Das Manifesto-Projekt zur Auswertung von Wahlprogrammen

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Das Manifesto-Projekt zur Auswertung von Wahlprogrammen

Beitragvon Brainiac » So 25. Aug 2019, 16:34

Vielleicht kennt es der eine oder andere schon - aber falls noch nicht, möchte ich hiermit über diese interessante Datenbank aus dem politikwissenschaftlichen Umfeld informieren, da ich hierzu keinen Strang gefunden habe.

Im Manifesto-Projekt, finanziert vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), wurden und werden Wahlprogramme von Parteien aus aller Welt systematisch ausgewertet und anhand verschiedener Kategorien eingeordnet.

Diese Kategorien sind recht detailliert, es sind insgesamt Hunderte, und reichen von "Anti-Imperialism" bis zu "Traditional Morality". Siehe hier: https://manifesto-project.wzb.eu/coding_schemes/mp_v5

Man kann sich die Auswertungen herunterladen oder online auswerten, wie auch sämtliche Wahlprogramme und Analysen derselben: https://manifesto-project.wzb.eu/

Da die Systematik recht komplex ist, ist es einfacher, die Daten online zu browsen. Ich habe das gerade mal beispielhaft gemacht für die hier im Forum oft diskutierte These, ob die CDU/CSU nach links gerückt seien - es gibt einen zusammenfassenden rechts/links-Indikator je Wahlprogramm, der aus der Aufsummierung bestimmter Einzelindikatoren berechnet wird. Das kann man sich so anschauen:

  • https://manifesto-project.wzb.eu/
  • Data -> Explore
  • Links oben den Zeitraum begrenzen, zB seit 1995
  • Darunter in "Restrict to some countries": "Germany"
  • Darunter in "Restrict to some parfams": "Christian democratic parties"
  • Darunter in "Choose indicators": "right-left position"

Und ja, die Auswertung zeigt nun tatsächlich, dass nach dieser Systematik die Union von relativ rechts (> 20) zur Mitte (fast 0) gerückt sei. :|

Dem kann man nun folgen, oder nicht. ;) Unter "Data" sowie "Corpus % Documents" ist detailliert die gesamte Systematik dokumentiert, incl der Wahlprogramme sebst sowie einer Zuordnung im Detail, welche Aussage eines Wahlprogramms in welche Kategorie fiel. Man kann danach mit einiger Mühe en detail nachvollziehen, wie das Projekt zu dieser Einordnung gekommen ist. Das Verfahren wurde so weit wie möglich versucht zu objektivieren, natürlich bleiben aber dennoch die Einordnungen einzelner Aussagen subjektiv und angreifbar. (So wird beispielsweise ein Eintreten für "Freedom and Human Rights" als "rechts" eingestuft. :? :? ). Ich finde das Ganze trotzdem recht interessant und anregend. Immerhin hat das Projekt in 2003 in den USA einen Award erhalten, wie beim WZB zu lesen ist.
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Re: Das Manifesto-Projekt zur Auswertung von Wahlprogrammen

Beitragvon MG-42 » So 25. Aug 2019, 17:13

Das Projekt ist sehr empfehlenswert. Wie man auch immer zu den Definitionen steht, es ist hilfreich die verschiedenen Aspekte, wie sie in der Politikwissenschaft definiert werden, kennenzulernen.

Es ist sicherlich interessant das die Union schon seit Jahren nach links driftet, während die Konservativen in den USA nach rechts driften.

PS: "Freedom and human rights" war oft ein Vorwand für militärische Interventionen und wurde daher in den USA als eher rechts angesehen. Kulturelle Unterschiede sorgen halt für unterschiedliche Interpretationen der englischen Begriffe, die die Fachwelt dominieren.
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Re: Das Manifesto-Projekt zur Auswertung von Wahlprogrammen

Beitragvon Brainiac » So 25. Aug 2019, 17:28

MG-42 hat geschrieben:(25 Aug 2019, 17:13)
PS: "Freedom and human rights" war oft ein Vorwand für militärische Interventionen und wurde daher in den USA als eher rechts angesehen. Kulturelle Unterschiede sorgen halt für unterschiedliche Interpretationen der englischen Begriffe, die die Fachwelt dominieren.

Danke für die Aufklärung. ;) Dennoch erstaunlich, dass dieses aus Deutschland finanzierte Projekt diese Einordnung auch für europäische Staaten übernommen hat. Vielleicht schreibe ich denen mal eine Mail dazu.
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Re: Das Manifesto-Projekt zur Auswertung von Wahlprogrammen

Beitragvon H2O » Mo 26. Aug 2019, 13:39

Müßte man nicht auch den Wandel einer Gesellschaft mitnehmen, um die politische Position einer Partei in dieser Gesellschaft bewerten zu können? Ein Wahlprogramm entsteht doch, weil Parteien Zustimmung zu Vorschlägen suchen, wie sie Wünsche der Mitbürger umsetzen möchten.

Wenn also jetzt festgestellt wird, daß eine ehemals "rechts" verortete Partei nach "links" gerutscht ist, dann vermute ich, daß dies für den Rest der Mitbürger auch gilt. Daß also unsere Gesellschaft eher bereit ist, bisher gültige Standpunkte auf zu weichen oder sogar zu verlassen.
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Re: Das Manifesto-Projekt zur Auswertung von Wahlprogrammen

Beitragvon Brainiac » Mo 26. Aug 2019, 14:43

H2O hat geschrieben:(26 Aug 2019, 13:39)

Müßte man nicht auch den Wandel einer Gesellschaft mitnehmen, um die politische Position einer Partei in dieser Gesellschaft bewerten zu können? Ein Wahlprogramm entsteht doch, weil Parteien Zustimmung zu Vorschlägen suchen, wie sie Wünsche der Mitbürger umsetzen möchten.

Wenn also jetzt festgestellt wird, daß eine ehemals "rechts" verortete Partei nach "links" gerutscht ist, dann vermute ich, daß dies für den Rest der Mitbürger auch gilt. Daß also unsere Gesellschaft eher bereit ist, bisher gültige Standpunkte auf zu weichen oder sogar zu verlassen.

Die Anmerkung ist natürlich berechtigt. Ich habe gerade mal nach der Entwicklung der anderen Parteien seit 1995 geschaut, da ja der Gesamtdurchschnitt den gesellschaftlichen Trend abbilden sollte. Für die SPD gilt in der Tat ein ähnlicher "Linksdrall", für die Grünen und die Linke auch leicht, für die FDP ist das Bild hingegen nicht so klar und ziemlich schwankend.

Da müsste man ins Detail gehen, um zu verstehen, durch welche Veränderungen von Einzelindikatoren die Veränderungen des rechts/links-Indikators erfolgten, und dann die Aussagen aus den Wahlprogrammen nachvollziehen, die dazu führten.

Wenn man diesen Trends Glauben schenkt, ist aber die These, SPD und Union seien schwerer zu unterscheiden als früher, jedenfalls NICHT zutreffend. Beide sind nach links gerückt, aber der Abstand ist in etwa gleich geblieben.

Interessante Details: Das Wahlprogramm der Grünen war nach dieser Methodik genau dann etwas weniger links, als sie an der Regierung waren; gleiches gilt für die SPD. ;) Und das der FDP war 2013, als sie an der Regierung war, weiter rechts als 2009 und 2017. ;)
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Re: Das Manifesto-Projekt zur Auswertung von Wahlprogrammen

Beitragvon H2O » Mo 26. Aug 2019, 16:19

Interessante Details: Das Wahlprogramm der Grünen war nach dieser Methodik genau dann etwas weniger links, als sie an der Regierung waren; gleiches gilt für die SPD. ;) Und das der FDP war 2013, als sie an der Regierung war, weiter rechts als 2009 und 2017.


Ja, in der Verantwortung sind die meisten Menschen sehr viel vorsichtiger, als wenn sie für ihre Forderungen nicht gerade stehen müssen. Ging mir auch so, als ich Verantwortung übernommen hatte... :p

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