Mehrheit der Deutschen äußert sich in der Öffentlichkeit nur vorsichtig

Moderator: Moderatoren Forum 8

PeterK
Beiträge: 7845
Registriert: Di 31. Mai 2016, 11:06

Re: Mehrheit der Deutschen äußert sich in der Öffentlichkeit nur vorsichtig

Beitragvon PeterK » Fr 15. Nov 2019, 12:29

3x schwarzer Kater hat geschrieben:(15 Nov 2019, 12:21)
Das ist eine Schlussfolgerung von dir, die sich aus dem Artikel so nicht rauslesen lässt.

Ich las:
Es gebe "viele ungeschriebene Gesetze, welche Meinungen akzeptabel und welche tabu sind" – dieser Ansicht sind 63 Prozent der Befragten.

Ich meine, der Wert sei zu niedrig. Das bedeutete ja, dass 37% meinen, es gebe keine "ungeschriebenen Gesetze" wie z.B. Anstand und Rücksichtnahme mehr. Das wäre in der Tat besorgniserregend.
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 14132
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 16:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Mehrheit der Deutschen äußert sich in der Öffentlichkeit nur vorsichtig

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 15. Nov 2019, 12:58

MäckIntaier hat geschrieben:(15 Nov 2019, 11:37)

Ob nun Weimarer Republik oder Mein Kampf - diese Art der Kostümierung der Wirklichkeit des 21. JH mit seinen neuen Medien und Kommunikationsräumen verstellt den Blick auf die eigene Wirklichkeit. Es ist ein a-historischer Historizismus.

Wer noch ganz bei Trost ist, wird sich in einem öffentlichen Medium wie Zwitscher oder Fehsbuk auch unter Wahrung allen Anstands zu einigen Themen nicht äußern. Diese Themen stehen nicht für alle Ewigkeit fest, sondern unterliegen bestimmten gesellschaftlichen Machtverhältnissen. Und wer glaubt, er könne sich im Zeitalter der Hysterie und Shitstürme sanktionsfrei gegen diese Machtverhältnisse stellen, ist bestenfalls naiv.

Seit Oktober gibts erstmals seit längerer Zeit in Budapest einen Oberbürgermeister, der nicht von der vaterländischen allmächtigen Orbán-Partei Fidesz gestellt wird. Sondern von einer grün-linksliberalen Partei. Dreimal darfst du raten, was bestimmt einer von zwei Fidesz-Wählern in einer ungarischen Kleinstadt in der Provinz als erstes darüber denkt. Auch wenn er das Wort "zsidók" (Juden) nicht explizit in den Mund nimmt. Die Vergangenheit lebt auf erschreckende Art und Weise weiter. Und die Metropolen samt ihrem kosmopolitischen Bewohneranteil werden noch eine entscheidende Rolle bei der Überwindung dieser Vergangenheit und der Rettung der Idee von Liberalismus und Demokratie spielen.
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt
Benutzeravatar
Selina
Beiträge: 12402
Registriert: Do 29. Sep 2016, 15:33

Re: Mehrheit der Deutschen äußert sich in der Öffentlichkeit nur vorsichtig

Beitragvon Selina » Fr 15. Nov 2019, 13:08

schokoschendrezki hat geschrieben:(15 Nov 2019, 09:06)

Dabei aber nicht vergessen, dass "Mein Kampf" in den 20er Jahren geschrieben wurde und auch bereits in ebendiesen ein Bestseller war. Und auch der "Völkische Beobachter" erschien bereits in den 20ern. Der erste Band entstand unmittelbar nach dem Hitlerputsch am 9. November 23 (noch so ein 9. November ...). Es geht nicht um den "Holocaust" sondern um das gesellschaftliche Klima der Weimarer Republik oder auch das in Wien, Prag, Budapest um die Jahrhundertwende. Das "gesunde Volksempfinden" wird gegen eine vermeintliche urbane, kosmopolitische, "abgehobene" Gruppe ins Feld geführt. Heute spricht man nicht mehr von "gesundem Voksempfinden" und es geht abgesehen von Ausnehmen auch nicht gegen die Juden. Man kann aber auch in diesem Forum Sätze lesen wie "Bei uns hier in ... redet man noch Klartext". "Hier kann man uns nicht ein x für ein y vormachen". Die Mechanismen sind ähnlich. Und selbst noch gestern im Ersten bei Dieter Nuhr kann man das beobachten: Ein Ausnutzen und gleichzeitiges Einüben von Reiz-Reflex-Kreisläufen. Die dann immer wieder wie auf Knopfdruck auslösbar sind. "Professix!" ... "Haha. Ja. Der sagts mal. Der traut sich!" Und diese Kreisläufe spielen sich mehr und mehr nur noch in einem Debattentheater ab. Schaut man wirklich einmal in die Wirklichkeit, siehts erheblich komplexer und vielfältiger aus. Keineswegs können junge Menschen und schon gar nicht Studenten ihr Wissen nur noch über das Smartphone abrufen. Im Gegenteil: Haptik, Arbeiten mit der Hand erlebt geradezu einen Höhenflug. Zumindest in einigen urbanen Kulturen. Freie Werkstätten, Urban Gardening ... um nur einige Beispiele zu nennen. Gestern habe ich tatsächlich in einem Regionalzug junge Leute gesehen, die ein komplettes Band-Equipment im Fahradabteil auf Radkarren transportierten. Also jetzt nicht Streetmusic-Technik mit Akkus, sondern richtige Instrumentalverstärker. Dieter Nuhr sollte öfter mal mit Öffentlichen fahren.


Der Nuhr ist in den letzten Jahren in dieselbe Richtung gewandert wie Lengsfeld und co. Das Paradoxe dabei: Wirkliches Kabarett im besten Wortsinne kommt normalerweise nicht aus so einer Ecke. Ein weiteres Zeichen dafür, wie verschoben und verquer die politischen Koordinatensysteme und Verhältnisse inzwischen sind. Und urban gardening, so schön das auch klingt, es erinnert mich doch ein wenig an Rudolf Steiner mit seiner "biologisch-dynamischen Landwirtschaft", einschließlich Gartenbau. Aber was solls, hängt ja alles mit allem irgendwie zusammen.
Drüben im Walde kängt ein Guruh - Warte nur balde kängurst auch du. Joachim Ringelnatz
Benutzeravatar
Selina
Beiträge: 12402
Registriert: Do 29. Sep 2016, 15:33

Re: Mehrheit der Deutschen äußert sich in der Öffentlichkeit nur vorsichtig

Beitragvon Selina » Fr 15. Nov 2019, 13:11

schokoschendrezki hat geschrieben:(15 Nov 2019, 12:58)

Seit Oktober gibts erstmals seit längerer Zeit in Budapest einen Oberbürgermeister, der nicht von der vaterländischen allmächtigen Orbán-Partei Fidesz gestellt wird. Sondern von einer grün-linksliberalen Partei. Dreimal darfst du raten, was bestimmt einer von zwei Fidesz-Wählern in einer ungarischen Kleinstadt in der Provinz als erstes darüber denkt. Auch wenn er das Wort "zsidók" (Juden) nicht explizit in den Mund nimmt. Die Vergangenheit lebt auf erschreckende Art und Weise weiter. Und die Metropolen samt ihrem kosmopolitischen Bewohneranteil werden noch eine entscheidende Rolle bei der Überwindung dieser Vergangenheit und der Rettung der Idee von Liberalismus und Demokratie spielen.


Genau. Auch die relativ niedrigen Großstadt-Ergebnisse für die AfD lassen hoffen.
Drüben im Walde kängt ein Guruh - Warte nur balde kängurst auch du. Joachim Ringelnatz
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 14132
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 16:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Mehrheit der Deutschen äußert sich in der Öffentlichkeit nur vorsichtig

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 15. Nov 2019, 13:22

Selina hat geschrieben:(15 Nov 2019, 13:08)

Der Nuhr ist in den letzten Jahren in dieselbe Richtung gewandert wie Lengsfeld und co. Das Paradoxe dabei: Wirkliches Kabarett im besten Wortsinne kommt normalerweise nicht aus so einer Ecke. Ein weiteres Zeichen dafür, wie verschoben und verquer die politischen Koordinatensysteme und Verhältnisse inzwischen sind. Und urban gardening, so schön das auch klingt, es erinnert mich doch ein wenig an Rudolf Steiner mit seiner "biologisch-dynamischen Landwirtschaft", einschließlich Gartenbau. Aber was solls, hängt ja alles mit allem irgendwie zusammen.

"Urban Gardening" ist mir nur eingefallen, weil es gestern in der Sendung um "Bildung" ging und einfach nur ein 0815-Pauschalurteil nach dem anderen abgelassen und beklatscht wurde.

Bei einem Satz wie "Soldaten sind Mörder" musst du schon eher aufpassen. 1931 von Tucholsky in der Weltbühne geschrieben. (Typisches Exemplar für das, was seine Gegner "Judenpresse" nannten). Der letzte einer Reihe von Prozessen zu diesem Satz fand 1995 in der Bundesrepublik statt. Woher die Aufregung, fragt man sich, wenn doch alles schon historisiert ist.
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt
Benutzeravatar
Selina
Beiträge: 12402
Registriert: Do 29. Sep 2016, 15:33

Re: Mehrheit der Deutschen äußert sich in der Öffentlichkeit nur vorsichtig

Beitragvon Selina » Fr 15. Nov 2019, 13:30

schokoschendrezki hat geschrieben:(15 Nov 2019, 13:22)

"Urban Gardening" ist mir nur eingefallen, weil es gestern in der Sendung um "Bildung" ging und einfach nur ein 0815-Pauschalurteil nach dem anderen abgelassen und beklatscht wurde.

Bei einem Satz wie "Soldaten sind Mörder" musst du schon eher aufpassen. 1931 von Tucholsky in der Weltbühne geschrieben. (Typisches Exemplar für das, was seine Gegner "Judenpresse" nannten). Der letzte einer Reihe von Prozessen zu diesem Satz fand 1995 in der Bundesrepublik statt. Woher die Aufregung, fragt man sich, wenn doch alles schon historisiert ist.


Ja. Und dass es auch bei jüngeren Leuten wieder eine stärkere Hinwendung zu Selbstgedachtem und Selbstgemachtem - weg vom ewigen Smartphone - gibt, ja, das sehe ich auch so.
Drüben im Walde kängt ein Guruh - Warte nur balde kängurst auch du. Joachim Ringelnatz
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 14132
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 16:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Mehrheit der Deutschen äußert sich in der Öffentlichkeit nur vorsichtig

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 15. Nov 2019, 13:42

Von Weltbühnen-Herausgeber Jabosohn ist übrigens bekannt, was er auf Leserbriefe aufgebrachter Bürger antwortete: "Sie haben nur ein Recht: Mein Blatt nicht zu lesen." Das müsste man auch all diesen Leuten sagen, die unentwegt diesen Unsinn von der Entreißung der "Deutungshoheit" faseln. Wenn ich das schon höre. Eine "Deutungshoheit" muss man sich im eigenen Kopf selbst schaffen. Und niemand hat ein Anrecht darauf, dass andere dieser eigenen Deutungshoheit folgen müssen.
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 14132
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 16:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Mehrheit der Deutschen äußert sich in der Öffentlichkeit nur vorsichtig

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 15. Nov 2019, 13:57

Wenn mit dieser "Deutungshoheit" der Einfluss auf die öffentliche Meinung gemeint ist, so muss meiner Ansicht nach genau dieser Begriff einmal hinterfragt werden. Inwiefern und ob die "öffentliche Meinung" tatsächlich mehr und anderes ist als die Summe individueller Meinungen oder die Summe der Positionierungen von politischen und sonstigen Gruppen. Und zwar in einer Gesellschaft, in der bereits auch der politische Willen mehr und mehr nicht von 2 ein viertel "Volksparteien" repräsentiert wird sondern von mehr und mehr ganz unterschiedlichen politischen Parteien. Ich glaube, die "öffentliche Meinung" ist bei denen, die von ihr sprechen und die sie zu kennen glauben, einfach nur das, was sie sich jeweils als "öffentliche Meinung" vorstellen. In vielen Fällen einfach das imaginierte Ziel einer Wutablassung oder umgekehrt die imaginierte Quelle einer Meinungsbestätigung.
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt
Benutzeravatar
Selina
Beiträge: 12402
Registriert: Do 29. Sep 2016, 15:33

Re: Mehrheit der Deutschen äußert sich in der Öffentlichkeit nur vorsichtig

Beitragvon Selina » Fr 15. Nov 2019, 14:06

Man braucht sich nur die Entstehungsgeschichte des Wortes "Deutungshoheit" ansehen. Vor allem die der letzten Jahre. Dann weiß man alles.
Drüben im Walde kängt ein Guruh - Warte nur balde kängurst auch du. Joachim Ringelnatz
Benutzeravatar
Zunder
Beiträge: 5849
Registriert: Mi 4. Jun 2008, 15:00

Re: Mehrheit der Deutschen äußert sich in der Öffentlichkeit nur vorsichtig

Beitragvon Zunder » Fr 15. Nov 2019, 14:50

schokoschendrezki hat geschrieben:(15 Nov 2019, 09:06)

Dabei aber nicht vergessen, dass "Mein Kampf" in den 20er Jahren geschrieben wurde und auch bereits in ebendiesen ein Bestseller war. Und auch der "Völkische Beobachter" erschien bereits in den 20ern. Der erste Band entstand unmittelbar nach dem Hitlerputsch am 9. November 23 (noch so ein 9. November ...). Es geht nicht um den "Holocaust" sondern um das gesellschaftliche Klima der Weimarer Republik oder auch das in Wien, Prag, Budapest um die Jahrhundertwende. Das "gesunde Volksempfinden" wird gegen eine vermeintliche urbane, kosmopolitische, "abgehobene" Gruppe ins Feld geführt. Heute spricht man nicht mehr von "gesundem Voksempfinden" und es geht abgesehen von Ausnehmen auch nicht gegen die Juden. Man kann aber auch in diesem Forum Sätze lesen wie "Bei uns hier in ... redet man noch Klartext". "Hier kann man uns nicht ein x für ein y vormachen". Die Mechanismen sind ähnlich. Und selbst noch gestern im Ersten bei Dieter Nuhr kann man das beobachten: Ein Ausnutzen und gleichzeitiges Einüben von Reiz-Reflex-Kreisläufen. Die dann immer wieder wie auf Knopfdruck auslösbar sind. "Professix!" ... "Haha. Ja. Der sagts mal. Der traut sich!" Und diese Kreisläufe spielen sich mehr und mehr nur noch in einem Debattentheater ab. Schaut man wirklich einmal in die Wirklichkeit, siehts erheblich komplexer und vielfältiger aus. Keineswegs können junge Menschen und schon gar nicht Studenten ihr Wissen nur noch über das Smartphone abrufen. Im Gegenteil: Haptik, Arbeiten mit der Hand erlebt geradezu einen Höhenflug. Zumindest in einigen urbanen Kulturen. Freie Werkstätten, Urban Gardening ... um nur einige Beispiele zu nennen. Gestern habe ich tatsächlich in einem Regionalzug junge Leute gesehen, die ein komplettes Band-Equipment im Fahradabteil auf Radkarren transportierten. Also jetzt nicht Streetmusic-Technik mit Akkus, sondern richtige Instrumentalverstärker. Dieter Nuhr sollte öfter mal mit Öffentlichen fahren.

In den 20er Jahren war "Mein Kampf" noch kein Bestseller. Zu dem wurde dieses Machwerk erst in den 30ern.
Das hat zwar mit dem eigentlichen Thema des Stranges wieder einmal nichts zu tun, ist aber bezeichnend für das Argumentationsmuster:

Mein Kampf - gesundes Volksempfinden - Dieter Nuhr.

Und schon sind wir tatsächlich beim Thema: die Diffamierung eines Andersdenkenden.

Ein Ausnutzen und gleichzeitiges Einüben von Reiz-Reflex-Kreisläufen. Die dann immer wieder wie auf Knopfdruck auslösbar sind. "Professix!" ... "Haha. Ja. Der sagts mal. Der traut sich!"

Auf deine "Empfehlung" hin habe ich mir die Sendung angeschaut. Diese Stelle kommt überhaupt nicht vor. Aber das macht nichts. Der Vorwurf ist zwar sachlich falsch, aber moralisch korrekt, also darfst du das auch behaupten.
Dieter Nuhr hat allerdings, und zwar in ganzen Sätzen, auf eine Umfrage unter Soziologie- und Politologiestudenten in Frankfurt hingewiesen, derzufolge rund die Hälfte der Studierenden kontroverse Standpunkte an der Universität ablehnt:

"Der Soziologe und Kommunikationswissenschaftler Matthias Revers und der Politologe Richard Traunmüller hatten ihre Befragung durchgeführt, weil sie den Eindruck gewonnen hatten, dass es unter den Studenten einen hohen ideologischen und sprachlichen Konformitätsdruck gibt. Die Ausladung des Polizeigewerkschafters Rainer Wendt an der Universität Frankfurt Ende 2017 war einer der Auslöser, die Haltung einiger Studenten genauer kennenzulernen. Auch damals war es Susanne Schröter gewesen, die ihn einlud, dann aber nach dem offenen Brief von 60 Wissenschaftlern der Universität wieder auslud.

Bücher sollen entfernt werden

In der repräsentativen Befragung der beiden Wissenschaftler hat sich gezeigt, dass ein Drittel bis über die Hälfte der Befragten sich dezidiert dagegen aussprachen, dass Menschen mit kontroversen Standpunkten an der Universität reden dürfen. Bis zu ein Drittel der Befragten war sogar dagegen, dass deren Bücher in der Universitätsbibliothek ausgelegt werden können, und forderte deren Entfernung. Als Themen dienten Revers und Traunmüller Beispiele wie die Unvereinbarkeit von Islam und westlichem Lebensstil, biologische Unterschiede in den Fähigkeiten von Männern und Frauen und die Ablehnung jeglicher Form der Einwanderung."

https://edition.faz.net/woche/politik/2 ... c/?GEPC=s5

Wenn Dieter Nuhr im Nazi-Kontext steht, in welchem Kontext steht dann die Forderung, Bücher von Andersdenkenden aus der Unibibliothek zu entfernen? Haptik, Urban Gardening, Instrumentalverstärker, ÖPNV?

Es ging übrigens um Bildung. Das Resümee:
https://youtu.be/Rs5lGRlsbK4?t=2483
naddy
Beiträge: 356
Registriert: Mo 18. Mär 2019, 11:50

Re: Mehrheit der Deutschen äußert sich in der Öffentlichkeit nur vorsichtig

Beitragvon naddy » Fr 15. Nov 2019, 14:51

schokoschendrezki hat geschrieben:(14 Nov 2019, 15:16)

Aus A. Hitler: "Mein Kampf",...


Die Ursachen für heutige Probleme findet man nicht selten in der Vergangenheit. In diesem Fall in einer ganz speziellen Art deutscher Vergangenheitsbewältigung nach dem Motto: "Aus den Augen, aus dem Sinn". Statt offensiver Auseinandersetzung mit nazistischem Gedankengut entschloß man sich, alle äußeren Symbole zu verbieten und Hitlers Machwerk in den Giftschrank zu sperren. Sinnigerweise zu einer Zeit, als nicht wenige Posten in Politik, Polizei und Justiz noch mit echten Nazis besetzt waren. Warum hat man nicht die inhaltliche Auseinandersetzug versucht, wenigstens in gymnasialen Oberstufen? Mögliche Hypothesen: Entweder man hielt das Lehrpersonal für unfähig oder die Schüler für zu blöd. Stattdessen wurden durch Mystifizierung und Aufladung mit Protestpotential die Grundlagen für aktuelle Zeitphänomene gelegt - vermutlich in "bester Absicht". Die aktuellen Nazis und Neonazis wissen wenig bis gar nichts über ihre ideologischen Vordenker. Was sie aber wissen ist, dass man durch das Zeigen von Symbolen und Gesten öffentliche Aufregung erzeugen und Andere gewaltig ärgern kann.
"In der Sprache sind die Grundirrtümer der Vernunft versteinert." (Nietzsche).
Benutzeravatar
Bartleby
Beiträge: 1689
Registriert: Mi 8. Aug 2018, 11:21
Benutzertitel: Ontodizeeverweigerung

Re: Mehrheit der Deutschen äußert sich in der Öffentlichkeit nur vorsichtig

Beitragvon Bartleby » Fr 15. Nov 2019, 15:11

Selina hat geschrieben:(15 Nov 2019, 14:06)

Man braucht sich nur die Entstehungsgeschichte des Wortes "Deutungshoheit" ansehen. Vor allem die der letzten Jahre. Dann weiß man alles.


Und wer alles weiß, hat eben recht.

Vielleicht ist das ja das Problem: Dass zu viele alles wissen.
In der Einsamkeit frisst sich der Einsame selbst auf, in der Vielsamkeit fressen ihn die Vielen. Nun wähle.
Benutzeravatar
Selina
Beiträge: 12402
Registriert: Do 29. Sep 2016, 15:33

Re: Mehrheit der Deutschen äußert sich in der Öffentlichkeit nur vorsichtig

Beitragvon Selina » Fr 15. Nov 2019, 15:43

MäckIntaier hat geschrieben:(15 Nov 2019, 15:11)

Und wer alles weiß, hat eben recht.

Vielleicht ist das ja das Problem: Dass zu viele alles wissen.


Der Begriff "Deutungshoheit" wird in dieser Häufigkeit erst seit 2015 verwendet. Und das vorzugsweise von den Neurechten. Das wird man ja wohl mal sagen dürfen :D
Drüben im Walde kängt ein Guruh - Warte nur balde kängurst auch du. Joachim Ringelnatz
Benutzeravatar
Bartleby
Beiträge: 1689
Registriert: Mi 8. Aug 2018, 11:21
Benutzertitel: Ontodizeeverweigerung

Re: Mehrheit der Deutschen äußert sich in der Öffentlichkeit nur vorsichtig

Beitragvon Bartleby » Fr 15. Nov 2019, 15:50

Selina hat geschrieben:(15 Nov 2019, 15:43)

Der Begriff "Deutungshoheit" wird in dieser Häufigkeit erst seit 2015 verwendet. Und das vorzugsweise von den Neurechten. Das wird man ja wohl mal sagen dürfen :D


Sie sagen es ja den ganzen Tag, Beitrag um Beitrag um Beitrag.

Was einen auf die Idee bringen könnte, dass "alles wissen" sehr wenig sein kann. :D
In der Einsamkeit frisst sich der Einsame selbst auf, in der Vielsamkeit fressen ihn die Vielen. Nun wähle.
naddy
Beiträge: 356
Registriert: Mo 18. Mär 2019, 11:50

Re: Mehrheit der Deutschen äußert sich in der Öffentlichkeit nur vorsichtig

Beitragvon naddy » Fr 15. Nov 2019, 15:53

Zunder hat geschrieben:(15 Nov 2019, 14:50)

In der repräsentativen Befragung der beiden Wissenschaftler hat sich gezeigt, dass ein Drittel bis über die Hälfte der Befragten sich dezidiert dagegen aussprachen, dass Menschen mit kontroversen Standpunkten an der Universität reden dürfen. Bis zu ein Drittel der Befragten war sogar dagegen, dass deren Bücher in der Universitätsbibliothek ausgelegt werden können, und forderte deren Entfernung.


Ein weiteres Beispiel dafür, dass sich die in meinem vorhergehenden Beitrag angesprochene Strategie "Aus den Augen, aus dem Sinn" immer noch großer Beliebtheit erfreut. Dass selbst Studenten den rationalen Diskurs scheuen und stattdessen auf Rede- und Bücherverbot setzen, ist wirklich kein gutes Zeichen.
"In der Sprache sind die Grundirrtümer der Vernunft versteinert." (Nietzsche).
Diestel
Beiträge: 379
Registriert: So 13. Okt 2019, 22:54

Re: Mehrheit der Deutschen äußert sich in der Öffentlichkeit nur vorsichtig

Beitragvon Diestel » Fr 15. Nov 2019, 16:14

naddy hat geschrieben:(15 Nov 2019, 15:53)

Ein weiteres Beispiel dafür, dass sich die in meinem vorhergehenden Beitrag angesprochene Strategie "Aus den Augen, aus dem Sinn" immer noch großer Beliebtheit erfreut. Dass selbst Studenten den rationalen Diskurs scheuen und stattdessen auf Rede- und Bücherverbot setzen, ist wirklich kein gutes Zeichen.

Hättest du gern die Reichsfahne in deutschen Hörsälen hängen? :rolleyes:
Benutzeravatar
Selina
Beiträge: 12402
Registriert: Do 29. Sep 2016, 15:33

Re: Mehrheit der Deutschen äußert sich in der Öffentlichkeit nur vorsichtig

Beitragvon Selina » Fr 15. Nov 2019, 16:41

MäckIntaier hat geschrieben:(15 Nov 2019, 15:50)

Sie sagen es ja den ganzen Tag, Beitrag um Beitrag um Beitrag.

Was einen auf die Idee bringen könnte, dass "alles wissen" sehr wenig sein kann. :D


Der Witz ist nur, dass es diese ständig beklagte "Deutungshoheit", angeblich ausgeübt von Linksgrün, gar nicht gibt. Gehört alles in die Kategorie Diskursverschiebung. Man muss es nur oft genug sagen, dass man sich in der Öffentlichkeit nicht mehr frei äußern darf, und es finden sich garantiert ein paar Leute, die den Käse glauben.
Drüben im Walde kängt ein Guruh - Warte nur balde kängurst auch du. Joachim Ringelnatz
Benutzeravatar
Ammianus
Beiträge: 4112
Registriert: Sa 17. Dez 2011, 22:05

Re: Mehrheit der Deutschen äußert sich in der Öffentlichkeit nur vorsichtig

Beitragvon Ammianus » Fr 15. Nov 2019, 17:21

Diestel hat geschrieben:(15 Nov 2019, 16:14)

Hättest du gern die Reichsfahne in deutschen Hörsälen hängen? :rolleyes:


Was hat jetzt irgendeine "Reichsfahne" mit der faschistoiden Haltung gut eines Drittels befragter Studenten zu tun. Obwohl, interessant ist, dass z.B. die NSDAP gerade unter der Studentenschaft schon vor ihrer Machtübernahme zahlreiche Anhänger hatte. Und ich glaube mich zu erinneren, dass wohl auch unter den Teilnehmern der Bücherverbrennungen 1933 - ach nee, die haben das sogar organisiert und durchgeführt ...
naddy
Beiträge: 356
Registriert: Mo 18. Mär 2019, 11:50

Re: Mehrheit der Deutschen äußert sich in der Öffentlichkeit nur vorsichtig

Beitragvon naddy » Fr 15. Nov 2019, 18:18

Diestel hat geschrieben:(15 Nov 2019, 16:14)

Hättest du gern die Reichsfahne in deutschen Hörsälen hängen? :rolleyes:


Nein, hätte ich nicht. Obwohl ich es in Kauf nehmen könnte, wenn unter dieser Fahne die Zeitprobleme im rationalen Diskurs statt mit Parolen angegangen würden. Wie ich schon im Thread "Rechtsextremismus"schrieb: "Wenn man einen Gegner erfogreich bekämpfen will, sollte man tunlichst nicht die gleichen Mittel anwenden wie er. Es ist eine denkbar schlechte Idee, Pauschalisierungen mit Pauschalisierungen zu begegnen.".
"In der Sprache sind die Grundirrtümer der Vernunft versteinert." (Nietzsche).
Benutzeravatar
Skeptiker
Beiträge: 3826
Registriert: Do 11. Jan 2018, 22:26

Re: Mehrheit der Deutschen äußert sich in der Öffentlichkeit nur vorsichtig

Beitragvon Skeptiker » Fr 15. Nov 2019, 18:40

Zunder hat geschrieben:(15 Nov 2019, 14:50)
Vollzitat

Korrekt.

Ich habe die letzte Zeit eher beiläufig diesen Strang beobachtet und gewinne mehr und mehr die Erkenntnis, dass es sich nicht lohnt das überhaupt noch zu diskutieren. Wenn man bei einem Thema wie diesem tatsächlich Meinungen liest, dass sich dann eben nur die Minderheit nicht zu benehmen wisse, dann kann ich nur annehmen, dass manche Foristen hier jeglichen Bezug zur Realität verloren haben. Je vorsichtiger man bei Äußerungen in der Öffentlichkeit sein muss, umso besser weiß man sich zu "benehmen". Unglaublich - Deutschland im Jahr 2019 - Geschichte: Setzen 6!

Die Äußerungen die ich hier von diversen Leute lese, zeigen letztendlich, dass bestimmte Teile der Bevölkerung bereits bestens auf eine Verdrängung Andersdenkender vorbereitet ist. Es wird nicht als Bedrohung aufgefasst kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen - nein, die Bedrohung ist sie reden oder schreiben zu lassen. Diese Einstellung ist nur einen Befehl von Bücherverbrennungen entfernt. Wer will hier ernsthaft glaubhaft machen, er würde nicht mit Freude Werke des so wahrgenommenen "Feindes der Demokratie" den Feuer übergeben wollen? Hätte es nicht entsprechenden Symbolcharakter, wäre das wohl längst passiert - so radikal wie man aktuell die Meinungsvielfalt vor der falschen Meinung zu schützen entschlossen ist.

Welch Wunder also, dass die Menschen auf der Straße lieber die Klappe halten - die sind ja auch nicht blöd. Wenn schon ein Nuhr, der ganz sicher keine anrüchigen Sachen verbreitet, zur Zielscheibe entsprechender Diffamierungen wird, wieso sollte sich dann ein Normalo sicher fühlen diese Themen öffentlich anzusprechen? Er kann es natürlich nicht, und das spiegelt das Umfrageergebnis wieder.

Ich habe mich noch nie so sehr wie in einem Land schrulliger Einfallspinsel gefühlt, wie derzeit. Es scheint einen wahren Wettlauf der Tugendhaftigkeit zum Schaden der Freiheit zu geben, der in meinen Augen dringend durch eine Besinnung auf demokratische Tugenden begegnet werden muss.

Zurück zu „8. Gesellschaft“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast