Entwicklung in Belarus (Weißrussland)

Moderator: Moderatoren Forum 3

Benutzeravatar
Europa2050
Beiträge: 6759
Registriert: Di 4. Mär 2014, 08:38
Benutzertitel: Kein Platz für Nationalismus

Entwicklung in Belarus (Weißrussland)

Beitragvon Europa2050 » Fr 14. Nov 2014, 09:20

Aus Weißrussland - und zwar offiziell - kommen zur Zeit erstauliche Meldungen, z.B.:

http://finance.yahoo.com/news/belarus-official-ukraine-war-may-push-us-west-152455338.html

Was soll das bedeuten?

Weißrussland ist das einzige aktuelle Akteur, den ich nicht beurteilen kann. Die USA, die EU, Russland, China und der Ukraine selbst handeln alle so, wie ich mir vorstellen konnte (vorstellen, nicht voraussehen, immerhin bin ich kein Hellseher ;) ).

Mit dem Hintergrund des weißrussischen Politik seit Lukaschenkos Regierung habe ich nicht erwartet, dass er die maximal mögliche Anti-Putin-Politik fährt - unter Berücksichtigung, dass Weißrussland wirtschaftlich total von Russland abhängig ist, es viele russische Truppen im Land gibt und Lukaschenko sich bisher mehr antiwestlich und pro "alte russischen Werte" verhielt als Jeltzin und Putin selbst. Ausserdem wurde das politische Überleben Lukaschenkos in den letzten Jahren massiv von Putin unterstützt.
Auf der anderen Seite wurde Weißrussland wegen Demokratiedefiziten und Verletzung der Menschenrechte durch den Westen sanktioniert.

Warum diese Änderung?

Eigentlich passiert in Weißrussland nichts, das nicht Lukaschenko genehmigt. Aber jetzt haben wir:
- einige erstaunliche Aussagen pro Souveränität der Ukraine,
- Akzeptanz der Ergebnisse des Maidan als Ukrainisches "Problem" (obwohl Vergleichbares in Minsk undenkbar ist),
- vorsichtige Kritik an Putins Imperialismus ("Weißrussland würde sich gegen einen Eindringling auch verteidigen ..."),
- Aktivitäten für den Frieden in der Ukraine (Minsker Verhandlungen),
- heimliche Umgehung der russischen Sanktionen gegen die EU (Weißrussischer Lachs),
- und jetzt dieses Interview zur Zusammenarbeit mit der EU ....

Ich denke dass Lukaschenko tatsächlich einen sehr gefährlichen Kurs fährt , und ich verstehe nicht, warum. Vielleicht fürchtet er das Schicksal von Janukowitch zu erleiden, wenn er keine Neutralitätspolitik fährt. Oder er sieht Putin in der Ukraine beschäftigt und seine Chance, sich aus der russischen Umklammerung zu lösen.
Wer weiß?

Die EU sollte alte Vorbehalte vergessen und so weit neue Beziehungen zu Weißrussland eröffnen, wie diese wollen (Dabei natürlich die demokratischen Sitation nicht vergessen, aber einen Weg der Zusammenarbeit finden).
United we stand - divided we fall...
Marcin
Beiträge: 10134
Registriert: Do 5. Jun 2008, 08:20
Benutzertitel: Kulturchauvinist

Re: Was passiert gerade in Weißrussland ?

Beitragvon Marcin » Fr 14. Nov 2014, 09:24

Ganz einfach. Lukaschenko befürchtet, dass Weissrussland von Putin demnächst in Neurussland 2 umbenannt wird.
Benutzeravatar
Europa2050
Beiträge: 6759
Registriert: Di 4. Mär 2014, 08:38
Benutzertitel: Kein Platz für Nationalismus

Re: Was passiert gerade in Weißrussland ?

Beitragvon Europa2050 » Fr 14. Nov 2014, 09:30

Marcin » Fr 14. Nov 2014, 09:24 hat geschrieben:Ganz einfach. Lukaschenko befürchtet, dass Weissrussland von Putin demnächst in Neurussland 2 umbenannt wird.

Ja vielleicht schon - aber fördert er das mit seiner aktuellen Politik nicht ?

Und wollte er das über die letzten 20 nicht so haben und Jeltzin und Putin haben abgewunken, weil er Ihnen zu gefährlich war?
United we stand - divided we fall...
Benutzeravatar
garfield336
Beiträge: 12009
Registriert: Mo 25. Mär 2013, 21:05

Re: Was passiert gerade in Weißrussland ?

Beitragvon garfield336 » Fr 14. Nov 2014, 09:39

Eine wirkliche Richtungswechsel von Lukaschenko wird es nicht geben.

Zwischen Russland und Weissrussland gibt es ab und zu Spannungen. So eng sind die Beziehungen nicht, wie der Threadersteller andeuten will.

Aber Weissrussland ist eine autoritärer Staat, westliche Werte sind der Regierung fremd, allerdings ist man auf Russland angewieseen, wegen der wirtschaftlichen Verflechtung. Das Land kann auch so kaum überleben. Macht Putin die Grenze dicht, sind die innerhalb einer Woche am verhungern.
Benutzeravatar
garfield336
Beiträge: 12009
Registriert: Mo 25. Mär 2013, 21:05

Re: Was passiert gerade in Weißrussland ?

Beitragvon garfield336 » Fr 14. Nov 2014, 09:39

Ich war zuletzt im April 2012 in Minsk, schönes Land. :)
Benutzeravatar
garfield336
Beiträge: 12009
Registriert: Mo 25. Mär 2013, 21:05

Re: Was passiert gerade in Weißrussland ?

Beitragvon garfield336 » Fr 14. Nov 2014, 09:43

Spätestens seit dem "Gasstreit" vor ein paar Jahren sind die Beziehungen schlecht.
Benutzeravatar
Europa2050
Beiträge: 6759
Registriert: Di 4. Mär 2014, 08:38
Benutzertitel: Kein Platz für Nationalismus

Re: Was passiert gerade in Weißrussland ?

Beitragvon Europa2050 » Fr 14. Nov 2014, 09:49

garfield336 » Fr 14. Nov 2014, 09:43 hat geschrieben:Spätestens seit dem "Gasstreit" vor ein paar Jahren sind die Beziehungen schlecht.

Ich gehe ja mit Deinen Aussagen (auch in dem vorherigen Post konform), habe dann aber eine ketzerische Frage:

Kann sich Lukaschenko schlechte Beziehungen zu Russland überhaupt leisten?

Seine Position ist doch noch schlechter als die der Ukraine, zumal er im Westen als "Schmuddelkind" gilt, stärker noch als Janukowitsch war.
United we stand - divided we fall...
Benutzeravatar
garfield336
Beiträge: 12009
Registriert: Mo 25. Mär 2013, 21:05

Re: Was passiert gerade in Weißrussland ?

Beitragvon garfield336 » Fr 14. Nov 2014, 10:13

Europa2050 » Fr 14. Nov 2014, 09:49 hat geschrieben:Ich gehe ja mit Deinen Aussagen (auch in dem vorherigen Post konform), habe dann aber eine ketzerische Frage:

Kann sich Lukaschenko schlechte Beziehungen zu Russland überhaupt leisten?

Seine Position ist doch noch schlechter als die der Ukraine, zumal er im Westen als "Schmuddelkind" gilt, stärker noch als Janukowitsch war.


Deshalb mein Letzter Satz vorhin.

Macht Putin die Grenze dicht, verhungert die Weissrussen innerhalb weniger Wochen. und "verhungern" meine ich hier wörtlich!


Lukaschenko sucht sich deshalb Partner in Lateinamerika. Aber die werden niemals Russland als Wirtschaftspartner ersetzen können.
Chavez wurde seinerzeit dort sehr verehrt. Kommunisten sind halt gerne unter sich.
Zuletzt geändert von garfield336 am Fr 14. Nov 2014, 10:16, insgesamt 1-mal geändert.
Benutzeravatar
garfield336
Beiträge: 12009
Registriert: Mo 25. Mär 2013, 21:05

Re: Was passiert gerade in Weißrussland ?

Beitragvon garfield336 » Fr 14. Nov 2014, 10:33

Natürlich will Weissrussland unabhängiger von Russland werden, das wollen sie schon seit langer Zeit.

Leider fehlen ihnen die Partner dazu. Der Westen (also die EU), verbindet mit einer engeren Partnerschaft immer auch Rechtstaatlichkeit und Demokratie. Die wird ist aber dort nicht geben, das ist in weiter Entfernung. Eine Revolution wie auf dem Maidan sehe ich da nicht kommen.
Jedenfalls nicht in den nächsten 5 Jahren.
Lukaschenko hat sein Land fest im Griff.

Aber fest steht auch, das Land ist wirtschaftlich nicht überlebensfähig. Sie sind auf Energieimporte und Lebensmittelimporte angewiesen und haben selbst kaum das Geld für diese Importe zu zahlen.
In grossen Teilen Weissrussland liegt die Landwirtschaft noch immer brach. Sie neuzubeleben wird auch ein Schlüssel dazu sein, wieder wirtschaftlich auf die Beine zu kommen. Aber das wird schwierig, denn es scheitert daran, dass die Menschen eine Kartoffel mit Stempel "Made in Belarus" wohl unweigerlich mit Chernobyl verbinden werden. Auch nach 30 Jahren hat sich das Land nicht von dieser Katastrophe erholt.

Das Land ist nach wievor auf Hilfslieferungen angewiesen,
Wenn sich die EU, dieses kapute Land ans Bein bindet, dann wird das finanziell kein Schnäppchen. :|
Zuletzt geändert von garfield336 am Fr 14. Nov 2014, 10:36, insgesamt 1-mal geändert.
Februar

Re: Was passiert gerade in Weißrussland ?

Beitragvon Februar » Fr 14. Nov 2014, 12:43

Haufen Halbwahrheiten.

Lukaschenko hat das weiche Vorgehen Janukowitschs ebenfalls kritisiert sowie die Maßnahmen der gegenwärtigen ukrainischen regierung in der Ostukraine, verurteilt.

Wenn Russland die Grenzen dicht macht, verhungert keiner in Weißrussland. Weißrussland exportiert Lebensmittel in großen Still nach Russland und gerade wird die Produktion erhöht um in die Lücken zu springen, die die Sanktionen gegen Europa verursachen.
Benutzeravatar
zollagent
Beiträge: 59695
Registriert: Mo 8. Aug 2011, 12:21

Re: Was passiert gerade in Weißrussland ?

Beitragvon zollagent » Fr 14. Nov 2014, 12:54

Und wieder Schönrednereien. :|
Wer an Absurditäten glaubt, wird Abscheulichkeiten begehen. (Voltaire)
Februar

Re: Was passiert gerade in Weißrussland ?

Beitragvon Februar » Fr 14. Nov 2014, 13:04

zollagent » Fr 14. Nov 2014, 12:54 hat geschrieben:Und wieder Schönrednereien. :|


Gerade wird Lukashenko in vielen Medien ein Sinneswandel nachgesagt, welche ihn vor Jahren als einen der schlimmsten Autokraten in Europa dargestellt haben. Europäer können gerade nicht genung Verbündete gegen Russland auftreiben. Da wird schon mal in der eu-Presse einiges "schöngeredet". Richtig erkannt.
Benutzeravatar
Europa2050
Beiträge: 6759
Registriert: Di 4. Mär 2014, 08:38
Benutzertitel: Kein Platz für Nationalismus

Re: Was passiert gerade in Weißrussland ?

Beitragvon Europa2050 » Fr 14. Nov 2014, 13:41

Ikarus » Fr 14. Nov 2014, 13:04 hat geschrieben:Gerade wird Lukashenko in vielen Medien ein Sinneswandel nachgesagt, welche ihn vor Jahren als einen der schlimmsten Autokraten in Europa dargestellt haben. Europäer können gerade nicht genung Verbündete gegen Russland auftreiben. Da wird schon mal in der eu-Presse einiges "schöngeredet". Richtig erkannt.

Natürlich ist Lukaschenko nach wie vor Autokrat erster Güte, und Weißrussland das letzte verbliebene Relikt der UdSSR. Und die Aktion mit dem Saulus und dem Paulus kommt auch nicht so oft vor, insbesondere, da er ja auch schon darauf hingearbeitet hat, seinem Sohn (Nordkorea stile mässig) ein Land als Erbe zu hinterlassen. Und für dumm halte ich ihn auch nicht, sonst wäre er nicht da, wo er ist.

Aber gerade deshalb ist mir die aktuelle Aussenpolitik so unklar. Wer fährt denn so einen Harakirikurs um zwischen dem Machtanspruch Putins und dem Demokratisierungsanspruch der EU aufgerieben zu werden?

Da ist doch was faul im Staate Belarus :?:
United we stand - divided we fall...
Benutzeravatar
Tantris
Beiträge: 37991
Registriert: So 22. Jun 2008, 09:13
Benutzertitel: Sihanoukville

Re: Was passiert gerade in Weißrussland ?

Beitragvon Tantris » Fr 14. Nov 2014, 13:50

Ikarus » Fr 14. Nov 2014, 14:04 hat geschrieben:
Gerade wird Lukashenko in vielen Medien ein Sinneswandel nachgesagt, welche ihn vor Jahren als einen der schlimmsten Autokraten in Europa dargestellt haben. Europäer können gerade nicht genung Verbündete gegen Russland auftreiben. Da wird schon mal in der eu-Presse einiges "schöngeredet". Richtig erkannt.


Er ist ein diktator und das wird nirgendwo verschwiegen.

Das problem hat wohl eher putin. Nichtmal die treuesten verbündeten diktatoren, die letzten 2 mitglieder seiner "eurasischen union"... nichtmal die trauen putin noch.
Diese extreme isolation ist der preis für die krim. Vom für russland ruinösen ölpreis mal abgesehen.
Benutzeravatar
Rautenberger
Beiträge: 2640
Registriert: Do 8. Mai 2014, 22:48

Re: Was passiert gerade in Weißrussland ?

Beitragvon Rautenberger » Sa 4. Jul 2020, 21:42

Am 9. August finden in Weißrussland Präsidentschaftswahlen statt. Anders als in den Jahren zuvor sprechen Experten von einer Wechselstimmung. Stürzt Lukaschenko?
Перемен требуют наши сердца, перемен требуют наши глаза...
Benutzeravatar
zollagent
Beiträge: 59695
Registriert: Mo 8. Aug 2011, 12:21

Re: Was passiert gerade in Weißrussland ?

Beitragvon zollagent » So 5. Jul 2020, 07:57

Rautenberger hat geschrieben:(04 Jul 2020, 21:42)

Am 9. August finden in Weißrussland Präsidentschaftswahlen statt. Anders als in den Jahren zuvor sprechen Experten von einer Wechselstimmung. Stürzt Lukaschenko?

Durch Wahlen?
Wer an Absurditäten glaubt, wird Abscheulichkeiten begehen. (Voltaire)
Benutzeravatar
Rautenberger
Beiträge: 2640
Registriert: Do 8. Mai 2014, 22:48

Re: Was passiert gerade in Weißrussland ?

Beitragvon Rautenberger » So 5. Jul 2020, 10:13

zollagent hat geschrieben:(05 Jul 2020, 07:57)

Durch Wahlen?


Durch Wahlen oder einen Aufstand nach einer gefälschten Wahl. Solange das Volk einen Autokraten mehrheitlich stützt oder es gelingt, alle aussichtsreichen Gegenkandidaten schon weit im Voraus aus dem Weg zu räumen, sind Wahlen logischerweise kein großes Problem, wenn das nicht der Fall ist, wirds für solche Regime lebensgefährlich. Anders als in den vergangenen 26(!) Jahren von Lukaschenkos Präsidentschaft soll es dieses Mal eine echte Wechselstimmung geben. Um Lukaschenko nochmal zum Sieg zu verhelfen, wären dieses Mal also massivste Eingriffe und Manipulationen notwendig. Je mehr und je dreister manipuliert werden muss, desto größer wird die Gefahr, dass Eliten und Beamte ins grübeln kommen und sich vielleicht weigern, das weiter mitzumachen. Wenn man den richtigen Zeitpunkt zum Absprung verpasst, kann einem das schließlich nach einer Revolution massiv auf die Füße fallen... Keine Ahnung, was passieren wird. Auf jeden Fall wird's interessant.
Перемен требуют наши сердца, перемен требуют наши глаза...
Benutzeravatar
imp
Beiträge: 16463
Registriert: Fr 14. Jul 2017, 20:37
Benutzertitel: Freiheit ist unser Ideal.

Re: Was passiert gerade in Weißrussland ?

Beitragvon imp » So 5. Jul 2020, 22:47

Rautenberger hat geschrieben:(04 Jul 2020, 21:42)

Am 9. August finden in Weißrussland Präsidentschaftswahlen statt. Anders als in den Jahren zuvor sprechen Experten von einer Wechselstimmung. Stürzt Lukaschenko?

Ich denke nein. Der aktuelle Lebensstandard lässt sich mit Revoluzzer-Kapriolen nicht halten. Tritt Lukaschenko wieder an, dann wird er auch gute Aussichten auf die Mehrheit haben. Wenn Russland nicht einen Gegenkandidaten materiell unterstützt, hat er keine Sorgen.
"Don't say words you gonna regret" - Eric Woolfson
Benutzeravatar
Europa2050
Beiträge: 6759
Registriert: Di 4. Mär 2014, 08:38
Benutzertitel: Kein Platz für Nationalismus

Re: Was passiert gerade in Weißrussland ?

Beitragvon Europa2050 » Di 7. Jul 2020, 08:32

imp hat geschrieben:(05 Jul 2020, 22:47)

Ich denke nein. Der aktuelle Lebensstandard lässt sich mit Revoluzzer-Kapriolen nicht halten. Tritt Lukaschenko wieder an, dann wird er auch gute Aussichten auf die Mehrheit haben. Wenn Russland nicht einen Gegenkandidaten materiell unterstützt, hat er keine Sorgen.


Davon gehe ich auch aus. Lukaschenka ist es im Gegensatz zu vielen anderen Autokraten gelungen, eben nicht aufgrund der Machtfülle und der unvermeidlichen „Jasager“ im Inneren größenwahnsinnig zu werden.

Er hat Putin auf Distanz gehalten, im Ukraine-Konflikt eine anerkannte Vermittlerrolle gespielt, mit der EU einen Modus Vivendi gefunden. Nachbar Polen gibt momentan auch kein pluralistisch demokratisches Vorbild ab und ist unter der PIS auch von der ULB-Doktrin abgerückt, wird zudem in Belarus auch nicht so als Vorbild gesehen, wie in der Ukraine. Zu der pflegt Lukaschenka ein entspanntes Verhältnis.

Wirtschaftlich könnte es besser laufen, nur sind die Voraussetzungen in Belarus nicht wirklich prickelnd und mit der Ukraine kann man sich allemal vergleichen. Hier hätten ein prosperierendes Polen und Litauen evtl. Sogwirkung, aber dort ist es auch ruhiger geworden.

Bei Corona hat Lukaschenka total daneben gelegen, das hat auch zu Kritik geführt, aber da ist er ja bekanntlich nicht der einzige.
Weitere große Böcke hat er eigentlich nicht geschossen, deshalb glaube ich eher nicht an eine Wechselstimmung.

Die „schützt die Errungenschaften aus der Befreiung von den Nazis“-Karte hat er letztens auch gespielt, wobei sich die Verbalakrobatik gegenüber dem heutigen Deutschland (im Gegensatz zu manch anderen... gell Herr Duda) eher in Grenzen hält. Ich glaube aber auch nicht, dass man im heutigen Belarus mit instrumentalisierter Deutschfeindlichkeit viel gewinnen kann.

Undemokratische Maßnahmen, wie das Wegsperren von Oppositionskandidaten sind wohl eher der Autokratenmanie geschuldet, dass Wahlen unter 99% irgendwie schlecht seien. Da ist Lukaschenka kein Gramm besser, als die anderen...
United we stand - divided we fall...
Benutzeravatar
imp
Beiträge: 16463
Registriert: Fr 14. Jul 2017, 20:37
Benutzertitel: Freiheit ist unser Ideal.

Re: Was passiert gerade in Weißrussland ?

Beitragvon imp » Di 7. Jul 2020, 11:24

Europa2050 hat geschrieben:(07 Jul 2020, 08:32)

Davon gehe ich auch aus. Lukaschenka ist es im Gegensatz zu vielen anderen Autokraten gelungen, eben nicht aufgrund der Machtfülle und der unvermeidlichen „Jasager“ im Inneren größenwahnsinnig zu werden.

Er hat Putin auf Distanz gehalten, im Ukraine-Konflikt eine anerkannte Vermittlerrolle gespielt, mit der EU einen Modus Vivendi gefunden. Nachbar Polen gibt momentan auch kein pluralistisch demokratisches Vorbild ab und ist unter der PIS auch von der ULB-Doktrin abgerückt, wird zudem in Belarus auch nicht so als Vorbild gesehen, wie in der Ukraine. Zu der pflegt Lukaschenka ein entspanntes Verhältnis.

Wirtschaftlich könnte es besser laufen, nur sind die Voraussetzungen in Belarus nicht wirklich prickelnd und mit der Ukraine kann man sich allemal vergleichen. Hier hätten ein prosperierendes Polen und Litauen evtl. Sogwirkung, aber dort ist es auch ruhiger geworden.

Bei Corona hat Lukaschenka total daneben gelegen, das hat auch zu Kritik geführt, aber da ist er ja bekanntlich nicht der einzige.
Weitere große Böcke hat er eigentlich nicht geschossen, deshalb glaube ich eher nicht an eine Wechselstimmung.

Die „schützt die Errungenschaften aus der Befreiung von den Nazis“-Karte hat er letztens auch gespielt, wobei sich die Verbalakrobatik gegenüber dem heutigen Deutschland (im Gegensatz zu manch anderen... gell Herr Duda) eher in Grenzen hält. Ich glaube aber auch nicht, dass man im heutigen Belarus mit instrumentalisierter Deutschfeindlichkeit viel gewinnen kann.

Undemokratische Maßnahmen, wie das Wegsperren von Oppositionskandidaten sind wohl eher der Autokratenmanie geschuldet, dass Wahlen unter 99% irgendwie schlecht seien. Da ist Lukaschenka kein Gramm besser, als die anderen...

Das reale heutige Deutschland ist für die Menschen in Minsk nicht nur geographisch sondern auch lebensweltlich viel weiter weg als für die Unionsbürger in Lodz und Stettin. Sich daran abzuarbeiten, hat keine interessante Perspektive. Der Wohlstand in Belarus hat sich über die vergangenen Jahrzehnte im Vergleich zur Ukraine gut erhalten können, aber die Basis dessen erodiert. Für die Zukunft hat die Ukraine, genau wie Russland, alle Basis, sich zu verbessern und da ist die Frage, in welcher Nische das Belarus gelingen kann. Ohne tragfähige Partnerschaften wird es sehr schwer.

Corona war tatsächlich ein Desaster, aber da haben auch Putin, Trump, Bolsonaro und andere bisher eher eine schlechte Figur gemacht und die Fähigkeit des Landes, so wie Deutschland mal eben sehr geordnet und unter großen Kosten monatelang in den Schlafmodus zu gehen ist vielleicht einfach nicht gegeben. Ich weiß es nicht genau. Jedenfalls steht man als großer Narr da, wenn man ein weltweit grassierendes Virus zuhause wegerklärt und dann trotzdem in merklichen Zahlen Tote und Kranke vorweist, die man sonst um die Jahreszeit nicht hat.

Die gewisse Erstarrung des Landes kann in der Jugend zu Desillusionierung, innerer Ablehnung führen. Die große Klammer, für die ganz Alten der Weltkrieg und für die Jüngeren die halbwegs überstandenden 90er, das sind Themen, die - ähnlich der Revolutionszeit in Kuba - für die Jüngeren zunehmend zu einer tausendmal gehörten Fabel wird, zu der sie zwischen Instergramm und Twitter kaum eigene Bezug haben. Das hat vielleicht einige Ähnlichkeit zur Spätphase der DDR. Lukaschenko muss eine Wachstumsperspektive finden und auf dieser Basis auch gesellschaftliche Reformen erlauben. Anderenfalls ist sein Staatsmodell, nicht nur seine persönliche Herrschaft, akut in der Krise. Ohne eine gewisse Anlehnung an Russland, Kina oder - unwahrscheinlicher - die EU kann dieser Umbau der Wirtschaft und Gesellschaft kaum gelingen. Derweil fressen die Kredite, Wandelanleihen, Unternehmensbeteiligungen Russlands an den Staatskonzernen sich immer tiefer in die Autonomie. Deshalb meine ich, das Land ist am Scheideweg.
"Don't say words you gonna regret" - Eric Woolfson

Zurück zu „33. Osteuropa - GUS - Kaukasus“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste