Antisemitismus

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Zunder
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Re: Antisemitismus

Beitragvon Zunder » Fr 17. Mai 2019, 18:40

Rabbi Lord Jonathan Sacks hat bei der Konferenz „The Future of the Jewish Communities in Europe“ am 27. September 2016 im Europäischen Parlament für jeden verständlich die Besonderheit der antisemitischen Menschenfeindlichkeit auf den Punkt gebracht:

"Wenn Menschen im Laufe der Geschichte ihren Antisemitismus rechtfertigen wollten, taten sie das, indem sie Rückhalt bei der obersten Autoritätsquelle ihrer Kultur suchten. Im Mittelalter war das die Religion. Es gab also religiösen Antijudaismus. Im Zeitalter nach der Aufklärung war es in Europa die Wissenschaft. Die tragenden Säulen waren die Naziideologie, Sozialdarwinismus und die wissenschaftliche Untersuchung von Rassen. Heute sind Menschenrechte die oberste Autoritätsquelle der Welt. Daher wird Israel – die einzige uneingeschränkt funktionierende Demokratie mit einer freien Presse und unabhängigen Justiz im Nahen Osten – regelmässig einer der fünf Todsünden des Menschenrechts bezichtigt: Rassismus, Apartheid, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, ethnische Säuberung und versuchter Völkermord.

Der neue Antisemitismus ist mutiert, sodass jeder behaupten kann, kein Antisemit zu sein. „Ich bin schliesslich kein Rassist“, sagen sie. „Ich habe kein Problem mit Juden oder dem Judentum. Ich habe lediglich ein Problem mit dem Staat Israel.“ Doch während es auf der Welt 56 muslimische und 103 christliche Nationen gibt, gibt es nur einen jüdischen Staat, Israel, der lediglich 0,25 Prozent der Landmasse des Nahen Ostens einnimmt. Israel ist der einzige der 193 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen, dessen Existenzrecht regelmässig in Frage gestellt wird und den ein Land, der Iran, so wie viele andere Gruppen zerstört sehen möchte.

Antisemitismus bedeutet, den Juden das Recht abzusprechen, mit den gleichen Rechten wie alle anderen Menschen als Juden zu existieren. Heutzutage tritt dies in Form von Antizionismus auf. Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen Zionismus und Judentum, und zwischen Juden und Israelis, doch für die neuen Antisemiten gibt es diesen Unterschied nicht. Es waren Juden, nicht Israelis, die bei den Terroranschlägen in Toulouse, Paris, Brüssel und Kopenhagen getötet wurden. Antizionismus ist der Antisemitismus unserer Zeit."

http://www.audiatur-online.ch/2016/10/1 ... verstehen/

Die BDS-Bewegung beruft sich auf genau diese Autorität der Menschenrechte, um Israel in seiner Existenz zu delegitimieren und letztlich als jüdischen Staat verschwinden zu lassen.

Eine ausführliche Analyse:

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Re: Antisemitismus

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 17. Mai 2019, 19:33

schokoschendrezki hat geschrieben:Die PDS-Abgeordnete gerade sprach von den "Leiden des palästinensischen Volks unter der israelischen Besatzung". Ich kann sowas nicht hören. Man leidet unter dem Terrorregime der eigenen Leute.


Selina hat geschrieben:(17 May 2019, 15:25)
Die Partei nennt sich Die Linke. Ich höre die Debatte auch gerade. Und der Beitrag der Linken-Abgeordneten war wesentlich differenzierter, als das, was du hier zitierst. Ich hatte weiter oben dazu ein taz-Interview verlinkt.

Ja, sorry, das war ein Verschreiber.

In dem verlinkten Interview ist von Palästina, den palästinensischen Gebieten usw. aber an keiner Stelle vom "palästinensischen Volk" die Rede. Was mich daran so aufregt ist diese Personifizierung. Es können immer nur Menschen und nicht "ein Volk" leiden. Wenn die Menschen in Gaza ihr Leid beenden wollen, müssten sie zuallererst sich selbst als Individuen sehen und das Hamas-Regime beseitigen. Es regt sich ja tatsächlich auch Widerstand in dieser Richtung ("Wir wollen Leben"). Wir wollen leben und uns nicht in einem sinnlosen Kampf gegen einen angeblichen Erzfeind Israel totschießen lassen.
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Re: Antisemitismus

Beitragvon Dark Angel » Fr 17. Mai 2019, 19:41

schokoschendrezki hat geschrieben:(17 May 2019, 19:33)

Ja, sorry, das war ein Verschreiber.

In dem verlinkten Interview ist von Palästina, den palästinensischen Gebieten usw. aber an keiner Stelle vom "palästinensischen Volk" die Rede. Was mich daran so aufregt ist diese Personifizierung. Es können immer nur Menschen und nicht "ein Volk" leiden. Wenn die Menschen in Gaza ihr Leid beenden wollen, müssten sie zuallererst sich selbst als Individuen sehen und das Hamas-Regime beseitigen. Es regt sich ja tatsächlich auch Widerstand in dieser Richtung ("Wir wollen Leben"). Wir wollen leben und uns nicht in einem sinnlosen Kampf gegen einen angeblichen Erzfeind Israel totschießen lassen.

Es geht in diesem Thread immer noch um Antisemitismus und nicht um Palästinenser und ob die ein Volk sind und auch nicht darum ob Völker leiden können.
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Re: Antisemitismus

Beitragvon imp » Fr 17. Mai 2019, 19:42

schokoschendrezki hat geschrieben:(17 May 2019, 19:33)

Ja, sorry, das war ein Verschreiber.

In dem verlinkten Interview ist von Palästina, den palästinensischen Gebieten usw. aber an keiner Stelle vom "palästinensischen Volk" die Rede. Was mich daran so aufregt ist diese Personifizierung. Es können immer nur Menschen und nicht "ein Volk" leiden. Wenn die Menschen in Gaza ihr Leid beenden wollen, müssten sie zuallererst sich selbst als Individuen sehen und das Hamas-Regime beseitigen. Es regt sich ja tatsächlich auch Widerstand in dieser Richtung ("Wir wollen Leben"). Wir wollen leben und uns nicht in einem sinnlosen Kampf gegen einen angeblichen Erzfeind Israel totschießen lassen.

Die Redewendung "das Volk leidet" hast du treffend kritisiert, trotzdem ist die nicht unüblich und auch außerhalb dieses Kontextes verbreitet. Die individuelle Perspektive dort ist mau. Evtl sollte man ausgewählten Individuen ein Ausreiseangebot nach Deutschland machen. Würde das den Antisemitismus evtl ausbremsen helfen?
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Re: Antisemitismus

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 17. Mai 2019, 20:07

imp hat geschrieben:(17 May 2019, 19:42)

Die Redewendung "das Volk leidet" hast du treffend kritisiert, trotzdem ist die nicht unüblich und auch außerhalb dieses Kontextes verbreitet. Die individuelle Perspektive dort ist mau. Evtl sollte man ausgewählten Individuen ein Ausreiseangebot nach Deutschland machen. Würde das den Antisemitismus evtl ausbremsen helfen?


Es geht ja vor allem auch um die komplette Formulierung "Das Leiden des palästinensischen Volks unter der israelischen Besatzung". Es mag noch alles mögliche andere gesagt worden sein. Aber so einzeln und mit dem Fokus auf "Israel als Besatzungsmacht" ist das unerträglich.
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Re: Antisemitismus

Beitragvon imp » Fr 17. Mai 2019, 20:10

schokoschendrezki hat geschrieben:(17 May 2019, 20:07)

Es geht ja vor allem auch um die komplette Formulierung "Das Leiden des palästinensischen Volks unter der israelischen Besatzung". Es mag noch alles mögliche andere gesagt worden sein. Aber so einzeln und mit dem Fokus auf "Israel als Besatzungsmacht" ist das unerträglich.

Da gebe ich dir recht.
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Re: Antisemitismus

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 17. Mai 2019, 20:44

imp hat geschrieben:(17 May 2019, 19:42)

Die Redewendung "das Volk leidet" hast du treffend kritisiert, trotzdem ist die nicht unüblich und auch außerhalb dieses Kontextes verbreitet. Die individuelle Perspektive dort ist mau. Evtl sollte man ausgewählten Individuen ein Ausreiseangebot nach Deutschland machen. Würde das den Antisemitismus evtl ausbremsen helfen?

Nach meinen Informationen müssen sich die Bewohner des Gaza-Streifens, Israel, Europa, die UNO, die Welt ohnehin Gedanken über die Zukunft dieses Gebiets machen. Denn es wird mit großer Wahrscheinlichkeit aus ökologischen Gründen, Wasserknappheit vor allem, unbewohnbar werden. Das wird wohl entweder zu einer nochmaligen Verschärfung der Konflikte im Nahen Osten führen. Oder aber, sehr sehr kleine Hoffnung, dazu dass Vernunft die Oberhand gewinnt und dabei auch Dinge wie Israel- und Judenfeindschaft zurückgenommen oder wenigstens revidiert werden. Die ökologische Katastrophe kennt keine Grenzen.
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Re: Antisemitismus

Beitragvon Selina » Fr 17. Mai 2019, 20:50

schokoschendrezki hat geschrieben:(17 May 2019, 20:07)

Es geht ja vor allem auch um die komplette Formulierung "Das Leiden des palästinensischen Volks unter der israelischen Besatzung". Es mag noch alles mögliche andere gesagt worden sein. Aber so einzeln und mit dem Fokus auf "Israel als Besatzungsmacht" ist das unerträglich.


Es gibt also keine Besatzung? Und was ist das dann? https://de.wikipedia.org/wiki/Israelisc ... te_Gebiete
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Re: Antisemitismus

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 17. Mai 2019, 22:10

Selina hat geschrieben:(17 May 2019, 20:50)

Es gibt also keine Besatzung? Und was ist das dann? https://de.wikipedia.org/wiki/Israelisc ... te_Gebiete

Es geht mir dabei um diese rhetorische Zusammenfügung von "Leid" , "Volk" und "israelische Besatzung". Das klingt nicht nach Völkerrecht, Gebietsstatus, Verhandlungsangebot, Mandat, Scharon-Plan. usw. Sondern nach "Die gerechte Sache des palästinensischen Volkes". Und die ist - wie durchweg alle "gerechten Sachen irgendwelcher Völker" eine Phrase von Terrorbanden und Verbrecherklicken geworden, mit denen die Menschen dort auf Einheitslinie gebracht und die internationale Staatengemeinde um Geld gebeten werden soll.
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Re: Antisemitismus

Beitragvon Chajm » Fr 17. Mai 2019, 22:31

Bleibtreu hat geschrieben:(17 May 2019, 15:18)

Das Thema diese Stranges ist JUDENHass und nicht: Wie kann ich JudenHass fuer meine Interessen missbrauchen! Friedman schreibt hier auch nicht mit und kann sich deshalb nicht selbst erklaeren. Er sagt auch klar und deutlich, ich habe mir naemlich das Interview Vorhin angesehen, dass JudenHass aus der MITTE der Gesellschaft kommt, er ist mitnichten nur rechts verortet - du findest ihn in allen politischen, sozialen, gesellschaftlichen Schichten. Du fokussierst dich mal wieder nur auf RechtsKnaller und dein SteckenPferd AFD. Da geht das RosinenPicken & Umschreiben seiner Aussagen weiter. Dieser widerliche Missbrauch, der den eigenen politischen Zielen dient, weil es gegen den pol Gegner geht - da geht es keiner Seite um uns Juden! Und selbstverstaendlich tarnen sich viele JudenHasser. Das kann ich genauso gut an den linken Israel"Kritikern" aus der Mitte der Gesellschaft beobachten, die sich in diesem Strang so eifrig engagieren, dass es mich Teils nur so vor Ekel schuettelt. Ja, mich als Juedin + Chajm als Juden & Israelis, graust es beim Lesen vieler Beitraege. Mich wundert beim Thema JudenHass inzwischen gar nichts mehr. :|


Da stimm ich Dir zu - es ueberkommt einen oft das kalte Grausen, wenn man Beitraege liest, die bar jeglichen Faktenwissens aber voller Vorurteile und schlecht kaschiertem Judenhass geschrieben werden. Hinweise auf juedische/israelische Quellen werden dann oft sueffisant dahin gehend kommentiert, dass es sich ja nun mal eben um eine juedische/israelische Quelle handele - entlarvend ist es allemal.
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Re: Antisemitismus

Beitragvon Dark Angel » Sa 18. Mai 2019, 11:22

Chajm hat geschrieben:(17 May 2019, 22:31)

Da stimm ich Dir zu - es ueberkommt einen oft das kalte Grausen, wenn man Beitraege liest, die bar jeglichen Faktenwissens aber voller Vorurteile und schlecht kaschiertem Judenhass geschrieben werden. Hinweise auf juedische/israelische Quellen werden dann oft sueffisant dahin gehend kommentiert, dass es sich ja nun mal eben um eine juedische/israelische Quelle handele - entlarvend ist es allemal.

Entlarvend ist auch, der Aufschrei der gleichen, die immer wieder betonen, (ihre) "Kritik an der Regierungspolitik Israels" habe doch gar nichts mit Antisemitismus zu tun, sich dazu eines Alibijuden bedienen, wenn es um Kritik am Islam oder der Integrationswilligkeit von Muslimen geht.
Da wird gleich geplärrt "Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Islamophobie, Kulturalismus, rääächts" (und was weiß ich noch alles). Mehr Doppelstandard geht gar nicht mehr.
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Re: Antisemitismus

Beitragvon imp » Sa 18. Mai 2019, 17:00

schokoschendrezki hat geschrieben:(17 May 2019, 22:10)

Es geht mir dabei um diese rhetorische Zusammenfügung von "Leid" , "Volk" und "israelische Besatzung". Das klingt nicht nach Völkerrecht, Gebietsstatus, Verhandlungsangebot, Mandat, Scharon-Plan. usw. Sondern nach "Die gerechte Sache des palästinensischen Volkes". Und die ist - wie durchweg alle "gerechten Sachen irgendwelcher Völker" eine Phrase von Terrorbanden und Verbrecherklicken geworden, mit denen die Menschen dort auf Einheitslinie gebracht und die internationale Staatengemeinde um Geld gebeten werden soll.

Da haben wir wieder: Völker als Subjekte, wo es um Menschen gehen müsste - und nichts als Elend. Noch dazu das Einfallstor zu problematischen Formen und Inhalten einer Kritik, die ihr Maß verliert und eigentlich dann Feindschaft ist.

Hast du super aufgespießt.
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Re: Antisemitismus

Beitragvon Dark Angel » Sa 18. Mai 2019, 20:18

imp hat geschrieben:(18 May 2019, 17:00)

Da haben wir wieder: Völker als Subjekte, wo es um Menschen gehen müsste - und nichts als Elend. Noch dazu das Einfallstor zu problematischen Formen und Inhalten einer Kritik, die ihr Maß verliert und eigentlich dann Feindschaft ist.

Hast du super aufgespießt.

Völker sind wohl neuerdings keine Menschen?
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Re: Antisemitismus

Beitragvon schokoschendrezki » So 19. Mai 2019, 07:57

imp hat geschrieben:(18 May 2019, 17:00)

Da haben wir wieder: Völker als Subjekte, wo es um Menschen gehen müsste - und nichts als Elend. Noch dazu das Einfallstor zu problematischen Formen und Inhalten einer Kritik, die ihr Maß verliert und eigentlich dann Feindschaft ist.

Hast du super aufgespießt.

Für mich steht einfach die Frage: Ist so etwas wie "die gerechte Sache des palästinensischen Volks" auf Leidverminderung von Menschen ausgerichtet oder - eben - auf eine Sache, eine Ideologie Soweit ich es übersehe gab es zahllose Gelegenheiten für die Menschen in den palästinensischen Gebieten, ihre Lebenssituation in Zusammenarbeit mit Israel zu verbessern. Am Ende war dann immer "die Sache" wichtiger, oder? Ist das nur das Ergebnis von Manipulation von Seiten solcher Organisationen wie Hamas? Oder ist das eben eine allgemeine menschliche Eigenschaft: Im Zweifel lieber einen Feind haben zu wollen als ein besseres Leben führen zu können.
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Re: Antisemitismus

Beitragvon imp » So 19. Mai 2019, 08:09

schokoschendrezki hat geschrieben:(19 May 2019, 07:57)

Für mich steht einfach die Frage: Ist so etwas wie "die gerechte Sache des palästinensischen Volks" auf Leidverminderung von Menschen ausgerichtet oder - eben - auf eine Sache, eine Ideologie Soweit ich es übersehe gab es zahllose Gelegenheiten für die Menschen in den palästinensischen Gebieten, ihre Lebenssituation in Zusammenarbeit mit Israel zu verbessern. Am Ende war dann immer "die Sache" wichtiger, oder? Ist das nur das Ergebnis von Manipulation von Seiten solcher Organisationen wie Hamas? Oder ist das eben eine allgemeine menschliche Eigenschaft: Im Zweifel lieber einen Feind haben zu wollen als ein besseres Leben führen zu können.

Na, du fängst mit einer richtigen Sache an: "Gerechte Sache des Volkes" ist eine kollektive Instrumentalisierung. Interessen haben die Menschen als Individuen und als solche ordnen sie "gerechte Sachen des Volkes" meist weit hinter basaleren Bedürfnissen ein.

Ohne ein gehöriges Maß Rückhalt ist keine Herrschaft, auch nicht die der Hamas, zu haben. Da darf man sich nichts vormachen. Wir reden hier nicht unbedingt von Mehrheiten.

Inwieweit sind abweichende Meinungen und ein individueller Pursuit of Happiness aber operabel unter diesen Bedingungen, die das Handeln der Hamas, der israelischen Politik, externer Förderer, radikalster Kräfte und so weiter genauso mit einschließen wie eine weitergehend erlahmte Wirtschaft? Es geht hier nicht um Entschuldigung von Raketenterror und Hetze. Aber welche Spielräume bleiben dem Individuum, auf diese "gerechten Sachen" zu scheißen? Ich plädiere für die Schaffung individueller Exitoptionen auf deutsche Kosten.
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Re: Antisemitismus

Beitragvon Selina » So 19. Mai 2019, 08:12

*) überdacht und selbst entfernt
Zuletzt geändert von Selina am So 19. Mai 2019, 09:17, insgesamt 4-mal geändert.
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Re: Antisemitismus

Beitragvon schokoschendrezki » So 19. Mai 2019, 08:12

Zunder hat geschrieben:(17 May 2019, 18:40)

Rabbi Lord Jonathan Sacks hat bei der Konferenz „The Future of the Jewish Communities in Europe“ am 27. September 2016 im Europäischen Parlament für jeden verständlich die Besonderheit der antisemitischen Menschenfeindlichkeit auf den Punkt gebracht:

"Doch während es auf der Welt 56 muslimische und 103 christliche Nationen gibt, gibt es nur einen jüdischen Staat, Israel, der lediglich 0,25 Prozent der Landmasse des Nahen Ostens einnimmt. Israel ist der einzige der 193 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen, dessen Existenzrecht regelmässig in Frage gestellt wird und den ein Land, der Iran, so wie viele andere Gruppen zerstört sehen möchte."


Imagine there's no countries
It isn't hard to do
Nothing to kill or die for
And no religion, too


Und der Typ, der das geschrieben hat, läuft tagein tagaus auf deinem Avatarbild über die Straße.

Apropos Musik. Diese Gedanken sind ja nicht verschütt gegangen. Es gibt in Montreal/Kanada eine sehr jüdisch geprägte Independent-Szene mit Bands wie "Godspeed You! Black Emperor", "Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra", "Black Ox Orkestar". Letztere zum Beispiel vertonen auf sehr eigene Weise vergessene jiddisch-sprachige Lyrik aus dem russischen und osteuropäischen Raum.

DIe Auseinandersetzungen um die Fragen der Politik der israelischen Regierungen machen natürlich auch dort nicht halt. Wohin wird das führen?
https://jungle.world/artikel/2017/32/neue-selbstverstaendlichkeiten
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Re: Antisemitismus

Beitragvon schokoschendrezki » So 19. Mai 2019, 08:23

imp hat geschrieben:(19 May 2019, 08:09)
Aber welche Spielräume bleiben dem Individuum, auf diese "gerechten Sachen" zu scheißen?

Also die Option, Feindschaften überdenken und für sich selbst in Frage stellen zu können, die haben Menschen jedenfalls überall und immer.
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Re: Antisemitismus

Beitragvon imp » So 19. Mai 2019, 09:22

schokoschendrezki hat geschrieben:(19 May 2019, 08:23)

Also die Option, Feindschaften überdenken und für sich selbst in Frage stellen zu können, die haben Menschen jedenfalls überall und immer.

Denken geht immer, aber in Köpfe reinschauen gelingt selten. Welche operable Konsequenz hätte jemand in der Hand? Schilder hochhalten ist weder wirksam noch problemlos, weggehen ebenso gar nicht so leicht.
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Re: Antisemitismus

Beitragvon Zunder » So 19. Mai 2019, 17:10

schokoschendrezki hat geschrieben:(19 May 2019, 08:12)

Und der Typ, der das geschrieben hat, läuft tagein tagaus auf deinem Avatarbild über die Straße.

Was "imagine" bedeutet, weißt du aber schon?
Oder soll ich es dir übersetzen?

"You may say I'm a dreamer...."
Warum wohl?

Die Shoa war kein Traum und keine Imagination. Sie war real, wirklich.

Utopische Vorstellungen gegen die existenzielle Selbstbestimmung der Juden aufrechnen zu wollen, ist - gelinde gesagt - Dreck.

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