Radikalisierung zum Terroristen im eigenen, westlichen Land

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Perdedor
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Re: Radikalisierung zum Terroristen im eigenen, westlichen Land

Beitragvon Perdedor » Mo 5. Jun 2017, 15:43

schelm hat geschrieben:Nun, aber genau das bezweckt doch die Propaganda des IS.


Richtig, und sie ist damit erfolgreich. Der Großteil der einheimischen, westlichen Jihadisten gab an, dass ihre Aktionen als Rache für die westlichen Kriege gegen Moslems verstanden werden sollen.

schelm hat geschrieben:Sie verschleiert ihr eigentliches Ziel der Errichtung eines weltweiten Kalifats nach ihren Vorgaben


Das ist höchstens die Utopie. Das unmittelbare Ziel des Terrorismus ist es die westlichen Gesellschaften zu spalten und damit die Basis für Rekrutierungen zu vergrößern.
Die Hintermänner der Propaganda sind selbstverständlich nicht so verrückt, dass sie glauben mit ein paar Tausend Kämpfern die Weltherrschaft an sich reißen zu können.

schelm hat geschrieben:Dazu stellt sich der IS als Rächer und Verteidiger der Muslime als Gesamtheit dar, um so Kämpfer zu rekrutieren. Das kann er aber nur dort, wo bereits ein latentes, gewaltaffines Umfeld herrscht, wo nicht integrierte Personen mit muslimischen Migrationshintergrund keinen inneren Zugang zur westlichen Lebensweise finden


Es geht weniger um den inneren Zugang, als um die wahrgenommene Diskriminierung. Nochmal Europol:
"In general terms, jihadists committing terrorist acts in the EU can be described as a particular
group of mainly young men who have a criminal past, are or feel discriminated, humiliated and
marginalised in society
, with some also having mental health issues, who are not strictly
practising their Islam religion, but have radicalised in a very short period [...]
"

Und genau das soll der Terrorismus verstärken. Die Logik der IS Führung ist:
Terror -> Stärkung islamfeindlicher Tendenzen im Westen -> Diskriminierung von Moslems -> Bessere Rekrutierungsbedinungen -> Mehr Terror

schelm hat geschrieben:Aus Polen, Tschechien etc. kann man weder für das eine noch andere das Personal rekrutieren.


Wäre ja gar nicht nötig. Amri hätte mit seinem Laster auch nach Polen fahren können. Die belgischen Terroristen wollten in Paris zuschlagen.
Kurz: Es sind nicht die Möglichkeiten des IS, die in Polen nicht gäbe. Polen ist schlicht nicht das Ziel.
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Re: Radikalisierung zum Terroristen im eigenen, westlichen Land

Beitragvon schelm » Mo 5. Jun 2017, 17:29

@ Perdedor :

Polen ist nicht Ziel, weil es im Selbstverständnis des IS dort keine nennenswerte Zahl von Muslimen gibt, die man vereinen und gegen die Gesellschaft der Ungläubigen führen könnte. In Schweden schon, deshalb ja auch der Anschlag von Stockholm, obwohl Schweden militärisch nichts mit Syrien am Hut hat.

Was die Utopien des IS betrifft, die mögen wir als Utopie und Größenwahnsinnig beurteilen, für den IS hingegen sind sie Programm.

Was die Diskriminierung betrifft, so ist sie ein Randphänomen, gemessen an den Integrationsleistungen anderer Einwanderergruppen, vielmehr handelt es sich um einen Zielkonflikt zwischen Selbstanspruch und erforderlichen Prioritäten, um in einer westlichen Leistungsgesellschaft Fuss zu fassen.
Denk ich an D in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht, Heinrich Heine.
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Re: Radikalisierung zum Terroristen im eigenen, westlichen Land

Beitragvon CaptainJack » Mo 5. Jun 2017, 17:36

schelm hat geschrieben:(05 Jun 2017, 14:10)

Nun, aber genau das bezweckt doch die Propaganda des IS. Sie verschleiert ihr eigentliches Ziel der Errichtung eines weltweiten Kalifats nach ihren Vorgaben, welche jedwede liberale Auslegung des Islam ausschließt und tatsächlich ein brutales Unterdrückerregime bedeutet, welches ( vermutlich ) selbst die Taliban in den Schatten stellt. Dazu stellt sich der IS als Rächer und Verteidiger der Muslime als Gesamtheit dar, um so Kämpfer zu rekrutieren. Das kann er aber nur dort, wo bereits ein latentes, gewaltaffines Umfeld herrscht, wo nicht integrierte Personen mit muslimischen Migrationshintergrund keinen inneren Zugang zur westlichen Lebensweise finden, der Westen somit für ihre Misere oder ideologisch als Hort der Dekadenz ausgemacht wird.

Damit rekrutiert man die Kämpfer; wahlweise als " homegrown " Terroristen oder eben an der vordersten Front beim Kampf um das Kalifat. Aus Polen, Tschechien etc. kann man weder für das eine noch andere das Personal rekrutieren.
Das war schon immer klar. Je größer die Anzahl insgesamt, je größer die Anzahl der Extremisten. Der fatale Fehler von 2015 ist nicht mehr korrigierbar.
Nicht vorhandene Anzahl in Polen, Tschechien usw., keine Anzahl der Extremisten.
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Re: Radikalisierung zum Terroristen im eigenen, westlichen Land

Beitragvon Adam Smith » Mo 5. Jun 2017, 17:38

CaptainJack hat geschrieben:(05 Jun 2017, 18:36)

Das war schon immer klar. Je größer die Anzahl insgesamt, je größer die Anzahl der Extremisten. Der fatale Fehler von 2015 ist nicht mehr korrigierbar.
Nicht vorhandene Anzahl in Polen, Tschechien usw., keine Anzahl der Extremisten.

Auf den Philippinen und in Kenia gibt es ja auch Anschläge des IS oder von anderen islamischen Gruppen.

Hier mal Kenia.

Im Nordosten Kenias hat es erneut einen Angriff der somalischen Terrormiliz Al-Schabaab gegeben. In der Nähe der Stadt Mandera töteten Bewaffnete mindestens 36 Arbeiter eines Steinbruchs. Nach Angaben der Polizei wurden die Menschen im Schlaf überfallen. Offenbar wählten die Täter bewusst Nichtmuslime als Opfer aus. Augenzeugen berichten, dass die Arbeiter aufgefordert wurden, einen Teil des islamischen Glaubensbekenntnisses vorzutragen. Dann seien Schüsse gefallen. Angeblich wurden mindestens zwei Opfer auch geköpft. Die Angreifer entkamen.

In einer Erklärung bekannte sich Al-Schabaab zu dem Überfall. Die Organisation werde ihre Glaubensgrundsätze kompromisslos verteidigen und gnadenlos gegen "alle Ungläubigen" vorgehen, sagte ihr Sprecher Ali Mohamud Rage.

Vor gut einer Woche hatten Kämpfer der Terrorgruppe in derselben Gegend einen Bus überfallen und 28 Nichtmuslime getötet. Al-Schabaab sah darin eine Vergeltungsaktion für Razzien von kenianischen Sicherheitskräften in einigen Moscheen kurz zuvor. Als Reaktion auf den Bus-Überfall hatte die kenianische Luftwaffe wiederum Stützpunkte der Al-Schabaab in Somalia angegriffen und dabei mindestens 28 Menschen getötet.


https://www.tagesschau.de/ausland/ansch ... a-101.html

In Kenia gibt es schon Vergeltungsaktionen für Razzien. In Somalia ist es jetzt aber noch wesentlich schlimmer. Rein theoretisch müsste es ja besser sein, da ja der Islam für Frieden und Toleranz steht und in Somalia fast ausschließlich (zu 99,999%) sunnitische Muslime leben.
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Re: Radikalisierung zum Terroristen im eigenen, westlichen Land

Beitragvon Perdedor » Mo 5. Jun 2017, 18:11

schelm hat geschrieben:Polen ist nicht Ziel, weil es im Selbstverständnis des IS dort keine nennenswerte Zahl von Muslimen gibt, die man vereinen und gegen die Gesellschaft der Ungläubigen führen könnte.


Richtig. Polen und andere ex-Ostblockstaaten profitieren vor allem von zwei Faktoren.
1) Da sie sich nicht prominent am Krieg gegen den IS beteiligen, fehlt letzterem das Propagandamaterial, um die Polen als Kreuzzügler darzustellen.
2) Da dort wenige Moslems leben, gibt es für den IS keine Notwendigkeit dort einen Propagandafeldzug für eine Spaltung der Gesellschaft zu führen. Deutschland ist für den IS viel gefährlicher, da die vergleichweise freundliche Aufnahme von Moslems dem Bild, welches der IS über den Westen vermitteln will widerspricht, was die Rekrutierung wesentlich erschwert.
Mein Punkt war, dass es nicht daran liegt, dass es keine Leute gäbe die Terroranschläge in Polen verüben könnten.

schelm hat geschrieben:Was die Utopien des IS betrifft, die mögen wir als Utopie und Größenwahnsinnig beurteilen, für den IS hingegen sind sie Programm.


Aber eben nur als Utopie. Die realen Hintermänner sind ganz und gar nicht größenwahnsinnig, sondern gehen mit einer äußert perfiden Rationalität vor. Wie auch immer die Utopie aussehen mag, sie ist mit momentanen Mitteln nicht zu erreichen. Das ist denen durchaus bewusst. Daher besteht das "realpolitische Programm" auch nicht aus der Errichtung eines weltweiten Kalifats, sondern eben aus der Erzeugung einer moslemfeindlichen Stimmung im Westen um die Gesellschaften zu spalten und damit über eine größere Rekrutierungbasis zu verfügen.

schelm hat geschrieben:Was die Diskriminierung betrifft, so ist sie ein Randphänomen


Nun, Experten halten sie für eines der wichtigsten Phänomene um den homegrown Terrorism in Bezug auf den Islamismus zu erklären (s.o.).

schelm hat geschrieben:vielmehr handelt es sich um einen Zielkonflikt zwischen Selbstanspruch und erforderlichen Prioritäten, um in einer westlichen Leistungsgesellschaft Fuss zu fassen.


Die Diskriminierung hat ja nichts mit dem einzelnen Migranten zu tun.
Es wurde ja zahlreich nachgewiesen, dass ein arabisch klingender Name für deutsche Unternehmen oft ausreihend war um einen Bewerber auszusortieren, ohne eben das Maß des "Fußfassens in der Leistungsgesellschaft" überhaupt in Betracht zu ziehen.
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Re: Radikalisierung zum Terroristen im eigenen, westlichen Land

Beitragvon Bleibtreu » Mo 5. Jun 2017, 18:29

Perdedor hat geschrieben:(05 Jun 2017, 19:11)
[...] Nun, Experten halten sie [die Diskriminierung - Anm Bleibtreu] für eines der wichtigsten Phänomene um den homegrown Terrorism in Bezug auf den Islamismus zu erklären (s.o.).


Das ist so nicht richtig, wie ich schon ganz am Anfang des Stranges ausfuehrte. Im uebrigen handelt es sich bei den Radikalisierten auch um Einheimische, die konvertierten. [Siehe verlinktes Interview ab Minute 3] Maenner, wie Frauen. Der Frauenanteil liegt sogar ziemlich hoch:

Bleibtreu hat geschrieben:(26 May 2017, 20:26)

[...] Einen sehr guten Ansatz sehe ich in dem ZDF Interview mit Marwan Abou Taam, dass ich in dem Beitrag verlinkte, aus dem du meinen letzten Satz zitiert hast. https://www.zdf.de/kultur/forum-am-frei ... u-100.html

Grundsaetzlich haben wir es mit Individuen zu tun, jeder Terrorist hat seine ganz eigene persoenliche Motivation, die sich aus seiner Sozialisierung und seinem Umfeld speist. Seine eigene persoenliche Vita, wie er zum Terrorismus kam. Es sind Menschen auf der Suche, wie es Marwan Abou Taam treffend nennt. Welche Beduerfnisse diese Menschen auch immer haben, sie werden von der jeweiligen terroristischen Ideologie [religioes oder politisch] befriedigt. Dem einen bietet sich die Moeglichkeit seine Gewalt-, Mord und MachtPhantasien auszuleben, Vorurteile werden bedient, antrainierte Verhaltensmuster. Der andere will seine Ideologie [religioes oder politisch] durchsetzen mit der er sich identifiziert oder ihn hat sein "Gerechtigkeits"Sinn dazu getrieben, etc pp Es treffen natuerlich nicht nur einzelne Aspekte, sondern auch mehrere gleichzeitig zu. Es betrifft Maenner, wie Frauen; Juengere und auch Aeltere. Ungebildete, Gebildete, Intelligente, Minderbegabte, Arme und Wohlsituierte... [...]
Bleibtreu hat geschrieben:(30 May 2017, 10:25)
[...] Wie schon angesprochen, die Maenner und Frauen, die sich radikalisieren und Teils zu DAESH gehen, sind mitnichten nur Migranten oder Abgehaengte, darunter befinden sich auch viele Konvertiten/BioDeutsche und Gebildete. Und mitnichten nur Teenager. Das gern postulierte Klischee vom doofen, jungen, ungebildeten und armen Migranten will sich hier nicht stringent abbilden lassen. Siehe das ZDF Interview mit Marwan Abou Taam + meine Ausfuehrungen an Laertes. [...]
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Re: Radikalisierung zum Terroristen im eigenen, westlichen Land

Beitragvon Perdedor » Mo 5. Jun 2017, 18:43

Bleibtreu hat geschrieben:Das ist so nicht richtig, wie ich schon ganz am Anfang des Stranges ausfuehrte.


Bei der von mir oben verlinkten Aussage von Europol ging es um Radikalisierte, welche tatsächlich Anschläge in Europa verübt oder geplant haben. Als typische Merkmale wurden genannt:
-männlich
-kriminelle Vergangenheit
-Erfahrungen mit (realer und empfundener) Diskriminierung, Erniedrigung und gesellschaftliche Marginalisierung
-z.T. psychische Probleme
Und dies trifft ja tatsächlich auf die Anschläge der letzten Jahre zu. Z.B. waren eben kaum Frauen unter den Attentätern.
Wenn man die Radikalisierung weiter fasst und auch Sympathisanten, welche selbst nicht zur Tat schreiten mit einbezieht, diversifizieren sich die Merkmale natürlich.
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Re: Radikalisierung zum Terroristen im eigenen, westlichen Land

Beitragvon Bleibtreu » Mo 5. Jun 2017, 19:08

Perdedor hat geschrieben:(05 Jun 2017, 19:43)

Bei der von mir oben verlinkten Aussage von Europol ging es um Radikalisierte, welche tatsächlich Anschläge in Europa verübt oder geplant haben. Als typische Merkmale wurden genannt:
-männlich
-kriminelle Vergangenheit
-Erfahrungen mit (realer und empfundener) Diskriminierung, Erniedrigung und gesellschaftliche Marginalisierung
-z.T. psychische Probleme
Und dies trifft ja tatsächlich auf die Anschläge der letzten Jahre zu. Z.B. war eben keine Frau unter den Attentätern.
Wenn man die Radikalisierung weiter fasst und auch Sympathisanten, welche selbst nicht zur Tat schreiten mit einbezieht, diversifizieren sich die Merkmale natürlich.


In diesem Strang geht es aber nicht nur um die Attentaeter europaeischer Anschlaege, sondern um die "Radikalisierung bis hin zum Terrorismus". Und natuerlich gibt es auch weibliche Attentaeter, erst letztes Jahr in Deutschland ein Vorfall in Hannover:

Am 26. Februar 2016 bewaffnete sich Safia S. mit einem Gemüse- und einem Steakmesser und begab sich zum Hauptbahnhof. Dort hielt sie Ausschau nach einem aussichtsreich erscheinenden Opfer. Als zwei Streife gehende Bundespolizisten an ihr vorbei liefen, folgte sie ihnen und provozierte eine Personenkontrolle. Dabei zog Safia S. für die beiden Polizeibeamten völlig unerwartet das Gemüsemesser und stach einem von ihnen gezielt über der Schutzweste in den hinteren Halsbereich. Der Polizist erlitt eine lebensbedrohliche Stichwunde, die operativ behandelt werden musste.

Hier ein Beispiel aus Frankreich:
Frauen als Attentäter - Terror kennt kein Geschlecht
Im Pariser Vorort Saint-Denis sprengt sich eine Frau in die Luft. Ihr Ziel: möglichst viele Polizisten mit in den Tod reißen. Die Öffentlichkeit reagiert entsetzt, doch Terrorexperten glauben schon lange nicht mehr an die Mär von der friedliebenden weiblichen Seele.

Mit der Tat von Hasna Aitboulahcen rückt ein Phänomen in den Fokus, das Terrorismusforscher seit längerem beobachten: Immer mehr Frauen zieht die Faszination des Terrors in ihren Bann. Die Gründe dafür sind ebenso vielschichtig wie schwer verständlich.

Im Juli gelangte ein Text an die Öffentlichkeit, der Aufschluss darüber gibt, welche Rolle den Frauen in den Reihen des IS zugedacht ist. Das Manifest der Khanssaa-Brigade, einer rein weiblichen Einheit der Terrororganisation IS, beschreibt den Alltag und die Rolle der Frauen im selbst ernannten Kalifat. Die deutsche Übersetzung erschien als kommentierte Ausgabe im Herder-Verlag unter dem Titel: "Frauen für den Dschihad: Das Manifest der IS-Kämpferinnen". Demnach sollen Mädchen nur das "Nötigste" lernen, ein wenig religiöser Unterricht und Handarbeiten reichen im Prinzip. Neun Jahre sind dem Papier zufolge "das angemessene rechtliche Alter, in dem das Mädchen zu einer Frau wird und heiraten kann." Ihr restliches Leben soll die Frau dann im Gehorsam gegenüber dem Ehemann verbringen und das Haus möglichst nicht mehr verlassen.

Die Paderborner Islamwissenschaftlerin Hamideh Mohagheghi, die den Text auch übersetzte, fasste ihre Einschätzung in der "Süddeutschen Zeitung" so zusammen: Die Frauen seien beim IS "Bettfutter und Kanonenfutter". In dieses Muster könnte auch Hasna Aitboulahcen passen. Die Cousine des mutmaßlichen Drahtziehers der Anschläge von Paris, Abdelhamid Abaaoud, sprengte sich, von der Polizei eingekesselt, in die Luft.

Gerade dieses rückwärtsgewandte Frauenbild von der dienenden, sich aufopfernden Frau scheint sich in Westeuropa als besonders anziehend zu erweisen. In Gesellschaften, in denen Frauen ökonomisch selbständig, beruflich erfolgreich, gute Mütter, Ehe- und Hausfrauen sein sollen, erscheint eine klar begrenzte Geschlechterrolle offenbar verlockend.

Getrieben von der romantischen Vorstellung vom Leben in einer islamischen Gemeinschaft brechen auch von Deutschland aus immer mehr junge Frauen nach Syrien auf. Oft haben sie innerfamiliäre Probleme und Liebesbeziehungen zu bereits radikalisierten Männern. Viele springen aber auch auf die IS-Propaganda an, wie sie unter anderem Denis Cuspert alias Deso Dogg verbreitete.

Über Facebook und Tumblr tauschen sich IS-Kämpfer und weibliche Groupies aus. In die ersten romantischen Schwärmereien mischt sich die IS-Propaganda. Eine heikle Mischung mitten in der pubertären Selbstfindung. Einfache "Wahrheiten" ersetzen die Auseinandersetzung mit der komplexen Wirklichkeit.


Oder die unruehmlich beruehmt gewordenen tschetschenischen schwarzen Witwen. Das Frauen auch Attentate verueben, ist ein weltweites Phaenomen, u.a. auch in Israel!
Die deutsche NSU Trulla kann hier auch eingereiht werden. :|

Und es geht Laertes in diesem Strang explizit nicht nur um islamistischen Terror - siehe EingangsBeitrag:
"Nicht beschränkt auf islamistischen Terror, sondern auch bezogen auf separatistisch, rassistisch, nationalistisch, kommunistisch oder anti-imperialistisch motivierten Terror in westlichen Ländern, begangen von den eigenen Bürgern."


Laertes sucht folglich nach Gemeinsamkeiten durch alle Terrorismen, die Menschen dazu bewegen, obwohl sie in westlichen Laendern aufgewachsen/geboren sind [ob ohne oder mit MigrationsHintergrund], sich terroristischen Vereinigungen anzuschliessen. :)
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Re: Radikalisierung zum Terroristen im eigenen, westlichen Land

Beitragvon Perdedor » Mo 5. Jun 2017, 19:22

Bleibtreu hat geschrieben:Und natuerlich gibt es auch weibliche Attentaeter, erst letztes Jahr in Deutschland ein Vorfall in Hannover:


Ja, aber eben eine deutliche Minderheit (ich hatte meinen obigen Beitrag noch entsprechend geändert). Auf das typische (=druchschnittliche) Bild des europäischen Terroristen hat dies keinen Einfluss, da die Zahl eben so gering ist.

Bleibtreu hat geschrieben:Und es geht Laertes in diesem Strang explizit nicht nur um islamistischen Terror:


Laertes sagte er hielte den Erklärungsansatz mit der Diskriminierung für unnütz.
Daraufhin wies ich auf die Einschätzung von Europol hin, welche die Diskriminierung als wichtiges Merkmal im Zusammenhang mit islamistischen Terror in Europa nennt.
Es ist natürlich korrekt, dass dies nicht auf alle Terroristen im gleichen Maße zutrifft. Trotzdem darf man diesen Ansatz in den Fällen, in denen er zutrifft nicht ignorieren. Und tatsächlich ist die Diskriminierung ja ein Spezialfall des Faktors "G", welchen Laertes am Anfang einführt.
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Re: Radikalisierung zum Terroristen im eigenen, westlichen Land

Beitragvon Adam Smith » Mo 5. Jun 2017, 19:28

Perdedor hat geschrieben:(05 Jun 2017, 20:22)

Daraufhin wies ich auf die Einschätzung von Europol hin, welche die Diskriminierung als wichtiges Merkmal im Zusammenhang mit islamistischen Terror in Europa nennt.


Und wie lautet die Erklärung für den Terror in Ländern mit fast ausschließlich muslimischer Bevölkerung? In diesen Ländern gibt es ja den mit Abstand meisten Terror.
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Re: Radikalisierung zum Terroristen im eigenen, westlichen Land

Beitragvon Bleibtreu » Mo 5. Jun 2017, 19:48

Perdedor hat geschrieben:(05 Jun 2017, 20:22)

Ja, aber eben eine deutliche Minderheit (ich hatte meinen obigen Beitrag noch entsprechend geändert). Auf das typische (=druchschnittliche) Bild des europäischen Terroristen hat dies keinen Einfluss, da die Zahl eben so gering ist.

Laertes sagte er hielte den Erklärungsansatz mit der Diskriminierung für unnütz.
Daraufhin wies ich auf die Einschätzung von Europol hin, welche die Diskriminierung als wichtiges Merkmal im Zusammenhang mit islamistischen Terror in Europa nennt.
Es ist natürlich korrekt, dass dies nicht auf alle Terroristen im gleichen Maße zutrifft. Trotzdem darf man diesen Ansatz in den Fällen, in denen er zutrifft nicht ignorieren. Und tatsächlich ist die Diskriminierung ja ein Spezialfall des Faktors "G", welchen Laertes am Anfang einführt.

Du schriebst, es haette keine weiblichen Attentaeter gegeben, ich habe dir mit den Beispielen Hannover und Frankreich das Gegenteil bewiesen.

Ja, da liegt Laertes doch auch richtig, weil du seine Fragestellung missachtest! Darauf habe ich dich doch hingewiesen. Du antwortest auf etwas, wonach er gar nicht fragt. Du machst dein eigenes Ding und plapperst munter fuer dich vor dich hin. Ich schreib es also gerne noch mal: HIER im Strang geht es a) nicht nur um die Attentaeter und b) nicht nur um islamistischen Terror. Laertes sucht nach den Gemeinsamkeiten durch alle Terrorismen, die Menschen dazu bewegen, obwohl sie in westlichen Laendern aufgewachsen/geboren sind [ob ohne oder mit MigrationsHintergrund], sich terroristischen Vereinigungen anzuschliessen. ;)

Und wie steht es um die tatsaechliche Diskriminierung? Oft wird Diskriminierung nur als solche empfunden, obwohl gar keine statt findet; reines Bauchgefuehl, Schuldzuweisung, Verantwortung nach Aussen abschieben, sich in der Opferrolle bequem einrichten! Und WO ist der DiskriminierungsAnsatz bei der NSU, bei der RAF, bei den roten Brigaden? Bei islamistischem Terror nur auf Diskriminierung zu verweisen greift auch viel zu kurz und trifft nur bedingt zu. Komplexe Problemstellungen haben nie eine einfache Antwort, auch wenn vor allem Populisten von Links und Rechts das immer wieder weiss machen und damit ihr politisches Heil verkaufen wollen. So bleibt es doch falsch - komplexe Probleme haben ebenso komplexe und vielschichtige Antworten/Gruende. :)

Adam Smith hat geschrieben:(05 Jun 2017, 20:28)

Und wie lautet die Erklärung für den Terror in Ländern mit fast ausschließlich muslimischer Bevölkerung? In diesen Ländern gibt es ja den mit Abstand meisten Terror.

Vollkommen richtig - Der beruht zu Teilen auf der Feinschaft zwischen Schiiten & Sunniten, oertlichen Besonderheiten, VerteilungsKaempfen etc pp. Aber damit kommen wir wieder zu weit vom Thema ab. Hier soll es um Europa gehen.

[Hervorhebung im Zitat von mir - Korrekturen vorgenommen]
Zuletzt geändert von Bleibtreu am Mo 5. Jun 2017, 20:19, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Radikalisierung zum Terroristen im eigenen, westlichen Land

Beitragvon Quatschki » Mo 5. Jun 2017, 20:17

Das Eigentümliche an diesen Islamikern ist doch, dass sie anders als Revolutionäre oder Anarchisten keine Vision einer anderen, ihrer Meinung nach besseren, gerechteren Gesellschaft haben. Ihnen wohnt nichts Konstruktives, Progressives inne. All ihre Aktivitäten sind destruktiv, sogar bezüglich ihrer eigenen Existenz.
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Re: Radikalisierung zum Terroristen im eigenen, westlichen Land

Beitragvon Perdedor » Mo 5. Jun 2017, 20:21

Bleibtreu hat geschrieben:Ja, da liegt Laertes doch auch richtig, weil du seine Fragestellung missachtest! [...] Laertes sucht nach den Gemeinsamkeiten durch alle Terrorismen [...]


Du meinst also, dass Laertes das Modell, welches die Erfahrung der Diskriminierung beinhaltet nur deshalb für unnütz hält, weil dieser Faktor nicht auf JEDEN EINZELNEN Terroristen JEDER Organisation zutrifft? Das bezweifle ich, denn er bezieht sich ja ganz explizit auf konkrete "Trivial"Modelle "in diesem Forum". Und diese haben natürlich meist einen ganz bestimmten Bezug. In letzter Zeit eben häufiger den islamistischen Terror. In diesem Zusammenhang ist dieses Modell aber eben nicht unnütz. Es passt ganz im Gegenteil sogar in sein ursprünglich vorgeschlagenes Schema.

Bleibtreu hat geschrieben:Oft wird Diskriminierung nur als solche empfunden, obwohl gar keine statt findet!


Beides, sowohl reale als auch empfundene Diskriminierung spielt eine Rolle, wie Europol feststellt. Das klassische Beispiel hatte ich ja oben bereits genannt.

Bleibtreu hat geschrieben:Und WO ist der DiskriminierungsAnsatz bei der NSU, bei der RAF, bei den roten Brigaden?


Niemand hat behauptet, dass dieser Ansatz auch bei diesen Gruppen besonders fruchtbar wäre.
Bei der rechten Gruppen spielt natürlich die eingebildete Diskriminierung der Deutschen, gegenüber den Ausländern eine Rolle ("die nehmen unsere Arbeitsplätze weg").
Bei der RAF dürfte Diskriminierung eher eine geringere Rolle gespielt haben.

Bleibtreu hat geschrieben:Bei Terror nur auf Diskriminierung zu verweisen greift viel zu kurz


Vollkommen richtig. Und daher hat hier auch niemand gesagt, dass Diskriminierung der einzige relevante Faktor ist, welcher zudem noch jedem einzelen Terroristen wiederfahren ist. Es ist EIN wichtiger Faktor im Bezug auf den islamistischen Terror. Aber natürlich nicht der einzige. Und natürlich nicht im Bezug auf die RAF.
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Re: Radikalisierung zum Terroristen im eigenen, westlichen Land

Beitragvon Bleibtreu » Mo 5. Jun 2017, 20:32

OK Perdedor, du scheinst es immer noch nicht verstehen zu wollen, obwohl ich mich redlich bemueht habe es dir zu erklaeren. Das nehme ich jetzt einfach so hin.
Es bringt nichts, sich hier unendlich zu wiederholen. Das ist fruchtlos, ermuedend und langweilig. :)
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Re: Radikalisierung zum Terroristen im eigenen, westlichen Land

Beitragvon Perdedor » Mo 5. Jun 2017, 20:37

Bleibtreu hat geschrieben:OK Perdedor, du scheinst es immer noch nicht verstehen zu wollen, obwohl ich mich redlich bemueht habe es dir zu erklaeren. Das nehme ich jetzt einfach so hin.
Es bringt nichts, sich hier unendlich zu wiederholen. Das ist fruchtlos, ermuedend und langweilig. :)


Es ist erfrischend zu sehen, dass nicht jeder hier in diesem Forum dem Drang erliegt das letzte Wort um seiner selbst Willen zu haben. ;)
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Re: Radikalisierung zum Terroristen im eigenen, westlichen Land

Beitragvon Sozialdemokrat » Mo 5. Jun 2017, 20:55

CaptainJack hat geschrieben:(05 Jun 2017, 18:36)

Das war schon immer klar. Je größer die Anzahl insgesamt, je größer die Anzahl der Extremisten. Der fatale Fehler von 2015 ist nicht mehr korrigierbar.

Doch, er ist korrigierbar. Es muss nur der politische Wille vorhanden sein.
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Re: Radikalisierung zum Terroristen im eigenen, westlichen Land

Beitragvon Bleibtreu » Mo 5. Jun 2017, 21:19

Perdedor hat geschrieben:(05 Jun 2017, 21:37)

Es ist erfrischend zu sehen, dass nicht jeder hier in diesem Forum dem Drang erliegt das letzte Wort um seiner selbst Willen zu haben. ;)

Wem soll es auch was bringen, wenn wir nicht weiter kommen und auf der Stelle treten. Dir bringt es nichts, mir nichts und dem Thema schon gar nicht - alles gut! :)
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Re: Radikalisierung zum Terroristen im eigenen, westlichen Land

Beitragvon gödelchen » Do 15. Jun 2017, 08:37

Wie nicht anders zu erwarten war. Der Spitzeldienst aus Ankara macht nicht mit.

http://www.ksta.de/koeln/kritik-an-demo ... b-27796800
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Re: Radikalisierung zum Terroristen im eigenen, westlichen Land

Beitragvon Orbiter1 » Fr 27. Apr 2018, 15:35

Na endlich mal gute Nachrichten zum Thema IS-Propaganda, die ja eine wichtige Rolle bei der Radikalisierung spielt.

"Polizeibehörden in Nordamerika und der EU haben nach eigenen Angaben in einer gemeinsamen Aktion die Propaganda-Kanäle der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) weitgehend lahmgelegt. Damit sei es gelungen, den "Propaganda-Möglichkeiten" des IS "einen schweren Schlag zu versetzen", sagte Europol-Chef Rob Wainwright in Den Haag. Hauptziel des Einsatzes war die IS-Agentur Amaq, die häufig Erklärungen der Terrororganisation verbreitet. Wainwright nannte die zweitägige Aktion in einer Mitteilung "bahnbrechend" für die Einschränkung der IS-Propaganda im Internet, auch wenn es die Ermittler nicht schafften, die gesamte Propaganda des IS zu unterbinden." Quelle: http://www.tagesschau.de/ausland/is-propaganda-107.html
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Re: Radikalisierung zum Terroristen im eigenen, westlichen Land

Beitragvon Sole.survivor@web.de » So 29. Apr 2018, 22:31

Für gewöhnlich wählen Menschen den Terror als ihren Weg, wenn weder politischer Streit noch bewaffneter Kampf aussichtsreich erscheinen. Man kann davon ausgehen, dass solche finalen Ohnmachtshandlungen in manchen Fällen durch eine bessere politische Kultur vermieden werden können.
Striving for Excellence, Demonstrating Integrity, Activating Leadership, Acting Sustainably, Enjoying Participation, Living Diversity.

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