Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

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Edmund
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Re: Die "neue" EU? Chance in der Krise?

Beitragvon Edmund » Mi 8. Mär 2017, 13:11

H2O hat geschrieben:(08 Mar 2017, 08:33)
Was der Teilnehmer Edmund sich vorstellt, das ist doch eine Ansammlung unabhängiger Nationalstaaten ohne gemeinsame Grundsätze, auf dem geographischen Europa angesiedelt, ansonsten im Grunde nach dem Muster der NATO angelegt, nun aber mit Rußland als Hauptverbündetem.


Ich stelle mir ein Verteidigungs- und Friedensbündnis der freien, souveränen und unabhängigen Nationalstaaten in Europa vor. Der gemeinsame Grundsatz wäre der Schutz und die Wahrung unseres christlich-abendländischen Kontinents.

Was soll denn an der aktuellen EU noch "europäisch" sein? Rußland wird ausgeschlossen und bekämpft und Großbritannien wird rausgeekelt. Dafür strebt man mittelfristig einen Beitritt der islamisch-asiatischen Türkei an. Das ist weder "europäisch" noch ein "Friedensprojekt".

Und von welchen "Werten" ist denn immer die Rede? Der einzige Wert der EU ist doch das Geld. Die Mitgliedschaft vieler osteuropäischen EU-Staaten wird nur mit Geld erkauft. Griechenland hängt auch finanziell am Tropf der EU. Irgendwelche ideellen Werte sind wohl kaum das, was diese aktuelle EU noch zusammenhält.

Und welche "Werte" verbinden uns mit den außereuropäischen NATO-Partnern Türkei und USA? Folterlager? Völkerrechtswidrige Angriffskriege? Völkerrechtswidrige Drohnenangriffe in aller Welt?
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Re: Die "neue" EU? Chance in der Krise?

Beitragvon H2O » Mi 8. Mär 2017, 13:21

Ger9374 hat geschrieben:(08 Mar 2017, 08:52)

Mit


Wir haben eine Atommacht in Europa, in Zusammenarbeit mit Frankreich würde durchaus
ein Abschreckungspotenzial entstehen können.
Die Kosten zur Modernisierung und erhalt und Ausbau sollten teilbar sein. Wenn Frankreich
die Hand am Roten Knopf behält wäre auch die Diskussion bis ein Militärisches Kommando auf E.U Ebene existiert geklärt. Ein Deutsches vortasten als Freund der Franzosen wünschenswert. Alles was Aggressoren und Potentaten abschreckt ist zu prüfen. Die Nato
wird das als Beitrag der Europäer begrüßen .


Ihren Vorschlag sehe ich als Bestandteil des 2. Schritts einer europäischen Anstrengung zur Selbstverteidigung. Der erste Schritt besteht aus meiner Sicht darin, den eigenverantworteten Teil dieser Anstrengung an zu liefern. Jeder soll erst einmal seine Hausaufgaben abarbeiten. Daß die Bundeswehr bei 80 Mio Mitbürgern noch nicht einmal 300.000 aktive Soldaten unterhält und die wenigen Soldaten immer noch unzulänglich ausgerüstet sind, das ist nach 4 Jahren Krieg in der Ukraine ein bodenloser Leichtsinn. Schweden hat die Zeichen der Zeit erkannt, und das Land rüstet zielgerichtet auf.
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Re: Die "neue" EU? Chance in der Krise?

Beitragvon H2O » Mi 8. Mär 2017, 13:37

Edmund hat geschrieben:(08 Mar 2017, 13:11)

Ich stelle mir ein Verteidigungs- und Friedensbündnis der freien, souveränen und unabhängigen Nationalstaaten in Europa vor. Der gemeinsame Grundsatz wäre der Schutz und die Wahrung unseres christlich-abendländischen Kontinents.

Was soll denn an der aktuellen EU noch "europäisch" sein? Rußland wird ausgeschlossen und bekämpft und Großbritannien wird rausgeekelt. Dafür strebt man mittelfristig einen Beitritt der islamisch-asiatischen Türkei an. Das ist weder "europäisch" noch ein "Friedensprojekt".

Und von welchen "Werten" ist denn immer die Rede? Der einzige Wert der EU ist doch das Geld. Die Mitgliedschaft vieler osteuropäischen EU-Staaten wird nur mit Geld erkauft. Griechenland hängt auch finanziell am Tropf der EU. Irgendwelche ideellen Werte sind wohl kaum das, was diese aktuelle EU noch zusammenhält.

Und welche "Werte" verbinden uns mit den außereuropäischen NATO-Partnern Türkei und USA? Folterlager? Völkerrechtswidrige Angriffskriege? Völkerrechtswidrige Drohnenangriffe in aller Welt?

Zum Teil trifft Ihre Kritik den Zustand der EU. Das hat diese EU aber auch erkannt, und deshalb wird sie sich neu aufstellen (müssen). Ich bin davon überzeugt, daß wir in einem ersten Näherungsschritt auf ein Kerneuropa mit gemeinsamen Wertevorstellungen zu steuern. Die übrigen Partner haben die Möglichkeit, ihre Wertevorstellungen an diesen Kern an zu passen und in ihm auf zu gehen, oder sie bleiben locker verbunden in einer Freihandelszone, in der auch der Kern der EU als ein Mitglied unter vielen wirkt. Das muß man dann nicht mehr so genau nehmen.
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Re: Die "neue" EU? Chance in der Krise?

Beitragvon Wähler » Mi 8. Mär 2017, 14:08

http://www.sueddeutsche.de/politik/euro ... -1.3408914
SZ 7. März 2017 Ein Europa der zwei Geschwindigkeiten
Merkel ist den Beweis schuldig geblieben, dass die Währungsunion, das Paradeprojekt eines Europas verschiedener Geschwindigkeiten, funktioniert. Nun will sie es bei anderen Themen versuchen: Migration, Sicherheit, Verteidigung. Hollande nennt noch die Steuerpolitik. Doch dabei stößt die EU auf dasselbe Problem wie beim Euro: Der Plan ist groß, aber am Ende scheitert seine Umsetzung an nationalen Interessen, die auch in Berlin über europäische Interessen gestellt werden.

Macht das Szenario zwei Geschwindigkeiten Sinn, wenn es sich nur auf eine gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik konzentriert? Müsste die kritische Masse für eine Kernunion nicht größer sein und dürfte sie nicht erst beim Überschreiten einer gewissen thematischen Vielfalt in Angriff genommen werden?
siehe auch:
http://www.euractiv.de/section/europako ... digkeiten/
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Re: Die "neue" EU? Chance in der Krise?

Beitragvon King Kong 2006 » Do 9. Mär 2017, 09:18

Man will offensichtlich erstmal die Wahlen abwarten.

Eine praktisch unreformierbare Union

Man könne so weitermachen wie bisher, zäh, mit mäßigen Erfolgen, von Klimaschutz bis Energiepolitik, erklärte er. Man könne im Sinne der erstarkten Nationalstaaten die Union inhaltlich abspecken, ihr Kompetenzen wieder entziehen. Oder man einige sich auf das Konzept Kerneuropa: Staaten könnten bei gewissen Politiken wie Sozial- oder Verteidigungspolitik à la carte gemeinsame Sache machen, in Gruppen den anderen vorangehen. Schließlich gebe es aber auch das Modell der tiefen Integration, bis hin zur gemeinsamen EU-Armee.

Erst Wahlen, dann Reform

Juncker ließ Sympathie für mehr Integration erkennen. Aber er legte sich nicht fest. Alles ist möglich: Fortschritt oder Abbau.


Wie weit die Vorstellungen der Mitgliedsstaaten vor dem jüngsten EU-Gipfel am Donnerstag auseinanderliegen, zeigte sich gleich in den Tagen nach der Juncker-Rede im EU-Parlament. Die vier Visegrád-Staaten Polen, Ungarn, Tschechien und die Slowakei wollen ein eigenes Konzept beisteuern und die Nationalstaaten stärken.

Die Regierungschefs von Frankreich, Deutschland, Italien und Spanien hingegen kamen am Montag in Versailles überein, dass es Richtung Junckers Szenario Nummer drei, zur Union der "verschiedenen Geschwindigkeiten" in Staatengruppen, gehen solle.

Insgesamt ergibt das eine Lähmung: Erschwerend ist, dass in den Schlüsselländern Frankreich und Deutschland Wahlen unmittelbar bevorstehen. Und Großbritannien hat den Antrag auf EU-Austritt nach wie vor nicht gestellt. Also sind auch die Konsequenzen für die Rest-EU nicht einmal im Ansatz absehbar

derstandard.at/2000053824343/Eine-praktisch-unreformierbare-Union
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Re: Die "neue" EU? Chance in der Krise?

Beitragvon H2O » Do 9. Mär 2017, 09:47

King Kong 2006 hat geschrieben:(09 Mar 2017, 09:18)

Man will offensichtlich erstmal die Wahlen abwarten.


Das ist doch aber der Gang der Welt! Mit einer Kanzlerin, die in knapp 7 Monaten abgelöst werden könnte, und einem Präsidenten, der mit Sicherheit ab Mai nicht mehr im Amt sein wird, kann man doch keine verbindlichen Vereinbarungen für eine weit reichende Zukunft treffen.

Aber man darf erwarten, daß anläßlich des 60. Jahrestags der Römischen Verträge eine gemeinsame Vision der großen Gründerstaaten der EU verkündet werden wird. Dann kann man diese Vision im demokratischen Streit von Wahlkämpfen ausgestalten, denn Europa ist ja unbestritten inzwischen auch ein Stück Innenpolitik geworden.

Bis dahin wird über die Einzelheiten des BREXITS längst verhandelt und gestritten werden, so daß ab Anfang 2018 die Vision der künftigen EU Stück für Stück umgesetzt werden kann.

Nach allem, was bisher in die Öffentlichkeit gelangte, werden wir ein Europa der konzentrischen Kreise um einen Kern bekommen. Ich hoffe, daß I, E, F und D diesen Kern bilden, und daß sich möglichst viele der 27 Partner dazu gesellen werden.
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Re: Die "neue" EU? Chance in der Krise?

Beitragvon Wähler » Sa 11. Mär 2017, 15:50

H2O hat geschrieben:(09 Mar 2017, 09:47)
Nach allem, was bisher in die Öffentlichkeit gelangte, werden wir ein Europa der konzentrischen Kreise um einen Kern bekommen. Ich hoffe, daß I, E, F und D diesen Kern bilden, und daß sich möglichst viele der 27 Partner dazu gesellen werden.

http://www.politico.eu/article/multispe ... er-future/
Politico 10. März 2017 Multispeed Europe
The most recent example of “enhanced cooperation” came on Thursday evening when 19 leaders agreed to establish a European Public Prosecutor after almost four years of difficult negotiations, and despite a lack of support from countries including Sweden, Poland, Hungary, Malta and the Netherlands.

Germany’s Merkel acknowledged that some countries feared a “multispeed Europe” meant there would be different classes of EU membership. She sought to ease these fears by comparing the EU to a family, in which all members were free to join any of the family’s projects but some might choose not to do so.

So ist der Unterschied zwischen Szenario 1 und 3 nicht recht zu erkennen.
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Re: Die "neue" EU? Chance in der Krise?

Beitragvon H2O » Sa 11. Mär 2017, 23:16

Wähler hat geschrieben:(11 Mar 2017, 15:50)

http://www.politico.eu/article/multispe ... er-future/
Politico 10. März 2017 Multispeed Europe


So ist der Unterschied zwischen Szenario 1 und 3 nicht recht zu erkennen.


Ich habe auch erhebliche Verständnisprobleme. Redet man da über einen europäischen Staatsanwalt, oder einen "Ankläger". Zu welchem Zweck denn? Was sollen solche Funktionen, wenn kein gemeinsamer Staat mit gemeinsamer Verfassung derart weitreichenden Befugnissen eine Grundlage bietet. Was will dieser "Ankläger" in Partnerstaaten, die seine Anwesenheit als Übergriff empfinden?

Nein, natürlich muß zuerst ein gemeinsames Verständnis für den Verein hergestellt werden, der einen gemeinsamen "Ankläger" für sinnvoll hält, und das Verständnis muß zugleich Grenzen setzen, wo dieser "Ankläger" nichts zu suchen hat.

Wenn wir den Kern der Willigen innerhalb der EU als unsere Schicksalsgemeinschaft anerkennen, dann ist ganz klar, daß dieser "Ankläger" nur dort eine Bedeutung haben kann.

Zugleich wird diese Konstruktion auf das EU-Parlament und die EU-Kommission durchschlagen. Es ist nicht ein zu sehen, daß Nationalstaaten auf die Währungspolitik des Kerns der Willigen oder seine Verwaltungsformen Einfluß nehmen wollen. Der Kern hat im Gegenzug jeden Versuch zu unterlassen, Nationalstaaten innenpolitisch mitgestalten zu wollen. Eine klare Trennung aufgrund der Ziele der Partner ist überfällig.

Die Fiktion der 28 (27) Partner im Gleichklang ist doch seit den Manövern der Visegrad-Gruppe nur noch eine gern bemühte Werbung für die Gemeinschaft.
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Die Türkei - neben der USA ein weiterer Katalysator für die EU?

Beitragvon King Kong 2006 » So 12. Mär 2017, 09:37

An der Krise zwischen europäischen Ländern, speziell der Niederlande und Deutschlands mit der Türkei könnte sich auch eine neue Kontur der EU herausschälen.

Die Beitrittsverhandlungen - die meiner Meinung nach aus westlicher Sicht nur strategischen Maßgaben folgte - mit der Türkei sind zwar noch nicht gänzlich aufgegeben worden, aber die Fördergelder für die Türkei wurden drastisch gekürzt. Neben der Haltung zu einer USA mit dem TV-Star und Geschäftsmann Trump an der Spitze könnte der Fall Türkei (genauer gesagt mit einer AKP-Führung/Erdogan) als weiterer Katalysator dienen der EU bei der Transformation zu einer eher zweckgebundenen Gruppe von Staaten, zu einer eher dynamischeren Truppe zu verhelfen.
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Re: Die "neue" EU? Chance in der Krise?

Beitragvon Ger9374 » So 12. Mär 2017, 17:42

Es ist fast schon logisch das die Osteuropäer
ihre gewonnene Freiheit nicht gleich wieder an eine Institution abtreten wollen. Brüssel sollte nochmals intensiv mit den Polen, Ungarn ect.
kommunizieren. Keiner wünscht unwillige Partner
die einem nur Stöcke in den Weg legen.
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Re: Die Türkei - neben der USA ein weiterer Katalysator für die EU?

Beitragvon frems » So 12. Mär 2017, 17:47

King Kong 2006 hat geschrieben:(12 Mar 2017, 09:37)

An der Krise zwischen europäischen Ländern, speziell der Niederlande und Deutschlands mit der Türkei könnte sich auch eine neue Kontur der EU herausschälen.

Die Beitrittsverhandlungen - die meiner Meinung nach aus westlicher Sicht nur strategischen Maßgaben folgte - mit der Türkei sind zwar noch nicht gänzlich aufgegeben worden, aber die Fördergelder für die Türkei wurden drastisch gekürzt. Neben der Haltung zu einer USA mit dem TV-Star und Geschäftsmann Trump an der Spitze könnte der Fall Türkei (genauer gesagt mit einer AKP-Führung/Erdogan) als weiterer Katalysator dienen der EU bei der Transformation zu einer eher zweckgebundenen Gruppe von Staaten, zu einer eher dynamischeren Truppe zu verhelfen.

In der Tat. Neben Trump und Erdogan war auch Putin ganz "hilfreich". Dass die gemeinsame Sicherheitspolitik so schnell reagierte und einstimmig Sanktionen beschloss, hatten zuvor weder Russen noch Amerikaner für möglich gehalten, da die Europäer in außenpolitischen Fragen früher häufig zerstritten waren, z.B. beim Irakkrieg. Ein uneiniges Europa hat eben viele Nutznießer, bloß sitzen die nie in Europa. Wenn sich Erdogan immer radikaler äußert und von Europa abwendet, ist nicht nur der Beitritt vom Tisch. Klare Worte fand Asselborn schon vor wenigen Monaten und dürfte sich durch die jüngsten Ereignisse und Äußerungen bestätigt fühlen: http://www.spiegel.de/politik/ausland/t ... 20045.html
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Re: Die Türkei - neben der USA ein weiterer Katalysator für die EU?

Beitragvon King Kong 2006 » So 12. Mär 2017, 19:41

frems hat geschrieben:(12 Mar 2017, 17:47)

In der Tat. Neben Trump und Erdogan war auch Putin ganz "hilfreich". Dass die gemeinsame Sicherheitspolitik so schnell reagierte und einstimmig Sanktionen beschloss, hatten zuvor weder Russen noch Amerikaner für möglich gehalten, da die Europäer in außenpolitischen Fragen früher häufig zerstritten waren, z.B. beim Irakkrieg. Ein uneiniges Europa hat eben viele Nutznießer, bloß sitzen die nie in Europa. Wenn sich Erdogan immer radikaler äußert und von Europa abwendet, ist nicht nur der Beitritt vom Tisch. Klare Worte fand Asselborn schon vor wenigen Monaten und dürfte sich durch die jüngsten Ereignisse und Äußerungen bestätigt fühlen: http://www.spiegel.de/politik/ausland/t ... 20045.html


Die EU definiert sich nicht nur selbst, sondern auch durch andere. Also, z.B. durch Trump, Putin oder Erdogan auch.
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Re: Die Türkei - neben der USA ein weiterer Katalysator für die EU?

Beitragvon H2O » So 12. Mär 2017, 20:55

King Kong 2006 hat geschrieben:(12 Mar 2017, 19:41)

Die EU definiert sich nicht nur selbst, sondern auch durch andere. Also, z.B. durch Trump, Putin oder Erdogan auch.


Ja, da ist etwas dran! Erdogan hat angedeutet, daß er demnächst niederländischen Fluggesellschaften die Landerechte in der Türkei entziehen wolle. Um die Stimmung nicht immer weiter an zu heizen, sollte europäischerseits nichts dazu angemerkt werden. Aber wenn die Türkei das in die Tat umsetzt, dann erwarte ich, daß für die Dauer dieses Verbots türkische Fluggesellschaften in Ländern der EU keine Landerechte mehr eingeräumt werden. Das dürfte in Europa lebenden Türken weniger gefallen.

Auf diese Weise könnte Erdogan in der Tat die EU als solidarische Gemeinschaft voran bringen.
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Re: Die Türkei - neben der USA ein weiterer Katalysator für die EU?

Beitragvon frems » So 12. Mär 2017, 22:28

H2O hat geschrieben:(12 Mar 2017, 20:55)

Ja, da ist etwas dran! Erdogan hat angedeutet, daß er demnächst niederländischen Fluggesellschaften die Landerechte in der Türkei entziehen wolle. Um die Stimmung nicht immer weiter an zu heizen, sollte europäischerseits nichts dazu angemerkt werden. Aber wenn die Türkei das in die Tat umsetzt, dann erwarte ich, daß für die Dauer dieses Verbots türkische Fluggesellschaften in Ländern der EU keine Landerechte mehr eingeräumt werden. Das dürfte in Europa lebenden Türken weniger gefallen.

Auf diese Weise könnte Erdogan in der Tat die EU als solidarische Gemeinschaft voran bringen.

Paradoxerweise wäre solch ein Entzug von Landerechten ein ziemliches Eigentor, da der Tourismus in der Türkei strauchelt und Erdogans Minister erst kürzlich forderten, türkischstämmige Europäer sollten häufiger in die Türkei fliegen, um Urlaub zu machen, und möglichst ihre nicht-türkischstämmigen Freunde mitbringen. Daher bezweifle ich, dass der Irre aus Ankara das wirklich wagt; eine Reaktion, wonach die Europäer im Gegenzug ähnlich mit türkischen Fluglinien verfahren, wäre da sehr wahrscheinlich.
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Re: Die Türkei - neben der USA ein weiterer Katalysator für die EU?

Beitragvon H2O » So 12. Mär 2017, 23:05

frems hat geschrieben:(12 Mar 2017, 22:28)

Paradoxerweise wäre solch ein Entzug von Landerechten ein ziemliches Eigentor, da der Tourismus in der Türkei strauchelt und Erdogans Minister erst kürzlich forderten, türkischstämmige Europäer sollten häufiger in die Türkei fliegen, um Urlaub zu machen, und möglichst ihre nicht-türkischstämmigen Freunde mitbringen. Daher bezweifle ich, dass der Irre aus Ankara das wirklich wagt; eine Reaktion, wonach die Europäer im Gegenzug ähnlich mit türkischen Fluglinien verfahren, wäre da sehr wahrscheinlich.


Ja: Nach der ersten Wut folgt hoffentlich Ernüchterung; zum Fremdschämen! Ein Glück, daß wir eine so nüchterne Kanzlerin haben!
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Re: Die Türkei - neben der USA ein weiterer Katalysator für die EU?

Beitragvon Edmund » Mo 13. Mär 2017, 00:21

H2O hat geschrieben:(12 Mar 2017, 23:05)
Ein Glück, daß wir eine so nüchterne Kanzlerin haben!


Die hat Europa doch von dem türkischen Islamisten abhängig gemacht.
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Re: Die Türkei - neben der USA ein weiterer Katalysator für die EU?

Beitragvon H2O » Mo 13. Mär 2017, 07:58

Edmund hat geschrieben:(13 Mar 2017, 00:21)

Die hat Europa doch von dem türkischen Islamisten abhängig gemacht.


Da überschätzen Sie dann aber doch die Möglichkeiten der Türkei; das Land befindet sich in einem irrsinnigen Bürgerkrieg und einem Krieg gegen selbst heran gezüchteten Mörderbanden. Seine Wirtschaft schwächelt, seine Einnahmen durch sonnenhungrige Europäer schrumpfen. Hilfe aus Europa wird immer unwahrscheinlicher. Das Land kann durchaus zusammenbrechen, weil eben nichts mehr so recht gelingen will. Daran erkennt man doch sehr klar, wer von wem abhängig ist. Ruhe bewahren und das tun, was unserem Lande auf lange Sicht nützt.
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Re: Die "neue" EU? Chance in der Krise?

Beitragvon Kardux » Mo 13. Mär 2017, 08:57

H2O hat geschrieben:Ja: Nach der ersten Wut folgt hoffentlich Ernüchterung; zum Fremdschämen! Ein Glück, daß wir eine so nüchterne Kanzlerin haben!


Vielleicht ist diese Politik der EU ja auch ein Teil des Deals? Quasi als Geldersatz für Erdogan? Wie sonst sollte man diese inkompetente Außenpolitik der EU bezeichnen? Jedes Kind weiß, dass die EU am längeren Ast sitzt. Wieso möchte die EU einen Monat vor der Abstimmung Stärke zeigen und somit den Zusammenhalt der Türken stärken? Mit einem verletzten Nationalstolz wählt es sich bestimmt leichter bzw. emotionaler.

Hätte die EU schon vor einem Jahr Sanktionen in Erwägung gezogen, hätte man Erdogan eine wichtige Option genommen um kurz vor der Abstimmung von der Innenpolitik abzulenken. Wenn die Türkei schon eine längere Zeit mit Sanktionen gelebt hätte, wären die türkischen Bürger über das Stadium der Verärgerung hinweg gekommen. Eine Art Ernüchterung hätte sich breit gemacht. Und vielleicht wären schon einige Zweifel aufgekommen ob die Politik der Eskalation wirklich richtig ist. Spätestens wenn es den eigenen Geldbeutel betrifft, wären einige Leute aus ihrer Trance erwacht.

Die Ironie bei der ganzen Geschichte ist die Nazi-Rhetorik der AKP. Dabei gibt es derzeit kaum einen Staat in Europas unmittelbarer Nähe der mehr an die Nazis erinnert als die heutige Türkei. Eine hochgradig militante und faschistische Gesellschaft, gespickt mit einem narzistischen Despoten der von alter Stärke redet und die Wirtschaft durch große Bauprojekte anzukurbeln versucht. Feindbilder dürfen natürlich nicht fehlen, auch nicht der Wunsch nach der Verschiebung der eigenen Grenzen.

Ja, ein Glück, das Frau Merkel bei diesem Kasperltheater mitgemacht hat und die Zerschlagung der türkischen Gewaltenteilung ob gewollt oder ungewollt mitgefördert hat.
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Re: Die "neue" EU? Chance in der Krise?

Beitragvon H2O » Mo 13. Mär 2017, 09:05

Kardux hat geschrieben:(13 Mar 2017, 08:57)

Vielleicht ist diese Politik der EU ja auch ein Teil des Deals? Quasi als Geldersatz für Erdogan? Wie sonst sollte man diese inkompetente Außenpolitik der EU bezeichnen? Jedes Kind weiß, dass die EU am längeren Ast sitzt. Wieso möchte die EU einen Monat vor der Abstimmung Stärke zeigen und somit den Zusammenhalt der Türken stärken? Mit einem verletzten Nationalstolz wählt es sich bestimmt leichter bzw. emotionaler.

Hätte die EU schon vor einem Jahr Sanktionen in Erwägung gezogen, hätte man Erdogan eine wichtige Option genommen um kurz vor der Abstimmung von der Innenpolitik abzulenken. Wenn die Türkei schon eine längere Zeit mit Sanktionen gelebt hätte, wären die türkischen Bürger über das Stadium der Verärgerung hinweg gekommen. Eine Art Ernüchterung hätte sich breit gemacht. Und vielleicht wären schon einige Zweifel aufgekommen ob die Politik der Eskalation wirklich richtig ist. Spätestens wenn es den eigenen Geldbeutel betrifft, wären einige Leute aus ihrer Trance erwacht.

Die Ironie bei der ganzen Geschichte ist die Nazi-Rhetorik der AKP. Dabei gibt es derzeit kaum einen Staat in Europas unmittelbarer Nähe der mehr an die Nazis erinnert als die heutige Türkei. Eine hochgradig militante und faschistische Gesellschaft, gespickt mit einem narzistischen Despoten der von alter Stärke redet und die Wirtschaft durch große Bauprojekte anzukurbeln versucht. Feindbilder dürfen natürlich nicht fehlen, auch nicht der Wunsch nach der Verschiebung der eigenen Grenzen.

Ja, ein Glück, das Frau Merkel bei diesem Kasperltheater mitgemacht hat und die Zerschlagung der türkischen Gewaltenteilung ob gewollt oder ungewollt mitgefördert hat.


Ich sehe schon: Ihre Kanzlerin ist sie nicht. ;) Dafür aber unsere; das halte ich für ein Glück. Für die Türkei sehe ich eher die Türken selbst in der Verantwortung. Die Ernüchterung wird folgen. Vielleicht nicht ganz so schnell wie im mutwillig vom Zaun gebrochenen Streit mit Rußland, wo am Ende ein zerknirschter Bittsteller nach Moskau reiste.
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Re: Die "neue" EU? Chance in der Krise?

Beitragvon Kardux » Mo 13. Mär 2017, 09:32

H2O hat geschrieben:(13 Mar 2017, 09:05)

Ich sehe schon: Ihre Kanzlerin ist sie nicht. ;) Dafür aber unsere; das halte ich für ein Glück. Für die Türkei sehe ich eher die Türken selbst in der Verantwortung. Die Ernüchterung wird folgen. Vielleicht nicht ganz so schnell wie im mutwillig vom Zaun gebrochenen Streit mit Rußland, wo am Ende ein zerknirschter Bittsteller nach Moskau reiste.


Ich bin kein deutscher Staatsbürger, schon deshalb kann Frau Merkel nicht "meine" Kanzlerin sein. Und ganz allgemein halte ich nicht viel davon eine emotionale Bindung zu Politikern aufzubauen bzw. mich mit ihnen zu solidarisieren. Ein mündiger Bürger sollte lieber das Haar in der Suppe suchen, anstatt von "seinem" Präsidenten bzw. Kanzler zu sprechen. Das gilt auch für die Staaten in denen ich wahlberechtigt bin. "Meine Kanzlerin" ist nämlich nur ein Katzensprung von "mein Führer" entfernt. Und wenn ich etwas verabscheue, dann ist es Führerkult.

Ansonsten stimme ich Ihnen im Punkt der Verantwortung zu. Natürlich tragen in erster Linie die Türken selbst Verantwortung für ihre Unmündigkeit. Aber trotzdem sollte hinterfragt werden was Frau Merkel mit dieser unterwürfigen Politik wirklich bezweckt. Oder wollen Sie "Ihrer Kanzlerin" vorwerfen sie wüsste nicht, dass die EU am längeren Hebel sitzt? Und wieso zieht man seinen Kurs der "nüchternen" Politik nicht fort? Wieso möchte man einen Monat vor dieser Abstimmung die Gemüter erhitzen? Bis April wird es wohl noch möglich sein Erdogan zu besänftigen?
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