das ist bizarr und lächerlich, wo sollen dann die Stellengesuche dieser fehlenden Leute sein, da kann man nichts finden.
Man hätte halt gerne den 22-jährigen IT-Inder der sich mit 8,50 die Stunde in einer 50-Stundenwoche den Arsch aufreisst.
Tja, den gibts halt nicht.
HugoBettauer

Re: Arbeit soll sich lohnen

Beitragvon HugoBettauer » Mo 25. Nov 2013, 16:28

pudding » Mo 25. Nov 2013, 16:24 hat geschrieben:Und wer sorgt für die "Sauberkeit" im Markt? Der Markt oder die Profiteure der Entwicklung sicherlich nicht.

Dazu braucht es Saubermänner. Wie alle Regeln muss auch diese durchgesetzt werden, damit sie wirkt.
victim

Re: Arbeit soll sich lohnen

Beitragvon victim » Mo 25. Nov 2013, 16:30

pudding » Mo 25. Nov 2013, 16:26 hat geschrieben:Das ist bizarr und lächerlich, wo sollen dann die Stellengesuche dieser fehlenden Leute sein, da kann man nichts finden.
Man hätte halt gerne den 22-jährigen IT-Inder der sich mit 8,50 die Stunde in einer 50-Stundenwoche den Arsch aufreisst.
Tja, den gibts halt nicht.

Geht ja auch gar nicht um sowas Irres.
Es geht vielmehr um Anbieterprofit aus Netzwerkeffizienz, um positive Rückkopplung von Anbieterprofit in Nachfragerkaufkraft.
Genau damit gibts immer mehr immer lukrativer zu tun.
Arbeitgeber der Anbieter sind die Nachfrager.
Die bezahlen immer alles.
Je kaufkräftiger die sind, desto profitabler läßt sich ihnen anbieten.
Dieses Leistungsprinzip freier Marktwirtschaft ist arbeitsgesetzlich unterbunden.
Aktiver Wirtschaftspolitik für vollwertige Marktteilnahme wird sich strikt verweigert.
Zuletzt geändert von victim am Mo 25. Nov 2013, 16:31, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Arbeit soll sich lohnen

Beitragvon Boracay » Mo 25. Nov 2013, 16:51

victim » Mo 25. Nov 2013, 16:11 hat geschrieben:Wieder mal Bauchweh vor Lachen, was da heute bei heise wieder mal über den Fachkräftemangel in der IT im Forum geliefert wird.


Sind jetzt langzeitarbeitslose Fachinformatiker schon Fachkräfte? Hilfe....
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Re: Arbeit soll sich lohnen

Beitragvon HugoBettauer » Mo 25. Nov 2013, 16:57

Boracay » Mo 25. Nov 2013, 16:51 hat geschrieben:
Sind jetzt langzeitarbeitslose Fachinformatiker schon Fachkräfte? Hilfe....

In welche Schublade würdest du sie stecken?
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Re: Arbeit soll sich lohnen

Beitragvon Boracay » Mo 25. Nov 2013, 17:08

SoleSurvivor » Mo 25. Nov 2013, 16:57 hat geschrieben:In welche Schublade würdest du sie stecken?


1. Langzeitarbeitslose (weiter entfernt von einer Fachkraft geht eigentlich nicht mehr)
2. Abgeschlossene Berufsausbildung. Sind jetzt Bäckereisfachverkäuferinnen und Einzelhandelskaufleute auch Fachkräfte an denen ein Mangel herrscht?
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Re: Arbeit soll sich lohnen

Beitragvon zollagent » Mo 25. Nov 2013, 17:10

SoleSurvivor » Mo 25. Nov 2013, 16:07 hat geschrieben:Es gehört zur Markthygiene, nur solche Löhne zuzulassen, die nicht sittenwidrig sind.

Guggsdu genau: http://de.wikipedia.org/wiki/Lohnwucher
Wer an Absurditäten glaubt, wird Abscheulichkeiten begehen. (Voltaire)
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Re: Arbeit soll sich lohnen

Beitragvon HugoBettauer » Mo 25. Nov 2013, 17:16

Boracay » Mo 25. Nov 2013, 17:08 hat geschrieben:
1. Langzeitarbeitslose (weiter entfernt von einer Fachkraft geht eigentlich nicht mehr)
2. Abgeschlossene Berufsausbildung. Sind jetzt Bäckereisfachverkäuferinnen und Einzelhandelskaufleute auch Fachkräfte

Ja
an denen ein Mangel herrscht?

Nein
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Re: Arbeit soll sich lohnen

Beitragvon victim » Mo 25. Nov 2013, 17:47

"Arbeitslosigkeit" ist Berufsverbot.
"Arbeitsmarkt" ist Lehnswesen.
"Arbeitnehmer" sind marginalisierte Kostenfaktoren.
------------------- Summe
Moderner Feudalismus, hahaha ;-)
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Re: Arbeit soll sich lohnen

Beitragvon Herr Bert » Mo 25. Nov 2013, 17:55

Milady de Winter » Montag 25. November 2013, 16:00 hat geschrieben:Ich hatte mich im Kontext Mindestlohn schon mehrfach zu diesem Thema geäußert. Ich bin nicht selbst betroffen aber absolut der Meinung, dass eine einzelne Person von ihrem Lohn leben können muss, ohne dass eine Aufstockung nötig ist. Denn mit jeder Aufstockung eines Dumpinglohns subventioniere ich einen Betrieb, der entweder nicht mehr zahlen WILL oder nicht mehr zahlen kann. Ersteres ist ein totales No-Go, letzteres sollte es in meinen Augen ebenfalls sein. Denn wenn ein Betrieb nicht mehr als einen Dumpinglohn zahlen KANN, dann ist der Betrieb in meinen Augen falsch organisiert. Das kann viele Gründe haben.

Mit einem Mindestlohn löst man nur das soziale Wohlfühlproblem,
aber nicht das Problem, dass Leute von ihrem Einkommen nicht leben können.
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Re: Arbeit soll sich lohnen

Beitragvon Milady de Winter » Mo 25. Nov 2013, 18:09

Herr Bert » Mo 25. Nov 2013, 17:55 hat geschrieben:Mit einem Mindestlohn löst man nur das soziale Wohlfühlproblem,
aber nicht das Problem, dass Leute von ihrem Einkommen nicht leben können.

Ich bin kein Verfechter des Mindestlohns, da er für mich in manchen Dingen mehr Probleme als Lösungen aufwirft. Es ging mir um den Kontext der Diskussion und mehr das, was ich oben sagte.

Von seinem Einkommen "leben können" ist ein dehnbarer Begriff. Aber wenn wir uns mal die Grenze als Benchmark ziehen, ab der eine einzelne Person nicht mehr aufstocken muss, dann ist das für mich der Betrag, der einem Mindestlohn gleichkommen sollte.

Dass diese Person schon wieder aufstocken muss, wenn sie von ihrem Einkommen eine Familie zu versorgen hat, steht auf einem anderen Blatt. Das ist aber nicht mein Thema.
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Re: Arbeit soll sich lohnen

Beitragvon Herr Bert » Mo 25. Nov 2013, 18:25

Milady de Winter » Montag 25. November 2013, 18:09 hat geschrieben:
Von seinem Einkommen "leben können" ist ein dehnbarer Begriff. Aber wenn wir uns mal die Grenze als Benchmark ziehen, ab der eine einzelne Person nicht mehr aufstocken muss, dann ist das für mich der Betrag, der einem Mindestlohn gleichkommen sollte.

Wenn unsre Gesellschaft bereit wäre, auch die Folgen zu tragen, hätte ich damit kein Problem.
Beispiel:
Wenn sinnbildlich die Küchenhilfe in jeder Dorfwirtschaft usw. den Mindestlohn erhält,
dann wird dauerhaft nur noch eine bestimmte Schicht bestimmte Dienstleistungen
in Anspruch nehmen. Wir hätten also in bisher selbstverständlichen Dingen irgendwann
eine Art Zweiklassengesellschaft.
Bestimmte Jobs nimmt man in der Regel nur an oder steuert auf sie zu,
wenn man noch andere Einkommensarten hat, z.B. einen Ehemann.
Zuletzt geändert von Herr Bert am Mo 25. Nov 2013, 18:27, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Arbeit soll sich lohnen

Beitragvon Perdedor » Mo 25. Nov 2013, 18:30

Herr Bert hat geschrieben:Denn jetzt wurde der Empfänger von Sozialleistungen sogar behördlich gezwungen, zu Löhnen arbeiten zu gehen, die nicht zum Leben reichten.


Genau hier liegt das Problem. Durch diese Maßnahmen werden die Marktkräfte außer Kraft gesetzt. Wenn Menschen durch existenzielle Notlagen gezwungen werden können eine bestimmte Arbeit anzunehmen, kann die Entlohnung nicht mehr durch Angebot und Nachfrage festgelegt werden. Der Arbeitgeber kann dann die Bedingungen diktieren.
Mindestlöhne lösen das Problem nicht (da sie u.U. auch nicht marktgerecht sind). Eine bedingungslose Existenzsicherung kann hier weiterhelfen.
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Re: Arbeit soll sich lohnen

Beitragvon Herr Bert » Mo 25. Nov 2013, 18:32

Perdedor » Montag 25. November 2013, 18:30 hat geschrieben:
Genau hier liegt das Problem. Durch diese Maßnahmen werden die Marktkräfte außer Kraft gesetzt. Wenn Menschen durch existenzielle Notlagen gezwungen werden können eine bestimmte Arbeit anzunehmen, kann die Entlohnung nicht mehr durch Angebot und Nachfrage festgelegt werden. Der Arbeitgeber kann dann die Bedingungen diktieren.
Mindestlöhne lösen das Problem nicht (da sie u.U. auch nicht marktgerecht sind).

Endlich hat jemand den zentralen Punkt erkannt.

:thumbup:
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Re: Arbeit soll sich lohnen

Beitragvon Blickwinkel » Mo 25. Nov 2013, 18:36

Perdedor » Mo 25. Nov 2013, 19:30 hat geschrieben:
Genau hier liegt das Problem. Durch diese Maßnahmen werden die Marktkräfte außer Kraft gesetzt. Wenn Menschen durch existenzielle Notlagen gezwungen werden können eine bestimmte Arbeit anzunehmen, kann die Entlohnung nicht mehr durch Angebot und Nachfrage festgelegt werden. Der Arbeitgeber kann dann die Bedingungen diktieren.
Mindestlöhne lösen das Problem nicht (da sie u.U. auch nicht marktgerecht sind). Eine bedingungslose Existenzsicherung kann hier weiterhelfen.


Diese nennt sich heute schon H4.
Nichts ist in der Regel unsozialer als der sogenannte Wohlfahrtsstaat, der die menschliche Verantwortung erschlaffen und die individuelle Leistung absinken läßt. (Ludwig Erhard)

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