Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Dark Angel » Mo 19. Feb 2018, 13:00

schokoschendrezki hat geschrieben:(19 Feb 2018, 12:08)

Du schreibst in ein und demselben Beitrag, nur zwei Zeilen voneinander entfernt: "Frauen haben sich entschieden" und "Nix da mit entscheiden". Ja: Wie denn nun? Es ist eine völlig andere Frage, ob die Selbstentscheidung verwirklichbar ist.

Nein ist es nicht, weil die Konsequenzen, die sich aus der möglichen Entscheidung ergeben, mit in die Entscheidungsfindung einfließen. Es geht hier weniger um eine "Entscheidung für sich selbst", sondern um die Außenwirkung dieser Entscheidung, es geht um "Zeichen setzen"

schokoschendrezki hat geschrieben:(19 Feb 2018, 12:08)Selbstentscheidungen sind nur für die von äußeren Zwängen abhängig, die sich von äußeren Zwängen abhängig machen.

Sorry, aber ich habe selten etwas so dämliches gelesen, wie die Aussage oben.
Als ob sich die Frauen im Iran (in islamischen Staaten allgemein) selbst von diesen äußeren Zwängen abhängig machen würden.
Der Zwang der Vollverschleierung bzw der Kopftuchzwang wird auf die Frauen ausgeübt, ob sie nun wollen oder nicht.
Wenn sie sich gegen diesen Zwang zur Wehr setzen, haben sie mit Gefängnisstrafen, mit Folter und Vergewaltigung bis hin zur Todesstrafe zu rechnen.
Du hast sehr seltsame Vorstellungen von Entscheidungsfreiheit oder Freiheit allgemein.


schokoschendrezki hat geschrieben:(19 Feb 2018, 12:08)Und dabei ist es völlig egal, ob diese äußeren Zwänge in harten, inhumanen Gesellschaftspraktiken bestehen wie im Iran oder in dem scheinbaren weichen Zwang, in Deutschland so etwas wie eine Heimat oder in Europa so etwas wie eine abendländische Kultur als eigene Wurzel zu sehen. Jeder Mensch ist nicht nur innerlich frei sondern, wie Sartre es formulierte, "zur Freiheit verurteilt".

Nein - es ist NICHT egal!
Es besteht ein himmelweiter Unterschied, ob ich mich selbst entscheide aus dem Fenster zu springen oder ob mich jemand zwingt, aus dem Fenster zu springen.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 19. Feb 2018, 13:12

Dark Angel hat geschrieben:(19 Feb 2018, 12:49)

Du gebrauchst den Begriff "Identität" ja schon wieder falsch!
Remeber:

Remember: So einfach ist ein so klar definierter Begriff wie "Identität" gar nicht zu gebrauchen. "Identität" bedeutet schlicht und einfach mit etwas anderem gleich zu sein. Das und nicht mehr steckt etymologisch in diesem Wort. Was immer an Aufladungen und Aufgeregtheiten da von verschiedenen Menschen noch hineingepumpt wird.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 19. Feb 2018, 13:39

Dark Angel hat geschrieben:(19 Feb 2018, 13:00)
Nein - es ist NICHT egal!
Es besteht ein himmelweiter Unterschied, ob ich mich selbst entscheide aus dem Fenster zu springen oder ob mich jemand zwingt, aus dem Fenster zu springen.

In Bezug auf die Selbstentscheidung stehen äußere Zwänge nur denen entgegen, die sich von solchen Entscheidungen beeinflussbar machen. Es ist eine sehr wichtige Grunderfahrung der vergangenen DDR-Realität, dass innere Opposition eine eigene Entscheidung ist. Und dass diese innere Opposition und eigene innere Haltung viel viel entscheidender ist als das von äußeren Zwängen bestimmte Leben. Und dass Mitläufertum Bequemlichkeit ist. Das bedeutet ja nicht, dass man dumm und idiotisch ist und auf offener Straße die Inhaftierung Honeckers verlangt. Ebensowenig wie die Selbstentscheidung der Emanzipiertheit in islamischen Ländern es bedeutet, dass man eben einfach dort kein Kopftuch trägt, wo das Nichttragen zu Konsequenzen führt. Und in ähnlicher Art und Weise ist die allgemeine Wiederhinwendung zu Volk und Nation hier und heute nicht bindend für das selbständig denkende Individuum. Man kann immer anders
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Zunder » Mo 19. Feb 2018, 13:59

Genau. Man kann immer anders.
Man muß ja nicht schwul sein und am Baukran baumeln. Es ist einfach eine Sache der freien Entscheidung.

Der Zynismus der dekadenten Freiheitshelden mit dem Gratismut ist ziemlich ekelhaft.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 19. Feb 2018, 14:00

Dark Angel hat geschrieben:(19 Feb 2018, 12:49)
Es geht um Selbswahrnehmung! Wie sich ein Individuum selbst wahrnimmt/wie es sich selbst sieht bleibt immer gleich, ist in der Lebensgeschichte des Individuums immer die gleiche (die selbe) und zwar situationsübergreifend und auch dann wenn sich äußere Einflüsse ändern.

Und in diesem Sinne ist der Begriff "Identität" sinnlos. Mit mir selbst bin ich trivialerweise identisch. Und wenn mans auf Kultur im allgemeinsten Sinne bezieht: Remember an den Titel eines jüngst veröffentlichten bemerkenswerten und in seriösen Medien sehr positiv reflektierten Buchs: "Es gibt keine kulturelle Identität" (!)

Wenn ich selbst andere Arten von Identitäten (Gleichseienheiten) präferiere, dann heißt das automatisch, dass ich meine Selbst als eigenständiges Selbst entwerte.
Zuletzt geändert von schokoschendrezki am Mo 19. Feb 2018, 14:14, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 19. Feb 2018, 14:03

Zunder hat geschrieben:(19 Feb 2018, 13:59)

Genau. Man kann immer anders.
Man muß ja nicht schwul sein und am Baukran baumeln. Es ist einfach eine Sache der freien Entscheidung.

Der Zynismus der dekadenten Freiheitshelden mit dem Gratismut ist ziemlich ekelhaft.


Ach ja. Nix ist einfach. Einfach ist es, denen, die aus innerer Freiheit anders sind und bleiben, zu unterstellen, sie würden es tatsächlich und realiter eigentlich nicht sein. Du irrst, Zunder. Sie sind es! Und es ist ekelhaft, ihnen zu unterstellen, sie wären es nicht!
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Tom Bombadil » Mo 19. Feb 2018, 14:15

Zunder hat geschrieben:(19 Feb 2018, 13:59)

Genau. Man kann immer anders.

Die Filterblase aka Traumwelt, in der manche User leben, ist schon ziemlich ausgeprägt. Als gäbe es keine äußeren Zwänge, als gäbe es keine Staaten, in denen man sein Leben riskiert, indem man sein Anderssein auslebt. Dass auch nicht jeder den Mut hat, sein Leben aufs Spiel zu setzen und daher sein Anderssein unterdrückt, dringt in die Blase auch nicht ein.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 19. Feb 2018, 14:19

Tom Bombadil hat geschrieben:(19 Feb 2018, 14:15)

Die Filterblase aka Traumwelt, in der manche User leben, ist schon ziemlich ausgeprägt. Als gäbe es keine äußeren Zwänge, als gäbe es keine Staaten, in denen man sein Leben riskiert, indem man sein Anderssein auslebt. Dass auch nicht jeder den Mut hat, sein Leben aufs Spiel zu setzen und daher sein Anderssein unterdrückt, dringt in die Blase auch nicht ein.

"Filterblasen" entstehen in der realen Gegenwart immer und genau dann, wenn man die Gewissheit darüber aus den Augen verliert, dass man nicht hilfloser Medienkonsument sondern eigenständig denkender Mensch ist. Der grundlegende Denkfehler ist, "Anders sein" mit "Anders leben" gleichzusetzen. Wie oben schon mal erwähnt: Die Erfahrung DDR-Realität mit all ihren Zwängen ist für eine solche Erkenntnis prägend.

Und der vielleicht noch größere Denkfehler besteht darin, die Erkenntnis des zur-Freiheit-Verurteiltseins des Menschen als ein Gutrechnen unfreier und diktatorischer Gesellschaftssysteme auszulegen.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Dark Angel » Mo 19. Feb 2018, 14:58

schokoschendrezki hat geschrieben:(19 Feb 2018, 13:12)

Remember: So einfach ist ein so klar definierter Begriff wie "Identität" gar nicht zu gebrauchen. "Identität" bedeutet schlicht und einfach mit etwas anderem gleich zu sein. Das und nicht mehr steckt etymologisch in diesem Wort. Was immer an Aufladungen und Aufgeregtheiten da von verschiedenen Menschen noch hineingepumpt wird.

Und du erzählst immer noch Unsinn!
Die so genannten "Aufladungen" von Begriffen pumpst DU hinein und niemand anders.
"Tante google" dürfte dir ja nicht fremd sein und wenn ich dort "Identität" eingebe, dann erscheint an erster Stelle Wikipedia und die sagen zu dem Begriff "Identität"

"Identität (lateinisch īdem ‚derselbe‘, ĭdem ‚dasselbe‘) ist die Gesamtheit der eine Entität, einen Gegenstand oder ein Objekt kennzeichnenden und als Individuum von allen anderen unterscheidenden Eigentümlichkeiten. Analog wird der Begriff auch zur Charakterisierung von Personen verwendet. Psychologisch und soziologisch steht dabei im Vordergrund, welche Merkmale im Selbstverständnis von Individuen oder Gruppen als wesentlich erachtet werden."

Im Selbstverständnis von Individuen ... AHA!

Weiter heißt es ebenda:
"Psychologie
Laut Rolf Oerter und Leo Montada basiert die Identitätsentwicklung beim Menschen auf zwei Prozessen, nämlich Selbsterkenntnis und Selbstgestaltung.
Die psychische Identität des Menschen stellt keine wie auch immer geartete eindeutige Essenz oder ein unveränderliches Wesen dar. Im Gegenteil: Identität als psychologisches Konzept geht davon aus, dass sich die Person mit etwas identifiziert. Dazu gehört es, Merkmale einer bestehenden Gruppenidentität als eigene Wesensmerkmale anzunehmen und zugleich eigene persönliche Merkmale auszubilden."


Als zweiten Stichpunkt findet man bei "Tante google" das "Lexikon der Psychologie" und dort heißt es:

"Identität läßt sich als die Antwort auf die Frage verstehen, wer man selbst oder wer jemand anderer sei. Identität im psychologischen Sinne beantwortet die Frage nach den Bedingungen, die eine lebensgeschichtliche und situationsübergreifende Gleichheit in der Wahrnehmung der eigenen Person möglich machen (innere Einheitlichkeit trotz äußerer Wandlungen)."

Wir sprechen hier von Identität im Zusammenhang mit Menschen und da muss man schon konkretisieren und zwar was dieses <lat> "Idem" = dasselbe bedeutet.
Und genau diese Konkretisierung wird weiter unten ausgeführt - nämlich die Selbsterkenntnis und Selbstgestaltung, die immer dieselbe bleibt bzw die lebensgeschichtliche und situationsübergreifende Gleichheit in der (Selbst)Wahrnehmung.

Und genau da hast du auch dein "Idem" = dasselbe/dieselbe/derselbe.

Identität hat also immer noch nichts mit dem Nonsens von "sich nicht unterscheiden können" zu tun, den DU da von dir gibst.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Dark Angel » Mo 19. Feb 2018, 15:04

schokoschendrezki hat geschrieben:(19 Feb 2018, 13:39)

In Bezug auf die Selbstentscheidung stehen äußere Zwänge nur denen entgegen, die sich von solchen Entscheidungen beeinflussbar machen. Es ist eine sehr wichtige Grunderfahrung der vergangenen DDR-Realität, dass innere Opposition eine eigene Entscheidung ist. Und dass diese innere Opposition und eigene innere Haltung viel viel entscheidender ist als das von äußeren Zwängen bestimmte Leben. Und dass Mitläufertum Bequemlichkeit ist. Das bedeutet ja nicht, dass man dumm und idiotisch ist und auf offener Straße die Inhaftierung Honeckers verlangt. Ebensowenig wie die Selbstentscheidung der Emanzipiertheit in islamischen Ländern es bedeutet, dass man eben einfach dort kein Kopftuch trägt, wo das Nichttragen zu Konsequenzen führt. Und in ähnlicher Art und Weise ist die allgemeine Wiederhinwendung zu Volk und Nation hier und heute nicht bindend für das selbständig denkende Individuum. Man kann immer anders

Du scheinst es nicht zu kapieren: Es ist KEINE Selbstentscheidung (der Frau) in islamischen Staaten, ein Kopftuch zu tragen, sondern Zwang UND es ist ein Zeichen kultureller Prägung.
Das Kopftuch NICHT zu tragen, es abzunehmen hat auch nichts mit Emanzipation zu tun, sondern mit Kampf um gleiche Rechte.
UND es hat etwas damit zu tun, IN diesem Kampf Zeichen zu setzen, auch wenn das mit Gefängnisstrafen, Folter und Vergewaltigung einher geht.

Vermansche doch nicht immer Äppel und Birnen zu einem ungenießbaren Obstsalat.

Und NEIN - man kann NICHT immer anders!
Es besteht immer noch eine Unterschied, ob ich mich selbst entscheide, aus dem Fenster zu springen oder ob ich gezwungen werden Im ersten Fall beende ich mein Leben selbstbestimmt durch Selbstmord. Im zweiten Fall WIRD mein Leben beendet, indem ich gezwungen werde, aus dem Fenster zu springen und zu sterben. Tue ich das nicht, dann werde ich aus dem Fenster geworfen und sterbe. In beiden Fällen sterbe ich gegen meinen Willen.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Tom Bombadil » Mo 19. Feb 2018, 15:27

schokoschendrezki hat geschrieben:(19 Feb 2018, 14:19)

Der grundlegende Denkfehler ist, "Anders sein" mit "Anders leben" gleichzusetzen.

Das ist lediglich deine Unterstellung. Aber was würde es ändern? Wenn jemand sein Anderssein nicht durch seinen anderen Lebensstil ausleben kann, weil mit drakonischen Strafen gerechnet werden muss, dann ist das unterdrückte Anderssein eine große Belastung, trotz innerer Freiheit. Selbst in unserer aufgeklärten Gesellschaft tun sich zB. Homo- oder Transsexuelle schwer mit ihrem Outing, auch ganz ohne ihr Leben zu riskieren, das fällt andernorts noch viel schwerer.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Zunder » Mo 19. Feb 2018, 16:00

schokoschendrezki hat geschrieben:(19 Feb 2018, 14:03)

Ach ja. Nix ist einfach. Einfach ist es, denen, die aus innerer Freiheit anders sind und bleiben, zu unterstellen, sie würden es tatsächlich und realiter eigentlich nicht sein. Du irrst, Zunder. Sie sind es! Und es ist ekelhaft, ihnen zu unterstellen, sie wären es nicht!

Offensichtlich hast du nicht verstanden, worum es geht. Mich interessiert nicht die Bohne, ob sich jemand für innerlich frei hält.
Der Zynismus besteht darin, so etwas wie die "innere Freiheit" überhaupt gegen hochgradig repressive Verhältnisse ins Feld zu führen. Die Luxusprobleme der Wohlstandsdekadenz sind definitiv nicht die Probleme afghanischer Frauen.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Dark Angel » Mo 19. Feb 2018, 16:12

schokoschendrezki hat geschrieben:(19 Feb 2018, 14:00)

Und in diesem Sinne ist der Begriff "Identität" sinnlos. Mit mir selbst bin ich trivialerweise identisch. Und wenn mans auf Kultur im allgemeinsten Sinne bezieht: Remember an den Titel eines jüngst veröffentlichten bemerkenswerten und in seriösen Medien sehr positiv reflektierten Buchs: "Es gibt keine kulturelle Identität" (!)

Du kriegst nichtmal mit, was du für Dummsinn von dir gibst - sorry.
Ja klar, weil der Begriff "Identität" sinnlos ist, gibt es die verschiedenen psychologischen Identitätstheorien, weil der Begriff "Identität" sinnlos ist, beschäftigen sich Psychologen damit, WIE Identitätsbildung und Identitätsentwicklung beeinflusst wird, welche Aspekte eine Rolle spiele.
Vergl. Oerter, Montada ==> Identität ist ein psychologisches Konzept, welches davon ausgeht, dass sich das Individuum MIT etwas identifiziert, dabei bestimmte Gruppenmerkmale als eigene Wesensmerkmale aufnimmt (dazu gehört Kultur) und darüber hinaus auch eigene Wesensmerkmale ausbildet. Wichtig - wenn nicht entscheident - bei der Ausbildung eigener Wesensmerkmale sind ganz individuelle Erfahrungen, die individuelle Lebensgeschichte sowie Lebenssituationen.

Vergl. Erikson ==> Identität besteht in der Fähigkeit des "Ichs", angesichts wechselnder Erfahrungen, Situationen (Schicksale) Gleichheit und Kontinuität aufrecht zu erhalten.

Die Behauptung, es gäbe keine kulturelle Identität" ist und bleibt Nonsens!

schokoschendrezki hat geschrieben:(19 Feb 2018, 14:00)Wenn ich selbst andere Arten von Identitäten (Gleichseienheiten) präferiere, dann heißt das automatisch, dass ich meine Selbst als eigenständiges Selbst entwerte.

Und noch mehr Dummsinn!
Jedes Individuum hat nur eine einzige Identität und NICHT mehrere verschieden Arten und ein Individuum präferiert auch nicht verschiedene Identitäten.
Jeder Mensch macht eigene Erfahrungen, aus denen er für sich (und nur für sich) entsprechende Schlussfolgerungen zieht, hat seine eigene, unverwechselbare Lebensgeschichte, ist den unterschiedlichsten Situationen ausgesetzt, die jeder auf seine eigene - einzigartige - Art und Weise bewältigt. Die Gesamtheit dessen macht individuelle Identität aus. Da wird nichts entwertet und schon gar nicht das Selbst.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Dark Angel » Mo 19. Feb 2018, 16:26

schokoschendrezki hat geschrieben:(19 Feb 2018, 13:39)

... das selbständig denkende Individuum.

Mit dem selbständig denken hast du's aber nicht so, vielmehr lässt du denken und quasselst nach, was irgendwelche Leute von sich geben. Spielt keine Rolle wenn es sich dabei um intellektuell verbrämten Unsinn handelt, Hauptsache es wird positiv rezipiert.

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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 19. Feb 2018, 20:03

Zunder hat geschrieben:(19 Feb 2018, 16:00)

Offensichtlich hast du nicht verstanden, worum es geht. Mich interessiert nicht die Bohne, ob sich jemand für innerlich frei hält.
Der Zynismus besteht darin, so etwas wie die "innere Freiheit" überhaupt gegen hochgradig repressive Verhältnisse ins Feld zu führen. Die Luxusprobleme der Wohlstandsdekadenz sind definitiv nicht die Probleme afghanischer Frauen.

Einem "Worum es" ein "Mich interessiert" folgen zu lassen, ist aber auch irgendwie bezeichnend... Authentische Lebenserfahrungen mit dem Nationalsozialismus in Deutschland werden sich nicht mehr so leicht finden lassen. Die Nichtnachvollziehbarkeit dieser grundlegenden, existenziellen Erkenntnis des Verurteiltseins des Menschen zur Freiheit als anthropologischer Grundkonstante, kann ich mir anstelle dessen nur mit dem Fehlen von realen Erfahrungen etwa als Oppositioneller in einem repressiven System wie dem der DDR erklären. Nicht "Luxusprobleme" sondern gerade solche Bedrängtheiten und Ausweglosigkeiten führen jemanden zu dieser Erkenntnis.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 19. Feb 2018, 20:10

Dark Angel hat geschrieben:(19 Feb 2018, 16:12)

Du kriegst nichtmal mit, was du für Dummsinn von dir gibst - sorry.
Ja klar, weil der Begriff "Identität" sinnlos ist, gibt es die verschiedenen psychologischen Identitätstheorien, weil der Begriff "Identität" sinnlos ist, beschäftigen sich Psychologen damit, WIE Identitätsbildung und Identitätsentwicklung beeinflusst wird, welche Aspekte eine Rolle spiele.
Vergl. Oerter, Montada ==> Identität ist ein psychologisches Konzept, welches davon ausgeht, dass sich das Individuum MIT etwas identifiziert, dabei bestimmte Gruppenmerkmale als eigene Wesensmerkmale aufnimmt (dazu gehört Kultur) und darüber hinaus auch eigene Wesensmerkmale ausbildet. Wichtig - wenn nicht entscheident - bei der Ausbildung eigener Wesensmerkmale sind ganz individuelle Erfahrungen, die individuelle Lebensgeschichte sowie Lebenssituationen.

Darf ich nur mal kurz als Gedankenanstoß und als Denkaufgabe und als Übungsvorschlag Dir die Frage stellen, warum sich die "Identitäre Bewegung" "Identitäre Bewegung" nennt?
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Woppadaq » Mo 19. Feb 2018, 22:45

schokoschendrezki hat geschrieben:(19 Feb 2018, 20:03)

Die Nichtnachvollziehbarkeit dieser grundlegenden, existenziellen Erkenntnis des Verurteiltseins des Menschen zur Freiheit als anthropologischer Grundkonstante, kann ich mir anstelle dessen nur mit dem Fehlen von realen Erfahrungen etwa als Oppositioneller in einem repressiven System wie dem der DDR erklären. Nicht "Luxusprobleme" sondern gerade solche Bedrängtheiten und Ausweglosigkeiten führen jemanden zu dieser Erkenntnis.


Verzeihung, nenn mich bitte strunzdumm, aber dieser Absatz ist echt zu hoch für mich.

Verurteiltsein zur Freiheit ? In einer Diktatur? Warum ist das eine existenzielle Erkenntnis, wenn ich ohne diese Erkenntnis bisher wunderbar gelebt habe? Wieso ist Verurteiltsein zu was auch immer eine anthropologische Konstante?

Irgendwie scheint es mir, als ob du vor lauter Überhöhung des Freiheitsbegriffs nicht erkennen willst, wie sehr "Freiheit" das Lieblingswort der Egoisten ist.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Zunder » Di 20. Feb 2018, 01:18

schokoschendrezki hat geschrieben:(19 Feb 2018, 20:03)
Einem "Worum es" ein "Mich interessiert" folgen zu lassen, ist aber auch irgendwie bezeichnend...

Jetzt mußt das nur noch im Kontext mit deiner verlogenen Behauptung, ich würde irgendjemandem unterstellen, er sei gar nicht innerlich frei, zu erfassen versuchen, dann könnte sich dir eventuell erschließen, daß deine Lüge schon deshalb jeder Grundlage entbehrt, weil mir die Frage nach der "inneren Freiheit" meilenweit am Arsch vorbei geht.

Es ging um deine Aussage:
"Man kann immer anders."
Das ist Schwachsinn.
Wenn du bis zum Hals eingegraben bist und dir so lange Steine an den Kopf geschmissen werden, bis du den letzten Atemzug hinter dir hast, kannst du gar nichts.
schokoschendrezki hat geschrieben:(19 Feb 2018, 20:03)
Authentische Lebenserfahrungen mit dem Nationalsozialismus in Deutschland werden sich nicht mehr so leicht finden lassen. Die Nichtnachvollziehbarkeit dieser grundlegenden, existenziellen Erkenntnis des Verurteiltseins des Menschen zur Freiheit als anthropologischer Grundkonstante, kann ich mir anstelle dessen nur mit dem Fehlen von realen Erfahrungen etwa als Oppositioneller in einem repressiven System wie dem der DDR erklären. Nicht "Luxusprobleme" sondern gerade solche Bedrängtheiten und Ausweglosigkeiten führen jemanden zu dieser Erkenntnis.


Jetzt inszenierst du dich auch noch als DDR-Opfer, das auf einer Stufe mit den Opfern des Nationalsozialismus steht.
Es wird immer widerlicher.

Frag' doch mal einen Auschwitz-Überlebenden nach seiner "grundlegenden, existenziellen Erkenntnis des Verurteiltseins des Menschen zur Freiheit als anthropologischer Grundkonstante".

Zur Freiheit Verurteilte:
http://cdn1.spiegel.de/images/image-593564-860_poster_16x9-mele-593564.jpg
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Zunder » Di 20. Feb 2018, 02:49

schokoschendrezki hat geschrieben:(19 Feb 2018, 20:10)

Darf ich nur mal kurz als Gedankenanstoß und als Denkaufgabe und als Übungsvorschlag Dir die Frage stellen, warum sich die "Identitäre Bewegung" "Identitäre Bewegung" nennt?

Warum haben sich die Nationalsozialisten Nationalsozialisten genannt? Weil sie Nationalsozialisten waren? Oder weil sie einen möglichst attraktiven und propagandistisch verwertbaren Namen brauchten?
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 20. Feb 2018, 07:31

Woppadaq hat geschrieben:(19 Feb 2018, 22:45)

Verzeihung, nenn mich bitte strunzdumm, aber dieser Absatz ist echt zu hoch für mich.

Verurteiltsein zur Freiheit ? In einer Diktatur? Warum ist das eine existenzielle Erkenntnis, wenn ich ohne diese Erkenntnis bisher wunderbar gelebt habe? Wieso ist Verurteiltsein zu was auch immer eine anthropologische Konstante?

Irgendwie scheint es mir, als ob du vor lauter Überhöhung des Freiheitsbegriffs nicht erkennen willst, wie sehr "Freiheit" das Lieblingswort der Egoisten ist.


Nein. Es handelt sich um einen der Kernsätze oder überhaupt den Kernsatz der existenzialistischen Philsophie Jean-Paul Sartres. Es gibt zig Erklärungen, Essays, Artikel usw. zu diesem einen berühmten Satz (wörtlich): "Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt". Nur als Beispiel: https://www.sinndeslebens24.de/jean-pau ... -verurteil

Die Erfahrung des Nationalsozialismus, die Inhaftierung als deutscher Kriegsgefangener sowie sein Engagement in der französischen Resistance waren prägend für die Entwicklung seiner philosophischen Anschauungen.,

In der DDR galt der Existenzialismus als bürgerlich, dekadent, fatalistisch, subjektivistisch usw. usf. ... so ähnlich wie diese Anschauung teils auch in diesem Thread verunglimpft wird. Nichtsdestotrotz gelang es insbesondere dem Lyriker Reiner Kunze sowie dem Schriftsteller und Dramatiker Ulrich Plenzdorf, Schriften zu veröffentlichen, die in gewissem Maße Sartres Philosophie nahestanden. Plenzdorfs ursprünglich als Filmdrehbuch angelegte und dann 72 in der DDR-Literaturzeitung "Sinn und Form" veröffentlichte Erzählung "Die neuen Leiden des jungen W.", in 30 Sprachen übersetzt, galt als absoluter Kulttext gesellschaftskrititsch eingestellter DDR-Bürger. Auf diese Art und Weise schließt sich der Kreis von Sartre als deutscher Kriegsgefangener in der Zeit des Nationalsozialismus zur DDR-Realität. Edgar Wibeau, der Held dieser an Goethe angelehnten Erzählung, kann als Beispiel dafür gelten, dass auch eine noch so repressive Gesellschaft den Menschen nicht daran hindert, gewissermaßen einen Selbstentwurf seiner eigenen Persönlichkeit zu schaffen. Das auch als Antwort auf die netten Einlassungen des Users Zunder.
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