Quo Vadis, Europa?

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frems
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon frems » So 17. Dez 2017, 20:11

Julian hat geschrieben:(17 Dec 2017, 19:59)
Wie es aussieht, erhält Großbritannien nun die Möglichkeit, die meisten Vorteile der EU zu behalten, ohne die gravierenden Nachteile - da werden sich so manch andere Länder fragen, warum sie überhaupt noch dabei sind.

Verfolgst Du überhaupt die Verhandlungen? Erst vor wenigen Tagen war klar, dass die Briten fast die von der EU vorgeschlagene Summe bezahlen werden. Nach dem Brexit werden sie mind. zwei Jahre weiterhin alle EU-Gesetze übernehmen, aber dürfen nicht mehr mitbestimmen. Rechte der Europäer in Großbritannien sollen auch gesetzlich garantiert werden. Und an einem auflodernden Konflikt an der irisch-nordirischen Grenze hat London auch kein Interesse, weshalb möglicherweise Nordirland faktisch in der EU bleibt. Ein Handelsabkommen für die Zeit danach gibt's noch nicht, die Rolle des EuGH ist nicht geklärt und auch nicht der Preis, den die Briten hierfür zahlen müssen -- als schwächerer Verhandlungspartner, der nicht die Regeln macht. Deshalb rotieren viele Brexiteers ja auch entsprechend. Da müsste schon noch ein Wunder geschehen, damit es in diese Richtung ("meisten Vorteile behalten, ohne gravierende Nachteile") noch geht. Kannst ja mal die britische Presse lesen, falls Du Englisch halbwegs beherrschen solltest. Dann kannst Du Dich auch mal fragen, wie ein Johnson ("go whistle"), ein Davis ("we won't be paying the money") oder ein Hammond ("the enemy [EU]") ankommt, wenn sie herumpoltern. Da hast Du Arroganz in Reinkultur. Immerhin muss man den Briten eins lassen: sie haben gut etwas gegen die Spaltung Europas unternommen. Das Gehetze gegen Osteuropäer hat viele einstige Verbündete vertrieben. Schon Camerons Alleingänge haben Freunde in Polen und Ungarn 2014 verschreckt bevor die Brexit-Debatte losging. Und die EU fand in wenigen Stunden einen gemeinsamen Kurs mit entsprechenden Positionen und Forderungen. Und die Briten? Neuwahlen, ständig wechselnde Standpunkte, Abhängigkeit von einem radikalen Koalitionspartner und an jeder Ecke wird versucht, May zu stürzen, weil sie als zu schwach gesehen wird. So vieles hat man anfangs abgelehnt und knickt nach und nach ein. Aber London scheint zu erkennen, dass man diplomatisch verhandeln muss und nicht einfach als schwaches Land anderen die Deals diktieren kann. Damit flog man ja schon in Japan, Australien, Indien, Kanada etc. auf die Klappe. Willkommen im 21. Jahrhundert.
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon Woppadaq » So 17. Dez 2017, 20:13

Julian hat geschrieben:(17 Dec 2017, 19:59)

Wie es aussieht, erhält Großbritannien nun die Möglichkeit, die meisten Vorteile der EU zu behalten, ohne die gravierenden Nachteile - da werden sich so manch andere Länder fragen, warum sie überhaupt noch dabei sind.


Mitbestimmung ist also ein gravierender Nachteil? Der ungebremste Zuzug von Ausländern ein Vorteil?
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Hyde
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon Hyde » Mo 18. Dez 2017, 07:49

frems hat geschrieben:(13 Dec 2017, 11:57)
Funktioniert in vielen großen Ländern.


Welche Länder sind das, in denen der Durchschnittslohn der Bevölkerung in einer Region ca das Zehnfache von anderen Regionen des Landes beträgt?
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon Hyde » Mo 18. Dez 2017, 07:55

Woppadaq hat geschrieben:(17 Dec 2017, 20:13)

Mitbestimmung ist also ein gravierender Nachteil? Der ungebremste Zuzug von Ausländern ein Vorteil?


Ich hab diese Argumentation der Brexit-Befürworter mit dem Zuzug von EU-Ausländern eh nie verstanden. Als ob Polen, Spanier oder andere Europäer das Problem von Integration und Einwanderung wären.

Der Zuzug aus Ländern wie Pakistan, Bangladesch, Nigeria oder anderen Ländern des Commonwealth nach UK wird sich durch den Brexit jedenfalls nicht verringern. Im Gegenteil, der Anteil der Einwanderer aus diesen doch fremden Kulturen nach Großbritannien wird sich sogar erhöhen, da nun nicht mehr so viele Europäer unter den UK-Einwanderern sein werden.
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon H2O » Mo 18. Dez 2017, 08:13

Charles hat geschrieben:(17 Dec 2017, 19:44)

Vom Prinzip her eigentlich keine so schlechte Idee. Man könnte sich eine Gemeinschaft aus Grossbritannien, Polen, Ungarn, Tschechien, Slowakei und Österreich vorstellen. Vielleicht kommt Finnland noch dazu. Und wenn Juncker die Dänen und Schweden zur Einführung des Euro zwingen will, könnten die sich dem neuen, liberaleren Europa vielleicht auch anschliessen.

Deutschland und Frankreich könnten dann zusammen mit Benelux und den Pleitestaaten in Südeuropa die übrige EU bilden.


Fände ich auch vernünftig; so behielte Deutschland seine Westorientierung, und es gäbe einen Puffer nach Osten. Die EFTA ist schon einmal in die Knie gegangen, mit genau den Partnern. Das übt! Liberales Europa, das sich in das 19. Jahrhundert zurück versetzt :?
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon H2O » Mo 18. Dez 2017, 08:18

Julian hat geschrieben:(17 Dec 2017, 19:59)

Nein, kann ich nicht. Ich denke, dass nicht einmal Schulz das könnte, denn im wesentlichen geht es für ihn um das politische Überleben.

Die Idee mit Europa hatte er wohl, weil er sich in eine Sackgasse manövriert hat. So versucht er nun eben, seine vermeintliche Kompetenz als Europapolitiker auszuspielen. In Deutschland lässt sich damit möglicherweise in bestimmten Kreisen eine kurzfristige Euphorie, ein Strohfeuer anheizen, das die SPD zunächst einmal weiterträgt.

Dass er damit Europa spalten könnte, kommt Herrn Schulz nicht in den Sinn. Wie es aussieht, erhält Großbritannien nun die Möglichkeit, die meisten Vorteile der EU zu behalten, ohne die gravierenden Nachteile - da werden sich so manch andere Länder fragen, warum sie überhaupt noch dabei sind.

Dänemark war schon immer anglophil eingestellt und schaut zur Orientierung viel eher nach London als nach Berlin. Auch Tschechien hat sich zu einem EU-kritischen Land entwickelt, für das London einen wichtigen Bezugspunkt darstellt. Von einem als arrogant empfundenen deutschen Politiker lässt man sich dort gewiss nichts sagen.


Tja, wenn Herrn Schulz Gedanken zu denn "Vereinigten Staaten von Europa" so gründlich überlegt sind wie seine Gedanken zum Thema "Gerechtigkeit" im Wahlkampf, dann hat sich die SPD aber einen Vorsitzenden gegönnt, der überhaupt keinen Plan hat! Das möchte ich erst einmal nicht glauben! Reden die Leute denn nicht kritisch miteinander? :?
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Re: Quo Vadis, Europa?

Beitragvon Wähler » Sa 23. Dez 2017, 11:42

http://www.euractiv.de/section/eu-innen ... oritaeten/
Euractiv 20. Dezember Europas Präsidenten setzen Prioritäten
Für 2018 haben sich die drei Präsidenten auf sieben prioritäre Bereiche verständigt: Sicherheit, Migration, Wachstum und Investitionen, soziale Dimension, Digitalisierung, Energieunion und demokratische Legitimierung. Angesprochen werden zudem, etwas weniger prioritär, Themen wie Handelspolitik, Bekämpfung von Steuerflucht und Datenschutz. Die Liste ist nicht überraschend, spiegelt sie doch die wesentlichen EU-Themen dieser Zeit. Unerwartet kommt hingegen die Nicht-Nennung der viel diskutierten Eurozonen-Reform, über die eigentlich Mitte 2018 entschieden werden soll.

Die EU hat aus dem Krisenmodus herausgefunden. Die Eurozonen-Reform drängt von daher nicht. Auch in Deutschland lässt man sich Zeit mit der Regieurungsbildung. Die sogenannten Nationalpopulisten werden wohl davon profitieren. Zuviel Komplexität scheint die Wähler und Bürger überall zu überfordern.
siehe auch:
https://www.politico.eu/article/emmanue ... eu-summit/
http://www.sueddeutsche.de/politik/euro ... -1.3799431
Zeitungstexte bei Genios mit Bibliotheksausweis kostenlos: https://www.wiso-net.de/login?targetUrl=%2Fdosearch (Zugang auch bundesweit)

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