Strafrecht: "Lebenslänglich" abschaffen?

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frems
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Strafrecht: "Lebenslänglich" abschaffen?

Beitragvon frems » Sa 28. Feb 2015, 19:06

Es spricht viel dafür, die lebenslange Haftstrafe abzuschaffen. Dazu kommen wird es nicht.

http://www.theeuropean.de/heinrich-schm ... eitsstrafe

Die lebenslange Freiheitsstrafe ist eine verfassungswidrige Idee aus der Vergangenheit. In ihrer heutigen Form ist sie reine Symbolik. Wir sollten uns von ihr verabschieden.

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitges ... afe-schuld

Während immer gerne eine "Kuscheljustiz" beklagt wird, selbst wenn Strafen zunehmend "härter" werden, so scheint es wenige zu geben, die sich für die Abschaffung der lebenslangen Haftstrafe einsetzen. Wie steht Ihr dazu? Sieht Ihr es wie der Bundesrichter Fischer (zweiter Link)? Oder widersprecht Ihr seinen Forderungen?
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ToughDaddy
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Re: Strafrecht: "Lebenslänglich" abschaffen?

Beitragvon ToughDaddy » Sa 28. Feb 2015, 19:36

Naja bzgl. der Verfassungsmäßigkeit verweise ich mal auf die Kurzfassung bei Wiki:
http://de.wikipedia.org/wiki/Lebenslang ... A4ssigkeit

Am Ende gibt es eigentlich, wie Fischer bereits anmerkt, keine Freiheitsstrafe mehr ein Leben lang. Also könnte man da vielleicht was ändern mit einer Höchststrafe.

Probleme dürfte es mit dem Stammtisch geben.
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jack000
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Re: Strafrecht: "Lebenslänglich" abschaffen?

Beitragvon jack000 » Sa 28. Feb 2015, 19:39

Aus dem Artikel:
Alternativ könnte man die zeitlich begrenzte Freiheitsstrafe von derzeit 15 auf maximal 20, 25 oder 30 Jahre erhöhen, mit Aussetzungsmöglichkeiten ab einer bestimmten Verbüßungsdauer. Damit wäre das unlösbare Problem eines Sprungs in die "Unermesslichkeit" gelöst. Zugleich könnte man gesetzliche Möglichkeiten einer an die Haft anschließenden "Verwahrung" neu überdenken, die mit Schuld nichts zu tun hat und daher auch nicht "Strafe" sein darf.

Lebenslang heißt doch in Deutschland derzeit 15 Jahre. Und das soll jetzt als Alternative auf bis zu 30 Jahre erhöht werden :?:

Man könnte die Dauer der Vollstreckung in weit höherem Maß als heute von positiven Leistungen der Gefangenen abhängig machen. Über all das und vieles andere mehr könnte man reden, streiten, diskutieren.

Bei guter Führung kommt man doch sowieso eher raus :?: Allerdings ist es richtig, dass man das noch ausbauen kann.
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Re: Strafrecht: "Lebenslänglich" abschaffen?

Beitragvon Teeernte » Sa 28. Feb 2015, 20:03

....die Strafe kann man sicher herunterschrauben.....die anschliessende SICHERUNGSVERWAHRUNG aber nicht !

Ansonsten - die Todesstrafe (wieder) einführen....die ist auch für "IMMER".
Obs zu kalt, zu warm, zu trocken oder zu nass ist:.... Es immer der >>menschgemachte<< Klimawandel. :D
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ToughDaddy
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Re: Strafrecht: "Lebenslänglich" abschaffen?

Beitragvon ToughDaddy » Sa 28. Feb 2015, 23:15

Teeernte » Sa 28. Feb 2015, 20:03 hat geschrieben:....die Strafe kann man sicher herunterschrauben.....die anschliessende SICHERUNGSVERWAHRUNG aber nicht !

Ansonsten - die Todesstrafe (wieder) einführen....die ist auch für "IMMER".


Todesstrafe ist zum Glück grundgesetzwidrig. Und kein Richter mit Hirn würde da mitmachen falls es nicht grundgesetzwidrig wäre.

Sicherungsverwahrung ist keine Gefängnisstrafe. Darum ist auch oft die Sicherungsverwahrung, also bei der Ausführung, grundgesetz- und menschenrechtswidrig.


@jack
viewtopic.php?p=2996722#p2996722
Nein, 15 Jahre ist die Mindestzeit.
Im Schnitt sind es 17-20 Jahre bzw. bei besonderer Schwere der Schuld 23-25 Jahre, laut Wiki.
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Re: Strafrecht: "Lebenslänglich" abschaffen?

Beitragvon jack000 » Sa 28. Feb 2015, 23:31

ToughDaddy » Sa 28. Feb 2015, 23:15 hat geschrieben:@jack
viewtopic.php?p=2996722#p2996722
Nein, 15 Jahre ist die Mindestzeit.
Im Schnitt sind es 17-20 Jahre bzw. bei besonderer Schwere der Schuld 23-25 Jahre, laut Wiki.

Das wundert mich. Ich kannte nur die Version von 15 Jahren (Bei Mord) und alles was danach noch folgt wäre eine Sicherungsverwahrung.
Das es tatsächlich noch höhere Strafen als 15 Jahre gibt, war mir nicht bekannt...
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Re: Strafrecht: "Lebenslänglich" abschaffen?

Beitragvon Weltregierung » Sa 28. Feb 2015, 23:47

jack000 » Sa 28. Feb 2015, 23:31 hat geschrieben:Das wundert mich. Ich kannte nur die Version von 15 Jahren (Bei Mord) und alles was danach noch folgt wäre eine Sicherungsverwahrung.
Das es tatsächlich noch höhere Strafen als 15 Jahre gibt, war mir nicht bekannt...


Nach 15 Jahren hat man frühestens die Chance, vorzeitig auf Bewährung entlassen zu werden. Das ist aber kein Automatismus, sondern an bestimmte Voraussetzungen geknüpft:

https://de.wikipedia.org/wiki/Lebenslan ... e_Regelung

"Lebenslänglich" kann auch in Deutschland durchaus wörtlich zu nehmen sein:

https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Pommerenke
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Re: Strafrecht: "Lebenslänglich" abschaffen?

Beitragvon palulu » Sa 28. Feb 2015, 23:57

Ich bin dagegen, denn allein das Wort "lebenslänglich" erfüllt einen psychologischen Auftrag, wenngleich die Strafnorm von mir aus reformiert werden könnte. Tatsächlich hänge ich an diesem Wort. Es hat eine Wirkungsmacht, auch wenn man das nicht wahrnimmt als braver Normalbürger.
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Re: Strafrecht: "Lebenslänglich" abschaffen?

Beitragvon Tantris » So 1. Mär 2015, 01:05

[...]
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Grund: ad personam
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Re: Strafrecht: "Lebenslänglich" abschaffen?

Beitragvon Katenberg » So 1. Mär 2015, 01:09

palulu » So 1. Mär 2015, 00:57 hat geschrieben:Ich bin dagegen, denn allein das Wort "lebenslänglich" erfüllt einen psychologischen Auftrag, wenngleich die Strafnorm von mir aus reformiert werden könnte. Tatsächlich hänge ich an diesem Wort. Es hat eine Wirkungsmacht, auch wenn man das nicht wahrnimmt als braver Normalbürger.


Ich stimme dir zu!
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there were brains upon t chute
Intestines were a-dangling from his paratroopers suit
He was a mess, they picked him up
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Re: Strafrecht: "Lebenslänglich" abschaffen?

Beitragvon nichtkorrekt » So 1. Mär 2015, 09:53

Ich finde die Todesstrafe barmherziger als wirkliches Lebenslänglich, ich wäre dafür Gefängnisstrafen nur bis zu 20 oder maximal 30 Jahren zu verhängen, bei Taten die eine höhere Strafe verdienen sollte die Todesstrafe vollstreckt werden.
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Re: Strafrecht: "Lebenslänglich" abschaffen?

Beitragvon Zvi Back » So 1. Mär 2015, 10:03

ToughDaddy » Sa 28. Feb 2015, 19:36 hat geschrieben:Naja bzgl. der Verfassungsmäßigkeit verweise ich mal auf die Kurzfassung bei Wiki:
http://de.wikipedia.org/wiki/Lebenslang ... A4ssigkeit

Am Ende gibt es eigentlich, wie Fischer bereits anmerkt, keine Freiheitsstrafe mehr ein Leben lang. Also könnte man da vielleicht was ändern mit einer Höchststrafe.

Probleme dürfte es mit dem Stammtisch geben.


Welches Problem hast du denn mit "Stammtischen"?
Das ist auch nur wieder so ein Totschlagargument
um irgendwelche Leute aus der Diskussion heraus zu halten.

Vor allem sind selbsternannte Intelektuelle oft ein vielfaches schlimmer.
Zum Thema.
Nein, es gibt Verbrechen die so unglaublich bösartig sind, dass es Opfern
nicht zuzumuten ist, ihren Peinigern jemals wieder begegnen zu können.
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Re: Strafrecht: "Lebenslänglich" abschaffen?

Beitragvon ToughDaddy » So 1. Mär 2015, 10:34

Zvi Back » So 1. Mär 2015, 10:03 hat geschrieben:
Welches Problem hast du denn mit "Stammtischen"?
Das ist auch nur wieder so ein Totschlagargument
um irgendwelche Leute aus der Diskussion heraus zu halten.

Vor allem sind selbsternannte Intelektuelle oft ein vielfaches schlimmer.
Zum Thema.
Nein, es gibt Verbrechen die so unglaublich bösartig sind, dass es Opfern
nicht zuzumuten ist, ihren Peinigern jemals wieder begegnen zu können.


Insbesondere beim Strafrecht ist der Stammtisch wirklich sehr toll.
Totschlagargument? Mitnichten. Aber man wird doch noch darauf verweisen dürfen, dass der Stammtisch insbesondere beim Strafrecht regelmäßig durchdreht.

Toll, natürlich gibt es solche Verbrechen und trotzdem wird es normalerweise keine lebenslange Freiheitsstrafe geben, außer der Täter ist schon so alt oder krank.
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Re: Strafrecht: "Lebenslänglich" abschaffen?

Beitragvon Zvi Back » So 1. Mär 2015, 11:03

ToughDaddy » So 1. Mär 2015, 10:34 hat geschrieben:
Insbesondere beim Strafrecht ist der Stammtisch wirklich sehr toll.
Totschlagargument? Mitnichten. Aber man wird doch noch darauf verweisen dürfen, dass der Stammtisch insbesondere beim Strafrecht regelmäßig durchdreht.

Toll, natürlich gibt es solche Verbrechen und trotzdem wird es normalerweise keine lebenslange Freiheitsstrafe geben, außer der Täter ist schon so alt oder krank.



Also ich hab in der Kneipe schon hin und wieder auch gute und interessate Diskussion
geführt. Warum da das "Strafrecht" anders sein soll erschliesst sich mir nicht. Und das jemand
durchdreht hab ich auch noch nicht erlebt.

Und so wie ich z.B. diskutiere, habe ich Leuten der Fraktion "Todesstrafe für Kinderschänder" ziemlich schnell
und logisch nachvollziehbar, den Wind aus den Segeln genommen, so dass sie zumindest ins Grübeln kamen.

Ich mach es mal an einem Beispiel fest.
Das schwangere Mädchen das bei lebendigen Leib verbrannt wurde.
Ich vermute die bekommen Jugendstrafe und sind nach 10 Jahren draußen.
In 10 Jahren können die jederzeit der Mutter/Vater in einem Supermarkt über den Weg laufen.
Ich halte das diesen Opfern gegenüber für unzumutbar auch völlig unabhängig davon,
dass ich für so eine Tat 10-15 Jahre für schlicht einen Witz halte und mein
Stammtisch-Gerechtigkeitssinn da völlig rebelliert. Aber der rebelliert auch dann, wenn ich
zu Hause bin.
Zuletzt geändert von Zvi Back am So 1. Mär 2015, 11:05, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Strafrecht: "Lebenslänglich" abschaffen?

Beitragvon jack000 » So 1. Mär 2015, 11:52

ToughDaddy » Sa 28. Feb 2015, 23:15 hat geschrieben:http://politik-forum.eu/viewtopic.php?p ... 2#p2996722
Nein, 15 Jahre ist die Mindestzeit.
Im Schnitt sind es 17-20 Jahre bzw. bei besonderer Schwere der Schuld 23-25 Jahre, laut Wiki.

Aber der Richter aus dem Artikel erwähnt:
Alternativ könnte man die zeitlich begrenzte Freiheitsstrafe von derzeit 15 auf maximal 20, 25 oder 30 Jahre erhöhen,


=> Also muss es doch irgendeine Begrenzung geben (Er wird ja wohl wissen wovon er redet).
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Re: Strafrecht: "Lebenslänglich" abschaffen?

Beitragvon Der Neandertaler » So 1. Mär 2015, 11:54

Hallo jack000.
jack000 hat geschrieben:Lebenslang heißt doch in Deutschland derzeit 15 Jahre. Und das soll jetzt als Alternative auf bis zu 30 Jahre erhöht werden :?:
Bei guter Führung kommt man doch sowieso eher raus :?: Allerdings ist es richtig, dass man das noch ausbauen kann.

Ich habe letztens noch in der FAZ über Klaus G., den sogenannten "Mittagsmörder" gelesen. Er wurde am 27. Juli 1967 wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Damal war er 26 Jahre alt.
Weltregierung erwähnte es ja schon:
    "nach 15 Jahren hat man frühestens die Chance, vorzeitig auf Bewährung entlassen zu werden."
Dies wird also lediglich nach vorherigem Antrag geprüft. Sollte sich aber herausstellen, daß "das Risiko, daß er weitere Verbrechen begehen könne", als zu hoch eingeschätzt wird, darf dem nicht entsprochen werden. So war es auch im Fall Klaus G.: sein Risiko wurde lange als zu hoch eingeschätzt, um eine Aussetzung der restlichen Freiheitsstrafe auf Bewährung zu gestatten, also blieb er weiter in der bayerischen Justizvollzugsanstalt (JVA) Straubing. Erst 2012 entschied das Nürnberger Oberlandesgericht (OLG) dann, den Rest der Haft zum 1. März 2015 zur Bewährung auszusetzen. Somit war Klaus G. fast 50 Jahre im Gefängnis. Diese Woche ist er auf freien Fuß gesetzt worden - nun ist er 74 Jahre alt.

Deine 15 Jahre ist also nicht die Regel, aber es ist eine Zahl ... zu einem Argument umfunktioniert, mit der immer gerne opperiert wird - um der Forderung zur Verschärfung des Strafrechts eine gewiße Notwendigkeit zu attestieren.
"Ich teile Ihre Meinung nicht, ich werde aber bis zu meinem letzten Atemzug kämpfen, daß Sie Ihre Meinung frei äußern können." (Voltaire)
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Re: Strafrecht: "Lebenslänglich" abschaffen?

Beitragvon jack000 » So 1. Mär 2015, 12:10

Aber wenn es um das Thema Sicherungsverwahrung geht:
Es gibt Wörter, die gehören einfach zusammen, das eine ist ohne das andere nicht denkbar. Täter und Opfer zum Beispiel. In Susanne Preuskers Leben, dem alten wie dem neuen, geht es viel um diese beiden Wörter. Und darum, dass sich das eine so viel leichter als das andere aussprechen lässt.

Damals, in ihrem alten Leben, waren Täter die Menschen, mit denen sie täglich zu tun hatte. Sie nannte sie "Gefangene", nicht Patienten oder gar Klienten. "Ich war nie ein Freund von Euphemismen", sagt sie. Damals arbeitete sie mit Schwerverbrechern, mit Mördern, Vergewaltigern, Räubern. Sie führte mit ihnen therapeutische Gruppengespräche, begutachtete sie und füllte lange Bewertungsbögen aus, in denen es um Verhalten und Entwicklung ging. Es waren Menschen, mit denen sie, die Psychologin und Therapeutin, professionell umging. "Verachte die Tat, aber achte den Täter" lautete ihr Leitbild.

Opfer, das waren die Menschen, die sie nie persönlich kennenlernte und die doch immer anwesend waren. Sie kannte sie aus den Akten. Es waren die Misshandelten, die Betrogenen, die Ermordeten. Sie waren wichtiger Teil ihrer Therapie, in der es stets auch darum ging, den Tätern die Perspektive der Opfer nahezubringen.

Wirklich begriffen, was es heißt, Opfer zu sein, hat sie aber erst in ihrem neuen Leben. Täter zu achten fällt ihr heute schwer, vor allem ihren Täter.

All das galt bis zum 7. April 2009, dem Tag, an dem ihr altes Leben endete und das neue begann. " Sexualverbrecher nimmt Therapeutin als Geisel " stand in den Zeitungen einen Tag später. Und noch einen Tag darauf: "Therapeutin von Häftling vergewaltigt". Ein Verbrechen, wie es unzählige jeden Tag gibt, das für kurze Zeit Aufsehen erregt, um dann von neuen Meldungen verdrängt zu werden. Doch für die Menschen, um die es darin geht, fängt es dann erst an: Das neue Leben als Opfer.

[,,,]
Als sie nach fast sieben Stunden aus dem Büro wankt, ist sie in einem neuen Leben. Dem eines Opfers.

Es beginnt all das, was Susanne Preusker bisher als Psychologin von Patienten aus den Akten kannte. Angst, das Haus zu verlassen, Angst vor Fremden, vor Unbekanntem. Schlaflose Nächte und Tage, an denen ihr die Kraft zum Aufstehen fehlt.

[,,,]
Es ist auch ihr Thema, war es schon in ihrem alten Leben: "Nur damals wollte keiner wissen, dass ich sagte, es gibt Täter, die sind nicht therapierbar, da hilft nur wegsperren." Damals wollte das von ihr niemand hören. Heute schreibt sie Gastkommentare und findet damit Beachtung.

[...]
"Aber es hieß ständig, machen Sie sich mal um die Sicherheit keine Sorgen. Da kennen wir uns aus." Als sie dann nach sieben Stunden eingesperrt mit einem Sexualverbrecher aus ihrem Büro wankte, da seien alle völlig geschockt gewesen, als sie erfuhren, dass sie vergewaltigt wurde. "Was haben die denn gedacht?

[...]
Sie weiß jetzt, was es heißt, Opfer zu werden in einer Gesellschaft, die sich viel um Täter kümmert. Auch darum hat sie das Buch geschrieben: Um sich und andere aus der Opferrolle zu befreien. Dass sie das öffentlich tut, hat ihr schon jetzt viel Kritik eingebracht. "Opfer haben das Haupt zu senken, und Opfer haben so zu tun, als sei alles normal und wie immer", schreibt sie in ihrem Buch.

http://www.welt.de/vermischtes/weltgesc ... wurde.html

=> Es muss grundsätzlich: Opferschutz vor Täterschutz! Es ist der Bevölkerung unter keinen Umständen zuzumuten mit solchen psychisch kranken Tätern zusammen zu leben.
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Re: Strafrecht: "Lebenslänglich" abschaffen?

Beitragvon Der Neandertaler » So 1. Mär 2015, 12:37

Hallo frems.
frems hat geschrieben:Während immer gerne eine "Kuscheljustiz" beklagt wird, selbst wenn Strafen zunehmend "härter" werden, so scheint es wenige zu geben, die sich für die Abschaffung der lebenslangen Haftstrafe einsetzen. Wie steht Ihr dazu? Sieht Ihr es wie der Bundesrichter Fischer (zweiter Link)? Oder widersprecht Ihr seinen Forderungen?
Wir sollten uns erstmal klar werden, was wir wollen ... was mit dem Strafrecht ausgeübt werden soll?

Grob gesagt, ist das US-Strafrecht etwa, auf psychische und physische Zerstörung der Gefangenen aus. Letztlich kann man auch sagen, daß damit ein wenig die Rachegefühle der Angehörigen befriedigt werden soll. Unser Strafrecht hingegen setzt - besonders im Jugendstrafbereich - eher auf Bestrafung ... auf Sozialisierung. Daher auch, wenn nötig, im Entlassungsvollzug, die "kontinuierliche Heranführung an das Leben in Freiheit", um die Wiedereingliederung in die Gesellschaft nicht über Gebühr zu gefährden.
    (innerhalb der Gefängnismauern z. B. Hauswirtschaftskurse - später: Freigang, wenn die Sozialprognose positiv ist, anfangs: "Einzelausführungen" - also: bewacht, danach: eventuell stundenweise unbegleiteter Ausgang)

Eine Verschärfung der Strafe ist also nicht immer von Erfolg gekrönt. Es suggeriert lediglich (von Politikern und anderen wohlmeinenden Schreihälse gefördert) eine gewiße Sicherheit ... ein "seht her, wir kümmern uns um eure Probleme!" - wir nehmen eure Sorgen ernst.
Wenn also etwa ein Langzeit-Inhaftierter nach, sagen wir mal: 15 Jahre vor einem Regal mit Handys oder sonstigem Shnickschnack steht, den es zum Zeitpunkt seiner Verurteilung noch gar nicht gab ... er also damit wenig bis nichts anfangen kann, ... was soll er also anderes, als Frust aufbauen?
    ... vielleicht sehnt er sich sogar nach seiner kleinen, eingeschloßenen aber versorgten Welt des Strafvollzuges zurück.
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Re: Strafrecht: "Lebenslänglich" abschaffen?

Beitragvon Der Neandertaler » So 1. Mär 2015, 12:49

Hallo jack000.
jack000 hat geschrieben:Also muss es doch irgendeine Begrenzung geben (Er wird ja wohl wissen wovon er redet).
Davon darfst Du getrost ausgehen, aber auch hier wieder: des suggerierte Eindruck, daß lebenslang lediglich mit 15 Jahren erledigt ist.
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Re: Strafrecht: "Lebenslänglich" abschaffen?

Beitragvon Joker » So 1. Mär 2015, 13:01

Was wäre denn für die Foristen eine angemessene Strafe wenn euch jemand querschnittsgelähmt prügelt oder ein euch nahestehender Mensch einen Verbrechen zum Opfer fällt ?

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