Parlamentswahlen in Italien 2018

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Re: Parlamentswahlen in Italien 2018

Beitragvon Orbiter1 » Mi 23. Mai 2018, 18:57

Senexx hat geschrieben:(23 May 2018, 19:44)

Er sei der Anwalt Italiens, aber er bestätige die europäische Ausrichtung des Landes.
Selbst wenn es stimmen sollte, die Meinung von Conte zu Europa ist vollkommen bedeutungslos.
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Re: Parlamentswahlen in Italien 2018

Beitragvon H2O » Do 24. Mai 2018, 06:48

Sollte man die neue Regierung nicht erst einmal handeln lassen? Erwartungsgemäß wird sie alle wirtschaftlichen Ratschläge in den Wind schlagen; Warnungen hat es genug gegeben. Da würde ich jetzt eine wohlüberlegte und sehr entschiedene Gegenwehr der übrigen Wirtschaftspartner erwarten.
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Re: Parlamentswahlen in Italien 2018

Beitragvon Orbiter1 » Do 24. Mai 2018, 07:28

H2O hat geschrieben:(24 May 2018, 07:48)

Sollte man die neue Regierung nicht erst einmal handeln lassen? Erwartungsgemäß wird sie alle wirtschaftlichen Ratschläge in den Wind schlagen; Warnungen hat es genug gegeben. Da würde ich jetzt eine wohlüberlegte und sehr entschiedene Gegenwehr der übrigen Wirtschaftspartner erwarten.
Da sollte man sich keinen Illusionen hingeben. Die Italiener haben bei den letzten Parlamentswahlen klar gemacht dass sie nicht bereit sind so weiterzumachen wie bisher. Was auch klar ist. Sie sind nicht bereit Reformen durchzuführen. Im Gegenteil, selbst kleinste Reformen sollen zurückgedreht werden. Im Grunde genommen gibt es drei Ansätze das Problem zu lösen.

1. Italien führt Reformen durch - Hat sich erledigt
2. Aus der Eurozone wird eine gigantische Transferunion - Das werden die Deutschen und einige andere Länder niemals akzeptieren
3. Italien scheidet aus der Eurozone aus - Nach meiner Überzeugung ist das auch klares Ziel der neuen italienischen Regierung und es wird auch darauf hinauslaufen

Jetzt geht es nur darum wie man Italien, ohne größere Schäden zu verursachen (gemeint sind Schäden in allen Ländern der Eurozone) aus dem Euro rausbekommt. Ich fürchte da wird man nicht zu einen Konsens kommen. Es kommen spannende Zeiten auf uns zu. Jetzt aber erstmal ein paar Wochen/Monate Vorgeplänkel mit verbalem Schlagabtausch.
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Re: Parlamentswahlen in Italien 2018

Beitragvon Alexyessin » Do 24. Mai 2018, 07:33

Orbiter1 hat geschrieben:(24 May 2018, 08:28)

Da sollte man sich keinen Illusionen hingeben. Die Italiener haben bei den letzten Parlamentswahlen klar gemacht dass sie nicht bereit sind so weiterzumachen wie bisher. Was auch klar ist. Sie sind nicht bereit Reformen durchzuführen. Im Gegenteil, selbst kleinste Reformen sollen zurückgedreht werden. Im Grunde genommen gibt es drei Ansätze das Problem zu lösen.

1. Italien führt Reformen durch - Hat sich erledigt
2. Aus der Eurozone wird eine gigantische Transferunion - Das werden die Deutschen und einige andere Länder niemals akzeptieren
3. Italien scheidet aus der Eurozone aus - Nach meiner Überzeugung ist das auch klares Ziel der neuen italienischen Regierung und es wird auch darauf hinauslaufen

Jetzt geht es nur darum wie man Italien, ohne größere Schäden zu verursachen (gemeint sind Schäden in allen Ländern der Eurozone) aus dem Euro rausbekommt. Ich fürchte da wird man nicht zu einen Konsens kommen. Es kommen spannende Zeiten auf uns zu. Jetzt aber erstmal ein paar Wochen/Monate Vorgeplänkel mit verbalem Schlagabtausch.


Oder es geht dieser Regierung wie den meisten ihrer Vorgängerregierungen und wir haben in einem Jahr wieder Wahlen.
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Re: Parlamentswahlen in Italien 2018

Beitragvon Senexx » Do 24. Mai 2018, 07:39

Conte musste 2 Stunden bei Matterella vorsprechen. Der dürfte zur Bedingung gemacht haben, dass er einen Pro-Europa-Kurs fährt. Wenn nicht dürfte er ihn gleich wieder davon jagen.

Der Spread für italienische Staatsanleihen kletterte gestern auf 200 Punkte. Die Börse in Mailand ist in Alarm-Stimmung.
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Re: Parlamentswahlen in Italien 2018

Beitragvon H2O » Do 24. Mai 2018, 07:42

Na klar, mit 1. kann man gar nicht rechnen, mit 2. sicher auch nicht. Dann bliebe 3. in ihrer Liste.

Ein Ausstieg aus dem Euro ist aber gar nicht möglich ohne einen Ausstieg aus der EU. Denn der Euro ist laut EU-Vertrag die Gemeinschaftswährung. Draußen bleiben, das ging bisher, weil die Bedingungen für die Einführung des Euros vorliegen sollen. Aber 'raus gehen, das hieße ja, den EU-Vertrag nicht mehr einhalten zu wollen. Die Italiener stehen also vor sehr weit gehenden Entscheidungen, für die sie dann auch voll verantwortlich sind... und das ist doch genau das, was sie nicht wollen: Verantwortung übernehmen und dann auch dazu stehen.

Das Thema ist vor Jahren im Fall Griechenland schon einmal umrundet worden. Das war letztlich ein wesentlicher Grund, in Griechenland den Euro weiter bei zu behalten und weiter "Kredite" zu gewähren.

Wir sollten uns seelisch auf Neuwahlen in Italien einstellen.
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Re: Parlamentswahlen in Italien 2018

Beitragvon Orbiter1 » Do 24. Mai 2018, 08:26

H2O hat geschrieben:(24 May 2018, 08:42)

Na klar, mit 1. kann man gar nicht rechnen, mit 2. sicher auch nicht. Dann bliebe 3. in ihrer Liste.

Ein Ausstieg aus dem Euro ist aber gar nicht möglich ohne einen Ausstieg aus der EU. Denn der Euro ist laut EU-Vertrag die Gemeinschaftswährung. Draußen bleiben, das ging bisher, weil die Bedingungen für die Einführung des Euros vorliegen sollen. Aber 'raus gehen, das hieße ja, den EU-Vertrag nicht mehr einhalten zu wollen.
Ein faktischer Austritt aus der Eurozone wäre auch die Einführung einer Parallelwährung, formell könnte Italien mit dieser Vorgehensweise aber trotzdem Teil der EU bleiben. Mit Euro kann ja nach wie vor bezahlt werden.
Die Italiener stehen also vor sehr weit gehenden Entscheidungen, für die sie dann auch voll verantwortlich sind... und das ist doch genau das, was sie nicht wollen: Verantwortung übernehmen und dann auch dazu stehen.
Zumindest in diesem Punkt herrscht aus Sicht der neuen italienischen Regierung Klarheit, und das wird auch in aller Deutlichkeit so kommuniziert werden. Schuld an der MIsere waren, sind und werden auch in Zukunft die EU, Deutschland und die sonst üblichen Verdächtigen sein.
Wir sollten uns seelisch auf Neuwahlen in Italien einstellen.
An die glaube ich frühestens in 1 Jahr. Da kann das Thema schon durch sein.
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Re: Parlamentswahlen in Italien 2018

Beitragvon Emin » Do 24. Mai 2018, 09:17

Orbiter1 hat geschrieben:(24 May 2018, 08:28)

Da sollte man sich keinen Illusionen hingeben. Die Italiener haben bei den letzten Parlamentswahlen klar gemacht dass sie nicht bereit sind so weiterzumachen wie bisher. Was auch klar ist. Sie sind nicht bereit Reformen durchzuführen. Im Gegenteil, selbst kleinste Reformen sollen zurückgedreht werden. Im Grunde genommen gibt es drei Ansätze das Problem zu lösen.

1. Italien führt Reformen durch - Hat sich erledigt
2. Aus der Eurozone wird eine gigantische Transferunion - Das werden die Deutschen und einige andere Länder niemals akzeptieren
3. Italien scheidet aus der Eurozone aus - Nach meiner Überzeugung ist das auch klares Ziel der neuen italienischen Regierung und es wird auch darauf hinauslaufen

Jetzt geht es nur darum wie man Italien, ohne größere Schäden zu verursachen (gemeint sind Schäden in allen Ländern der Eurozone) aus dem Euro rausbekommt. Ich fürchte da wird man nicht zu einen Konsens kommen. Es kommen spannende Zeiten auf uns zu. Jetzt aber erstmal ein paar Wochen/Monate Vorgeplänkel mit verbalem Schlagabtausch.


Diese Regierung ist so labil, wie sie nur sein kann. Dass man sich einen absoluten Niemand aus dem Hut gezaubert hat, der jetzt die Regierung leiten soll spricht doch schon Bände darüber. Das ist so als würde Die Linke und die AfD in Deutschland koalieren. Da sind die Unterschiede letztlich deutlich größer, als die Gemeinsamkeiten, deswegen wird diese Regierung kaum von Bestand sein.

Im Übrigen möchte die 5-Sterne-Bewegung nicht unbedingt aus dem Euro. In dieser Hinsicht ist eher Salvini der gefährliche, der genau genommen den kompletten EU-Exit fordert.

Ich glaube eher, man wird in geraumer Zeit eine Neuwahl erleben, in der Di Maio als eindeutiger Premier hinausgeht. Und dann wird es das gleiche wie bei Tsipras geben.
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Re: Parlamentswahlen in Italien 2018

Beitragvon H2O » Do 24. Mai 2018, 09:37

Orbiter1 hat geschrieben:(24 May 2018, 09:26)
...
Ein faktischer Austritt aus der Eurozone wäre auch die Einführung einer Parallelwährung, formell könnte Italien mit dieser Vorgehensweise aber trotzdem Teil der EU bleiben. Mit Euro kann ja nach wie vor bezahlt werden.

Als Laie in Vertragsdingen kommt mir dieser Winkelzug aber sehr herbei gezwungen
vor. Mit dem Vorschlag einer Parallelwährung sind die Leute vor einigen Jahren doch schon einmal abgeblitzt. Aber ich traue der EU zu, daß sie das um des lieben Friedens willen durchgehen läßt.

Eine Transferunion ohne politischen Überbau kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Da halten wohl sämtliche Nettozahler den Daumen drauf.
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Re: Parlamentswahlen in Italien 2018

Beitragvon Orbiter1 » Do 24. Mai 2018, 09:51

H2O hat geschrieben:(24 May 2018, 10:37)

Als Laie in Vertragsdingen kommt mir dieser Winkelzug aber sehr herbei gezwungen vor. Mit dem Vorschlag einer Parallelwährung sind die Leute vor einigen Jahren doch schon einmal abgeblitzt. Aber ich traue der EU zu, daß sie das um des lieben Friedens willen durchgehen läßt.
Die Frage ist ob die Beibehaltung der EU-Mitgliedschaft überhaupt nötig ist. Ich habe ja meine Zweifel an der Eurobarometer-Umfrage des EU-Parlaments, aber dort taucht Italien bei der Frage "Ist die EU-Mitgliedschaft insgesamt eine gute Sache für unser Land" mit 39% Zustimmung an drittletzter Stelle auf. Soll heißen, die Italiener hängen nicht an der EU. Wenn sie draußen sind geht die Welt aus ihrer Sicht auch nicht unter. Die Brexit-Briten liegen hier übrigens bei 47% Zustimmung.

Interessant wird auch sein wie sich die EZB positioniert. Die agiert ja unabhängig von der Politik und hat das erklärte Ziel die Eurozone zu erhalten. Wenn sie z. B. die Anleiheankäufe auslaufen lässt (aktuell hat sie bereits italienische Staatsanleihen im Wert von 250 Mrd. € in ihrem Depot) wird die neue italienische Regierung ausrasten. Wenn sie die Anleiheankäufe fortführt werden etliche Mitglieder der Eurozone ausrasten. Wie auch immer. Es stehen Zeiten ins Haus da wird sich das ganze EU- und Euro-Vertragswerk mal wieder als wertloses Papier erweisen. Ist ja immer so wenn der Ernstfall eintritt.
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Re: Parlamentswahlen in Italien 2018

Beitragvon Orbiter1 » Do 24. Mai 2018, 14:04

"Lega-Parteichef Matteo Salvini schlägt den Wirtschaftswissenschaftler Paolo Savona als Finanzminister vor. Der Euro-Kritiker könne auf Augenhöhe mit Deutschland und Frankreich verhandeln."

Geht schon los. Eigentlich schlägt der vom Staatspräsidenten für die Regierungsbildung beauftragte Ministerpräsident, seit gestern Hr. Conte, die Minister vor und nicht die Parteivorsitzenden. Und ob Savona ("der Euro ist ein deutsches Gefängnis") von Mattarella akzeptiert wird ist zweifelhaft.
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Re: Parlamentswahlen in Italien 2018

Beitragvon Emin » Do 24. Mai 2018, 22:27

Orbiter1 hat geschrieben:(24 May 2018, 15:04)

"Lega-Parteichef Matteo Salvini schlägt den Wirtschaftswissenschaftler Paolo Savona als Finanzminister vor. Der Euro-Kritiker könne auf Augenhöhe mit Deutschland und Frankreich verhandeln."

Geht schon los. Eigentlich schlägt der vom Staatspräsidenten für die Regierungsbildung beauftragte Ministerpräsident, seit gestern Hr. Conte, die Minister vor und nicht die Parteivorsitzenden. Und ob Savona ("der Euro ist ein deutsches Gefängnis") von Mattarella akzeptiert wird ist zweifelhaft.


Dieser sog. Euro-Kritiker sagt das, was auch viele andere sagen, dass der Euro nur funktionieren kann, wenn es zur Währungsunion auch eine Fiskalunion geben wird. Die wahre Frage ist, ob Deutschland diesen Schritt endlich mitgehen wird, denn was anderes fordert Macron im Endeffekt auch nicht. Es wäre sogar besser, wenn Deutschland den Euro verlässt, und die anderen Staaten eine politische Union gründen, bevor Deutschland im Euro bleibt und die Gründung blockiert.
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Re: Parlamentswahlen in Italien 2018

Beitragvon Wähler » Fr 25. Mai 2018, 05:21

Emin hat geschrieben:(24 May 2018, 23:27)
Dieser sog. Euro-Kritiker sagt das, was auch viele andere sagen, dass der Euro nur funktionieren kann, wenn es zur Währungsunion auch eine Fiskalunion geben wird. Die wahre Frage ist, ob Deutschland diesen Schritt endlich mitgehen wird, denn was anderes fordert Macron im Endeffekt auch nicht. Es wäre sogar besser, wenn Deutschland den Euro verlässt, und die anderen Staaten eine politische Union gründen, bevor Deutschland im Euro bleibt und die Gründung blockiert.

Deutschland kann auf jeden Fall auf Dauer nicht beides behalten, einen niedrigen Euro für seine Exporte und keine finanzielle Unterstützung eines wirtschaftlich zu asymmetrischen Währungsraumes.
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Re: Parlamentswahlen in Italien 2018

Beitragvon Orbiter1 » Fr 25. Mai 2018, 06:09

Emin hat geschrieben:(24 May 2018, 23:27)

Dieser sog. Euro-Kritiker sagt das, was auch viele andere sagen, dass der Euro nur funktionieren kann, wenn es zur Währungsunion auch eine Fiskalunion geben wird. Die wahre Frage ist, ob Deutschland diesen Schritt endlich mitgehen wird, denn was anderes fordert Macron im Endeffekt auch nicht. Es wäre sogar besser, wenn Deutschland den Euro verlässt, und die anderen Staaten eine politische Union gründen, bevor Deutschland im Euro bleibt und die Gründung blockiert.
Wie soll denn so eine Fiskalunion aussehen? Es gibt jedenfalls in keinem EU-Land eine Mehrheit in der Bevölkerung für die Vereinigten Staaten von Europa. Und soweit mir bekannt auch keinen Regierungschef der das anstrebt. Viktor Orbán hat die Vereinigten Staaten von Europa vor 2 Wochen in einer Rede vor dem EU-Parlament als „Albtraum“ bezeichnet, und da spricht er durchaus für die anderen Osteuropäer. Wer möchte denn konkret die politische Union oder die Fiskalunion, falls damit was anderes als die Vereinigten Staaten von Europa gemeint ist?
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Re: Parlamentswahlen in Italien 2018

Beitragvon H2O » Fr 25. Mai 2018, 06:36

Orbiter1 hat geschrieben:(25 May 2018, 07:09)

Wie soll denn so eine Fiskalunion aussehen? Es gibt jedenfalls in keinem EU-Land eine Mehrheit in der Bevölkerung für die Vereinigten Staaten von Europa. Und soweit mir bekannt auch keinen Regierungschef der das anstrebt. Viktor Orbán hat die Vereinigten Staaten von Europa vor 2 Wochen in einer Rede vor dem EU-Parlament als „Albtraum“ bezeichnet, und da spricht er durchaus für die anderen Osteuropäer. Wer möchte denn konkret die politische Union oder die Fiskalunion, falls damit was anderes als die Vereinigten Staaten von Europa gemeint ist?


Na, so holterdipolter geht das mit der Europäischen Föderation sicher nicht. Aber man kann sich vorsichtig dem Ziel nähern. So könnte man den Vorsitzenden der Euro-Gruppe zum Wächter über das Haushaltsgebaren der Euro-Partner ernennen, der bei Bedarf die Finanzminister und Ministerpräsidenten der Euro-Gruppe zusammenrufen kann, um Unregelmäßigkeiten ab zu stellen, notfalls mit Mehrheitsbeschlüssen nach bewährtem Muster... aber im Normalfall durch gütliche Einigung. In der Konstruktion hat jeder Partner noch immer seine Handlungsfreiheit, muß aber auf die Möglichkeit verzichten, den Euro-Partnern zu schaden. Weiterhin könnte die Euro-Gruppe einen Gruppenegoismus zu ihrem Vorteil entfalten, der den bekannten Euroskeptikern zu denken geben könnte.

Mit dem Kopf durch die Wand geht in der Euro-Gruppe eben nicht; gegen sie aber auch nicht ohne erhebliche Schäden für den, der das versucht. Die EU-Kommission ist dazu nicht geeignet, weil die aufgabengemäß den Ausgleich sucht... der aber im Fall "Kopf durch die Wand" zum Schaden derer geht, die sich wohlverhalten.

Wir sollten uns ganz einfach mehr damit befassen, was gehen könnte, als damit, was wohl nicht durchsetzbar sein wird.
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Re: Parlamentswahlen in Italien 2018

Beitragvon H2O » Fr 25. Mai 2018, 06:57

Wähler hat geschrieben:(25 May 2018, 06:21)

Deutschland kann auf jeden Fall auf Dauer nicht beides behalten, einen niedrigen Euro für seine Exporte und keine finanzielle Unterstützung eines wirtschaftlich zu asymmetrischen Währungsraumes.


Was in einem Staat mit gleichberechtigten Bürgern und Wählern wie selbstverständlich erscheint, nämlich ein Finanzausgleich zur Herstellung gleicher Lebensbedingungen, das artet in einem Bund unabhängig entscheidender Staaten zu einer Anarchie aus. Im Nationalstaat bildet der Wähler das Bindeglied zwischen den Gebern und Empfangenden; der Wähler sorgt dafür, daß seine Region besser wird. In einem Staatenbund könnte das Gegenteil eintreten: Der Geber wird von den Empfangenden noch veralbert, und die lachen über den gutmütigen Trottel, der ihnen unentgeltlich einen bequemeren Zugang zu einer Art Gemeinschaftskasse ermöglicht.

Offenbar hat sich im Süden Italiens die Meinung fest eingebrannt, daß der Norden (neuerdings also die Länder nördlich des Brennerpasses,auf Dauer für ihr Versagen auf zu kommen hat. Das Modell hat sich im Nationalstaat Italien seit 150 Jahren entwickelt: Der Mezzogiorno am Tropf erfolgreicher Regionen ab Toskana nordwärts. Die EU muß sehr klar ein solches Ansinnen zurück weisen. Hilfe und Investitionen zur Selbsthilfe ja, regelmäßige Zahlungen nein.
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Re: Parlamentswahlen in Italien 2018

Beitragvon Orbiter1 » Fr 25. Mai 2018, 08:17

H2O hat geschrieben:(25 May 2018, 07:36)

Na, so holterdipolter geht das mit der Europäischen Föderation sicher nicht. Aber man kann sich vorsichtig dem Ziel nähern. So könnte man den Vorsitzenden der Euro-Gruppe zum Wächter über das Haushaltsgebaren der Euro-Partner ernennen, der bei Bedarf die Finanzminister und Ministerpräsidenten der Euro-Gruppe zusammenrufen kann, um Unregelmäßigkeiten ab zu stellen, notfalls mit Mehrheitsbeschlüssen nach bewährtem Muster... aber im Normalfall durch gütliche Einigung. In der Konstruktion hat jeder Partner noch immer seine Handlungsfreiheit, muß aber auf die Möglichkeit verzichten, den Euro-Partnern zu schaden. Weiterhin könnte die Euro-Gruppe einen Gruppenegoismus zu ihrem Vorteil entfalten, der den bekannten Euroskeptikern zu denken geben könnte.
So etwas ähnliches gibt es doch schon seit 6 Jahren. Nennt sich Europäischer Fiskalpakt. https://de.wikipedia.org/wiki/Europ%C3% ... Fiskalpakt Den haben 25 EU-Mitglieder freiwillig beschlossen und ratifiziert. Da verpflichten sich die Mitglieder in ihren Ländern solide zu wirtschaften und zu Strafen, falls sie dagegen verstoßen. Die neue italienische Regierung will vom Fiskalpakt aber nichts mehr wissen.
Wir sollten uns ganz einfach mehr damit befassen, was gehen könnte, als damit, was wohl nicht durchsetzbar sein wird.
Das Kernproblem bei EU und Euro ist die Tatsache dass die Heterogenität der Länder viel zu groß ist um diese überbrücken zu können und Länder in einem Topf geworfen worden sind die von ihrem Wesen und ihrer Mentalität her überhaupt nicht zusammenpassen. In Griechenland sind Korruption und Steuerhinterziehung genauso verbreitet wie vor 30 Jahren. Rumänien wurde vor 20 Jahren, vor der Aufnahme in die EU, wegen Korruption ermahnt. Im Jan diesen Jahres sind tausende Rumänen wegen Korruption ihrer Regierung auf die Straße gegangen. Mentalitäten ändern sich nicht.

Man wird deswegen an einer Neuordnung in Europa nicht vorbeikommen. Da gibt es die Gruppe der West- und Nordeuropäer, die Osteuropäer und die Südeuropäer. Die sind untereinander halbwegs homogen aufgestellt. Dort kann man gemeinsame Regeln und eine gemeinsame Währung nachhaltig durchsetzen. Die Beibehaltung der jetzigen EU und Eurozone oder gar noch ihre Erweiterung mit den Westbalkanländern oder später Richtung Ukraine oder Georgien ist zum Scheitern verurteilt.
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Re: Parlamentswahlen in Italien 2018

Beitragvon H2O » Fr 25. Mai 2018, 09:05

Orbiter1 hat geschrieben:(25 May 2018, 09:17)

...

Man wird deswegen an einer Neuordnung in Europa nicht vorbeikommen. Da gibt es die Gruppe der West- und Nordeuropäer, die Osteuropäer und die Südeuropäer. Die sind untereinander halbwegs homogen aufgestellt. Dort kann man gemeinsame Regeln und eine gemeinsame Währung nachhaltig durchsetzen. Die Beibehaltung der jetzigen EU und Eurozone oder gar noch ihre Erweiterung mit den Westbalkanländern oder später Richtung Ukraine oder Georgien ist zum Scheitern verurteilt.


Den Hintergrund sehe ich genau so wie Sie; aber machen wir einen Ausflug in unsere eigene Gesellschaft ohne Rücksicht auf die neuere Verteilung durch Zuwanderer. Auch unsere Gesellschaft ist nicht gerade einheitlich zwischen Zugspitze und Flensburg. Dennoch funktioniert unser Gemeinwesen so einigermaßen.

Ich meine nach Art der alten Römer (so sehe ich deren Erfolg), daß die strenge Durchsetzung von Recht und Gesetz den Rahmen setzt, in dem sich dieser Sack Flöhe zu bewegen hat. Das muß richtig weh tun, wenn gemeinsam beschlossene Gesetze mutwillig mißachtet werden. Bleibt immer noch die Möglichkeit, den Rahmen zu verlassen und seinen eigenen Weg zu gehen; dann aber auch mit allen Folgen... siehe BREXIT.

Das Konzept müßte schon in der Euro-Gruppe hart durchgesetzt werden. Bei Erfolg dieses Vorgehens könnte man die Kommission ermächtigen, sich in gleicher Weise unbeirrt dort durch zu setzen, wo seit Beginn der Mitgliedschaft versprochene Änderungen... im wesentlichen das Thema Korruption... nicht eingeführt wurden.

Geduld und Milde sind vernünftig, wenn die Geschäfte so halbwegs laufen; wenn man aber sieht, wie dieser Riesentanker EU auf die Klippen zusteuert, dann helfen nur sehr harte Eingriffe, um den Untergang zu verhindern.
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Re: Parlamentswahlen in Italien 2018

Beitragvon Senexx » Fr 25. Mai 2018, 17:11

Pferderennen statt Regierungsbildung

In Rom zieht es sich. Der Staatspräsident hat einen Termin mit Conte zur Vorlage der Ministerliste für heute gestrichen und geht zum Pferderennen. Conte hat den Chef der Banca d'Italia getroffen und sich mit ihm über den Zustand der Wirtschaft ausgetauscht. Die Zentralbank will nächste Woche ihren Bericht vorlegen.

Conte trifft sich mit Di Maio und Salvini, um sich zu beratschlagen.

Der Staatspräsident leistet Widerstand gegen Savona, weil dieser nicht die feste Verankerung in der EU garantiere.

Bankaktion in Mailand rauschen in den Keller, der "Spread" weitet sich stündlich aus, derzeit bei 217.

Und Macron kann es kaum erwarten "mit Conte zusammenzuarbeiten". Zielrichtung klar: Die dummen Deutschen sollen zahlen.
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Re: Parlamentswahlen in Italien 2018

Beitragvon H2O » Fr 25. Mai 2018, 22:30

Die klugen Deutschen zahlen nur dann, wenn damit die EU in Richtung einer echten Föderation weiterentwickelt wird.

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