Wird "liberal" langsam zum neuen "konservativ"?

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Watchful_Eye
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Wird "liberal" langsam zum neuen "konservativ"?

Beitragvon Watchful_Eye » Di 19. Feb 2019, 18:08

Ich definiere "liberal" hier als ein Politikverständnis, welches staatliche Eingriffe sowohl in unterstützender als auch in diskriminierender Weise vermeidet.

In der Vergangenheit gab es so manche "konservative" Gesetze, die von staatlicher Seite diskriminierten. Beispielsweise das Gesetz, bei welchem Frauen das Erlaubnis des Ehepartners einholen mussten, um arbeiten gehen zu dürfen. Die Einschränkung der Ehe auf heterosexuelle Paare oder der derzeit diskutierte Paragraph 219a können je nach Standpunkt als modernere Beispiele gesehen werden. Im Ausland gibt es sie auch Heute noch in eindeutiger Form, wenn man zB an Kleidervorschriften in Saudi-Arabien denkt. Viele dieser diskriminierenden Gesetze haben/hatten religiöse Wurzeln.

Ich bin zuversichtlich, dass im Einklang mit der zunehmenden Säkularisierung die letzten Überreste diskriminierender Gesetze verschwinden werden. Allerdings wird die liberale Perspektive, "neutrale" Gesetze zu verfassen, heute an dessen Stelle von anderer Seite angegriffen.

Heutige Gesetze gehen häufig in die "linke" Gegenrichtung - so sollen sie nicht nur selbst nicht diskriminieren, sondern auch die Diskriminierung in der Gesellschaft korrigieren. Ein Beispiel dafür ist das Antidiskriminierungsgesetz, welches es verbietet, Jobs oder Wohnungen mit Argumenten wie Geschlecht, Rasse etc nicht zu vergeben. Ebenso aktuell ist die Verbreitung von Frauenquoten - sei es in Aufsichtsräten oder neuerdings auch in Parlamenten ("Paritätsgesetz").

Das sorgt meinem Eindruck nach für einen Paradigmenwechsel, wo der Begriff "Liberalismus" steht. Er selbst hat sich zwar nicht verändert, aber da sich das gesellschaftspolitische Koordinatensystem in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend nach links (von diskrimierenden Gesetzen zu antidiskriminerenden oder gar "positiv diskriminerenden" Gesetzen) verschoben hat, ist der Liberalismus im Verhältnis zur gesellschaftlichen Mitte nach rechts gerückt. Seht ihr das auch so?
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Perdedor
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Re: Wird "liberal" langsam zum neuen "konservativ"?

Beitragvon Perdedor » Di 19. Feb 2019, 19:04

Watchful_Eye hat geschrieben:Ich definiere "liberal" hier als ein Politikverständnis, welches staatliche Eingriffe sowohl in unterstützender als auch in diskriminierender Weise vermeidet.


Es ist natürlich die Frage, ob man das Recht des Stärkeren (also ganz außerhalb irgendwelcher staatlichen Eingriffe) als librale Kernidee bezeichnen möchte, und wo dann überhaupt noch der Unterschied wäre zu einer Dikatur wo der Stärkste (der Diktator) allen anderen seinen Willen über einen Staatsapparat aufzwingt.

Watchful_Eye hat geschrieben:Allerdings wird die liberale Perspektive, "neutrale" Gesetze zu verfassen, heute an dessen Stelle von anderer Seite angegriffen.


Kann es "neutrale" Gesetze überhaupt geben? Immer wenn Menschen interagieren kann es zu Interessenkonflikten kommen. Sofern diese staatlich gelöst werden sollen, muss der Staat hier eine Seite einnehmen. Der Verzicht auf jedweden staatlichen Eingriff führt dann aber wieder zum Recht des Stärkeren.

Watchful_Eye hat geschrieben:Heutige Gesetze gehen häufig in die "linke" Gegenrichtung - so sollen sie nicht nur selbst nicht diskriminieren, sondern auch die Diskriminierung in der Gesellschaft korrigieren.


So wie das Verbot der Sklaverei? Nach dem Liberalismus soll Sklaverei also erlaubt sein (sofern sie nicht vom Staat selber betrieben wird)?
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imp
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Re: Wird "liberal" langsam zum neuen "konservativ"?

Beitragvon imp » Sa 23. Feb 2019, 23:00

Gesetze sind nie "neutral". Es wäre verengt, den Liberalismus nur als die Absenz von Willkür zu begreifen. Neben der Freiheit in der Form ist auch die Freiheit in der praktischen Möglichkeit immer ein wichtiges Anliegen. Da waren wir schon bei Dahrendorf. Er lieferte immerhin schon 1965 "Bildung ist Bürgerrecht" ab. So sehr er Mühe, Konflikt und die Möglichkeit des Scheiterns als schöpferische Optionen sah, so wenig kann man sagen, er habe bloß gemeint, Bildung sei erlaubt.
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Re: Wird "liberal" langsam zum neuen "konservativ"?

Beitragvon irgendwer » Sa 23. Feb 2019, 23:27

Watchful_Eye hat geschrieben:(19 Feb 2019, 18:08)

Ich definiere "liberal" hier als ein Politikverständnis, welches staatliche Eingriffe sowohl in unterstützender als auch in diskriminierender Weise vermeidet.

In der Vergangenheit gab es so manche "konservative" Gesetze, die von staatlicher Seite diskriminierten. Beispielsweise das Gesetz, bei welchem Frauen das Erlaubnis des Ehepartners einholen mussten, um arbeiten gehen zu dürfen. Die Einschränkung der Ehe auf heterosexuelle Paare oder der derzeit diskutierte Paragraph 219a können je nach Standpunkt als modernere Beispiele gesehen werden. Im Ausland gibt es sie auch Heute noch in eindeutiger Form, wenn man zB an Kleidervorschriften in Saudi-Arabien denkt. Viele dieser diskriminierenden Gesetze haben/hatten religiöse Wurzeln.

Ich bin zuversichtlich, dass im Einklang mit der zunehmenden Säkularisierung die letzten Überreste diskriminierender Gesetze verschwinden werden. Allerdings wird die liberale Perspektive, "neutrale" Gesetze zu verfassen, heute an dessen Stelle von anderer Seite angegriffen.

Heutige Gesetze gehen häufig in die "linke" Gegenrichtung - so sollen sie nicht nur selbst nicht diskriminieren, sondern auch die Diskriminierung in der Gesellschaft korrigieren. Ein Beispiel dafür ist das Antidiskriminierungsgesetz, welches es verbietet, Jobs oder Wohnungen mit Argumenten wie Geschlecht, Rasse etc nicht zu vergeben. Ebenso aktuell ist die Verbreitung von Frauenquoten - sei es in Aufsichtsräten oder neuerdings auch in Parlamenten ("Paritätsgesetz").

Das sorgt meinem Eindruck nach für einen Paradigmenwechsel, wo der Begriff "Liberalismus" steht. Er selbst hat sich zwar nicht verändert, aber da sich das gesellschaftspolitische Koordinatensystem in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend nach links (von diskrimierenden Gesetzen zu antidiskriminerenden oder gar "positiv diskriminerenden" Gesetzen) verschoben hat, ist der Liberalismus im Verhältnis zur gesellschaftlichen Mitte nach rechts gerückt. Seht ihr das auch so?


Ich denke, der Eindruck (Paradigmenwechsel) täuscht nicht. Die bisherigen Linken (SPD, Grüne) werden schließlich geschrumpft. Ausgerechnet deshalb aus meiner Sicht, weil sie sich auf liberale Spiele eingelassen haben und nun auf ihren Minderheiten sitzen. Das war linksliberal.
Der Schwenk der FDP zu rechtsliberal ist nicht groß. Sie gelten ohnehin schon immer als "Königsmacher".
Und die Liberalen, eine Arbeitgeberpartei, werden dann wohl Opposition zu der anderen Arbeitgeberpartei spielen.
In Kolumbien z.B. sei die Sklaverei abgeschafft worden, juhu, weil: Freie billiger sind als Sklaven. Nämlich für Arbeitgeber.

Ähnliche Machtverhältnisse finden sich auch im Islam. Der Ausgang der Wahlkämpfe in der Türkei z.B. war eindeutig vorhersehbar. Die liberale Partei tingelt mit ihren Widersprüchen vor sich hin, wird in deutschen Medien natürlich als DIE Hoffnungsträgerin der Demokratie präsentiert. Aber die besten Chancen hat eben doch die Partei, die sich am wenigsten selbst widerspricht. Und das ist die mit den Glaubens-Hardlinern.
Nach meiner Beobachtung sind in der AfD eine ganze Menge alte FDPler untergekommen, die jetzt über ihre eigenen Werke klagen.
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denkmal
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Re: Wird "liberal" langsam zum neuen "konservativ"?

Beitragvon denkmal » Mo 25. Feb 2019, 12:47

Bin jetzt nicht DER Experte, aber bedeutet liberal nicht eigentlich "So wenig Staat wie möglich und soviel Staat wie nötig"? Regelt also gemeinhin das Verhältnis Bürger / Staat?
Ist Neoliberalismus in dem Sinne nicht einfach (missverstandene) Freiheit als Abwesenheit von staatlichen notwendigen Regeln in der Wirtschaft?

Kann man das also so sehen:
Idealer liberaler Staat: Möglichkeiten und Notwendigkeiten sind ausgeglichen, resp. führen zu einem Gleichgewicht.
Neoliberaler Staat: Zuwenig Notwendigkeiten
Nicht liberaler Staat: Zuwenig Möglichkeiten (konservativ?)

Oder sehe ich das total falsch (auch von den Begrifflichkeiten her?
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Re: Wird "liberal" langsam zum neuen "konservativ"?

Beitragvon irgendwer » Mo 25. Feb 2019, 17:46

denkmal hat geschrieben:(25 Feb 2019, 12:47)

Bin jetzt nicht DER Experte, aber bedeutet liberal nicht eigentlich "So wenig Staat wie möglich und soviel Staat wie nötig"? Regelt also gemeinhin das Verhältnis Bürger / Staat?
Ist Neoliberalismus in dem Sinne nicht einfach (missverstandene) Freiheit als Abwesenheit von staatlichen notwendigen Regeln in der Wirtschaft?

Kann man das also so sehen:
Idealer liberaler Staat: Möglichkeiten und Notwendigkeiten sind ausgeglichen, resp. führen zu einem Gleichgewicht.
Neoliberaler Staat: Zuwenig Notwendigkeiten
Nicht liberaler Staat: Zuwenig Möglichkeiten (konservativ?)

Oder sehe ich das total falsch (auch von den Begrifflichkeiten her?


Wenn du meine Meinung lesen willst: Liberale sind viel zu einseitig und zu huschig. Wer soll z.B. die Bildung von Kindern bezahlen? Wer soll Versicherungen für Kinder bezahlen? Wer soll mit Kleinkindern zum Arzt gehen? Oder sie hüten, wenn sie nicht in ihre Kindereinrichtung können? Sie rechnen damit, dass das urplötzlich all die ungebundenen, pflichtenlosen und freiheitsliebenden Väter tun werden, ja? Oder vielleicht doch eher damit, dass sich schon irgendwelche Frauen finden werden, die sich weiterhin brav nach religiösem Schema aufopfern, damit es den Herren gut geht. Soviel nur zu diesem einen Thema. Und ich sage glatt: SOOO nicht.
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Re: Wird "liberal" langsam zum neuen "konservativ"?

Beitragvon Europa2050 » Di 26. Feb 2019, 08:26

Watchful_Eye hat geschrieben:(19 Feb 2019, 18:08)

Ich definiere "liberal" hier als ein Politikverständnis, welches staatliche Eingriffe sowohl in unterstützender als auch in diskriminierender Weise vermeidet.

In der Vergangenheit gab es so manche "konservative" Gesetze, die von staatlicher Seite diskriminierten. Beispielsweise das Gesetz, bei welchem Frauen das Erlaubnis des Ehepartners einholen mussten, um arbeiten gehen zu dürfen. Die Einschränkung der Ehe auf heterosexuelle Paare oder der derzeit diskutierte Paragraph 219a können je nach Standpunkt als modernere Beispiele gesehen werden. Im Ausland gibt es sie auch Heute noch in eindeutiger Form, wenn man zB an Kleidervorschriften in Saudi-Arabien denkt. Viele dieser diskriminierenden Gesetze haben/hatten religiöse Wurzeln.

Ich bin zuversichtlich, dass im Einklang mit der zunehmenden Säkularisierung die letzten Überreste diskriminierender Gesetze verschwinden werden. Allerdings wird die liberale Perspektive, "neutrale" Gesetze zu verfassen, heute an dessen Stelle von anderer Seite angegriffen.

Heutige Gesetze gehen häufig in die "linke" Gegenrichtung - so sollen sie nicht nur selbst nicht diskriminieren, sondern auch die Diskriminierung in der Gesellschaft korrigieren. Ein Beispiel dafür ist das Antidiskriminierungsgesetz, welches es verbietet, Jobs oder Wohnungen mit Argumenten wie Geschlecht, Rasse etc nicht zu vergeben. Ebenso aktuell ist die Verbreitung von Frauenquoten - sei es in Aufsichtsräten oder neuerdings auch in Parlamenten ("Paritätsgesetz").

Das sorgt meinem Eindruck nach für einen Paradigmenwechsel, wo der Begriff "Liberalismus" steht. Er selbst hat sich zwar nicht verändert, aber da sich das gesellschaftspolitische Koordinatensystem in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend nach links (von diskrimierenden Gesetzen zu antidiskriminerenden oder gar "positiv diskriminerenden" Gesetzen) verschoben hat, ist der Liberalismus im Verhältnis zur gesellschaftlichen Mitte nach rechts gerückt. Seht ihr das auch so?


Prinzipiell bedeutet „liberal“ erstmal, dass jeder Mensch gleiche, verbriefte Rechte hat, und zwar aus dem Grund seines Menschseins und nicht aus Grund der Zugehörigkeit zu einer Gruppe (Deutsche, Katholiken, Heterosexuelle, Oligarchen, Parteimitglieder oder ...).
Und er diese Rechte auch vor einer unabhängigen Instanz einklagen kann, selbst wenn sie den Gruppeninteressen der Allgemeinheit entgegenstehen.
Also nix mit „Recht des Stärkeren“ sondern „Stärke des Rechts“.

Letztlich steht immer die Gesamtzahl, aber auch der Schutz der demokratisch unterlegenen Minderheit der Menschen im Ziel von Liberaler Politik, nie ein „höherer Wert“ (Religion, Ideologie, Nation).

Oft wird das Ganze mit dem Wirtschaftssystem des Kapitalismus vermischt. Die starke individuelle Rechtsposition des Einzelnen ermöglicht - da die Menschen nun eben wirklich unterschiedlich gestrickt sind - eine Auseinanderentwicklung des Wohlstandes der Menschen, erst Recht über Generationen.

Hier greift nun die Gesellschaft über Umverteilung ein und muss einen Spagat hinbekommen:
Den Einen so viel geben, dass sie vernünftig leben können („Versicherungsprinzip“) und den Kindern eine Ausbildung ermöglichen, dass sie aus eigener Kraft obige Rechte/Möglichkeiten auch wahrnehmen ist das eine, kein ernsthafter Liberaler wird das verneinen.
Auf der anderen Seite das Recht, die Früchte seiner Arbeit möglichst ungeteilt genießen oder wem auch immer weitergeben zu dürfen. Da haben Ideologen aller Art oft Probleme, gibt es doch immer irgendwas, dass wichtiger ist als die Rechte des Einzelnen.

Und doch ist die Bundesrepublik ein Beispiel, wie über Jahrzehnte Kompromisse gefunden werden können, die in Summe allen nutzen. Auch wenn sie jeder als schlecht empfindet ...
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stolz auf Dinge zu sein, die Du nie getan hast und
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Re: Wird "liberal" langsam zum neuen "konservativ"?

Beitragvon irgendwer » Di 26. Feb 2019, 10:47

Europa2050 hat geschrieben:(26 Feb 2019, 08:26)

Prinzipiell bedeutet „liberal“ erstmal, dass jeder Mensch gleiche, verbriefte Rechte hat, und zwar aus dem Grund seines Menschseins und nicht aus Grund der Zugehörigkeit zu einer Gruppe (Deutsche, Katholiken, Heterosexuelle, Oligarchen, Parteimitglieder oder ...).
Und er diese Rechte auch vor einer unabhängigen Instanz einklagen kann, selbst wenn sie den Gruppeninteressen der Allgemeinheit entgegenstehen.
Also nix mit „Recht des Stärkeren“ sondern „Stärke des Rechts“.


Kindern ist das alles völlig egal. Sie haben Bedürfnisse. Und wenn sie Hunger haben, verlangen sie etwas zu essen. Und zwar von der "Gruppe", die du nicht genannt hast.
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Re: Wird "liberal" langsam zum neuen "konservativ"?

Beitragvon imp » Di 26. Feb 2019, 12:33

irgendwer hat geschrieben:(26 Feb 2019, 10:47)

Kindern ist das alles völlig egal. Sie haben Bedürfnisse. Und wenn sie Hunger haben, verlangen sie etwas zu essen. Und zwar von der "Gruppe", die du nicht genannt hast.

Kleine Kinder kennen bei aller Unerfahrenheit und damit einhergehender Maßlosigkeit auch Selbstbeschränkung. Die Übertrumpfung ihres Spielkameraden endet regelmäßig da, wo er die Lust am Mittun verliert. Da wird dann der Kompromiss gefunden, geteilt, abgewechselt, durchaus nicht immer "gerecht", aber hinreichend. Unsere Lebenswelt als Erwachsene ist so ein Kinderspielplatz aber nicht. Die Niederlagen von heute bestimmen unsere Startposition morgen. Es wird nichts auf null zurückgedreht, es gibt keinen zweiten Versuch. Eine liberale Gesellschaft muss sich das Scheitern als Möglichkeit offenhalten - sie muss dem Menschen aber auch einen Weg offenhalten, mit dem Scheitern umzugehen. Auch eine liberale Gesellschaft bietet daher soziale Einrichtungen, die Möglichkeit der geordneten Privatinsolvenz samt Schuldenabbau, gewisse Schutzpflichten am Arbeitsplatz wie im Elternhaus von Kindern.

Wenn die These ist, der Staat räume heute liberale Gesetze ab zugunsten von Gesetzen, bei denen der "Erfolg" fest eingeplant wird, dann kann ich sagen, dass ich das im Großen und Ganzen nicht sehe. Der Liberalismus ist nicht der rechte Rand der Gesellschaft. Das sind ganz andere. Jedoch sollten wir uns vielleicht Rechenschaft darüber ablegen, ob das wirklich unsere Anliegen sind, die etwa Vorstandsquotierungen problematisieren.
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Re: Wird "liberal" langsam zum neuen "konservativ"?

Beitragvon irgendwer » Di 26. Feb 2019, 13:04

imp hat geschrieben:(26 Feb 2019, 12:33)

Kleine Kinder kennen bei aller Unerfahrenheit und damit einhergehender Maßlosigkeit auch Selbstbeschränkung. Die Übertrumpfung ihres Spielkameraden endet regelmäßig da, wo er die Lust am Mittun verliert. Da wird dann der Kompromiss gefunden, geteilt, abgewechselt, durchaus nicht immer "gerecht", aber hinreichend. Unsere Lebenswelt als Erwachsene ist so ein Kinderspielplatz aber nicht. Die Niederlagen von heute bestimmen unsere Startposition morgen. Es wird nichts auf null zurückgedreht, es gibt keinen zweiten Versuch. Eine liberale Gesellschaft muss sich das Scheitern als Möglichkeit offenhalten - sie muss dem Menschen aber auch einen Weg offenhalten, mit dem Scheitern umzugehen. Auch eine liberale Gesellschaft bietet daher soziale Einrichtungen, die Möglichkeit der geordneten Privatinsolvenz samt Schuldenabbau, gewisse Schutzpflichten am Arbeitsplatz wie im Elternhaus von Kindern.

Wenn die These ist, der Staat räume heute liberale Gesetze ab zugunsten von Gesetzen, bei denen der "Erfolg" fest eingeplant wird, dann kann ich sagen, dass ich das im Großen und Ganzen nicht sehe. Der Liberalismus ist nicht der rechte Rand der Gesellschaft. Das sind ganz andere. Jedoch sollten wir uns vielleicht Rechenschaft darüber ablegen, ob das wirklich unsere Anliegen sind, die etwa Vorstandsquotierungen problematisieren.



Und ob unsere Erwachsenenwelt ein Kinderspielplatz ist. Wer denkt sich denn eine Gesellschaft ohne Kinder und ohne Mütter? Die zählen dann wohl unter irgendwelchen Parteimitgliedern, oder? Wo sie dann prompt bekämpft oder bemitleidet werden?
Man hat natürlich immer auch die Möglichkeit, sich im "großen Ganzen" oder in Verallgemeinerungen selbst zu übersehen. Da man auch selbst nie der Bösewicht sein kann, der das alles produziert, muss es entweder andere Schuldige geben oder Religion. Immer dann, wenn sie nützlich ist, die eigene Perspektive zu unterstützen, fällt sie einem wieder ein.

http://faktenfinder.tagesschau.de/inlan ... s-111.html

"780.000 Kinder, für die der Staat Unterhaltsvorschuss zahlt und in fast 90% der Fälle auf den Kosten sitzen bleibt? Diese Fehlentwicklung ist besorgniserregend."
So schreibt einer der Kommentatoren, und damit das, was auch ich geschrieben hätte. Das ist Zeugnis jahrzehntelanger schwarz-gelber Politik. Rote durften auch mal ran, aber eben auch mit diversen blinden Flecken.
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Re: Wird "liberal" langsam zum neuen "konservativ"?

Beitragvon imp » Di 26. Feb 2019, 13:05

irgendwer hat geschrieben:(26 Feb 2019, 13:04)

Und ob unsere Erwachsenenwelt ein Kinderspielplatz ist. Wer denkt sich denn eine Gesellschaft ohne Kinder und ohne Mütter?

Die Anwesenheit von Kindern ändert nicht, wie der Hase läuft.
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Re: Wird "liberal" langsam zum neuen "konservativ"?

Beitragvon irgendwer » Di 26. Feb 2019, 13:19

imp hat geschrieben:(26 Feb 2019, 13:05)

Die Anwesenheit von Kindern ändert nicht, wie der Hase läuft.


Das darfst du glauben. Aber ich z.B. bin aktiv damit befasst, die Richtung des Hasen zu ändern.
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Re: Wird "liberal" langsam zum neuen "konservativ"?

Beitragvon imp » Di 26. Feb 2019, 13:21

irgendwer hat geschrieben:(26 Feb 2019, 13:19)

Das darfst du glauben. Aber ich z.B. bin aktiv damit befasst, die Richtung des Hasen zu ändern.

Das ist großartig!
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Re: Wird "liberal" langsam zum neuen "konservativ"?

Beitragvon irgendwer » Di 26. Feb 2019, 13:25

Ich freue mich über jede Unterstützung. Danke.
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Re: Wird "liberal" langsam zum neuen "konservativ"?

Beitragvon bluetie » Di 26. Feb 2019, 13:29

Europa2050 hat geschrieben:Nationalismus lehrt Dich,
stolz auf Dinge zu sein, die Du nie getan hast und
Leute zu hassen, denen Du nie begegnet bist.

das trifft zu 100% auf den Sozialismus zu, während der Nationalist andere Menschen gar nicht hasst, sondern diese in ihrer Einzigartigkeit achtet, weil Einzigartigkeit und Besonderheit für ihn im reinen Gegensatz zum Sozialisten ewige Werte sind.
Du verwechselst den Nationalist mit dem Rassist, der den Hass des Sozialismus gegenüber andersartigen Kollektiven auf andere 'Rassen' projiziert. Merke: Nationalismus ist nicht Rassismus, denn eine 'Rasse' ist keine Nation, sondern ein transnationales Phänomen.
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Re: Wird "liberal" langsam zum neuen "konservativ"?

Beitragvon BlueMonday » Di 26. Feb 2019, 13:45

Watchful_Eye hat geschrieben:(19 Feb 2019, 18:08)

Ich definiere "liberal" hier als ein Politikverständnis, welches staatliche Eingriffe sowohl in unterstützender als auch in diskriminierender Weise vermeidet.



Das ist aber schon lange her. Das war der klassische Liberalismus, der noch einem minimalen Staat anstrebte. Wobei damit der Keim für Staatswachstum freilich gelegt ist, denn es wird dann früher oder später darüber gestritten, was denn nun unbedingt nötige Staatsaufgabe sei und was nicht. Und so ging der klassischer Liberalismus absehbar in den sog. Neoliberalismus über, der dem Staat dann zusätzlich viele Aufgaben überließ, also eine deutlich etatistischere Version.

Klassisch liberal ist die Auffassung die Einzelnen urteilen und entscheiden zu lassen. Wie bilde ich mich? Wie erziehe ich meine Kinder? Wie sorge ich für Sicherheit? Vor allem die "freie Assoziation", also die freiwillige Vereinigung ist eine urliberale Idee, also sich zusammen zu tun - auf freiwilliger Basis, sprich auch den Austritt offen zu halten. Und das Ganze ist ja nun nur durch Andersbehandlung("Diskriminierung") möglich.

Letztlich, überall da, wo sich ein vermeinlicher Liberalismus anschickt, anderen Menschen etwas inhaltlich vorzuschreiben, etwas obligatorisch zu machen, hört er auf Liberalismus zu sein, weil er das Vertrauen in die spontane Bidlung gesellschaftlicher Strukturen verloren hat und nun eben an den Staat glaubt.
But who would build the roads?
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Re: Wird "liberal" langsam zum neuen "konservativ"?

Beitragvon imp » Di 26. Feb 2019, 13:50

bluetie hat geschrieben:(26 Feb 2019, 13:29)
während der Nationalist andere Menschen gar nicht hasst, sondern diese in ihrer Einzigartigkeit achtet

Das ist nun Unsinn. Der Nationalismus interessiert sich für den Ausweis des Menschen, nicht für sein Wesen. Es geht hier aber um die Liberalen. Die Liberalen sehen in der Individualität und in der Möglichkeit des Scheiterns wichtige Kräfte.
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Re: Wird "liberal" langsam zum neuen "konservativ"?

Beitragvon denkmal » Di 26. Feb 2019, 14:33

irgendwer hat geschrieben:(25 Feb 2019, 17:46)

Wenn du meine Meinung lesen willst: Liberale sind viel zu einseitig und zu huschig. Wer soll z.B. die Bildung von Kindern bezahlen? Wer soll Versicherungen für Kinder bezahlen? Wer soll mit Kleinkindern zum Arzt gehen? Oder sie hüten, wenn sie nicht in ihre Kindereinrichtung können? Sie rechnen damit, dass das urplötzlich all die ungebundenen, pflichtenlosen und freiheitsliebenden Väter tun werden, ja? Oder vielleicht doch eher damit, dass sich schon irgendwelche Frauen finden werden, die sich weiterhin brav nach religiösem Schema aufopfern, damit es den Herren gut geht. Soviel nur zu diesem einen Thema. Und ich sage glatt: SOOO nicht.

Das meint ich eher generell. Ich weiß jetzt nicht welche "Liberale" du meinst, wahrscheinlich (aus deinem Kontext) eher Neoliberale? Von Männern und Frauen war gar keine Rede ;)
Im Laufe ihres steinernen Daseins nehmen sogar manche Denkmäler menschliche Züge an.
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Re: Wird "liberal" langsam zum neuen "konservativ"?

Beitragvon lili » Di 26. Feb 2019, 19:38

Ich sehe den Konflikt zwischen negativer und positiver Freiheit.

Folgendes Beispiel:

Der Konflikt sieht so aus: Ich darf meine Meinung frei äußern und die wird nicht zensiert. Allerdings lebe ich in einer Hütte indem es nicht viele Medien gibt. Daher kann ich mich nicht frei äußern.
Anarchie ist Sozialismus und Freiheit in einem. Freiheit ohne Sozialismus besteht aus Priveligien und Sozialismus ohne Freiheit bedeutet Gewalt und Unterdrückung (Michail Bakunin)
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Re: Wird "liberal" langsam zum neuen "konservativ"?

Beitragvon irgendwer » Mi 27. Feb 2019, 09:56

lili hat geschrieben:(26 Feb 2019, 19:38)

Ich sehe den Konflikt zwischen negativer und positiver Freiheit.

Folgendes Beispiel:

Der Konflikt sieht so aus: Ich darf meine Meinung frei äußern und die wird nicht zensiert. Allerdings lebe ich in einer Hütte indem es nicht viele Medien gibt. Daher kann ich mich nicht frei äußern.


Die Frage ist m.E., ob es in solche Konstellationen überhaupt Freiheit gibt. Die eine Strömung sagt: Lasst sie doch, lasst ihnen alle Freiheiten. Und die andere Strömung sagt es ganz genau: Sie MUSS das! Wo ist denn da eine Gegenstimme, die der Demokratie ganz gut tun könnte? Geht es hier überhaupt um Demokratie?
"Freiheit": http://www.spiegel.de/lebenundlernen/un ... 55039.html

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