Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Moderator: Moderatoren Forum 3

Benutzeravatar
Eiskalt
Beiträge: 2159
Registriert: Mi 2. Dez 2009, 11:05
Benutzertitel: Der Staat bin ich

Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon Eiskalt » Di 31. Jul 2018, 09:36

zollagent hat geschrieben:(30 Jul 2018, 19:35)

Das werden solche Leute erst merken, wenn sie mal selbst betroffen sind. Mir fällt da immer Pastor Niemöller und sein geflügeltes Wort ein:


:thumbup:
Memento mori
-Römisches Sprichwort
Benutzeravatar
H2O
Moderator
Beiträge: 20893
Registriert: So 13. Sep 2015, 12:49

Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon H2O » Di 31. Jul 2018, 10:35

Sie betonen hier die mitmenschliche Seite, die durch Abschaffung der Gewaltenteilung und Rechtswillkür Schaden nimmt. Das könnte für die Polen eine sehr schmerzhafte Erfahrung werden, schon sehr klar!

Aber was noch härter zu Buche schlägt, das wird die Rechtsunsicherheit auf dem Gebiet der wirtschaftlichen Zusammenarbeit sein. Man stelle sich vor, ein Unternehmer aus Frankreich baut in Polen eine große Molkerei auf, die durch Käse und andere Produkte mit französischem know-how einen guten Marktanteil erringt. Dann liegt es nahe, daß ein polnischer Wettbewerber solche Entwicklung mit Sorge sieht. Und er könnte anfangen, politisch zu wirken, um ein Gerichtsverfahren gegen diesen Wettbewerber wegen ...was weiß ich denn?... an zu strengen. Was kann dieser französische Unternehmer tun, um solchen konzentrierten parteipolitisch-wirtschaftlichen Machenschaften zu entgehen? Am Ende werden seine Verfahrenskosten höher sein als sein Gewinn aus unternehmerischer Tätigkeit in Polen... und er streicht die Segel.

Dieses sehr oberflächliche Beispiel ließe sich auf Feldern mit politischen Inhalten (Medien) noch schneller umsetzen. Will sagen: Die Regierungen werden sich am Ende zerstreiten, Unternehmer setzen Geld zu... und bleiben lieber in ihrem Lande, um sich dort redlich zu nähren.
Benutzeravatar
Orbiter1
Beiträge: 2582
Registriert: Fr 23. Feb 2018, 13:25

Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon Orbiter1 » Fr 7. Sep 2018, 12:27

Der "polnische Macron", Robert Biedron, steigt wieder auf Landesebene in die Politik ein und hat dazu eine Bewegung gegründet.

"Über seine Social-Media-Kanäle, mit denen er allein mehr Menschen erreicht als die beiden grössten Parteien des Landes zusammen, baute er unter dem Hashtag #CzasDecyzij (Zeit der Entscheidung) tagelang Spannung auf. In einem fast vierminütigen Video verkündete er dann, Polen brauche eine Überwindung der Spaltung und eine echte Alternative zu den dominierenden politischen Kräften. Es folgten eine Pressekonferenz unter freiem Himmel in Warschau, Fernseh- und Radiointerviews." Quelle: https://www.nzz.ch/international/wahlen ... ld.1417506

Auch wenn er viel Wind macht, vor einem schwulen Atheisten muß sich die PiS nicht fürchten. Sollte er wider Erwarten doch gefährlich werden wird man Mittel und Wege finden ihn zu diskreditieren und mundtot zu machen. Polen ist nach meiner Einschätzung bereits verloren.
Benutzeravatar
H2O
Moderator
Beiträge: 20893
Registriert: So 13. Sep 2015, 12:49

Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon H2O » Fr 7. Sep 2018, 20:34

Orbiter1 hat geschrieben:(07 Sep 2018, 13:27)

Der "polnische Macron", Robert Biedron, steigt wieder auf Landesebene in die Politik ein und hat dazu eine Bewegung gegründet.

"Über seine Social-Media-Kanäle, mit denen er allein mehr Menschen erreicht als die beiden grössten Parteien des Landes zusammen, baute er unter dem Hashtag #CzasDecyzij (Zeit der Entscheidung) tagelang Spannung auf. In einem fast vierminütigen Video verkündete er dann, Polen brauche eine Überwindung der Spaltung und eine echte Alternative zu den dominierenden politischen Kräften. Es folgten eine Pressekonferenz unter freiem Himmel in Warschau, Fernseh- und Radiointerviews." Quelle: https://www.nzz.ch/international/wahlen ... ld.1417506

Auch wenn er viel Wind macht, vor einem schwulen Atheisten muß sich die PiS nicht fürchten. Sollte er wider Erwarten doch gefährlich werden wird man Mittel und Wege finden ihn zu diskreditieren und mundtot zu machen. Polen ist nach meiner Einschätzung bereits verloren.


Ein Vergleich mit dem Aufsteiger Macron fällt aber sehr schmeichelhaft für Herrn Biedron aus. In seiner Antritt mit "en marche" hatte Macron ein ausgearbeitetes Paket von Änderungen, mit denen er Frankreich wieder in die Spur bringen will. Daran wird er auch gemessen werden, falls er sich zur Wiederwahl stellen wird.

Die PiS hatte auch ein Programm vorgelegt, das sie nun Schritt für Schritt umsetzt. Nur die Härte, mit der die PiS ihr Programm auf den Weg bringt, ist erschreckend.

Wo ist aber das Gegenprogramm des "polnischen Macrons"? "So nicht" reicht dazu nicht so ganz. So weit ich diese Leute der Opposition beobachte, sind das mehr oder weniger Selbstdarsteller ohne erkennbaren Plan. Darum wurde aus den Protesten gegen umstrittene Änderungen keine politische Kraft. Die ist friedlich entschlummert. Kein Wunder, daß die PiS trotz ihrer Hemdsärmeligkeit immer noch hohe Zustimmung genießt.
Benutzeravatar
Orbiter1
Beiträge: 2582
Registriert: Fr 23. Feb 2018, 13:25

Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon Orbiter1 » Fr 19. Okt 2018, 16:44

Auf die Reaktion der PiS-Regierung darf man gespannt sein. Akzeptieren sie das Urteil oder ignorieren sie es einfach. Ich tippe auf ignorieren und einen Hinweis auf die Nichteinmischung in innerpolnische Angelegenheitein.

"Polen muss Zwangspensionierung von Richtern stoppen. Empfindliche Schlappe für Polen: Das höchste Gericht der EU erlässt im Streit um die Rechtsstaatlichkeit in dem Land eine einstweilige Anordnung gegen das Land." Quelle: https://amp.tagesspiegel.de/politik/eug ... 09236.html
Benutzeravatar
H2O
Moderator
Beiträge: 20893
Registriert: So 13. Sep 2015, 12:49

Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon H2O » Fr 19. Okt 2018, 22:10

Orbiter1 hat geschrieben:(19 Oct 2018, 17:44)

Auf die Reaktion der PiS-Regierung darf man gespannt sein. Akzeptieren sie das Urteil oder ignorieren sie es einfach. Ich tippe auf ignorieren und einen Hinweis auf die Nichteinmischung in innerpolnische Angelegenheitein.

"Polen muss Zwangspensionierung von Richtern stoppen. Empfindliche Schlappe für Polen: Das höchste Gericht der EU erlässt im Streit um die Rechtsstaatlichkeit in dem Land eine einstweilige Anordnung gegen das Land." Quelle: https://amp.tagesspiegel.de/politik/eug ... 09236.html


Der polnische Minister für Justiz und zugleich Generalstaatsanwalt Zbignew Ziobro gehört nicht der PiS an, sondern der EU-skeptischen nationalkonservativen Solidarna Polska. Aber niemand kann sagen, daß er die Demontage der Gewaltenteilung und der Unabhägigkeit der Justiz gegen den Willen der PiS voran getrieben hat. Staatspräsident Duda hat die Gesetze alle bestätigt, die mit Mehrheit im Sejm erlassen wurden.

Diese Regierung bereitet den Weg zum Austritt Polens (POLEXIT) aus der EU... schreibt Rzeczpospolita. Man muß sehen, daß diese Feindseligkeiten gegen die EU bei 87% Zustimmung zur EU der im September 2018 befragten Polen kaltschnäuzig vom Zaun gebrochen werden.

Die einstweilige Anordnung des EuGH kommt gerade rechtzeitig vor den Wahlen zu den Regionalparlamenten, die am kommenden Sonntag, 21. Oktober 2018, abgehalten werden. Da dürften in politisch interessierten Kreisen die Wogen der Erregung hoch schlagen!

In einem Gespräch mit der Rzeczpospolita hat Minister Ziobro ganz klar ausgeführt, daß Polen als Mitglied der EU die einstweilige Anordnung des EuGH befolgen wird.

In einem anderen Pressegespräch kündigte der Wahlkämpfer und PiS-Parteiführer Kaczyński an, gegen das nachfolgende Urteil des EuGH Berufung einlegen zu wollen.
Benutzeravatar
Orbiter1
Beiträge: 2582
Registriert: Fr 23. Feb 2018, 13:25

Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon Orbiter1 » Mi 24. Okt 2018, 07:28

Aus dem Rauswurf-Thread rübergeholt.

H2O hat geschrieben:(23 Oct 2018, 14:44)

Ich würde mich nicht wundern, wenn die polnische Regierung sehr bald das Gespräch mit der EU und mit Deutschland sucht. Präsident Duda ist heute zu Gast bei Präsident Steinmeier zur Feier von 100 Jahren polnischer Unabhängigkeit. Beide besuchen ein Festkonzert im Theater an Gendarmenmarkt in Berlin. Solche Ehrungen werden in Polen nicht ihre Wirkung verfehlen!
Hier in Deutschland hat dieser Festakt ganz sicher nicht seine Wirkung verfehlt. Erst kam es wegen Nordstream II zu einem Brüllduell und dann hat Präsident Duda klar gestellt was er unter einer feierlichen Ansprache versteht.

"Duda ist weniger diplomatisch. Er schildert die aktuellen Beziehungen zur Europäischen Union so, als sei die EU nur eine neue Form von Fremdherrschaft nach den Polnischen Teilungen, dem Überfall Nazideutschlands auf Polen und der langen Zwangszugehörigkeit zum Ostblock. „Wir haben gegen die Teilungen aufbegehrt, wir haben die Eigenstaatlichkeit errungen. Das war wie ein Wunder. Wenn andere uns ihre Lösungen aufzwingen wollen, dann wehren wir uns – dann reagieren wir stur. Das Konzert der Großmächte endete immer schlecht für Polen.“

Steinmeier korrigiert diese Geschichtslektion, zunächst freundlich. Die EU sei ein freiwilliger Zusammenschluss und nicht nur eine Wirtschafts-, sondern auch eine Rechtsgemeinschaft .... Duda jedoch bleibt bei seiner Linie, Polen als Opfer europäischer Übergriffigkeit darzustellen. Er benutzt Argumente, die auf hörbaren Protest eines Gutteils der mehreren hundert Gäste des Forums treffen. Es habe doch Gründe, dass die Briten die EU verlassen wollen. „Die Briten lassen sich keine Fremdherrschaft gefallen“, sagt Duda. ....

Duda bleibt auf Konfrontationskurs. Die EU-Reaktion auf Polens Justizreform sei wieder so ein Eingriff, wo Polen nur „stur“ reagieren könne. Noch heute seien in Polen Richter im Amt, die vor 1989 an Unrechtsurteilen gegen Menschen beteiligt waren, die gegen die kommunistische Diktatur protestierten, behauptet er. .... Und zum Hinweis, dass populäre Programme der staatlichen Medien wie der Radiosender „Trojka“ am Samstag nicht einmal über das Urteil des EuGH gegen Polen berichtet hatten, sagt Duda nur: „Ich unterdrücke keine Nachrichten.“ Der Saal antwortet mit Gelächter. Der Eingriff der PiS in die Unabhängigkeit des öffentlichen Rundfunks trifft schließlich ebenfalls auf Bedenken der EU." Quelle: https://amp.tagesspiegel.de/politik/100 ... 22144.html

Auf die Teilnahme an solchen Festakten wird die deutsche Seite in Zukunft hoffentlich verzichten. Und die polnische Regierung sollte endlich den Antrag zum EU-Austritt stellen damit sie nicht länger die EU-Fremdherrschaft erdulden müssen.
Benutzeravatar
H2O
Moderator
Beiträge: 20893
Registriert: So 13. Sep 2015, 12:49

Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon H2O » Mi 24. Okt 2018, 07:40

Orbiter1 hat geschrieben:(24 Oct 2018, 08:28)

Aus dem Rauswurf-Thread rübergeholt.

Hier in Deutschland hat dieser Festakt ganz sicher nicht seine Wirkung verfehlt. Erst kam es wegen Nordstream II zu einem Brüllduell und dann hat Präsident Duda klar gestellt was er unter einer feierlichen Ansprache versteht.

"Duda ist weniger diplomatisch. Er schildert die aktuellen Beziehungen zur Europäischen Union so, als sei die EU nur eine neue Form von Fremdherrschaft nach den Polnischen Teilungen, dem Überfall Nazideutschlands auf Polen und der langen Zwangszugehörigkeit zum Ostblock. „Wir haben gegen die Teilungen aufbegehrt, wir haben die Eigenstaatlichkeit errungen. Das war wie ein Wunder. Wenn andere uns ihre Lösungen aufzwingen wollen, dann wehren wir uns – dann reagieren wir stur. Das Konzert der Großmächte endete immer schlecht für Polen.“

Steinmeier korrigiert diese Geschichtslektion, zunächst freundlich. Die EU sei ein freiwilliger Zusammenschluss und nicht nur eine Wirtschafts-, sondern auch eine Rechtsgemeinschaft .... Duda jedoch bleibt bei seiner Linie, Polen als Opfer europäischer Übergriffigkeit darzustellen. Er benutzt Argumente, die auf hörbaren Protest eines Gutteils der mehreren hundert Gäste des Forums treffen. Es habe doch Gründe, dass die Briten die EU verlassen wollen. „Die Briten lassen sich keine Fremdherrschaft gefallen“, sagt Duda. ....

Duda bleibt auf Konfrontationskurs. Die EU-Reaktion auf Polens Justizreform sei wieder so ein Eingriff, wo Polen nur „stur“ reagieren könne. Noch heute seien in Polen Richter im Amt, die vor 1989 an Unrechtsurteilen gegen Menschen beteiligt waren, die gegen die kommunistische Diktatur protestierten, behauptet er. .... Und zum Hinweis, dass populäre Programme der staatlichen Medien wie der Radiosender „Trojka“ am Samstag nicht einmal über das Urteil des EuGH gegen Polen berichtet hatten, sagt Duda nur: „Ich unterdrücke keine Nachrichten.“ Der Saal antwortet mit Gelächter. Der Eingriff der PiS in die Unabhängigkeit des öffentlichen Rundfunks trifft schließlich ebenfalls auf Bedenken der EU." Quelle: https://amp.tagesspiegel.de/politik/100 ... 22144.html

Auf die Teilnahme an solchen Festakten wird die deutsche Seite in Zukunft hoffentlich verzichten. Und die polnische Regierung sollte endlich den Antrag zum EU-Austritt stellen damit sie nicht länger die EU-Fremdherrschaft erdulden müssen.


Diese Unfreundlichkeit wird den Präsidenten das Amt kosten, wenn in den unabhängigen Medien der Wortlaut und die Umstände der bemerkenswert dummen Rede veröffentlicht werden. Hat dem jemand etwas in den Kaffee geschüttet?

87% Zustimmung zur EU bedeuten, daß Präsident Duda 87% der Befragten vor den Kopf stößt.

Die Reaktion im Zuschauerraum war dann ja auch entsprechend deutlich.

Wir Deutschen können es uns leisten, nicht mit gleicher Münze heim zu zahlen. Lassen wir die Dinge ihren Lauf nehmen.
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 11810
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 15:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon schokoschendrezki » Mi 24. Okt 2018, 08:06

Weder Duda noch Steinmeier haben irgendein Mandat, sich über Sinn, Unsinn oder Folgen des NordStream2-Projekts zu echauffieren. Es handelt sich um Staatsoberhäupter und beide wären gut beraten, auf dieser symbolischen Ebene für Vertrauen und nicht für Dissenz zu sorgen.

Der Zufall wollte es, dass ich just gestern die Rezension des jüngsten Buchs des FAZ-Korrespondenten Jochen Buchsteiner hörte. (Durchaus ironisch) betitelt mit: "Die Flucht der Briten aus der europäischen Utopie". Und das Interview mit dem Autor in DR Andruck macht schon nachdenklich. In Kontinentaleuropa herrsche in weiten Kreisen eine Art frohes Händereiben darüber, dass es den Briten jetzt gewissermaßen verdienterweise an den Kragen geht. Das sind grobe Vereinfachungen und Überheblichkeiten. Trotz der großen Schwierigkeiten bei den EU/Brexit-Verhandlungen gibt es bei den Brexitiers eigentlich nur eine minimale Zurücknahme ihrer Position. Und das sind - na aber - natürlich nicht alles nur Dummköpfe oder sozial Abgehängte. Da muss man auch einfach mal runterkommen von seiner kontinentaleuropäisch-arroganten Sichtweise. Die Kernaussage des Autors: Das Projekt EU wird dann und nur dann gerettet, wenn der Grundsatz einer "ever closer union" aufgegeben wird. Und als Alternative wird in der Rezension das jüngst erarbeitete "Clubs within the Club"-Modell vorgestellt. Die V4-Gemeinschaft wäre da schon so ein ganz typisches Beispiel für einen solchen EU-Club.
https://www.deutschlandfunk.de/die-flucht-der-briten-aus-der-europaeischen-utopie.1310.de.html?dram:article_id=430572
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt
sünnerklaas
Beiträge: 2077
Registriert: Do 10. Aug 2017, 14:41

Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon sünnerklaas » Mi 24. Okt 2018, 08:28

H2O hat geschrieben:(24 Oct 2018, 08:40)

Diese Unfreundlichkeit wird den Präsidenten das Amt kosten, wenn in den unabhängigen Medien der Wortlaut und die Umstände der bemerkenswert dummen Rede veröffentlicht werden. Hat dem jemand etwas in den Kaffee geschüttet?

87% Zustimmung zur EU bedeuten, daß Präsident Duda 87% der Befragten vor den Kopf stößt.

Die Reaktion im Zuschauerraum war dann ja auch entsprechend deutlich.

Wir Deutschen können es uns leisten, nicht mit gleicher Münze heim zu zahlen. Lassen wir die Dinge ihren Lauf nehmen.


Man sollte da gelassen bleiben. Duda und sein Befehlsgeber Kaczynski sind aus meiner Sicht ganz kleine Würstchen, die auf ganz Dicke Hose machen.
sünnerklaas
Beiträge: 2077
Registriert: Do 10. Aug 2017, 14:41

Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon sünnerklaas » Mi 24. Okt 2018, 08:30

schokoschendrezki hat geschrieben:(24 Oct 2018, 09:06)

Weder Duda noch Steinmeier haben irgendein Mandat, sich über Sinn, Unsinn oder Folgen des NordStream2-Projekts zu echauffieren. Es handelt sich um Staatsoberhäupter und beide wären gut beraten, auf dieser symbolischen Ebene für Vertrauen und nicht für Dissenz zu sorgen.

Der Befehlsgeber von Duda, Kaczynski hat noch persönliche offene Rechnungen. Sein angeblich von den Russen ermordeter Bruder.
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 11810
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 15:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon schokoschendrezki » Mi 24. Okt 2018, 09:06

sünnerklaas hat geschrieben:(24 Oct 2018, 09:28)

Man sollte da gelassen bleiben. Duda und sein Befehlsgeber Kaczynski sind aus meiner Sicht ganz kleine Würstchen, die auf ganz Dicke Hose machen.

Das müsstest Du schon noch irgendwie belegen. Im internationalen politischen Weltgefüge steht Polen strategisch genau an der Bruchlinie zwischen EU-Europa und Russland und hat andererseits traditonell enge Beziehungen zu USA und UK. Und ist anders als etwa die baltischen Staaten ein großer bevölkerungsreicher Flächenstaat.

Bis zum Tod von Brzezinski 2017 gab es diese tradtitionelle Verbindung Polen, USA, Israel ... die auch immer ein wenig etwas männerbündisches hatte. Besonders der verstorbene Lech Kaczynski war ein großer Israel-Freund. Es kann sein, dass die Zeit solcher informeller Allianzen überhaupt vorbei ist. Und wir es nunmehr nur noch mit einzelnen Deals zu tun haben. Siehe aktuell USA-Saudi-Arabien. Wiederum war es ein Pole, der Soziologe Zygmunt Bauman, der den Begriff der "flüchtigen Moderne" einführte. "Es gibt kein Schaltzentrum der Macht mehr, die Strukturen sind flüchtig, die Freiheit beliebig." Auch wenn er das eher auf die Lage des Individuums in der modernen Welt bezog. Von seiner gesamtstrategischen Bedeutung her bleibt Polen dennoch relevant und wer anders sollte dort die Fäden in der Hand halten als J. Kaczynski.
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt
sünnerklaas
Beiträge: 2077
Registriert: Do 10. Aug 2017, 14:41

Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon sünnerklaas » Mi 24. Okt 2018, 10:18

schokoschendrezki hat geschrieben:(24 Oct 2018, 10:06)

Das müsstest Du schon noch irgendwie belegen. Im internationalen politischen Weltgefüge steht Polen strategisch genau an der Bruchlinie zwischen EU-Europa und Russland und hat andererseits traditonell enge Beziehungen zu USA und UK. Und ist anders als etwa die baltischen Staaten ein großer bevölkerungsreicher Flächenstaat.


Mit Jaroslaw Kaczynski steht Polen nicht an der Bruchlinie zwischen Westeuropa und Russland - es sitzt zwischen allen Stühlen. Und das eigentlich schon seit dem Frühjahr 2003 - als man mit großem Hurra an der Seite der USA des GWB in den Irak einmarschierte und damit die Grundlage für die Flüchtlingskrise 2015 legte. Schon danach fing das Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland auf der einen und Polen auf der anderen Seite zu schwächeln. D und F taten, wie wir heute wissen, gut daran, sich nicht an dem Irakabenteuer zu beteiligen. Psychologisch gesehen hat die damalige Achse Paris-Berlin-Moskau für Angst und Schrecken gesorgt - vor allem im Zusammenhang mit dem damals beschlossenen Bau der Ostseepipeline.

Von seiner gesamtstrategischen Bedeutung her bleibt Polen dennoch relevant und wer anders sollte dort die Fäden in der Hand halten als J. Kaczynski.


Wobei Kaczynski außenpolitisch kein wirklicher starker Mann ist - allein schon auf Grund, dass er sich sehr stark von Emotionen leiten lässt. Wut, Hass und Verbitterung sind eben schlechte Berater. Hinzu kommt, dass er ein ausgesprochener Feigling ist, der als "starker Mann" im Hintergrund immer andere vorschickt. Ähnlich ist ja Józef Piłsudski vorgegangen. Auch der hat stets nur aus der sicheren Deckung heraus agiert - mit am Ende fatalen Folgen für Polen. Die Konsequenzen durften andere tragen.
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 11810
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 15:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon schokoschendrezki » Do 25. Okt 2018, 08:05

sünnerklaas hat geschrieben:(24 Oct 2018, 11:18)

Mit Jaroslaw Kaczynski steht Polen nicht an der Bruchlinie zwischen Westeuropa und Russland - es sitzt zwischen allen Stühlen. Und das eigentlich schon seit dem Frühjahr 2003 - als man mit großem Hurra an der Seite der USA des GWB in den Irak einmarschierte und damit die Grundlage für die Flüchtlingskrise 2015 legte.

Die Koalition der Willigen war eher eine symbolische Geste. Italien hat sich mit 2754 Mann Truppenstärke noch etwas mehr als POlen mit 2500 daran beteiligt. Und niemand kommt auf die Idee, daraus etwas über die heutige Rolle Italiens abzuleiten. Neben den 138000 US-Soldaten waren das allesamt nur Nebenbeteiligte.
Wobei Kaczynski außenpolitisch kein wirklicher starker Mann ist - allein schon auf Grund, dass er sich sehr stark von Emotionen leiten lässt. Wut, Hass und Verbitterung sind eben schlechte Berater.

Das ist richtig. Und das ist der große Unterschied zu Politikern mit solchen kommunikativen Fähigkeiten wie Orbán. Der in perfektem Englisch sowohl mit europäischen Politikern wie auch mit Industrievertretern zu verhandeln weiß. Die Bedeutung Polens resultiert aber ja auch nicht aus der Bedeutung solcher Personen sondern aus der objektiv gegebenen geographischen, politischen, militärischen, wirtschaftlichen Lage heraus.
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt
Benutzeravatar
H2O
Moderator
Beiträge: 20893
Registriert: So 13. Sep 2015, 12:49

Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon H2O » Do 25. Okt 2018, 08:45

schokoschendrezki hat geschrieben:(25 Oct 2018, 09:05)

Die Koalition der Willigen war eher eine symbolische Geste. Italien hat sich mit 2754 Mann Truppenstärke noch etwas mehr als POlen mit 2500 daran beteiligt. Und niemand kommt auf die Idee, daraus etwas über die heutige Rolle Italiens abzuleiten. Neben den 138000 US-Soldaten waren das allesamt nur Nebenbeteiligte.

Das ist richtig. Und das ist der große Unterschied zu Politikern mit solchen kommunikativen Fähigkeiten wie Orbán. Der in perfektem Englisch sowohl mit europäischen Politikern wie auch mit Industrievertretern zu verhandeln weiß. Die Bedeutung Polens resultiert aber ja auch nicht aus der Bedeutung solcher Personen sondern aus der objektiv gegebenen geographischen, politischen, militärischen, wirtschaftlichen Lage heraus.


Also, ich wünsche mir einen führenden polnischen Politiker, der hinter einer ausgestreckten Hand nicht unbedingt einen Taschendieb vermutet; der also freundlich und offen die Zusammenarbeit mit seinem deutschen Nachbarn sucht und den Sympathiebonus Polens in Deutschland nach Kräften für die Entwicklung seines Landes nutzt. Da ginge doch noch sehr viel und viel mehr... und ist schon einmal gegangen. Schade!

Die jüngsten Regional- und Gemeindewahlen haben auch bestätigt, daß sehr viele Polen sich unwohl in der Rolle Polens als Krakeeler in der EU fühlen. Die PiS hat in den Städten nicht den erhofften Erfolg gehabt, trotz einiger sozialer Wohltaten und versprochener weiterer Wohltaten... immer mit "+500" umschrieben, jetzt für Rentner in Zloty. Man sieht, daß politisch interessierten Polen durchaus bewußt ist, welchen Kurs die national-konservative polnische Regierung steuert. Das läßt hoffen!
Benutzeravatar
Orbiter1
Beiträge: 2582
Registriert: Fr 23. Feb 2018, 13:25

Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon Orbiter1 » Do 25. Okt 2018, 09:18

H2O hat geschrieben:(25 Oct 2018, 09:45)

Die jüngsten Regional- und Gemeindewahlen haben auch bestätigt, daß sehr viele Polen sich unwohl in der Rolle Polens als Krakeeler in der EU fühlen. Die PiS hat in den Städten nicht den erhofften Erfolg gehabt, trotz einiger sozialer Wohltaten und versprochener weiterer Wohltaten... immer mit "+500" umschrieben, jetzt für Rentner in Zloty. Man sieht, daß politisch interessierten Polen durchaus bewußt ist, welchen Kurs die national-konservative polnische Regierung steuert. Das läßt hoffen!
Wenn ich das richtig mitbekommen habe hat die PiS bei den Kommunalwahlen insgesamt um 5% zugelegt. Das ist es was zählt. Die sehen sich auf ihrem Weg der Autokratie und dem Joch der EU-Fremdherrschaft zu entfliehen bestätigt und werden den auch konsequent fortsetzen.
Benutzeravatar
H2O
Moderator
Beiträge: 20893
Registriert: So 13. Sep 2015, 12:49

Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon H2O » Do 25. Okt 2018, 10:18

Orbiter1 hat geschrieben:(25 Oct 2018, 10:18)

Wenn ich das richtig mitbekommen habe hat die PiS bei den Kommunalwahlen insgesamt um 5% zugelegt. Das ist es was zählt. Die sehen sich auf ihrem Weg der Autokratie und dem Joch der EU-Fremdherrschaft zu entfliehen bestätigt und werden den auch konsequent fortsetzen.


Das können diese Holzköpfe auch weiter so machen. Die jungen und leistungsfähigen Leute werden es ihnen danken durch Fortzug nach Westen. Ein ganz toller Sieg!
Benutzeravatar
Nomen Nescio
Beiträge: 11953
Registriert: So 1. Feb 2015, 19:29

Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon Nomen Nescio » Do 1. Nov 2018, 22:37

H2O hat geschrieben:(25 Oct 2018, 11:18)

Das können diese Holzköpfe auch weiter so machen. Die jungen und leistungsfähigen Leute werden es ihnen danken durch Fortzug nach Westen. Ein ganz toller Sieg!

können wir (grob natürlich) folgern daß bei solchen regierungen mit den füßen gewählt wird? daß sogar möglicherweise ein braindrain statt findet?
nathan über mich: »er ist der unlinkste Nicht-Rechte den ich je kennengelernt habe. Ein Phänomen!«
blues über mich: »du bist ein klassischer Liberaler und das ist auch gut so.«
Benutzeravatar
H2O
Moderator
Beiträge: 20893
Registriert: So 13. Sep 2015, 12:49

Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon H2O » Fr 2. Nov 2018, 07:03

Nomen Nescio hat geschrieben:(01 Nov 2018, 22:37)

können wir (grob natürlich) folgern daß bei solchen regierungen mit den füßen gewählt wird? daß sogar möglicherweise ein braindrain statt findet?


Zumindest können Sie damit rechnen, daß die Menschen vor Ort das Vertrauen in eine solche Regierung verlieren. Das haben die letzten Wahlen gezeigt.

Die Abwanderung von jungen Leuten ist seit vielen Jahren zu beobachten. In Deutschland stellen Polen die zweit größte oder sogar größte Gruppe der Zuwanderer. Das Verhältnis von Mensch zu Mensch ist ganz entspannt. Die polnische Regierung sucht regelrecht nach Ärger... und die jungen Leute gehen eben.

Deutsche Unternehmen investieren in und verlagern nach Polen, weil das schon ein beachtlicher Markt ist. Damit wirken sie sicher einem BrainDrain entgegen. Und sie verändern die Gesellschaft dort. Kann man am besten vor Ort sehen, wie nun Entwicklungen laufen, die uns sehr vertraut sind. Wenn Leute in Polen einen größeren Ortswechsel machen müssen (Landflucht), dann werden die durchaus auch an Deutschland als Ziel denken.

40.000 Polen kommen jährlich auf Dauer nach Deutschland; 800.000 Polen leben dauerhaft in Deutschland.
https://www.welt.de/politik/deutschland ... er-an.html
Benutzeravatar
Orbiter1
Beiträge: 2582
Registriert: Fr 23. Feb 2018, 13:25

Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon Orbiter1 » Fr 2. Nov 2018, 07:45

Heute finden die polnisch-deutschen Regierungskonsultationen statt. Das wird wohl eine der letzten Möglichkeiten sein direkt auf die verhasste Merkel einzudreschen. Die werden sich die Vertreter der PiS-Regierung sicher nicht entgehen lassen.

Zurück zu „31. EU - EFTA“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: Orbiter1 und 3 Gäste