Gebietsaustausch Serbien/Kosovo zwecks EU-Beitritt

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Gebietsaustausch Serbien/Kosovo zwecks EU-Beitritt

Beitragvon schokoschendrezki » Do 4. Okt 2018, 08:37

Es wäre wirklich und wahrhaftig einen eigenen Strang wert, denn es ist ein sehr brisantes Thema ... aber entweder ich stell' mich zu blöd an oder ich hab' nicht mehr das Recht, neue Threads zu eröffnen:

Ende August gabs im österreichischen Alpbach in Tirol ein - im wahrsten SInne - Gipfeltreffen, bei dem das serbische und das kosovarische Staatsoberhaupt den Vorschlag eines Gebietsaustauschs unterbreiteten. Einige südserbische Dörfer mit überwiegend albanischer Bevölkerung sollen zum Kosovo und einige nordkosovarische Dörfer mit überwiegend serbischer Bevölkerung sollen zu Serbien gehören. Und damit die Voraussetzungen für einen EU-Beitrittsstatus hergestellt werden. Da sehen die Regelungen vor, dass es dafür keine Gebietsstreitigkeiten geben darf. (Dass das im Falle von Zypern von Anfang an und massiv nicht der Fall war ... anderes Thema).

Der erste Gesichtspunkt dabei: Zumindest Österreich hat ein großes und vor allem wirtschaftliches Interesse daran, den Beitritt von Ländern wie Kosovo oder Serbien zu beschleunigen und tritt demzufolge als Vermittler und Gastgeber auf:
Das Interesse Österreichs kommt nicht von ungefähr. Die Alpenrepublik ist in diesen Ländern Südosteuropas ein wichtiger Investor. Zudem hat das Land neben den wirtschaftlichen Interessen auch zahlreiche historische Verbindungen zum Balkan. Die Serben zählen zudem zu den größten Minderheiten in Österreich.
https://www.handelsblatt.com/politik/international/eu-aussenministertreffen-eu-staaten-sehen-gebietstausch-zwischen-serbien-und-dem-kosovo-kritisch/22982092.html

Der zweite Gesichtspunkt. Die Kosovo-Frage dürfte über regionale Wirtschaftsinteressen hinaus erhebliche exemplarische Bedeutung haben. Zur Frage dieses Gebietstauschs gab es ein Telefonat zwischen Merkel und Trump. Bitte: Es geht um ein paar Dörfer mit ein paar hundert Menschen und dann noch um ein paar hundert Schafe und Ziegen, denen die Staatszugehörigkeit vermutlich gleichgültig ist. Also offensichtlich um einen Präzedenzfall. Trump sprach sich für einen solchen Gebietstausch aus, Merkel dagegen. Und die Bürgermeister dieser Dörfer haben noch nicht mal Verständnis dafür, was das ganze eigentlich soll.

Und damit kommen wir zum dritten, entscheidenden Gesichtspunkt: Die Frage bei diesem Gebietstausch lautet "Lösung" oder "Dammbruch". Die sofortige Reaktivierung alter Pläne der Loslösung der "Entität" Republika Srpska vom Staat Bosnien-Herzogowina spricht für Zweiteres. Es geht um die Frage, ob man Staaten wieder (wie im 19. Jahrhundert) als primär ethnisch definierte Gebilde auffassen soll, kann und darf. Und in sämtlichen Kommentaren wird berechtigterweise sofort auf das Problem Katalonien hingewiesen.

https://www.deutschlandfunk.de/die-neue-balkanpolitik-ist-die-ganz-alte-serbien-und-das.724.de.html?dram:article_id=428749
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Re: Gebietsaustausch Serbien/Kosovo zwecks EU-Beitritt

Beitragvon zollagent » Do 4. Okt 2018, 10:38

Gibt es Informationen, warum Frau Merkel sich gegen den Gebietstausch ausgesprochen hat?
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Re: Gebietsaustausch Serbien/Kosovo zwecks EU-Beitritt

Beitragvon Der Neandertaler » Do 4. Okt 2018, 14:17

Hallo zollagent.
zollagent hat geschrieben:Gibt es Informationen, warum Frau Merkel sich gegen den Gebietstausch ausgesprochen hat?
Vielleicht darf ich Dir aushelfen?

Die EU führt das als selbstständiger Staat anerkannte Kosovo als "potenziellen (Betritts-) Kandidaten". Serbien ist dagegen bereits offiziell EU-Beitrittskandidat. Die EU macht aber für alle Beitrittskandidaten auf dem Westbalkan zur Voraussetzung, daß Gebietsstreitigkeiten vorab geklärt werden. Da sich Serbien bisher weigert, die Unabhängigkeit seiner früheren Provinz Kosovo anzuerkennen, sind Fortschritte zur EU-Mitgliedschaft blockiert.

Bisher zählte die Unverletzbarkeit der Grenzen zum Tafelsilber des europäischen Staatsrechts. Multinationale Gesellschaften zu stabilisieren und nicht zu filetieren hatte sich die EU seit langem auf die Fahnen geschrieben hat. Nun geht die EU aber davon aus, daß die Region durch eine endgültige Einigung zwischen Serbien und Kosovo nachhaltig befriedet werden könne - "wenn alle Länder Mitglied der werden".
    ... dies wäre von für den Westbalkan von "fundamentaler Bedeutung".
Entgegen der Befürchtung, es könne "infolge einer etwaigen Grenzänderung automatisch zu einer 'ethnischen Flurbereinigung' kommen", begrüßte EU-Erweiterungskommissar Johannes Hahn im Namen der EU-Kommission Überlegungen für einen Gebietstausch zwischen Serbien und Kosovo: auch die EU stehe "nach wie vor für ein multiethnisches Zusammenleben ein".
    "Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sollten wir aber beide Seiten über diese und andere Ideen reden und unter Begleitung der EU auch verhandeln lassen"
Bei dem eventuellen Gebietstausch geht es einerseits um wirtschaftliche Interessen und andererseits um nationale Gefühle. Und genau wegen Letzteres hatten sich zuvor die Bundesregierung und andere EU-Länder skeptisch über den Vorschlag aus Belgrad und Pristina gezeigt. Sie fürchten darüberhinaus einen Dominoeffekt. Serbiens starker Mann Aleksandar Vučić spricht nämlich von einer Tauschofferte in der "Höhle des Löwen" und von einer Trauer über den Teilverlust der "Wiege des Serbentums"

Bericht Deutschen Welle - Ausgabe 7.9.2018:
    Ebenso sind die fachlich kompetenten Elder Statesmen Carl Bildt, der frühere Sonderbeauftragte der EU für Jugoslawien und Wolfgang Ischinger, einer der Autoren des bosnischen Dayton-Vertrages dagegen. Grenzverschiebungen in der Region könnten neue Konflikte auf dem Westbalkan in Ländern des ehemaligen Jugoslawien entfachen. Auch der frühere Top-Balkan-Experte und rechte Hand von Richard Holbrooke in Bosnien, James W. Pardew, spricht sich entschieden gegen den kosovarisch-serbischen Tauschhandel aus. Zu den Kritikern zählen auch Christian Schwarz-Schilling, Ex-Minister im Kabinett Helmut Kohls und 2006/7 Hoher Repräsentant in Bosnien und Herzegowina, sowie sein britischer Vorgänger in gleicher Funktion Paddy Ashton. Serbische Hardliner in der Republika Srpska haben ihre Anschlußpläne an Serbien nie beerdigt, nur vorübergehend zur Seite gelegt. Das gilt ebenso für die kroatischen Nationalisten in der West-Herzegowina, die lieber heute als morgen an Kroatien andocken würden. Aber auch Mazedonien und Montenegro sind multinationale Gesellschaften.
Einen Link habe ich dennoch für Dich: Neue Grenzen auf dem Balkan?
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Re: Gebietsaustausch Serbien/Kosovo zwecks EU-Beitritt

Beitragvon zollagent » Do 4. Okt 2018, 15:29

Der Neandertaler hat geschrieben:(04 Oct 2018, 15:17)

Hallo zollagent.Vielleicht darf ich Dir aushelfen?

Die EU führt das als selbstständiger Staat anerkannte Kosovo als "potenziellen (Betritts-) Kandidaten". Serbien ist dagegen bereits offiziell EU-Beitrittskandidat. Die EU macht aber für alle Beitrittskandidaten auf dem Westbalkan zur Voraussetzung, daß Gebietsstreitigkeiten vorab geklärt werden. Da sich Serbien bisher weigert, die Unabhängigkeit seiner früheren Provinz Kosovo anzuerkennen, sind Fortschritte zur EU-Mitgliedschaft blockiert.

Bisher zählte die Unverletzbarkeit der Grenzen zum Tafelsilber des europäischen Staatsrechts. Multinationale Gesellschaften zu stabilisieren und nicht zu filetieren hatte sich die EU seit langem auf die Fahnen geschrieben hat. Nun geht die EU aber davon aus, daß die Region durch eine endgültige Einigung zwischen Serbien und Kosovo nachhaltig befriedet werden könne - "wenn alle Länder Mitglied der werden".
    ... dies wäre von für den Westbalkan von "fundamentaler Bedeutung".
Entgegen der Befürchtung, es könne "infolge einer etwaigen Grenzänderung automatisch zu einer 'ethnischen Flurbereinigung' kommen", begrüßte EU-Erweiterungskommissar Johannes Hahn im Namen der EU-Kommission Überlegungen für einen Gebietstausch zwischen Serbien und Kosovo: auch die EU stehe "nach wie vor für ein multiethnisches Zusammenleben ein".
    "Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sollten wir aber beide Seiten über diese und andere Ideen reden und unter Begleitung der EU auch verhandeln lassen"
Bei dem eventuellen Gebietstausch geht es einerseits um wirtschaftliche Interessen und andererseits um nationale Gefühle. Und genau wegen Letzteres hatten sich zuvor die Bundesregierung und andere EU-Länder skeptisch über den Vorschlag aus Belgrad und Pristina gezeigt. Sie fürchten darüberhinaus einen Dominoeffekt. Serbiens starker Mann Aleksandar Vučić spricht nämlich von einer Tauschofferte in der "Höhle des Löwen" und von einer Trauer über den Teilverlust der "Wiege des Serbentums"

Bericht Deutschen Welle - Ausgabe 7.9.2018:
    Ebenso sind die fachlich kompetenten Elder Statesmen Carl Bildt, der frühere Sonderbeauftragte der EU für Jugoslawien und Wolfgang Ischinger, einer der Autoren des bosnischen Dayton-Vertrages dagegen. Grenzverschiebungen in der Region könnten neue Konflikte auf dem Westbalkan in Ländern des ehemaligen Jugoslawien entfachen. Auch der frühere Top-Balkan-Experte und rechte Hand von Richard Holbrooke in Bosnien, James W. Pardew, spricht sich entschieden gegen den kosovarisch-serbischen Tauschhandel aus. Zu den Kritikern zählen auch Christian Schwarz-Schilling, Ex-Minister im Kabinett Helmut Kohls und 2006/7 Hoher Repräsentant in Bosnien und Herzegowina, sowie sein britischer Vorgänger in gleicher Funktion Paddy Ashton. Serbische Hardliner in der Republika Srpska haben ihre Anschlußpläne an Serbien nie beerdigt, nur vorübergehend zur Seite gelegt. Das gilt ebenso für die kroatischen Nationalisten in der West-Herzegowina, die lieber heute als morgen an Kroatien andocken würden. Aber auch Mazedonien und Montenegro sind multinationale Gesellschaften.
Einen Link habe ich dennoch für Dich: Neue Grenzen auf dem Balkan?

Danke, wenn ich das richtig verstanden habe, hat man die Befürchtung, man könne durch diesen Gebietstausch eine Welle von Grenzstreitigkeiten lostreten.
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Re: Gebietsaustausch Serbien/Kosovo zwecks EU-Beitritt

Beitragvon Der Neandertaler » Do 4. Okt 2018, 16:13

Hallo zollagent.
zollagent hat geschrieben:Danke, wenn ich das richtig verstanden habe, hat man die Befürchtung, man könne durch diesen Gebietstausch eine Welle von Grenzstreitigkeiten lostreten.
Genau das!
Seltsamerweise hat Marko Durić, der Chef des Kosovo-Büros der serbischen Regierung, schon im August erbost auf die Ankündigung reagiert, daß Kosovo und Albanien zum Unmut Serbiens weiter aufeinander zugehen. Ihre Zollbehörden hatten die beiden Länder bereits zusammengelegt. Bereits Ende Mai hatte das Parlament von Kosovo einen entsprechenden Beschluß verabschiedet. Anfang August hat nun auch Albaniens Regierungschef Edi Rama Ende angeordnet, daß ab dem 1. Januar die Grenzen zwischen beiden Ländern vollständig geöffnet werden.
Durić:
    "Es gibt nur eine Grenze zwischen Serbien und Albanien, und die ist 111 Kilometer lang"
In Serbien wächst die Angst vor "Großalbanien".

Warum nun Aleksandar Vučić selbst einen Gebietstausch ... eine Grenzänderung ... eine 'ethnische Flurbereinigung' in's Spiel bringt (und damit eventuell einem "Großalbanien" Vorschub leisten dürfte), weiß wohl nur er alleine.

Vielleicht hat Aleksandar Vučić folgende Überlegung:
    eine weitere albanisch-kosovarische Integration kann die serbische Führung nicht verhindern. Aber vielleicht kann ein Gebietsaustausch zwischen Serbien und Kosovo entlang ethnischer Linien zu einer Normalisierung dieser beiden Staaten beitragen.
Allerdings befürchten sowohl die EU als auch die USA ein "Großalbanien". Kernstück wären die heutige Republik Albanien und das Kosovo. Daneben Mazedonien - dort leben noch eine halbe Million Albaner. In Montenegro leben noch einige Zehntausende. Zudem gibt es noch in Südserbien einige albanischstämmige Landsleute. Selbst in Griechenland lebt noch ein Teil als Minderheit. Alles in allem wären dies an die sechs Millionen Menschen.
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Re: Gebietsaustausch Serbien/Kosovo zwecks EU-Beitritt

Beitragvon H2O » Sa 6. Okt 2018, 08:02

So lange Staaten und Staatenneubildungen auf freiwilliger Grundlage durch sämtliche Beteiligten beschlossen werden, ist dieses Vorgehen von den OSZE-Verträgen gedeckt. Deshalb ja die Vortäuschung eines Volkswillens bei der völkerrechtswidrigen Besetzung der Krim... und die verhängten Strafen gegen Rußland.

Also grundsätzlich spricht gar nichts gegen ein Großalbanien, so lange Gebietstausch und Gebietsabtretungen durch völkerrechtlich gültige Verträge mit sämtlichen beteiligten Staaten zu Stande kamen. Natürlich kann niemand um sein "Anspruchsgebiet" einen Zaun ziehen und festlegen, daß dort ab sofort sein Staat regiert. Das war vor Jahren mit Kosovo geschehen, nachdem etliche schwerwiegende Verbrechen der serbischen Macht gegen die Menschenrechte der dort lebenden albanischen Mehrheitsbevölkerung verübt worden waren. Deshalb erkennen einige Staaten der EU das Kosovo auch nicht als völkerrechtlich begründeten Staat an.

Die EU muß höllisch aufpassen, daß sie sich nicht in die schon Jahrhunderte andauernden Streitigkeiten auf dem Balkan verwickeln läßt. Diese Verhältnisse wurden von den Osmanen so geschaffen nach dem Grundsatz "teile und herrsche", aber auch von der Donaumonarchie... etwa Serben als Wehrbauern in Kroatien an der Grenze zum osmanisch beherrschten Bosnien angesiedelt. Die sind zuletzt noch den Kroaten an die Gurgel gegangen, hatten dann aber den Kürzeren gezogen... und haben in wilder Flucht Kroatien verlassen.

So lange also Serbien und der Staat Kosovo sich gütlich mit völkerrechtlich gültigen Verträgen einigen über Gebiete innerhalb ihrer anerkannten Hoheitsgebiete, so lange müssen sie keinen Drittstaat um Erlaubnis bitten. Natürlich kann Serbien mit dem Kosovo keinen Vertrag über Gebiete in Bosnien-Herzegowina oder in Montenegro schließen.
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Re: Gebietsaustausch Serbien/Kosovo zwecks EU-Beitritt

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 8. Okt 2018, 10:35

H2O hat geschrieben:(06 Oct 2018, 09:02)
Die EU muß höllisch aufpassen, daß sie sich nicht in die schon Jahrhunderte andauernden Streitigkeiten auf dem Balkan verwickeln läßt. Diese Verhältnisse wurden von den Osmanen so geschaffen nach dem Grundsatz "teile und herrsche", aber auch von der Donaumonarchie... etwa Serben als Wehrbauern in Kroatien an der Grenze zum osmanisch beherrschten Bosnien angesiedelt. Die sind zuletzt noch den Kroaten an die Gurgel gegangen, hatten dann aber den Kürzeren gezogen... und haben in wilder Flucht Kroatien verlassen.

Es betrifft ja eben nicht nur die Streitigkeiten auf dem Balkan. Mit Zypern hat sich die EU ein ziemliches Pulverfass an Bord geholt. Es gibt zirka 30 Regionen in Europa mit Sezessionsbestrebungen. (https://interaktiv.tagesanzeiger.ch/2017/genug-vom-mutterland/?openincontroller).

Nach wie vor wäre es für mich ein Dammbruch, wenn mit der Gutheißung des Gebietstauschs anerkannt werden würde, dass die Beachtung ethnischer Zugehörigkeit eine Lösung für politische Instabilität sein soll.

Ich betone nochmal, wie aus dem verlinkten Beitrag aus der Reihe "Europa heute" hervorgeht: Die eigentlich betroffene Bevölkerung der betroffenen paar Dörfer weiß gar nicht, was das Ganze soll. Die haben ganz andere Probleme, Arbeitslosigkeit zum Beispiel. Es ist doch nicht so, dass sich die EU in Streitigkeiten um den Kosovo hineinverwickeln lassen könnte. Der Staat Kosovo ist von Anfang an ein Projekt dieser sogenannten "internationalen Gemeinschaft" ... die so gar nicht existiert und in diesem Falle eigentlich "der westlichen Welt" zu nennen wäre.

Dort aber, in der internationalen Gemeinschaft, stehen nicht mehr allgemeingültige Regeln, Recht und Verlässlichkeit und schon gar nicht die Interessen kleiner Gemeinden im Mittelpunkt. Es ist die Zeit der großen Deals zwischen starken Männern – wie Donald Trump und Kim Jong-Un. Und damit schlägt auch die Stunde der halbstarken, wie Aleksandar Vučić aus Serbien und Hashim Thaçi aus dem Kosovo. Für den Gebietstausch auf dem Balkan machen sich die EU-Kommission und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron stark. Dagegen stehen Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel und, wenn auch mit weniger Verve, Großbritanniens Theresa May.
https://www.deutschlandfunk.de/die-neue-balkanpolitik-ist-die-ganz-alte-serbien-und-das.724.de.html?dram:article_id=428749

Die betroffenen Menschen, Schafe und Ziegen können bei diesen Machtspielen der Trumps, Macrons, Merkels und Mays nur verwundert und verwirrt zuschauen.
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Re: Gebietsaustausch Serbien/Kosovo zwecks EU-Beitritt

Beitragvon H2O » Mo 8. Okt 2018, 11:17

Ja, hier wollte ich auf einen Beitrag von Selina eingehen... der inzwischen leider gelöscht wurde. Schade, aber ich haue meine Antwort dennoch heraus:

Ok, dann sollten wir aber zurück kehren zu den Ursprüngen, die mit "Kapitalismus" nichts zu tun hatten, sondern mit dem Aufbau von Großreichen... hier des Osmanischen Reichs. Niemand bezweifelt, daß wir heute in einer irgendwie geldgetriebenen Zeit leben, mehr oder weniger kapitalistisch mit Unterschieden.

Ich meine, daß hier das Pendel von diesen Reichsbildungen zurück schlägt zu den Ursprüngen. Ganz lupenrein geht das natürlich auch nicht, wenn zur Absicherung der Reiche systematische Umsiedlungen großen Ausmaßes veranlaßt wurden. Daß es so zu örtlichen Reibungen und Spannungen kam, das war ja Teil der Strategie von Großreichen.

Es wäre doch zu schön, wenn wir in Europa diesen alten Herrschaftstrick durchschauten und uns gutnachbarlich miteinander verständigten, im Großen wie im Kleinen. Ganz schön schwierig bei so vielen unterschiedlichen Muttersprachen. Fast unmöglich, wenn maßgebliche Leute mit ihrer Zugehörigkeit zu einer Gruppe eine Herrschaft ausüben können. Denken wir an die Eröffnung der Moschee in Köln-Ehrenfeld.

Mit Kapitalismus und Globalisierung stehen solche Abläufe kaum in Verbindung; das sind eher tief in unserem Inneren eingebettete Empfindungen.
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Re: Gebietsaustausch Serbien/Kosovo zwecks EU-Beitritt

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 8. Okt 2018, 14:01

Man muss bei dieser Gebietsaustauschinitiative folgendes beachten: Da haben mit Aleksandar Vučić und Hashim Thaçi zwei Präsidenten verhandelt. Auch wenn die Rolle des Staatsoberhaupts in beiden Ländern - ähnlich wie auch in Österreich - ein klein wenig anders ist als in Deutschland ... ein eigentliches Mandat für solche Entscheidungen haben sie beide nicht. Sie würden, wenn es dazu käme, letztendlich die Unterschriften als oberste Repräsentanten leisten müssen oder auch verweigern dürfen. Das Ganze ist insofern eigentlich gar nicht ernst zu nehmen. Zumal sich der Kosovo-Regierungschef Ramush Haradinaj klar dagegen geäußert hat. Was solls also ... könnte man fragen.

Dass sich aber mächtige Staatschefs wie Trump, Merkel, Macron, May dazu äußern, deutet darauf hin, dass es eben doch um mehr geht als ein präsidiales Geplänkel.

Zur Strategie der EU äußerte sich Gerald Knaus, Leiter der Europäischen Stabilitätsinitiative, im Dlf wie folgt:
Naja, das wichtigste ist die Position der Europäischen Union und der Staaten der EU. In der Region gab es ja immer, seit 20 Jahren, politische Kräfte, die gesagt haben, man muss die Grenzen neu ziehen. Eigentlich sind überall Nationalisten unzufrieden, aber in den letzten 20 Jahren haben diese Rufe viel an ihrer Glaubwürdigkeit verloren, weil die EU eine sehr klare Position hatte. Sie hat gesagt, Grenzen müssen unwichtiger werden durch Öffnung, durch europäische Integration – auch auf dem Balkan.
https://www.deutschlandfunk.de/gebietstausch-in-serbien-und-kosovo-die-eu-sollte-diesen.795.de.html?dram:article_id=427114
Volle Zustimmung.
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Re: Gebietsaustausch Serbien/Kosovo zwecks EU-Beitritt

Beitragvon H2O » Mi 10. Okt 2018, 07:37

Natürlich ist die ethnische Aufräumarbeit auch ein Mittel, in sich gefestigte Nationalstaaten zu schaffen und künftigen Ärger mit Minderheiten zu vermeiden. Wenn das mit Zustimmung der unmittelbar Betroffenen geschieht, also mit beidseitiger Volksabstimmung, dann löst das sicher ein örtliches Problem... und dagegen spricht überhaupt nichts.

Im alten Jugoslawien hat die Sache so einigermaßen geklappt (beileibe nicht ideal!), weil eine mächtige Partei und ein allgemein anerkannter Führer den Laden zusammen hielten. Diese Lage hat sich völlig verändert, und Teile von "Gebietsbereinigungen" könnten schon sinnvoll sein... natürlich nur mit Zustimmung der Betroffenen.

Ansonsten Zustimmung. In Europa können wir nur dann gedeihlich miteinander umgehen, wenn wir uns gegenseitig respektieren und bestimmte Eigenheiten mit einem Lächeln hinnehmen können... auch wenn wir Tür an Tür leben.
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Re: Gebietsaustausch Serbien/Kosovo zwecks EU-Beitritt

Beitragvon imp » Fr 19. Okt 2018, 19:32

So weit ist es schon gekommen. Jetzt verhandelt ein offizieller Politiker Serbiens über die Hergabe serbischen Bodens. Noch dazu an diesen auf Bomben gegründeten Retortenstaat.
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Re: Gebietsaustausch Serbien/Kosovo zwecks EU-Beitritt

Beitragvon H2O » Fr 19. Okt 2018, 21:47

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(19 Oct 2018, 20:32)

So weit ist es schon gekommen. Jetzt verhandelt ein offizieller Politiker Serbiens über die Hergabe serbischen Bodens. Noch dazu an diesen auf Bomben gegründeten Retortenstaat.


Nicht ganz so einseitig; so weit ich die Sache verfolgt habe, geht es um den Austausch
von albanischen Siedlungsgebieten, die an das Kosovo grenzen gegen das Gebiet um Mitrovica, wo im Kosovo überwiegend Serben wohnen. Wenn diese "Aufräumarbeit" die betroffenen Leute glücklich macht... was sollte man dagegen sagen?

Mit einem friedlichen und freundlichen Zusammenleben hat das Ganze wirklich nichts zu tun. Da lebt sich urtümlicher Nationalismus aus, der durch Trennung der Menschen entschärft wird. So hatte ich mir das europäische Projekt sicher nicht vorgestellt.
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Re: Gebietsaustausch Serbien/Kosovo zwecks EU-Beitritt

Beitragvon imp » Sa 20. Okt 2018, 10:34

H2O hat geschrieben:(19 Oct 2018, 22:47)

Nicht ganz so einseitig; so weit ich die Sache verfolgt habe, geht es um den Austausch
von albanischen Siedlungsgebieten, die an das Kosovo grenzen gegen das Gebiet um Mitrovica, wo im Kosovo überwiegend Serben wohnen. Wenn diese "Aufräumarbeit" die betroffenen Leute glücklich macht... was sollte man dagegen sagen?

Mit einem friedlichen und freundlichen Zusammenleben hat das Ganze wirklich nichts zu tun. Da lebt sich urtümlicher Nationalismus aus, der durch Trennung der Menschen entschärft wird. So hatte ich mir das europäische Projekt sicher nicht vorgestellt.

Ohne die EG gäbe es gar kein Kosovo und auch eine Reihe weiterer Problemstaaten nicht.
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Re: Gebietsaustausch Serbien/Kosovo zwecks EU-Beitritt

Beitragvon Orbiter1 » Sa 20. Okt 2018, 10:43

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(20 Oct 2018, 11:34)

Ohne die EG gäbe es gar kein Kosovo und auch eine Reihe weiterer Problemstaaten nicht.
Ja das stimmt. Dafür gäbe es wahrscheinlich ein paar Hunderttausend mehr Kriegstote und ein paar Millionen mehr Kriegsflüchtlinge. Wäre das die bessere Alternative?
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Re: Gebietsaustausch Serbien/Kosovo zwecks EU-Beitritt

Beitragvon zollagent » Sa 20. Okt 2018, 11:41

Orbiter1 hat geschrieben:(20 Oct 2018, 11:43)

Ja das stimmt. Dafür gäbe es wahrscheinlich ein paar Hunderttausend mehr Kriegstote und ein paar Millionen mehr Kriegsflüchtlinge. Wäre das die bessere Alternative?

Für den Wiederaufbau des zerbrochenen Imperiums und dessen Fans bestimmt. :dead:
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Re: Gebietsaustausch Serbien/Kosovo zwecks EU-Beitritt

Beitragvon Wolverine » Sa 20. Okt 2018, 11:46

H2O hat geschrieben:(06 Oct 2018, 09:02)

So lange Staaten und Staatenneubildungen auf freiwilliger Grundlage durch sämtliche Beteiligten beschlossen werden, ist dieses Vorgehen von den OSZE-Verträgen gedeckt. Deshalb ja die Vortäuschung eines Volkswillens bei der völkerrechtswidrigen Besetzung der Krim... und die verhängten Strafen gegen Rußland.

Also grundsätzlich spricht gar nichts gegen ein Großalbanien, so lange Gebietstausch und Gebietsabtretungen durch völkerrechtlich gültige Verträge mit sämtlichen beteiligten Staaten zu Stande kamen. Natürlich kann niemand um sein "Anspruchsgebiet" einen Zaun ziehen und festlegen, daß dort ab sofort sein Staat regiert. Das war vor Jahren mit Kosovo geschehen, nachdem etliche schwerwiegende Verbrechen der serbischen Macht gegen die Menschenrechte der dort lebenden albanischen Mehrheitsbevölkerung verübt worden waren. Deshalb erkennen einige Staaten der EU das Kosovo auch nicht als völkerrechtlich begründeten Staat an.

Die EU muß höllisch aufpassen, daß sie sich nicht in die schon Jahrhunderte andauernden Streitigkeiten auf dem Balkan verwickeln läßt. Diese Verhältnisse wurden von den Osmanen so geschaffen nach dem Grundsatz "teile und herrsche", aber auch von der Donaumonarchie... etwa Serben als Wehrbauern in Kroatien an der Grenze zum osmanisch beherrschten Bosnien angesiedelt. Die sind zuletzt noch den Kroaten an die Gurgel gegangen, hatten dann aber den Kürzeren gezogen... und haben in wilder Flucht Kroatien verlassen.

So lange also Serbien und der Staat Kosovo sich gütlich mit völkerrechtlich gültigen Verträgen einigen über Gebiete innerhalb ihrer anerkannten Hoheitsgebiete, so lange müssen sie keinen Drittstaat um Erlaubnis bitten. Natürlich kann Serbien mit dem Kosovo keinen Vertrag über Gebiete in Bosnien-Herzegowina oder in Montenegro schließen.


Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen. Absolut richtig. :thumbup:
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Re: Gebietsaustausch Serbien/Kosovo zwecks EU-Beitritt

Beitragvon imp » Sa 20. Okt 2018, 12:55

Orbiter1 hat geschrieben:(20 Oct 2018, 11:43)

Ja das stimmt. Dafür gäbe es wahrscheinlich ein paar Hunderttausend mehr Kriegstote und ein paar Millionen mehr Kriegsflüchtlinge. Wäre das die bessere Alternative?

Ohne das Versprechen auf zügige Anerkennung durch Deutschland und Frankreich hätte es gar keine Kämpfe gegeben.
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Re: Gebietsaustausch Serbien/Kosovo zwecks EU-Beitritt

Beitragvon zollagent » Sa 20. Okt 2018, 12:59

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(20 Oct 2018, 13:55)

Ohne das Versprechen auf zügige Anerkennung durch Deutschland und Frankreich hätte es gar keine Kämpfe gegeben.

Dafür ein lokales serbisches Machtzentrum, das recht wenig mit Demokratie oder der Anerkennung von Minderheitenrechten am Hut gehabt hätte.
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