Islam und Neoliberalismus - eine funktionierende Symbiose?

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palulu
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Islam und Neoliberalismus - eine funktionierende Symbiose?

Beitragvon palulu » Mi 10. Dez 2014, 02:06

bakunicus » Mi 10. Dez 2014, 01:08 hat geschrieben:
ist es nicht ...

das was ihr in der türkei gerade erlebt ist nichts anderes als der calvinismus, als der manchester-kapitalismus ...
als ein äquivalent zur protestantisch-christlichen arbeits-ethik, wie es sie in der extremen form auch heute noch im angelsächsischen raum gibt.

daher passt der begriff "neoliberal" wie die faust auf's auge ...
das hat ganz große parallelen.


Ist es doch. Daher bringt es eigentlich nicht viel, wenn man mich nach meiner Meinung fragt, da nicht klar ist, nach welchen Inhalten ich welchen Begriff auffülle. Der Neoliberalismus in der Türkei - speziell unter der AKP - ist in vielen Facetten anders als in der westlichen Welt. Wobei auch dort der Neoliberalismus von Land zu Land anders verstanden wird. Z.B. lehnen die islamischen Neoliberalen das Verständnis des homo oeconomicus ab; sie bezeichnen sich auch nicht als 'neoliberal' (ähnlich wie die islamischen Sozialisten das Wort Sozialist meiden), das tue ich.

Als islamischen Gegenentwurf zum homo oeconomicus haben sie einen neuen (Wirtschafts)Akteur kreiert, den sog. homo islamicus. Dieser "Mensch" ist das Ideal eines islamischen Unternehmers, der über moralische Werte verfügt, das Private mit dem Geschäftlichen verquickt, und die egoistischen Präferenzen des westlichen homo oeconomicus zu überwinden versucht, also Verantwortung für die Gesellschaft und seine Arbeiter übernimmt, sowie unternehmerischen Geist an den Tag legt. Das ist knapp zusammengefasst. Dieses Modell, das eine Symbiose aus Islam und Neoliberalismus generiert, verknüpft traditionell islamische Werte wie Einfallsreichtum, Disziplin, Zielstrebigkeit, harte Arbeit mit den Zielvorstellungen der neoliberalen Akkumulationsweise. "Hohe Moralität - Hohe Technologie" ist das Motto des islamischen Unternehmerverbands MÜSIAD. Der Islam verurteile nach dieser Ansicht "Faulheit" und "Disziplinlosigkeit", wie er in weiten Teilen der islamischen Erde - vor allem in den Golfstaaten - anzustreffen sei. Ehrliche Arbeit ist ein Dienst an Allah und Sunnah, also die Nachahmung der Lebensweise des islamischen Propheten, der selber Händler sei und von freien Märkten profitiert habe.

In diesem Kontext zählt Bildung, vor allem in den MINT-Fächern, als von Allah befohlen. Es wird als das ideale Instrument zur Verwirklichung der o.g. Ideale angesehen. Bildung spielt auch im islamisch-türkischen Kontext eine spezielle Rolle, weil die Kemalisten Kopftuchträgerinnen aus dem Schulsystem ausgeschlossen hatten. Wer wie Erdogan das islamische Gymnasium besuchte, das neben dem säkularen noch das islamische Schulkanon lehrte, wurde mit Punktabzügen bestraft. Ziel war es, die säkulare Elite von den islamischen Emporkömmlingen abzuschotten.

So wird Bildung heute als der Schlüssel zur Macht angesehen. In diese Richtung geht auch die Gülen-Bewegung (klick). Genau deshalb investiert die AKP heute 10 mal mehr in die Bildung als die Regierungen vor ihr. Sie hat seit 2003 mehr Schulen, Universitäten, Heime, Laboratorien etc. errichten lassen, als in dem gesamten Zeitraum von 1923 bis 2002 - das muss man sich mal vorstellen. Und Bildung, da wirst Du mir recht geben, ist ziemlich sozial. Die Einschulungsraten von Mädchen haben ihren Höhepunkt unter Erdogan erreicht - nicht unter den Kemalisten. Darum wird der Neoliberalismus der türkischen AKP hin und wieder auch als "Sozialer Neoliberalismus" definiert. Dieses Muster zieht sich fort: vor Kurzem wurde das Staatsbudget für 2015 verabschiedet. Das Bildungsministerium erhält 11,3 Prozent mehr Geld.

Rechts Anteil der Bildungsausgaben am BIP, links Anteil am Gesamthaushalt der Zentralregierung: http://www.egitimsen.org.tr/ekler/488dd ... d58_ek.jpg

Zwar hängt die Türkei in der PISA-Studie weit hinter Deutschland und ist im OECD-Schnitt im letzten Drittel, aber schaut man sich die Steigerung seit der Machtübernahme der AKP an, erkennt man eine drastische Verbesserung in der Leistung der Schüler.

Prof. Dr. Andreas Schleicher: Die Ergebnisse für die Türkei liegen noch am unteren Ende der Leistungsskala. Die Türkei holt jedoch in beeindruckendem Tempo auf. In den Naturwissenschaften gibt es kein Land unter den OECD-Staaten, das größere Leistungsgewinne zu verzeichnen hat.
http://www.deutsch-tuerkische-nachricht ... tempo-auf/

Hier entsteht eine Synthese aus dem staatlichen Bildungsauftrag, dem neoliberalen Nutzen für die Volkswirtschaft und islamischen Werten sowie den Ambitionen der türkischen Regierung, an die vergangen, großen Zeiten wieder anzuschließen, was nur mit leistungsstarker Technologie und einem starken Iman (Glauben) funktioniere. Das macht den Neoliberalismus in der Türkei andersartig. Der Okzidentalismus der türkischen Kemalisten, wonach der Westen den Idealzustand einer Gesellschaft repräsentiert, wird aufgegeben samt dem ihm zugehörigen homo oecenomicus. Die Vereinbarkeit zwischen islamischen Werten und Kapitalismus hat den Neoliberalismus islamisch begründbar gemacht in der Türkei und den kemalistischen Weg der Modernisierung, der Europäisierung, als obsolet entlarvt in der Öffentlichkeit. Darum soll Osmanisch wieder unterrichtet werden, denn die Rückbesinnung zu alten Werten hat das Land vorangebracht im Denken der AKP. Zum Teil findet man dieses Modell auch in Malaysia wieder. Ebenfalls ein ökonomisch potentes Land.

Durch die Entwicklung der Volkswirtschaft sieht sich die Regierung bestätigt: klick

Bildung ist nur ein Sektor in der Türkei, wo man den (erfolgreichen) neoliberalen Transformationsprozess beobachten kann. Das Gesundheitswesen ist ein anderes Feld. Die AKP ist also eine kapitalistische Partei, die dem Post-Washington-Consensus treu ist, d.h. die negativen Effekte der Liberalisierung durch staatliche Gegensteuerung (Bildung, Gesundheit, Soziales) reduziert, das Kapital islamisiert und so einen Wertekitt zwischen Neoliberalismus und Islam schafft, der der Gesellschaft Wohlstand einbrachte, den er bisher nicht kannte. Gleichzeitig dient dies dem Machterhalt und garantiert den Zuspruch all jener, die eigentlich als Verlierer dieses Prozesses gelten müssten. Die AKP ist also darauf angewiesen, den Neoliberalisierungsprozess so sozial wie möglich zu gestalten. Ähnlich wie in Brasilien der Linke Lula, wie man hin und wieder in der Literatur liest.

Das heißt für dich, die Annahme des kapitalistischen Systems führt nicht zwangsläufig zu Massenelend und Bildungsversagen in der Unterschicht. Der Islam ist folglich kompatibel mit dem Kapitalismus.

Wie siehst Du, seht ihr das?
Zuletzt geändert von palulu am Do 11. Dez 2014, 20:52, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Islam und Neoliberalismus - eine funktionierende Symbios

Beitragvon Demolit » Mi 10. Dez 2014, 09:58

Finde deinen Beitrag gut, palulu.

Es ist der türkischen Zivil-Gesellschaft zu wünschen, dass sie sich den wirtschaftlichen Erfolg erarbeitet, den sie für ihr Bestehen braucht.

Eine Anmerkung nur als Deutscher ;) . Warum muss der Schnäuzer aus Ankara das mit dem religiös national-chauvinistischen Gehabe verbrämen. Der ist selbst als Buchalter doch nicht auf den Kopf gefallen? Braucht die türkische Gesellschaft diese Gehabe, um sich wohl zu fühlen?

Du kannst dir vorstellen, dass mir als Deutscher, der in der Erfahrung aus solchem Gehabes groß geworden ist, das ganz übel aufstößt ? Das es politisch sinnvoll ist, aus deutscher Erfahrung heraus dieser Art von Politikmachen Widerstand gegenüber gestellt werden sollte ?
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Re: Islam und Neoliberalismus - eine funktionierende Symbios

Beitragvon palulu » Do 11. Dez 2014, 20:35

Das ist leider nicht das Thema hier im Strang.
Demolit

Re: Islam und Neoliberalismus - eine funktionierende Symbios

Beitragvon Demolit » Do 11. Dez 2014, 20:36

Schade :?:

echt ;)
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Re: Islam und Neoliberalismus - eine funktionierende Symbios

Beitragvon palulu » Do 11. Dez 2014, 20:51

“Social Neo-liberalism” and Redistributive Politics

Many analysts tend to consider the AKP as a typical center-right political party—or a
center-right party with a conservative/Islamic face—with a true commitment to neo-liberal
economic policies.11 There is clearly an element of truth in this statement. During its period of
office, the party has displayed a vigorous commitment to many aspects of the neo-liberal
policy paradigm.12 Indeed, privatization on a massive scale has been a notable characteristic
of the AKP era. In retrospect, however, the AKP’s neo-liberalism was much more in the spirit
of post-Washington consensus style neo-liberalism, which recognized the regulatory and
social failures of free-market liberalism based on the logic of Washington consensus. In fact
one of the strengths of the AKP lay in its ability to employ both informal and formal
redistributive tools to enlarge its base of electoral support. Redistributive mechanisms have
been critical to its ability to bring the winners and losers of neo-liberal globalization into the
orbit of one single, broad-based, cross-class electoral coalition.

(...)

What this critique misses, however, is that redistribution through formal channels also
assumed significant proportions during the AKP era, with large increases in government
expenditures in the realms of health and education. This was no doubt facilitated by the high
growth trajectory of the Turkish economy, notably during early boom years of the AKP
government. The AKP’s ability to increase social expenditures in these critical areas and its
ability to improve the provision of public services, both at the level of the local and national
governments made a visible impact on the living standards of the middle and poorer segments
of society and not surprisingly contributed to the party’s steadily rising electoral fortunes.
As seen in Table 2, the composition of public expenditures under the AKP changed
remarkably in favor of lower segments of society. Over the AKP period, while the share of
military expenditures in terms of GDP decreased from 3.9 to almost 2 percent, the share of
health expenditures in total GDP increased from 3.72 percent to more than 5 percent in 2009.
Similarly, the share of education expenditures increased from 3.18 to 3.7 percent over the
same time span.


Quelle:
Öniş, Ziya (2012): The Triumph of Conservative Globalism: The Political Economy of the AKP Era.
Koc University - Department of International Relations. Online verfügbar unter http://ssrn.com/abstract=2003026.
Marie-Luise

Re: Islam und Neoliberalismus - eine funktionierende Symbios

Beitragvon Marie-Luise » Do 11. Dez 2014, 20:58

Kann man Kühlschränkeverschenken, damit die Empfänger die AKP wählen, auch als Neoliberalismus bezeichnen?

Hinzu kommt die fortschreitende Islamisierung der Türkei.

Also, ja. Somit wären der Islam und der Neoliberalismus eine Symbiose eingegangen.



"Neoliberalism: The Genesis of a Political Swearword"
Oliver Marc Hartwich

http://www.ort.edu.uy/facs/boletininter ... lism68.pdf
Zuletzt geändert von Marie-Luise am Do 11. Dez 2014, 21:22, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Islam und Neoliberalismus - eine funktionierende Symbios

Beitragvon palulu » So 28. Dez 2014, 18:27

freigeist » So 28. Dez 2014, 19:02 hat geschrieben:
Prophetentum und Business.
http://www.capx.co/oil-wahhabis-and-islamic-economics/


The abrupt collapse in oil prices shows that however unyielding Saudis may be in matters of faith, in business they are consummate practitioners of the art of setting prices flexibly. It has been ever thus. John Burckhardt in 1831 published Notes on the Bedouins and Wahabys, an early account how the Arab economy was run after Wahhabis came to power in Arabia in the eighteenth century, where he observed of their leader: “Saud always protected trade in his dominions”, and explained how that worked: “as years of dearth often occur, the rich people hoard up great quantities of corn. With these Saud never interfered: and in times of scarcity he allowed them to sell at their own prices, however they might distress the poor; for, he said, that Mohammad never forbade merchants to derive from their capital as much profit as they possible could obtain.” Wahhabi fundamentalism in religion is consistent with dynamism in business, something which may seem incongruous but in fact follows guidelines set by Muhammad who not only had been an entrepreneur, but also a seminal economist – indeed, Muhammad arguably was the first economic policymaker who cared about price competition and free markets. That is what a brief look at Muhammad’s business policies will show.


Kopiere ich mal hierhin, weil es ebenfalls mit dem Threadthema in Verbindung steht.

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