Quo Vadis, Europa?

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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon H2O » Do 14. Dez 2017, 18:14

schokoschendrezki hat geschrieben:(14 Dec 2017, 12:50)

Was ich nicht so ganz verstehe: Die ökonomische, wirtschaftliche Verzahnung in Europa ist doch weit fortgeschritten. Könnte es sein, dass wir über ein Ever Closer Europe in politischer und kultureller Hinsicht in einem Nebengebäude diskutieren, während im Hauptgebäude, nämlich dem der Wirtschaft, längst zur Sache gegangen wird? Neulich hörte ich ein Interview mit einem Wirtschaftsverbandsvertreter zu der Frage, wieweit die deutsche Wirtschaft von der aktuellen schwierigen und langwierigen Regierungsbildung betroffen sei. Antwort grob zusammengefasst: Eigentlich gar nicht. Man macht einfach. Ohnehin und auch so.

Eigentlich hoffnungsvolle, positiv zu wertende Pro-Europäer wie etwa die Oppositionsbewegung "Momentum" in Ungarn oder auch die ungarische Pulse-Of-Europe-Filiale positionieren sich sehr stark an der negativen Projektionsfläche "Russland". Europa soll das Vehikel für eine Art Russifizierungsschutz sein. Und der verdeckte Pro-Putin-Kurs Orbáns ist Schreckgespenst Nummer Eins. Auch wenn sie mit der Kritik an der Russland-Politik Orbáns ja recht haben: Es ist kulturalistisch gedacht. Und identitär (wenn auch eine Ebene höher als die der Nation). Genauso wie eine Europa-Vision als kulturalistische Abgrenzung gegen ein Trump-Amerika.

Währenddessen läuft die wirtschaftliche Zusammenarbeit von großen Unternehmen wie Audi, Daimler etc. mit Ländern wie Ungarn wie geschmiert. Ein großes Unternehmen wie Daimler hat eigene Abteilungen für Auswärtige Beziehungen. Deren Chef Eckart von Klaeden ist definitiv Orbán-Freund. Von einer "Symbiose von Premium und Premier" war in einem Artikel die Rede. Und die ZEIT titelt: "Distanziert euch von den Autokraten" (http://www.zeit.de/2017/39/audi-daimler-ungarn-polen-autokraten) mit Adresse an solche Unternehmen. Das klingt vor allem eins: Hilflos. Audi oder Daimler sind keine deutschen Betriebe mehr sondern international agierende Unternehmen. Man kann nicht an deren Verantwortung im Rahmen einer nationalen Politik appellieren. Zumal aktuell, wo alle Wirtschaftstrenddaten in Europa wieder nach oben weisen.

Die Frage ließe sich natürlich auch umkehren: Wie könnte man die Energie dieser auf Hochtouren laufenden wirtschaftlichen Verzahnung auch aufs politische und kulturelle umlenken?


Mit solchen Vorstellungen sind wir nicht so sehr weit weg von der Adelsherrschaft längst vergangener Zeiten. Da werden Reiche gebildet, die niemand mehr kontrollieren kann, es sei denn, sein Reich ist noch mächtiger. Fragen müssen diese Herrscher niemanden mehr; da zählt nur noch die Schlagkraft ihrer Unternehmungen. Da können böswillige Lumpereien den Glauben an Gerechtigkeit erschüttern... es gibt kein Machtinstrument, diesen Herrschern ihre Grenzen auf zu zeigen. Unsere Staatswesen sind in den Händen gekaufter Politiker, und eine Hand wäscht die andere!

Im Grunde ist es diese erkennbare Entwicklung, die uns Bürger zu stetig sich vertiefender Zusammenarbeit zwingt. Denn ansonsten wird die Herrschaft von nicht von uns gewählten Herrschern mit deren Machtmitteln ausgeübt, und diesen Riesen stehen nur Einzelne gegenüber, die ganz einfach "weg geputzt" werden. Denn sie haben auch den Staatsapparat dort unter Kontrolle, wo er ihnen nützt.

Erfreulich, daß Sie diese übergreifenden Herrschaftssysteme in ihrer Wirkung beschrieben haben. Der noch mächtigere demokratische Staat ist die Gegenwehr des kleinen Mannes. Der setzt solche Leute kraft Gesetzes in den Knast, wenn sie als Betrüger auffallen.

Ich glaube, daß wir aus diesen Gründen die Europäische Föderation brauchen. Dann wird man sehen, wer mächtiger ist: Das gemeinsam gestaltete Gesetz oder jeder Kontrolle entwachsene Herrschaftssysteme der Wirtschaft.

Als kleines Beispiel: Die EU hat es geschafft, diesen Riesen doch einigen Respekt ab zu nötigen, indem sie sie mit deftigen Strafen und angedrohtem Verkehrsverbot in ihre Schranken verwies. Mir ist durch Ihren Beitrag klar geworden, daß auch die von Ihnen genannten Unternehmen und ihre Führer dieser gesetzlichen Kontrolle unterliegen müssen. Davor bewahrt sie offenbar der bekannte Filz im Klein-Klein.
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon Tom Bombadil » Do 14. Dez 2017, 18:42

Eine weitere Herausforderung für Europa:
Ein Jahr nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt stößt "ZDFzoom" auf erschreckende Erkenntnisse. Die Zahl der Attacken hat deutlich zugenommen, die islamistische Szene in Europa wächst weiter und verändert ihre Strukturen und Methoden rasant. [..] In ganz Europa werden auch die Verbindungen zwischen Islamisten, krimineller Szene und dem organisierten Verbrechen immer enger. Mancherorts schließen sich junge Islamisten in Gangs zusammen, um ganze Stadtviertel zu kontrollieren, wie beispielsweise im dänischen Kopenhagen. All das entspricht den Strategieschriften des sogenannten IS, insbesondere einem Pamphlet mit dem Titel "Muslim Gangs", das seit 2015 per Internet verbreitet wird.
https://www.zdf.de/dokumentation/zdfzoo ... s-100.html

Wie kann Europa den "Muslim Gangs" Herr werden? Mit Milde, Nachsicht und einem auf Wiedereingliederung ausgerichteten Justizapparat?
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon H2O » Do 14. Dez 2017, 21:25

Tom Bombadil hat geschrieben:(14 Dec 2017, 18:42)

Eine weitere Herausforderung für Europa:
Ein Jahr nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt stößt "ZDFzoom" auf erschreckende Erkenntnisse. Die Zahl der Attacken hat deutlich zugenommen, die islamistische Szene in Europa wächst weiter und verändert ihre Strukturen und Methoden rasant. [..] In ganz Europa werden auch die Verbindungen zwischen Islamisten, krimineller Szene und dem organisierten Verbrechen immer enger. Mancherorts schließen sich junge Islamisten in Gangs zusammen, um ganze Stadtviertel zu kontrollieren, wie beispielsweise im dänischen Kopenhagen. All das entspricht den Strategieschriften des sogenannten IS, insbesondere einem Pamphlet mit dem Titel "Muslim Gangs", das seit 2015 per Internet verbreitet wird.
https://www.zdf.de/dokumentation/zdfzoo ... s-100.html

Wie kann Europa den "Muslim Gangs" Herr werden? Mit Milde, Nachsicht und einem auf Wiedereingliederung ausgerichteten Justizapparat?


Sie wissen doch: Diese Umtriebe werden mit "der vollen Härte des Rechtsstaats" verfolgt. Dann klappt das auch!
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 15. Dez 2017, 07:53

Tom Bombadil hat geschrieben:(14 Dec 2017, 15:00)

Indem mehr von den Gewinnen aus dieser auf Hochtouren laufenden wirtschaftlichen Verzahnung bei den EU-Bürgern ankommt. Das muss nicht in Form von Geld sein, aber in Form von guter Infrastruktur und ordentlich bezahlten Jobs.


Und genau das passiert ja. In Regionen wie dem nordwestungarischen Györ, wo das Unternehmen Audi seinen eigentlichen Hauptproduktions- und auch Entwicklungsstandort hat, haben wir eine europaweit rekordverdächtig niedrige Arbeitslosenzahl. Und das gilt ähnlich für etliche Standorte in Ostmitteleuropa. Und die historische Innenstadt ist in jeder Hinsicht vorzüglichst restauriert. Aber nicht aus EU-Fördermitteln sondern aus den Wirtschaftseinnahmen.

Und nun glaube mal nicht, dass ich solche Entwicklungen gutheiße. Auch wenn sie vielen Menschen zugute kommt. Dass große Unternehmen zunehmend die Fäden in der Hand halten ist keine gute Entwicklung. Das auch als Antwort an H2O auf seinen Beitrag etwas weiter oben.

Gerade heute in den Nachrichten war eine der Topmeldungen die ganze Geschichte rund um die Bespitzelung und Auslieferung an die damalige Militärdiktatur von Mitarbeitern der VW-Filiale in Brasilien. Es war den VW-Chefs völlig klar, dass sie damit ihren eigenen Leuten Folter und Tod bringen. Es war noch nie anders. Die Russland-Filiale der Deutschen Bank war im Prinzip eine maffiöse Geldwäsche-Bande. Und nun muss man sich vorstellen, in welchem Maße das Selbstbild vieler Deutscher ganz entscheidend von solchen Markenbezeichnungen wie "Audi" oder "Deutsche Bank" geprägt ist. Was sie da eigentlich im Kopf herumtragen.

Die Welt ist einfach kompliziert (haha) geworden. Das Entscheidende bei Ulrike Guérot, von der in diesem Strang bereits die Rede war, ist nicht so sehr dieses One-Man-One-Vote-Konzept sondern dass sie ihre Visionen von einer Republik Europa selbst als "Utopie" bezeichnet. Sie glaubt nicht mehr an eine reguläre Entwicklung hin zu einem geeinten Europa mit den klassischen politischen Institutionen und Parteien. Und an eine von größeren Teilen der Bevölkerung getragene Gegenbewegung glaubt sie auch nicht mehr. (Siehe das Beispiel Audi/Györ). Die Utopie "Republik Europa" ist einfach ihr persönliches Gegen-Statement. Und da ist sie wirklich nicht die einzige. Gerade unlängst las ich einen Beitrag des in Budapest lebenden deutschen Publizisten Wilhelm Droste. Genau die gleiche Richtung: Er glaubt (inzwischen!) weder an einen Einigungswillen politischer Parteien noch an eine Abkehr von den kulturessenzialistischen Nationalismen der Mehrheit der Bevölkerungen. Wohlgemerkt in ganz Europa, nicht nur im Osten. Wenn überhaupt setzt er auf das Wirken von Einzelpersönlichkeiten. Und da sind wir natürlicherweise bei Emmanuel Macron. Dass er sich einmal vom klassischen Parteiensystem lossagte stimmte optimistisch. Ganz aktuell sind gerade 100 Mitglieder aus seiner Neugründung "Le Marche" ausgetreten. Vorwurf: Autokratische Strukturen. Fehlende Demokratie. Das alte Spiel von Neuem? Ich weiß nicht ...
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 15. Dez 2017, 09:30

Sextus Ironicus hat geschrieben:(14 Dec 2017, 17:49)

Und wieder nur Starkvokabeln (hysterisch, Horror, Flut). Reine Strohmänner. Daher ist die Diskussion auch sinnlos. Man kann nur festhalten: So wie du das mit mir tust, so versuchen auch Politiker ihre Überzeugungen an den Mann zu bringen. Die gleiche Haltung - und genau deshalb hat Europa Schiffbruch erlitten. Weil eine gute Idee von arroganten Bürokraten, die sich aller Rechenschaftspflicht, aller Begründungen für ihr Wollen ganz hoheitlich entzogen haben, kaputt gemacht wurde. In diesem Sinne: Wünsche wohl zu ruhen auf den Europaträumen.


Dass die Politik zunehmend zum "Geschäft" wurde ... daran hatten nicht nur einige "Bürokraten" einen Anteil. In den 90er Jahren, dem Arschgeweih-Jahrzehnt war diese Zockermentalität absolut populär. Vor allem die zweite Hälfte. Sie endeten mit den Kabinetten I und II des hämisch lachenden Gerhard Schröder.
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon frems » Fr 15. Dez 2017, 09:47

schokoschendrezki hat geschrieben:(15 Dec 2017, 07:53)
Das Entscheidende bei Ulrike Guérot, von der in diesem Strang bereits die Rede war, ist nicht so sehr dieses One-Man-One-Vote-Konzept sondern dass sie ihre Visionen von einer Republik Europa selbst als "Utopie" bezeichnet.

Andererseits hat sie konkrete Vorstellungen und Zeiträume, die etwas lockerer sind als bspw. die Forderung, bis 2025 die VSE auszurufen. ;) Für eine gute Analyse würde ich persönlich aber eher Ivan Krastevs "After Europe" (dt. "Europadämmerung") empfehlen. Guérot verstrickt sich gerne in Widersprüche und versucht vom Kleinen aufs Ganze zu schließen (sinngemäß "es gibt eine beispielhafte Facebook-Gruppe, in der ...") statt das große Ganze zu untersuchen, um zu verstehen, warum das Kleine auftritt.
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon schelm » Fr 15. Dez 2017, 10:17

frems hat geschrieben:(14 Dec 2017, 17:53)

Naja, jemand wirft hier nachweisliche Falschbehauptungen am laufenden Band rein
, aber wenn man sie widerlegt, will man nichts davon wissen und springt zum nächsten Thema. Das wirkt alles sehr vorgeschoben und die Aversion wohl eher ein Bauchgefühl zu sein. Damit kann man gewiss eher schlecht diskutieren, wenn man es nicht artikulieren kann. Dir auch angenehme Träume von den vermeintlich wichtigsten Themen und den ominösen Entwicklungen in "Afrika". Mein kleiner Ratschlag: sich nicht so wichtig nehmen. Mich interessieren auch Themenfelder, die bspw. bei den jüngsten Bundestagswahlen nahezu unbedeutend waren. Muss man mit leben und nicht anmaßend über ein ganzes Land oder einen Kontinenten und seine Einwohner urteilen.

Ja, bspw. jene, es gäbe keine Masseneinwanderung über das Asylrecht, sondern nur temporären Schutz. Prognosen über die demografische Entwicklung die sich daraus ergeben, werden als " Horrormärchen " diskreditiert.


Hinweis an den User mit dringender Bitte, diesen zu beachten:

In diesem Strang ist dein Thema "Masseneinwanderung" fachlich falsch verortet und damit Spam - Es gibt in diesem Forum genügen Stränge in denen Du ausführlich Deine Ängste und Befürchtungen darstellen kannst, aber eben nicht hier.
Weitere Zuwiderhandlungen werden mit Sanktionen belegt.
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon Sextus Ironicus » Fr 15. Dez 2017, 12:32

schokoschendrezki hat geschrieben:(15 Dec 2017, 09:30)

Dass die Politik zunehmend zum "Geschäft" wurde ... daran hatten nicht nur einige "Bürokraten" einen Anteil. In den 90er Jahren, dem Arschgeweih-Jahrzehnt war diese Zockermentalität absolut populär. Vor allem die zweite Hälfte. Sie endeten mit den Kabinetten I und II des hämisch lachenden Gerhard Schröder.


Ich glaube insgesamt kann man es nicht nur an irgendwelchen Namen festmachen. Als in Frankreich die europäische Verfassung abgelehnt wurde, hätte man sich neu aufstellen müssen. Was seitdem geschah, ist purer Trotz, pures Wursteln. Und im Augenblick befindet sich Europa sowieso in Geiselhaft der deutschen Koalitionsverhandlungen.
… habe ich mich sorgsam bemüht, menschliche Tätigkeiten nicht zu verlachen, nicht zu beklagen und auch nicht zu verdammen, sondern zu begreifen. (Spinoza)
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon pikant » Fr 15. Dez 2017, 12:38

Sextus Ironicus hat geschrieben:(15 Dec 2017, 12:32)

Ich glaube insgesamt kann man es nicht nur an irgendwelchen Namen festmachen. Als in Frankreich die europäische Verfassung abgelehnt wurde, hätte man sich neu aufstellen müssen. Was seitdem geschah, ist purer Trotz, pures Wursteln. Und im Augenblick befindet sich Europa sowieso in Geiselhaft der deutschen Koalitionsverhandlungen.


zu Ihrer Info:
In Deutschland gibt es noch keine Koalitionsverhandlungen und die geschaeftsfuehrende Regierung ist in Europa voll handlungsfaehig.
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon Sextus Ironicus » Fr 15. Dez 2017, 12:49

pikant hat geschrieben:(15 Dec 2017, 12:38)

zu Ihrer Info:
In Deutschland gibt es noch keine Koalitionsverhandlungen


Richtig, noch schlimmer also. Noch nicht einmal das. Und die Fähigkeit, handeln zu können, sagt nichts aus über die Bereitschaft, angesichts der koalitionären Unsicherheiten auch handeln zu wollen. Und ich glaube das ist unstrittig, dass die gegenwärtige Regierung vor Abschluss von Koalitionsverhandlungen (egal, ob die dann scheitern oder erfolgreich sind) keine weitreichenden Grundsatzentscheidungen trifft.

In der aktuellen ZEIT ist ein hübsches Schulz-Artikelchen zum Thema Europa:

http://www.zeit.de/2017/52/europa-zukunft-eu-reform-martin-schulz
… habe ich mich sorgsam bemüht, menschliche Tätigkeiten nicht zu verlachen, nicht zu beklagen und auch nicht zu verdammen, sondern zu begreifen. (Spinoza)
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon pikant » Fr 15. Dez 2017, 12:54

Sextus Ironicus hat geschrieben:(15 Dec 2017, 12:49)

Richtig, noch schlimmer also. Noch nicht einmal das. Und die Fähigkeit, handeln zu können, sagt nichts aus über die Bereitschaft, angesichts der koalitionären Unsicherheiten auch handeln zu wollen. Und ich glaube das ist unstrittig, dass die gegenwärtige Regierung vor Abschluss von Koalitionsverhandlungen (egal, ob die dann scheitern oder erfolgreich sind) keine weitreichenden Grundsatzentscheidungen trifft.



dazu hat eine deutsche Regierung nicht das Recht - Grundsatzentscheidungen faellt immer der Bundestag und Bundesrat - eine Regierung ist dann das ausfuehrende Organ und ja eine Regierung kann auch Gesetzesentwuerfe in den Bundestag einbringen und das ist unabhaengig davon, ob man geschaeftsfuehrend oder nicht im Amt ist.

Grundsatzentscheidungen sind uebrigens auch diese Woche im Bundestag getroffen worden, was die Auslaendseinsaetze unserer Soldaten betrifft.

eine geschaeftsfuehrende Bundesregierung ist voll handlungsfaehig mit faktisch den gleichen Rechten als eine normale Bundesregierung - gibt nur 2 Ausnahmen - Misstrauensvotum ist nicht moeglich und Minister duerfen ausserhalb der Bundesregierung nicht ernannt werden - Pikant klaert gerne ueber unsere Verfassung auf :)
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon H2O » Sa 16. Dez 2017, 10:19

pikant hat geschrieben:(15 Dec 2017, 12:54)

dazu hat eine deutsche Regierung nicht das Recht - Grundsatzentscheidungen faellt immer der Bundestag und Bundesrat - eine Regierung ist dann das ausfuehrende Organ und ja eine Regierung kann auch Gesetzesentwuerfe in den Bundestag einbringen und das ist unabhaengig davon, ob man geschaeftsfuehrend oder nicht im Amt ist.

Grundsatzentscheidungen sind uebrigens auch diese Woche im Bundestag getroffen worden, was die Auslaendseinsaetze unserer Soldaten betrifft.

eine geschaeftsfuehrende Bundesregierung ist voll handlungsfaehig mit faktisch den gleichen Rechten als eine normale Bundesregierung - gibt nur 2 Ausnahmen - Misstrauensvotum ist nicht moeglich und Minister duerfen ausserhalb der Bundesregierung nicht ernannt werden - Pikant klaert gerne ueber unsere Verfassung auf :)


Vielen Dank für diese Erklärungen! Dann läge es doch nahe, daß Herr Schulz oder seine Partei im bestehenden Bundestag schon einmal das Thema "Vereinigte Staaten von Europa" anschöbe, damit die europafreundlichen Parteien des Bundestags schon einmal zu Gegenvorschlägen Gelegenheit bekämen. Ich halte diese Zurückhaltung im Bundestag für Arbeitsverweigerung! Ich hätte auch nichts dagegen, wenn DIE GRÜNEN oder die Union das Thema öffentlich bewegten.
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon Julian » Sa 16. Dez 2017, 10:37

Sextus Ironicus hat geschrieben:(15 Dec 2017, 12:49)
In der aktuellen ZEIT ist ein hübsches Schulz-Artikelchen zum Thema Europa:

http://www.zeit.de/2017/52/europa-zukunft-eu-reform-martin-schulz


Könnte Schulz wirklich so dumm sein, dass er das Anfang vom Ende der EU bereitet? Aus dem Artikel:

Schulz will die Vereinigten Staaten von Europa, mit einer eigenen Verfassung – bis spätestens 2025, und wer es bis dahin nicht schaffe, der solle den Bund, bitte schön, verlassen. Die Franzosen haben vor gut zehn Jahren über eine solche Verfassung abgestimmt. Sie fiel durch, und die EU ist daran fast zerbrochen. Seither hat die Begeisterung für Europa in den meisten Mitgliedsstaaten nicht unbedingt zugenommen, eher im Gegenteil. Polen und Tschechen, aber auch Letten und Litauer jedenfalls würden dem wohl nur unter Androhung von Zwangsmitteln aus Brüssel zustimmen. So vermischt sich in den europapolitischen Plänen des Martin Schulz das Visionäre mit dem Autoritären.


Eine erstaunliche Kritik, die die ZEIT hier äußert. Und in der Tat wird sich Schulz noch wundern, auf welche Reaktionen er in anderen europäischen Ländern stößt. Wenn da nicht mal einige Länder den britischen Weg einschlagen, wenn der Bogen überspannt wird und die Länder zu ihrem Glück gezwungen werden sollen!

Österreich beispielsweise könnte eine EU-kritische Außenministerin bekommen, die ehemalige Diplomatin und Juristin, Arabistin und Journalistin Karin Kneissl. Der künftige Kanzler Kurz möchte deswegen EU-Themen vornehmlich im Kanzleramt bei sich bündeln - dennoch aber könnte Österreich auf einem ähnlichen Weg wie beispielsweise Dänemark oder Tschechien sein.
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon Wähler » Sa 16. Dez 2017, 11:56

http://www.euractiv.de/section/binnenma ... en-budget/
Euractiv 14. Dezember In der geschäftsführenden Bundesregierung sind Meinungsverschiedenheiten über die geeigneten Wege für eine Reform der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion offen zutage getreten
So plädiere das Haus von Ministerin Brigitte Zypries offen für einen Euro-Finanzminister, ein Eurozonen-Budget und eine Reform des Stabilitätspaktes. Zypries stellt sich damit kurz vor dem Eurogipfel auf die Seite von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der diesen Ansatz seit Monaten am lautesten vertritt.
„Für eine krisenfestere und zukunftsfähigere Euro-Zone brauchen wir eine kluge Kombination aus marktorientierten Reformen und jenen Ansätzen, die eine stärkere Risikoteilung und mehr Solidarität unter den Mitgliedsstaaten der Euro-Zone beinhalten“, zitierte die Zeitung das Papier.

Eine Diskussion über die Europapolitik Deutschlands ist endlich im 3. Kabinett Merkel angekommen, der Bundestagswahl sei Dank.
Zeitungstexte bei Genios mit Bibliotheksausweis kostenlos: https://www.wiso-net.de/login?targetUrl=%2Fdosearch (Zugang auch bundesweit)
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon unity in diversity » Sa 16. Dez 2017, 12:03

Wähler hat geschrieben:(16 Dec 2017, 11:56)

http://www.euractiv.de/section/binnenma ... en-budget/
Euractiv 14. Dezember In der geschäftsführenden Bundesregierung sind Meinungsverschiedenheiten über die geeigneten Wege für eine Reform der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion offen zutage getreten

Eine Diskussion über die Europapolitik Deutschlands ist endlich im 3. Kabinett Merkel angekommen, der Bundestagswahl sei Dank.

Merkel und Schulz riskieren den Zerfall der EU in Nord und Süd und in Ost und West.
Wie es Donald Tusk zutreffend beschrieben hat.
Was wird Macron dagegen unternehmen?
"Für jedes Problem gibt es 2 Lösungsansätze.
Den Falschen und den Unsrigen."
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon Wähler » Sa 16. Dez 2017, 13:32

Wähler hat geschrieben:(16 Dec 2017, 11:56)
http://www.euractiv.de/section/binnenma ... en-budget/
Euractiv 14. Dezember In der geschäftsführenden Bundesregierung sind Meinungsverschiedenheiten über die geeigneten Wege für eine Reform der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion offen zutage getreten
Eine Diskussion über die Europapolitik Deutschlands ist endlich im 3. Kabinett Merkel angekommen, der Bundestagswahl sei Dank.

unity in diversity hat geschrieben:(16 Dec 2017, 12:03)
Merkel und Schulz riskieren den Zerfall der EU in Nord und Süd und in Ost und West.
Wie es Donald Tusk zutreffend beschrieben hat.
Was wird Macron dagegen unternehmen?

Ich habe zwei italienische, zwei französische Neffen und Nichten und mehrere belgische und französische Großneffen und Großnichten. Es geht also mit Europa irgendwie weiter, völlig unabhängig davon, was unsere Generation für politische Fehler macht.
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon frems » Sa 16. Dez 2017, 13:39

Julian hat geschrieben:(16 Dec 2017, 10:37)
Eine erstaunliche Kritik, die die ZEIT hier äußert.

Ja, mit der Pressefreiheit haderst Du wohl noch heute :p Nicht die Zeit äußert etwas, sondern ein unerfahrener Journalist, der alle paar Tage Artikel dieser Art raushaut.

unity in diversity hat geschrieben:Merkel und Schulz riskieren den Zerfall der EU in Nord und Süd und in Ost und West.
Wie es Donald Tusk zutreffend beschrieben hat.
Was wird Macron dagegen unternehmen?

Die Frage wäre doch, wann Du die Russenpropaganda unterlässt. Vor wenigen Tagen kam genau das selbe Gesülze, Schulz hätte damals in Brüssel Europa massiv geschadet. Wenn man nach konkreten Amtshandlungen fragt, kommt wie gewohnt nichts. Warst Du auch NVA-Presseoffizier oder so? :?:
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon unity in diversity » Sa 16. Dez 2017, 13:40

Wähler hat geschrieben:(16 Dec 2017, 13:32)

Ich habe zwei italienische, zwei französische Neffen und Nichten und mehrere belgische und französische Großneffen und Großnichten. Es geht also mit Europa irgendwie weiter, völlig unabhängig davon, was unsere Generation für politische Fehler macht.

Agree.
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon unity in diversity » Sa 16. Dez 2017, 13:54

frems hat geschrieben:(16 Dec 2017, 13:39)

Ja, mit der Pressefreiheit haderst Du wohl noch heute :p Nicht die Zeit äußert etwas, sondern ein unerfahrener Journalist, der alle paar Tage Artikel dieser Art raushaut.


Die Frage wäre doch, wann Du die Russenpropaganda unterlässt. Vor wenigen Tagen kam genau das selbe Gesülze, Schulz hätte damals in Brüssel Europa massiv geschadet. Wenn man nach konkreten Amtshandlungen fragt, kommt wie gewohnt nichts. Warst Du auch NVA-Presseoffizier oder so? :?:

Wenn sie als Pulse of Europe Schnösel weiterhin so dumm argumentieren, tragen SIE die Verantwortung für den weiteren Zerfall von Europa.
Fähnchen und die Europahymne sind keine Standortpolitik.
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon frems » Sa 16. Dez 2017, 14:06

unity in diversity hat geschrieben:(16 Dec 2017, 13:54)

Wenn sie als Pulse of Europe Schnösel weiterhin so dumm argumentieren, tragen SIE die Verantwortung für den weiteren Zerfall von Europa.
Fähnchen und die Europahymne sind keine Standortpolitik.

Also kommen weiterhin keine Fakten, sondern nur wirre Behauptungen. Wie kommt's eigentlich, dass Unwissen über und Hass auf Europa stets Hand in Hand gehen? :?:
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