Wahrheitsbild in Medien von Berufsbranchen durch Leitungs- und Führungspersonal

Moderator: Moderatoren Forum 5

Uffhausen
Beiträge: 576
Registriert: Mi 14. Dez 2016, 22:33

Wahrheitsbild in Medien von Berufsbranchen durch Leitungs- und Führungspersonal

Beitragvon Uffhausen » Mo 24. Dez 2018, 15:00

Vorweg erstmal: Ich kann die folgenden von mir hier aufgeführten Sachverhalten nicht via Links o. ä. zu entsprechenden Zeitungsartikeln belegen - meine regionale Tageszeitung verfügt seit jeher nur über ein stark eingeschränktes Onlineangebot.

--------------------------------------

Ich wurde heute früh von einer Kollegin auf einen Zeitungsbericht über unser Altenpflegeheim aufmerksam gemacht, in welchem unser Einrichtungsleiter und eine Wohnbereichleiterin interviewt wurden. Es wurde gefragt, wie Heiligabend bei und im Hause abläuft. Laut dem Artikel tätigte die Wohnbereichleiterin die Aussage, dass eben aufgrund Heiligabend und den nachfolgenden Weihnachtsfeiertagen zusätzliches Personal eingeplant wurde, um den MitarbeiterInnen über Weihnachten ein entspannteres Arbeiten zu ermöglichen.

Ich habe heute entsprechende Wohnbereichsleiterin darauf angesprochen - sie war hellauf entsetzt; nicht sie habe diese Aussage getätigt, sondern der Chef. Ich wollte dann noch wissen, ob er die Aussage auch tatsächlich so, wie sie in der Zeitung steht, vom Chef ausgesprochen wurde - ja, ganz genau so. Und warum sie nicht dem Chef unumwunden widersprochen habe, schließlich ist seine Aussage eine Lüge übelsten Ausmaßes - Antwort: Bedrücktes Schweigen. Ich habe sie dann mit einem vorwurfvollen Kopfschütteln bedacht und bin wieder an die Arbeit gegangen.

Fakt ist, dass in den über elf Jahren, die ich schon in unserem Altenpflegeheim tätig bin, noch nie an Heiligabend, den nachfolgenden Weihnachtsfeiertagen oder sonstigen Feiertagen zusätzliches Personal eingeplant wurde. Fakt ist dagegen, dass wir personalreduziert über Heiligabend, die nachfolgenden Weihnachtsfeiertage und sonstige Feiertage kommen müssen. Werktags und Wochenends ist es nicht besser. Dazumal sind unsere Aushilfen seit Mitte November aus dem Dienstplan entnommen, weil sie bis Jahresende ihre Überstunden abgebaut haben müssen. Und wenn dann noch einer oder mehrere krank werden, ist die personelle Katastrophe perfekt.

Wie kommt also unser Einrichtungsleiter zu der grundfalschen Behauptung gegenüber der Presse, dass zusätzliches Personal eingeplant wurde, wenn dem tatsächlich Personalreduzierung gegenüber steht? Sollte er es aufgrund seiner Funktion nicht besser wissen - gut, er macht nicht die Dienstpläne, aber dennoch sollte er ausreichend Bescheid über die Vorgänge und Zustände in seinem Haus wissen. Noch dazu feiert er nächstes oder übernächstes Jahr sein 30. Dienstjubiläum als Einrichtungsleiter. Also wenn sich einer in unserem Heim auskennen muss, dann er.

Anbei ist es nicht seine erste Lüge gegenüber der Presse - letztes Jahr im Spätsommer hat er behauptet, unser Haus verfüge derzeit über acht Auszubildende in der Pflege. Damals war ich noch in der Mitarbeitervertretung und sprach ihn darauf an - dass wir tatsächlich derzeit nur zwei Auszubildende in der Pflege im Haus haben. Er versuchte sich rauszureden, dass er "wohl versehentlich" die Auszubildenden der Kita und der Alltagsbegleitung mitgerechnet habe. Ich rechnete ihm vor, dass wir dann immer noch erst auf vier Auszubildende kommen, aber nicht auf acht. Oh, dann habe er wohl noch die beiden Abbrecher auch mitgezählt. Selbst wenn, entgegnete ich, wären wir erst sechs und wieder nicht bei acht. Dann hat sein Telefon geläutet und er musste sich ganz dringend verabschieden.
Anfang des Jahres wurden er und EinrichtungsleiterInnen, bzw. PflegedienstleiterInnen anderer Häuser von der Presse über die allgemeine Pflegekrise und die Personalnot in unserer Region befragt. Sie wurden nicht gleichzeitig befragt, antworteten aber alle relativ einhellig: Den Pfegenotstand gibt es und (Fach-)Personal ist rar - aber nicht in unseren Einrichtungen, da sind alle Stellen besetzt, wir können nicht klagen und alles prima. Auch hier konnte ich schnell nachprüfen - durch Kontakte zu den anderen Mitarbeitervertretungen und ehem. Kollegen. In allen Einrichtungen, deren öffentliche Vertreter für die Zeitung "Auskunft" gaben, herrschten massive personelle Engpässe. Sei es durch Kündigungswellen oder weil freie Stellen einfach nicht besetzt werden können, weil kein entsprechenden (Fach-)Personal auf dem Arbeitsmarkt verfügbar ist. Auch bei uns war es nicht anderes; zum gegenwärtigen Zeitpunkt der "Alle Stellen besetzt"-Aussage unseres Chefs waren tatsächlich u. a. allein zwei Wohnbereiche seit Wochen durch kurz hintereinander folgende Kündigungen seitens der Kolleginnen ohne Leitung.

----------------------------------------

Welchen Sinn und Zweck hat es, dass Leitungs- und Führungspersonal Presse und Medien belügen - bspw. gerade in der Pflegebranche, wenn der der öffentliche bis politische Tenor was ganz anderes aussagt? Machen sie das bewusst, bspw. aus PR-Gründen (weil ein Altenheim, dass unter Personalnot leidet, nicht gerade einen Anreiz bietet, dort seine zu pflegenden Angehörigen in gewünscht qualitativen Händen zu wissen) bzw. aus wirtschaftlichen/finanziellen Gründen - oder machen sie das aus genereller Inkompetenz, oder gar theoretischem Wunschdenken heraus?
Gibt es derlei auch bei Menschen in Führungs- und Leitungsfunktionen anderer Berufsbranchen - und wie steht es mit der Gegenseite, z. B. Gewerkschaften. Wenn diese bspw. in Tarifverhandlungen mit Forderung nach 10%iger Lohnerhöhung einsteigen und sie verkaufen später gegenüber Presse und Medien die Einigung über lediglich 5% Lohnzuwachs als "Erfolg", dann ist das doch auch im Grunde eine (positivierende) Lüge, oder?

Und welche Rolle haben diesbezügliche Presse und Medien - in den von mir beschriebenen Fällen ist es ja nicht so, dass sie lügen, sondern vielmehr belogen wurden/werden. Freilich könnte man sich jetzt hinstellen und anprangern, dass Presse und Medien gefälligst zwecks Wahrheitsfindung "besser recherchieren" müssen. Sie könnten mich bspw. zu den Aussagen meines Chefs befragen und ich würde ihnen das Gegenteil erzählen - es stünde hinterher also Aussage gegen Aussage und somit zwei Wahrheiten. Aber welche ist die richtige? Jemand, der der selbst in der Pflegebranche tätig ist, wird wohl mehr meine Aussage als Wahrheit anerkennen; jemand, der selbst in einer Leitungsfunktion tätig ist, vielleicht eher meinem Chef Glauben schenken. Und was machen diejenigen, die in anderen Berufsbranchen arbeiten? Die haben die "freie Wahl" oder es interessiert sie herzlich wenig bis überhaupt nicht.
Sollten Presse und Medien bei der von mir angesprochenen Thematik freie Wahrheits-Wahl ermöglichen (selbst, wenn es sich nachweisbar um eine Lüge handelt!) oder lieber die einzig Wahrheit suchen, finden und "diktieren"?
"Man kann auf seinem Standpunkt stehen, aber man sollte nicht darauf sitzen." Erich Kästner

Zurück zu „5. Bildung - Kultur - Medien“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste