Debattenkultur, Meinungsunterdrückung, Gender und Verwandtes

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naddy
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Debattenkultur, Meinungsunterdrückung, Gender und Verwandtes

Beitragvon naddy » Mi 16. Dez 2020, 14:35

Das hier sollte auf keinen Fall verloren gehen:



Ich habe deshalb überlegt, ob ich das in einen der vorhandenen Dauer-Threads eingliedern soll, denn die Gefahr ist ja nicht gering, daß dieser hier nach zwei, drei Kommentaren in der Versenkung verschwindet. Zumal für eine sinnvolle Diskussion unerläßlich ist, sich das Video anzusehen. Wer aber im Lockdown Zeit und Muße hat, sollte sich die eine Stunde unbedingt antun. Wolfgang Kubicki, Serap Güler, Gregor Gysi, Svenja Flaßpöhler und Jan Fleischhauer diskutieren mit Alfred Schier über Themen, die auch hier im Forum in diversen Threads anklangen. Auf hohem Niveau, sehr differenziert und mit teilweise überraschenden Statements, auch von unerwarteter Seite.

Als Beispiel seien die Staatssekretärin für Integration in NRW, Serap Güler, oder auch Wolfgang Kubicki genannt. Der in seinem Schlußstatement unter anderem zu dem Fazit kommt, daß es für das empfangene Feedback nicht entscheidend sei, was, sondern wer gerügt werde. Beifall für seine Gauland-Kritik wegen "entsorgen", Shitstorm für die Polizeibeamte auf die "Mülldeponie“ Kritik an der "taz".

Die Diskussion ist aber auch wegen der übrigen Teilnehmer sehr sehenswert, obwohl sie etwas Anlaufzeit braucht. Einfach durchhalten. Oder vorspulen. ;)
"Das gefährliche an der Dummheit ist, daß sie die dumm macht, die ihr begegnen." (Sokrates).
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Re: Debattenkultur, Meinungsunterdrückung, Gender und Verwandtes

Beitragvon H2O » Mi 16. Dez 2020, 15:05

Wir werden in unserem Forum uns nie mit dem Bekanntheitsgrad und dem Kredit dieser Diskussionsrunde messen können. Ich fände es besser, wenn Sie diese Diskussion immer dann mit Minutenangabe zitierten, wenn wir Unbedarften uns irgendwo bei einem dort behandelten Thema verheddert haben sollten. Als Moderator müßte ich diesen Eröffnungsbeitrag als Spam entsorgen, weil hier kein eigener Beitrag zu finden ist, außer, daß diese Politiker die besseren Diskutanten sind. Nutzungsbedingungen §8 2c. Wenn wir dieses Video als Vorbild für eine Diskussion nutzen sollten, dann wäre es als Beispiel in den Nutzungsbedingungen verwendbar: "So diskutiert man auf hohem Niveau!"

Mit Blick auf §8 2c fände ich es gut, wenn Sie ein Ihnen wichtiges. Thema anschnitten, ihre Meinung dazu darstellten und dann auf den entsprechenden Abschnitt in diesem Muster verwiesen.

Ich bitte Sie also um Mitwirkung!
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Re: Debattenkultur, Meinungsunterdrückung, Gender und Verwandtes

Beitragvon ThorsHamar » Mi 16. Dez 2020, 15:54

....wenn das Gespräch nicht so lange dauern würde, sollte es beim Anmelden in diesem Forum zur Anseh-Pflicht gemacht werden ..... :cool:
Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft; wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.
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Re: Debattenkultur, Meinungsunterdrückung, Gender und Verwandtes

Beitragvon franzmannzini » Mi 16. Dez 2020, 16:05

Schön:
" So wie Du redest, so redet man doch nicht mehr "

Wer bestimmt das ?
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Ons staan op die brug, en niemand mag slaag nie.
Ons leef vir die Een, ons sterf vir die Een. "
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Re: Debattenkultur, Meinungsunterdrückung, Gender und Verwandtes

Beitragvon DarkLightbringer » Mi 16. Dez 2020, 16:50

Das war jedenfalls eine interessante Sendung, zugleich sehr zivilisiert.
Unterm Strich ist festzustellen, dass die Polarisierungs- bzw. Dominanzbemühungen eine Bedrohung der Demokratie darstellen.
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Re: Debattenkultur, Meinungsunterdrückung, Gender und Verwandtes

Beitragvon naddy » Mi 16. Dez 2020, 17:51

H2O hat geschrieben:(16 Dec 2020, 15:05)

Wir werden in unserem Forum uns nie mit dem Bekanntheitsgrad und dem Kredit dieser Diskussionsrunde messen können. Ich fände es besser, wenn Sie diese Diskussion immer dann mit Minutenangabe zitierten, wenn wir Unbedarften uns irgendwo bei einem dort behandelten Thema verheddert haben sollten. Als Moderator müßte ich diesen Eröffnungsbeitrag als Spam entsorgen, weil hier kein eigener Beitrag zu finden ist, außer, daß diese Politiker die besseren Diskutanten sind. Nutzungsbedingungen §8 2c. Wenn wir dieses Video als Vorbild für eine Diskussion nutzen sollten, dann wäre es als Beispiel in den Nutzungsbedingungen verwendbar: "So diskutiert man auf hohem Niveau!"

Mit Blick auf §8 2c fände ich es gut, wenn Sie ein Ihnen wichtiges. Thema anschnitten, ihre Meinung dazu darstellten und dann auf den entsprechenden Abschnitt in diesem Muster verwiesen.

Ich bitte Sie also um Mitwirkung!

Natürlich gerne, ich hätte das auch von mir aus schon getan. Die bekannte Brieftaubengeschwindigkeit meines Internetzugangs macht das allerdings schwierig.

Ich habe die Sendung im Original auf PHOENIX gesehen, sie auf YOUTUBE noch einmal anzuschauen dürfte sehr zeitaufwändig werden. Ich nehme mir das für die Feiertage vor und bitte, diesen Thread so lange noch offen zu lassen. Vielleicht finden in dieser Zeit ja auch andere User Anknüpfpunkte, die im Gegensatz zu mir internet-technisch auf der Höhe der Zeit sind.

Diese Video ausgerechnet als "SPAM" zu entsorgen, wäre aus meiner Sicht übrigens kaum zu überbietende Realsatire. Wenn schon, dann lieber unter "hier nicht erwünscht". ;)
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Re: Debattenkultur, Meinungsunterdrückung, Gender und Verwandtes

Beitragvon H2O » Mi 16. Dez 2020, 19:35

naddy hat geschrieben:(16 Dec 2020, 17:51)

Natürlich gerne, ich hätte das auch von mir aus schon getan. Die bekannte Brieftaubengeschwindigkeit meines Internetzugangs macht das allerdings schwierig.

Ich habe die Sendung im Original auf PHOENIX gesehen, sie auf YOUTUBE noch einmal anzuschauen dürfte sehr zeitaufwändig werden. Ich nehme mir das für die Feiertage vor und bitte, diesen Thread so lange noch offen zu lassen. Vielleicht finden in dieser Zeit ja auch andere User Anknüpfpunkte, die im Gegensatz zu mir internet-technisch auf der Höhe der Zeit sind.

Diese Video ausgerechnet als "SPAM" zu entsorgen, wäre aus meiner Sicht übrigens kaum zu überbietende Realsatire. Wenn schon, dann lieber unter "hier nicht erwünscht". ;)


Na, dann erfüllen wir doch Stoners Wunsch nach Satire... oder war das nicht Ihr Wunsch für die Zukunft des Strangs "Florett oder Vorschlaghammer?" ? :D Nein ich lasse den Strang hier jetzt stehen, denn die eine oder andere Anmerkung hat es inzwischen ja gegeben... und päpstlicher als der Papst möchte ich auch nicht vorgehen.

Die technische Begrenzung ihres Zugriffs auf das Internet tut mir etwas leid. Inmitten meiner pommerschen Einöde habe ich inzwischen hervorragende Zugangsdaten zum Internet... und preisgünstig, allerdings in Polen. Wenn Sie mögen, dann könnten wir uns im Unterforum 43. Computer - Internet - Telekommunikation - Netzpolitik darüber austauschen. Dort bekommen wir beide vielleicht noch gute Beratung von wirklichen Experten!
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Re: Debattenkultur, Meinungsunterdrückung, Gender und Verwandtes

Beitragvon Keinen_Faschismus! » Mi 16. Dez 2020, 20:17

DarkLightbringer hat geschrieben:(16 Dec 2020, 16:50)
Unterm Strich ist festzustellen, dass die Polarisierungs- bzw. Dominanzbemühungen eine Bedrohung der Demokratie darstellen.

Das ist Unsinn!
Man muss Nazis als Nazis bezeichnen, sonst endet es im Faschismus!
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Re: Debattenkultur, Meinungsunterdrückung, Gender und Verwandtes

Beitragvon H2O » Mi 16. Dez 2020, 20:22

Keinen_Faschismus! hat geschrieben:(16 Dec 2020, 20:17)

Das ist Unsinn!
Man muss Nazis als Nazis bezeichnen, sonst endet es im Faschismus!


[MOD] Vorsichtig: Hier herrscht in jedem Fall die Netiquette und der sachlich-inhaltliche Meinungsaustausch. Schlagworte sind hier eher unerwünscht. H2O
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Re: Debattenkultur, Meinungsunterdrückung, Gender und Verwandtes

Beitragvon Stoner » Mi 16. Dez 2020, 20:33

H2O hat geschrieben:(16 Dec 2020, 19:35)

Na, dann erfüllen wir doch Stoners Wunsch nach Satire... oder war das nicht Ihr Wunsch für die Zukunft des Strangs "Florett oder Vorschlaghammer?" ? :D Nein ich lasse den Strang hier jetzt stehen, denn die eine oder andere Anmerkung hat es inzwischen ja gegeben... und päpstlicher als der Papst möchte ich auch nicht vorgehen.



Es darf ruhig auch mal nicht-satirisch und untrollig zugehen. :)
Die erste Hälfte der Debatte habe ich mir schon angetan, den Rest später. Es gibt auf jeden Fall schlechtere Debatten als diese Runde. :cool: Schauen wir mal, daraus hier dann wird.
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Re: Debattenkultur, Meinungsunterdrückung, Gender und Verwandtes

Beitragvon Skeptiker » Mi 16. Dez 2020, 21:19

So, ich habe mir das nun angeschaut.

Ja, das ist eine schöne Debatte. Allerdings wenig kontrovers, dafür wertvoll in der Hinsicht, dass die beteiligten Personen eine sehr vernünftige Kultur des Diskurses aufzeigen - über ideologische Grenzen hinweg.

Das war allerdings von diesen Leuten auch nicht anders zu erwarten. Die Diskutanten gelten alle als umgänglich und rechtsstaatlich verwurzelt, auch wenn es sicher Leute gibt, die Gysi das ggf. absprechen würden - ich mag ihn als Politiker sehr, eben aufgrund seiner Redegewandheit.

Interessanterweise war es das Schlusswort von Frau Güler, welches ich am kontroversesten hätte debattiert sehen wollen. Dass man heute mehr offener sagt als früher ist eben genau nicht richtig. Es gibt viele die ihre Meinung lautstark veröffentlichen, ohne Rücksicht auf eventuelle Nachteile. Dafür werden die anderen, die ohne Gefahr der Ausgrenzung einfach gefahrlos debattieren wollen, in Mithaftung genommen - was diese mit Sprachlosigkeit oder Zurückhaltung beantworten.

Niemals sollte man die wenigen Lauten mit der großen Masse der Menschen verwechseln - weder links noch rechts.
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Re: Debattenkultur, Meinungsunterdrückung, Gender und Verwandtes

Beitragvon NicMan » Mi 16. Dez 2020, 21:34

Ich würde gerne eine Hypothese zu den Ursachen dieser Spaltung einwerfen. Hat die zunehmende Polarisierung, das Gekränktsein, das ständige Beharren auf der eigenen Position vielleicht auch etwas mit einem zu starken Individualismusbegriff innerhalb der Gesellschaft zu tun? Zwar ist immer die Rede von betroffenen "Gruppen", aber in Diskussionen geht es ja letzlich dann immer darum, ob das spezifische Individuum XY sich aufgrund seiner persönlichen Hintergrundgeschichte überhaupt zum Thema äußern darf. Ich höre also ständig das Wort ICH. ICH bin betroffen, ICH bin gekränkt, ICH werde diskriminiert.

Wie soll Gesellschaft funktionieren, wenn es nur noch das ICH gibt, wenn wir alle nur noch bezugslose, vereinzelte Individuen sind, die den anderen Menschen nur nach seinem Nutzen für uns bewerten? Das ICH soll jedem gefallen, das ICH soll nicht anecken, das ICH soll nicht gekränkt werden; das geht nun vielleicht etwas vom Thema ab, aber dieser Aspekt fällt mir in vielen emotionalen Debatten schon auf. Um den anderen zu verstehen, mich mit dem anderen auszutauschen muss ich auch von meinem ICH absehen, es zurücknehmen, es nicht als heilige und unfehlbare Instanz ansehen.

Der Individualismus war eine notwendige Befreiungsbewegung auf die Fesseln der autoritären Gesellschaft. Jetzt schlägt er in eine vereinzelte Gesellschaft der gekränkten ICHs um, in der die persönliche Freiheit nicht zur zusätzlichen Stärkung der Gesellschaft, sondern für die Heiligsprechung des ICHS dient.
Zuletzt geändert von NicMan am Mi 16. Dez 2020, 21:39, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Debattenkultur, Meinungsunterdrückung, Gender und Verwandtes

Beitragvon Schnitter » Mi 16. Dez 2020, 21:38

naddy hat geschrieben:(16 Dec 2020, 14:35)
Die Diskussion ist aber auch wegen der übrigen Teilnehmer sehr sehenswert, obwohl sie etwas Anlaufzeit braucht. Einfach durchhalten. Oder vorspulen. ;)


Die Diskussion war gut.

Lediglich Herr Fleischauer hat dermaßen unangebrachte Vergleiche platziert dass man doch an seinem Geisteszustand zweifeln darf.
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Re: Debattenkultur, Meinungsunterdrückung, Gender und Verwandtes

Beitragvon Stoner » Mi 16. Dez 2020, 22:25

NicMan hat geschrieben:(16 Dec 2020, 21:34)

Ich würde gerne eine Hypothese zu den Ursachen dieser Spaltung einwerfen. Hat die zunehmende Polarisierung, das Gekränktsein, das ständige Beharren auf der eigenen Position vielleicht auch etwas mit einem zu starken Individualismusbegriff innerhalb der Gesellschaft zu tun? Zwar ist immer die Rede von betroffenen "Gruppen", aber in Diskussionen geht es ja letzlich dann immer darum, ob das spezifische Individuum XY sich aufgrund seiner persönlichen Hintergrundgeschichte überhaupt zum Thema äußern darf. Ich höre also ständig das Wort ICH. ICH bin betroffen, ICH bin gekränkt, ICH werde diskriminiert.

Wie soll Gesellschaft funktionieren, wenn es nur noch das ICH gibt, wenn wir alle nur noch bezugslose, vereinzelte Individuen sind, die den anderen Menschen nur nach seinem Nutzen für uns bewerten? Das ICH soll jedem gefallen, das ICH soll nicht anecken, das ICH soll nicht gekränkt werden; das geht nun vielleicht etwas vom Thema ab, aber dieser Aspekt fällt mir in vielen emotionalen Debatten schon auf. Um den anderen zu verstehen, mich mit dem anderen auszutauschen muss ich auch von meinem ICH absehen, es zurücknehmen, es nicht als heilige und unfehlbare Instanz ansehen.

Der Individualismus war eine notwendige Befreiungsbewegung auf die Fesseln der autoritären Gesellschaft. Jetzt schlägt er in eine vereinzelte Gesellschaft der gekränkten ICHs um, in der die persönliche Freiheit nicht zur zusätzlichen Stärkung der Gesellschaft, sondern für die Heiligsprechung des ICHS dient.


:thumbup:

Das möchte ich ausdrücklich unterstützen.

In der Debatte klang das bei Frau Flaßpöhler auch an. Sie hatte vom durchaus anerkennenswerten Fortschritt der Sensibilisierung gesprochen, der nun aber ins Übersensible umzukippen drohe. Es gibt, so meine gebetsmühlenartig vorgetragene Überzeugung, eine unheilige Verquickung von Übersensibilität und Überempathie, in deren Zangengriff letztlich die Freiheit deshalb erstickt, weil die Mittel, alles Negative "ausrotten" zu wollen, den Freiheitsbegriff letztendlich konterkariert.
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Re: Debattenkultur, Meinungsunterdrückung, Gender und Verwandtes

Beitragvon H2O » Mi 16. Dez 2020, 22:54

Schnitter hat geschrieben:(16 Dec 2020, 21:38)

Die Diskussion war gut.

Lediglich Herr Fleischauer hat dermaßen unangebrachte Vergleiche platziert dass man doch an seinem Geisteszustand zweifeln darf.


Ich habe mir das gesamte Gespräch angehört und natürlich nach dieser Vorwarnung besonders hingehört, wenn Herr Fleischhauer das Wort hatte. Was haben Sie bei Herrn Fleischhauer im Einzelnen als derart aus der Rolle fallend empfunden, daß Sie zu einer so vernichtenden Bewertung kommen? Fällt diese Kritik nicht am Ende auf Sie selbst zurück?
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Re: Debattenkultur, Meinungsunterdrückung, Gender und Verwandtes

Beitragvon DarkLightbringer » Mi 16. Dez 2020, 23:09

Keinen_Faschismus! hat geschrieben:(16 Dec 2020, 20:17)

Das ist Unsinn!
Man muss Nazis als Nazis bezeichnen, sonst endet es im Faschismus!

Man muss auch Mielke-Kitsch als solchen bezeichnen, bevor wieder eine Mauer hochgezogen wird.

Aber die Teilnehmer der o. g. Sendung haben die Problematik einer Debattenbeschränkung wohl gut erkannt.
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Re: Debattenkultur, Meinungsunterdrückung, Gender und Verwandtes

Beitragvon Schnitter » Mi 16. Dez 2020, 23:18

H2O hat geschrieben:(16 Dec 2020, 22:54)

Ich habe mir das gesamte Gespräch angehört und natürlich nach dieser Vorwarnung besonders hingehört, wenn Herr Fleischhauer das Wort hatte. Was haben Sie bei Herrn Fleischhauer im Einzelnen als derart aus der Rolle fallend empfunden, daß Sie zu einer so vernichtenden Bewertung kommen?


Ich sage nur....die Passage wo er meinte die heutige "gegenderte" Sprache versteht der "Normalo" nicht mehr.....und dann den Vergleich zog zu der französisch sprechenden russischen Bourgeoisie die angeblich französisch sprach damit der Pöbel sie nicht versteht.

Die Meinung kann er gerne haben......aber sorry der Vergleich ist an Dämlichkeit kaum zu überbieten.
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Re: Debattenkultur, Meinungsunterdrückung, Gender und Verwandtes

Beitragvon Skeptiker » Mi 16. Dez 2020, 23:38

NicMan hat geschrieben:(16 Dec 2020, 21:34)
Ich würde gerne eine Hypothese zu den Ursachen dieser Spaltung einwerfen. Hat die zunehmende Polarisierung, das Gekränktsein, das ständige Beharren auf der eigenen Position vielleicht auch etwas mit einem zu starken Individualismusbegriff innerhalb der Gesellschaft zu tun? Zwar ist immer die Rede von betroffenen "Gruppen", aber in Diskussionen geht es ja letzlich dann immer darum, ob das spezifische Individuum XY sich aufgrund seiner persönlichen Hintergrundgeschichte überhaupt zum Thema äußern darf. Ich höre also ständig das Wort ICH. ICH bin betroffen, ICH bin gekränkt, ICH werde diskriminiert.

Wie soll Gesellschaft funktionieren, wenn es nur noch das ICH gibt, wenn wir alle nur noch bezugslose, vereinzelte Individuen sind, die den anderen Menschen nur nach seinem Nutzen für uns bewerten? Das ICH soll jedem gefallen, das ICH soll nicht anecken, das ICH soll nicht gekränkt werden; das geht nun vielleicht etwas vom Thema ab, aber dieser Aspekt fällt mir in vielen emotionalen Debatten schon auf. Um den anderen zu verstehen, mich mit dem anderen auszutauschen muss ich auch von meinem ICH absehen, es zurücknehmen, es nicht als heilige und unfehlbare Instanz ansehen.

Der Individualismus war eine notwendige Befreiungsbewegung auf die Fesseln der autoritären Gesellschaft. Jetzt schlägt er in eine vereinzelte Gesellschaft der gekränkten ICHs um, in der die persönliche Freiheit nicht zur zusätzlichen Stärkung der Gesellschaft, sondern für die Heiligsprechung des ICHS dient.

Da mag viel dran sein.

Warum aber fällt die Individualisierung der Gesellschaft zusammen mit einer immer stärker ausgeprägten Empfindsamkeit der Individuen? Das will mir noch nicht einleuchten. Individualisierung bedeutet ja zunächst einmal Loslösung von Kollektivierung. Der Effekt den wir aber beobachten ist eine teilweise ins hysterische abgleitende Idealisierung von Opferrollen - nicht unbedingt nur der eigenen, sondern von ganz bestimmten als Opfergruppen anerkannten Personengruppen. Das müssen noch nicht einmal Minderheiten sein - immerhin sind Frauen eher in der Mehrheit. Typischerweise sind es aber Minderheiten.

Es fällt auch auf, dass es nicht unbedingt die betroffenen Personengruppen selber sind, die ein Problem thematisieren, sondern viel eher würde ich denken, dass es Menschen sind, die, einer Mission folgend, sich als Anwälte von Personengruppen sehen, die sie gegen angebliche Diskriminierung schützen "müssen". Der Eifer der dabei zu beobachten ist, erinnert mich noch am ehesten an Tugendeifer religiöser Fanatiker, bei denen jeder die noch höhere Form des Ideals zum Ziel der Tugend ernennen muss. Niemals ist es tugendhaft genug.

In meinen Augen ist das also weniger ein Effekt der Individualisierung, sondern eher ein Effekt der "Verweichlichung" - provokant könnte ich auch sagen, ein Effekt der "Feminisierung" von Debattenräumen, in denen Gefühle zu Fakten geadelt werden, wenn sie nur glaubhaft in Stellung gebracht werden.

Als ein Kind der 70er kann ich sagen, dass damals jede Minderheit ein vielfaches von dem aushalten musste, was heute eine Minderheit aushalten muss. Damals war es schon ein schlimmes Schicksal eine Brille tragen zu müssen. Aber da musste man halt durch.

Heute scheint man dem Raubtier in uns die Reißzähne so weit runtergefeilt zu haben, dass wir nur noch Brei vertragen. Nichts darf die Seele betrüben, es sei denn, jemand verstößt gegen genau diese Regel. Dann trifft ihn der Zorn der Gezähmten.
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Re: Debattenkultur, Meinungsunterdrückung, Gender und Verwandtes

Beitragvon NicMan » Do 17. Dez 2020, 00:11

Skeptiker hat geschrieben:(16 Dec 2020, 23:38)

Da mag viel dran sein.

Warum aber fällt die Individualisierung der Gesellschaft zusammen mit einer immer stärker ausgeprägten Empfindsamkeit der Individuen? Das will mir noch nicht einleuchten. Individualisierung bedeutet ja zunächst einmal Loslösung von Kollektivierung. Der Effekt den wir aber beobachten ist eine teilweise ins hysterische abgleitende Idealisierung von Opferrollen - nicht unbedingt nur der eigenen, sondern von ganz bestimmten als Opfergruppen anerkannten Personengruppen. Das müssen noch nicht einmal Minderheiten sein - immerhin sind Frauen eher in der Mehrheit. Typischerweise sind es aber Minderheiten.

Es fällt auch auf, dass es nicht unbedingt die betroffenen Personengruppen selber sind, die ein Problem thematisieren, sondern viel eher würde ich denken, dass es Menschen sind, die, einer Mission folgend, sich als Anwälte von Personengruppen sehen, die sie gegen angebliche Diskriminierung schützen "müssen". Der Eifer der dabei zu beobachten ist, erinnert mich noch am ehesten an Tugendeifer religiöser Fanatiker, bei denen jeder die noch höhere Form des Ideals zum Ziel der Tugend ernennen muss. Niemals ist es tugendhaft genug.

In meinen Augen ist das also weniger ein Effekt der Individualisierung, sondern eher ein Effekt der "Verweichlichung" - provokant könnte ich auch sagen, ein Effekt der "Feminisierung" von Debattenräumen, in denen Gefühle zu Fakten geadelt werden, wenn sie nur glaubhaft in Stellung gebracht werden.

Als ein Kind der 70er kann ich sagen, dass damals jede Minderheit ein vielfaches von dem aushalten musste, was heute eine Minderheit aushalten muss. Damals war es schon ein schlimmes Schicksal eine Brille tragen zu müssen. Aber da musste man halt durch.

Heute scheint man dem Raubtier in uns die Reißzähne so weit runtergefeilt zu haben, dass wir nur noch Brei vertragen. Nichts darf die Seele betrüben, es sei denn, jemand verstößt gegen genau diese Regel. Dann trifft ihn der Zorn der Gezähmten.


Du erwähnst in deinem Text, dass du an den "Tugendeifer religiöser Fanatiker" erinnert wirst. In meinen Augen ist das die Anwort auf deine Frage. Die Indiviudalisierung ist so weit fortgeschritten, dass das Individum, also das ICH quasi heilig ist. Und etwas heiliges berührt man nicht. Man beleidigt es nicht. Man lästert nicht über heilige, man krümmt ihnen nicht einmal ein Haar. Das wäre Gotteslästerung. Das ICH ist der quasireligiöse Gottersatz. Und es findet seine Anhänger, auch solche, die eher als Stellvertreter agieren. Beachte mal, wie häufig es so manchen Fürsprechern für gewisse Dinge doch nur um die eigenen Befindlichkeiten, statt um den Gegenstand der Auseiandersetzung geht.

Das kannst du nicht nur in der Politik, sondern auch in der Kunst beobachten. Das Publikum möchte Kunst, z.B Filme oder Serien mit Charaktern, mit denen es sich "identifizieren" kann. Diese ständigen Befindlichkeitskonflikte von irgendwelchen Alltagspsychen findet man dort permanent. Auch in der Kunst soll es nicht mehr darum gehen, dem anderen zu begegnen und von sich selbst zu abstrahieren. Es geht darum, sich selbst zu spiegeln und zu bestätigen. Immer wieder aufs neue. Kunst ist ein Konsumprodukt für das ICH geworden (wer Interesse hat beachte mal diese spannende Filmanalyse ab Minute 9:30 https://www.youtube.com/watch?v=vJGORwrzljU welche genau diese Kritik vorbringt).

Und so ist es auch in der Politik. Die Politik soll das fertige Produkt für das ICH liefern. Es soll nicht damit belästigt werden, dem anderen begegnen zu müssen. Und wer ständig Fertigprodukte isst und nicht mehr gefordert wird, dessen Muskeln erschlaffen irgendwann. Weil alle Konflikte von vornherein ausgeschlossen werden (sie könnten ja das heilige ICH beleidigen) nimmt die Resilienz in der Gesellschaft ab. Ich würde es also als eine Folge der Individualisierung und des Wohlstandes sehen, wobei der Wohlstand die Resilienz senkt und der Individualismus das ICH betont.
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Re: Debattenkultur, Meinungsunterdrückung, Gender und Verwandtes

Beitragvon Billie Holiday » Do 17. Dez 2020, 07:59

Skeptiker hat geschrieben:(16 Dec 2020, 23:38)

Da mag viel dran sein.

Warum aber fällt die Individualisierung der Gesellschaft zusammen mit einer immer stärker ausgeprägten Empfindsamkeit der Individuen? Das will mir noch nicht einleuchten. Individualisierung bedeutet ja zunächst einmal Loslösung von Kollektivierung. Der Effekt den wir aber beobachten ist eine teilweise ins hysterische abgleitende Idealisierung von Opferrollen - nicht unbedingt nur der eigenen, sondern von ganz bestimmten als Opfergruppen anerkannten Personengruppen. Das müssen noch nicht einmal Minderheiten sein - immerhin sind Frauen eher in der Mehrheit. Typischerweise sind es aber Minderheiten.

Es fällt auch auf, dass es nicht unbedingt die betroffenen Personengruppen selber sind, die ein Problem thematisieren, sondern viel eher würde ich denken, dass es Menschen sind, die, einer Mission folgend, sich als Anwälte von Personengruppen sehen, die sie gegen angebliche Diskriminierung schützen "müssen". Der Eifer der dabei zu beobachten ist, erinnert mich noch am ehesten an Tugendeifer religiöser Fanatiker, bei denen jeder die noch höhere Form des Ideals zum Ziel der Tugend ernennen muss. Niemals ist es tugendhaft genug.

In meinen Augen ist das also weniger ein Effekt der Individualisierung, sondern eher ein Effekt der "Verweichlichung" - provokant könnte ich auch sagen, ein Effekt der "Feminisierung" von Debattenräumen, in denen Gefühle zu Fakten geadelt werden, wenn sie nur glaubhaft in Stellung gebracht werden.

Als ein Kind der 70er kann ich sagen, dass damals jede Minderheit ein vielfaches von dem aushalten musste, was heute eine Minderheit aushalten muss. Damals war es schon ein schlimmes Schicksal eine Brille tragen zu müssen. Aber da musste man halt durch.

Heute scheint man dem Raubtier in uns die Reißzähne so weit runtergefeilt zu haben, dass wir nur noch Brei vertragen. Nichts darf die Seele betrüben, es sei denn, jemand verstößt gegen genau diese Regel. Dann trifft ihn der Zorn der Gezähmten.


Das sind auch meine Beobachtungen. Die jüngere Generation ist harmoniesüchtig, reagiert äußerst empfindsam auf Kritik oder anderslautende Meinungen und sieht sich als Anwalt und Opfer gleichermaßen.
Junge Journalisten schreiben oft in einem weinerlich-anklagenden Ton, der für erwachsene Leser sehr enervierend sein muß. Gerne wird mit dem Finger auf andere gezeigt, Beispiel Umwelt-Oma, und zwar von jungen Vielfliegern.
Unter dem von dir gut beschriebenen Tugendeifer müssen z.B. Autoren wie Rowling leiden, bis zu Todesdrohungen, weil sie angeblich Transphob sei und weil sie Frauen als Frauen bezeichnet. Die ideologische Verblödung nimmt ihren Lauf.
Wer mich beleidigt, bestimme ich.
K. Kinski

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