Woke: Befreiung von Rassismus, oder identitärer Tugendterror?

Moderator: Moderatoren Forum 8

Benutzeravatar
TheManFromDownUnder
Beiträge: 5721
Registriert: Do 8. Feb 2018, 04:54
Wohnort: Queensland Australien

Re: Woke: Befreiung von Rassismus, oder identitärer Tugendterror?

Beitragvon TheManFromDownUnder » Mo 19. Apr 2021, 11:54

schokoschendrezki hat geschrieben:(19 Apr 2021, 10:42)



In einer Neufführung von "Aida" an der Pariser Oper wird diese äthiopische Prinzessin als Puppe dargestellt, die von entsprechenden Schauspielern bewegt wird. Die ziemlich konservative NZZ spricht von "skurrilen Blüten". Ich finde diesen Ansatz ziemlich genial. Der historische Kontext gehört in zeitgenössischen Aufführungen aufgebrochen, neu durchdacht, neu interpretiert.


Ich finde das bescheuert.

Verdi hat die Oper Aida komponiert und sie sollte im Geiste von Verdi aufgefuehrt werden. Menschen gehen nicht in die Oper wegen sozialkritischen Aspekten und skurrilen Interpretationen von linksverseichten Regisseuren, sondern um sich an der Musik und Kostuemen aus einer anderen Epoche zu erfreuen.
Support the Australian Republican Movement
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 16642
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 16:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Woke: Befreiung von Rassismus, oder identitärer Tugendterror?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 19. Apr 2021, 12:00

Uffhausen hat geschrieben:(19 Apr 2021, 11:43)

Hm. Das wäre dann doch schon nicht mehr "divers", sondern "identitär". Ich meine, es wird über Menschen ein ganz bestimmtes Urteil gefällt, welches einer ganz bestimmten Betrachtungsweise zugrunde liegt.

Ja. Gut. Künstler machen aber Angebote und bestimmen nicht.

Es ist nicht so, dass ich mir nicht auch eine konventionelle Othello/Otello-Aufführung anschauen würde. Wenn es denn überhaupt wieder öffentliche Veranstaltungen mit Musik gäbe, würde ich mir wahrscheinlich sogar ein Andrea-Berg-Konzert antun.Zum Kaffee am Morgen esse ich regelmäßig einen Keks aus einer Packung "Othello-Kekse" aus der Wittenberger Keksweltfabrik. Dunkel und mit viel Kakao. Eine Art kulinarisches Blackfacing. Ich finds aber in jedem Fall in Ordnung und spannend, dass diese westeuropäisch geprägte Kolonialreichweltsicht der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufgebrochen und hinterfragt wird.
Ich habe nie in meinem Leben irgendein Volk oder Kollektiv geliebt ... ich liebe in der Tat nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig unfähig (Hannah Arendt)
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 16642
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 16:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Woke: Befreiung von Rassismus, oder identitärer Tugendterror?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 19. Apr 2021, 12:02

TheManFromDownUnder hat geschrieben:(19 Apr 2021, 11:54)

Ich finde das bescheuert.

Verdi hat die Oper Aida komponiert und sie sollte im Geiste von Verdi aufgefuehrt werden. Menschen gehen nicht in die Oper wegen sozialkritischen Aspekten und skurrilen Interpretationen von linksverseichten Regisseuren, sondern um sich an der Musik und Kostuemen aus einer anderen Epoche zu erfreuen.


Ja. Aber damit wird vielleicht ein ganz neues Publikum in die Oper gelockt. Das ist doch positiv!
Ich habe nie in meinem Leben irgendein Volk oder Kollektiv geliebt ... ich liebe in der Tat nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig unfähig (Hannah Arendt)
Benutzeravatar
TheManFromDownUnder
Beiträge: 5721
Registriert: Do 8. Feb 2018, 04:54
Wohnort: Queensland Australien

Re: Woke: Befreiung von Rassismus, oder identitärer Tugendterror?

Beitragvon TheManFromDownUnder » Mo 19. Apr 2021, 12:09

schokoschendrezki hat geschrieben:(19 Apr 2021, 12:02)

Ja. Aber damit wird vielleicht ein ganz neues Publikum in die Oper gelockt. Das ist doch positiv!


Ich denke nicht. Man lockt vielleicht 10 neue Kunden an und verliert 100 Stammkunden. Schlechte Rechnung
Support the Australian Republican Movement
Uffhausen
Beiträge: 1154
Registriert: Mi 14. Dez 2016, 22:33

Re: Woke: Befreiung von Rassismus, oder identitärer Tugendterror?

Beitragvon Uffhausen » Mo 19. Apr 2021, 12:17

schokoschendrezki hat geschrieben:(19 Apr 2021, 12:00)
Ja. Gut. Künstler machen aber Angebote und bestimmen nicht.

So sollte man das sehen - so sehen es aber nicht alle = Diverse wie Identitäre.

Mir ist nur wichtig zu erwähnen, dass Diversität nicht automatisch (freie) Vielfalt mit sich bringt, sondern schneller als gedacht auch "identitär" werden kann, wenn man den Menschen keine (freie) Wahl mehr lassen sollte.
"Man kann auf seinem Standpunkt stehen, aber man sollte nicht darauf sitzen." Erich Kästner
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 16642
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 16:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Woke: Befreiung von Rassismus, oder identitärer Tugendterror?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 19. Apr 2021, 12:28

TheManFromDownUnder hat geschrieben:(19 Apr 2021, 12:09)

Ich denke nicht. Man lockt vielleicht 10 neue Kunden an und verliert 100 Stammkunden. Schlechte Rechnung


Ich weiß es nicht. Im Bereich Operette ist die Situation ja eigentlich noch extremer. Der "Zigeunerbaron" vom Walzerkönig Strauß etwa oder die Csárdásfürstin von Kálmán. Ich höre solches Zeug eigentlich ziemlich häufig. Ich bin aber andererseits auch hochgradig interessiert an historisch-kritischen Einsortierungen.

Der "Zigeunerbaron" zum Beispiel ist keineswegs irgendwie antiziganisch angelegt. Es ist auf der einen Seite Johann Strauß Juniors musikalisch vielleicht bestes Werk. Auf der anderen Seite ist es nationalpatriotisch verseucht. Nie und nimmer würde ich, wäre ich irgendwie an einer realen Aufführung beteiligt, diesen nationalpatriotischen Geist irgendwie historisch korrekt wiedergeben wollen. Ich würde irgendwie versuchen, den großartigen musikalischen gehalt zu würdigen, ebenso wie die eigentlich positive Sicht auf Romas, aber diesen nationalpatriotischen Gehalt als solchen herausstellen und denunzieren. Anders als geschriebene Literatur laden Theater und Bühne ein zu immer wieder Neu-Interpretationen.
Ich habe nie in meinem Leben irgendein Volk oder Kollektiv geliebt ... ich liebe in der Tat nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig unfähig (Hannah Arendt)
Benutzeravatar
Dark Angel
Moderator
Beiträge: 19074
Registriert: Fr 7. Aug 2009, 08:08
Benutzertitel: From Hell

Re: Woke: Befreiung von Rassismus, oder identitärer Tugendterror?

Beitragvon Dark Angel » Mo 19. Apr 2021, 15:34

Uffhausen hat geschrieben:(18 Apr 2021, 22:44)

Ein Produkt der Wohlstandsgesellschaft wäre für mich etwas, was man gar nicht braucht - was man aber erschafft, damit einen die Langweile nicht überkommt = z. B. selbsteinkaufende Haushaltsgeräte. Im Grunde zählt für mich da alles dazu, wo menschliches Handeln durch technischen Fortschritt ersetzt wird. Das ist falscher Luxus: Nicht mehr arbeiten müssen, nicht mehr denken müssen, nichts mehr sagen müssen... Aber das kann man so oder so sehen. Die menschliche Bequemlichkeit kennt keine Grenzen.

Richtig und dieser Fortschritt schafft aber auch Bedürfnisse und er verführt dazu bestimmte Dinge, Handlungen etc als Selbstverständlichkeiten hinzunehmen bzw einzufordern, ohne zu begreifen, dass nichts wirklich selbstverständlich ist.

Uffhausen hat geschrieben:(18 Apr 2021, 22:44)Ein Produkt der Wohlstandsprobleme ist für mich eben eine jener schon erwähnten Gruppierungen - die sich und anderen Probleme einreden, welche sie aber tatsächlich gar nicht haben, weil es sie nicht persönlich betrifft = z. B. wie Schuld am Nationalsozialismus aufgrund des Umstands, dass man Deutsche/r ist oder Schuld am Kolonialismus aufgrund des Umstands, dass man weißer Hautfarbe ist. In meinen Augen wird hier fatalerweise Schuld mit Verantwortung verwechselt. Ob hier immer Absicht unterstellt werden kann, sei mal dahingestellt.

Nein diese Gruppierungen sind kein Produkt der Probleme einer Gesellschaft, sie sind das Produkt der Gesellschaft, die Probleme hat oder sich schafft oder einfach nur einredet.


Uffhausen hat geschrieben:(18 Apr 2021, 22:44):eek: Heeeeee - Sonntags ist keine Schule!!! :mad2:

Noch nie was von Sonntagsschule gehört? :p :D :D

Uffhausen hat geschrieben:(18 Apr 2021, 22:44)Ich kenne den Roman nicht. Meinem Verständnis nach basiert unser jetziger Wohlstand auf eben jenen internetlosen ("Stein"-)Zeiten. Hätte es jene nicht gegeben, wären heute nicht da, wo wir jetzt sind. Viele, besonders junge Leute, tun so, als wäre ein Leben ohne Internet nicht möglich - nur, weil sie es nicht anders kennen. Diese Lebenseinstellung macht uns angreif- und verwundbar. Wer sagt denn, dass der nächste Krieg "steinzeitlich", via Gewehren, Panzer & Bomben stattfindet? Es geht heutzutage doch viel einfacher/billiger = bspw. durch eines Internetvirus. Wären wir darauf vorbereitet?

Unser jetziger Wohlstand basiert auf Industrialisierung und technischem Fortschritt.
Einerseits basiert unser Wohlstand auf technischem Fortschritt, andererseits ist das Funktionieren unserer gesamten Gesellschaft mit all ihren Strukturen von den Errungenschaften dieses Fortschritts abhängig. Ohne sie funktiert gar nichts mehr.
Das fängt mit der Stromversorgung, der Steuerung der Kraftwerke an, setzt sich fort über Kommunikationsleitungen - und mittel, über den Zusammenbruch des gesamten Verkehrssystems - keine Ampel funktioniert mehr, keine Weichenstellung, kein Triebwagen - gar nichts, nicht mal die Öffnungsmechanismen der Türen.
Ein solches Szenario beschreibt der Roman - da wird mittel eines Internetvirus die weltweite Energieversorgung lahmgelegt.
Innerhalb von Minuten/Stunden kommt es zu einem Verkehrschaos, zu Flugzeugabstürtzen, zum Versagen medizinischer Intrumente und Vorrichtungen und und und - es bricht Panik aus, weil es keine Nachrichtenverbindungen mehr gibt.
Alle urbanen Zentren brechen in der entstehenden Anarchie, in der das Recht des Stärkeren gilt, zusammen. Innerhalb eines Tages gibt es Hunderttausende Tote.
Einzig in ländlichen Gebieten kann noch eine rudimentäre Organisation und Verwaltung aufrecht erhalten werden. Einige Jahre nach dem Zwischenfall haben sich gesellschaftliche Strukturen heraus geildet, die denen des Spätmittelalters ähneln.
Jaaa unsere hochtechnisierte Welt/Gesellschaft ist extrem zerbrechlich und verwundbar.
Da braucht es nicht einmal eines Internetvirus, um alles aus dem Fugen geraten und zusammen brechen zu lassen - da reicht ein massiver Sonnensturm. Dessen EMP legt unsere gesamte schöne Elektronik (einschließlich der Satelliten) lahm

Uffhausen hat geschrieben:(18 Apr 2021, 22:44)Nein, woher soll ich denn auch wissen, wie und wovon die heutigen jungen Generationen überfordert sind? Ich kenne einige junge Menschen und kann vielleicht auch ganz gut beurteilen, an was den denen mangelt usw. = aber: Wie soll ich deswegen ein allgemeines Urteil für die Gesamtheit der jungen Generation daraus bilden können?

Es ist ja auch nicht die ganze Generation - es sind einige, Tendenz steigend.
Das Problem ist nicht, dass es den jungen Menschen an etwas mangelt, sondern dass sie zu viel davon haben - nämlich an Fürsorge.
Das geht los mit "mach dich nicht schmutzig", "nimm dich in acht, sei vorsichtig, sonst fällst du", es geht damit weiter, dass Kinder nicht auch mal unbeaufsichtigt spielen, toben dürfen - da kreist Mama, wie ein Helicopter und passt auch, dass der Liebling ja keinen Kratzer abbekommt. Die Tage vieler Kinder sind durchorganisiert, ihre Terminkalender voller als die manches Erwachsenen - man will seinem Nachwuchs ja schließlich was bieten.
Und irgendwann kommt der Tag, da funktioniert das nicht mehr, weil die Eltern alt und die Kinder erwachsen geworden sind.
Mit der Situation, ihr Leben in die eigenen Hände nehmen zu müssen, eigene Entscheidungen zu treffen, sind viele der jungen Generation hoffnungslos überfordert und dann zeigt sich, dass gut gemeint, das Gegenteil von gut gemacht ist.
Viele junge Leute haben aber nur das "gut gemeint" kennen gelernt und wissen nicht, wie "gut gemacht" funktioniert, deshalb denken sie die Welt ließe sich mit "gut gemeint" ändern, deren Probleme auf diese Weise beseitigen und das bringt dann sowas wie Woke hervor.

Uffhausen hat geschrieben:(18 Apr 2021, 22:44)Ja, von "Helikoptereltern" habe ich schon gehört, mich damit aber noch nicht tiefgründig auseinandergesetzt. Ich könnte dir jetzt viel aus meiner Kindheit mit alleinerziehendem Vater und Anfeindungen seitens Mütter aus der Nachbarschaft, persönlichen Beobachtungen und Gesprächen erzählen - alles, was eben in diese Richtung zielt. ich weiß aber nicht, was das bringen soll. Für mich kommt da ein höchst komplexes Bild zustande, welches ich nur in eigenen Worten interpretieren kann. Ob du dann was damit anfangen kannst, ob du verstehen kannst und willst, das wäre ausschlaggebend.

Ich erlebe die bzw deren Verhalten regelmäßig - die bringen ihre Kinder nicht nur zum Schulbus, nein die werden die 500m bis zur Schule gefahren und ins Klassenzimmer begleitet. Bei Erst- und Zweitklässlern mag es noch "angehen", wenn die Mütter mit sanfter Gewalt des Klassenzimmers verwiesen werden müssen, bei Fünftklässlern wird das dann schon peinlich.

Uffhausen hat geschrieben:(18 Apr 2021, 22:44)Von entscheidender Bedeutung ist aber, dass jene, über die in deinen Links geschrieben wird, sich diesbezüglich überhaupt erstmal angesprochen fühlen. Über junge Menschen zu urteilen ist das einfachste der Welt. Sich bei ihnen Gehör zu verschaffen ist dagegen eine Mammutaufgabe.

Das Problem ist vielmehr, dass sie gar nicht zuhören wollen, dass sie vor allem nicht gesprächsbereit sind ...
Gegen die menschliche Dummheit sind selbst die Götter machtlos.

Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 16642
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 16:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Woke: Befreiung von Rassismus, oder identitärer Tugendterror?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 19. Apr 2021, 16:39

Dark Angel hat geschrieben:(19 Apr 2021, 15:34)
Unser jetziger Wohlstand basiert auf Industrialisierung und technischem Fortschritt.
Einerseits basiert unser Wohlstand auf technischem Fortschritt, andererseits ist das Funktionieren unserer gesamten Gesellschaft mit all ihren Strukturen von den Errungenschaften dieses Fortschritts abhängig. Ohne sie funktiert gar nichts mehr.
Das fängt mit der Stromversorgung, der Steuerung der Kraftwerke an, setzt sich fort über Kommunikationsleitungen - und mittel, über den Zusammenbruch des gesamten Verkehrssystems - keine Ampel funktioniert mehr, keine Weichenstellung, kein Triebwagen - gar nichts, nicht mal die Öffnungsmechanismen der Türen.
Ein solches Szenario beschreibt der Roman - da wird mittel eines Internetvirus die weltweite Energieversorgung lahmgelegt.
Innerhalb von Minuten/Stunden kommt es zu einem Verkehrschaos, zu Flugzeugabstürtzen, zum Versagen medizinischer Intrumente und Vorrichtungen und und und - es bricht Panik aus, weil es keine Nachrichtenverbindungen mehr gibt.
Alle urbanen Zentren brechen in der entstehenden Anarchie, in der das Recht des Stärkeren gilt, zusammen. Innerhalb eines Tages gibt es Hunderttausende Tote.
Einzig in ländlichen Gebieten kann noch eine rudimentäre Organisation und Verwaltung aufrecht erhalten werden. Einige Jahre nach dem Zwischenfall haben sich gesellschaftliche Strukturen heraus geildet, die denen des Spätmittelalters ähneln.
Jaaa unsere hochtechnisierte Welt/Gesellschaft ist extrem zerbrechlich und verwundbar.
Da braucht es nicht einmal eines Internetvirus, um alles aus dem Fugen geraten und zusammen brechen zu lassen - da reicht ein massiver Sonnensturm. Dessen EMP legt unsere gesamte schöne Elektronik (einschließlich der Satelliten) lahm

Im kleinen Maßstab gab es solche Szenarien ja bereits mehrfach. Bekannt geworden ist etwa der Vorfall an der Hochschule Gießen Ende 2019. Tagelang war der gesamte Hochschulbetrieb lahmgelegt. Natürlich kann man im einzelnen den jeweils genauen Hergang nachrecherchieren. Phishing Mails, das Emotet Virus, verseuchte Office Dokumente als Anhänge, schwache Passwörter usw. usf. Aber ich denke öfter darüber nach, was das eigentliche systemische Problem dieser gewachsenen Verletztlichkeit mit hohen Risiken ist.


Mindestens eines dieser systemischen Probleme dürfte im Smartness-Versprechen moderner Geräte liegen. Alles soll wie von Zauberhand von selbst geschehen. Aber die Frage ist, ob die Menschen mit der Abgabe von Entscheidungsverantwortung oder auch schlicht und einfach Mühsal und Aufwand tatsächlich glücklicher werden. Mindestens müsste zu einem solchen Versprechen eine Antwort auf die Frage gehören, was ich denn mit meiner Lebensenergie anstellen soll, wenn mein Kühlschrank für mich im Netz einkaufen geht und die Beregnungsanlage anspringt, wenn sie merkt, dass der Rasen Wasser braucht. Abgabe von Entscheidungsverantwortung ist der zentrale Punkt bei Vorfällen wie in Gießen. Öffne ruhig einen Anhang mit einem interessanten Foto. Das "System" wird schon wissen, ob das gut für dich ist, sonst hätte es dieses (vermeintliche) Foto dir ja nicht geschickt.

Man muss sich diesen Irrsinn einmal genau durchdenken. Bis ins Produktdesign hinein. Manuelle Bedienelemente werden soweit wie es nur irgendwie geht verborgen oder weggenommen. Das smarte Gerät weiß ja schließtlich selbst, wann und ob es sich ein- oder auszuschalten hat. Mit der Folge, dass man ausgerechnet bei einem ziemlich teuren Fahrradscheinwerfer den Einschaltknopf nicht findet. Einen Fahrradscheinwerfer braucht man in der Regel aber genau dann, wenn es draußen dunkel und finster ist. Das Produktdesign: Schwarzer Knopf auf schwarzem Hintergrund und möglichst ohne ertastbare Konturen. Es soll irgendwie suggerieren: Du brauchst mich eigentlich nicht! Ich denke ja für dich. Nein. Ich brauche diesen Einschaltknopf. Und zwar genau dann, wenn man Gegenstände nicht richtig sehen kann. Sie aber eben sehen muss.

Dieses Smartness-Versprechen hat auch wenig mit dem Wohlstandsversprechen der Wohlstandsökonomie zu tun. Ein Freund von mir schwärmte neulich von irgendeinem neuen Bediengerät für seine Fernsehanlage. Jetzt brauche er wirklich nur noch sprechen. Und ich hab' so gedacht: W. Dir würde es vielleicht ganz guttun, wenn du ab und zu ein paar Schritte zum Fernsehgerät machen müsstest.

Wenn alles wie durch Zauberhand und von selbst funktionieren soll, dann wird die Zauberhand eben auch mal selbst das Ruder übernehmen.
Ich habe nie in meinem Leben irgendein Volk oder Kollektiv geliebt ... ich liebe in der Tat nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig unfähig (Hannah Arendt)
Uffhausen
Beiträge: 1154
Registriert: Mi 14. Dez 2016, 22:33

Re: Woke: Befreiung von Rassismus, oder identitärer Tugendterror?

Beitragvon Uffhausen » Mo 19. Apr 2021, 18:22

Dark Angel hat geschrieben:(19 Apr 2021, 15:34)
Das Problem ist nicht, dass es den jungen Menschen an etwas mangelt, sondern dass sie zu viel davon haben - nämlich an Fürsorge.

Woran könnte das liegen? Ging es der Elterngeneration als Kind denn so furchtbar schlecht? Oder sind es die Verlockungen des Fortschritts, die Eltern so irre machen? :s

Das geht los mit "mach dich nicht schmutzig", "nimm dich in acht, sei vorsichtig, sonst fällst du", es geht damit weiter, dass Kinder nicht auch mal unbeaufsichtigt spielen, toben dürfen - da kreist Mama, wie ein Helicopter und passt auch, dass der Liebling ja keinen Kratzer abbekommt. Die Tage vieler Kinder sind durchorganisiert, ihre Terminkalender voller als die manches Erwachsenen...

Prima, dass du das auch so kritisch siehst. Da könnte ich so viel drüber erzählen - die (alleinerziehenden) Mütter aus der Nachbarschaft sind der Wahnsinn, was das angeht...und wenn man die drauf anspricht, wie die ihr Verhalten begründen... :eek:

Ich habe mich letztens mal mit einer Kollegin, Mutter eines Kita-Kindes, darüber unterhalten. Ich fragte sie, ob es stimme, was dauernd in Medien behauptet wird - dass die Kinder aufgrund coronabedingter Schließungen von Schulen und Kitas zuhause "verhaltensauffällig" würden. Sie meinte ja und bestätigte desweiteren meine Thesen dazu vollumfänglich: Die Kinder sind es aufgrund Ganztagesbetreuung & Co schlicht nicht mehr gewohnt, zuhause mehr Zeit als nötig zu verbringen; weil sie gar nicht mehr wissen (können) was ein Zuhause ist - "Zuhause" ist nur noch ein Ort, wo sie sich aufhalten können, wenn sie bspw. nicht in der Ganztagesbetreuung sind; wo sie zu essen und zu trinken bekommen, wenn sie nicht in Schule oder Kita sind; wo sie ihre Eltern treffen, wenn diese nicht bei der Arbeit sind usw.
Und nunmehr sind sie an einem Ort "gefangen", den sie ihr Zuhause nennen (müssen?), den sie aber nicht als Zuhause begreifen, bzw. nie begreifen konnten, weil sie diesem schon mit bspw. einem Jahr entzogen und in Ganztagesbetreuung gesteckt wurden, weil die Eltern arbeiten wollten (oder mussten). Auch eine selbstverständliche innige Beziehung zu den Eltern war darum nicht wirklich möglich, wie auch umgekehrt seitens der Eltern zu ihren Kindern.

So beschrieb es auch meine Kollegin - sie, ihr Mann und ihr gemeinsames Kind würden sich durch Corona eigentlich erst "richtig" kennenlernen, mit allen Facetten und somit mit allerhand positiven und negativen Überraschungen. Man habe vor Corona immer leichtfertig von Familie gesprochen, aber man lerne erst jetzt, was Familie überhaupt bedeutet und wie sich Familie anfühlt.

Auch über Erziehung haben wir gesprochen: Darüber haben sie und ihr Mann sich nie wirklich Gedanken gemacht - selbige erfährt das Kind schließlich in der Ganztagesbetreuung! Man selbst muss ja Geld verdienen, hat wenig bis keine Zeit. Das Kind ist werktags so ab fünf, halb sechs zuhause, dann gibt's Abendbrot, eine Stunde Film/Serie oder spielen im Zimmer und dann ab ins Bett. Morgens Stress und Hektik, bis alle aus dem Haus sind. Wochenends ist das Kind viel bei Verwandten, weil sie Eltern auch mal Zeit für sich allein benötigen.

Ich finde das entsetzlich traurig furchtbar erschreckend! Da bin ich froh, dass ich selbst weniger "Wohlstand" erfahren habe - dafür aber "fest im Sattel des Lebens sitzen" lernte = zuhause, von den Eltern (in meinem Fall nur vom Vater). Ganztagesgedöns hatte ich nie; entweder war jemand zuhause, der für mich bspw. kochte, bis ich selbst für mich kochen konnte. Schule war für mich der Ort, wo ich hin musste, obwohl ich lieber zuhause geblieben wäre. Mein zweites Zuhause war die Stadtbibliothek, wo ich all das lernte, was man mir zuhause nicht beibringen konnte und in der Schule nicht beibringen wollte. Zum Glück gab's damals noch kein Internet (zumindest noch lange nicht so, wie wir es heute kennen), sonst wäre ich bestimmt zum Stubenhocker verkommen! :D

...man will seinem Nachwuchs ja schließlich was bieten.

Oooh, das würde ich nicht so sagen - eher will man sich selbst was bieten/anderen was beweisen.

Der Helikoptermutti, die ihr Kind am liebsten bis an den Platz in der Klasse fahren würde, geht es nicht um das Wohl ihres Kindes, sondern um den Eindruck, den sie damit bei anderen Helikoptermuttis hinterlässt: Seht her, wie sicherheitsbewusst ICH bin!

Der Helikopterpapi hat nicht den dicken SUV gekauft, weil er für sich und seine Lieben nur das Beste will, sondern weil er bei den anderen Helikopterpapis angeben will: Schaut her, was ICH mir leisten kann!

Die Helikoptereltern, die ihr Kind nach der Ganztagesbetreuung noch in unzählige Kurse oder Vereine stopfen, beabsichtigen nicht, dass ihr Kind irgendwann mal bessere Chancen im Leben hat, als sie selbst, sondern sie wollen ihrem Umfeld mitteilen: Nehmt euch an UNS ein Beipiel!

Überfürsorgliches Verhalten ggü. des Kindes, wie jenes der sogenannten Helikoptereltern, ist mMn zutiefst egozentrischer Natur. Es gibt Eltern, die versuchen sich selbst über ihre Kinder zu verwirklichen; bzw. ihren Kinder ihr persönliches, aber unerfüllt gebliebenes, Ideal von Kindheit aufzuzwängen = in eben diese Richtung schlägt das elterliche "helikoptern".

Viele junge Leute haben aber nur das "gut gemeint" kennen gelernt und wissen nicht, wie "gut gemacht" funktioniert, deshalb denken sie die Welt ließe sich mit "gut gemeint" ändern, deren Probleme auf diese Weise beseitigen und das bringt dann sowas wie Woke hervor.

Ich verstehe das voll und ganz, jedoch kann ich es schwer nachvollziehen - weil es eben, genauso wie du es darstellst, schlicht nicht logisch ist.

Was meinst du, wie könnte man was daran ändern?

Gegen Schimpf und Schande sind sie ja entweder völlig resistent oder nicht "von schlechten Eltern" (= verbal extremst ausufernd). Sachlicher Diskurs ist nicht weniger zwecklos - weil entweder wieder Resistenz oder "Überbildung" (= viel wissen, aber trotzdem keine Ahnung haben) die Reaktionen sind. Es wäre vielleicht förderlich, ihnen keinen Plattformen zu geben - aber die sozialen Medien sind übermächtig und unbeherrschbar.
"Man kann auf seinem Standpunkt stehen, aber man sollte nicht darauf sitzen." Erich Kästner
Benutzeravatar
TheManFromDownUnder
Beiträge: 5721
Registriert: Do 8. Feb 2018, 04:54
Wohnort: Queensland Australien

Re: Woke: Befreiung von Rassismus, oder identitärer Tugendterror?

Beitragvon TheManFromDownUnder » Di 20. Apr 2021, 02:55

schokoschendrezki hat geschrieben:(19 Apr 2021, 12:28)

Ich weiß es nicht. Im Bereich Operette ist die Situation ja eigentlich noch extremer. Der "Zigeunerbaron" vom Walzerkönig Strauß etwa oder die Csárdásfürstin von Kálmán. Ich höre solches Zeug eigentlich ziemlich häufig. Ich bin aber andererseits auch hochgradig interessiert an historisch-kritischen Einsortierungen.

Der "Zigeunerbaron" zum Beispiel ist keineswegs irgendwie antiziganisch angelegt. Es ist auf der einen Seite Johann Strauß Juniors musikalisch vielleicht bestes Werk. Auf der anderen Seite ist es nationalpatriotisch verseucht. Nie und nimmer würde ich, wäre ich irgendwie an einer realen Aufführung beteiligt, diesen nationalpatriotischen Geist irgendwie historisch korrekt wiedergeben wollen. Ich würde irgendwie versuchen, den großartigen musikalischen gehalt zu würdigen, ebenso wie die eigentlich positive Sicht auf Romas, aber diesen nationalpatriotischen Gehalt als solchen herausstellen und denunzieren. Anders als geschriebene Literatur laden Theater und Bühne ein zu immer wieder Neu-Interpretationen.


Ich bin alles andere als Operettenfan. Denke aber das viele die sich Operetten anhoeren/anschauen diesen Klischee Kitsch lieben.
Support the Australian Republican Movement
Benutzeravatar
Dark Angel
Moderator
Beiträge: 19074
Registriert: Fr 7. Aug 2009, 08:08
Benutzertitel: From Hell

Re: Woke: Befreiung von Rassismus, oder identitärer Tugendterror?

Beitragvon Dark Angel » Di 20. Apr 2021, 10:59

Uffhausen hat geschrieben:(19 Apr 2021, 18:22)

Woran könnte das liegen? Ging es der Elterngeneration als Kind denn so furchtbar schlecht? Oder sind es die Verlockungen des Fortschritts, die Eltern so irre machen? :s

Das liegt daran, dass Eltern von dem Gedanken beseelt sind "mein Kind soll es besser, leichter haben als ich", wobei dieses "besser, leichter" in der gegenwärtigen Wohlatandsgesellschaft sehr diffus und konturenlos ist, Eltern kaum oder gar keine Vorstellung davon haben und/oder sie den Gedanken einfach von ihnen übernommen haben.
Für die Nachkriegsgeneration un die Babyboomer mag diese Vorstellung durchaus noch Berechtigung gehabt haben, heute hat sie das nicht mehr.

Uffhausen hat geschrieben:(19 Apr 2021, 18:22)Prima, dass du das auch so kritisch siehst. Da könnte ich so viel drüber erzählen - die (alleinerziehenden) Mütter aus der Nachbarschaft sind der Wahnsinn, was das angeht...und wenn man die drauf anspricht, wie die ihr Verhalten begründen... :eek:

Oh ich sehe das sehr kritisch, vor allem weil ich sehr oft böse Blicke der Helicoptereltern geerntet habe, wenn ich über die dreckige oder zerrissene Hose bei meinen Enkeln (zwei Jungs - richtige Jungs, keine weichgespülten) kein Wort verloren habe, wenn ich sie aus dem Kindergarten abgeholt habe oder sehr laut verkündet keine Sorge, die Waschmaschine richtet das wieder", wenn mir das Gezeter der Heli-Eltern auf den Keks ging.

Uffhausen hat geschrieben:(19 Apr 2021, 18:22)Ich habe mich letztens mal mit einer Kollegin, Mutter eines Kita-Kindes, darüber unterhalten. Ich fragte sie, ob es stimme, was dauernd in Medien behauptet wird - dass die Kinder aufgrund coronabedingter Schließungen von Schulen und Kitas zuhause "verhaltensauffällig" würden. Sie meinte ja und bestätigte desweiteren meine Thesen dazu vollumfänglich: Die Kinder sind es aufgrund Ganztagesbetreuung & Co schlicht nicht mehr gewohnt, zuhause mehr Zeit als nötig zu verbringen; weil sie gar nicht mehr wissen (können) was ein Zuhause ist - "Zuhause" ist nur noch ein Ort, wo sie sich aufhalten können, wenn sie bspw. nicht in der Ganztagesbetreuung sind; wo sie zu essen und zu trinken bekommen, wenn sie nicht in Schule oder Kita sind; wo sie ihre Eltern treffen, wenn diese nicht bei der Arbeit sind usw.
Und nunmehr sind sie an einem Ort "gefangen", den sie ihr Zuhause nennen (müssen?), den sie aber nicht als Zuhause begreifen, bzw. nie begreifen konnten, weil sie diesem schon mit bspw. einem Jahr entzogen und in Ganztagesbetreuung gesteckt wurden, weil die Eltern arbeiten wollten (oder mussten). Auch eine selbstverständliche innige Beziehung zu den Eltern war darum nicht wirklich möglich, wie auch umgekehrt seitens der Eltern zu ihren Kindern.

So beschrieb es auch meine Kollegin - sie, ihr Mann und ihr gemeinsames Kind würden sich durch Corona eigentlich erst "richtig" kennenlernen, mit allen Facetten und somit mit allerhand positiven und negativen Überraschungen. Man habe vor Corona immer leichtfertig von Familie gesprochen, aber man lerne erst jetzt, was Familie überhaupt bedeutet und wie sich Familie anfühlt.

Ja, das ist ein echtes Problem. Bei manchen Eltern könnte man den Eindruck gewinnen, sie betrachten Kinder als Statussymbol und dass sie sich ständig mit anderen Eltern messen müssen, mit ihnen im Wettkampf stehen.
Ein schrecklicher Gedanke!
Meine beiden Kinder (Sohn und Tochter) waren auch beide in Ganztagsbetreuung, sie wissen dennoch, was ein Zuhause haben, was Familie bedeutet und was eine innige Bindung/Beziehung bedeutet und wie wichtig sie ist.
Wir haben halt nach Möglichkeit jede freie Minute mit unseren Kindern verbracht, eigene Bedürfnisse, Wünsche und sogar Interessen, dem Zusammensein mit unseren Kindern unter geordnet, Hausarbeiten erledigt, wenn die Kinder im Bett waren, auch wenn das bedeutete weniger Zeit für un selbst zu haben.
Wir haben unseren Kindern jedoch auch genügend Freiräume gelassen, in denen sie sich "ausprobieren" konnten, herausfinden, welche Interessen und Hobbies sie sich "zulegen".
Mein Sohn ist nie auf einen Baum geklettert, weil man ja runterfallen könnte, während es keinen Baum gab, auf den meine Tochter nicht geklettert wäre. Wir mussten sie desöffteren von irgendwelchen Bäumen pflücken, weil sie sich nicht mehr runter traute.
Als meine Tochter 15 war, ist sie in einen Segelflugverein eingetreten und hat ihre PPL (C) (Segelflug) gemacht - hat Papa ja schließlich auch gemacht und Mama wurde dann auch infiziert. Mein Sohn war/ist mehr der Bastler/Schrauber.
Und heute lebt die ganze Family in einem Mehrgenerationenhaus, weil meine "Absenker" zu faul waren, sich eine Wohnung zu suchen, stattdessen das Elternhaus lieber um- aus- und angebaut haben. Die Enkel profitieren davon, weil immer jemand da ist, der sich um sie kümmert, etwas mit ihnen unternimmt oder einfach mal den Fahrer macht, wenn sie Freunde im Nachbarort besuchen wollen. Fahrrad ist zu gefährlich, weil keine Radwege vorhanden und ein Autobahnzubringer gekreuzt werden muss.

Uffhausen hat geschrieben:(19 Apr 2021, 18:22)Auch über Erziehung haben wir gesprochen: Darüber haben sie und ihr Mann sich nie wirklich Gedanken gemacht - selbige erfährt das Kind schließlich in der Ganztagesbetreuung! Man selbst muss ja Geld verdienen, hat wenig bis keine Zeit. Das Kind ist werktags so ab fünf, halb sechs zuhause, dann gibt's Abendbrot, eine Stunde Film/Serie oder spielen im Zimmer und dann ab ins Bett. Morgens Stress und Hektik, bis alle aus dem Haus sind. Wochenends ist das Kind viel bei Verwandten, weil sie Eltern auch mal Zeit für sich allein benötigen.

Tja, dass Kinder sehr große Einschränkungen bedeuten, darüber sollte man sich Gedanken machen, bevor man sich Kinder anschafft.

Uffhausen hat geschrieben:(19 Apr 2021, 18:22)Ich finde das entsetzlich traurig furchtbar erschreckend! Da bin ich froh, dass ich selbst weniger "Wohlstand" erfahren habe - dafür aber "fest im Sattel des Lebens sitzen" lernte = zuhause, von den Eltern (in meinem Fall nur vom Vater). Ganztagesgedöns hatte ich nie; entweder war jemand zuhause, der für mich bspw. kochte, bis ich selbst für mich kochen konnte. Schule war für mich der Ort, wo ich hin musste, obwohl ich lieber zuhause geblieben wäre. Mein zweites Zuhause war die Stadtbibliothek, wo ich all das lernte, was man mir zuhause nicht beibringen konnte und in der Schule nicht beibringen wollte. Zum Glück gab's damals noch kein Internet (zumindest noch lange nicht so, wie wir es heute kennen), sonst wäre ich bestimmt zum Stubenhocker verkommen! :D

Es ist nicht nur der Wohlstand, auch viel die Einstellung der Eltern.


Uffhausen hat geschrieben:(19 Apr 2021, 18:22)Oooh, das würde ich nicht so sagen - eher will man sich selbst was bieten/anderen was beweisen.

Da ist was dran, habe ich so noch gar nicht gesehen.

Der Helikoptermutti, die ihr Kind am liebsten bis an den Platz in der Klasse fahren würde, geht es nicht um das Wohl ihres Kindes, sondern um den Eindruck, den sie damit bei anderen Helikoptermuttis hinterlässt: Seht her, wie sicherheitsbewusst ICH bin!

Der Helikopterpapi hat nicht den dicken SUV gekauft, weil er für sich und seine Lieben nur das Beste will, sondern weil er bei den anderen Helikopterpapis angeben will: Schaut her, was ICH mir leisten kann!

Uffhausen hat geschrieben:(19 Apr 2021, 18:22)]Die Helikoptereltern, die ihr Kind nach der Ganztagesbetreuung noch in unzählige Kurse oder Vereine stopfen, beabsichtigen nicht, dass ihr Kind irgendwann mal bessere Chancen im Leben hat, als sie selbst, sondern sie wollen ihrem Umfeld mitteilen: Nehmt euch an UNS ein Beipiel!

Überfürsorgliches Verhalten ggü. des Kindes, wie jenes der sogenannten Helikoptereltern, ist mMn zutiefst egozentrischer Natur. Es gibt Eltern, die versuchen sich selbst über ihre Kinder zu verwirklichen; bzw. ihren Kinder ihr persönliches, aber unerfüllt gebliebenes, Ideal von Kindheit aufzuzwängen = in eben diese Richtung schlägt das elterliche "helikoptern".


Ich verstehe das voll und ganz, jedoch kann ich es schwer nachvollziehen - weil es eben, genauso wie du es darstellst, schlicht nicht logisch ist.

Sind wahrscheinlich beide Sichtweisen richtig, weil wahrscheinlich beide Fälle zutreffen.

Uffhausen hat geschrieben:(19 Apr 2021, 18:22)
Was meinst du, wie könnte man was daran ändern?

Ich habe keine Ahnung
Gegen die menschliche Dummheit sind selbst die Götter machtlos.

Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen
Uffhausen
Beiträge: 1154
Registriert: Mi 14. Dez 2016, 22:33

Re: Woke: Befreiung von Rassismus, oder identitärer Tugendterror?

Beitragvon Uffhausen » Di 20. Apr 2021, 13:32

Dark Angel hat geschrieben:(20 Apr 2021, 10:59)
Bei manchen Eltern könnte man den Eindruck gewinnen, sie betrachten Kinder als Statussymbol...

Häufig hört man: "Kinder muss man sich leisten können!" - das ist sehr viel wahres dran, finde ich.

Klar, Kinder kosten was, daran muss man denken - das war schon immer so und daran wird auch nie was ändern. Brauchen wir beide nicht ausdiskutieren, denke ich. Zumal ich als kinderloser Mann dir als zweifache Mutter da auch "hilflos" ausgeliefert wäre! ;)

Ich finde, es geht in den heutigen Zeiten weniger um den rein finanziellen Aspekt - sondern zunehmend um den generellen = Kinder sollen den bislang einegschlagenen und zukünftig vorgesehenen Lebensweg von Eltern möglichst nicht stören. Nur weil man ein Kind bekommen hat, darf das nicht dazu führen, dass ein Elternteil zuhause bleiben muss, um das Kind zu versorgen. Nur weil man ein Kind hat, darf es nicht dazu führen, dass der Alltagsstress sich erhöht. Nur weil man ein Kind hat, darf das nicht dazu führen, persönliche Gewohnheiten einschränken oder aufgeben zu müssen.

Nein, ein Kind haben muss dazu führen, dass man weiterhin Vollzeit arbeiten und sich auf Karriereabsichten voll und ganz konzentrieren kann. Ein Kind haben muss dazu führen, dass man sich nicht noch zusätzlich mit bspw. zeitraubenden Fahrdiensten zu Kita und Schule rumplagen muss. Ein Kind haben muss dazu führen, dass Mama und Papa weiterhin spontan das machen und lassen können, auf was sie Lust oder Unlust haben.

Ein Kind haben soll in der heutigen Zeit am besten die Möglichkeit garantieren, dass man auch sagen kann, man habe gar kein Kind! Ein Kind soll nicht mehr auffallen - höchstens gefallen, Mami und Papi sich von anderen Mamis und Papis abheben oder unterscheiden wollen.

Eine Bekannte hat mir gegenüber mal gesagt, dass erste, an was sie dachte, als sie erführ, dass sie ein Kind erwarte, war: Krippen-Platz, Kita-Platz, Ganztagesschule. Und dann erzählte sie mir lang und breit, wie schwer das alles war, entsprechende Plätze in jenen Einrichtungen für ihr Kind zu ergattern und es gipfelte in Hasstiraden gegen unsere Politik und ihre Vertreter. Ich habe nichts dazu gesagt - ich dachte mir nur still: Mein Gott: Da bekommt sie sie glückliche Nachricht, dass sie ein Kind bekommt und alles was sie interessiert ist, wie sie ihr Kind wieder los wird... :eek:

Eine benachbarte Erzieherin, die letztes Jahr in den Ruhestand ging, berichtete mir, dass es in den Jahrzehnten immer schwieriger wurde, Eltern für bspw. Elternabende zu begeistern, bei welchen die Einrichtung bspw. über ihre Konzepte, Beobachtungen, Planungen usw. berichten. Und es läge nicht daran, dass die Eltern immer weniger Zeit hätten - sie haben schlicht weniger Interesse = an ihren Kindern.

Anfang des Jahres wurde bei uns beschlossen, die städtischen Kita-Gebühren anzuheben - weil es Beschwerden seitens Prüfungsorganen gab, bspw. über die Qualität der Mahlzeiten, das wolle man nun verbessern, außerdem mehr Personal einstellen (Hauswirtschaftskräfte, damit die Erzieherinnen sich ganz auf die Kinder konzentrieren können und nicht nebenher noch bspw. Küchen putzen müssen) und insgsamt wolle man die ErzieherInnen auch und endlich besser entlohnen = Folge: Massiver, wochenlanger (erfolgloser) Elternprotest auf den Straßen. In (meinen) Worten: Kindeswohl darf nichts kosten. Könnte ja die teure Urlaubsreise gefährden, wo Mami schon immer mal hin wollte...oder die Anschaffung eines neuen Fernsehers, von dem Papi schon so lange träumt...

Ich weiß es nicht - ist das nur meine Meinung? Freut man sich heutzutage gar nicht, dass man Kinder hat? Freut man sich nur noch, wenn man seine Kinder frühstmöglich irgendwo in Betreuung und Erziehung gaben kann und Ruhe vor ihnen hat? Was sind das heutzutage für Eltern - was sind das für Menschen?

Und heute lebt die ganze Family in einem Mehrgenerationenhaus, weil meine "Absenker" zu faul waren, sich eine Wohnung zu suchen, stattdessen das Elternhaus lieber um- aus- und angebaut haben. Die Enkel profitieren davon, weil immer jemand da ist, der sich um sie kümmert, etwas mit ihnen unternimmt oder einfach mal den Fahrer macht, wenn sie Freunde im Nachbarort besuchen wollen.

:thumbup: In meinen Augen einfach nur PERFEKT - oder wie würdest du es beschreiben?
"Man kann auf seinem Standpunkt stehen, aber man sollte nicht darauf sitzen." Erich Kästner
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 16642
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 16:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Woke: Befreiung von Rassismus, oder identitärer Tugendterror?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 20. Apr 2021, 16:33

TheManFromDownUnder hat geschrieben:(20 Apr 2021, 02:55)

Ich bin alles andere als Operettenfan. Denke aber das viele die sich Operetten anhoeren/anschauen diesen Klischee Kitsch lieben.

Ein "Operettenfan" bin ich auch nicht. Schon weil ich diesem Phänomen "Fankultur" ganz allgemein sehr sehr kritisch gegenüberstehe. "Fans" wissen irgendwie nur nicht, wie sie sich selbst zu Attraktionen machen. Und suchen von daher die Anregung durch irgendein Fantum. "Ich bin Fan von Borussia Mönchengladbach" oder - völlig egal - irgendeinem anderen Fußballclub oder irgendeiner Schlagersängerin ... das ist für mich eine Art von Selbstaufgabe. Ich höre trotzdem Operettenmelodien. Einer meiner Lieblings-TV-Sender ist das tschechische Slagr-TV 2 und eines meiner Lieblings Radiosender ist das ungarische Dankó Radió. Ich habe eine Faszination dafür. Auch wenn die entsprechende Musik absolut nicht meinem persönlichen Geschmack entspricht. Bei Slagr-TV-2 gibts tschechische Polkas aus dem Böhmerwald. Gruselig zum Teil. Absurd zum Teil. Leonard Cohens "Hallelujah" als Blasmusikpolka mit Böhmerwaldmädeln in Volkstrachten. Ich bin fasziniert! Bei "Dankó Radió" gibts etwas, was sich "Magyar Nóta" nennt. Eine Mischung aus Operette, Schlager und dem, was man im Allgemeinen für "Zigeunermusik" hält. Ich bin nicht weniger fasziniert. Und gleichzeitig abgeschreckt.

So. Und worum gehts hier eigentlich? Um "Woke". Das identitäre "Erwachtsein". Ich bin konträr dagegen! Total! Allerdings nicht aus einer politisch konservativen Haltung sondern aus einem individualistischen Liberalismus heraus.
Ich habe nie in meinem Leben irgendein Volk oder Kollektiv geliebt ... ich liebe in der Tat nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig unfähig (Hannah Arendt)
Benutzeravatar
Dark Angel
Moderator
Beiträge: 19074
Registriert: Fr 7. Aug 2009, 08:08
Benutzertitel: From Hell

Re: Woke: Befreiung von Rassismus, oder identitärer Tugendterror?

Beitragvon Dark Angel » Di 20. Apr 2021, 17:13

Uffhausen hat geschrieben:(20 Apr 2021, 13:32)
Häufig hört man: "Kinder muss man sich leisten können!" - das ist sehr viel wahres dran, finde ich.

Ja, da ist was dan. Man muss sich Kinder aber auch leisten wollen.
Kinder bedeuten nunmal Verzicht - in vieler Hinsicht, sie bedeuten allerdings auch jede Menge Freude.


Uffhausen hat geschrieben:(20 Apr 2021, 13:32)Ich finde, es geht in den heutigen Zeiten weniger um den rein finanziellen Aspekt - sondern zunehmend um den generellen = Kinder sollen den bislang einegschlagenen und zukünftig vorgesehenen Lebensweg von Eltern möglichst nicht stören. Nur weil man ein Kind bekommen hat, darf das nicht dazu führen, dass ein Elternteil zuhause bleiben muss, um das Kind zu versorgen. Nur weil man ein Kind hat, darf es nicht dazu führen, dass der Alltagsstress sich erhöht. Nur weil man ein Kind hat, darf das nicht dazu führen, persönliche Gewohnheiten einschränken oder aufgeben zu müssen.

Nein, ein Kind haben muss dazu führen, dass man weiterhin Vollzeit arbeiten und sich auf Karriereabsichten voll und ganz konzentrieren kann. Ein Kind haben muss dazu führen, dass man sich nicht noch zusätzlich mit bspw. zeitraubenden Fahrdiensten zu Kita und Schule rumplagen muss. Ein Kind haben muss dazu führen, dass Mama und Papa weiterhin spontan das machen und lassen können, auf was sie Lust oder Unlust haben.

Ja, da stimme ich zu und sage gleichzeitig etwas kanz phöses: So wichtig Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch ist und wie sehr da noch Manches im Argen liegt, aber an dieser Einstellung ist die Politik, sind vor allem so genannte Feministinnen und Gender"forscher" nicht unschuldig, wenn sie Frauen eine permanente Opferrolle einreden, wenn sie Frauen einreden, wie benachteiligt sie doch sind, wenn sie sich für Familie/Kinder entscheiden und ganz bewusst einen "Karriereknick" in Kauf nehmen.
Frag mal Userin Selina, die wird dir bestätigen, dass Frauen, die sich frei und eigenverantwortlich für Kinder entscheiden und ihnen temporär den Vorrang vor der Karriere geben, vom "Patriarchat" dazu gezwungen werden und in eine ganz bestimmte soziale Rolle gedrängt werden.
Dass Frauen das freiwillig und selbstbestimmt tun, kommt ihnen nicht in den Sinn, weil das einfach nicht sein darf.
Und leider fallen viele junge Frauen auf dieses Geschwätz herein und nehmen ihre freie Entscheidung nicht mehr als solche wahr.
Das ist das eigentliche Problem.

Uffhausen hat geschrieben:(20 Apr 2021, 13:32)Ein Kind haben soll in der heutigen Zeit am besten die Möglichkeit garantieren, dass man auch sagen kann, man habe gar kein Kind! Ein Kind soll nicht mehr auffallen - höchstens gefallen, Mami und Papi sich von anderen Mamis und Papis abheben oder unterscheiden wollen.

Ja da ist was dran. Kinder werden als kleine Erwachsene betrachtet und sollen sich gefälligst auch so verhalten.
Das gab es schon mal und gibt es jetzt wieder. Kinder dürfen nicht mehr Kinder sein - ist zu anstrengend.

Uffhausen hat geschrieben:(20 Apr 2021, 13:32)Eine Bekannte hat mir gegenüber mal gesagt, dass erste, an was sie dachte, als sie erführ, dass sie ein Kind erwarte, war: Krippen-Platz, Kita-Platz, Ganztagesschule. Und dann erzählte sie mir lang und breit, wie schwer das alles war, entsprechende Plätze in jenen Einrichtungen für ihr Kind zu ergattern und es gipfelte in Hasstiraden gegen unsere Politik und ihre Vertreter. Ich habe nichts dazu gesagt - ich dachte mir nur still: Mein Gott: Da bekommt sie sie glückliche Nachricht, dass sie ein Kind bekommt und alles was sie interessiert ist, wie sie ihr Kind wieder los wird... :eek:

Die Adresse ist schon die Richtige, aber die Schlussfolgerung ist die Falsche.
Die Politik ist schuld daran, dass sie sich nicht auf ihr Kind freut/freuen kann, sondern nur die Probleme sieht, die scheinbar auf sie zukommen. Nicht der Staat, die Politik sind für die Erziehung und Sozialisation/Beibringen von Sozialkompetenzen verantwortlich, sondern die Eltern.
Das wird jungen Menschen allerdings nicht (mehr) vermittelt.
Naja - ich war damals auch nicht sehr glücklich, als ich zum ersten Mal erfuhr, dass ich schwanger bin, weil ich gerade mitten im Studium steckte und dieses nicht unterbrechen wollte. Ich habe nach Lösungen gesucht, wie ich mein Studium vorzeitig abschließen kann und habe die Ochsentour gewählt, zwei Semester parallel zu belegen und meine Diplomarbeit zu schreiben, damit ich mich dann meinem Kind widmen kann.

Uffhausen hat geschrieben:(20 Apr 2021, 13:32)]Eine benachbarte Erzieherin, die letztes Jahr in den Ruhestand ging, berichtete mir, dass es in den Jahrzehnten immer schwieriger wurde, Eltern für bspw. Elternabende zu begeistern, bei welchen die Einrichtung bspw. über ihre Konzepte, Beobachtungen, Planungen usw. berichten. Und es läge nicht daran, dass die Eltern immer weniger Zeit hätten - sie haben schlicht weniger Interesse = an ihren Kindern.

Das trifft sicherlich auf einige zu, aber nicht auf alle.

Uffhausen hat geschrieben:(20 Apr 2021, 13:32)Anfang des Jahres wurde bei uns beschlossen, die städtischen Kita-Gebühren anzuheben - weil es Beschwerden seitens Prüfungsorganen gab, bspw. über die Qualität der Mahlzeiten, das wolle man nun verbessern, außerdem mehr Personal einstellen (Hauswirtschaftskräfte, damit die Erzieherinnen sich ganz auf die Kinder konzentrieren können und nicht nebenher noch bspw. Küchen putzen müssen) und insgsamt wolle man die ErzieherInnen auch und endlich besser entlohnen = Folge: Massiver, wochenlanger (erfolgloser) Elternprotest auf den Straßen. In (meinen) Worten: Kindeswohl darf nichts kosten. Könnte ja die teure Urlaubsreise gefährden, wo Mami schon immer mal hin wollte...oder die Anschaffung eines neuen Fernsehers, von dem Papi schon so lange träumt...

Tja, bei manchen Eltern gibt es nur noch eine Reaktion -Kopf meets Tischplatte.

Uffhausen hat geschrieben:(20 Apr 2021, 13:32)Ich weiß es nicht - ist das nur meine Meinung? Freut man sich heutzutage gar nicht, dass man Kinder hat? Freut man sich nur noch, wenn man seine Kinder frühstmöglich irgendwo in Betreuung und Erziehung gaben kann und Ruhe vor ihnen hat? Was sind das heutzutage für Eltern - was sind das für Menschen?

Darauf habe ich auch keine Antwort, aber ich denke dafür ist die gegenwärtige Politik bzw Ideologie verantwortlich u.a. auch wokeness


Uffhausen hat geschrieben:(20 Apr 2021, 13:32):thumbup: In meinen Augen einfach nur PERFEKT - oder wie würdest du es beschreiben?

Nun, perfekt ist es nicht, bringt aber m.M.n. mehr Vorteile als Nachteile, weil jeder für den anderen da ist, wenn er gebraucht wird, weil es Zusammenhalt und Gemeinschaftsgefühl (pfui, kanz phöhse gibt, weil es hilft schwierige Situationen besser zu meistern u.v.m., aber es herrscht nicht Friede, Freude Eierkuchen, Meinungsverschiedenheiten gibt es durchaus, auch mal nen handfesten Streit, aber im Großen Ganzen, ist das schon toll.
Gegen die menschliche Dummheit sind selbst die Götter machtlos.

Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen
Benutzeravatar
Billie Holiday
Beiträge: 20681
Registriert: Mi 11. Jun 2008, 11:45
Benutzertitel: Mein Glas ist halbvoll.
Wohnort: Schleswig-Holstein, meerumschlungen

Re: Woke: Befreiung von Rassismus, oder identitärer Tugendterror?

Beitragvon Billie Holiday » Di 20. Apr 2021, 17:41

schokoschendrezki hat geschrieben:(20 Apr 2021, 16:33)

Ein "Operettenfan" bin ich auch nicht.
Schon weil ich diesem Phänomen "Fankultur" ganz allgemein sehr sehr kritisch gegenüberstehe. "Fans" wissen irgendwie nur nicht, wie sie sich selbst zu Attraktionen machen. Und suchen von daher die Anregung durch irgendein Fantum. "Ich bin Fan von Borussia Mönchengladbach" oder - völlig egal - irgendeinem anderen Fußballclub oder irgendeiner Schlagersängerin ... das ist für mich eine Art von Selbstaufgabe. Ich höre trotzdem Operettenmelodien. Einer meiner Lieblings-TV-Sender ist das tschechische Slagr-TV 2 und eines meiner Lieblings Radiosender ist das ungarische Dankó Radió. Ich habe eine Faszination dafür. Auch wenn die entsprechende Musik absolut nicht meinem persönlichen Geschmack entspricht. Bei Slagr-TV-2 gibts tschechische Polkas aus dem Böhmerwald. Gruselig zum Teil. Absurd zum Teil. Leonard Cohens "Hallelujah" als Blasmusikpolka mit Böhmerwaldmädeln in Volkstrachten. Ich bin fasziniert! Bei "Dankó Radió" gibts etwas, was sich "Magyar Nóta" nennt. Eine Mischung aus Operette, Schlager und dem, was man im Allgemeinen für "Zigeunermusik" hält. Ich bin nicht weniger fasziniert. Und gleichzeitig abgeschreckt.

So. Und worum gehts hier eigentlich? Um "Woke". Das identitäre "Erwachtsein". Ich bin konträr dagegen! Total! Allerdings nicht aus einer politisch konservativen Haltung sondern aus einem individualistischen Liberalismus heraus.


Klar, alle anderen Fans, die ein Musik-Genre oder eine Sportart gern haben, sind doof. :rolleyes:
Dein Fan-Sein ist was gaaaaanz anderes. :dead:
Wer mich beleidigt, bestimme ich.
K. Kinski
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 16642
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 16:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Woke: Befreiung von Rassismus, oder identitärer Tugendterror?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 20. Apr 2021, 18:50

Billie Holiday hat geschrieben:(20 Apr 2021, 17:41)

Klar, alle anderen Fans, die ein Musik-Genre oder eine Sportart gern haben, sind doof. :rolleyes:
Dein Fan-Sein ist was gaaaaanz anderes. :dead:


Das Phänomen "Fantum", "Fankultur" ... ganz egal wofür ... sollte man durchaus kritisch sehen. Oder überhaupt mal von seinem Kern und von seiner Entstehung her beleuchten. Woher kommt das eigentlich? Ich bin mir sicher, dass die Entstehung dieses Phänomens "Fankultur" eigentlich und an sich Ausdruck einer ganz bestimmten gesellschaftlichen Entwicklung ist. Die überwältigten Teenager bei den Beatles-Konzerten Anfang der 60er ... das war noch keine Fankultur. Die waren wirklich überwältigt. Einfach so. Ohne Vorbereitung. Ab irgendeinem Zeitpunkt zwischen 1960 und 2000 muss irgendsoetwas entstanden sein wie "Fankultur". Die Vermutung liegt nahe, dass dies mit der Kommerzialisierung des Verkaufs entsprechender "Fanartikel" zu tun hat.
Ich habe nie in meinem Leben irgendein Volk oder Kollektiv geliebt ... ich liebe in der Tat nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig unfähig (Hannah Arendt)
Benutzeravatar
Billie Holiday
Beiträge: 20681
Registriert: Mi 11. Jun 2008, 11:45
Benutzertitel: Mein Glas ist halbvoll.
Wohnort: Schleswig-Holstein, meerumschlungen

Re: Woke: Befreiung von Rassismus, oder identitärer Tugendterror?

Beitragvon Billie Holiday » Di 20. Apr 2021, 19:02

schokoschendrezki hat geschrieben:(20 Apr 2021, 18:50)

Das Phänomen "Fantum", "Fankultur" ... ganz egal wofür ... sollte man durchaus kritisch sehen. Oder überhaupt mal von seinem Kern und von seiner Entstehung her beleuchten. Woher kommt das eigentlich? Ich bin mir sicher, dass die Entstehung dieses Phänomens "Fankultur" eigentlich und an sich Ausdruck einer ganz bestimmten gesellschaftlichen Entwicklung ist. Die überwältigten Teenager bei den Bealtes-Konzerten Anfang der 60er ... das war noch keine Fankultur. Die waren wirklich überwältigt. Einfach so. Ohne Vorbereitung. Ab irgendeinem Zeitpunkt zwischen 1960 und 2000 muss irgendsoetwas entstanden sein wie "Fankultur". Die Vermutung liegt nahe, dass dies mit der Kommerzialisierung des Verkaufs entsprechender "Fanartikel" zu tun hat.


Dass andere ihre Musik / ihren Sport so nüchtern betrachten wie du ist undenkbar? Fan zu sein heißt doch nur, eine Mannschaft oder bestimmte Musikrichtungen sehr gern zu haben. Was das mit Selbstaufgabe zu tun hat, wird dein Geheimnis bleiben. Also ich bleibe ich, ob ich nun Chet Baker oder Korn höre.
Du scheinst ein großes Bedürfnis zu haben, dich in allem abzugrenzen. Sogar das Gern-haben bestimmter Genre/Sportarten bedeutet bei anderen Menschen Selbstaufgabe, bei dir intellektuelle Hinwendung.
Klingt alles ein büschn überkandidelt.

Vielleicht fehlt mir auch der intellektuelle Zugang. :D
Wer mich beleidigt, bestimme ich.
K. Kinski
Uffhausen
Beiträge: 1154
Registriert: Mi 14. Dez 2016, 22:33

Re: Woke: Befreiung von Rassismus, oder identitärer Tugendterror?

Beitragvon Uffhausen » Di 20. Apr 2021, 19:52

Dark Angel hat geschrieben:(20 Apr 2021, 17:13)
Ja, da stimme ich zu und sage gleichzeitig etwas kanz phöses: So wichtig Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch ist und wie sehr da noch Manches im Argen liegt, aber an dieser Einstellung ist die Politik, sind vor allem so genannte Feministinnen und Gender"forscher" nicht unschuldig, wenn sie Frauen eine permanente Opferrolle einreden, wenn sie Frauen einreden, wie benachteiligt sie doch sind, wenn sie sich für Familie/Kinder entscheiden und ganz bewusst einen "Karriereknick" in Kauf nehmen.

Ich würde die frauenfördernde Politik und das feministische Aufbegehren getrennt voneinander betrachten - ersteres empfinde ich als eine Entwicklung aufgrund ganz bestimmter politischer Absichten (siehe unten); letzteres ist für mich eine zufällig gleichzeitig auftretende Erscheinung aufgrund der wachsenden Macht sozialer Medien. Natürlich sind im Lauf der Jahre gewisse Verknüpfungen entstanden, aber ich würde keinesfalls von gegenseitiger Abhängigkeit sprechen.

Meine Beobachtungen sind folgende: Angefangen hat es mit diesen PISA-Studien, wo sich deutsche Kinder/Schüler in manchen Fächern/Bereichen "dümmer" als bspw. skandinavische Kinder/Schüler entpuppten. Meiner Meinung nach hätte hierfür die Bildungspolitik reformiert werden müssen, das hätte aber zur Folge gehabt, dass sich die Politik diesbezüglich Fehler und Versäumnisse eingestehen hätte müssen. Stattdessen hat die Politik nach Schuld und Verantwortlichen gesucht - und gefunden = Eltern. Die interssieren sich zu wenig um den Wissensstand ihrer Kinder, können ihnen nicht bei den Hausaufgaben helfen usw. - kein Wunder also, dass Deutschland bzgl. der Bildung seiner Kinder vor der Welt so blamabel dasteht.

Das Schulsystem hat ein paar nichtsnutzige Aufhübschungen bekommen (bspw. Abschaffung der Hauptschule), aber am Bildungssystem selbst hat man eben nichts ändern wollen - im Gegenteil, man hat es sogar noch ausgebaut = Ganztagesschule! Das birgt sogar gleich mehrere politische (!) Vorzüge:

- Die Kinder/Schüler müssen bei schulischen Problemen nicht mehr ihren "dummen" Eltern ausgesetzt werden - jetzt helfen ihnen die gebildete, studierte Fachmenschen (Lehrer) bei den Aufgaben.

- Die "dummen" Eltern kann man zum arbeiten und Geld verdienen schicken; die haben ja jetzt Zeit, müssen ihre Schulkinder nicht mehr daheim beaufsichtigen oder ihnen bei den Hausaufgaben helfen.

- Wenn die Eltern wieder oder mehr arbeiten gehen, bringt das gleichbleibende bis höhere Steuereinahmen und hübscht die unschönen Arbeits-Statistiken auf.

- Wieder oder mehr arbeitende Eltern verfügen über ein stabiles bis steigendes Einkommen, können somit ggf. mehr Geld in die Wirtschaft pumpen; das sorgt wiederrum für noch mehr Steuern und noch hübschere Statistiken.

- Bei Kleinkindern muss das natürlich ebenfalls so angegangen werden: Aus Kindergärten werden Kindertagesstätten, aus KindergärtnerInnen werden ErzieherInnen; Eltern sollen so früh wie möglich wieder arbeiten gehen, Geld verdienen, für steigende Steuereinnahmen sorgen, für noch bessere Statisiken sorgen, noch mehr Geld ausgeben können, noch mehr die Wirtschaft stärken,... und um Gotteswillen bloß nicht daheim rumsitzen und gar das Familienleben genießen! Aus glücklichen Familien kann die Politik schließlich keinen Profit rausschlagen!

Ich hoffe, du verstehst, was ich meine - die Liste ließe sich noch weiter fortführen. Ich finde die derzeitige Familienpolitik alles andere als familien- und kinderfreundlich: Wäre sie es jeweils doch, würde sie doch Familien versuchen zu stärken, anstatt sie - wie oben beschrieben - auseinander zu reißen. Oder sie würde Schulen/Kitas gebäude- und ausstattungstechnisch fördern, anstatt alles erstmal gründlich vergammeln zu lassen.
Auch bzgl. Frauen wird eben so gedacht - sie sollen der Arbeits- und Wirtschaftspolitik einen Vorteil verschaffen, statt sich um ihre Kinder zu kümmern. Es geht ganz bestimmt nicht darum, frauenfeindliche Rollen- oder Familienbilder aus dem gesellschaftlichen Denken zu beseitigen. So sehe ich das zumindest.

Es geht der Politik letztendlich immer nur um die (nächsten) Wahlen - und womit versucht sie dann Eindruck beim Wähler zu schinden? Richtig, u. a. mit hübschen Statistiken. Sie könnte auch zu den Familien/Kindern/Frauen gehen und fragen, ob sie glücklich sind... nee, lieber nicht! :dead: Drum würde sie das auch nie tun.

Wahl (= Schein) oder Wohl (= Sein). Das ist leider die Frage! ;)

Frag mal Userin Selina,...

Ach, die Selina... für mich steht mittlerweile fest, dass sie nicht selber denkt, sondern nur Gedanken von anderen übernimmt. Gedanken! Keine Tatsachen/Fakten/Beweise, wohlbemerkt! Braucht nur jemand zu denken: So finde ich das. Dann kommt Selina an und meint: Und so ist das auch! :rolleyes:

Kinder werden als kleine Erwachsene betrachtet und sollen sich gefälligst auch so verhalten.

Finde ich jetzt nicht - sie dürfen schon Kinder sein (bzw. sollen; wie du schon korrekt vermerkt hast, Kinder bedeuten einen gewissen gesellschaftlichen Status) = aber sie müssen FUNKTIONIEREN: Sie dürfen nichts kosten, keinen Ärger machen, nicht im Weg stehen usw., aber nett anzuschauen, die Erwachsenen bei Bedarf zum Lachen bringen, bei anderen Eltern für Neid und Eifersucht sorgen usw. das bitte gerne. Dressiert wie die Tiere. So sollen Kinder heute sein.

Zusammenhalt und Gemeinschaftsgefühl (pfui, kanz phöhse

:D :thumbup: Genau DAS wollte ich lesen!
"Man kann auf seinem Standpunkt stehen, aber man sollte nicht darauf sitzen." Erich Kästner
Benutzeravatar
Selina
Beiträge: 16181
Registriert: Do 29. Sep 2016, 15:33

Re: Woke: Befreiung von Rassismus, oder identitärer Tugendterror?

Beitragvon Selina » Di 20. Apr 2021, 20:09

Da ich hier dauernd erwähnt werde, ohne irgendeinen Anteil an der Diskussion zu haben: Nö, mich engt überhaupt nix ein, weder irgendein Patriarchat noch eine Genderforschung. Niemand erklärte mich zum Opfer und ich finde auch nicht, dass der Feminismus andere zu Opfern erklärt. Es geht einfach um Chancengleichheit. Nicht mehr und nicht weniger. Dass die auch in D noch lange nicht 100prozentig vorhanden ist, haben wir in entsprechenden Threads ausführlich besprochen. Stichwort Care-Arbeit, wofür immer noch in übergroßem Maße alleine die Frauen zuständig sind. Unbezahlt.
Drüben im Walde kängt ein Guruh - Warte nur balde kängurst auch du. Joachim Ringelnatz
Benutzeravatar
Billie Holiday
Beiträge: 20681
Registriert: Mi 11. Jun 2008, 11:45
Benutzertitel: Mein Glas ist halbvoll.
Wohnort: Schleswig-Holstein, meerumschlungen

Re: Woke: Befreiung von Rassismus, oder identitärer Tugendterror?

Beitragvon Billie Holiday » Di 20. Apr 2021, 20:23

Selina hat geschrieben:(20 Apr 2021, 20:09)

Da ich hier dauernd erwähnt werde, ohne irgendeinen Anteil an der Diskussion zu haben: Nö, mich engt überhaupt nix ein, weder irgendein Patriarchat noch eine Genderforschung. Niemand erklärte mich zum Opfer und ich finde auch nicht, dass der Feminismus andere zu Opfern erklärt. Es geht einfach um Chancengleichheit. Nicht mehr und nicht weniger. Dass die auch in D noch lange nicht 100prozentig vorhanden ist, haben wir in entsprechenden Threads ausführlich besprochen. Stichwort Care-Arbeit, wofür immer noch in übergroßem Maße alleine die Frauen zuständig sind. Unbezahlt.


Wer hat ihnen (den Frauen) die Zuständigkeit übertragen? Die bösen Männer, gell.
Nun, herrscht in D Zwangsarbeit? Sind Frauen unmündig, hilflos, unfähig und wehrlos?
Wer mich beleidigt, bestimme ich.
K. Kinski

Zurück zu „8. Gesellschaft“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 4 Gäste