Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

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think twice
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon think twice » Mi 6. Dez 2017, 19:58

Abgesehen davon , Selina ist mit Sicherheit eine moralische Instanz. Ich bin für jeden Menschen ihrer Sorte dankbar, ihn kennenlernen zu dürfen.
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Dark Angel
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Dark Angel » Mi 6. Dez 2017, 20:01

think twice hat geschrieben:(06 Dec 2017, 19:46)

Ich kenne Selina nicht persönlich, aber ich glaube, sie ist einer der anständigsten Menschen in diesem Forum. Sie ist klar links und hasst rechtes Gedankengut. Na und? Hast du dich schon mal mit ihren Gedanken und Meinungen beschäftigt? Bist du schon mal auf sie eingegangen? Du bist doch diejenige, die jeden für doof erklärt, der dir und deinen aus dem Hut/Internet gezauberten Koryphaeen nicht vorbehaltlos zustimmt.

Siehe oben:
[i]Ächtung nicht genehmer Meinungen/Meinungsäußerungen und Diffamierung derjenigen, die diese Meinung(en) äußern und sich nicht inhaltlich mit Argumenten beschäftigen, sondern ins ad hominem ausweichen.

Das ist genau das, was Selina macht. Sie setzt sich eben nicht mit Argumenten auseinander, sondern mit den Personen, die die Argumente vorbringen. Sie bedient das gesamte Arsenal der schlechten Argumente und weicht bei allem was ihr nicht passt, auf ideologische Kampfbegriffe aus - wie "Biologismus", Kulturismus" etc - so eine Art Selbstimmunisierung gegen unliebsame Fakten.

Ich erkläre niemanden für doof, ich erwarte nur, dass sich inhaltlich mit meinen Argumenten auseinader gesetzt wird, dass diese ggf inhaltlich widerlegt werden.
Habe ich von Selina noch nicht erlebt.
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becksham
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon becksham » Mi 6. Dez 2017, 20:03

Meine Fresse. Da haben sich ja alle Zicken wieder eingefunden, um die Seiten mit ad personam Spam zu füllen. Wird hier eigentlich gar nicht mehr moderiert? Seit wann wird hier über User geredet. Fürchterlich.
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Billie Holiday
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Billie Holiday » Mi 6. Dez 2017, 20:05

think twice hat geschrieben:(06 Dec 2017, 19:56)

Da gibt es ganz Andere, die sich selbst als moralische Instanz ansehen und sich selbst ganz toll finden. Gelle? :cool:


Ja, du zum Beispiel.
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Dark Angel
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Dark Angel » Mi 6. Dez 2017, 20:10

think twice hat geschrieben:(06 Dec 2017, 19:54)

Ich kenne niemanden, der die DDR wiedergaben möchte, aber viele, die von ihrer Kindheit und Jugend schwärmen und viele schoene Geschichten in Erinnerung haben, genau wie ich auch und die tatsaechlich und sagen: Es war nicht alles schlecht.
Wäre ja auch sehr traurig , wenn man 40 Jahre seines Lebens als verschenkte Zeit ansehen müsste/sollte/würde.

Tja siehste, aber ich kenne einige, die der DDR nachtrauern.
Was Kindheit und Jugend angeht - naja da wird vieles verklärt und noch mehr ausgeblendet. Es liegt schlicht in der menschlichen Natur, sich an positive Dinge genauer und länger zu erinnern als an negative.
Wenn ich mich an meine Kindheit und Jugend erinnere, erscheinen mir die schönen, die positiven Seiten auch in einem helleren Licht als die negativen, scheint das Positive zu überwiegen. Vor allem - an den Blödsinn, den wir angestellt haben, erinnere ich mich am intensivsten, so dass es scheint, als hätten wir nur Blödsinn angestellt. Die Strafen/Sanktionen die folgten werden ganz schickt ausgeblendet.
Das, was tatsächlich nicht schlecht war, kann man an einer Hand abzählen. Da fällt mir eigentlich nur das Bildungssystem ein und das auch nur mit ziemlichen Einschränkungen.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon think twice » Mi 6. Dez 2017, 20:12

becksham hat geschrieben:(06 Dec 2017, 20:03)

Meine Fresse. Da haben sich ja alle Zicken wieder eingefunden, um die Seiten mit ad personam Spam zu füllen. Wird hier eigentlich gar nicht mehr moderiert? Seit wann wird hier über User geredet. Fürchterlich.

Weisst du , was ich immer lustig finde? Leute, die nie in Sachsträngen schreiben, aber dann unverhofft dazwischen graetschen und sich über Spam und themenfremde Beiträge aufregen. ;)
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon think twice » Mi 6. Dez 2017, 20:16

Dark Angel hat geschrieben:(06 Dec 2017, 20:10)


Was Kindheit und Jugend angeht - naja da wird vieles verklärt und noch mehr ausgeblendet. Es liegt schlicht in der menschlichen Natur, sich an positive Dinge genauer und länger zu erinnern als an negative.
.

Und das ist doch auch gut so. Muss man niemanden madig reden.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Zunder » Mi 6. Dez 2017, 22:12

schokoschendrezki hat geschrieben:(06 Dec 2017, 09:37)

Der Wertebezug stellt sich in der Phase, in der eine liberale Rechtsordnung entsteht.

Der Wertebezug besteht immer.
Deshalb gibt es ja auch die öffentlichen Diskussionen über Beschneidungsgesetz, Homo-Ehe, Kopftuchurteil usw.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Selina » Do 7. Dez 2017, 00:28

think twice hat geschrieben:(06 Dec 2017, 19:46)

Ich kenne Selina nicht persönlich, aber ich glaube, sie ist einer der anständigsten Menschen in diesem Forum. Sie ist klar links und hasst rechtes Gedankengut. Na und? Hast du dich schon mal mit ihren Gedanken und Meinungen beschäftigt? Bist du schon mal auf sie eingegangen? Du bist doch diejenige, die jeden für doof erklärt, der dir und deinen aus dem Hut/Internet gezauberten Koryphaeen nicht vorbehaltlos zustimmt.


Danke. Wirklich nett von dir :) Der Witz ist vor allem, dass ich hier überhaupt nicht vordergründig über den Sozialismus sprach. Nur mit nem halben Nebensatz, über den sich nun viele hier enorm aufregen. Dabei ging es mir in meinen Postings weiter oben vor allem um die Zeit nach der Wende, als für die ehemaligen Ostblockstaaten erstmal alles wegbrach. Und ich sprach darüber, dass der real existierende heutige Kapitalismus verantwortlich dafür ist, dass sich etliche Leute wieder auf die "eigene Kultur", "die Identität", "das Nationale", "das Verbindende" zurückziehen. Das meiste, was Leute denken und sagen, hat nun mal seinen Ursprung, seine Basis in den Lebensverhältnissen, in den Macht-, Eigentums- und Wirtschaftsverhältnissen.

Noch mal was zum Sozialismus: Ich hatte es hier schon angedeutet, dass auch meine Familie unter dem System damals zu leiden hatte. Wir waren allesamt keine Privilegierten, sondern heftige Kritiker von Staat und SED. Dafür hatten wir viele Nachteile und Bestrafungen (mit üblen praktischen Auswirkungen) zu ertragen. Dennoch weiß ich hundertprozentig und aus eigener erlebter Erfahrung, dass es damals soziale Selbstverständlichkeiten gab und man sich nicht wie heute mit solchen entwürdigenden Hartz-vier-Geschichten herumschlagen musste. Und es gab etliche andere Dinge, die einfach mal gut waren. Fast 90 Prozent der Frauen waren berufstätig und das zum größten Teil auch richtig gerne. Das machte sie finanziell unabhängig von ihren Männern, was ihrem Selbstbewusstsein sehr gut tat. Seit 1972 konnten die Frauen eine Schwangerschaft ungestraft abbrechen lassen, dafür gab es eine klare gesetzliche Grundlage. Das Ergebnis: Der befürchtete starke Geburtenrückgang durch die Abbrüche ist damals ausgeblieben. Die Frauen bekamen weiterhin viele Kinder, und das trotz des Abbruch-Gesetzes. Die Geburtenrate in der DDR gehörte weltweit zu den höchsten (sie ging erst nach der Wende rapide in den Keller, als keine Perspektive, keine wirtschaftliche Sicherheit, keine Zukunftsplanung in Sicht war). Es gab genügend Kita-Plätze und die polytechnische Schulbildung hatte schon damals eine Art Ganztagsschulcharakter. Vertreter skandinavischer Länder schauten sich das Schulsystem in der DDR genau an und bezeichneten es als vorbildlich.

Und was schoko mit "kollektivistisch" beschreibt, auch das hat sich für den Einzelnen unterschiedlich dargestellt. Ich zum Beispiel war nie in irgendwelchen Gruppen oder Kollektiven, wo es "kollektivistisch" zuging, sondern meistens in Gemeinschaften, die sich aus ganz verschiedenen, bunt zusammengewürfelten Leuten zusammensetzten. Und in diesen Gemeinschaften war niemand obrigkeitshörig und angepasst, dort wurde stets und ständig Systemkritik geäußert, wurden politische Witze gerissen und die Leute wurden nicht abgeholt von den Schlapphüten. Obwohl ich natürlich weiß, dass etliche andere durchaus abgeholt worden sind. Es war aber eben nicht so schwarz-weiß: Einmal Witz erzählt, zack ab in den Knast.

Kurz und gut: Es ist einfach eine Bildzeitungs-Ente, wenn die DDR einzig und alleine als bösartige Diktatur und menschenverachtendes System, das nur aus Stasi-Knast und Verfolgung bestand, beschrieben wird. All das gab es natürlich, aber eben auch die andere, völlig normale und alltägliche Seite. Menschen haben Berufe erlernt und sie (zum Teil hochmotiviert) ausgeübt, Familien gegründet, sie hatten ne Menge Hobbies, konnten zu ihrem Bedauern in den Ferien zwar nur im Osten herumreisen, taten das dafür aber sehr ausgiebig, sie saßen oft in Klubs zusammen, amüsierten sich und gingen nicht ständig in Sack und Asche. Sie waren wütend, dass es keine Reisefreiheit gab, dass die Alte-Herren-Riege (Politbüro) nicht endlich mal abdankte und dass man ewig lange auf son Scheißauto warten musste. Und und und. Sie haben aber gelebt, viele sogar recht gut, denn der bescheidene Wohlstand der DDR-Haushalte war den Lebensverhältnissen in den anderen sozialistischen Staaten um ein Vielfaches voraus.

Ich finde einfach, man sollte mit derselben kritischen Sicht, mit der man den nun schon so lange verflossenen Sozialismus betrachtet, mal auf das jetzige System schauen. Das ist ganz bestimmt auch nicht das Ende der Geschichte und ich sehe vieles, was die Menschen klein macht und verdrossen - trotz aller Freiheit und aller Demokratie. Sie sind frei und doch wieder nicht. Wer die nötige Kohle hat, kann sich alles kaufen. Im Zweifel sogar die bessere medizinische Betreuung. Und die mit ganz viel Knete kaufen sich sogar politischen Einfluss. Und wer sich den globalen Kapitalismus anschaut, sieht an allen Ecken und Enden Verfall, Krise, Krieg, Not, Krankheit, Umweltzerstörung. Wo bleibt da die Systemkritik? Wo?
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Ger9374 » Do 7. Dez 2017, 06:20

Die Kultur wird sich sicherlich durch die Sprache in den gebieten der Schweiz, Österreich und Südtirol, mit definiert.Deutschland ja sowieso.
Die Schrift eventuell auch.Da bin ich mir nicht ganz sicher.
:thumbup: Es gibt eine Streitkultur, der Hass gehört ganz gewiss nicht dazu :thumbup: :thumbup: :D

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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon H2O » Do 7. Dez 2017, 08:33

Richtig! Unsere Muttersprache verbindet uns, so zu sagen umstandslos. Die ist auch losgelöst von geschichtlichen Grenzen. Geschichtlich/familiengeschichtlich gibt es auch eine uns verbindende europäische Kultur. Eindrucksvoll belegt durch die Darstellung symbolischer Bauten auf Euro-Scheinen (Baustile) und unsere klassische Musik. Klar, Banausen sind davon ausgeschlossen.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Sextus Ironicus » Do 7. Dez 2017, 08:35

Zunder hat geschrieben:(06 Dec 2017, 22:12)

Der Wertebezug besteht immer.
Deshalb gibt es ja auch die öffentlichen Diskussionen über Beschneidungsgesetz, Homo-Ehe, Kopftuchurteil usw.


Und je stärker menschliche Beziehungen ver-wertet und Gegenstand politischer Diskussionen werden (Antidiskriminierung, Quoten etc.), um so heftiger fallen die Diskussionen aus.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Do 7. Dez 2017, 09:51

Bleibtreu hat geschrieben:(06 Dec 2017, 16:02)

Fuer mich gehoert zur Kultur auch Ehrlichkeit, Schoko. "Sozial gerechter Sozialismus" - Dabei geht es mir nicht nur um das heuchlerische Uebersehen der pekuniaeren Ungleichheit zwischen der politischen Privilegiertenschicht und den Beherrschten. Denk an Bautzen, dass die Buerger ihr Land nicht einfach verlassen durften, dass epidemisch verbreitete Spitzel- und DenunziantenSystem, die Stasi usw. - Sozialismus ist Faschismus. Es gibt kein soz. Land, das nicht dort gelandet ist. Und das soll nicht ekelhaft sein? Einem selbsterklaerten RadikalIndividualisten wie dir muessen eigentlich bei solchen Spruechen wie "Sozial gerechter Sozialismus" die Fussnaegel hoch klappen vor purem Ekel. Und du schwatzt mir hier was von beschoenigender Maessigung. Das ist weder authentisch noch stringent, sorry. :)

Das ist auch bzw. war auch ekelhaft. Und wie! Die Formulierung "Sozial gerechter Sozialismus" ist aber nicht synonym zu (vermeintlich) "humane DDR-Gesellschaft". Was dann eine, wenn auch vielleicht nicht "ekelhafte", so doch einfach verfälschende Aussage wäre. "Sozial" bedeutet einfach "die gesellschaftliche Stellung betreffend", und ein -ismus wie Sozialismus mit seinen zig Dutzend Auslegungen läuft auf jeden Fall darauf hinaus, dieser gesellschaftlichen Stellung des Individuums eine essenzielle Bedeutung beizumessen. "Gerecht" kann das insofern nicht sein, als dass es diejenigen, die selbst und von sich aus anstelle der "gesellschaftlichen Stellung" ihre individuelle Selbstverwirklichung präferieren, von vornherein denunziert. Und genau das war ein Teil der DDR-Realität. Wer auf das (darüberhinaus auch noch uneingehaltene) Versprechen einer solchen sozialen Gerechtigkeit pfiff und lieber als armer aber glücklicher Mensch durch Schottland reisen wollte oder wer anstelle des Preisens der heuchlerischen Versprecher sozialer Gerechtigkeit ihre Verlogenheit und Brutalität in Kunst und Literatur beschrieb, landete in Bautzen. Eine verfälschte oder beschönigende Reflektion dieser Tatsachen ist aber immernoch was anderes als die Tatsachen selbst.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Do 7. Dez 2017, 10:03

Zunder hat geschrieben:(06 Dec 2017, 22:12)

Der Wertebezug besteht immer.
Deshalb gibt es ja auch die öffentlichen Diskussionen über Beschneidungsgesetz, Homo-Ehe, Kopftuchurteil usw.


Tja. Und genau darüber kann man eben unterschiedlicher Meinung sein. Selbstverständlich besteht auf der individuellen Ebene immer ein Wertebezug. Wenn mir der Erhalt der Natur als Wert wichtig ist, überlege ich eine Weile, lese Parteiprogramme und wähle dann möglicherweise die Grünen. Damit die dann im Parlament sich für entsprechende Gesetzesinitiativen einsetzen oder sogar an einer Regierung beteiligt sind. In gesamtgesellschaftlicher Wahrnehmung müsste ein Wertebezug nur dann eine Rolle spielen, wenn wir dieses System der demokratischen Machtausübung auf der Basis individueller Entscheidungen grundsätzlich in Frage stellen wollen. Und wiederum einen grundlegenden gesellschaftlichen Umbruch herbeiführen wollen, wo es dann gewissermaßen einen neuen Induktionsanfang gibt.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Do 7. Dez 2017, 10:37

@selina; Ich denke mal, diese ganzen Ost-West-Gegensätzlichkeiten und -WIdersprüchlichkeiten sind inzwischen überformt von völlig neuen Entwicklungen. "Kapitalismuskritik" - so könnte man deinen Standpunkt ja vielleicht zusammenfassend kennzeichnen, oder? - ist eben leider nicht der Universalhebel. Kapitalismuskritiker versuchen, aus meiner Sicht, irgendeine benennbare Adresse für die Probleme der Welt zu finden. Aber die Macht großer globaler Unternehmen ist wahrscheinlich auch nur ein Teilaspekt der Weltkomplexität, die sich durch den Wegfall von allen möglichen traditionellen Bindungen und Abhängigkeiten ergibt.
Es stellt sich der Eindruck ein, dass eine generelle Kritik am Kapitalismus fast so etwas Ähnliches ist wie eine Kritik an der Komplexität der Gesellschaft, für die den Kritikern, auch den akademischen, die theoretischen Chiffren fehlen.

(http://www.zeit.de/kultur/2015-07/kapitalismuskritik-selbstberuhigung-armin-nassehi/seite-2)
Der Verweis auf die Kultur der DDR-Oppositionellen-Szene, diese häufig geschlossenen Szenen von Lyrikern, Punkmusikern, Kirche-von-unten-Leuten ... ich kenne das doch auch alles ... ist letztendlich eher ein Verweis auf Unkomplexität und weniger ein Verweis auf Widerständigkeit. Es war in gewisser Hinsicht sehr einfach, gegen die SED-Genossen zu sein und es ist heute sehr schwierig, eine den Problemen der Realität angemessene Widerständigkeit zu finden. Auch wenn die Verlockungen groß sind ("Schickt alle Muslime nach Hause und alles wird gut"). Aber einfach "Kapitalismuskritik" ist auch viel viel zu einfach.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Do 7. Dez 2017, 10:47

think twice hat geschrieben:(06 Dec 2017, 19:54)

Ich kenne niemanden, der die DDR wiedergaben möchte, aber viele, die von ihrer Kindheit und Jugend schwärmen und viele schoene Geschichten in Erinnerung haben, genau wie ich auch und die tatsaechlich und sagen: Es war nicht alles schlecht.
Wäre ja auch sehr traurig , wenn man 40 Jahre seines Lebens als verschenkte Zeit ansehen müsste/sollte/würde.

Ob man die als "verschenkt" ansieht, hängt davon ab, wie weit man "sein Leben" und "die DDR" als zusammengehörig betrachtet.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Sextus Ironicus » Do 7. Dez 2017, 12:40

schokoschendrezki hat geschrieben:(07 Dec 2017, 10:47)

Ob man die als "verschenkt" ansieht, hängt davon ab, wie weit man "sein Leben" und "die DDR" als zusammengehörig betrachtet.


Man kann eine persönliche Biografie nicht unabhängig vom Land betrachten, in dem man aufwuchs. Hast du auch selbst irgendwo weiter oben über dich geschrieben: Dass man angesichts bestimmter Erfahrungen mit Ordnungen sehr ordnungskritisch ist (meine Worte jetzt).

Es ist eine Frage der Betrachtung. Viele Ostler spüren ja gerade im Zuge von Wahlergebnissen im Osten, dass man ihre Biografien mit Blick auf die DDR auch individuell abwertet. Die DDR war sche*ße, also sind es auch die Biografien, und deshalb wählen diese Verrückten jetzt verrückt - so kommt wird das durchaus verkürzt.

Aber ich sehe, du bleibst hartnäckig bei deinem angeblich bindungsfreien Individualismus. ;) Aber glaubst du, jemand der in Somalia fünf verschiedene Terrororganisationen als Dorfbeschützer überlebt hat, würde sich auch das Verschwinden aller Ordnung und deinen Anarchismus wünschen? Ordnung ist natürlich auch Zwang, aber sie ist auch Schutz. Freiheit und Ordnung muss man nicht als Feinde verstehen, sondern sie bedingen einander. Ohne Ordnung gibt's nun einmal keine Freiheit, sondern den Krieg aller gegen alle. Und Ordnung funktioniert dann am besten, wenn sie unmerklich aus den BEziehungen der Menschen heraus entsteht. Das trägt den Rechtsstaat. Und das kann man abfragen. Je mehr Menschen in einem Staat die Frage, ob sie anderen Menschen grundsätzlich vertrauen, mit Ja beantworten, umso freiheitlicher und leistungsfähiger ist so ein Staat.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Selina » Do 7. Dez 2017, 13:33

schokoschendrezki hat geschrieben:(07 Dec 2017, 10:37)

@selina; Ich denke mal, diese ganzen Ost-West-Gegensätzlichkeiten und -WIdersprüchlichkeiten sind inzwischen überformt von völlig neuen Entwicklungen. "Kapitalismuskritik" - so könnte man deinen Standpunkt ja vielleicht zusammenfassend kennzeichnen, oder? - ist eben leider nicht der Universalhebel. Kapitalismuskritiker versuchen, aus meiner Sicht, irgendeine benennbare Adresse für die Probleme der Welt zu finden. Aber die Macht großer globaler Unternehmen ist wahrscheinlich auch nur ein Teilaspekt der Weltkomplexität, die sich durch den Wegfall von allen möglichen traditionellen Bindungen und Abhängigkeiten ergibt.

(http://www.zeit.de/kultur/2015-07/kapitalismuskritik-selbstberuhigung-armin-nassehi/seite-2)
Der Verweis auf die Kultur der DDR-Oppositionellen-Szene, diese häufig geschlossenen Szenen von Lyrikern, Punkmusikern, Kirche-von-unten-Leuten ... ich kenne das doch auch alles ... ist letztendlich eher ein Verweis auf Unkomplexität und weniger ein Verweis auf Widerständigkeit. Es war in gewisser Hinsicht sehr einfach, gegen die SED-Genossen zu sein und es ist heute sehr schwierig, eine den Problemen der Realität angemessene Widerständigkeit zu finden. Auch wenn die Verlockungen groß sind ("Schickt alle Muslime nach Hause und alles wird gut"). Aber einfach "Kapitalismuskritik" ist auch viel viel zu einfach.


Ich glaube, schokoschendrezki, dass einfach schon viel damit getan wäre (so, wie es auch think twice und Sextus Ironicus gerade eben schrieben), wenn wir uns gegenseitig die verschiedensten Lebenswirklichkeiten erzählen und sie einfach so stehen lassen würden. Denn es ist, glaube ich, von außen nur schwer zu beurteilen, ob einer in solch einer "Gesellschaftsordnung" (blödes Wort, mir fällt aber im Moment kein anderes ein) halbwegs vernünftig und sinnerfüllt leben konnte oder nicht. Ich denke mal, so etwas geht durchaus. Ich werde heute auch oft gefragt, wie ich nur solch ein Spagat aushalten konnte, einerseits selbst von den DDR-Oberen diskriminiert worden zu sein und andererseits weiterhin neben all der Schei... auch Positives am damaligen Leben zu sehen und mich davon auch nicht abbringen zu lassen... bis heute. Solche Überschriften vom "Unrechtsstaat" und der "grausamen Diktatur" beschreiben nicht annähernd genau, welche Ambivalenz man in seinem eigenen Leben aushalten kann. Und damit nicht einmal ständig todunglücklich ist. Ich denke auch, dass man das in diesen Strukturen ("Kapitalismus" wird wohl nicht so gerne gehört), in denen wir uns seit den 90ern befinden, ebenfalls immer können muss: Ambivalenz aushalten. Ich konnte damals schon nicht verstehen, wenn einige Leute so einseitig das Hohelied auf den Sozialismus anstimmten, ohne seine Verwerfungen gleichfalls mit beim Namen zu nennen. Aber dasselbe kann ich auch heute nicht verstehen: Es gibt ein weitverbreitetes unkritisches Zur-Kenntnis-Nehmen der Verhältnisse, fast kein (zumindest kein öffentliches) Hinterfragen, ob vielleicht auch an den Grundfesten etwas nicht ganz stimmt. Und dieselbe Skepsis, die ich damals hatte und trotzdem ganz gut mit ihr lebte, habe ich heute wieder. Eine Art Grund-Skepsis gegen alles, was Verherrlichung oder Beschönigung irgendwelcher "Herrschaftsformen" oder auch das Abweisen von grundlegender Kritik anbelangt. Skepsis als eine Art Lebenselixier.

Hier wird ganz gut beschrieben, was ich mit "Kapitalismuskritik" unter heutigen Vorzeichen meine:

http://www.taz.de/!5361249/

PS: Interessant auch der von dir verlinkte Nassehi-Text. Der vertritt Positionen, wie man sie heute oft in liberalen oder linksliberalen Kreisen hört: Kapitalismuskritik sei lediglich ein unpassendes und ungeeignetes Reagieren auf die Komplexität der heutigen Welt und ihrer Erscheinungen. Und eigentlich brauche es keine Linke mehr, da ja jeder vernünftige Mensch mit deren Analyse der kapitalistischen Ungerechtigkeiten sowieso schon übereinstimme, aber niemand genau wisse, wie man die beseitigen könne etcpp... Nur mal mit meinen eigenen Worten zusammengefasst, was ich da auch in einem anderen Zeit-Text von Nassehi unter demselben Link gerade las. Ja, das sehen viele so. Ich nicht. Aber zu erklären, warum nicht, würde den Rahmen hier sicher sprengen. Trotzdem danke.
Zuletzt geändert von Selina am Do 7. Dez 2017, 14:07, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon krone » Do 7. Dez 2017, 13:55

Selina hat geschrieben:[url=http://www.politik-forum.eu/viewtopic.php?p=4074162#p4074162] (07 Dec 2017, 13:33)[/url

Hier wird ganz gut beschrieben, was ich mit "Kapitalismuskritik" unter heutigen Vorzeichen meine:

http://www.taz.de/!5361249/

Was meinst ,das der Arbeiter ,das Proletariat ist dumm,ungebildet ,weiß nicht was gut für sie ist.
Darum braucht's Leute wie den Herrn Neckel und dich ?
Die genossen werden den Proletariat wohl nie verzeihen das sie es ja waren die der Linken Ideologie den Stinkefinger zeigten. .

Die empirische Forschung zeigt: je geringer das Einkommen, je niedriger der formale Bildungsgrad und je höher das Lebensalter, desto häufiger wird die nationalistische Rechte gewählt. Das kann man vom Mittleren Westen in den USA über den Pariser Industriegürtel, die nordenglischen Kohlereviere bis hin nach Sachsen beobachten. Zuletzt bei der Bundespräsidentenwahl in Österreich haben 85 Prozent der Arbeiter FPÖ gewählt.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Selina » Do 7. Dez 2017, 14:05

krone hat geschrieben:(07 Dec 2017, 13:55)

Was meinst ,das der Arbeiter ,das Proletariat ist dumm,ungebildet ,weiß nicht was gut für sie ist.
Darum braucht's Leute wie den Herrn Neckel und dich ?
Die genossen werden den Proletariat wohl nie verzeihen das sie es ja waren die der Linken Ideologie den Stinkefinger zeigten. .


Ja, dieser eine Abschnitt aus dem von mir verlinkten taz-Interview ist echt sehr umstritten. Denn inzwischen gibt es ja Untersuchungen, wonach der Bildungsgrad derjenigen, die AfD wählen, durchaus querbeet von hochgebildet über durchschnittlich gut gebildet bis mangelhaft gebildet reicht. Dennoch finde ich die anderen Teile des Interviews schon recht interessant.
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