Die neue Rechte in Europa: Jünger, gebildeter, smarter, rassistischer, extremer.

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schokoschendrezki
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Die neue Rechte in Europa: Jünger, gebildeter, smarter, rassistischer, extremer.

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 26. Mär 2018, 10:38

Mindestens drei jüngere Ereignisse inspirierten mich zur Eröffnung eines Threads zum formulierten Thema.

Natürlich zunächst mal die Ernennung des FPÖ-Politikers Heinz-Christian Strache zum österreichischen Vizekanzler im Dezember 2017. Strache (Jahrgang 1969) ist zwar nicht mehr ganz so jung, aber mit seinem ostentativen Bekenntnis zu schlagenden Verbindungen, Burschenschaften etc. gehört er ziemlich genau in dieses rechts-akademische Profil.

Dann: Schweden. Der ehemalige Chef der rechtsnationalen Schwedendemokraten, Kasselstrand, hat mit der AfS, der "Alternative für Schweden" eine neue, offen rassistische Partei gegründet, die sich auf den "nordischen Menschen" als Idol zurückbesinnen will. Es werden ihr bei den Wahlen im Herbst bis zu 2 Prozent Wählerstimmen (neben den ganz sicher mehr als 10 Prozent für die SD) zugetraut.

Und schließlich: Das verstörendste Beispiel: Niederlande. Thierry Baudet und seine Partei "Forum voor Democratie". In Umfragen liegt sie nur noch knapp hinter Wilders PVV. Baudet, ein rechtsextremer Akademiker-Snob, der Parlamentsreden auf Latein hält und statt politischer Statements auch mal ein Stück Klassik auf dem Klavier vorträgt, träumt von einem Europa, das wieder von "der weißen Rasse" geprägt ist.

Schon lange in diese Richtung läuft die ungarische rechtsextreme Partei "Jobbik". Ihre Gründung verlief im und fast die gesamte Parteiführung kommt aus dem studentisch-akademischen Millieu. Allesamt sind es studierte und zum Teil promovierte Leute.

In Frankreich findet im rechten Lager nach dem Sieg von Macron eine Polarisierung statt. Marine Le Pen will sich komplett von ihrem Vater trennen, den Front National umbenennen und rein äußerlich entschärfen und "verbürgerlichen". Ihre abgetauchte Nichte Marion Maréchal Le Pen hat sich dagegen wiedergemeldet und bildet das junge Gesicht der ca. 83 Prozent FN-ler, die sich Marion in der Führung wünschen.

Die wichtigste Frage für mich: Findet hier eine Spaltung und damit Schwächung der europäischen Rechten statt? In ein sozusagen bürgerlich-akzeptables lager einerseits und in ein offen rechtsextremes Lager andererseits? Oder vielleicht nicht sogar eher eine Art Verdopplung. Indem zu solchen gemäßigt rechten und schon länger erfolgreichen Parteien wie FPÖ oder den skandinavischen Rechten nun sozusagen additiv eben noch extreme Rechte hinzukommen.

Und dann: Wie muss sich die Strategie der Entgegnung ändern. In den Köpfen vieler Linker - glaube ich zumindest - sind Rechtsextreme typischerweise angetrunkene Nazigröhler und nicht akademisch gebildete Personen. Dieses einseitige Bild wird sich nicht halten lassen.
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Re: Die neue Rechte in Europa: Jünger, gebildeter, smarter, rassistischer, extremer.

Beitragvon Senexx » Mo 26. Mär 2018, 11:35

Die Linke erschafft sich ihre Gegner durch ihre Maßlosigkeit und Intoleranz. Auf Dauer kann man die demokratische Meinungsbildung nicht einschränken. Diese Lektion müssen die Linken erst noch lernen.
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Re: Die neue Rechte in Europa: Jünger, gebildeter, smarter, rassistischer, extremer.

Beitragvon H2O » Mo 26. Mär 2018, 11:42

Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren... dieser böse Spruch sagt doch schon, daß an akademischer Bildung auch in Nazikreisen kein Mangel herrschte. "Rechts" heißt meiner Beobachtung zu Folge die Herrschaft einer sich selbst ermächtigenden Elite, die auf pöbelnde Strolche herab blickt, sie aber als Werkzeuge zur Erhaltung ihrer Macht erträgt.

Mir scheint, daß eine erstarrte Demokratie mit ihren Parteien mit Politikerlaufbahnen von der Kabbelgruppe über die Jugendorganisation bis in die zu vergebenden Staatsämter über sichere Listenplätze irgendwann solche selbsternannte Eliten hervorbringt. Politik als von Anfang an geplanter Beruf, am liebsten mit akademischem Titel... von und zu Guttenberg zur Erinnerung. Für den Normalverbraucher sind die praktisch schon immer da gewesen. Stellen Sie sich den derzeitigen Jusovorsitzenden in 10 Jahren vor. Die erscheinen dann genau so "selbsternannt" wie die Kräfte, die sich in "rechten" Parteien tummeln.

Einstweilen stehen sie im Wettbewerb um die Wählergunst zur Wahl; das muß nicht so bleiben. Sichere Listenplätze auf Wahlzetteln schränken schon den Zugang zu politischen Ämtern ein... und in einer ferneren Zukunft ernennt die Parteiführung die Inhaber politischer Ämter ohne Mitwirkung des Wählers.
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Re: Die neue Rechte in Europa: Jünger, gebildeter, smarter, rassistischer, extremer.

Beitragvon Sole.survivor@web.de » Mo 26. Mär 2018, 20:49

sind Rechtsextreme typischerweise angetrunkene Nazigröhler und nicht akademisch gebildete Personen.

Die meisten angesoffenen Nazigröhler sind doch studiert. Wie kommst du drauf, dass das normale Leute sein sollen? Gauleiter, General, das sind keine Positionen für Maurer oder Markthändler.
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Re: Die neue Rechte in Europa: Jünger, gebildeter, smarter, rassistischer, extremer.

Beitragvon schokoschendrezki » Mi 28. Mär 2018, 12:57

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(26 Mar 2018, 21:49)

Die meisten angesoffenen Nazigröhler sind doch studiert. Wie kommst du drauf, dass das normale Leute sein sollen? Gauleiter, General, das sind keine Positionen für Maurer oder Markthändler.


Man kann es nicht nur bei den internationalen Parteigründungen sondern auch gewissermaßen im soziologischen Nahbereich deutlich sehen, dass es einen Wandel gibt. Die Berliner Ortslage Schöneweide und insbesondere die Brückenstraße mit der Kneipe "Zum Henker" und dem Militariageschäft "Hexogen" galt bis vor wenigen Jahren als der Hotspot Berlins der rechtsextremen Szene. Und da trieben sich, glaubs mir, keine "Studierten" herum. Davon ist (inzwischen) nix übrig geblieben. Gleichzeitig hat sich der Zulauf zu rechtsextremen Ideologien allgemein gewiss nicht verringert. Es muss also ein Wandel stattgefunden haben.

Ich wäre ja vor allem auch an näheren Informationen, Einordnung und Hintergründen zu Thierry Baudet und seinem "Forum für Demokratie" in den Niederlanden und der Neugründung der rechtsextremen "Alternative für Schweden" interessiert.
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Re: Die neue Rechte in Europa: Jünger, gebildeter, smarter, rassistischer, extremer.

Beitragvon Sole.survivor@web.de » Mi 28. Mär 2018, 13:22

schokoschendrezki hat geschrieben:(28 Mar 2018, 13:57)

Man kann es nicht nur bei den internationalen Parteigründungen sondern auch gewissermaßen im soziologischen Nahbereich deutlich sehen, dass es einen Wandel gibt. Die Berliner Ortslage Schöneweide und insbesondere die Brückenstraße mit der Kneipe "Zum Henker" und dem Militariageschäft "Hexogen" galt bis vor wenigen Jahren als der Hotspot Berlins der rechtsextremen Szene. Und da trieben sich, glaubs mir, keine "Studierten" herum. Davon ist (inzwischen) nix übrig geblieben. Gleichzeitig hat sich der Zulauf zu rechtsextremen Ideologien allgemein gewiss nicht verringert. Es muss also ein Wandel stattgefunden haben.

Ich wäre ja vor allem auch an näheren Informationen, Einordnung und Hintergründen zu Thierry Baudet und seinem "Forum für Demokratie" in den Niederlanden und der Neugründung der rechtsextremen "Alternative für Schweden" interessiert.

Berlin ist jetzt auch nicht so die klassische braune Stadt der Gegenwart. Da hast du eher Kandidaten in Sachsen, in Sachsen-Anhalt, Bremerhaven, bestimmte Ecken Niedersachsens. Der typische NPD-Gemeinderat ist studiert oder Handwerker, so auch ehemals bei Schill und nun eben AfD. Jan Timke kommt vom Bundeskriminalamt. Udo Voigt hat Diplom.
Udo Wilhelm Pastörs hat einen Meister gemacht. Frau vom Storch ist passenderweise Insolvenzanwältin. Gordon Richter ist Jurist. Peter Marx ist auch nicht Maurer.
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Re: Die neue Rechte in Europa: Jünger, gebildeter, smarter, rassistischer, extremer.

Beitragvon zollagent » Mi 28. Mär 2018, 13:44

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(28 Mar 2018, 14:22)

Berlin ist jetzt auch nicht so die klassische braune Stadt der Gegenwart. Da hast du eher Kandidaten in Sachsen, in Sachsen-Anhalt, Bremerhaven, bestimmte Ecken Niedersachsens. Der typische NPD-Gemeinderat ist studiert oder Handwerker, so auch ehemals bei Schill und nun eben AfD. Jan Timke kommt vom Bundeskriminalamt. Udo Voigt hat Diplom.
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...und die meisten sind halt gescheitert bzw. auch straffällig geworden. So what? Kommt daher die Feindseligkeit gegen unseren Staat? Nur zur Info, auch Goebbels hatte einen Doktortitel. Hat ihn das gehindert, Verbrechen zu begehen? Eher nicht.
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Re: Die neue Rechte in Europa: Jünger, gebildeter, smarter, rassistischer, extremer.

Beitragvon Teeernte » Mi 28. Mär 2018, 20:44

Reine Frage der Mengenlehre und des historischen Situation.

Ist die Politik "Linkslastig" gibt es später mehr Rechts. (Bei ausgeglichenem Bürgerstatus..... Arm....Mittel...reich)

"Sozial"/Links soll/will den "armen" helfen auf Kosten der anderen. "übertreibt" man - wird die Untere Mitte sich "übervorteilt"/betrogen sehen. (Es als Unrecht sehen)

Geht der Staat nun auf "kriminelle" Rechte - ist es die Staatspflicht.

Bei unkriminellen Rechten - hat der Staat jedes Machtmittel verwirkt....er währe "Partei" - was ihm nicht zusteht.

"Links" ...unten treten sich die Parteien auf die Füsse. Rechts ist viel Platz - zu gewinnen...

Die SPD hat das erkannt - und steuert GEGEN ->> mit solidarischem Grundeinkommen.
zum Beispiel.

Leistung für Leistung.
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Re: Die neue Rechte in Europa: Jünger, gebildeter, smarter, rassistischer, extremer.

Beitragvon Nomen Nescio » Do 29. Mär 2018, 04:27

schokoschendrezki hat geschrieben:(28 Mar 2018, 13:57)

Ich wäre ja vor allem auch an näheren Informationen, Einordnung und Hintergründen zu Thierry Baudet und seinem "Forum für Demokratie" in den Niederlanden und der Neugründung der rechtsextremen "Alternative für Schweden" interessiert.

baudet ist jedenfalls ein demagoge, prahlhans und angeber. er kann - genau wie wilders - einzeilers lancieren. konstruktive bemerkungen habe ich noch nicht gehört.

wilder und baudet scheinen kommunizierende fässer zu sein. baudet gewann, ergo verlor wilders ungefähr die gleiche menge.
abgesehen von sehr doofe bemerkungen über Gott (Allah), religionen und gläubige menschen ist es in moment unmöglich zu zsagen was der wirklich will. na ja, bei wilder weiß man das auch nicht, außer dem thema muslim.
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Re: Die neue Rechte in Europa: Jünger, gebildeter, smarter, rassistischer, extremer.

Beitragvon schokoschendrezki » Do 29. Mär 2018, 09:39

Teeernte hat geschrieben:(28 Mar 2018, 21:44)

Reine Frage der Mengenlehre und des historischen Situation.

Ist die Politik "Linkslastig" gibt es später mehr Rechts. (Bei ausgeglichenem Bürgerstatus..... Arm....Mittel...reich)


Ich halte das für eine gefährliche Irrlehre. Dass politische Rechtstendenzen lediglich Ausgleichskräfte zur Balancehaltung seien. Das sind sie nicht.
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Re: Die neue Rechte in Europa: Jünger, gebildeter, smarter, rassistischer, extremer.

Beitragvon schokoschendrezki » Do 29. Mär 2018, 09:50

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(28 Mar 2018, 14:22)

Berlin ist jetzt auch nicht so die klassische braune Stadt der Gegenwart. Da hast du eher Kandidaten in Sachsen, in Sachsen-Anhalt, Bremerhaven, bestimmte Ecken Niedersachsens. Der typische NPD-Gemeinderat ist studiert oder Handwerker, so auch ehemals bei Schill und nun eben AfD. Jan Timke kommt vom Bundeskriminalamt. Udo Voigt hat Diplom.
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Ja. Gut. Ich nehme das zur Kenntnis. Es ist vermutlich aber so, dass ganz grundsätzlich niemand eine politische Partei oder sonst irgendeine Gruppierung aufbauen kann ohne ein Mindestmaß an Organisiertheit und Intellekt. Zu den aufgezählten Personen gehören ja auch die jeweiligen Zielgruppen, die sie ansprechen.

Es gibt ja das historische Beispiel Röhm-Putsch. Wenn ich es richtig einordne, setzte sich dort eine sich eher elitär verstehende Ideologie gegen einen gewissermaßen volkstümlichen Nationalismus durch. Sosehr sich auch die historischen Situationen unterscheiden: Erleben wir gegenwärtig so etwas in dieser Art? Dass einerseits der gemeine "Naziproll" plötzlich selbst zu den Ausgegrenzten gehört und dass selbst extremste rassistische Anschauungen verbürgerlicht und akademisiert in die Mainstream-Gesellschaft einsickern?
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Re: Die neue Rechte in Europa: Jünger, gebildeter, smarter, rassistischer, extremer.

Beitragvon Teeernte » Do 29. Mär 2018, 10:35

schokoschendrezki hat geschrieben:(29 Mar 2018, 10:39)

Ich halte das für eine gefährliche Irrlehre. Dass politische Rechtstendenzen lediglich Ausgleichskräfte zur Balancehaltung seien. Das sind sie nicht.


Für den Wähler schon.....>> für einzelne Neubildungen//Umorganisationen (Krebsgeschwür) - da hast Du Recht... >> NICHT.
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Re: Die neue Rechte in Europa: Jünger, gebildeter, smarter, rassistischer, extremer.

Beitragvon Sole.survivor@web.de » Do 29. Mär 2018, 15:41

schokoschendrezki hat geschrieben:(29 Mar 2018, 10:50)

Ja. Gut. Ich nehme das zur Kenntnis. Es ist vermutlich aber so, dass ganz grundsätzlich niemand eine politische Partei oder sonst irgendeine Gruppierung aufbauen kann ohne ein Mindestmaß an Organisiertheit und Intellekt. Zu den aufgezählten Personen gehören ja auch die jeweiligen Zielgruppen, die sie ansprechen.

Es gibt ja das historische Beispiel Röhm-Putsch. Wenn ich es richtig einordne, setzte sich dort eine sich eher elitär verstehende Ideologie gegen einen gewissermaßen volkstümlichen Nationalismus durch. Sosehr sich auch die historischen Situationen unterscheiden: Erleben wir gegenwärtig so etwas in dieser Art? Dass einerseits der gemeine "Naziproll" plötzlich selbst zu den Ausgegrenzten gehört und dass selbst extremste rassistische Anschauungen verbürgerlicht und akademisiert in die Mainstream-Gesellschaft einsickern?

Es gibt in der rechtsradikalen Bewegung seit jeher zwei Gegenpole, sowohl innerhalb der NPD als auch in der weiteren Anhängerschaft und in Nebenströmungen wie DVU/REP - Die NPD hat zunächst den Wandel von einer klassischen Altnazipartei zu einer Bewegung der Straße und jüngerer radikaler Neonazis durchgemacht, dabei die Anschlußfähigkeit in das klassische REP-Klientel verloren, aber auch neue Wählerschichten erschlossen. Mit den Erfolgen um 2004 setze sich dann wieder eine jüngere Parteielite ans Werk, die weniger Radikalkitsch und mehr Anschlußfähigkeit/Akzeptanz versuchte. Krawatte statt Stiefel, wenn man es mal auf eine Formel bringen will. Die Basis dafür bildete neben der Schaffung hauptamtlicher Politjobs in Sachsen und MVP vor allem eine relative Akzeptanz auf Kommunalebene in Sachsen. Damit war sie spät dran. Die FPÖ/BZÖ unter Haider zeigt die Transformation einer eher ambivalenten Partei in eine moderne, oberflächlich saubere Version. In Front National, wir sehen derzeit den Widerstreit zwischen einer klassischen, offen antisemitischen Generation und einer modernen Generation, die lieber vom Islam redet - um die Juden trauern die aber auch nicht, das ist sicher. In Deutschland dagegen haben "freiheitliche", also nationalliberale bis nationalistische Ansätze in der Regel die Abgrenzung zur engeren NPD-Umgebung gesucht, die als verbrannt galt. Versuche der NPD, hier anzudocken, brachten sie immer in Konflikt mit ihrer teilweise eher national-sozialistischen Bewegungsbasis, dem Kameradschaftsumfeld.
Die DVU dagegen war ganz und gar ein Bauchprojekt, in ihrer Argumentation und ihrem Auftreten eher altbacken, anti-intellektuell. Die AfD kann sich noch nicht so recht entscheiden. Insgesamt ist der Trend in Europa so, dass offen nationalsozialistische oder faszistische Gruppierungen eher auf der Straße punkten, die Anzugversion eher bei Wahlen mal länger oder kürzer hochkommt. Ich denke, so werden wir das auch in Osteuropa mittelfristig sehen: Wo irgendwelche Tumulte und Bürgerkriege aufbrechen, haben die offen braunen vorübergehend große Bedeutung. Im Parlamentsalltag ist der Stiefel eher der Strickpulli der Braunen. Hoher ikonischer Wert, aber auf Dauer unerträglich im Vergleich zu glattgeschliffenen Anzugträgern, die auch mal ohne zu stottern zu Jauch und co gehen können.
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Re: Die neue Rechte in Europa: Jünger, gebildeter, smarter, rassistischer, extremer.

Beitragvon Selina » Do 29. Mär 2018, 18:09

schokoschendrezki hat geschrieben:(26 Mar 2018, 11:38)

Mindestens drei jüngere Ereignisse inspirierten mich zur Eröffnung eines Threads zum formulierten Thema.

Natürlich zunächst mal die Ernennung des FPÖ-Politikers Heinz-Christian Strache zum österreichischen Vizekanzler im Dezember 2017. Strache (Jahrgang 1969) ist zwar nicht mehr ganz so jung, aber mit seinem ostentativen Bekenntnis zu schlagenden Verbindungen, Burschenschaften etc. gehört er ziemlich genau in dieses rechts-akademische Profil.

Dann: Schweden. Der ehemalige Chef der rechtsnationalen Schwedendemokraten, Kasselstrand, hat mit der AfS, der "Alternative für Schweden" eine neue, offen rassistische Partei gegründet, die sich auf den "nordischen Menschen" als Idol zurückbesinnen will. Es werden ihr bei den Wahlen im Herbst bis zu 2 Prozent Wählerstimmen (neben den ganz sicher mehr als 10 Prozent für die SD) zugetraut.

Und schließlich: Das verstörendste Beispiel: Niederlande. Thierry Baudet und seine Partei "Forum voor Democratie". In Umfragen liegt sie nur noch knapp hinter Wilders PVV. Baudet, ein rechtsextremer Akademiker-Snob, der Parlamentsreden auf Latein hält und statt politischer Statements auch mal ein Stück Klassik auf dem Klavier vorträgt, träumt von einem Europa, das wieder von "der weißen Rasse" geprägt ist.

Schon lange in diese Richtung läuft die ungarische rechtsextreme Partei "Jobbik". Ihre Gründung verlief im und fast die gesamte Parteiführung kommt aus dem studentisch-akademischen Millieu. Allesamt sind es studierte und zum Teil promovierte Leute.

In Frankreich findet im rechten Lager nach dem Sieg von Macron eine Polarisierung statt. Marine Le Pen will sich komplett von ihrem Vater trennen, den Front National umbenennen und rein äußerlich entschärfen und "verbürgerlichen". Ihre abgetauchte Nichte Marion Maréchal Le Pen hat sich dagegen wiedergemeldet und bildet das junge Gesicht der ca. 83 Prozent FN-ler, die sich Marion in der Führung wünschen.

Die wichtigste Frage für mich: Findet hier eine Spaltung und damit Schwächung der europäischen Rechten statt? In ein sozusagen bürgerlich-akzeptables lager einerseits und in ein offen rechtsextremes Lager andererseits? Oder vielleicht nicht sogar eher eine Art Verdopplung. Indem zu solchen gemäßigt rechten und schon länger erfolgreichen Parteien wie FPÖ oder den skandinavischen Rechten nun sozusagen additiv eben noch extreme Rechte hinzukommen.

Und dann: Wie muss sich die Strategie der Entgegnung ändern. In den Köpfen vieler Linker - glaube ich zumindest - sind Rechtsextreme typischerweise angetrunkene Nazigröhler und nicht akademisch gebildete Personen. Dieses einseitige Bild wird sich nicht halten lassen.


Spannendes Thema. Wobei die letzten Sätze natürlich so nicht zutreffen. Da würdest du die Linken ja auch pauschal für blöd erklären. Was ich mir eigentlich nicht vorstellen kann, dass du das tust. Ich hatte im Übrigen im Zusammenhang mit diversen Internet-Plattformen schon mal von "Rechtsintellektuellen" gesprochen. Eigentlich ist der Begriff ja eine Art Oxymoron, also jetzt mal ironisch gemeint. Aber je länger dieser unsägliche Rechtsruck anhält und je mehr man erfährt davon, desto deutlicher wird: Nein, selbstverständlich gibt es Rechtsintellektuelle. Gerade diese Burschenschaften, unter ihnen sehr kluge stramm deutsche Bürschel, nationalistisch und fremdenfeindlich bis zur Halskrause. Oder diese "Denkfabrik" des Herrn Kubitschek. Und zur Frage von dir: Auf mich wirkt das eher wie eine Verdoppelung des rechten Potenzials und nicht als Aufspaltung.
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Re: Die neue Rechte in Europa: Jünger, gebildeter, smarter, rassistischer, extremer.

Beitragvon Selina » Do 29. Mär 2018, 18:20

schokoschendrezki hat geschrieben:(29 Mar 2018, 10:50)

Ja. Gut. Ich nehme das zur Kenntnis. Es ist vermutlich aber so, dass ganz grundsätzlich niemand eine politische Partei oder sonst irgendeine Gruppierung aufbauen kann ohne ein Mindestmaß an Organisiertheit und Intellekt. Zu den aufgezählten Personen gehören ja auch die jeweiligen Zielgruppen, die sie ansprechen.

Es gibt ja das historische Beispiel Röhm-Putsch. Wenn ich es richtig einordne, setzte sich dort eine sich eher elitär verstehende Ideologie gegen einen gewissermaßen volkstümlichen Nationalismus durch. Sosehr sich auch die historischen Situationen unterscheiden: Erleben wir gegenwärtig so etwas in dieser Art? Dass einerseits der gemeine "Naziproll" plötzlich selbst zu den Ausgegrenzten gehört und dass selbst extremste rassistische Anschauungen verbürgerlicht und akademisiert in die Mainstream-Gesellschaft einsickern?


Sorry, dass ich mich einmische. Ob der "Naziproll" plötzlich selbst zu den Ausgegrenzten gehört, weiß ich nicht. Der zweite Teil des Satzes ist aber eindeutig mit ja zu beantworten: Extremste rassistische Anschauungen werden verbürgerlicht und akademisiert. Das kann man nicht besser formulieren.
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Re: Die neue Rechte in Europa: Jünger, gebildeter, smarter, rassistischer, extremer.

Beitragvon Selina » Do 29. Mär 2018, 18:29

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(29 Mar 2018, 16:41)

...im Vergleich zu glattgeschliffenen Anzugträgern, die auch mal ohne zu stottern zu Jauch und co gehen können.


Diese Typen sind mir fast noch unheimlicher als die direkt an Äußerlichkeiten erkennbaren. Die Glattgeschliffenen werden es auch sein, die den neuen Faschismus salonfähig machen, unterstützt von ihren künftigen konservativen Partnern und von einigen Fernsehmoderatoren.
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Re: Die neue Rechte in Europa: Jünger, gebildeter, smarter, rassistischer, extremer.

Beitragvon Selina » Sa 31. Mär 2018, 15:16

H2O hat geschrieben:(26 Mar 2018, 12:42)

Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren... dieser böse Spruch sagt doch schon, daß an akademischer Bildung auch in Nazikreisen kein Mangel herrschte. "Rechts" heißt meiner Beobachtung zu Folge die Herrschaft einer sich selbst ermächtigenden Elite, die auf pöbelnde Strolche herab blickt, sie aber als Werkzeuge zur Erhaltung ihrer Macht erträgt.

Mir scheint, daß eine erstarrte Demokratie mit ihren Parteien mit Politikerlaufbahnen von der Kabbelgruppe über die Jugendorganisation bis in die zu vergebenden Staatsämter über sichere Listenplätze irgendwann solche selbsternannte Eliten hervorbringt. Politik als von Anfang an geplanter Beruf, am liebsten mit akademischem Titel... von und zu Guttenberg zur Erinnerung. Für den Normalverbraucher sind die praktisch schon immer da gewesen. Stellen Sie sich den derzeitigen Jusovorsitzenden in 10 Jahren vor. Die erscheinen dann genau so "selbsternannt" wie die Kräfte, die sich in "rechten" Parteien tummeln.

Einstweilen stehen sie im Wettbewerb um die Wählergunst zur Wahl; das muß nicht so bleiben. Sichere Listenplätze auf Wahlzetteln schränken schon den Zugang zu politischen Ämtern ein... und in einer ferneren Zukunft ernennt die Parteiführung die Inhaber politischer Ämter ohne Mitwirkung des Wählers.


Du meinst also, rechte nationalistische Gruppierungen und Parteien, wie sie schokoschendrezki oben beschreibt, entstünden in erster Linie deshalb, weil die "Demokratie erstarrt" sei? Wie sieht es mit der Verantwortung eines jeden Einzelnen aus, solches Denken sehr kritisch zu bewerten und auch deutlich beim Namen zu nennen? Oder ist das quasi ein Automatismus, dass sich Rechtsintellektuelle und rechtsnationales Fußvolk in Europa immer breiter machen? Wo siehst du Ursachen? Was kann man dagegen tun?
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Re: Die neue Rechte in Europa: Jünger, gebildeter, smarter, rassistischer, extremer.

Beitragvon King Kong 2006 » Sa 31. Mär 2018, 15:30

Auch, wenn sich - so der Anschein - immer mehr Frauen, wie Männer dem Thema "Rechtssein" intellektuell annähern, bleibt es auch dort letztendlich eine gefühlte Sehnsucht. Sie wird nicht so Dumpf wie mit Slogans "Ausländer raus" und "die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze" weg vom "platten Stammtisch" artikuliert, sondern mit politischen Begriffen wie "Globalisierung" u.ä. geführt, aber letztendlich sind es doch gefühlte Werte wie Sicherheit, Routine und Nostalgie. Viele Sorgen, Defizite und Gründe sind durchaus nachvollziehbar. Nicht jeder Rechte ist ein Unmensch. Die Extremisten und Radikalen sind natürlich ein Fall für sich. Und wenn Krisen und Konflikte in der Wahrnehmung ausufern. Nicht unschuldig daran ist aber auch die Parteienlandschaft und manchmal vielleicht eine Art Konsens auf anderen Ebenen, die gerade mit dem suboptimalen Umgang mit diesen Themen, die bewegen, gerade den politischen Flanken, hier den Rechten diese Bühne überlassen.
Wenn man zuviel weiß, wird es immer schwieriger, einfache Entscheidungen zu treffen.
Wissen stellt eine Barriere dar, die einen daran hindert, etwas in Erfahrung zu bringen.
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Re: Die neue Rechte in Europa: Jünger, gebildeter, smarter, rassistischer, extremer.

Beitragvon H2O » Sa 31. Mär 2018, 15:54

Selina hat geschrieben:(31 Mar 2018, 16:16)

Du meinst also, rechte nationalistische Gruppierungen und Parteien, wie sie schokoschendrezki oben beschreibt, entstünden in erster Linie deshalb, weil die "Demokratie erstarrt" sei? Wie sieht es mit der Verantwortung eines jeden Einzelnen aus, solches Denken sehr kritisch zu bewerten und auch deutlich beim Namen zu nennen? Oder ist das quasi ein Automatismus, dass sich Rechtsintellektuelle und rechtsnationales Fußvolk in Europa immer breiter machen? Wo siehst du Ursachen? Was kann man dagegen tun?


Wenn wir uns einig sind, daß selbsternannte Eliten diese "Intellektuellen" stellen, dann sind wir schon einen ganzen Schritt weiter. Die Entwicklung in Parteien sehe ich schon seit Jahrzehnten mit Sorge. Sie fördert den redegewandten Aufsteiger, dessen Fähigkeiten auf dem gewerblichen Arbeitsmarkt nicht gesucht werden. Dann bleibt nur die Politik und alles, was darum herum davon abhängig ist.

Deshalb, so meine Vermutung, waren die Neuanfänge nach dem 2. Weltkrieg und nach der Wiedervereinigung Glücksfälle, die eine ganze Reihe Seiteneinsteiger zum politischen Handeln bewegt haben.

Wir Wähler haben es oft in der Hand, aus dem Angebot der Bewerber darauf zu achten, was die Bewerber denn an ehrenwerten Tätigkeiten getan und auf ihrem Gebiet erreicht haben, bevor sie meinten, sich gemeinnützig politisch betätigen zu sollen. Wo das möglich ist, die Zustimmung so vergeben. Ganz lupenrein ist das nicht zu machen.

In Bremen hatte man das Wahlrecht nach Volksbegehren geändert, so daß der Wähler mit insgesamt 5 Stimmen spezielle Bewerber ankreuzen konnte, also an der "Parteiliste" vorbei seinen Bewerber wählen konnte... sogar quer über Parteien hinweg. Das führte zu einer hohen Zahl ungültiger Stimmen, weil etliche Wähler nicht bis 5 zählen konnten. Und das veranlaßte die Parteien, ohne Volksbegehren dieses Wahlrecht wieder zurück zu drehen. :( Ich sehe aber im Großen wie im Kleinen nur diese Möglichkeit, die Erstarrung durch sichere Listenplätze (Seilschaften, Berufspolitiker) allmählich auf zu weichen.

Wir müssen uns schon darauf verlassen, daß unsere Mitbürger vernünftig entscheiden. Gesteht man ihnen diese Möglichkeit zu, dann wird das auch.
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Selina
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Re: Die neue Rechte in Europa: Jünger, gebildeter, smarter, rassistischer, extremer.

Beitragvon Selina » Sa 31. Mär 2018, 16:17

H2O hat geschrieben:(31 Mar 2018, 16:54)

Wenn wir uns einig sind, daß selbsternannte Eliten diese "Intellektuellen" stellen, dann sind wir schon einen ganzen Schritt weiter. Die Entwicklung in Parteien sehe ich schon seit Jahrzehnten mit Sorge. Sie fördert den redegewandten Aufsteiger, dessen Fähigkeiten auf dem gewerblichen Arbeitsmarkt nicht gesucht werden. Dann bleibt nur die Politik und alles, was darum herum davon abhängig ist.

Deshalb, so meine Vermutung, waren die Neuanfänge nach dem 2. Weltkrieg und nach der Wiedervereinigung Glücksfälle, die eine ganze Reihe Seiteneinsteiger zum politischen Handeln bewegt haben.

Wir Wähler haben es oft in der Hand, aus dem Angebot der Bewerber darauf zu achten, was die Bewerber denn an ehrenwerten Tätigkeiten getan und auf ihrem Gebiet erreicht haben, bevor sie meinten, sich gemeinnützig politisch betätigen zu sollen. Wo das möglich ist, die Zustimmung so vergeben. Ganz lupenrein ist das nicht zu machen.

In Bremen hatte man das Wahlrecht nach Volksbegehren geändert, so daß der Wähler mit insgesamt 5 Stimmen spezielle Bewerber ankreuzen konnte, also an der "Parteiliste" vorbei seinen Bewerber wählen konnte... sogar quer über Parteien hinweg. Das führte zu einer hohen Zahl ungültiger Stimmen, weil etliche Wähler nicht bis 5 zählen konnten. Und das veranlaßte die Parteien, ohne Volksbegehren dieses Wahlrecht wieder zurück zu drehen. :( Ich sehe aber im Großen wie im Kleinen nur diese Möglichkeit, die Erstarrung durch sichere Listenplätze (Seilschaften, Berufspolitiker) allmählich auf zu weichen.

Wir müssen uns schon darauf verlassen, daß unsere Mitbürger vernünftig entscheiden. Gesteht man ihnen diese Möglichkeit zu, dann wird das auch.


Danke für die ausführliche Antwort. Wobei ich nicht so sehr die "erstarrte Politik" meinte, sondern eher die Tatsache, dass es heute möglich ist, dass rechte Nationalisten so einen Einfluss gewinnen können. Wie konnte zum Beispiel so etwas wie die AfD bis in den Bundestag vordringen und damit in viele wichtige Gremien? Wo doch jeder weiß, dass es in dieser Partei auch Rechtsradikale gibt. Ich meine das eher politisch, nicht so sehr wahlrechtlich. Meine Frage zielt eher in die Richtung: Was tut die gesellschaftliche Mitte, damit der rechtsnationale Ungeist nicht noch mehr um sich greifen kann? Wo sind die Stimmen der Mitte?
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