Quo Vadis, Europa?

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Quo Vadis, Europa?

Beitragvon Tom Bombadil » Mo 27. Nov 2017, 11:06

Viele Institutionen machen sich Gedanken um Europas Zukunft, zum Beispiel die FES: https://www.fes.de/de/aus-der-traum-vie ... t-europas/
Die CIA macht düstere Prognosen (Angstmache?): http://www.focus.de/politik/experten/ja ... 95127.html

Ich bin momentan zwiegespalten, ich sehe Deutschlands Zukunft eindeutig in der EU, bin aber auch der Meinung, dass die EU zu schnell zu groß geworden ist, der Euro wurde auch viel zu freizügig verteilt, die Maastrichtkriterien und -vereinbarungen sind das Papier nicht wert, auf das sie gedruckt wurden. Dazu kommen noch ein paar deutsche Alleingänge, die den europäischen Partnern so gar nicht gefallen, der Brexit, das Erstarken von rechtspopulistischen Parteien, die sehr hohe Arbeitslosigkeit besonders bei jungen Menschen besonders in den EU-"Südstaaten", die hohe Schuldenlast vieler EU-Staaten, die schlechte wirtschaftliche Entwicklung vieler EU-Staaten und nicht zuletzt auch die Flüchtlingskrise. Das sind massive Probleme, die von fähigen Politikern gelöst werden müssten, die meiner Meinung nach auf weiter Flur nicht zu sehen sind, daher wird mir Angst und Bange um die EU, die für mich - bei allen Fehlern und Mängeln - ein "alternativloser" Segen für Europa ist.

Was haltet ihr von solchen Prognosen? Ist der Zeitraum (2030, 2035) zu lang? Wie seht ihr die Entwicklung Europas?
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon Skull » Mo 27. Nov 2017, 12:12

Mein WUNSCH...nicht das ich meinen würde, das er kurzfristig erfüllt werden wird...

Europa (die EU) sollte sich erst einmal auf sich selbst besinnen und in den nächsten 5 Jahren
überlegen, aber eben auch defintiv klären, wie es weiter gehen soll.

- Konzentration auf eine Kern EU, in der die die Länder DORT gleiche Regeln und Standards akzeptieren,
definitiv Kompetenzen an eine "Bundes EU" abgeben
- keine neuen EU - Mitglieder auf mittlere Sicht
- Definitive Abschaffung von Blockademöglichkeiten innerhalb der Entscheidungsprozesse der EU
- Stärkung und somit echte gesetzgebende Kompetenz des EU Parlamentes
- Einführung von Volksentscheidungsmöglichkeiten innerhalb der EU

DIE Länder, die dazu bereit sind, gehen eben voran.
Die Länder, die dieses nicht wollen, bilden eine Assozations-EU oder machen ihre eigenes Ding.

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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon Alpha Centauri » Mo 27. Nov 2017, 12:39

Die Bezeichnung EU ist purer Etiketten Schwindel, die EU ist doch in Wahrheit nicht als ein loser Vertragsbund von Nationalstaaten.

Keine wirkliche politische ökonomische uns soziale Union. Eine Währungsunion alleine reicht nicht, sie führt im Gegenteil zu Problemen wie die Gegenwart ja zeigt.
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon Sole.survivor@web.de » Mo 27. Nov 2017, 15:32

Tom Bombadil hat geschrieben:(27 Nov 2017, 11:06)

Viele Institutionen machen sich Gedanken um Europas Zukunft, zum Beispiel die FES: https://www.fes.de/de/aus-der-traum-vie ... t-europas/
Die CIA macht düstere Prognosen (Angstmache?): http://www.focus.de/politik/experten/ja ... 95127.html

Ich bin momentan zwiegespalten, ich sehe Deutschlands Zukunft eindeutig in der EU, bin aber auch der Meinung, dass die EU zu schnell zu groß geworden ist, der Euro wurde auch viel zu freizügig verteilt, die Maastrichtkriterien und -vereinbarungen sind das Papier nicht wert, auf das sie gedruckt wurden. Dazu kommen noch ein paar deutsche Alleingänge, die den europäischen Partnern so gar nicht gefallen, der Brexit, das Erstarken von rechtspopulistischen Parteien, die sehr hohe Arbeitslosigkeit besonders bei jungen Menschen besonders in den EU-"Südstaaten", die hohe Schuldenlast vieler EU-Staaten, die schlechte wirtschaftliche Entwicklung vieler EU-Staaten und nicht zuletzt auch die Flüchtlingskrise. Das sind massive Probleme, die von fähigen Politikern gelöst werden müssten, die meiner Meinung nach auf weiter Flur nicht zu sehen sind, daher wird mir Angst und Bange um die EU, die für mich - bei allen Fehlern und Mängeln - ein "alternativloser" Segen für Europa ist.

Was haltet ihr von solchen Prognosen? Ist der Zeitraum (2030, 2035) zu lang? Wie seht ihr die Entwicklung Europas?

Hallo Tom, du stellst viele interessante Fragen. Ich meine, dass der Zeitraum bis 2035 recht weit ist, aber in der politischen Planung, gerade was Außenpolitik, Konvergenz und Handel angeht, nicht ungewöhnlich. Die EU hat bei der Östlichen Partnerschaft und bei der Erweiterungsrunde 2004/2007 Fehler gemacht. Bulgarien, Rumänien und Ungarn hätten ruhig in einer Art privilegiertem Wartestand verbleiben können, bis einige Fragen gründlicher geklärt sind. Das hätte auch geholfen, die EU handlungsfähiger zu halten. Dagegen finde ich den Beitritt Estlands 2004 oder Kroatiens 2013 sehr gelungen. Beide Länder bekennen sich klar zur Union, freilich sind sie keine Schwergewichte. Estland hat sogar den Euro - läuft.

Ich finde den Austritt der Briten nicht uneingeschränkt schlecht für die Zukunft der EU. Wir verlieren ein in vieler Hinsicht privilegiertes Mitglied, das jeder Vertiefung eher kritisch gegenüber stand. Reform und Vertiefung der EU sind aber dringend nötig. Es ist nicht unbedingt so, dass jetzt alles auf EU-Ebene muss. Manche Themen sollten vielleicht auch national oder regional gehandhabt werden. Jedoch muss die EU ein stärkeres Parlament bekommen und in ihren ureigenen Politikfeldern durch EU-Beamte und EU-Abgeordnete regiert werden. Die nationalen Regierungen sollten da allenfalls den Rang einer zweiten Kammer haben.

Du sprichst von deutschen Alleingängen und von den rechten Partei en. Ich meine, dass diese Probleme überschätzt werden. Deutschland hat jedes Recht, voranzugehen und beispielsweise Flüchtlinge aufzunehmen, die die EU bereits in einem anderen Staat betreten haben. Als führende, große, wirtschaftlich und politisch wichtige Hauptnation der EU spielt ein Vorschlag Deutschlands für politische Vertiefungen oder Änderungen der EU immer auch eine Initiativrolle. Dass Deutschland und Frankreich hier vorangehen, herausfordern, Vorschläge machen, sehe ich als gut an. Nicht alles lässt sich nachher mit Mehrheiten durchsetzen, manchmal ist das auch gut so. Das ist ein demokratisches Normal. Wenn es hilft, den jungen EU-Mitgliedern klarzumachen, dass dieses Projekt kein bloßer Handelsvertrag und kein starrer Besitzstand ist, umso besser.

Was die radikalen Parteien in und um Europa angeht, bin ich heute entspannter als vor zwei Jahren. Fidesz ist ideologisch bankrott, die türkische AKP kämpft mit der politischen Besitzstandswahrung. Geert Wilder interessiert keine Sau mehr und die UKIP ist in einer schweren Krise. In Katalonien kam es zum Schwur und bisher sieht es so aus, als ob radikale Parteien dabei nicht so gut wegkommen, wie man dachte.

Was indessen die deutsche AfD angeht, die ist von der Macht weitgehend ausgemischt. Es gibt starke Anzeichen, dass sie uns nicht dauerhaft erhalten bleibt. Sie wird sich entweder verändern müssen oder untergehen.
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon Nomen Nescio » Mo 27. Nov 2017, 22:57

Skull hat geschrieben:(27 Nov 2017, 12:12)

- keine neuen EU - Mitglieder auf mittlere Sicht
- Definitive Abschaffung von Blockademöglichkeiten innerhalb der Entscheidungsprozesse der EU
- Stärkung und somit echte gesetzgebende Kompetenz des EU Parlamentes
- Einführung von Volksentscheidungsmöglichkeiten innerhalb der EU

mit dem 1. punkt bin ich einverstanden.
bei dem 2. punkt sehe ich sehr große probleme. ich habe noch gut ins gedächtnis wie D+F zusammen die regeln von maastricht brachen. und die kommission tat nichts dagegen. auch jetzt noch bricht F die finanziellen verpflichtungen.
bei dem 3. punkt kann ich gut mitgehen, aber auch da besteht die gefahr von punkt 2.
bei dem 4. punkt haben wir jetzt erfahrung. und ich muß dazu sagen »keine gute«. die parteien die ein bindend referendum wollten, wollen es jetzt gar nicht mehr. sie wollen nicht einmal mehr ein durch sie eingebrachtes gesetzentwurf unterstützen. manipulieren durch russen ist kein phantom.
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon Skull » Mo 27. Nov 2017, 22:59

Meine MEINUNG und Wünsche bleiben und sind MEINE Meinungen und Wünsche. :)

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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon Tom Bombadil » Mo 27. Nov 2017, 23:01

@Skull: wünschen kann man sich vieles, aber weder das Leben noch die europäische Einigung sind ein Wunschkonzert.

@Sole.survivor: ob sich die Probleme alle einfach so in Luft auflösen, ohne dass man eigentlich was machen muss, halte ich dann doch für sehr fragwürdig.

Man kann vorangehen und trotzdem seine Partner mit ins Boot holen, indem man vorher mit ihnen spricht und Kompromisse findet, einfach mal was machen und die anderen müssen gucken, wo sie bleiben, ist als vertrauensbildende Maßnahme nicht so ideal.

Wo seht ihr die EU denn in 20-30 Jahren?
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon Skull » Mo 27. Nov 2017, 23:04

Tom Bombadil hat geschrieben:(27 Nov 2017, 23:01)

@Skull: wünschen kann man sich vieles, aber weder das Leben noch die europäische Einigung sind ein Wunschkonzert

Stimmt. Schrieb ich ja selbst.

Skull hat geschrieben:(27 Nov 2017, 12:12)

Mein WUNSCH...nicht das ich meinen würde, das er kurzfristig erfüllt werden wird...

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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon Skull » Mo 27. Nov 2017, 23:15

Tom Bombadil hat geschrieben:(27 Nov 2017, 23:01)

Man kann vorangehen und trotzdem seine Partner mit ins Boot holen,
indem man vorher mit ihnen spricht und Kompromisse findet

Hört sich ja nett an. Wie siehst Du denn Kompromissvorschläge und nette Gespräche mit...

- Polen zum Thema Unabhängigkeit der Verfassungsgerichte
- Ungarn und Freiheit der Presse
- Bulgarien und Vorgehen gegen Korruption
- Osteuropa und Flüchtlingskontingente
- Griechenland und Staatsdefizite
- Grossbrittanien und EU-Finanzierung

Wie hätte man sich da gegenseitig ins Boot holen können und einen Kompromiss finden können ?
Was wäre alleine bei diesen 6 Punkten Deiner Meinung nach ein vernünftiger Kompromiss ?

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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon Tom Bombadil » Di 28. Nov 2017, 03:21

Okay, ich nehme deine Antwort dann mal als ziemlichen Ausdruck der Hoffnungslosigkeit in Sachen EU-Zukunft.
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon Skull » Di 28. Nov 2017, 07:39

Tom Bombadil hat geschrieben:(28 Nov 2017, 03:21)

Okay, ich nehme deine Antwort dann mal als ziemlichen Ausdruck der Hoffnungslosigkeit in Sachen EU-Zukunft.

Jein.

In der Form, wie die EU heute existiert, also in Bezug auf

- Entscheidungsprozesse
- Solidarität
- Institutionen
- gemeinsame verbindliche Regeln und Standards
- Akzeptanz der Bevölkerung

bin ich skeptisch. Sehe ich keine positive Zukunft.
BIn da aber nicht hoffnungslos. Du ja scheinbar auch (nicht).

Du selbst schreibst ja von Reformen und einer Vertiefung, die notwendig sind.
Das sehe ich ähnlich.

Ich hatte meine (theoretischen) Ideen genannt.

Von Dir konnte ich leider nichts lesen. Hatte Dir eher kritische Fragen gestellt.
Die Du nicht beantworten konntest oder wolltest.

Es ist einfach, Zustände zu kritisieren. Es ist aber schwierig, konkrete Veränderungen zu benennen.
Gerade auch Veränderungen, die notwendig, aber überhaupt möglich sind.

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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 28. Nov 2017, 08:06

Es gibt einen wachsenden Zwiespalt zwischen politischer und wirtschaftlicher Entwicklung. Politisch gehts von einer Krise in die nächste. Und auf der anderen Seite titelte die ZEIT im Juni 2017 im Wirtschaftsteil: "Europa boomt". Nach einem absoluten Tief ungefähr 2013 geht es wirtschaftlich und auch im Zusammenhang und Dank EU, Euro, Erweiterung fast überall aufwärts.

Wie in einem anderen Thread schon geschrieben: Kaum irgendwo zeigt sich diese Diskrepanz deutlicher als bei der Entwicklung der Visegrád-Staaten. Sie werden politisch als akute Krisenregionen wahrgenommen. Gleichzeitig wird von privatunternehmerischer Seite dort investiert, gebaut, produziert was das Zeug hält. Ich denke, die langfristige Entwicklung wird auf eine weitere Priorisierung dieser ökonomischen Seite hinauslaufen. Große internationale Unternehmen werden die Fäden noch mehr in der Hand halten. Dinge wie die Medienpolitik in Ungarn oder die Justizpolitik in Polen werden irgendwo ganz hinten auf der Kulturbeilage stehen. So wie Glyphosat nun weiter zulässig ist, wird die Fidesz weiter in der EVP bleiben. Weil es ein wirtschaftliches Interesse daran gibt.
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon Tom Bombadil » Di 28. Nov 2017, 11:16

Skull hat geschrieben:(28 Nov 2017, 07:39)

Ich hatte meine (theoretischen) Ideen genannt.

Du hast ein Wunschkonzert genannt. Ich wünsche mir auch Frieden auf Erden, das Ende von Hunger und Armut und dass alle Menschen freundlich miteinander umgehen. Darum geht es hier aber nicht, es geht mir auch nicht darum, irgendwelche Lösungsansätze zu welchen Probleme auch immer zu finden. Mir ging es darum zu erfahren, wie die User hier zu solchen Studien stehen und wie sie meinen, wie sich die EU entwickeln wird.

Skull hat geschrieben:Die Du nicht beantworten konntest oder wolltest.

Bitte zum Thema und nicht ad hominem schreiben, danke.
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon Skull » Di 28. Nov 2017, 11:23

Tom Bombadil hat geschrieben:(28 Nov 2017, 11:16)

Bitte zum Thema und nicht ad hominem schreiben, danke.

Entschuldigung das ich Dich persönlich anspreche.

Hast DU Antworten auf meine Fragen ?
Hast DU selbst Vorstellungen, wie sich die EU entwickeln wird ?

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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon H2O » Di 28. Nov 2017, 19:26

Skull hat geschrieben:(28 Nov 2017, 11:23)

Entschuldigung das ich Dich persönlich anspreche.

Hast DU Antworten auf meine Fragen ?
Hast DU selbst Vorstellungen, wie sich die EU entwickeln wird ?

mfg


Höchstwahrscheinlich kann man aus dem europäischen Vorwärtsdrang des französischen Präsidenten etwas machen, das am Ende Hand und Fuß hat. Präsident Macron sieht durchaus die EU der unterschiedlichen Geschwindigkeiten, will sagen der Partner, die eine weitere Übertragung von Hoheitsrechten auf die "verschworene Gemeinschaft" für sinnvoll halten, während andere Partner nicht so weit gehen möchten. Präsident Macron hat sich dazu die bestehende Euro-Gruppe auserkoren, und er will deshalb auch mit einer gemeinschaftlichen Finanzordnung mit Minister und Verwaltung loslegen.

Die deutsche Seite ist infolge ihrer parteipolitisch unterschiedlichen Vorstellungen nicht so leicht zu durchschauen. Sie müßte aber den französischen Ball aufnehmen und deutsche Vorstellungen ins Spiel bringen. So weit ich die Sache verfolgt habe, ist ein Mangel an Bürgerbeteiligung bei Vorgängen und Beschlüssen in der EU zu beklagen. Wie weit werden also die Bürger der "verschworenen Gemeinschaft" in diese und künftige Entscheidungen eingebunden?

Dazu könnte man die Anregung des französischen Präsidenten zum Gespräch mit den Unionsbürgern aufgreifen und diese Gespräche organisieren. Immerhin ginge man in diese öffentlichen Gespräche schon mit vorentwickelten Gedanken hinein.

Hier sollte schon eine Vorauswahl der Partner wirken: Wer nichts von vertiefter politischer Union hält, will sagen von dem europäischen Projekt, der sollte diese Gespräche auch nicht belasten.

Danach wird hoffentlich ein Stand erreicht sein, der in praktische Maßnahmen umgesetzt werden kann... meinetwegen also die gemeinsame (und hoffentlich demokratisch kontrollierte) Finanz- und Wirtschaftsregierung, Abgleich der unterschiedlichen Sozialsysteme Schritt für Schritt, die gemeinsame Sicherheitspolitik und die gemeinsame Verteidigung. Tja, die Außenpolitik, da wird viel Herzblut fließen, wenn von vielleicht 20 EU-Außenministern nur noch einer sichtbar wird. Aber auch das muß sein.

Das alles kann aber ohne ausgiebigen Abgleich der unterschiedlichen Sichtweisen nicht in Gang gesetzt werden. In den Bürgergesprächen sollten diese Sichtweisen heraus gearbeitet werden. Danach folgen Verhandlungen und Kompromisse, über die politisch abgestimmt werden muß, immer noch Land für Land. Dort, wo Übereinstimmung fest zu stellen ist, könnte man schon einmal mit der vertieften Union beginnen und die übrigen Partner einladen, ihre Ablehnungsgründe ab zu wägen. So bliebe der Streit außerhalb der "verschworenen Gemeinschaft", ohne diese Partner auf Dauer ab zu hängen.

Meine Vorstellung ist die, daß am Ende ein neuer Staat innerhalb der EU und innerhalb des EU-Binnenmarktes entstanden ist. Und natürlich, daß Deutschland, Frankreich und Italien auf jeden Fall darin aufgehen. Ohne diese großen Gründungsmitglieder der EU kann man das europäische Projekt vergessen. Und je mehr unserer Nachbarn daran mitwirken, um so besser.
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon schokoschendrezki » Mi 29. Nov 2017, 08:11

H2O hat geschrieben:(28 Nov 2017, 19:26)

Höchstwahrscheinlich kann man aus dem europäischen Vorwärtsdrang des französischen Präsidenten etwas machen, das am Ende Hand und Fuß hat.
....
Meine Vorstellung ist die, daß am Ende ein neuer Staat innerhalb der EU und innerhalb des EU-Binnenmarktes entstanden ist. Und natürlich, daß Deutschland, Frankreich und Italien auf jeden Fall darin aufgehen. Ohne diese großen Gründungsmitglieder der EU kann man das europäische Projekt vergessen. Und je mehr unserer Nachbarn daran mitwirken, um so besser.

Das ist die Vorstellung, aus den bestehenden Strukturen heraus reformerisch das "europäische Projekt" neu aufzulegen. Ich glaube, das kann man vergessen.

Diesen Pessimismus habe ich bislang eher nur gefühlsmäßig erahnt als sachlich begründet verstanden. Bis ich diesen Hörsaal-Beitrag der Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot hörte:
Ulrike Guérot war enttäuscht. Die EU, dieses ganze Projekt Europa, an das die Politikwissenschaftlerin irgendwann mal geglaubt hatte, war ihrer Ansicht nach endgültig gescheitert.
...
"Die entscheidende Stellschraube, nämlich das was Europa sein sollte, die Überwindung der Nationalstaaten, wurde nicht gemacht."
...
Vor allem müssten wir von dem nationalstaatlichen Denken Abschied nehmen, wenn wir eine funktionierende Gemeinschaft entstehen lassen wollen, denn souverän sei der Bürger, nicht der Nationalstaat. Außerdem benötige die institutionelle Struktur dringend ein Relaunch. Und Europa müsse mehr als ein gemeinsamer Markt sein. Ulrike Guérots Vorschlag: Eine Republik Europa. Das klingt utopisch. Aber genauso utopisch klang es, als Winston Churchill 1946 ein vereinigtes Europa vorschlug. Aus der Utopie wurde bekanntermaßen aber in wenigen Jahren Realität.
...
"Das Problem heute kann sein, dass Europa längst weg ist, während wir noch darüber diskutieren, ob oder dass es weg ist."

https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/hoersaal-die-utopie-von-der-republik-europa

Der Gegenentwurf lautet "Republik Europa". Anstelle von "Europäische Union". Der ist radikal und utopisch. Aber einzig akzektabel.
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon Skull » Mi 29. Nov 2017, 08:19

schokoschendrezki hat geschrieben:(29 Nov 2017, 08:11)

Das ist die Vorstellung, aus den bestehenden Strukturen heraus reformerisch das "europäische Projekt" neu aufzulegen. Ich glaube, das kann man vergessen.

Diesen Pessimismus habe ich bislang eher nur gefühlsmäßig erahnt als sachlich begründet verstanden. Bis ich diesen Hörsaal-Beitrag der Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot hörte:

Das sehe ich anders.
Die sogenannten Nationalstaaten sind früher langsam über viele, viele Generationen entstanden.
Deutschland gibt es gerade mal seit knapp 150 Jahren.

Und das ist heute halt auch nicht anders. Es ist utopisch zu denken,
das man so etwas in zwei Generationen erreichen kann.

Da nehme man gerade Länder aus dem Balkan oder Osten.
Da hat man sich die Freiheit und Eigenständigkeit mühsam erkämpft.
Da ist man -durchaus verständlich- nicht bereit dieses in einer Generation wieder aufzugeben.

Es dauert eben Zeit und Geduld. Die heutige jüngere Generation tickt da schon wieder anders.
Die nächste und übernächste noch mehr...

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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon H2O » Mi 29. Nov 2017, 08:44

schokoschendrezki hat geschrieben:(29 Nov 2017, 08:11)

Das ist die Vorstellung, aus den bestehenden Strukturen heraus reformerisch das "europäische Projekt" neu aufzulegen. Ich glaube, das kann man vergessen.

Diesen Pessimismus habe ich bislang eher nur gefühlsmäßig erahnt als sachlich begründet verstanden. Bis ich diesen Hörsaal-Beitrag der Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot hörte:

https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/hoersaal-die-utopie-von-der-republik-europa

Der Gegenentwurf lautet "Republik Europa". Anstelle von "Europäische Union". Der ist radikal und utopisch. Aber einzig akzektabel.


Aus dem Beitrag heraus habe ich nicht verstanden, in welcher Weise sich eine Republik Europa organisieren will. Wir leben doch auch in einer Republik und haben dem "Bundes" vorangestellt. Wie auch immer die engere Gemeinschaft sich aufstellen könnte... für unabhängige Staaten darf es darin keine Zukunft geben. Lieber weniger Mitglieder als viele, die sich gegenseitig ärgern wollen.

Um mit Deng Xiao Ping zu sprechen: "Ob schwarz oder weiß, Hauptsache die Katze fängt Mäuse!"

In einer Nachlese habe ich verstanden, daß in einer Republik Europa sozusagen der Einheitsbürger überall gleichberechtigt zu Hause und wohlgelitten sein soll. Dieses Ziel geht doch sehr weit an unserem Europa der Sprachvielfalten und gewohnten Staatsaufbauten vorbei. Am Ende gäbe es dann die Welthauptstadt Germania oder Paris oder Brüssel, und alles hört auf mein Kommando... :)

Diese Vorstellung halte ich für noch schwieriger als einen europäischen Bundesstaat, in den Groß und Klein lieb gewordene Eigenheiten fröhlich weiter leben darf, so lange die Gemeinschaft dadurch nicht beeinträchtigt wird.

Skull hat natürlich Recht, daß sich die nachwachsenden Generationen an neue Lagen anpassen und Änderungen für denkbar halten, bei denen es mir altem Menschen kalt den Rücken herunter läuft. Aber so lange ich politisch noch mitentscheiden kann, würde mein Streben doch die Föderation sein. Sie ist auch leichter zu erreichen. Käme es zur angepeilten Republik Europa... auch gut. Mit 6 leidlich beherrschten Sprachen werde ich darin gut leben können. Aber für viele weniger sprachbeflissene Menschen wird's dann eng.
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon schokoschendrezki » Mi 29. Nov 2017, 10:40

@Skull, @H2O: Die erwähnte Ulrike Guérot nennt ihr Buch "Warum Europa eine Republik werden muss!" ja ganz bewusst im Untertitel "Eine politische Utopie". Sie weiß wohl ziemlich gut, dass das derzeitig völlig unverwirklichbar ist. Aber die Utopie als Ziel muss erstmal her um das - aus ihrer Sicht - nicht rettbare Projekt "Europäische Union" (an das sie mal sehr geglaubt hat) zu delegitmieren. Und es ist keineswegs nur wegen der Nationalstaaterei nicht rettbar. Am einleuchtendsten scheint mir ihr Argument zu sein, die alte EU legitimiere sich über eine "Output-Demokratie" und nicht über eine "Input-Demokratie". Damit meint sie, dass es zum Beispiel in der EU keine klare Trennung zwischen Exekutive und Legislative gibt. Dass das EU-Parlament keine Legislativrechte hat usw. Nach wie vor bildet die Gemeinsame Agrarpolitik finanziell gesehen den weitaus größten Anteil des EU-Haushalts. Die war ursprünglich mal angelegt, um im Nachkriegseuropa Nahrungsmittelversorgung zu sichern. Das ist mit Output-Legitimität gemeint. Und das läuft immer noch und immer weiter. Da plädiert sie für ein grundsätzliches neu von vorn. Das ist verständlich.
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon Tom Bombadil » Mi 29. Nov 2017, 11:33

Skull hat geschrieben:(28 Nov 2017, 11:23)

Hast DU Antworten auf meine Fragen ?

Hast du denn Antworten auf meine Fragen, um die es hier im Strang eigentlich gehen sollte?

Hast DU selbst Vorstellungen, wie sich die EU entwickeln wird ?

Ja, aber keine besonders guten, trotzdem hoffe ich, dass die EU irgendwie die Kurve bekommt-
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