Krise in der Ukraine III: (Re)Aktionen der Ukraine

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Re: Krise in der Ukraine III: (Re)Aktionen der Ukraine

Beitragvon Nomen Nescio » Di 12. Feb 2019, 17:27

schokoschendrezki hat geschrieben:(12 Feb 2019, 14:03)

Ich sehe da schon Änderungsmöglichkeiten. Diese politische Blockierung liegt ja nicht etwa in irgendeiner "Natur der Ukrainer" oder so. Sondern in den objektiv gegebenen politischen, sozialen, wirtschaftlichen Verhältnissen. Die zu einem nicht geringen Anteil der imperialen und völkerrechtswidrigen russischen Politik zu verdanken sind. Aber es nützt ja nix, das immer wieder nur zu konstatieren. Es spricht eigentlich überhaupt nix dagegen, dass eine politische Bewegung entsteht, die relevante Themen wie Staatsschulden, Korruptionsbekämpfung, Bündnispolitik, BIP, Bildungspolitik, realistische Perspektiven im Verhältnis zu Russland anstelle von "Ehre der Nation" oder "Unabhängigkeit der ukrainisch-orthodoxen Kirche von der russisch-orthodoxen" auf den Tisch legt. Und damit die Blockierungen auflöst.

ich las die beiden ersten zeilen des beitrags worauf du reagiertest. und ich schwöre dir, daß ich dachte daß über rußland geredet wurde.
Zuletzt geändert von Nomen Nescio am Mi 13. Feb 2019, 00:33, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Krise in der Ukraine III: (Re)Aktionen der Ukraine

Beitragvon Audi » Di 12. Feb 2019, 19:03

Nomen Nescio hat geschrieben:(12 Feb 2019, 17:27)

ich laß die beiden ersten zeilen des beitrags worauf du reagiertest. und ich schwöre dir, daß ich dachte daß über rußland geredet wurde.

Hier ist aber der Ukraine Strang :rolleyes:
ukraine hat mehr mit Russland gemein als hier so mancher Westler wahrhaben möchte. In einigen Belangen ist es sogar extremer
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Re: Krise in der Ukraine III: (Re)Aktionen der Ukraine

Beitragvon DarkLightbringer » Di 12. Feb 2019, 19:51

Audi hat geschrieben:(12 Feb 2019, 19:03)

Hier ist aber der Ukraine Strang :rolleyes:
ukraine hat mehr mit Russland gemein als hier so mancher Westler wahrhaben möchte. In einigen Belangen ist es sogar extremer

Ja, auch die Russen sehen sich einer postsowjetischen Ära gegenüber, die im wesentlichen von organisierter Korruption geprägt ist.
Der Unterschied zu den Ukrainern ist, dass sie es noch nicht geschafft haben, das Regime davon zu jagen.
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Re: Krise in der Ukraine III: (Re)Aktionen der Ukraine

Beitragvon Audi » Di 12. Feb 2019, 20:09

DarkLightbringer hat geschrieben:(12 Feb 2019, 19:51)

Ja, auch die Russen sehen sich einer postsowjetischen Ära gegenüber, die im wesentlichen von organisierter Korruption geprägt ist.
Der Unterschied zu den Ukrainern ist, dass sie es noch nicht geschafft haben, das Regime davon zu jagen.

Und ukraine jagt sich von einem Regime ins nächste. :D Und ub Russland sind immer noch 3 Millionen Ukrainer unterwegs Um Geld zu verdienen
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Re: Krise in der Ukraine III: (Re)Aktionen der Ukraine

Beitragvon DarkLightbringer » Di 12. Feb 2019, 20:19

Audi hat geschrieben:(12 Feb 2019, 20:09)

Und ukraine jagt sich von einem Regime ins nächste. :D Und ub Russland sind immer noch 3 Millionen Ukrainer unterwegs Um Geld zu verdienen

Demokratie lebt vom Wechsel.
Und in Deutschland arbeiten um die 4 Millionen Russen, geschätzt.
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Re: Krise in der Ukraine III: (Re)Aktionen der Ukraine

Beitragvon Audi » Di 12. Feb 2019, 20:25

DarkLightbringer hat geschrieben:(12 Feb 2019, 20:19)

Demokratie lebt vom Wechsel.
Und in Deutschland arbeiten um die 4 Millionen Russen, geschätzt.

Ja, von einem Regime ins nächste. Was daran so toll ist musst du die Ukrainer fragen die immer Ärmer werden

Ja poste Mal eine Quelle wo 4 Millionen Russen in Deutschland arbeiten mit Wohnsitz in Russland
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Re: Krise in der Ukraine III: (Re)Aktionen der Ukraine

Beitragvon imp » Di 12. Feb 2019, 21:42

schokoschendrezki hat geschrieben:(12 Feb 2019, 14:03)

Ich sehe da schon Änderungsmöglichkeiten. Diese politische Blockierung liegt ja nicht etwa in irgendeiner "Natur der Ukrainer" oder so. Sondern in den objektiv gegebenen politischen, sozialen, wirtschaftlichen Verhältnissen. Die zu einem nicht geringen Anteil der imperialen und völkerrechtswidrigen russischen Politik zu verdanken sind. Aber es nützt ja nix, das immer wieder nur zu konstatieren. Es spricht eigentlich überhaupt nix dagegen, dass eine politische Bewegung entsteht, die relevante Themen wie Staatsschulden, Korruptionsbekämpfung, Bündnispolitik, BIP, Bildungspolitik, realistische Perspektiven im Verhältnis zu Russland anstelle von "Ehre der Nation" oder "Unabhängigkeit der ukrainisch-orthodoxen Kirche von der russisch-orthodoxen" auf den Tisch legt. Und damit die Blockierungen auflöst.

Bevor irgendwas verhandelt wird, müsste sich die Ukraine ehrliche Rechenschaft darüber ablegen, was sie von den verlorenen Gebieten samt Menschen überhaupt möchte. Will sie sie integrieren? Ist sie im Grunde froh, sie loszusein und will vor allem eine Kompensation? Welches interessante Angebot kann und will die Ukraine den Menschen dort machen?

Solange nicht diese Frage geklärt ist jenseits von nationalen Sprechblasen, gibt es auch wenig Grundlage für Gespräche mit den dortigen Kräften oder mit Russland.
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Re: Krise in der Ukraine III: (Re)Aktionen der Ukraine

Beitragvon DarkLightbringer » Di 12. Feb 2019, 22:22

Audi hat geschrieben:(12 Feb 2019, 20:25)

Ja, von einem Regime ins nächste. Was daran so toll ist musst du die Ukrainer fragen die immer Ärmer werden
Demokratie lebt vom Wechsel. Die Ukrainer können stolz darauf sein, dass ihr Wahlkampf weltweit für Aufmerksamkeit sorgt. Die freie Wahl ist ein waffenloser Sieg, den sich die Bürger selbst erstritten haben.

Ja poste Mal eine Quelle wo 4 Millionen Russen in Deutschland arbeiten mit Wohnsitz in Russland

Wenn die im Ausland arbeitenden Ukrainer ihren Wohnsitz in der Ukraine haben und die Russen in Deutschland eben hier, dann vermeiden ja beide Gruppen den Wohnsitz in Russland.
Verständlicherweise.
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Re: Krise in der Ukraine III: (Re)Aktionen der Ukraine

Beitragvon DarkLightbringer » Di 12. Feb 2019, 22:31

schokoschendrezki hat geschrieben:(12 Feb 2019, 14:03)

(…) Es spricht eigentlich überhaupt nix dagegen, dass eine politische Bewegung entsteht, die relevante Themen wie Staatsschulden, Korruptionsbekämpfung, Bündnispolitik, BIP, Bildungspolitik, realistische Perspektiven im Verhältnis zu Russland anstelle von "Ehre der Nation" oder "Unabhängigkeit der ukrainisch-orthodoxen Kirche von der russisch-orthodoxen" auf den Tisch legt. Und damit die Blockierungen auflöst.

Patriarch Kyril I. ließ russische Waffen segnen und behauptet überdies, Putin sei von Gott gesandt worden.
Das war der ukrainisch-orthodoxen Gemeinde nicht länger zuzumuten.
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Re: Krise in der Ukraine III: (Re)Aktionen der Ukraine

Beitragvon schokoschendrezki » Mi 13. Feb 2019, 07:53

DarkLightbringer hat geschrieben:(12 Feb 2019, 22:31)

Patriarch Kyril I. ließ russische Waffen segnen und behauptet überdies, Putin sei von Gott gesandt worden.
Das war der ukrainisch-orthodoxen Gemeinde nicht länger zuzumuten.


Ja klar ... und genau das beschreibt ein völlig blockiertes und fixiertes Verhalten. Als ob ich mich von jemandem, der behauptet, eins plus eins sei drei, extra distanzieren müsste. Das muss ich nur dann, wenn ich selbst behaupte, eins plus eins sei vier.

Finnland hätte historisch gesehen mindestens ebensoviel Gründe für eine antirussisch geprägte Nationalkultur wie die Ukraine. Stichwort Winterkrieg. Große Teile des einstmals finnischen Kareliens wurden an die Sowjetunion abgegeben. Das war auch eigentlich völkerrechtwidrig und nur der militärischen Übermacht der großen damaligen UdSSR gegenüber dem kleinen Finnland geschuldet. So. Und heute gibt es einen regen kleinen Grenzverkehr in der Region Karelien zwischen Russen und Finnen (und übrigens auch zahlreichen dort angesiedelten Ukrainern). Die Ukraine braucht einen Kekkonen. Einen pragmatisch denkenden Präsidenten.
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Re: Krise in der Ukraine III: (Re)Aktionen der Ukraine

Beitragvon DarkLightbringer » Mi 13. Feb 2019, 08:48

schokoschendrezki hat geschrieben:(13 Feb 2019, 07:53)

Ja klar ... und genau das beschreibt ein völlig blockiertes und fixiertes Verhalten. Als ob ich mich von jemandem, der behauptet, eins plus eins sei drei, extra distanzieren müsste. Das muss ich nur dann, wenn ich selbst behaupte, eins plus eins sei vier.
Die griechisch-Orthodoxen haben doch auch einen anderen Patriarchen.

Finnland hätte historisch gesehen mindestens ebensoviel Gründe für eine antirussisch geprägte Nationalkultur wie die Ukraine. Stichwort Winterkrieg. Große Teile des einstmals finnischen Kareliens wurden an die Sowjetunion abgegeben. Das war auch eigentlich völkerrechtwidrig und nur der militärischen Übermacht der großen damaligen UdSSR gegenüber dem kleinen Finnland geschuldet. So. Und heute gibt es einen regen kleinen Grenzverkehr in der Region Karelien zwischen Russen und Finnen (und übrigens auch zahlreichen dort angesiedelten Ukrainern). Die Ukraine braucht einen Kekkonen. Einen pragmatisch denkenden Präsidenten.

Typische Täter-Opfer-Umkehr - das kleinere Land soll Mitschuld bekennen, weil es angegriffen wurde. Im übrigen gibt es doch einen "regen kleinen Grenzverkehr in der Region", der für den Nachschub von russischer Seite sorgt.
Amnesty International spricht von Schikanen, die in den besetzten Gebieten stattfänden, und von Verhaftungen unter dem Vorhalt, die Ukraine unterstützt zu haben.

Der Punkt ist, das Normandie-Format tritt auf der Stelle. Es ist von daher nicht abwegig, eine weitere internationale Konferenz einzuberufen.
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Re: Krise in der Ukraine III: (Re)Aktionen der Ukraine

Beitragvon schokoschendrezki » Do 14. Feb 2019, 07:21

DarkLightbringer hat geschrieben:(13 Feb 2019, 08:48)

Die griechisch-Orthodoxen haben doch auch einen anderen Patriarchen.


Typische Täter-Opfer-Umkehr - das kleinere Land soll Mitschuld bekennen, weil es angegriffen wurde. Im übrigen gibt es doch einen "regen kleinen Grenzverkehr in der Region", der für den Nachschub von russischer Seite sorgt.

Man kommt zu anderen politischen Schlussfolgerungen, wenn man sich eher um die Fragen von Perspektiven als um die von Schuld und Mitschuld kümmert.

Kekkonen soll angeblich Chrustschow zu Zugeständnissen gebracht haben, indem er mit ihm in der Sauna Gespräche führte, die Temperatur extrem hochregeln ließ und darauf spekulierte, dass der Russe sich nicht die Blöße geben wird, das als Mann irgendwie nicht aushalten zu können. Das sind gewiss Legenden und Erzählungen, die nur wenig bis gar nix mit der Realität zu tun haben. Aber sie machen deutlich, dass es für ein Land wie die Ukraine gegenüber dem großen Russland nicht darauf ankommt, am Ende "Recht" zu behalten sondern darauf, dass die Menschen der Region eine Perspektive bekommen.
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Re: Krise in der Ukraine III: (Re)Aktionen der Ukraine

Beitragvon Europa2050 » Do 14. Feb 2019, 08:05

schokoschendrezki hat geschrieben:(14 Feb 2019, 07:21)

Man kommt zu anderen politischen Schlussfolgerungen, wenn man sich eher um die Fragen von Perspektiven als um die von Schuld und Mitschuld kümmert.

Kekkonen soll angeblich Chrustschow zu Zugeständnissen gebracht haben, indem er mit ihm in der Sauna Gespräche führte, die Temperatur extrem hochregeln ließ und darauf spekulierte, dass der Russe sich nicht die Blöße geben wird, das als Mann irgendwie nicht aushalten zu können. Das sind gewiss Legenden und Erzählungen, die nur wenig bis gar nix mit der Realität zu tun haben. Aber sie machen deutlich, dass es für ein Land wie die Ukraine gegenüber dem großen Russland nicht darauf ankommt, am Ende "Recht" zu behalten sondern darauf, dass die Menschen der Region eine Perspektive bekommen.


So sehr ich Deine Expertise in Sachen Osteuropa schätze, aber da glaube ich, liegst Du etwas daneben. Außer der geopolitisch besch... Lage in einer Tiefebene mit Russland und weit weg vom Atlantik eint Finnland und Ukraine kaum etwas.

Die Finnen werden/wurden in Moskau kaum als Bedrohung für das jeweils gültige System empfunden - als kapitalistisches Land nicht für die UdSSR und als Eu-Land nicht für „Russki Mir“. Dazu auch eine Annekdote (von Mannerheim und Stalin): „Und wenn der Sozialismus die ganze Welt beherrscht, lassen wir Finnland kapitalistisch, damit die ganze Welt das ausgestorbene System betrachten kann“. Die meisten Finnen dagegen sehen in Russland nicht nur den Okkupator aus dem Winterkrieg, sondern auch den Befreier und die Schutzmacht gegen Schweden im 19. Jhd., einer Zeit, da man seitens St. Petersburg das Finnische gegen die schwedische Oberschicht förderte, aber in „Kleinrussland“ alles ukrainische, westlich aufklärerische verdrängte.

Letztlich sind die Ukrainer für Moskau viel gefährlicher (wie auch Belarus): Man ist sich doch zu verwandt in Blut, Sprache und Religion. Eine kosmopolitische, rechtsstaatliche und wirtschaftlich erfolgreiche Ukraine wäre wohl das sichere Ende der Faschisten in Moskau - ohne NATO, ohne einen Schuss. Nicht dass die Ukraine den Hauch einer Chance hätte, so zu werden, schon alleine weil sie fest im Würgegriff einer mafiösen Schicht steckt - aber alleine das Szenario schreckt Putin und Co.

Deswegen kann ein geschicktes Lavieren, wie es Mannerheim und Kekkonen gelang, in der Ukraine kaum gelingen. Allerdings ist in Kiew auch nicht ein Politiker zu sehen, der nur halbwegs das Format der Beiden hätte. Vermutlich würde ein demokratischerer Lukashenka schon weiter helfen ...
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Re: Krise in der Ukraine III: (Re)Aktionen der Ukraine

Beitragvon schokoschendrezki » Do 14. Feb 2019, 09:20

Europa2050 hat geschrieben:(14 Feb 2019, 08:05)
Letztlich sind die Ukrainer für Moskau viel gefährlicher (wie auch Belarus): Man ist sich doch zu verwandt in Blut, Sprache und Religion.

So wird man es vielfach sehen im postsowjetischen Raum. Ob es aber wirklich so ist oder sich dabei nicht doch um eine engefädelte kulturalistisch eingefärbte Erzählung handelt? Die Mächtigen in Moskau handeln letztlich nach machtpolitischen Erwägungen und nicht nach Blut, Sprache und Religion.
Politisch irrlichternde Blut- und Religionsleute wie Dugin haben einen beträchtlichen Einflussm, bezeichnen aber die wirklich mächtigen russischen Wirtschaftsoligarchenclans voller Verachtung als "Liberale". Noch stehen die zusammen mit westlichen Leuten wie Altkanzler Schröder auf der Seite der Mächtigen.
Eine kosmopolitische, rechtsstaatliche und wirtschaftlich erfolgreiche Ukraine wäre wohl das sichere Ende der Faschisten in Moskau - ohne NATO, ohne einen Schuss. Nicht dass die Ukraine den Hauch einer Chance hätte, so zu werden, schon alleine weil sie fest im Würgegriff einer mafiösen Schicht steckt - aber alleine das Szenario schreckt Putin und Co.

Deswegen kann ein geschicktes Lavieren, wie es Mannerheim und Kekkonen gelang, in der Ukraine kaum gelingen. Allerdings ist in Kiew auch nicht ein Politiker zu sehen, der nur halbwegs das Format der Beiden hätte. Vermutlich würde ein demokratischerer Lukashenka schon weiter helfen ...

Ich hätte nur eben gedacht, dass die Ukraine als sehr großes, geographisch-strategisch bedeutsames Land im Gegensatz zu Finnland (oder auch Georgien) eben auch eigentlich ein Gewicht hat oder hätte. Es ist jedoch tatsächlich so, dass eine Beschäftigung
mit der Liste der aktuell zur Wahl stehenden Parteien in der Ukraine nix als Depression und Enttäuschung hervorruft. Olexandr Solotay von der Partei Syla Lyudey (Kraft der menschen), einer der wenigen liberalen Hoffnungsträger, beschreibt die politische Kultur in der Ukraine so:
Viermal boten mir die Orga­ni­sa­to­ren olig­ar­chi­scher Par­tei­pro­jekte ein Rada-Mandat an. Solch ein Deal beinhal­tet typi­scher­weise die Ver­pflich­tung, die Inter­es­sen derer zu ver­tei­di­gen, denen das Par­tei­pro­jekt gehört. Doch so lässt sich die Ukraine nicht ver­än­dern.

Eine Partei ist ein "Projekt", das man besitzt.
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Re: Krise in der Ukraine III: (Re)Aktionen der Ukraine

Beitragvon DarkLightbringer » Do 14. Feb 2019, 09:46

schokoschendrezki hat geschrieben:(14 Feb 2019, 07:21)

Man kommt zu anderen politischen Schlussfolgerungen, wenn man sich eher um die Fragen von Perspektiven als um die von Schuld und Mitschuld kümmert.

Kekkonen soll angeblich Chrustschow zu Zugeständnissen gebracht haben, indem er mit ihm in der Sauna Gespräche führte, die Temperatur extrem hochregeln ließ und darauf spekulierte, dass der Russe sich nicht die Blöße geben wird, das als Mann irgendwie nicht aushalten zu können. Das sind gewiss Legenden und Erzählungen, die nur wenig bis gar nix mit der Realität zu tun haben. Aber sie machen deutlich, dass es für ein Land wie die Ukraine gegenüber dem großen Russland nicht darauf ankommt, am Ende "Recht" zu behalten sondern darauf, dass die Menschen der Region eine Perspektive bekommen.

Die Schlußakte von Helsinki hat man im Kalten Krieg hinbekommen, nun ist sie vorläufig obsolet geworden. Das mag am Rande etwas mit einer finnischen Sauna zu tun haben, genauer gesagt mit dem Psychogramm eines gelernten KGB-Mannes, der die Wende nicht nur hautnah erlebte, sondern auch als ganz persönlichen Schock.

Die Perspektive ist m. E., die neuen Vorhänge zu gestalten, ähnlich wie die alten aus Eisen, inklusive Arsenalisierung und flexibler Reaktion. Gleichzeitig können internationale Konferenzen versucht werden, um so etwas wie die Schlußakte neu hinzubekommen.
Ansonsten aber gilt es, das Ende der Ära Putin abzuwarten. Auf einen neuen Vorhang folgt irgendwann eine neue Lichtung. Aber ich bin sehr zuversichtlich, 70 Jahre wird das nicht dauern.
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Re: Krise in der Ukraine III: (Re)Aktionen der Ukraine

Beitragvon Europa2050 » Do 14. Feb 2019, 10:13

schokoschendrezki hat geschrieben:(14 Feb 2019, 09:20)

Ich hätte nur eben gedacht, dass die Ukraine als sehr großes, geographisch-strategisch bedeutsames Land im Gegensatz zu Finnland (oder auch Georgien) eben auch eigentlich ein Gewicht hat oder hätte. Es ist jedoch tatsächlich so, dass eine Beschäftigung
mit der Liste der aktuell zur Wahl stehenden Parteien in der Ukraine nix als Depression und Enttäuschung hervorruft. Olexandr Solotay von der Partei Syla Lyudey (Kraft der menschen), einer der wenigen liberalen Hoffnungsträger, beschreibt die politische Kultur in der Ukraine so:

Eine Partei ist ein "Projekt", das man besitzt.


Und warum wählen die Leute dann so etwas nicht?

Immerhin ist die Ukraine bei allen Problemen oligarchischer Art doch ein Land, das freie Wahlen nach demokratischen Prinzipien abhält.
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Re: Krise in der Ukraine III: (Re)Aktionen der Ukraine

Beitragvon schokoschendrezki » Do 14. Feb 2019, 10:13

DarkLightbringer hat geschrieben:(14 Feb 2019, 09:46)
Ansonsten aber gilt es, das Ende der Ära Putin abzuwarten.

Das ist glaube ich zusehr auf eine Person fixiert. Wir leben heute nicht in einer "Ära Putin" sondern in einer Ära des weltweit wiedererstarkenden Autoritarismus. In der das System Putin nur ein Teil ist.

Ein Putin hoch vier hat gerade in einem Land, das zumindest an flächenmäßiger Größe fast an Russland heranreicht die Macht übernommen. Da heißt es, sich andere Konzepte und Strategien einfallen lassen.
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Re: Krise in der Ukraine III: (Re)Aktionen der Ukraine

Beitragvon schokoschendrezki » Do 14. Feb 2019, 10:16

Europa2050 hat geschrieben:(14 Feb 2019, 10:13)

Und warum wählen die Leute dann so etwas nicht?

Immerhin ist die Ukraine bei allen Problemen oligarchischer Art doch ein Land, das freie Wahlen nach demokratischen Prinzipien abhält.

Ja. Meine Arbeitshypothese ist noch immer die, dass die eigentlich entscheidenden, vor allem ökonomischen Prozesse im Hintergrund zu kompliziert und undurchschaubar geworden sind und dass im Vordergrund alle möglichen Schattentheaterinszenierungen stattfinden. In denen es um Dinge wie Nation, Religion, Blut und Identität geht.
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Re: Krise in der Ukraine III: (Re)Aktionen der Ukraine

Beitragvon Europa2050 » Do 14. Feb 2019, 10:30

schokoschendrezki hat geschrieben:(14 Feb 2019, 10:16)

Ja. Meine Arbeitshypothese ist noch immer die, dass die eigentlich entscheidenden, vor allem ökonomischen Prozesse im Hintergrund zu kompliziert und undurchschaubar geworden sind und dass im Vordergrund alle möglichen Schattentheaterinszenierungen stattfinden. In denen es um Dinge wie Nation, Religion, Blut und Identität geht.


Mit deiner „Arbeitshypothese“ kommt man dem Zeitgeist - nicht nur aber auch in der Ukraine - m.E. sehr nahe, vermutlich ist damit von AfD über Brexit bis Islamismus so manches erklärbar.

Aber was bleibt - so klassisch lösungsorientiert?

Die Welt wieder einfacher, linearer machen - wohl kaum.

Warten bis die nächste Generation intellektuell wieder mit der Komplexität mithalten kann - Nur ist dann die Welt schon wieder komplexer.

Die Inszenierungen durchschauen lernen und die eigene Unzulänglichkeiten in Sachen Komplexität akzeptieren. Falsche und aufrichtige Berater/Freunde unterscheiden lernen und dann auch mal vertrauen. Wer das schafft, könnte seinen Weg in die Zukunft finden. Schaffen das auch ganze Gesellschaften?

Schafft das die ukrainische Gesellschaft, die russische ?
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Re: Krise in der Ukraine III: (Re)Aktionen der Ukraine

Beitragvon DarkLightbringer » Do 14. Feb 2019, 10:41

schokoschendrezki hat geschrieben:(14 Feb 2019, 10:13)

Das ist glaube ich zusehr auf eine Person fixiert. Wir leben heute nicht in einer "Ära Putin" sondern in einer Ära des weltweit wiedererstarkenden Autoritarismus. In der das System Putin nur ein Teil ist.

Ein Putin hoch vier hat gerade in einem Land, das zumindest an flächenmäßiger Größe fast an Russland heranreicht die Macht übernommen. Da heißt es, sich andere Konzepte und Strategien einfallen lassen.

Sehe ich ein bißchen anders. Ja, es gibt ein paar Fragestellungen, wenn wir an die Auseinandersetzungen zwischen Rotschals und Gelbwesten in Frankreich denken oder an unsere 12-%-AfD, es gibt eine Herausforderung, wenn wir an das italienische Modell denken und dergleichen.
Es gibt aber auch einen gewohnten Wettstreit der Großmächte, die Wiederkehr von Frontlinien, die sich in Freiheit und Tyrannei aufteilen.

Zum andern ist das System der USA mit ihrer in Jahrhunderten bewährten Verfassung, dem bedeutsamen Kongress oder der lebendigen Presse kaum mit dem restaurativen Putin-System der RF zu vergleichen.
Außen- und sicherheitspolitisch wird es besonders deutlich, wo die geostrategischen Gegensätze liegen. Gegenwärtig wird auf einer Konferenz die Stabilisierung des Nahen Ostens beraten - Russland, Türkei und Iran bilden dazu einen Gegengipfel.
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