Was ist Faschismus?

Moderator: Moderatoren Forum 7

Benutzeravatar
watisdatdenn?
Beiträge: 3490
Registriert: Do 19. Jun 2008, 15:08

Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon watisdatdenn? » Di 3. Dez 2019, 10:25

conscience hat geschrieben:(03 Dec 2019, 10:16)
Wie kommst Du darauf das Giovanni Gentile den Faschismus erfunden habe ?

Die "Origini e dottrina del Fascismo“ sind quasi nur eine Auftragsarbeit für Mussolini.

Ja, in der er den Faschismus beschreiben soll.
Und das hat er gemacht.

Darum sehe ich ihn als Erfinder des theoretischen Faschismus:

Der italienische Faschismus unternahm erst mehrere Jahre nach dem Marsch auf Rom den Versuch, seine politischen Absichten theoretisch zusammenzufassen und weltanschaulich zu untermauern. Mussolini lieferte den „Leitfaden“ seines Herrschaftsmodells gewissermaßen nach, als er bereits Diktator war: Erst nachdem sich das System des fascismo bereits konsolidiert hatte, veröffentlichte Mussolini seine Staats- und Gesellschaftstheorie. Der Spiritus Rector und wichtigste Mitgestalter dieses Unterfangens war Giovanni Gentile, der Chefredakteur der Enciclopedia Italiana.

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Der_Gei ... Faschismus
Benutzeravatar
Bartleby
Beiträge: 1661
Registriert: Mi 8. Aug 2018, 11:21
Benutzertitel: Ontodizeeverweigerung

Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon Bartleby » Di 3. Dez 2019, 10:26

unity in diversity hat geschrieben:(03 Dec 2019, 10:19)

In beiden Fällen weiß der Staat besser als das Individuum, was es wollen soll.
Das Kollektiv ist wichtiger als das Einzelinteresse.


Das muss nicht notwendig Faschismus sein - das Subjekt mit seinen Interessen genießt nur in den von westlichen Menschenbildern abgeleiteten Systemen diese herausragende Stellung, und die Einordnung in ein vorrangiges Kollektiv ist in Südostasien oder in Japan eine soziokulturelle, keine politische Angelegenheit. Das sollte man berücksichtigen.
In der Einsamkeit frisst sich der Einsame selbst auf, in der Vielsamkeit fressen ihn die Vielen. Nun wähle.
Benutzeravatar
odiug
Moderator
Beiträge: 12210
Registriert: Di 25. Sep 2012, 07:44

Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon odiug » Di 3. Dez 2019, 10:36

watisdatdenn? hat geschrieben:(03 Dec 2019, 10:14)

Laut Gentile (Erfinder der Faschismus) sind die Interessen des Staates identisch mit den Interessen der einzelnen Menschen.
Also auch für einen Faschisten regiert der Staat für die Menschen, da es für einen Faschisten keinen Unterschied zwischen den individuellen Wünschen und den Wünschen des Staates gibt.

Die irrige Grundannahme ist dabei, dass das Interesse des Einzelnen immer der des Staates entspricht.
Das gilt sowohl für Faschismus als auch für Sozialismus generell.

Politik verallgemeinert immer.
Die Frage ist aber, nach welchen Kriterien sie das tut.
Und darin unterscheiden sich Faschisten von den Sozialisten fundamental.
Es macht eben doch einen Unterschied, ob ich Menschen nach ökonomischen Interessenklassen oder nach Nationalität oder gar "Rasse" unterscheide.
Dass beides nie absolut ist, belegt sowohl Görrings Aussage:"Wer Jude ist bestimme ich!" sowie auch der Unterschied in der politischen Einflussnahme zwischen George Soros und den Koch Brothers in den USA.
Verallgemeinerungen funktionieren nie, wenn man sie auf Individuen herunter bricht.
Und daher funktioniert auch Politik nicht, wenn man sie auf Individuen herunterbricht ... bzw, wenn man das tut, dann hast du einen korrupten und unfähigen Idioten wie Trump an der Backe. Der macht Politik nur für sich, für das ultimative, alleinige Individuum.
Moderatoren sind die Herren des Forums :x
Aber wir sind edel und gut, gerecht und unbestechlich und sorgen uns innig um das Wohlergehen unsrer Foristen.
Ich habe nun eine deutsche Tastatur ... äöüß :cool:
Benutzeravatar
3x schwarzer Kater
Beiträge: 17468
Registriert: Mo 26. Mai 2014, 16:25
Benutzertitel: Do legst di nieda
Wohnort: Schwaben

Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon 3x schwarzer Kater » Di 3. Dez 2019, 10:37

odiug hat geschrieben:(03 Dec 2019, 10:06)

Es ist aber dennoch ein anderes Verständnis von Staat.
Für einen Sozialisten regiert ein starker Saat für die Menschen.
Für einen Faschisten regiert ein starker Saat über die Menschen.
Das sind zwei völlig verschiedene Vorstellungen der Funktion eines Staates.
Zumindest in der Theorie.


.... und in der Praxis führt beides zu einem totalitären System.
„Es wurde schon alles gesagt, nur noch nicht von jedem.“ (Karl Valentin)
Benutzeravatar
Dark Angel
Moderator
Beiträge: 16752
Registriert: Fr 7. Aug 2009, 08:08
Benutzertitel: From Hell

Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon Dark Angel » Di 3. Dez 2019, 10:38

Skeptiker hat geschrieben:(02 Dec 2019, 21:30)

Es gibt eine klar definierte Gruppe, die man Faschisten nennt - sie ist weltweit die gleiche und jedem wohl bekannt. Die Gruppe nennt sich "die Anderen". Demgegenüber sind "die Eigenen" grundsätzlich stramme Antifaschisten - notfalls mit faschistischen Mitteln.

Ich selber benutze den Begriff Faschismus relativ selten, eben weil er sehr unklar ist, aber andererseits als Etikett für alles verwandt wird, was verwerflich und menschenverachtend ist. Mir gefällt Totalitarismus als Begriff viel besser, weil der den Wesenskern des Phänomens besser beschreibt, der darin besteht, dass eine Geisteshaltung keinen Widerspruch duldet, stattdessen vollständigen Machtanspruch stellt. Diesen zu erhalten sind alle Mittel recht. Letztendlich verliert der Mensch neben der Ideologie seinen Wert und es kommt zu Gräueln. Die gefährlichen Abweichler müssen geeignet bekämpft werden - seien es Minderheiten durch äußere oder ethnische Merkmale, seien es Minderheiten in Auffassungen.

In welcher Farbe die Peiniger daher kommen, ist dabei egal - sie sind alle Anhänger der gleichen Philosophie, die das Ideal über die Menschlichkeit stellt.

So - gibt es die Gruppe, die man Faschisten nennt?
Um eine Gruppe benennen zu können, muss man wissen bzw definieren, wodurch sich diese Gruppe auszeichnet, was die Ideologie charakterisiert, der diese Gruppe anhängt.
Genau aus diesem Grund habe ich erwähnt, dass es verschiedene Faschismustheorien gibt, sich die vergleichende Faschismusforschung (die es seit den 1990ern leider nur noch im englischsprachigen Raum gibt) bemüht, eine umfassende Erklärung zu finden und aus diesem Grund habe ich die charakteristischen Gemeinsamkeiten genannt, die die verschiedenen Erscheinungsformen von Faschismus haben.
Mir geht es - wie User conscience schreibt, um eine ernsthafte Diskussion, ernsthaft zu diskutieren, was ist unter Faschismus zu verstehen, woran kann man ihn (seine Anfänge) erkennen.
Gegen die menschliche Dummheit sind selbst die Götter machtlos.

Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen
Benutzeravatar
conscience
Moderator
Beiträge: 1237
Registriert: Sa 4. Jun 2016, 13:56
Benutzertitel: Ideen-'Geschicht‘ler'

Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon conscience » Di 3. Dez 2019, 10:38

watisdatdenn? hat geschrieben:(03 Dec 2019, 10:25)

Ja, in der er den Faschismus beschreiben soll.
[...]

Darum sehe ich ihn als Erfinder des theoretischen Faschismus


Also er hat beschrieben was schon vorhanden war. Nur unterscheidet sich der italienische Faschismus seiner Frühphase stark von der Regime-Phase.

Anders ausgedrückt: die faschistische Praxis ist die Prämisse, keine Doktrin oder Theorie-Gebäude. Dazu passt auch sehr gut die Propaganda der Tat.
Solidarität mit Israel - gegen Antisemitismus und Antizionismus.

Geben Sie Gedankenfreiheit!
Benutzeravatar
odiug
Moderator
Beiträge: 12210
Registriert: Di 25. Sep 2012, 07:44

Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon odiug » Di 3. Dez 2019, 10:44

unity in diversity hat geschrieben:(03 Dec 2019, 10:19)

In beiden Fällen weiß der Staat besser als das Individuum, was es wollen soll.
Das Kollektiv ist wichtiger als das Einzelinteresse.

Das ist so nicht richtig.
Wenn Sozialismus richtig verstanden wird ... und ja, das ist ein Großes "WEN" ... dann ist das Individuum sich seiner sozialen Verantwortung bewusst und stellt seine egoistischen Interessen, die dem Allgemeinwohl schaden zurück.
Das tut er übrigens auch in Eigeninteresse, da er davon ausgeht, das andere das in einer sozialistischen Gesellschaft auch tun um ihm nicht zu schaden.
Das tut ein Faschist nicht.
Dessen Grundhaltung gegenüber dem Anderen ist fundamental paranoid.
Moderatoren sind die Herren des Forums :x
Aber wir sind edel und gut, gerecht und unbestechlich und sorgen uns innig um das Wohlergehen unsrer Foristen.
Ich habe nun eine deutsche Tastatur ... äöüß :cool:
Benutzeravatar
Teeernte
Beiträge: 19757
Registriert: Do 11. Sep 2014, 18:55

Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon Teeernte » Di 3. Dez 2019, 10:56

odiug hat geschrieben:(03 Dec 2019, 10:44)

Das ist so nicht richtig.
Wenn Sozialismus richtig verstanden wird ... und ja, das ist ein Großes "WEN" ... dann ist das Individuum sich seiner sozialen Verantwortung bewusst und stellt seine egoistischen Interessen, die dem Allgemeinwohl schaden, zurück.
Das tut er übrigens auch in Eigeninteresse, da er davon ausgeht, das andere das in einer sozialistischen Gesellschaft auch tun um ihm nicht zu schaden.
Das tut ein Faschist nicht.
Dessen Grundhaltung gegenüber dem Anderen ist fundamental paranoid.


Im Sozialismus geht der Penner in den Knast - wegen Schädigung des Allgemeinwohles.

Im Faschismus ...ins Lager zur Arbeitserziehung.

Im Kapitalismus bleibt er sichtbar zum Herabschauen...

in der Sozialen Marktwirtschaft wird er nur am Bahnhof ausgestellt.
Obs zu kalt, zu warm, zu trocken oder zu nass ist:.... Es immer der >>menschgemachte<< Klimawandel. :D
Benutzeravatar
watisdatdenn?
Beiträge: 3490
Registriert: Do 19. Jun 2008, 15:08

Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon watisdatdenn? » Di 3. Dez 2019, 11:01

conscience hat geschrieben:(03 Dec 2019, 10:38)
Anders ausgedrückt: die faschistische Praxis ist die Prämisse, keine Doktrin oder Theorie-Gebäude.

Ok, die Prämisse war die Praxis.
Das Theorie-Gebäude des Faschismus wurde aber aufgeschrieben vom faschistischen Gentile und von mussulini abgesegnet.

Es taugt also durchaus für die Definition von Faschismus.


Was ist denn Faschismus für dich?
Hat du eine sauberere Definition?
Zuletzt geändert von watisdatdenn? am Di 3. Dez 2019, 11:08, insgesamt 2-mal geändert.
Benutzeravatar
Teeernte
Beiträge: 19757
Registriert: Do 11. Sep 2014, 18:55

Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon Teeernte » Di 3. Dez 2019, 11:03

Dark Angel hat geschrieben:(03 Dec 2019, 10:38)

So - gibt es die Gruppe, die man Faschisten nennt?
Um eine Gruppe benennen zu können, muss man wissen bzw definieren, wodurch sich diese Gruppe auszeichnet, was die Ideologie charakterisiert, der diese Gruppe anhängt..


Die Ideologie ist garnicht soooo wichtig.

Faschismus ist die Herrschaft einer (vermeintlichen, selbsternannten) Elite über das Volk.

Mittels Definition will heute nur JEDE selbsternannte Elitegruppe von dieser HErrschaftsform ablenken.

Ob nun "National" angelegt (Japan , Deutschland , Italien) -

oder Sowjietunion früher - International.

Extinction Rebellion will ja AUCH "nur" die Räte (Sowjets) wiederbeleben. :D :D :D
Obs zu kalt, zu warm, zu trocken oder zu nass ist:.... Es immer der >>menschgemachte<< Klimawandel. :D
Benutzeravatar
Dark Angel
Moderator
Beiträge: 16752
Registriert: Fr 7. Aug 2009, 08:08
Benutzertitel: From Hell

Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon Dark Angel » Di 3. Dez 2019, 11:08

Diestel hat geschrieben:(03 Dec 2019, 06:19)

„Linksfaschismus (auch Linker bzw. Roter Faschismus oder Rot-Faschismus) ist ein politischer Kampfbegriff ohne einheitliche Bedeutung. Meist soll er realsozialistische Staaten, linksgerichtete Politik oder Ideologie als „Faschismus“, seltener auch Antikapitalismus faschistisch genannter Staaten oder Gruppen als „links“ bewerten. Die Politikwissenschaft verwendet den Begriff, anders als den Faschismusbegriff, nicht zur Beschreibung einer Ideologie oder Gesellschaftsordnung.

Ja und nein!
Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang u.a., welche Faschismustheorie präferiert bzw als die allgemeingültige betrachtet wird.
Historisch wurden in der Zwischenkriegszeit sehr wohl auch linke bzw sozialistische Parteien/Gruppierungen - insbesondere von Kommunisten - als faschistisch bezeichnet.
Dies ist besonders dann der Fall, wenn monokausale Ursachen für das Entstehen des Faschismus heran gezogen werden, wie das u.a. bei der Faschismustheorie, die von Dimitroff auf der Komintern 1935 vorgeschlagen und festgeschrieben und von Kommunisten als einzig gültige betrachtet wurde - wonach Faschismus eng mit dem "Kapitalismus" verbunden ist und vom Groß- bzw Finanzkapital ausgeht.
Nach dieser Lesart wurde sogar der SPD faschistische Tendenzen unterstellt und als "Sozialfaschismus" diffamiert.
Bis heute folgen marxistische Faschismustheorien - insbeondere die der Marburger Schule diesem Konzept, wenn auch in modifizierter Form.
Damit wird Fschismus bzw die Entstehung von Faschismus ausschließlich dem rechten Rand zugeordnet.
Übersehen wird dabei allerdings, dass auch sozialitische/kommunistische Regime bzw "Gesellschaftordungen" Gemeinsamkeiten sehr wohl charakteristische Eigenschaften (Gemeinsamkeiten) mit Faschismus aufweisen ==> insbesondere in der stalinistischen Sowjetunion, im Maoismus und bei den Roten Khmer (Pol Pot-Regime)

Das Entstehen und die Etablierung von Faschismus ist damit nicht an das rechte politische Spektrum gebunden, sondern kann im linken genauso auftreten.
Gegen die menschliche Dummheit sind selbst die Götter machtlos.

Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen
Benutzeravatar
odiug
Moderator
Beiträge: 12210
Registriert: Di 25. Sep 2012, 07:44

Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon odiug » Di 3. Dez 2019, 11:10

Teeernte hat geschrieben:(03 Dec 2019, 10:56)

Im Sozialismus geht der Penner in den Knast - wegen Schädigung des Allgemeinwohles.

Im Faschismus ...ins Lager zur Arbeitserziehung.

Im Kapitalismus bleibt er sichtbar zum Herabschauen...

in der Sozialen Marktwirtschaft wird er nur am Bahnhof ausgestellt.

In einer sozialistischen Gesellschaft gäbe es keine "Penner", da alle Bedürfnisse des Menschen im Rahmen des Allgemeinwohl befriedigt werden.
Der "Penner" ist also im Sozialismus krank und bedarf psychologischer Hilfe, um sein asoziales und selbstschädigendes Verhalten zu überwinden.
Aber ich gebe dir darin recht, die Pathologisierung von wie auch immer gearteten Lebensentwürfen ist "a slippery road", die dem Missbrauch Tür und Tor öffnet.
Im Faschismus werden Penner als "volksschädlich" diffamiert und ausgerottet.
Im Kapitalismus ist der verelendete "Penner" am Bahnhof jene "Schreckgestalt", die den Menschen zur Leistungsbereitschaft im Sinne des Systems treibt.
Moderatoren sind die Herren des Forums :x
Aber wir sind edel und gut, gerecht und unbestechlich und sorgen uns innig um das Wohlergehen unsrer Foristen.
Ich habe nun eine deutsche Tastatur ... äöüß :cool:
Benutzeravatar
Teeernte
Beiträge: 19757
Registriert: Do 11. Sep 2014, 18:55

Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon Teeernte » Di 3. Dez 2019, 11:17

odiug hat geschrieben:(03 Dec 2019, 11:10)

...Vollzitat..

Im Kapitalismus ist der verelendete "Penner" am Bahnhof jene "Schreckgestalt", die den Menschen zur Leistungsbereitschaft im Sinne des Systems treibt.


Dein Sarkasmus heute ...excellent...

Nur kleine Leute sollen "erschreckt" werden.....Die, die Bahn nehmen MÜSSEN..
Obs zu kalt, zu warm, zu trocken oder zu nass ist:.... Es immer der >>menschgemachte<< Klimawandel. :D
Benutzeravatar
Tom Bombadil
Beiträge: 41243
Registriert: Sa 31. Mai 2008, 16:27
Benutzertitel: Non Soli Cedit

Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon Tom Bombadil » Di 3. Dez 2019, 11:19

Faschismus als politische Ideologie ist mMn. der extreme Gegenentwurf zum Marxismus. Alles andere drumherum ist heutzutage mMn. ambivalent zu sehen, außerdem wird der Begriff oft abwertend benutzt, Fascho/Faschist ist ein Schimpfwort, mit dem der damit belegte abgewertet und seine Meinung entwertet werden soll. Das bedeutet nicht, dass es keine Faschisten mehr gäbe, aber dadurch, dass dieser Begriff inflationär gebraucht wird (ähnlich wie "Nazi", "Neonazi", "neurechts"), gehen diese im Meer der vermeintlichen Faschisten unter.
Dann geht es noch um die Methoden. Ist jemand ein Faschist, der faschistische Methoden im Kampf um die Meinungshoheit anwendet? Imho nein, aber dadurch stellt dich derjenige auf die gleiche niedrige Niveaustufe, auf der auch Faschisten stehen.

Just my 2 cents.
The tree of liberty must be refreshed from time to time with the blood of patriots and tyrants. It is its natural manure.
Thomas Jefferson
Benutzeravatar
Dark Angel
Moderator
Beiträge: 16752
Registriert: Fr 7. Aug 2009, 08:08
Benutzertitel: From Hell

Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon Dark Angel » Di 3. Dez 2019, 11:21

conscience hat geschrieben:(03 Dec 2019, 09:23)

Stalin, der Georgier und Marxist, soll also völkisch und nationalistisch gewesen sein - eine steile These. Ein Marxist kann nicht Nationalist sein (Zeev Sternhell).

Hier irrt Zeev Sternhell.
Stalin war sehr wohl Nationalist und Chauvinist, was sich insbesondere in seiner Einstellung Juden und dem (neugeründeten) Staat Israel ausdrückte:

"Das Regime entfaltete eine heftige Kampagne gegen den „Kosmopolitismus“, worunter allgemein eine internationalistische Haltung verstanden wurde, die sich dem als „Sowjetpatriotismus“ bezeichneten aggressiven russischen Chauvinismus zu widersetzen suchte. Im speziellen Fall wurde damit aber jedwede Äußerung jüdischen kulturellen Lebens verun-glimpft. Alle noch verbliebenen jiddischen Zeitungen, Verlage, Theater und Bildungsein-richtungen mußten ihre Tätigkeit für zunächst längere Zeit einstellen.
Quelle


Zudem gab es in der Sowjetunion mit der Machtübernahme Stalins einen ausgeprägten Führerkult.
Gegen die menschliche Dummheit sind selbst die Götter machtlos.

Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen
Benutzeravatar
odiug
Moderator
Beiträge: 12210
Registriert: Di 25. Sep 2012, 07:44

Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon odiug » Di 3. Dez 2019, 11:25

Teeernte hat geschrieben:(03 Dec 2019, 11:17)

Dein Sarkasmus heute ...excellent...

Nur kleine Leute sollen "erschreckt" werden.....Die, die Bahn nehmen MÜSSEN..

Die Profiteure eines kapitalistischen Systems musst du auch nicht erschrecken ... sie halten sich ja an die Regeln des Systems.
Erschreckt werden die nur, wenn die "Penner" in ihre Domäne dringen und plötzlich unangenehm am Eingang des Theaters oder Edelrestaurants auftauchen.
Aber dafür gibt es ja die Polizei, die mit Platzverweisen für ein angenehmes Konsumklima sorgen.
Moderatoren sind die Herren des Forums :x
Aber wir sind edel und gut, gerecht und unbestechlich und sorgen uns innig um das Wohlergehen unsrer Foristen.
Ich habe nun eine deutsche Tastatur ... äöüß :cool:
Benutzeravatar
Selina
Beiträge: 12372
Registriert: Do 29. Sep 2016, 15:33

Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon Selina » Di 3. Dez 2019, 11:25

conscience hat geschrieben:(03 Dec 2019, 09:35)

Ist doch logisch.

Indem man von interessierter Seite den Faschismus-Begriff auf alles mögliche ausweitet, wird dieser entwertet, unscharf und unbrauchbar. Darin kann man geradezu eine neu-Rechte methodische Logik erkennen.


Genau. Das ist des Pudels Kern. Die Neurechten setzen alles gleich, was zur Verharmlosung eigener Bestrebungen beiträgt. Die Diskussion um so genannten "linken Faschismus" soll wie andere vergleichbare Diskussionen die Menschenfeindlichkeit neurechter Positionen verwässern. So kommt es dann auch zum gefährlichen Höckeschen Geschichtsrevisionismus a la "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad". Passt alles zusammen. Geistige Vorfahren der AfD (manchmal sogar in leibhaftiger Form von Großvätern) sind nun mal die deutschen Nazis mit all ihren Menschheitsverbrechen und all ihrem Herrenrasse-Denken. Und bedroht wird die Demokratie in ihrer Gänze und aktuell deutlich von Rechtsaußen, nicht von Links. Das alles will Neurechts verschleiern. Dazu werden dann sämtliche rechtsintellektuelle Quellen bemüht, die man nur finden kann. Durchschaubar wie immer.
Drüben im Walde kängt ein Guruh - Warte nur balde kängurst auch du. Joachim Ringelnatz
Benutzeravatar
Teeernte
Beiträge: 19757
Registriert: Do 11. Sep 2014, 18:55

Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon Teeernte » Di 3. Dez 2019, 11:31

Dark Angel hat geschrieben:(03 Dec 2019, 11:21)

Hier irrt Zeev Sternhell.
Stalin war sehr wohl Nationalist und Chauvinist, was sich insbesondere in seiner Einstellung Juden und dem (neugeründeten) Staat Israel ausdrückte:

"Das Regime entfaltete eine heftige Kampagne gegen den „Kosmopolitismus“, worunter allgemein eine internationalistische Haltung verstanden wurde, die sich dem als „Sowjetpatriotismus“ bezeichneten aggressiven russischen Chauvinismus zu widersetzen suchte. Im speziellen Fall wurde damit aber jedwede Äußerung jüdischen kulturellen Lebens verun-glimpft. Alle noch verbliebenen jiddischen Zeitungen, Verlage, Theater und Bildungsein-richtungen mußten ihre Tätigkeit für zunächst längere Zeit einstellen.
Quelle


Zudem gab es in der Sowjetunion mit der Machtübernahme Stalins einen ausgeprägten Führerkult.


Ach...Satellitenstaaten gab es zu Hauff... die durften nur den Führungsanspruch nicht in Frage stellen. Ob man es nun Chauvinistisch oder faschistisch nennt einerlei.
Obs zu kalt, zu warm, zu trocken oder zu nass ist:.... Es immer der >>menschgemachte<< Klimawandel. :D
Benutzeravatar
Teeernte
Beiträge: 19757
Registriert: Do 11. Sep 2014, 18:55

Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon Teeernte » Di 3. Dez 2019, 11:33

Selina hat geschrieben:(03 Dec 2019, 11:25)

Genau. Das ist des Pudels Kern. Die Neurechten setzen alles gleich, was zur Verharmlosung eigener Bestrebungen beiträgt.


Tote zählen ? Adolf gegen Mao oder Stalin ?

...ob linke oder rechte Faschisten - setzen alles gleich, was zur Verharmlosung eigener Bestrebungen beiträgt.
Obs zu kalt, zu warm, zu trocken oder zu nass ist:.... Es immer der >>menschgemachte<< Klimawandel. :D
Benutzeravatar
3x schwarzer Kater
Beiträge: 17468
Registriert: Mo 26. Mai 2014, 16:25
Benutzertitel: Do legst di nieda
Wohnort: Schwaben

Re: Was ist Faschismus?

Beitragvon 3x schwarzer Kater » Di 3. Dez 2019, 11:34

odiug hat geschrieben:(03 Dec 2019, 11:10)

In einer sozialistischen Gesellschaft gäbe es keine "Penner", da alle Bedürfnisse des Menschen im Rahmen des Allgemeinwohl befriedigt werden.



Es gibt kein wie auch immer definiertes Allgemeinwohl. Das existiert nur als hohle Phrase, praktisch inhaltsleer. Es gibt nur individuelle Interessen, Vorstellungen Präferenzen.
Daher bediente sich der Sozialismus auch immer der gleichen Mittel zur Durchsetzung, der sich alle totalitären Systeme bedienen. Darin unterscheidet er sich nicht vom Faschismus. Der richtige Mensch dafür, der der seinen Individualismus zugunsten des kollektiven Gedankens aufgibt muss dazu erst geschaffen werden, wenn nötig mit Gewalt. Da heiligt dann der Zweck alle Mittel.

Und die Idee, dass im Sozialismus alle Bedürfnisse des Menschen befriedigt werden ist letztendlich nicht anderes als die Leugnung des Knappheitsprinzips, der Traum vom Ende der Notwendigkeit des Wirtschaftens. Das gibt's nur im Schlaraffenland.
„Es wurde schon alles gesagt, nur noch nicht von jedem.“ (Karl Valentin)

Zurück zu „71. Geschichte“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 7 Gäste