Grundsatzdiskussion Islam

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Alter Stubentiger
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Re: Grundsatzdiskussion Islam

Beitragvon Alter Stubentiger » Mi 13. Mär 2019, 18:14

Adam Smith hat geschrieben:(13 Mar 2019, 16:11)

Brasilien ist ein katholisches Land.


Der Katholizismus demontiert sich selber. Man hat sich irrsinnig weit von der frohen Botschaft entfernt man hat den Menschen moralische Normen auferlegt die die Kleriker selber nicht leben können und auch nicht wollen. Das wird in der heutigen Zeit sehr sichtbar und darum klammert sie sich dort an die Reste ihrer weltlichen Macht wo sie es noch kann. Sie ist sterbende Religion.

Und auch der Islam hat eine tiefe Krise auch wenn der Islam uns im Moment so mächtig und bedrohlich erscheint. Der Islam erodiert von innen heraus weil er keine Antworten auf echte Lebensfragen hat und den Leuten mit sehr starren Regeln die Freude am Leben nimmt. Vor allem den Muslimen die von der gewünschten Norm abweichen. Und dies werden immer mehr. Nach außen geben sich sehr viele Muslime als gläubig um in diesen starren Strukturen nicht aufzufallen. Aber unter der Oberfläche versuchen sie ihr eigenes Leben zu leben. Jenseits der Vorschriften. Oder die Vorschriften werden so ausgelegt dass der eigentliche Gedanke dahinter ad absurdum geführt wird. Ich seh dass jedes Jahr im Ramadan in Marxloh. Tagsüber wird verzichtet und dann die ganze Nacht gefressen und gefeiert. Und am nächsten Tag sind alle wieder hungrig und zu nix zu gebrauchen. Fragt man einen hat dies aber gar nichts mit dem Ramadan zu tun. Der würde ihnen ja so gut tun und für geistige Klarheit sorgen. Na ja. Für mich prallen da wieder Anspruch und Wirklichkeit aufeinander.
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Re: Grundsatzdiskussion Islam

Beitragvon Der Denkerr » Do 14. Mär 2019, 09:55

Adam Smith hat geschrieben:(13 Mar 2019, 15:19)

Wenn davon ausgegangen wird, dass es Allah gibt, dann ist das zwingend.


Das ist falsch ausgedrückt. Nur sofern der Schöpfer der Welt eines der Bücher die eine jeweilige Religion verehrt tatsächlich direkt oder indirekt diktiert hätte, würde dies den "Endsieg" der jeweiligen Religion bedeuten.
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Re: Grundsatzdiskussion Islam

Beitragvon Adam Smith » Do 14. Mär 2019, 13:54

Der Denkerr hat geschrieben:(14 Mar 2019, 09:55)

Das ist falsch ausgedrückt. Nur sofern der Schöpfer der Welt eines der Bücher die eine jeweilige Religion verehrt tatsächlich direkt oder indirekt diktiert hätte, würde dies den "Endsieg" der jeweiligen Religion bedeuten.


Damit meine ich eine Diskussion zu dem Thema. Setze Allah und das was der IS macht ist richtig.
Das ist Kapitalismus:

Die ständige Wahl der Bürger bestimmt das Angebot.
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Re: Grundsatzdiskussion Islam

Beitragvon Der Denkerr » Do 14. Mär 2019, 14:42

Adam Smith hat geschrieben:(14 Mar 2019, 13:54)

Damit meine ich eine Diskussion zu dem Thema. Setze Allah und das was der IS macht ist richtig.


Der IS interpretiert auch nur den Koran nach ihrer Art.
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Re: Grundsatzdiskussion Islam

Beitragvon Wolverine » Do 14. Mär 2019, 14:51

Der Denkerr hat geschrieben:(14 Mar 2019, 14:42)

Der IS interpretiert auch nur den Koran nach ihrer Art.

Die Auslegung des Koran in den einzelnen Gruppen ist so unterschiedlich wie die Menschen die es tun. Aber jeder ist der Ansicht, dass seine Interpretation die einzig richtige ist. Religion gehört nicht in die Politik. Religion sollte Privatsache bleiben.
If Israel were to put down its arms there would be no more Israel.
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Re: Grundsatzdiskussion Islam

Beitragvon Der Denkerr » Do 14. Mär 2019, 16:23

Wolverine hat geschrieben:(14 Mar 2019, 14:51)

Die Auslegung des Koran in den einzelnen Gruppen ist so unterschiedlich wie die Menschen die es tun. Aber jeder ist der Ansicht, dass seine Interpretation die einzig richtige ist. Religion gehört nicht in die Politik. Religion sollte Privatsache bleiben.


Religion braucht keine Privatsache bleiben. In dieser widersprüchlichen Welt scheint auch möglich, dass der Schöpfer verlangt hier auf Erden eine Reliongsdiktatur zu errichten. Am AT lässt sich beispielweise nicht viel interpretieren. Die Autoren meinten ihre Beschreibungen ernst. Am NT lässt sich zwar vieles interpretieren aber ich bezweifle ob die ursprüngliche Intention jene war, welche moderne Theologen hineinzudichten versuchen.

Es gibt keine Friedensreligion. Friedensreligion ergibt sich nur dann, wenn Menschen die in modernen Staaten leben und tolerant sind meinen die Heiligen Schriften enthalten Botschaften die erst durch modernes Denken zugänglich sind.
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Re: Grundsatzdiskussion Islam

Beitragvon Adam Smith » Do 14. Mär 2019, 19:03

Der Denkerr hat geschrieben:(14 Mar 2019, 14:42)

Der IS interpretiert auch nur den Koran nach ihrer Art.


Das ist nicht richtig. Der einzige Unterschied zwischen Al-Qaida und Taliban ist, dass der IS auch alle Schiiten umbringen möchte. Sowohl Al-Quaida auch die Taliban möchten dieses nicht.

Auch unterscheiden sich die Extremisten in Somalia (hier sind alle weltlichen Feste verboten, alle Frauen sind verschleier) oder in Nigeria (Boko Haram) nicht von der IS-Ideolgie mit Ausnahme der Schiiten.

http://www.spiegel.de/politik/ausland/i ... 14231.html

http://glaube-und-kirche.de/vergleich_s ... ien_IS.jpg

Die sind sich schon einig.
Das ist Kapitalismus:

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Re: Grundsatzdiskussion Islam

Beitragvon think twice » So 17. Mär 2019, 09:16

Misterfritz hat geschrieben:(17 Mar 2019, 09:11)

Sicherlich war sie geregelt, nämlich durch die Paragraphen, die die Körperverletzung betreffen.

Nein, das war ja die Gretchenfrage: Fallen Beschneidungen unter den Straftatbestand der Körperverletzung? Explizit genannt wurden sie nicht.
Duldsamkeit heißt nicht, dass ich auch billige, was ich dulde.
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Re: Grundsatzdiskussion Islam

Beitragvon Misterfritz » So 17. Mär 2019, 09:17

think twice hat geschrieben:(17 Mar 2019, 09:16)

Nein, das war ja die Gretchenfrage: Fallen Beschneidungen unter den Straftatbestand der Körperverletzung? Explizit genannt wurden sie nicht.
Eigentlich war das keine Gretchenfrage, sondern sie fielen unter Körperverletzung. Aber man hat da nicht so genau hingeschaut.
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Re: Grundsatzdiskussion Islam

Beitragvon Umetarek » So 17. Mär 2019, 12:51

Beschneidung hat ihren Ursprung im alten Ägypten, dem Mann soll das weibliche (Vorhaut) genommen werden um ein richtiger Mann zu werden und der Frau das männliche (Kitzler) um zur richtigen Frau zu werden. Grober Unfug, aber solch Sitten lassen sich schwer ändern oder verbieten und pflanzen sich in den folgenden Religionen fort. Immerhin bei der Beschneidung der Frau beschränkt sich das Brauchtum auf das Gebiet des alten Ägyptens.
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Re: Grundsatzdiskussion Islam

Beitragvon Misterfritz » So 17. Mär 2019, 13:16

irgendwer hat geschrieben:(17 Mar 2019, 12:56)

Diese Diskussionen gibt es auch bei Themen wie Taufe. Wenn ein Gläubiger es so versteht, dass er dies und jenes mit seinen Kindern tun soll, dann sieht er das als Anweisung für sich.
Ich hätte auch nichts dagegen, wenn auch Taufe erst mit Religionsmündigkeit durchgeführt werden dürfte. Aber, eine Taufe hat nun mal keine "einschneidende" Folgen.
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Re: Grundsatzdiskussion Islam

Beitragvon Misterfritz » So 17. Mär 2019, 13:30

irgendwer hat geschrieben:(17 Mar 2019, 13:23)

Du meinst, das können sie sich ja auch anders überlegen. Aus Sicht eines Gläubigen aber nicht.
(Das darf auch als Wink mit dem Zaunpfahl für Missionierungssüchtige verstanden werden.)

Ich denke, da müsste dann wohl einiges an Überzeugungsarbeit geleistet werden ;)
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Re: Grundsatzdiskussion Islam

Beitragvon Troh.Klaus » So 17. Mär 2019, 14:27

think twice hat geschrieben:(17 Mar 2019, 09:16)
Nein, das war ja die Gretchenfrage: Fallen Beschneidungen unter den Straftatbestand der Körperverletzung? Explizit genannt wurden sie nicht.

Erinnert mich an das Duell der Zauberer: "Drachen sind verboten. - Ich habe nicht gesagt, rosa Drachen."
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Re: Grundsatzdiskussion Islam

Beitragvon al-Faylasuf » Mi 27. Mär 2019, 13:25

Einen herzlichen Gruß an die Forumsgemeinde, da dies hier mein erster Beitrag ist. Zumindest nach einer Pause von mehr als zehn Jahren, denn während meiner Studienzeit war ich unter dem Nick „The Fly“ hin und wieder im alten Politikforum.de aktiv – zumeinst (aus Gründen des persönlichen Backgrounds) in den Niederungen des Balkanforums, jenem ethnisch-nationalistischen Sammelbecken, das sicherlich bei dem ein oder anderen User dafür gesorgt hat, diese Region aus seiner Urlaubsplanung zu streichen. (Fanatisch angehauchte Anhänger der Serie „Game of Thrones“ vielleicht ausgeschlossen).
Etwas zu meiner Person folgt am Ende des – wie ich jetzt sehe – etwas lang geratenen Beitrags.


Zum Thema Apostasie im Islam – das ich aufgrund eines kurzen Beitrags von „Fliege“ einmal mal aufgreifen – will ich gerne aus Gründen der Redlichkeit und Vollständigkeit, auf folgendes hinweisen:

Das osmanische Kalifat, seinerzeit führender Vertreter im sunnitischen Islam, schaffte im Zuge der sogenannten „Tanzimat“-Reformen im Jahr 1839 die Todesstrafe für Apostasie offiziell ab. Die Rede ist hier vom „Edikt von Gülhane“. Dieser Umbruch in der islamischen Rechtslehre wurde vom damaligen Schaich al-Islam, dem religionsrechtlichen Oberhaupt, ratifiziert. Dabei argumentierte man, dass es im Koran keinen Vers gebe, der eine Strafe für Abtrünnigkeit vorsieht (auch wenn die Suren 5:54 und 2:217 eine Strafe im Jenseits voraussagen). Außerdem wies man darauf hin, dass die Mehrdeutigkeiten in den Hadithen darauf hindeuteten, dass der Glaubensabfall nur dann ein Vergehen sei, wenn er mit dem Verbrechen des Verrats verbunden ist.

Und genau diese Mehrdeutigkeiten hatten auch einige Muslime zuvor dazu veranlasst, d.h. lange vor Beginn der Modernisierung, die damalige Mehrheitsmeinung der Gelehrten abzulehnen. Dazu zählen auch einflussreiche Rechtsgelehrte wie al-Nakhai (gest. 717), ath-Thaurī (gest. 778) (der eine eigene Rechtsschule begründete, welche im Maghreb und in Andalusien über 200 Jahre lang maßgebend gewesen war), as-Sarachsī (gest. 1096), al-Bādschī (gest. 1081) oder asch-Scha’rani(gest. 1565).
Und Leute wie diese haben sich ihre Meinung nicht - ausgehend von Fragen wie „wie können wir den Islam an universelle, im Westen entwickelte, Menschenrechtsnormen anpassen?“ – irgendwie opportunistischer Weise zusammengebastelt.

Mit anderen Worten: Es gibt in den klassischen Rechtsschulen – welche die islamische Orthodoxie darstellen - durchaus theologische Mittel und Werkzeuge für das, was man als „liberale Auslegung“ bezeichnen könnte. Dies hat neben anderen Dingen auch mit einigen Grundannahmen der klassischen Koranausleger zu tun, die für sich erkannten, dass Widersprüche in den Texten tatsächlich nur Widersprüche der Interpretationen seien. Mag sein, dass die westlich geschulte Seele mit dieser scheinbaren Beliebigkeit leicht überfordert sein kann.

Die Fähigkeit, unterschiedliche Ansichten und Wahrheiten zu ertragen, war etwas, was die islamische Welt der Vormoderne kennzeichnete, und das auf den unterschiedlichsten Gebieten und Ebenen (dieser Aspekt wurde auch von einigen der bekanntesten europäischen Aufklärer des 18. Jahrhunderts erkannt)
Einen im deutschsprachigen Raum bemerkenswerten Beitrag dazu hat der Arabist und Islamwissenschaftler Thomas Bauer in seinem mit dem höchsten deutschen Wissenschaftspreis ausgezeichneten Werk „Die Kultur der Ambiguität – eine andere Geschichte des Islam“ (2011) geliefert. Wer zur Abwechslung mal etwas lesen möchte, das ihn auch mal in seinem Weltbild und seinen Ansichten herausfordert und nicht nur die eigene Meinung bestätigt sehen will, dem sei dieses Buch an dieser Stelle empfohlen.

Die durch die eingangs erwähnte osmanische Reformen ausgelöste Debatte wurde fortgesetzt. Schließlich verabschiedete die al-Azhar-Universität in Kairo, welche die oberste religiöse Autorität in der arabischen Welt darstellt, im Jahr 1958 eine formelle Fatwa, welche die Abschaffung in diesem Bereich bestätigte – und bei al-Azhar haben wir es bekanntlich nicht gerade mit einer progressiv-orientierten Institution zu tun. Man denke dabei bsp. an die Rolle einiger dortiger Professoren an den Kampagnen gegen den historisch-kritischen Koranforscher Nasr Hamid Zaid (gest. 2010), der von einem ägyptischen Gericht als Folge des Apostasie-Urteils von seiner Frau zwangsgeschieden wurde und er daraufhin mit ihr in die Niederlande auswanderte.

Heute haben es muslimische Philosophen, die sich kritisch mit islamischen Themen befassen, schwer in den islamischen Ländern (mit einigen Ausnahmen wie bsp. Tunesien) – aus diesem Grund findet man die progressivsten und originellsten Beiträge von muslimischen Denkern, die in universitären Einrichtungen in den USA und Großbritannien forschen, lehren und veröffentlichen. Positive innerislamische Impulse erblicken somit das Licht der Welt nicht im Osten, sondern im Westen. Man sieht das auch daran, dass die Zahl von muslimischen Hochschulabsolventen, die akademische Bücher zu allen dazu relevanten Themen veröffentlichen, im Vergleich zu früheren Zeiten exponentiell in die Höhe geschossen ist (was nicht schwer war, denn früher tendierte die Anzahl gen Null . Bleibt natürlich die Frage, ob sich dies auch politisch widerspiegeln wird oder ob originelle Beiträge letztlich in einer Art akademischer Blase sich im Kreis drehen und beim Volk, das vom um sich greifenden Fanatismus infiziert ist, gar nicht erst ankommen.

Dass irgendwann einmal im Laufe der Zeit das einstige so äußerst produktive innerislamische Spannungsverhältnis zwischen Theologen und Philosophen zugunsten der Ersteren sich aufgelöst hatte, hatte nüchtern betrachtet zunächst sowohl negative als auch positive Folgen. Negativ war natürlich die zunehmende Erstarrung des fortschrittlichen Denkens, was einen langsamen aber unaufhaltsamen Niedergang (auf allen möglichen Feldern) zur Folge hatte - positiv hingegen war die religiöse inner-sunnitische Stabilität und eine auf Ausgleich und Synthese setzende Rechtsprechung. So war die Philosophie weder verteufelt noch verboten, sie wurde einfach selektiv in das eigene System eingebettet (z.B. Akzeptanz von Aristoteles Logik, aber Ablehnung seiner Metaphysik, Modellierung von Platons Politik usw.) Durch die durch muslimische Reformer unterschiedlichsten Couleurs im 19. Jahrhundert ausgelöste Anti-Rechtsschulen-Kampagnen hat der sunnitische Islam mittlerweile selbst diese innerreligiöse Stabilität verloren. Das heißt allgemeiner Niedergang + religiöse Instabilität = unser hier und jetzt. Eine der Folgen davon ist die Schwächung des gemäßigten Mainstreams. An diesem Punkt stehen wir heute.

Mit dem Ergebnis, dass heute jeder halb-gebildete muslimische Autodidakt meint, eine Buchari-Edition zuhause reiche aus, um irgendwelche Fatwas herauszugeben und Ge- und Verbote abzuleiten. Auch kennt der Salafist nur eine Koraninterpretation (natürlich nur die strengste wie die von Ibn Kathir) und auch nur eine Lesart. Unbekannt hingegen für ihn sind dagegen die 14 verschiedenen Lesarten des Korans – die ein Hafiz (jemand, der den Koran auswendig kennt) einst beherrschen musste -, diese Lesarten beinhalten bereits verschiedene Auslegungen, noch bevor die eigentliche Interpretation überhaupt beginnt. Für die klassischen muslimischen Theologen waren allein diese Lesarten eines der Argumente für die Göttlichkeit des Korans, und eine Begründung, wieso dieses Buch bis in alle Zeiten Gültigkeit habe – durch die schiere Unerschöpflichkeit an Deutungs- und Lösungsmöglichkeiten.

Hierbei ist folgender Punkt wichtig: Mit solchen Dingen wie „Koranauslegung“ befassten sich ausschließlich Spezialisten. Für das gemeine Volk war der Koran weder ein Gesetzbuch noch eine detaillierte Anleitung für den Alltag. Es diente schlicht der Liturgie. Eine melodische Rezitation oder auch nur der kalligrafische Ausdruck hatten sehr viel mehr Einfluss auf die Menschen, als irgendeine logische Schlussfolgerung vom Gelehrten Ibn XYZ. Ebenso erwähnen sollte man die beim volk wirkungsmächtigen Sufi-Orden, die ihre Aktivitäten auf das Reinigen des Inneren Selbst konzentrierten. Es ist falsch zu glauben, dass es sich beim Sufismus um eine Art exotischer Randerscheinung des Islams handelt. Ganz zu schweigen von daraus erwachsenen Persönlichkeiten wie ar-Rumi oder Ibn Arabi, die einen Universalismus und Offenheit vertraten, die heute in der muslimischen Welt selten geworden ist. Und wo dies noch vertreten wird, wird diese bedroht. (Mittlerweile werden in Ländern wie Nigeria, Libyen oder dem Irak selbst konservative Theologen ermordet, die so etwas wie Kritik an der oberflächlichen radikalen Frömmelei der Lanbartträger äußerten)

Man kann zu den traditionellen Rechtsschulen stehen wie man will: Unbestritten ist, dass zur Ausbildung eines klassischen Faqīh Disziplinen und Fähigkeiten gehörten, die dem modernen muslimischen Aktivisten salafistischer Prägung völlig abgeht. In der Regel waren und sind die maßgeblichen Köpfe der islamistischen Erneuerungsbewegungen ausgebildete Ingenieure, die nicht oder nur oberflächlich in Berührung kamen mit Fächern wie „mantiq“ (Logik), „Kalam“ (systematische Theologie), „falsafa“ (Philosophie), „Tafsir“ (Koranauslegung) oder den Hadithdisziplinen.
Tatsächlich lehnen diese Eiferer selbst die die konservativen Rechtsschulen ab mit dem Verweis, dass es so etwas im „reinen Ur-Islam“ nicht gegeben hat.

Im Grunde haben wir ja schon längst eine islamische Reformation – man stelle sich aber folgendes Szenario vor, um das Ausmaß zu begreifen: Calvins Genfer Gottesstaat (wo Andersdenkende wie Michael Servetus, der die Dreifaltigkeit ablehnte, auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden) habe durch Ölfunde und einer unheilvollen Allianz mit dem übermächtigen Osmanischen Reich es geschafft, seine Lehren in den Rest der christlichen Welt auszubreiten, sowohl durch zahlreiche Finanzspritzen als auch durch das massenhafte Verschicken von kostenlosen Büchern, die gerade in kriegsgebeultete Ländern – am besten „failed states“ offene Türen einrennen.

Dies von mir erstmal als eine Art Anregung. Zu mir kurz: 40 jähriger philosophisch, wirtschaftswissenschaftlich und geschichtlich interessierter Mensch, beheimatet in der deutschen Hauptstadt, auf der inneren Suche nach dem, was der Wahrheit am nächsten kommt.
„Wir sollten keine Scham empfinden, die Wahrheit anzuerkennen und sie zu verarbeiten, selbst wenn sie von früheren Geschlechtern und fremden Völkern kommt." (al-Kindi, gest. 873)
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Re: Grundsatzdiskussion Islam

Beitragvon Trifels » Mi 27. Mär 2019, 15:27

Toll. Deine Sache. Wahrheitssucher , na ja. Wenn's das brauchst. Überholte " Wahrheiten " werden nicht gebraucht.
Denkanstoß. Gesicherte Quelle/Info -> take it or leave it.
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Re: Grundsatzdiskussion Islam

Beitragvon Vongole » Mi 27. Mär 2019, 15:50

Trifels hat geschrieben:(27 Mar 2019, 15:27)

Toll. Deine Sache. Wahrheitssucher , na ja. Wenn's das brauchst. Überholte " Wahrheiten " werden nicht gebraucht.


Unhöfliche Antworten an einen User, der sich bemüht, etwas zu erklären, auch nicht.
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Re: Grundsatzdiskussion Islam

Beitragvon Liegestuhl » Mi 27. Mär 2019, 15:52

Nächste Woche treten im Sultanat Brunei neue Strafen in Kraft. Für Schwulsein wird man gesteinigt. Für einen Raub wird die Knochensäge herausgeholt.

Brunei Darussalam: Heinous punishments to become law next week

Cruel and inhuman punishments such as death by stoning for same-sex sexual acts and amputation for robbery will come into effect in Brunei Darussalam next week, Amnesty International said today.


https://www.amnesty.org/en/latest/news/ ... next-week/
Ich schulde dem Leben das Leuchten in meinen Augen.
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Re: Grundsatzdiskussion Islam

Beitragvon Trifels » Mi 27. Mär 2019, 15:53

Vongole hat geschrieben:(27 Mar 2019, 15:50)

Unhöfliche Antworten an einen User, der sich bemüht, etwas zu erklären, auch nicht.


Stimmt. Sorry. Geht anders.
Denkanstoß. Gesicherte Quelle/Info -> take it or leave it.
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Re: Grundsatzdiskussion Islam

Beitragvon Jekyll » Mi 27. Mär 2019, 21:51

al-Faylasuf hat geschrieben:(27 Mar 2019, 13:25)

Einen herzlichen Gruß an die Forumsgemeinde, da dies hier mein erster Beitrag ist. Zumindest nach einer Pause von mehr als zehn Jahren, denn während meiner Studienzeit war ich unter dem Nick „The Fly“ hin und wieder im alten Politikforum.de aktiv – zumeinst (aus Gründen des persönlichen Backgrounds) in den Niederungen des Balkanforums, jenem ethnisch-nationalistischen Sammelbecken, das sicherlich bei dem ein oder anderen User dafür gesorgt hat, diese Region aus seiner Urlaubsplanung zu streichen. (Fanatisch angehauchte Anhänger der Serie „Game of Thrones“ vielleicht ausgeschlossen).
Etwas zu meiner Person folgt am Ende des – wie ich jetzt sehe – etwas lang geratenen Beitrags.


Zum Thema Apostasie im Islam – das ich aufgrund eines kurzen Beitrags von „Fliege“ einmal mal aufgreifen – will ich gerne aus Gründen der Redlichkeit und Vollständigkeit, auf folgendes hinweisen:

Das osmanische Kalifat, seinerzeit führender Vertreter im sunnitischen Islam, schaffte im Zuge der sogenannten „Tanzimat“-Reformen im Jahr 1839 die Todesstrafe für Apostasie offiziell ab. Die Rede ist hier vom „Edikt von Gülhane“. Dieser Umbruch in der islamischen Rechtslehre wurde vom damaligen Schaich al-Islam, dem religionsrechtlichen Oberhaupt, ratifiziert. Dabei argumentierte man, dass es im Koran keinen Vers gebe, der eine Strafe für Abtrünnigkeit vorsieht (auch wenn die Suren 5:54 und 2:217 eine Strafe im Jenseits voraussagen). Außerdem wies man darauf hin, dass die Mehrdeutigkeiten in den Hadithen darauf hindeuteten, dass der Glaubensabfall nur dann ein Vergehen sei, wenn er mit dem Verbrechen des Verrats verbunden ist.

Und genau diese Mehrdeutigkeiten hatten auch einige Muslime zuvor dazu veranlasst, d.h. lange vor Beginn der Modernisierung, die damalige Mehrheitsmeinung der Gelehrten abzulehnen. Dazu zählen auch einflussreiche Rechtsgelehrte wie al-Nakhai (gest. 717), ath-Thaurī (gest. 778) (der eine eigene Rechtsschule begründete, welche im Maghreb und in Andalusien über 200 Jahre lang maßgebend gewesen war), as-Sarachsī (gest. 1096), al-Bādschī (gest. 1081) oder asch-Scha’rani(gest. 1565).
Und Leute wie diese haben sich ihre Meinung nicht - ausgehend von Fragen wie „wie können wir den Islam an universelle, im Westen entwickelte, Menschenrechtsnormen anpassen?“ – irgendwie opportunistischer Weise zusammengebastelt.

Mit anderen Worten: Es gibt in den klassischen Rechtsschulen – welche die islamische Orthodoxie darstellen - durchaus theologische Mittel und Werkzeuge für das, was man als „liberale Auslegung“ bezeichnen könnte. Dies hat neben anderen Dingen auch mit einigen Grundannahmen der klassischen Koranausleger zu tun, die für sich erkannten, dass Widersprüche in den Texten tatsächlich nur Widersprüche der Interpretationen seien. Mag sein, dass die westlich geschulte Seele mit dieser scheinbaren Beliebigkeit leicht überfordert sein kann.

Die Fähigkeit, unterschiedliche Ansichten und Wahrheiten zu ertragen, war etwas, was die islamische Welt der Vormoderne kennzeichnete, und das auf den unterschiedlichsten Gebieten und Ebenen (dieser Aspekt wurde auch von einigen der bekanntesten europäischen Aufklärer des 18. Jahrhunderts erkannt)
Einen im deutschsprachigen Raum bemerkenswerten Beitrag dazu hat der Arabist und Islamwissenschaftler Thomas Bauer in seinem mit dem höchsten deutschen Wissenschaftspreis ausgezeichneten Werk „Die Kultur der Ambiguität – eine andere Geschichte des Islam“ (2011) geliefert. Wer zur Abwechslung mal etwas lesen möchte, das ihn auch mal in seinem Weltbild und seinen Ansichten herausfordert und nicht nur die eigene Meinung bestätigt sehen will, dem sei dieses Buch an dieser Stelle empfohlen.

Die durch die eingangs erwähnte osmanische Reformen ausgelöste Debatte wurde fortgesetzt. Schließlich verabschiedete die al-Azhar-Universität in Kairo, welche die oberste religiöse Autorität in der arabischen Welt darstellt, im Jahr 1958 eine formelle Fatwa, welche die Abschaffung in diesem Bereich bestätigte – und bei al-Azhar haben wir es bekanntlich nicht gerade mit einer progressiv-orientierten Institution zu tun. Man denke dabei bsp. an die Rolle einiger dortiger Professoren an den Kampagnen gegen den historisch-kritischen Koranforscher Nasr Hamid Zaid (gest. 2010), der von einem ägyptischen Gericht als Folge des Apostasie-Urteils von seiner Frau zwangsgeschieden wurde und er daraufhin mit ihr in die Niederlande auswanderte.

Heute haben es muslimische Philosophen, die sich kritisch mit islamischen Themen befassen, schwer in den islamischen Ländern (mit einigen Ausnahmen wie bsp. Tunesien) – aus diesem Grund findet man die progressivsten und originellsten Beiträge von muslimischen Denkern, die in universitären Einrichtungen in den USA und Großbritannien forschen, lehren und veröffentlichen. Positive innerislamische Impulse erblicken somit das Licht der Welt nicht im Osten, sondern im Westen. Man sieht das auch daran, dass die Zahl von muslimischen Hochschulabsolventen, die akademische Bücher zu allen dazu relevanten Themen veröffentlichen, im Vergleich zu früheren Zeiten exponentiell in die Höhe geschossen ist (was nicht schwer war, denn früher tendierte die Anzahl gen Null . Bleibt natürlich die Frage, ob sich dies auch politisch widerspiegeln wird oder ob originelle Beiträge letztlich in einer Art akademischer Blase sich im Kreis drehen und beim Volk, das vom um sich greifenden Fanatismus infiziert ist, gar nicht erst ankommen.

Dass irgendwann einmal im Laufe der Zeit das einstige so äußerst produktive innerislamische Spannungsverhältnis zwischen Theologen und Philosophen zugunsten der Ersteren sich aufgelöst hatte, hatte nüchtern betrachtet zunächst sowohl negative als auch positive Folgen. Negativ war natürlich die zunehmende Erstarrung des fortschrittlichen Denkens, was einen langsamen aber unaufhaltsamen Niedergang (auf allen möglichen Feldern) zur Folge hatte - positiv hingegen war die religiöse inner-sunnitische Stabilität und eine auf Ausgleich und Synthese setzende Rechtsprechung. So war die Philosophie weder verteufelt noch verboten, sie wurde einfach selektiv in das eigene System eingebettet (z.B. Akzeptanz von Aristoteles Logik, aber Ablehnung seiner Metaphysik, Modellierung von Platons Politik usw.) Durch die durch muslimische Reformer unterschiedlichsten Couleurs im 19. Jahrhundert ausgelöste Anti-Rechtsschulen-Kampagnen hat der sunnitische Islam mittlerweile selbst diese innerreligiöse Stabilität verloren. Das heißt allgemeiner Niedergang + religiöse Instabilität = unser hier und jetzt. Eine der Folgen davon ist die Schwächung des gemäßigten Mainstreams. An diesem Punkt stehen wir heute.

Mit dem Ergebnis, dass heute jeder halb-gebildete muslimische Autodidakt meint, eine Buchari-Edition zuhause reiche aus, um irgendwelche Fatwas herauszugeben und Ge- und Verbote abzuleiten. Auch kennt der Salafist nur eine Koraninterpretation (natürlich nur die strengste wie die von Ibn Kathir) und auch nur eine Lesart. Unbekannt hingegen für ihn sind dagegen die 14 verschiedenen Lesarten des Korans – die ein Hafiz (jemand, der den Koran auswendig kennt) einst beherrschen musste -, diese Lesarten beinhalten bereits verschiedene Auslegungen, noch bevor die eigentliche Interpretation überhaupt beginnt. Für die klassischen muslimischen Theologen waren allein diese Lesarten eines der Argumente für die Göttlichkeit des Korans, und eine Begründung, wieso dieses Buch bis in alle Zeiten Gültigkeit habe – durch die schiere Unerschöpflichkeit an Deutungs- und Lösungsmöglichkeiten.

Hierbei ist folgender Punkt wichtig: Mit solchen Dingen wie „Koranauslegung“ befassten sich ausschließlich Spezialisten. Für das gemeine Volk war der Koran weder ein Gesetzbuch noch eine detaillierte Anleitung für den Alltag. Es diente schlicht der Liturgie. Eine melodische Rezitation oder auch nur der kalligrafische Ausdruck hatten sehr viel mehr Einfluss auf die Menschen, als irgendeine logische Schlussfolgerung vom Gelehrten Ibn XYZ. Ebenso erwähnen sollte man die beim volk wirkungsmächtigen Sufi-Orden, die ihre Aktivitäten auf das Reinigen des Inneren Selbst konzentrierten. Es ist falsch zu glauben, dass es sich beim Sufismus um eine Art exotischer Randerscheinung des Islams handelt. Ganz zu schweigen von daraus erwachsenen Persönlichkeiten wie ar-Rumi oder Ibn Arabi, die einen Universalismus und Offenheit vertraten, die heute in der muslimischen Welt selten geworden ist. Und wo dies noch vertreten wird, wird diese bedroht. (Mittlerweile werden in Ländern wie Nigeria, Libyen oder dem Irak selbst konservative Theologen ermordet, die so etwas wie Kritik an der oberflächlichen radikalen Frömmelei der Lanbartträger äußerten)

Man kann zu den traditionellen Rechtsschulen stehen wie man will: Unbestritten ist, dass zur Ausbildung eines klassischen Faqīh Disziplinen und Fähigkeiten gehörten, die dem modernen muslimischen Aktivisten salafistischer Prägung völlig abgeht. In der Regel waren und sind die maßgeblichen Köpfe der islamistischen Erneuerungsbewegungen ausgebildete Ingenieure, die nicht oder nur oberflächlich in Berührung kamen mit Fächern wie „mantiq“ (Logik), „Kalam“ (systematische Theologie), „falsafa“ (Philosophie), „Tafsir“ (Koranauslegung) oder den Hadithdisziplinen.
Tatsächlich lehnen diese Eiferer selbst die die konservativen Rechtsschulen ab mit dem Verweis, dass es so etwas im „reinen Ur-Islam“ nicht gegeben hat.

Im Grunde haben wir ja schon längst eine islamische Reformation – man stelle sich aber folgendes Szenario vor, um das Ausmaß zu begreifen: Calvins Genfer Gottesstaat (wo Andersdenkende wie Michael Servetus, der die Dreifaltigkeit ablehnte, auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden) habe durch Ölfunde und einer unheilvollen Allianz mit dem übermächtigen Osmanischen Reich es geschafft, seine Lehren in den Rest der christlichen Welt auszubreiten, sowohl durch zahlreiche Finanzspritzen als auch durch das massenhafte Verschicken von kostenlosen Büchern, die gerade in kriegsgebeultete Ländern – am besten „failed states“ offene Türen einrennen.

Dies von mir erstmal als eine Art Anregung. Zu mir kurz: 40 jähriger philosophisch, wirtschaftswissenschaftlich und geschichtlich interessierter Mensch, beheimatet in der deutschen Hauptstadt, auf der inneren Suche nach dem, was der Wahrheit am nächsten kommt.

Hoffentlich bleibst du uns lange erhalten. So viel Niveau können wir hier gut gebrauchen. :thumbup:
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Re: Grundsatzdiskussion Islam

Beitragvon Jekyll » Mi 27. Mär 2019, 22:01

Liegestuhl hat geschrieben:(27 Mar 2019, 15:52)

Nächste Woche treten im Sultanat Brunei neue Strafen in Kraft. Für Schwulsein wird man gesteinigt. Für einen Raub wird die Knochensäge herausgeholt.



https://www.amnesty.org/en/latest/news/ ... next-week/

Das hat aber mit dem Koran/Islam nichts zu tun.

Dazu ein interessanter Artikel:
Kein Wort über Steinigung

Nach diesen etwas ausführlichen, aber wichtigen Vorbemerkungen möchte ich mich nun mit der Steinigung als Strafe befassen. Im Koran finden wir keine Bestätigung dieser Strafmethode. Wenn wir Gründe oder Anhaltspunkte dafür hätten, dass der Koran diese Strafe bejaht oder verneint hat, dann wäre es nicht mehr angebracht, uns der Überlieferung zuzuwenden. Nach Meinung vieler islamischen Gelehrten und Interpreten hat der Koran diese Thematik behandelt und eine Bestrafung durch Steinigung nicht akzeptiert.
https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/geisteswissenschaften/islamisches-recht-erlaubt-der-koran-die-steinigung-11064490-p2.html

Steinigung gehört eher zum Themenkomplex AT/NT. Also offtopic. Bitte konzentrieren Sie sich auf das Strangthema, Herr Liegestuhl. Keine Nebelkerzen bitte.
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