INKLUSION - selbstverständlich oder unverantwortlich?

Moderator: Moderatoren Forum 8

Würdet/werdet ihr eure Kinder in eine INKLUSIONSSCHULE schicken?

Umfrage endete am Do 16. Jul 2015, 14:45

Ja
12
63%
Nein
7
37%
Ich will auch mitmachen aber ich weiß nicht um was es geht
0
Keine Stimmen
 
Abstimmungen insgesamt: 19
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Nathan
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INKLUSION - selbstverständlich oder unverantwortlich?

Beitragvon Nathan » Do 2. Jul 2015, 14:45

INKLUSIONSSCHULE - ein neues Schlagwort, aber ein altes Thema.

Die Idee dahinter ist, förderbedürftige und regelbegabte Kinder gemeinsam zu unterrichten, um Kinder mit funktionalen Störungen oder sozialen Verhaltensauffälligkeiten optimal in unsere Gesellschaft zu integrieren. Insgesamt enthält das Konzept eine humanistische Alternative zur "Wert"schätzung nach dem Leistungsprinzip und wendet ganz einfach ein Grundrecht an.

Erhoffte Vorteile und befürchtete Nachteile gibt es viele. Würdet/werdet ihr eure Kinder in eine Inklusionsschule schicken?
Bitte eine ordentliche Begründung, Formulierungen wie "...ist Mist." oder "...ist toll." sind doch immer wieder langweilig.

Hier könnte man sich vorab ein wenig informieren:

http://www.inklusion-schule.info/inklusion/definition-inklusion.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Inklusive_P%C3%A4dagogik
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Re: INKLUSION - selbstverständlich oder unverantwortlich?

Beitragvon Provokateur » Do 2. Jul 2015, 14:52

Ich glaube, das Thema hatten wir schon einmal.

viewtopic.php?f=15&t=52184
Harry riss sich die Augen aus dem Kopf und warf sie tief in den Wald. Voldemort schaute überrascht zu Harry, der nun nichts mehr sehen konnte.
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Re: INKLUSION - selbstverständlich oder unverantwortlich?

Beitragvon Boraiel » Do 2. Jul 2015, 14:57

Nathan » Do 2. Jul 2015, 14:45 hat geschrieben:INKLUSIONSSCHULE - ein neues Schlagwort, aber ein altes Thema.

Die Idee dahinter ist, förderbedürftige und regelbegabte Kinder gemeinsam zu unterrichten, um Kinder mit funktionalen Störungen oder sozialen Verhaltensauffälligkeiten optimal in unsere Gesellschaft zu integrieren. Insgesamt enthält das Konzept eine humanistische Alternative zur "Wert"schätzung nach dem Leistungsprinzip und wendet ganz einfach ein Grundrecht an.

Erhoffte Vorteile und befürchtete Nachteile gibt es viele. Würdet/werdet ihr eure Kinder in eine Inklusionsschule schicken?
Bitte eine ordentliche Begründung, Formulierungen wie "...ist Mist." oder "...ist toll." sind doch immer wieder langweilig.

Hier könnte man sich vorab ein wenig informieren:

http://www.inklusion-schule.info/inklusion/definition-inklusion.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Inklusive_P%C3%A4dagogik

Ich würde meine Kinder ausschließlich auf private christliche Schulen schicken. Sollte das dann eine Schule sein, in der auch im besonderen Maße förderbedürftige Kinder unterrichtet werden würden, dann wäre das durchaus in Ordnung. Dementsprechend wäre für mich Inklusion kein Kriterium bei der Schulwahl.
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Lesen und verstehen: http://www.feynmanlectures.caltech.edu/I_01.html
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Re: INKLUSION - selbstverständlich oder unverantwortlich?

Beitragvon Nathan » Do 2. Jul 2015, 15:15

Provokateur » Do 2. Jul 2015, 14:52 hat geschrieben:Ich glaube, das Thema hatten wir schon einmal.

http://politik-forum.eu/viewtopic.php?f=15&t=52184


Oh...stimmt...sogar vom überaus geschätzten Kollegen Ranseier initiiert! Kein Zufall...

Na, macht ja nichts. Da gab es einige gute Beiträge, aber dann ist der Strang abgestorben. Falls es also der Moderation nichts ausmacht würde ich den hier gerne laufen lassen oder man hängt die Dinger irgendwie zusammen (Ich bestehe auch nicht auf der Umfrage, oder lassen sich hier Stränge mit Umfrage an einen anderen dranhängen?).
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Re: INKLUSION - selbstverständlich oder unverantwortlich?

Beitragvon Nathan » Do 2. Jul 2015, 15:22

Boraiel » Do 2. Jul 2015, 14:57 hat geschrieben:Ich würde meine Kinder ausschließlich auf private christliche Schulen schicken. Sollte das dann eine Schule sein, in der auch im besonderen Maße förderbedürftige Kinder unterrichtet werden würden, dann wäre das durchaus in Ordnung. Dementsprechend wäre für mich Inklusion kein Kriterium bei der Schulwahl.


Die Sachlage wäre aber eher, dass förderbedürftige Kinder, oder nennen wir mal das Kind beim bösen umgangssprachlichen Wort "behinderte Kinder" in einer Gruppe mit regelbegabten Kindern (fälschlich immer gerne "normale Kinder" genannt) unterrichtet werden, also innerhalb ein und derselben Gruppe und nicht nur im gleichen Schulgebäude. Gilt deine Aussage auch für diese Situation?
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Re: INKLUSION - selbstverständlich oder unverantwortlich?

Beitragvon ThorsHamar » Do 2. Jul 2015, 15:38

Nathan » vor 6 Minuten hat geschrieben:
Die Sachlage wäre aber eher, dass förderbedürftige Kinder, oder nennen wir mal das Kind beim bösen umgangssprachlichen Wort "behinderte Kinder" in einer Gruppe mit regelbegabten Kindern (fälschlich immer gerne "normale Kinder" genannt) unterrichtet werden, also innerhalb ein und derselben Gruppe und nicht nur im gleichen Schulgebäude. Gilt deine Aussage auch für diese Situation?


Bei körperlicher Behinderung mit physischer Möglichkeit zu Kommunikation ist die gemeinsame Schulbildung überhaupt kein Problem, solange die technischen Voraussetzungen im Schulgebäude vorhanden sind.
Es lernen dabei übrigens "beide Seiten" etwas über Sozialisation und Normalität.
Bei geistiger Behinderung sieht das anders aus.
Hier kann bei gemeinsamem Unterricht nur eine relativ kleine gemeinsame Schnittmenge von Lehrstoff gefunden werden, so dass in jedem Fall (auch ) separierter Unterricht stattfinden muss.
Zuletzt geändert von ThorsHamar am Do 2. Jul 2015, 15:38, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: INKLUSION - selbstverständlich oder unverantwortlich?

Beitragvon relativ » Do 2. Jul 2015, 15:44

ThorsHamar » Do 2. Jul 2015, 14:38 hat geschrieben:
Bei körperlicher Behinderung mit physischer Möglichkeit zu Kommunikation ist die gemeinsame Schulbildung überhaupt kein Problem, solange die technischen Voraussetzungen im Schulgebäude vorhanden sind.
Es lernen dabei übrigens "beide Seiten" etwas über Sozialisation und Normalität.
Bei geistiger Behinderung sieht das anders aus.
Hier kann bei gemeinsamem Unterricht nur eine relativ kleine gemeinsame Schnittmenge von Lehrstoff gefunden werden, so dass in jedem Fall (auch ) separierter Unterricht stattfinden muss.

Dazu kommt noch, daß im ausreichenden Maße geschulte Lehrkörper verhanden seien sollten, denn daran mangelt es zur Zeit.
Das Banale braucht man nicht zu schälen.
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Re: INKLUSION - selbstverständlich oder unverantwortlich?

Beitragvon Boraiel » Do 2. Jul 2015, 15:44

Nathan » Do 2. Jul 2015, 15:22 hat geschrieben:
Die Sachlage wäre aber eher, dass förderbedürftige Kinder, oder nennen wir mal das Kind beim bösen umgangssprachlichen Wort "behinderte Kinder" in einer Gruppe mit regelbegabten Kindern (fälschlich immer gerne "normale Kinder" genannt) unterrichtet werden, also innerhalb ein und derselben Gruppe und nicht nur im gleichen Schulgebäude. Gilt deine Aussage auch für diese Situation?

Ja, so habe ich das gemeint. Aber es stimmt, ich habe das nicht so klar herausgestellt. Ich hätte kein Problem, damit wenn förderbedürftige Kinder mit regelbegabten zusammen in einer Klasse unterrichtet werden.
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Re: INKLUSION - selbstverständlich oder unverantwortlich?

Beitragvon Nathan » Do 2. Jul 2015, 15:54

Boraiel » Do 2. Jul 2015, 15:44 hat geschrieben:Ja, so habe ich das gemeint. Aber es stimmt, ich habe das nicht so klar herausgestellt. Ich hätte kein Problem, damit wenn förderbedürftige Kinder mit regelbegabten zusammen in einer Klasse unterrichtet werden.


Freut mich. Klare Statements dieser Art sind nicht so häufig wie man das in einem selbsternannten Hochkulturland erwarten würde. Hast du noch ein paar aufmunternde Worte zur Begründung und ist das einfach ein Zeichen für eine allgemein tolerante Grundeinstellung (was ja auch schon nicht so schlecht wäre...)?
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Re: INKLUSION - selbstverständlich oder unverantwortlich?

Beitragvon Boraiel » Do 2. Jul 2015, 16:06

Nathan » Do 2. Jul 2015, 15:54 hat geschrieben:
Freut mich. Klare Statements dieser Art sind nicht so häufig wie man das in einem selbsternannten Hochkulturland erwarten würde. Hast du noch ein paar aufmunternde Worte zur Begründung und ist das einfach ein Zeichen für eine allgemein tolerante Grundeinstellung (was ja auch schon nicht so schlecht wäre...)?

Das ist ein Zeichen für eine tolerante und verständnisvolle Einstellung gegenüber Benachteiligten, insbesondere solchen Kindern.
Ich sehe diese als genauso Teil der menschlichen Gemeinschaft an wie jedes andere Kind.
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Re: INKLUSION - selbstverständlich oder unverantwortlich?

Beitragvon Meereen » Do 2. Jul 2015, 16:13

Ein ganz klares Ja zur Inklusion, in vielen anderen Ländern klappt es doch auch. Ein derart gegliedertes Förderschulsystem wie in Deutschland ist beispiellos.
Selbstverständlich kostet das Zeit, Geld, Personal und oft genug auch Nerven, aber warum sollte man an der Bildung von Kindern sparen?
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Re: INKLUSION - selbstverständlich oder unverantwortlich?

Beitragvon frems » Do 2. Jul 2015, 16:24

Entgegen der landläufigen Meinung bewerten Eltern die Inklusion von Behinderten in Schulen gut. Dennoch bleiben sie skeptisch. Grundsätzlich halten sie die Förderschulen für die bessere Alternative.

http://www.welt.de/politik/deutschland/ ... usion.html

Kann natürlich daran liegen, daß Inklusions-Schulen häufig finanzielle Anreize erhielten und dadurch allen Schülern einen besseren Unterricht bieten können. Aber zur Frage: würde ich schicken, wenn das Kind möchte und die Schule halbwegs erreichbar ist. Für so wichtig halte ich das nicht. Ich war selbst ein Jahr auf einer Inklusionsschule. Etwas anstregend gelegentlich, aber insgesamt eher unbedeutend.
Labskaus!

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Re: INKLUSION - selbstverständlich oder unverantwortlich?

Beitragvon Nathan » Do 2. Jul 2015, 16:30

ThorsHamar » Do 2. Jul 2015, 15:38 hat geschrieben:
Bei körperlicher Behinderung mit physischer Möglichkeit zu Kommunikation ist die gemeinsame Schulbildung überhaupt kein Problem, solange die technischen Voraussetzungen im Schulgebäude vorhanden sind.
Es lernen dabei übrigens "beide Seiten" etwas über Sozialisation und Normalität.
Bei geistiger Behinderung sieht das anders aus.
Hier kann bei gemeinsamem Unterricht nur eine relativ kleine gemeinsame Schnittmenge von Lehrstoff gefunden werden, so dass in jedem Fall (auch ) separierter Unterricht stattfinden muss.

Danke für die ruhige Stellungnahme. es gibt aber eine Korrektur: Unterschätze körperliche Einschränkungen nicht. Diewse können den gemeinsamen Unterricht mehr belasten als kognitive Defizite.

Was die kleine gemeinsame Schnittmenge an Lehrstoff betrifft - ja, das ist natürlich genau so, aber es gibt Auswege. Grundsätzlich muss man ja der Gefahr begegnen, die regelbegabten Kinder nicht zu unterfordern. Diese sind aber auch selbst keineswegs eine homogene Masse, sondern "regelbegabt" bedeutet eigentlich nur den Sprung über eine gewisse Schwelle geistiger Kapazität, die somit nach unten, aber nicht nach oben begrenzt ist. Auch in einer herkömmlichen Schule wird der Unterricht keineswegs jedem Kind gerecht, da gibt es ganz erhebliche Abweichungen der Leistungsfähigkeit und der Leistungsbereitschaft die mit einem identischen Leistungsdruck beaufschlagt werden. Auch dieses Verfahren ist schon unhumanistisch, nicht auf den Menschen bezogen sondern auf ein gewünschtes Ergebnis. Die Industrie beeinflusst die Lehrpläne bereits ab der Grundstufe, von Berufs- und technikerschulen, sowie Universitäten ganz zu schweigen.
Es kommt unbedingt darauf an, einen bestimmten Lernstoff individuell aufzubereiten. Dazu braucht es kleine Klassen (man sagt bei 15 Kindern, davon 3 förderungsbedürftige, wäre das Optimum erreicht) und eine deutlich größere zahl an speziell ausgebildeten Pädagogen.

Inklusion bedeutet also noch viel mehr als nur Toleranz und Integration. Hier prallen zwei grundsätzlich verschiedene Gesellschaftssysteme aufeinander. Einmal ist das unser kapitalistisches System mit seiner konsequent leistungsorientierten Ausrichtung und einmal ist es die Inklusion mit ihrer konsequenten Ausrichtung auf das Individuum. Inklusion teilt sich ein ganz wesentliches Element einer anarchischen Gesellschaft, nämlich den Kernsatz "Jeder nach seinen Möglichkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen". Diesen Zusammenprall der totalen Gegensätze muss man sich bewusst machen. Inklusion ist gerade KEIN "Gutmenschen" Projekt sondern ein hoch anspruchsvolles Gegenkonzept zum vorherrschenden Gesellschaftssystem und erfordert ein vielfaches Umdenken und eine sehr gewissenhafte Ausbildung der Lehrkräfte.

Der immense Vorteil ist nämlich nicht nur die bessere Förderung der tatsächlich Förderungsbedürftigen, sondern auch die bessere Förderung der höherbegabten, denn auch auf deren in dem Fall überdurchschnittliche Leistungsfähigkeit wird besser eingegangen.

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Re: INKLUSION - selbstverständlich oder unverantwortlich?

Beitragvon 3x schwarzer Kater » Do 2. Jul 2015, 16:39

Boraiel » Do 2. Jul 2015, 15:44 hat geschrieben:Ja, so habe ich das gemeint. Aber es stimmt, ich habe das nicht so klar herausgestellt. Ich hätte kein Problem, damit wenn förderbedürftige Kinder mit regelbegabten zusammen in einer Klasse unterrichtet werden.


Ich mach's kurz. Ich auch nicht.
„Es wurde schon alles gesagt, nur noch nicht von jedem.“ (Karl Valentin)
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Re: INKLUSION - selbstverständlich oder unverantwortlich?

Beitragvon Nathan » Do 2. Jul 2015, 16:41

frems » Do 2. Jul 2015, 16:24 hat geschrieben:http://www.welt.de/politik/deutschland/ ... usion.html

Kann natürlich daran liegen, daß Inklusions-Schulen häufig finanzielle Anreize erhielten und dadurch allen Schülern einen besseren Unterricht bieten können. Aber zur Frage: würde ich schicken, wenn das Kind möchte und die Schule halbwegs erreichbar ist. Für so wichtig halte ich das nicht. Ich war selbst ein Jahr auf einer Inklusionsschule. Etwas anstregend gelegentlich, aber insgesamt eher unbedeutend.


das würde ich so mal nicht sehen. Natürlich ist ein Jahr nicht ausreichend um signifikante Charaktermerkmale zu prägen, aber zumindest in deinem Fall scheint es einen Trend zur Weltoffenheit, gedankliche Großzügigkeit und Sozialkompetenz ausgelöst zu haben oder war das alles vielleicht schon vorher da...*gg
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Re: INKLUSION - selbstverständlich oder unverantwortlich?

Beitragvon Provokateur » Do 2. Jul 2015, 16:48

Meine Meinung hat sich nicht geändert:
Provokateur » Mi 25. Feb 2015, 08:06 hat geschrieben:Ich denke, die körperliche Behinderung steht hier nicht zur Diskussion, dass das die Beschulbarkeit nicht einschränkt, dürfte hier konsensfähig sein. Man möge mir widersprechen, wenn dem nicht so ist.

Bei geistigen Einschränkungen spielen sicherlich Grad und Art eine Rolle. Nehmen wir Autisten. "Sozial blinde" Menschen, die nicht unbedingt "dumm" sind, die teilweise bemerkenswerte Partikularfähigkeiten haben, die aber aufgrund ihrer Einschränkung nicht klassisch beschulbar sind, weil sie das soziale Miteinander nicht verstehen und Macht- sowie Rangspiele in einer Klassengemeinschaft einfach nicht mitspielen, weil sie es nicht können.
Wenn diese nicht begleitet werden, werden sie ständig zum Dauer-Omega, die Schule wird zu einer traumatischen Erfahrung.

Ich denke, diese Begleitung, dieser Schutz, das muss bei Inklusion sichergestellt sein und ist zugleich ihre größte Schwäche. Eine solche Begleitung kann nämlich nur durch ausgebildetes Personal sichergestellt werden. Ein solcher Begleiter wird Partizipation seines Schützlings einfordern, sowohl im Unterrichtsgeschehen als auch in Pausen. Diese eingeforderte Partizipation in sozialen Belangen bleibt aber artifiziell, da Kinder und Jugendliche sich nun einmal Räume suchen, in denen sie nicht unter Aufsicht stehen (aus verschiedenen Gründen, einer ist Emanzipation).
Daraus können wir zwei Dinge ableiten:
1) Soziales Erleben für den oder die Inkludierten bleibt unecht
2) Echtes soziales Erleben, ohne Schutz, hat das Potential, traumatisch zu sein.

Kann man das auflösen?
Harry riss sich die Augen aus dem Kopf und warf sie tief in den Wald. Voldemort schaute überrascht zu Harry, der nun nichts mehr sehen konnte.
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Re: INKLUSION - selbstverständlich oder unverantwortlich?

Beitragvon Nathan » Do 2. Jul 2015, 16:49

Meereen » Do 2. Jul 2015, 16:13 hat geschrieben:Ein ganz klares Ja zur Inklusion, in vielen anderen Ländern klappt es doch auch. Ein derart gegliedertes Förderschulsystem wie in Deutschland ist beispiellos.
Selbstverständlich kostet das Zeit, Geld, Personal und oft genug auch Nerven, aber warum sollte man an der Bildung von Kindern sparen?


Allerdings. Kinder bilden unsere Zukunft und wenn ich denke, dass bereits die Rechtsradikalen das absolut begriffen haben und ihre ideologische Arbeit unter dem hübschen Deckmantel freundlicher Nachbarschaftshilfe verrichten, wird mir übel. Höchste Zeit gegenzusteuern und meine Kinder im Sinn eines modernen Humanismus erziehen bedeutet das für mich.
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Re: INKLUSION - selbstverständlich oder unverantwortlich?

Beitragvon Meereen » Do 2. Jul 2015, 16:55

Provokateur » Mi 25. Feb 2015, 08:06 hat geschrieben:Ich denke, die körperliche Behinderung steht hier nicht zur Diskussion, dass das die Beschulbarkeit nicht einschränkt, dürfte hier konsensfähig sein. Man möge mir widersprechen, wenn dem nicht so ist.


Nicht wirklich, stark körperbehinderte Menschen sind darauf angewiesen, dass die Schule barrierefrei ist, sie müssen sich teilweise auf Medikamentengabe (und die Überwachung, dass dabei auch alles glatt läuft) verlassen, je nach Schwere der Körperbehinderung gibt es Probleme mit der richtigen Lagerung und Spastiken oder Ähnliches lassen den Unterrichtsalltag auch nicht reibungslos verlaufen.

Nehmen wir Autisten. "Sozial blinde" Menschen, die nicht unbedingt "dumm" sind, die teilweise bemerkenswerte Partikularfähigkeiten haben, die aber aufgrund ihrer Einschränkung nicht klassisch beschulbar sind, weil sie das soziale Miteinander nicht verstehen und Macht- sowie Rangspiele in einer Klassengemeinschaft einfach nicht mitspielen, weil sie es nicht können.


Je nach Schwere des Autismus ist das erlernbar, zumindest bis zu einem gewissen Grad.

Daraus können wir zwei Dinge ableiten:
1) Soziales Erleben für den oder die Inkludierten bleibt unecht
2) Echtes soziales Erleben, ohne Schutz, hat das Potential, traumatisch zu sein.

Kann man das auflösen?


Inwiefern es unecht ist, weiß ich nicht. Selbstverständlich ist es unterstützt, aber das mindert ja nicht die Echtheit des Erlebten, es ist schlichtweg anders. Außerdem arbeiten Integrationshelfer ja auch stets gegen sich, so dass mit zunehmender Kompetenz das Kind auch alleine gelassen werden kann. Es gibt da diesen schönen Gemeinplatz, so viel wie nötig, so wenig wie möglich, der hier wohl greift.
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Re: INKLUSION - selbstverständlich oder unverantwortlich?

Beitragvon frems » Do 2. Jul 2015, 16:58

Nathan » Do 2. Jul 2015, 16:41 hat geschrieben:
das würde ich so mal nicht sehen. Natürlich ist ein Jahr nicht ausreichend um signifikante Charaktermerkmale zu prägen, aber zumindest in deinem Fall scheint es einen Trend zur Weltoffenheit, gedankliche Großzügigkeit und Sozialkompetenz ausgelöst zu haben oder war das alles vielleicht schon vorher da...*gg

Nö, mir gingen die Klassenkameraden auf den Sack, die mal Tische umwarfen oder sich an Türen klammerten, um dann mit ihnen zu reden. Sah jeder so, auch wenn jedem klar war, daß man nichts löst, wenn man "ungewünschte" Mitschüler einfach ans andere Ende der Straße verfrachtet. Die Hauptsorgen waren aber andere, die man als Schüler hatte. Gibt ja auch ätzende "normale" Schüler ohne Förderungsbedarf. Am schlimmsten war so'n iranisches Diplomatenkind, das immer Kreide in der Pause geklaut hat. Kam dann der Lehrer und stellte bestürzt fest, daß nichts da ist, sprang der Perser ein und meinte, er hätte noch welche dabei. Wär fast der erste Mensch geworden, den ich verpetzt hätte. :mad:

Nee, aber ehrlich. Es war, wie gesagt, gelegentlich anstregend, aber es waren ja genug Lehrer da. Ist einer ausgeflippt, was auch nicht täglich passiert, war die Situation wieder schnell beruhigt und man konnte normal weitermachen. Die Aufregung kann ich daher nicht nachvollziehen. Es wurden ja keine Klausuren in ihrem Anspruch geändert oder so. Und Rollstuhlfahrer sind ja sowieso kein Problem. Die gehörten eher zu den Leistungsstarken. Und ob die, die eher psychische Einschränkungen haben, einen Abschluß machten, weiß ich gar nicht mehr. Die waren eh mal hie und mal da in verschiedenen Klassen.
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Re: INKLUSION - selbstverständlich oder unverantwortlich?

Beitragvon Billie Holiday » Do 2. Jul 2015, 17:00

In meiner Tochters Klasse ist ein Autist mit Begleitperson.
Der Junge wird schnell aggressiv und schmeißt Bücher durch die Gegend, wenn er nicht mitkommt. Den Mädchen gegenüber neigt er auch dazu, aggressiv zu sein.
Beide Seiten haben in diesem einen Fall keine erkennbaren Vorteile, der Junge ist in den Pausen allein. Der Wunsch, dass sich die "normalen" Schüler seiner annehmen, hat sich nicht erfüllt.

Dennoch sehe ich grundsätzlich mehr Vor- als Nachteile und würde meine Kinder immer in eine Inklusionsschule schicken.
Im wahren Leben wird man auch mit allen möglichen unterschiedlichen Menschen konfrontiert und muß mit ihnen klarkommen und jeden in seiner Individualität akzeptieren.

Dass immer noch diskutiert wird, ob Körperbehinderte ohne geistige Einschränkungen in normalen Schulen unterrichtet werden, ist ein Armutszeugnis.

Dass jemand mit Down Syndrom aufs Gymnasium soll, finde ich lächerlich. Was kann er, was ein Real- oder Hauptschüler nicht kann?
Wer mich beleidigt, bestimme ich.
K. Kinski

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