Funktioniert so Wissenschaft?

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Maltrino
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Funktioniert so Wissenschaft?

Beitragvon Maltrino » So 26. Nov 2017, 22:26

Stilisiertes Beispiel:

Zwei Gruppen, von je 100 Personen, die beide an der selben Krankheit leiden, und am Anfang der Studie 30 Jahre alt sind, werden untersucht und verglichen:

Die erste Gruppe bekommt Medikament "Y-norm" und alle 100 Personen leben ein normales Leben und sterben mit 70 Jahren. Die durchschnittliche Lebenserwartung dieser Patienten ist also 70 Jahre, bei Behandlung mit Medikament "Y-norm".

Die zweite Gruppe bekommt das Medikament "X-heavy". Von dieser Gruppe sterben 90 Personen mit 75 Jahren, die restlichen 10 bekommen 4 Jahre nach Studienbeginn eine Lähmung fast aller Muskeln, leben noch ein Jahr mit extremen Schmerzen und Angstzuständen und sterben mit 35 Jahren. Die durchschnittliche Lebenserwartung bei dieser Gruppe beträgt also 71 Jahre

Fazit: Die Studie hat ergeben, dass das Medikament "X-heavy" die Lebenserwartung um 1 Jahr verlängert und ein voller Erfolg ist und besser als Medikament "Y-norm". Medikament "X-heavy" wird also in den medizinischen Leitlinien als Medikament der Wahl empfohlen, mit hoher Evidenz. Die Masse der Patienten profitiert also von Medikament "X-heavy". Richtig? Ist dieses Vorgehen, ist diese Schlussfolgerung in irgendeine Weise wissenschaftlich, medizinisch, ethisch, moralisch, oder sonstwie korrekt?
Zuletzt geändert von Maltrino am So 26. Nov 2017, 22:45, insgesamt 1-mal geändert.
Wie ihr seht, habe ich jetzt auch ein Profilbild wo das Portrait eines großen politischen Denkers aus der Vergangenheit abgebildet ist. Damit ist jetzt jede meiner Aussagen wahr und absolut seriös.
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Re: Funktioniert so Wissenschaft?

Beitragvon Brainiac » So 26. Nov 2017, 22:32

Ceteris paribus, ja. :)
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Re: Funktioniert so Wissenschaft?

Beitragvon X3Q » So 26. Nov 2017, 22:33

Maltrino hat geschrieben:(26 Nov 2017, 22:26)

Stilisiertes Beispiel:

Zwei Gruppen, von je 100 Personen, die beide an der selben Krankheit leiden, und am Anfang der Studie 30 Jahre alt sind, werden untersucht und verglichen:

Die erste Gruppe bekommt Medikament "Y-norm" und alle 100 Personen leben ein normales Leben und sterben mit 70 Jahren. Die durchschnittliche Lebenserwartung dieser Patienten ist also 70 Jahre, bei Behandlung mit Medikament X.

Die zweite Gruppe bekommt das Medikament "X-heavy". Von dieser Gruppe sterben 90 Personen mit 75 Jahren, die restlichen 10 bekommen 4 Jahre nach Studienbeginn eine Lähmung fast aller Muskeln, leben noch ein Jahr mit extremen Schmerzen und Angstzuständen und sterben mit 35 Jahren. Die durchschnittliche Lebenserwartung bei dieser Gruppe beträgt also 71 Jahre

Fazit: Die Studie hat ergeben, dass das Medikament "X-heavy" die Lebenserwartung um 1 Jahr verlängert und ein voller Erfolg ist und besser als Medikament "Y-norm". Medikament "X-heavy" wird also in den medizinischen Leitlinien als Medikament der Wahl empfohlen, mit hoher Evidenz. Die Masse der Patienten profitiert also von Medikament "X-heavy". Richtig? Ist dieses Vorgehen, ist diese Schlussfolgerung in irgendeine Weise wissenschaftlich, medizinisch, ethisch, moralisch, oder sonstwie korrekt?

Wissenschaftlich Ja.
Medizinisch, ethisch, moralisch Nein.

--X
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Re: Funktioniert so Wissenschaft?

Beitragvon Maltrino » So 26. Nov 2017, 22:46

Das wo einmal "Medikament X" stand, meinte ich natürlich Medikament "Y-norm", habs verbessert ^^.
Wie ihr seht, habe ich jetzt auch ein Profilbild wo das Portrait eines großen politischen Denkers aus der Vergangenheit abgebildet ist. Damit ist jetzt jede meiner Aussagen wahr und absolut seriös.
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Re: Funktioniert so Wissenschaft?

Beitragvon Voight-Kampff » So 26. Nov 2017, 23:10

Maltrino hat geschrieben:(26 Nov 2017, 22:26)

Stilisiertes Beispiel:

Zwei Gruppen, von je 100 Personen, die beide an der selben Krankheit leiden, und am Anfang der Studie 30 Jahre alt sind, werden untersucht und verglichen:

Die erste Gruppe bekommt Medikament "Y-norm" und alle 100 Personen leben ein normales Leben und sterben mit 70 Jahren. Die durchschnittliche Lebenserwartung dieser Patienten ist also 70 Jahre, bei Behandlung mit Medikament "Y-norm".

Die zweite Gruppe bekommt das Medikament "X-heavy". Von dieser Gruppe sterben 90 Personen mit 75 Jahren, die restlichen 10 bekommen 4 Jahre nach Studienbeginn eine Lähmung fast aller Muskeln, leben noch ein Jahr mit extremen Schmerzen und Angstzuständen und sterben mit 35 Jahren. Die durchschnittliche Lebenserwartung bei dieser Gruppe beträgt also 71 Jahre

Fazit: Die Studie hat ergeben, dass das Medikament "X-heavy" die Lebenserwartung um 1 Jahr verlängert und ein voller Erfolg ist und besser als Medikament "Y-norm". Medikament "X-heavy" wird also in den medizinischen Leitlinien als Medikament der Wahl empfohlen, mit hoher Evidenz. Die Masse der Patienten profitiert also von Medikament "X-heavy". Richtig? Ist dieses Vorgehen, ist diese Schlussfolgerung in irgendeine Weise wissenschaftlich, medizinisch, ethisch, moralisch, oder sonstwie korrekt?

Die Schlussfolgerung ist wissenschaftlich zweifelhaft. Die Studie ist nicht randomisiert. Außerdem wird nicht klar ob das Ergebnis überhaupt statistisch signifikant ist.
Man würde die Studie bei Auftreten von solch massiven Nebenwirkungen wahrscheinlich abrechen.
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Re: Funktioniert so Wissenschaft?

Beitragvon Maltrino » So 26. Nov 2017, 23:47

Doch die Studie ist randomisiert (muss ich das erwähnen?). Und die Studie ist nicht abgebrochen wurden. Als 5 Jahre nach Studienbeginn so viele in der einen Gruppe starben wurde gesagt "Ja gut, aber die wären ja ohne die Behandlung bestimmt SOWIESO an der Ursprungskrankheit gestorben, und immerhin sind ja 90% noch nicht gestorben" und weitergemacht.
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Re: Funktioniert so Wissenschaft?

Beitragvon Voight-Kampff » Mo 27. Nov 2017, 00:29

Maltrino hat geschrieben:(26 Nov 2017, 23:47)

Doch die Studie ist randomisiert (muss ich das erwähnen?).

Wenn du fragst, ob so Wissenschaft funktioniert, dann find ich das angemessen. In einer wissenschaftlichen Veröffentlichung muss sowas auch drin stehen, vorzugsweise ganz detailliert.

Und die Studie ist nicht abgebrochen wurden. Als 5 Jahre nach Studienbeginn so viele in der einen Gruppe starben wurde gesagt "Ja gut, aber die wären ja ohne die Behandlung bestimmt SOWIESO an der Ursprungskrankheit gestorben, und immerhin sind ja 90% noch nicht gestorben" und weitergemacht.

Es gibt doch mit Y-norm eine bewährte Behandlung.
Realistischer ist vielleicht, dass diejenigen, die die Behandlung nicht vertragen, einfach ausscheiden.
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Re: Funktioniert so Wissenschaft?

Beitragvon Julian » Mo 27. Nov 2017, 01:40

Selbstverständlich werden unerwünschte Wirkungen in einer Studie berücksichtigt, und ggf. wird die Studie abgebrochen, etwa, wenn es eine Häufung schwerwiegender unerwünschter Ereignisse in einem Studienarm gibt. Es ist ja nicht so, dass Forschung am Menschen nach Gusto in abgesperrten Verließen stattfinden würde, nein, es gibt ein vorher zu genehmigendes detailliertes Protokoll, eine unabhängige ethische Beurteilung und eine enge Überwachung durch Behörden. Überhaupt muss es umfangreiche Voruntersuchungen geben, bevor eine Substanz überhaupt am Menschen getestet wird. Auch zählen nicht nur das Gesamtüberleben, sondern auch ereignisfreies Überleben und Lebensqualität.
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Re: Funktioniert so Wissenschaft?

Beitragvon Maltrino » Mo 27. Nov 2017, 04:15

Julian hat geschrieben:(27 Nov 2017, 01:40)

Selbstverständlich werden unerwünschte Wirkungen in einer Studie berücksichtigt, und ggf. wird die Studie abgebrochen, etwa, wenn es eine Häufung schwerwiegender unerwünschter Ereignisse in einem Studienarm gibt. Es ist ja nicht so, dass Forschung am Menschen nach Gusto in abgesperrten Verließen stattfinden würde, nein, es gibt ein vorher zu genehmigendes detailliertes Protokoll, eine unabhängige ethische Beurteilung und eine enge Überwachung durch Behörden. Überhaupt muss es umfangreiche Voruntersuchungen geben, bevor eine Substanz überhaupt am Menschen getestet wird. Auch zählen nicht nur das Gesamtüberleben, sondern auch ereignisfreies Überleben und Lebensqualität.


Puh, dann bin ich ja beruhigt. Dann habe ich das was ich in 20 Jahren in Medizinbetrieb erfahren habe bestimmt nur geträumt. Dann ist ja alles gut, und ich muss mir keine Sorgen machen. :)
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Re: Funktioniert so Wissenschaft?

Beitragvon Maltrino » Mo 27. Nov 2017, 04:41

Julian hat geschrieben:(27 Nov 2017, 01:40)

Selbstverständlich werden unerwünschte Wirkungen in einer Studie berücksichtigt, und ggf. wird die Studie abgebrochen, etwa, wenn es eine Häufung schwerwiegender unerwünschter Ereignisse in einem Studienarm gibt. Es ist ja nicht so, dass Forschung am Menschen nach Gusto in abgesperrten Verließen stattfinden würde, nein, es gibt ein vorher zu genehmigendes detailliertes Protokoll, eine unabhängige ethische Beurteilung und eine enge Überwachung durch Behörden. Überhaupt muss es umfangreiche Voruntersuchungen geben, bevor eine Substanz überhaupt am Menschen getestet wird. Auch zählen nicht nur das Gesamtüberleben, sondern auch ereignisfreies Überleben und Lebensqualität.


Also nochmal: Ich glaube du beschreibst da etwas das halt stattfinden sollte, aber die Frage ist ja ob es wirklich (immer) so stattfindet. Wenn wir deiner Argumentation folgen, dann bräuchte es es zum Beispiel keinen Air-Bag in Autos, da ja ein Autofahrer ordnungsgemäß ausgebildet wird und einem Hindernis ausweicht und er deshalb nicht gegen ein Hindernis fährt. Du schreibst, dass es keine Mediziner und Professoren gibt, die in dunklen Verließen unerprobte Sachen mit Patienten machen. Ok, wenn das so ist, dann kann die Diskussion ja beendet werden. Aber Mediziner sind keine heiligen und natürlich findet das statt. Es gab sogar mal einen Mediziner der Zitronensaft zur Desinfektion benutzt hat. Und vielleicht hat der ja sogar irgendwelche Studien parat gehabt, nach denen die Zitronensäure die Bakterien hätte töten sollen. Also ich finde es wichtig über Wissenschaft zu diskutieren, immer wieder zu hinterfragen. Wenn an aber einfach pauschal sagt "Selbstverständlich werden unerwünschte Wirkungen in einer Studie berücksichtigt"... Tja... Dann können wir wohl auch sagen "Selbstverständlich schießt ein Staat keine Atombomben ab" oder, ach was weiß ich. Wenn das "selbstverständlich" so ist, dann brauchen wir ja keine Wissenschaft mehr, dann können wir den Professoren ja blind vertrauen, weil sie "selbstverständlich" korrekte Studien durchführen, die nicht hinterfragt werden brauchen. Oder wie? :s
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Re: Funktioniert so Wissenschaft?

Beitragvon Voight-Kampff » Mo 27. Nov 2017, 13:50

Maltrino hat geschrieben:(27 Nov 2017, 04:41)

Also nochmal: Ich glaube du beschreibst da etwas das halt stattfinden sollte, aber die Frage ist ja ob es wirklich (immer) so stattfindet. Wenn wir deiner Argumentation folgen, dann bräuchte es es zum Beispiel keinen Air-Bag in Autos, da ja ein Autofahrer ordnungsgemäß ausgebildet wird und einem Hindernis ausweicht und er deshalb nicht gegen ein Hindernis fährt. Du schreibst, dass es keine Mediziner und Professoren gibt, die in dunklen Verließen unerprobte Sachen mit Patienten machen. Ok, wenn das so ist, dann kann die Diskussion ja beendet werden. Aber Mediziner sind keine heiligen und natürlich findet das statt. Es gab sogar mal einen Mediziner der Zitronensaft zur Desinfektion benutzt hat. Und vielleicht hat der ja sogar irgendwelche Studien parat gehabt, nach denen die Zitronensäure die Bakterien hätte töten sollen. Also ich finde es wichtig über Wissenschaft zu diskutieren, immer wieder zu hinterfragen. Wenn an aber einfach pauschal sagt "Selbstverständlich werden unerwünschte Wirkungen in einer Studie berücksichtigt"... Tja... Dann können wir wohl auch sagen "Selbstverständlich schießt ein Staat keine Atombomben ab" oder, ach was weiß ich. Wenn das "selbstverständlich" so ist, dann brauchen wir ja keine Wissenschaft mehr, dann können wir den Professoren ja blind vertrauen, weil sie "selbstverständlich" korrekte Studien durchführen, die nicht hinterfragt werden brauchen. Oder wie? :s

Es gibt internationale Übereinkünfte über Menschenversuche: https://de.wikipedia.org/wiki/Deklaration_von_Helsinki
In Industrieländern wird so was von Ethikkomissionen überwacht. Ich kenne mich damit nicht aus, aber Ich meine gehört zu haben, dass Deutschland nicht den besten Ruf hat.

Häufig werden Studien aus Kostengründen in armen Ländern durchgeführt, was zusätzliche ethische Probleme aufwirft.
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Re: Funktioniert so Wissenschaft?

Beitragvon X3Q » Mo 27. Nov 2017, 14:09

Maltrino hat geschrieben:(27 Nov 2017, 04:41)

Also nochmal: Ich glaube du beschreibst da etwas das halt stattfinden sollte, aber die Frage ist ja ob es wirklich (immer) so stattfindet. Wenn wir deiner Argumentation folgen, dann bräuchte es es zum Beispiel keinen Air-Bag in Autos, da ja ein Autofahrer ordnungsgemäß ausgebildet wird und einem Hindernis ausweicht und er deshalb nicht gegen ein Hindernis fährt.

Das ist natürlich Unsinn. Natürlich kann selbst ein gut ausgebildeter Autofahrer unverschuldet in eine Situation kommen, in der er einen Airbag benötigt. Ihm braucht ja nur ein Reifen auf der Autobahn beim Überholvorgang platzen, etc. Und so ist es auch mit klinischen Studien. Da sind auch viele Kontrollen eingebaut, um Probleme zu unterbinden oder rechtzeitig einzugreifen. Dass dies nicht immer funktioniert oder zu spät, ist leider der Komplexität des Systems geschuldet. So ist man gegen kriminelle Machenschaften nicht immer gefeilt. Oder selbst schwere Nebenwirkungen müssen nicht unbedingt mit dem Medikament zu tun haben, dass da gerade getestet wird.

Aber möchtest du jetzt über Wissenschaft, klinische Studien oder einen ganz bestimmten Skandal diskutieren?

P.S.: Bei deinem eingangs geschilderten Fall fehlt z.B. die Angabe darüber, wie die Überlebensrate bei unbehandelten Patienten aussieht!!!

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Re: Funktioniert so Wissenschaft?

Beitragvon Julian » Mo 27. Nov 2017, 19:56

Maltrino hat geschrieben:(27 Nov 2017, 04:15)

Puh, dann bin ich ja beruhigt. Dann habe ich das was ich in 20 Jahren in Medizinbetrieb erfahren habe bestimmt nur geträumt. Dann ist ja alles gut, und ich muss mir keine Sorgen machen. :)


Worum geht es dir denn? Geht es dir um klinische Prüfungen oder um ärztliche Behandlungen außerhalb klinischer Prüfungen?

Ich habe auf dein Beispiel geantwortet mit einer Darstellung der Regeln, an die sich jeder zu halten hat, der klinische Prüfungen durchführt. Natürlich passieren auch Fehler, von Fehleinschätzungen über Schlamperei bis hin zu kriminellem Verhalten. Das System ist jedoch bereits maximal reguliert und sieht neben komplexen Mechanismen zur Risikokontrolle auch empfindliche Strafen für die vor, die sich nicht daran halten.

Wenn man betrachtet, wie vor 50 oder gar 70 Jahren Arzneimittel untersucht und zugelassen wurden, und wie das heute geschieht, ist das ein gigantischer Sprung nach vorn im Hinblick auf Wissenschaftlichkeit und Risikokontrolle. Noch mehr Regulierung würde meiner Meinung nach die Innovation zunehmend ersticken; schon jetzt kostet die Entwicklung von Arzneimitteln hunderte von Millionen - und das ist ganz wesentlich der Regulierungsdichte anzulasten.

Meiner Meinung nach ist es nicht nur unmoralisch, etwas Falsches zu tun, sondern auch, das Richtige zu unterlassen oder durch zu große Beschränkungen praktisch zu verhindern.

Wenn du über Mängel der Patientenversorgung in deutschen Krankenhäusern diskutieren willst, so ist das ein anderes Thema. Diese Mängel existieren, im wesentlichen aus Gründen des Sparens und althergebrachter Hierarchien in der deutschen Medizin.
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Re: Funktioniert so Wissenschaft?

Beitragvon 3x schwarzer Kater » Mo 27. Nov 2017, 20:29

Maltrino hat geschrieben:(26 Nov 2017, 22:26)

Stilisiertes Beispiel:

Zwei Gruppen, von je 100 Personen, die beide an der selben Krankheit leiden, und am Anfang der Studie 30 Jahre alt sind, werden untersucht und verglichen:

Die erste Gruppe bekommt Medikament "Y-norm" und alle 100 Personen leben ein normales Leben und sterben mit 70 Jahren. Die durchschnittliche Lebenserwartung dieser Patienten ist also 70 Jahre, bei Behandlung mit Medikament "Y-norm".

Die zweite Gruppe bekommt das Medikament "X-heavy". Von dieser Gruppe sterben 90 Personen mit 75 Jahren, die restlichen 10 bekommen 4 Jahre nach Studienbeginn eine Lähmung fast aller Muskeln, leben noch ein Jahr mit extremen Schmerzen und Angstzuständen und sterben mit 35 Jahren. Die durchschnittliche Lebenserwartung bei dieser Gruppe beträgt also 71 Jahre

Fazit: Die Studie hat ergeben, dass das Medikament "X-heavy" die Lebenserwartung um 1 Jahr verlängert und ein voller Erfolg ist und besser als Medikament "Y-norm". Medikament "X-heavy" wird also in den medizinischen Leitlinien als Medikament der Wahl empfohlen, mit hoher Evidenz. Die Masse der Patienten profitiert also von Medikament "X-heavy". Richtig? Ist dieses Vorgehen, ist diese Schlussfolgerung in irgendeine Weise wissenschaftlich, medizinisch, ethisch, moralisch, oder sonstwie korrekt?


Nö, so funktioniert das nicht. Medikamente werden üblicherweise in Doppelblindstudien getestet.
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Re: Funktioniert so Wissenschaft?

Beitragvon Alter Stubentiger » Mo 27. Nov 2017, 20:43

3x schwarzer Kater hat geschrieben:(27 Nov 2017, 20:29)

Nö, so funktioniert das nicht. Medikamente werden üblicherweise in Doppelblindstudien getestet.


Denke nicht das dass der Punkt ist. Es ist eher ein Problem der Statistiken. Statistiken verkürzen einfach zu stark. Sie reduzieren auf ein paar Zahlenwerte. Ich bin immer mehr der Meinung das die Fixierung auf Statistiken ein ziemliches Problem ist.
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Re: Funktioniert so Wissenschaft?

Beitragvon Julian » Mo 27. Nov 2017, 20:57

Alter Stubentiger hat geschrieben:(27 Nov 2017, 20:43)

Denke nicht das dass der Punkt ist. Es ist eher ein Problem der Statistiken. Statistiken verkürzen einfach zu stark. Sie reduzieren auf ein paar Zahlenwerte. Ich bin immer mehr der Meinung das die Fixierung auf Statistiken ein ziemliches Problem ist.


Wie willst du sonst die Wirksamkeit von Medikamenten testen? Nach Gefühl? Nach der Einschätzung von Autoritäten, die nicht hinterfragt werden dürfen?
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Re: Funktioniert so Wissenschaft?

Beitragvon Excellero » Mo 27. Nov 2017, 21:31

Julian hat geschrieben:(27 Nov 2017, 20:57)

Wie willst du sonst die Wirksamkeit von Medikamenten testen? Nach Gefühl? Nach der Einschätzung von Autoritäten, die nicht hinterfragt werden dürfen?


Sperren wir doch Verbrecher in Camps und testen an denen, hat in der Vergangenheit schon zu manchem Durchbruch geführt :thumbup:
Um fremden Wert willig und frei anzuerkennen, muß man eigenen haben.
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Re: Funktioniert so Wissenschaft?

Beitragvon Maltrino » Mo 27. Nov 2017, 23:32

Alter Stubentiger hat geschrieben:(27 Nov 2017, 20:43)

Denke nicht das dass der Punkt ist. Es ist eher ein Problem der Statistiken. Statistiken verkürzen einfach zu stark. Sie reduzieren auf ein paar Zahlenwerte. Ich bin immer mehr der Meinung das die Fixierung auf Statistiken ein ziemliches Problem ist.


Endlich mal jemand der ein bischen versteht was ich zeigen will.
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Re: Funktioniert so Wissenschaft?

Beitragvon Maltrino » Mo 27. Nov 2017, 23:42

Julian hat geschrieben:(27 Nov 2017, 20:57)

Wie willst du sonst die Wirksamkeit von Medikamenten testen? Nach Gefühl? Nach der Einschätzung von Autoritäten, die nicht hinterfragt werden dürfen?


Testen ok. Aber oft sind das Problem die Schlussfolgerungen. Wenn es nach Statistiken ginge, dann wäre eine Kastration aller Männer angebracht, da Männer mit weniger Testosteron länger leben...

Bei meinem stilisierten Beispiel sieht man doch die Probleme. Oft kann eine bestimmte Statistik nicht den Einzelfall sinnvoll wiederspiegeln. Wenn beim Patienten nur die Erkenntnis ankommt, dass 1 Jahre längere durchschnittliche Lebenserwartung durch ein Medikament besteht, wenn aber dem Patient verschwiegen wird, dass sich diese durchschnittliche Lebenserwartung aus sehr unterschiedlichen Einzelschicksalen zusammensetzt... Das fällt mir in der Medizin immer wieder auf. Es war zum Beispiel lange zeit üblich, dass Kindern, die mit einem Knoten in einem bestimmten Organ zum Arzt gingen, dass denen gesagt wurde: "Die Chance, dass ein Knoten in diesem Organ bösartig ist, ist statistisch gesehen äußerst gering". Das stimmte, wenn man die Gesamtbevölkerung betrachtet. Für den Einzelfall des Kindes ist diese Aussage aber fatal, denn bei Kindern ist ein Knoten in diesem Organ fast immer bösartig. Die "Statistisierung" der Daten, wo zu viele Leute in einen Topf geworfen wurden, hat enormen Schaden angerichtet. Dass man die Daten erhebt, ok, super, aber dass man die Daten in einer Statistik packt alla "98 Prozent der Knoten in diesem Organ sind gutartig" und allein diese vereinfachte Statistik bei den meisten Ärzten ankommt.... Fatal.
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Re: Funktioniert so Wissenschaft?

Beitragvon X3Q » Di 28. Nov 2017, 02:21

Alter Stubentiger hat geschrieben:(27 Nov 2017, 20:43)

Denke nicht das dass der Punkt ist. Es ist eher ein Problem der Statistiken. Statistiken verkürzen einfach zu stark. Sie reduzieren auf ein paar Zahlenwerte. Ich bin immer mehr der Meinung das die Fixierung auf Statistiken ein ziemliches Problem ist.

Ohne saubere Statistiken öffnest du den Scharlatanen Tür und Tor. Mit Gefühlsduselei kommst du auf jeden Fall nicht weiter.

--X

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