Die europäische Agrarpolitik vor dem Hintergrund der Flüchtlings- und Migrationskrise

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Tom Bombadil
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Re: Die europäische Agrarpolitik vor dem Hintergrund der Flüchtlings- und Migrationskrise

Beitragvon Tom Bombadil » Mo 16. Jul 2018, 17:09

sünnerklaas hat geschrieben:(16 Jul 2018, 17:05)

Aber auf gar keinen Fall die Leute selbst bestimmen lassen - könnte ja sein, dass die dann etwas schlimmeres machen.

Also hätte man zB. in Ägypten einfach mal die Muslimbruderschaft ranlassen sollen?

sünnerklaas hat geschrieben:(16 Jul 2018, 17:24)

Draufhin wurde ein pro-westliches Regime eingesetzt.

WER hat as-Sisi eingesetzt?
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Re: Die europäische Agrarpolitik vor dem Hintergrund der Flüchtlings- und Migrationskrise

Beitragvon sünnerklaas » Mo 16. Jul 2018, 18:56

Orbiter1 hat geschrieben:(16 Jul 2018, 17:54)

In Ägypten wurde kein pro-westliches Regime eingesetzt. Dort hat der Militärrat 60 Jahre regiert und nach dem Sturz von Mubarak die Wahl gegen die Muslimbruderschaft mit seinem Kandidaten Mursi verloren. Selbstverständlich haben sich die Militärs die Macht nicht abnehmen lassen und über einen Verfassungscoup das Parlament aufgelöst und das Gesetzgebungsverfahren an sich gezogen. Glaubst du denn die Muslimbrüder in Ägypten oder die Islamisten in Algerien hätten dort der Demokratie zum Durchbruch verholfen?


Mursi steht - genauso, wie Mubarak - für zuverlässige pro-westliche Politik.
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Re: Die europäische Agrarpolitik vor dem Hintergrund der Flüchtlings- und Migrationskrise

Beitragvon Brainiac » Mo 16. Jul 2018, 19:11

Marmelada hat geschrieben:(16 Jul 2018, 00:27)

Das hängt vom Preis ab.

https://www.welt.de/politik/deutschland ... eutet.html
...außerdem natürlich davon, dass die höheren Gewinne nicht in goldene Wasserhähne des Plantagenbesitzers investiert werden.

https://www.schwaebische.de/ueberregion ... 01959.html
Das ist eine sehr gute Idee zur Bekämpfung von Fluchtursachen. Hoffentlich wird es auch langfristig so durchgezogen.

Hier nochmal einige Kernsätze; "Wer sich bei Korruption sichtbar verschlechtert, verliert uns als Partner. Stattdessen werde ich unsere Maßnahmen zunehmend auf solche Länder konzentrieren, die Korruption messbar abbauen, Vertragstreue garantieren, rechtsstaatliche Prinzipien beachten, die Menschenrechte einhalten und eigene Steuererhebungs- und Verwaltungsstrukturen aufbauen."

Da stimme ich auch zu...

Und am Ausbau des fairen Handels führt wohl kein Weg vorbei.

... und da würde ich gerne genauer wissen, was du darunter verstehst. Die gegenwärtigen Zollregelungen bevorzugen die afrikanischen Länder ggü. den EU-Staaten, wenn man die gegenseitigen Importzölle vergleicht. Das ist vermutlich auch notwendig. Ich gehe nicht davon aus, dass du das abbauen möchtest, oder?
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Re: Die europäische Agrarpolitik vor dem Hintergrund der Flüchtlings- und Migrationskrise

Beitragvon Brainiac » Mo 16. Jul 2018, 19:18

Tom Bombadil hat geschrieben:(16 Jul 2018, 10:34)
Was ich geschrieben habe bedeutet ja nicht, dass gar kein Handel mehr getrieben werden soll. Die Elfenbeinküste muss jedenfalls viele Lebensmittel importieren: https://atlas.media.mit.edu/de/profile/country/civ/ Solange sie sich das leisten kann, ist alles okay, fehlt das Geld, gibt es eine humanitäre Katastrophe.

Aber mit dem Export verdient sie Geld. Und zwar mehr, als innerafrikanisch herauszuholen wäre.

Vielleicht kannst du folgender Differenzierung zustimmen. Bei chronisch knappen Grundnahrungsmitteln sind Exporte kritisch zu sehen, ja. Aber nehmen wir zB Kakao, das ist keines, und Mangel daran führt eher selten zu Hungerkatastrophen. Die Elfenbeinküste exportiert eine Menge Kakao in die EU, und dagegen ist nichts zu sagen, im Gegenteil.
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Re: Die europäische Agrarpolitik vor dem Hintergrund der Flüchtlings- und Migrationskrise

Beitragvon Brainiac » Mo 16. Jul 2018, 19:22

[MOD] @alle, bitte wieder zur Agrarpolitik zurückkommen. Für allgemeine Afrika-Diskussionen gibt es genügend andere Stränge.
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Re: Die europäische Agrarpolitik vor dem Hintergrund der Flüchtlings- und Migrationskrise

Beitragvon H2O » Mo 16. Jul 2018, 21:05

Wenn Europa ohne Exportbeihilfen und Zuschüsse für Landwirtschaft nachhaltig wirtschaftend Nahrungsmittel ausführen kann, dann ist das sicher in Ordnung. Ich bezweifele aber, daß Europa seine "Verdelungswirtschaft" (industrielle Tiermast, überdüngte Böden, zerstörte natürliche Bodenfruchtbarkeit) nachhaltig betreiben kann.

Ohne von Ackerbau und Viehzucht einen blassen Schimmer zu haben, meine ich, daß Zuschüsse für eine nachhaltige Landwirtschaft gerechtfertigt sind, wenn dadurch unsere europäische Versorgung mit Nahrungsmitteln abgesichert werden kann. Und dann muß damit Schluß sein. Mein Empfinden sagt mir, daß Europa mit den Gewinnen aus dem Export von Industriewaren seine ohnehin mit Zuschüssen versorgte Landwirtschaft in alle Welt hinein schleust.

Daß wir in Europa unsere Lebensgrundlagen (Luft, Trinkwasser, Bodenfruchtbarkeit) für diese Art von Welthandel vernichten, halte ich für eine unverzeihliche Dummheit!

Warum müssen Menschen aus Afrika und Asien nach Europa kommen, um hier als Hilfskräfte die landwirtschaftlichen Produkte zu erzeugen, mit denen wir im Welthandel ihre Arbeitsplätze zu Hause vernichten? Oder habe ich in der Wirkungskette etwas übersehen, und die Sache ist gar nicht so verwerflich?
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Re: Die europäische Agrarpolitik vor dem Hintergrund der Flüchtlings- und Migrationskrise

Beitragvon Tom Bombadil » Mo 16. Jul 2018, 21:25

Brainiac hat geschrieben:(16 Jul 2018, 20:18)

Aber nehmen wir zB Kakao, das ist keines, und Mangel daran führt eher selten zu Hungerkatastrophen. Die Elfenbeinküste exportiert eine Menge Kakao in die EU, und dagegen ist nichts zu sagen, im Gegenteil.

Wird der Kakao denn fair bezahlt? Und könnte man auf Kakaoplantagen nicht andere Nahrungsmittel anbauen?

Aber wie gesagt, ich habe ja prinzipiell nichts gegen Handel, aber er muss auf Augenhöhe stattfinden, Spekulation mit Nahrungsmitteln bzw. dem Preis müsste auch unterbunden werden.
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Re: Die europäische Agrarpolitik vor dem Hintergrund der Flüchtlings- und Migrationskrise

Beitragvon Brainiac » Di 17. Jul 2018, 06:28

Tom Bombadil hat geschrieben:(16 Jul 2018, 22:25)

Wird der Kakao denn fair bezahlt? Und könnte man auf Kakaoplantagen nicht andere Nahrungsmittel anbauen?

Aber wie gesagt, ich habe ja prinzipiell nichts gegen Handel, aber er muss auf Augenhöhe stattfinden, Spekulation mit Nahrungsmitteln bzw. dem Preis müsste auch unterbunden werden.

Während in Südamerika (besonders in Brasilien) Kakao fast ausschließlich auf großen Plantagen angebaut wird und so oft unter den Auswirkungen von Monokulturen leidet, baut man in Afrika den Kakao in kleinbäuerlichen Betrieben an. Dabei pflanzen die Bauern den Kakao zwischen ihre sonstigen Gewächse wie z. B. Bananen und schaffen so eine natürliche Umgebung für den Kakaobaum, die Grundvoraussetzung für einen hohen Ertrag ist.
https://www.theobroma-cacao.de/wissen/wirtschaft/kakaoanbau/auf-der-plantage/

Ob die Abschaffung dieses Anbaus viel Anbaufläche für andere Nahrungsmittel freisetzt, scheint also fraglich. Der Kakaobaum benötigt ein tropisches Klima. Hier hat Westafrika also einen Wettbewerbsvorteil, warum zum Teufel soll es den nicht auf dem Weltmarkt zu nutzen versuchen?

Es gibt wie immer auch viel zu kritisieren (Kinderarbeit, Regenwaldabholzung, wenig Erlöse bleiben bei den Bauern hängen). Das sind aber Themen für sich und jedenfalls kein Argument, die EU - um deren Verhalten geht es ja hier - solle grundsätzlich von solchen Importen absehen.
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Re: Die europäische Agrarpolitik vor dem Hintergrund der Flüchtlings- und Migrationskrise

Beitragvon Orbiter1 » Di 17. Jul 2018, 07:59

sünnerklaas hat geschrieben:(16 Jul 2018, 19:56)

Mursi steht - genauso, wie Mubarak - für zuverlässige pro-westliche Politik.
Mursi war ca 1 Jahr Präsident bis er vom Militär weggeputscht wurde. Bereits wenige Monate nach seiner Amtseinführung gab es Massenproteste wegen der zunehmenden Islamisierung.

„Bei Ausschreitungen am Rande einer weiteren Massendemonstration gegen den ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi sind mindestens 18 Menschen verletzt worden. Aus Protest gegen die von Mursi vorangetriebene Islamisierung des Landes waren die Gegner des Präsidenten vor dessen Palast in Kairo gezogen.“ Quelle: https://www.rtl.de/cms/proteste-gegen-a ... 49236.html

Was die europäische Agrarpolitik betrifft werden aktuell die Pflöcke für die Jahre 2020 bis 2027 eingerammt. Stichwort GAP (Gemeinsame Agrarpolitik). Und da bleibt so wie es aussieht alles wie gehabt. Die Landwirtschaftslobby wehrt sich gegen Subventionskürzungen und ökologische Auflagen. Die Exporte sollen gesteigert werden (aktuell ca 130 Mrd € po Jahr), die Industrialisierung wird mit Hightech vorangetrieben, Quadratmetergenaue Düngung und Pestizide, autonom fahrende Maschinen, die WTO soll zu hohen Standards beim Tierschutz gedrängt werden damit man sich gegen Importe wehren kann und die Subventionen soll es weiter per Gießkanne geben. Afrika oder die Flüchtlingsthematik kommen nirgends vor. Da kommt ein weiteres verlorenes Jahrzehnt auf uns zu.
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Re: Die europäische Agrarpolitik vor dem Hintergrund der Flüchtlings- und Migrationskrise

Beitragvon Tom Bombadil » Di 17. Jul 2018, 08:46

Brainiac hat geschrieben:(17 Jul 2018, 07:28)

Das sind aber Themen für sich und jedenfalls kein Argument, die EU - um deren Verhalten geht es ja hier - solle grundsätzlich von solchen Importen absehen.

Es ging mir primär um Nahrungsmittel, die wir aus aller Herren Länder importieren, um sie möglichst ganzjährig zur Verfügung zu haben.

Nimm doch mal einen anderen Staat. In Äthiopien findet seit 2016 beinahe unbemerkt von unserer Öffentlichkeit eine Hungersnot statt, auch andere ostafrikanische Staaten sind betroffen, auch das schon angesprochene Kenia: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitge ... ttel-klima Es werden felißig Rosen (Kenia) und Kaffee (Äthiopien) ex- und Devisen importiert, trotzdem hungern dort viele Menschen und sind auf unsere Hilfe angewiesen. Irgendwas ist an dem System faul.
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Re: Die europäische Agrarpolitik vor dem Hintergrund der Flüchtlings- und Migrationskrise

Beitragvon sünnerklaas » Di 17. Jul 2018, 08:58

Orbiter1 hat geschrieben:(17 Jul 2018, 08:59)

Mursi war ca 1 Jahr Präsident bis er vom Militär weggeputscht wurde. Bereits wenige Monate nach seiner Amtseinführung gab es Massenproteste wegen der zunehmenden Islamisierung.

„Bei Ausschreitungen am Rande einer weiteren Massendemonstration gegen den ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi sind mindestens 18 Menschen verletzt worden. Aus Protest gegen die von Mursi vorangetriebene Islamisierung des Landes waren die Gegner des Präsidenten vor dessen Palast in Kairo gezogen.“ Quelle: https://www.rtl.de/cms/proteste-gegen-a ... 49236.html

Was die europäische Agrarpolitik betrifft werden aktuell die Pflöcke für die Jahre 2020 bis 2027 eingerammt. Stichwort GAP (Gemeinsame Agrarpolitik). Und da bleibt so wie es aussieht alles wie gehabt. Die Landwirtschaftslobby wehrt sich gegen Subventionskürzungen und ökologische Auflagen. Die Exporte sollen gesteigert werden (aktuell ca 130 Mrd € po Jahr), die Industrialisierung wird mit Hightech vorangetrieben, Quadratmetergenaue Düngung und Pestizide, autonom fahrende Maschinen, die WTO soll zu hohen Standards beim Tierschutz gedrängt werden damit man sich gegen Importe wehren kann und die Subventionen soll es weiter per Gießkanne geben. Afrika oder die Flüchtlingsthematik kommen nirgends vor. Da kommt ein weiteres verlorenes Jahrzehnt auf uns zu.


Das Problem der europäischen und vor allem der deutschen Landwirtschaft ist, dass sie auf allen Märkten mit Markteilnehmern konkurrieren muss, die bestimmte geschäftliche Vorteile haben, die hierzulande verboten sind: Kinderarbeit, Schuldknechtschaft, Sklaverei. Für den deutschen Handel, also die die Erzeugerpreise diktierenden Discounter ist das sich daraus ergebenen Best-Pricing gut - auch der Kunde profitiert davon. Durch Dauertiefstpreise.

Umgekehrt gesehen: hierzulande kann man die Landwirtschaft ohne größere soziale und politische Verwerfungen nicht aufgeben. Die Klientel ist oft sehr schwerfällig und sehr skeptisch gegenüber Neuerungen. Die Folge: Die Leute im ländlichen Raum würden in Scharen zu den Populisten laufen, die ihnen versprechen, dass alles so bleibt, wie es ist. Selbst die AfD klammert sich ja in der Agrarpolitik krampfhaft an die von Brüssel aufgestellten Grundsätze. An dem Mansholt-Prinzip von 1968 (Wachsen oder Weichen) will man auch dort festhalten. Und es ist ja nicht allein so, dass allein die Landwirte von der Landwirtschaft leben - es gibt ja noch jede Menge Zulieferer in D, die Hochtechnologie liefern.
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Re: Die europäische Agrarpolitik vor dem Hintergrund der Flüchtlings- und Migrationskrise

Beitragvon Tom Bombadil » Di 17. Jul 2018, 09:03

Es wäre strategischer Wahnsinn, die Landwirtschaft in Deutschland oder der EU aufzugeben und sich in noch mehr Abhängigkeit vom Ausland zu begeben. Man sollte die hochsubventionierten Lebensmittel nur nicht in arme Länder exportieren und damit die dort ansässige Landwirtschaft schädigen.
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Re: Die europäische Agrarpolitik vor dem Hintergrund der Flüchtlings- und Migrationskrise

Beitragvon Orbiter1 » Di 17. Jul 2018, 09:27

Tom Bombadil hat geschrieben:(17 Jul 2018, 09:46)

In Äthiopien findet seit 2016 beinahe unbemerkt von unserer Öffentlichkeit eine Hungersnot statt, auch andere ostafrikanische Staaten sind betroffen, auch das schon angesprochene Kenia: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitge ... ttel-klima Es werden felißig Rosen (Kenia) und Kaffee (Äthiopien) ex- und Devisen importiert, trotzdem hungern dort viele Menschen und sind auf unsere Hilfe angewiesen. Irgendwas ist an dem System faul.
Der Link funktioniert nicht. Und ja, in Äthiopien ist was faul. Nahrungsmittel werden dort genug produziert, aber nicht für Äthiopien.

"Dabei gilt Äthiopien als eines der potentialreichsten Agrarländer des Kontinents, das einen kräftigen Aufschwung erlebt hat. Seine Wirtschaftsleistung wächst seit längerem um rund 10 Prozent im Jahr. Die Landwirtschaft trägt 48 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Dafür sorgten auch chinesische Staatsfonds oder arabische Investoren, die Mega-Farmen errichten ließen. Kritiker sprechen von „Land Grabbing“, Landraub, bei dem die früheren Kleinbauern verdrängt werden. Die Ernährungssituation bessert sich auch nicht. Tatsächlich ist es nicht die Intention der Araber und Chinesen, hier überwiegend Lebensmittel für die äthiopische Bevölkerung zu ernten. So wird Afrika immer mehr Getreide entnommen. Die Landmatrix-Initiative, die mit der EU-Kommission und der deutschen Gesellschaft für Entwicklung und Zusammenarbeit kooperiert, hat jüngst errechnet, dass 10 Millionen Hektar in Afrika von internationalen Investoren übernommen worden seien: vor allem aus Malaysia, den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Singapur und Saudi-Arabien." Quelle: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/a ... 98-p3.html

Trotzdem macht der verlinkte Artikel auch Hoffnung. Afrika muß aktuell ein Viertel der benötigten Nahrungsmittel importieren, verfügt aber auch über riesige Landflächen die noch nicht landwirtschaftlich genutzt werden. Und es gibt auch landwirtschaftliche Initiativen die nicht auf die Intensivierung der Landwirtschaft wie in Europa setzen (was zu vielen Hundert Mio Arbeitslosen und massiven Flüchtlingsströmen führen würde) aber trotzdem eine Steigerung des Ertrages erzielen.
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Re: Die europäische Agrarpolitik vor dem Hintergrund der Flüchtlings- und Migrationskrise

Beitragvon Brainiac » Mi 18. Jul 2018, 19:54

H2O hat geschrieben:(16 Jul 2018, 22:05)
Warum müssen Menschen aus Afrika und Asien nach Europa kommen, um hier als Hilfskräfte die landwirtschaftlichen Produkte zu erzeugen, mit denen wir im Welthandel ihre Arbeitsplätze zu Hause vernichten? Oder habe ich in der Wirkungskette etwas übersehen, und die Sache ist gar nicht so verwerflich?

Die Frage ist, ob wir wirklich dort die Arbeitsplätze vernichten, oder ob sich rein gar nichts verbessern würde, wenn wir nichts exportieren täten. Weil das Nicht-Vorankommen der afrikanischen (Land-)wirtschaft vielleicht primär auf ganz anderen Faktoren beruht, wie miserable Regierungsführung, grundsätzlich mangelnde Wettbewerbsfähigkeit, unklare Eigentumsverhältinsse bzw. mangelnde Durchsetzbarkeit desselben, etc. Welfenprinz hatte dazu einiges ausgeführt.

Ich weiß es nicht. :| Ich denke, dass es auch kein anderer Mensch auf diesem Planeten weiß, da bekanntlich die Parallelweltsimulatoren leider noch nicht auf dem Markt sind. Es KANN aber sehr gut so sein, wie Sie schreiben, und allein dieses KANN wäre für mich hinreichend, die europäische Agrarpolitik massiv in Frage zu stellen. Sie wird ja auch noch aus anderen Gründen erheblich kritisert, ganz unabhängig von Afrika oder der Migrationsdebatte.
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Re: Die europäische Agrarpolitik vor dem Hintergrund der Flüchtlings- und Migrationskrise

Beitragvon Quatschki » Mi 18. Jul 2018, 20:59

Man muß eines sehen:
In Afrika sind Megastädte entstanden, die ernährt werden müssen.
Das geht nicht mehr, indem irgendwelche Kleinbauern ihre traditionell angebauten Lebensmittel auf den Markt schaffen. Dafür braucht man Planbarkeit und Lieferzuverlässigkeit, Lagerhallen, Silos, Kühlhäuser,
riesige Kapazitäten. Und zwar immer mehr immer schneller.
Deutsche Großstadtverwaltungen ächzen schon, wenn sie um 10.000 Einwohner im Jahr wachsen.
Städte wie Lagos wachsen um hunderttausende Einwohner pro Jahr.
Die vielerorts noch verbreitete Selbstversorgungswirtschaft ist im Grunde ein Luxus ähnlich unserem Biobauerntum, weil die primitiven Anbaumethoden bei zu hohem Faktoreinsatz zu wenig Erträge bringen. Andererseits ist sie für Millionen Leute deren Existenz. Dieses Dilemma aufzulösen, ist eine riesige Herausforderung. Zum Glück nicht meine...
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Re: Die europäische Agrarpolitik vor dem Hintergrund der Flüchtlings- und Migrationskrise

Beitragvon Welfenprinz » Mi 18. Jul 2018, 21:06

Zumindest so im Ansatz oder modellhaft sollte sich jeder mal überlegen,ob dieser in der Öffentlichkeit vorherrschende Denkansatz “Afrika soll sich erstmal agrarisch zu einem ordentlichen Selbstversorgungsgrad entwickeln,und dann Industrie und Dienstleistungssektor aufbauen“ überhaupt richtig ist.
Ich halte ihn für grundfalsch. :) So spielt man Siedler,aber realisiert nicht Fortschritt.
Hier im Forum war mal (ist noch) ein Marokkaner,der auch genauso argumentierte. Der sieht die Zukunft seines Landes nicht in Fisch und Melonen. Es geht um Energie,Technologie,Telekommunikation...


Gründe für diese Einstellung gibt es mehrere.
Die geringe Wertschöpfung des Agrarsektors. Damit kriegt man nicht die kleinsten Grundlagen einer Infrastruktur finanziert. Geschweige denn was hightech mässiges.

Die Historie. Egal ob GB,F und D im 19. oder Taiwan ,Südkorea (da geht das dänische Schweinefleisch seit Jahrzehnten hin) im 20. Jahrhundert.......alles Nahrungsmittelimporteure.
Der brasilianische Hähnchenfleischexport sichert die Ernährung von Abidjan oder Lagos,und zwar billig. Und macht es dadurch möglich,dass die Menschen nicht den ganzen Tag in der Urproduktion gefangen sind sondern in Sektoren mit höherer Wertschöpfung tätig werden können.

Ich habs jetzt nicht so mit dem recherchieren :dead: ,aber aus der Erinnerung würde ich sagen Ostafrika,Kenia,ist da schon sie ersten Schritte gegangen. Mobilfunkanbieter,Bezahlsystemanbieter etc.

Die Menschen wollen vom Feld weg. Wie hier auch.
Sterben kann nicht so schlimm sein,sonst würden es nicht so viele tun.
Lt. griinpissstudien stirbt eine Ratte, wenn ihr ein 200l-Fass Glyphosat auf den Kopf fällt.
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Re: Die europäische Agrarpolitik vor dem Hintergrund der Flüchtlings- und Migrationskrise

Beitragvon Alpha Centauri » Mi 18. Jul 2018, 21:16

Welfenprinz hat geschrieben:(18 Jul 2018, 22:06)

Zumindest so im Ansatz oder modellhaft sollte sich jeder mal überlegen,ob dieser in der Öffentlichkeit vorherrschende Denkansatz “Afrika soll sich erstmal agrarisch zu einem ordentlichen Selbstversorgungsgrad entwickeln,und dann Industrie und Dienstleistungssektor aufbauen“ überhaupt richtig ist.
Ich halte ihn für grundfalsch. :) So spielt man Siedler,aber realisiert nicht Fortschritt.
Hier im Forum war mal (ist noch) ein Marokkaner,der auch genauso argumentierte. Der sieht die Zukunft seines Landes nicht in Fisch und Melonen. Es geht um Energie,Technologie,Telekommunikation...


Gründe für diese Einstellung gibt es mehrere.
Die geringe Wertschöpfung des Agrarsektors. Damit kriegt man nicht die kleinsten Grundlagen einer Infrastruktur finanziert. Geschweige denn was hightech mässiges.

Die Historie. Egal ob GB,F und D im 19. oder Taiwan ,Südkorea (da geht das dänische Schweinefleisch seit Jahrzehnten hin) im 20. Jahrhundert.......alles Nahrungsmittelimporteure.
Der brasilianische Hähnchenfleischexport sichert die Ernährung von Abidjan oder Lagos,und zwar billig. Und macht es dadurch möglich,dass die Menschen nicht den ganzen Tag in der Urproduktion gefangen sind sondern in Sektoren mit höherer Wertschöpfung tätig werden können.

Ich habs jetzt nicht so mit dem recherchieren :dead: ,aber aus der Erinnerung würde ich sagen Ostafrika,Kenia,ist da schon sie ersten Schritte gegangen. Mobilfunkanbieter,Bezahlsystemanbieter etc.

Die Menschen wollen vom Feld weg. Wie hier auch.



Nur wenn wie vielen Ländern Afrikas ( auch Zeile Asiens) für ein Teil der Bevölkerung nicht einmal die Nahrungsmittelsicherheit gewährleistet ist dann (aus vielerlei Gründen) bring auch die schöne neue geile High Tech Smartphone und Internetwelt wenig den Technik kann man nicht essen man sollte einen ganze anderen Ansatz wählen,.wenn die Vereinten Nationen die Menschenrechte tatsächlich ernst nehmen
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Re: Die europäische Agrarpolitik vor dem Hintergrund der Flüchtlings- und Migrationskrise

Beitragvon Brainiac » Mi 18. Jul 2018, 21:19

Welfenprinz hat geschrieben:(18 Jul 2018, 22:06)

Zumindest so im Ansatz oder modellhaft sollte sich jeder mal überlegen,ob dieser in der Öffentlichkeit vorherrschende Denkansatz “Afrika soll sich erstmal agrarisch zu einem ordentlichen Selbstversorgungsgrad entwickeln,und dann Industrie und Dienstleistungssektor aufbauen“ überhaupt richtig ist.
Ich halte ihn für grundfalsch. :) So spielt man Siedler,aber realisiert nicht Fortschritt.
Hier im Forum war mal (ist noch) ein Marokkaner,der auch genauso argumentierte. Der sieht die Zukunft seines Landes nicht in Fisch und Melonen. Es geht um Energie,Technologie,Telekommunikation...


Gründe für diese Einstellung gibt es mehrere.
Die geringe Wertschöpfung des Agrarsektors. Damit kriegt man nicht die kleinsten Grundlagen einer Infrastruktur finanziert. Geschweige denn was hightech mässiges.

Die Historie. Egal ob GB,F und D im 19. oder Taiwan ,Südkorea (da geht das dänische Schweinefleisch seit Jahrzehnten hin) im 20. Jahrhundert.......alles Nahrungsmittelimporteure.
Der brasilianische Hähnchenfleischexport sichert die Ernährung von Abidjan oder Lagos,und zwar billig. Und macht es dadurch möglich,dass die Menschen nicht den ganzen Tag in der Urproduktion gefangen sind sondern in Sektoren mit höherer Wertschöpfung tätig werden können.

Ich habs jetzt nicht so mit dem recherchieren :dead: ,aber aus der Erinnerung würde ich sagen Ostafrika,Kenia,ist da schon sie ersten Schritte gegangen. Mobilfunkanbieter,Bezahlsystemanbieter etc.

Die Menschen wollen vom Feld weg. Wie hier auch.

http://politik-forum.eu/viewtopic.php?f=68&t=56912&start=40#p4168156

Das hört sich alles gut an, es gibt auch in der Tat viele IT-Startups in Afrika, aber wer soll diese Software oder Dienstleistungen kaufen, warum, und wovon. Irgendwas muss doch die Basis sein, etwas, was man jetzt gut oder besser als andere kann. Die auf dem Feld nicht unterkommen, die fangen doch nicht an Software zu entwickeln, die werden arbeitslos und versuchen bei Verwandten irgendwie satt zu werden. Programmieren können auch 1 Mrd Chinesen und 1 Mrd Inder. Und GB, F und D im 19. oder Taiwan, Südkorea waren nicht so in jeder Hinsicht im Rückstand mit allem, wie es Afrika heute ist.

Ich sehe da wenig außer Landwirtschaft und Rohstoffe, daher glaube ich, dass die Entwicklung auf der Landwirtschaft aufsetzen muss. Klar sollte man sich darauf nicht beschränken, und auch die Selbstversorgungsfähigkeit wäre für mich nicht so entscheidend. Anbauen was sich gut verkauft (zB Kakao), Importieren was man schlecht genügend selbst anbauen kann (aus klimatischen oder Mengengründen), der Rest irgendwo dazwischen.
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Re: Die europäische Agrarpolitik vor dem Hintergrund der Flüchtlings- und Migrationskrise

Beitragvon Boracay » Mi 18. Jul 2018, 21:21

Tom Bombadil hat geschrieben:Aber wie gesagt, ich habe ja prinzipiell nichts gegen Handel, aber er muss auf Augenhöhe stattfinden, Spekulation mit Nahrungsmitteln bzw. dem Preis müsste auch unterbunden werden.


Längt widerlegter Blödsinn. Ihnen zusätzliche Nachfrage zu schaffen erhöht sich auch kein Preis. Man kann Lebensmittel nicht auf Halfe legen und liegen lassen bis sich der Preis erhöht.
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Re: Die europäische Agrarpolitik vor dem Hintergrund der Flüchtlings- und Migrationskrise

Beitragvon Boracay » Mi 18. Jul 2018, 21:30

sünnerklaas hat geschrieben:Umgekehrt gesehen: hierzulande kann man die Landwirtschaft ohne größere soziale und politische Verwerfungen nicht aufgeben.


Nur 2% der Deutschen arbeiten in der Landwirtschaft und nur für 1/3 davon tragen die EU Subventionen nennenswert zum Lebensunterhalt bei.
Und du meinst wegen 0,6% (von denen die meisten durch Haus und Hof ein hohes Vermögen haben) gäbe es soziale und politische Verwerfungen??

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