Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

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Nomen Nescio
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Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon Nomen Nescio » Mo 24. Jul 2017, 11:10

schokoschendrezki hat geschrieben:(24 Jul 2017, 11:49)

Man muss dabei beachten, dass Duda selbst Jurist ist. Da steht seine Konformität zur PiS gegen die Konformität zu seinen Juristenkollegen, die die anstehenden Gesetzesänderungen mehrheitlich für verfassungswidrig halten.

inzwischen habe ich nähere auskünfte bekommen.
es scheint daß duda findet, daß der justizminister zu viel macht bekommt. die gerichte sollten ja nur gummistempel sein.
dennoch ist hiermit alles nicht vorbei. es gab ja vier gesetzentwürfe und zwei müssen noch behandelt werden. außerdem will die bevölkerung offensichtlich auch daß die korruption bestritten wird und die viele sachen aus der kommunistischen zeit (oder mit kommunistischen prägung) geändert werden.
vermutlich muß dieses problem in zwei monaten gelöst sein !!! ???

übrigens soll, wenn der korrespondent gut informiert ist, frau merkel heut morgen auch noch duda angerufen haben.
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Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon DarkLightbringer » Mo 24. Jul 2017, 11:15

schokoschendrezki hat geschrieben:(24 Jul 2017, 11:49)

Dass Duda ein Veto eingelegt hat, ist inzwischen auch in den deutschen Medien durch. Nur als Beispiel: http://www.sueddeutsche.de/politik/eil- ... -1.3600807 Er hats in einer "überraschend einberufenen Pressekonferenz" offiziell verkündet:


Man muss dabei beachten, dass Duda selbst Jurist ist. Da steht seine Konformität zur PiS gegen die Konformität zu seinen Juristenkollegen, die die anstehenden Gesetzesänderungen mehrheitlich für verfassungswidrig halten.

Na ja also. Und weil Duda zufällig Präsident ist und die richtige Ansicht hat, gibt es in dem Fall gar keinen Konflikt zwischen EU-Kommission und Polen. So einfach ist das. ;)
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Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon H2O » Mo 24. Jul 2017, 11:19

schokoschendrezki hat geschrieben:(24 Jul 2017, 11:49)

Dass Duda ein Veto eingelegt hat, ist inzwischen auch in den deutschen Medien durch. Nur als Beispiel: http://www.sueddeutsche.de/politik/eil- ... -1.3600807 Er hats in einer "überraschend einberufenen Pressekonferenz" offiziell verkündet:


Man muss dabei beachten, dass Duda selbst Jurist ist. Da steht seine Konformität zur PiS gegen die Konformität zu seinen Juristenkollegen, die die anstehenden Gesetzesänderungen mehrheitlich für verfassungswidrig halten.


Bei aller Genugtuung, daß der Gesetzentwurf der Einparteienregierung nicht einfach durchgewunken wurde: Man wird den Antrieb dieser Regierung wohl auch zu berücksichtigen haben. Es muß Gründe geben, die eine Änderung bei der Ernennung von Richtern nahe legen. Ein solches Theater veranstaltet auch eine Einparteienregierung nicht zum Zeitvertreib. Dieses Verfahren muß vermeiden, daß sich eine Kastenherrschaft als Staat im Staate für die Justiz zuständig sieht, die sich nur aus sich selbst erneuert. Eine sinnvolle Prise "Volkswille" muß dabei auf jeden Fall hinzu kommen. Mit der Ernennung der Richter durch die amtierende Regierung wurde der "Volkswille" sicher zu weit getrieben. :D

Mal sehen, was Präsident Duda auf dem Weg dahin nach tüchtiger Beratung vorschlägt!
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Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon DarkLightbringer » Mo 24. Jul 2017, 11:27

H2O hat geschrieben:(24 Jul 2017, 12:08)

Da bin ich völlig gegensätzlicher Meinung. In einer Wertegemeinschaft nehmen die Partner am politischen Leben ihrer Nachbarn beobachtend und kommentierend und bewertend teil. Wer sich davon ausschließen möchte, der suche sich eine andere Wertegemeinschaft. Darum geht es hier.

Beobachten und kommentieren ist ja etwas anderes als mit wenig legitimierten Instrumenten den Kurs eines Nachbarn bestimmen zu wollen. Es widerspricht der Gemeinschaft nicht, wenn die gegenwärtige polnische Regierung die EU-Kommission beobachtet und kommentiert, sei es nun nachvollziehbar oder nicht.
Die EU-Kommission sollte sich aus Europa nicht ausschließen.

Ich bin sicher, daß die politische Öffentlichkeit Polens diese Zusammenhänge erkannt hat; denn weshalb sonst hätte sie mit Europaflaggen neben den Nationalflaggen an den Protesten teilnehmen sollen? Präsident Duda hat das große Verdienst, daß er die Nervenstärke besaß, sich mit seinen Fachkollegen aus den höchsten Gerichten gründlich und sachlich aus zu tauschen... und er seinem Gewissen gefolgt ist und nicht etwa einer Art Nibelungentreue zu Kaczyński.

Vielleicht bringt er weiterhin die Stärke auf, einen Konvent zur Beratung notwendiger Veränderungen des Gerichtswesens in Polen vor zu schlagen, der unabhängig von Parteiinteressen ein Gesetz erarbeitet, das der klassischen Gewaltenteilung europäischer Verfassungen gerecht wird... und über dessen Annahme am Ende das Volk entscheidet, damit endlich wieder an der Entwicklung des Landes gearbeitet werden kann.

Noch ist Polen nicht verloren!

Sagte ja, die innenpolitischen Vorgänge sprechen für eine starke Zivilgesellschaft. Dennoch kommt man als Demokrat nicht an der Akzeptanz von Wahlen vorbei.
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Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon H2O » Mo 24. Jul 2017, 11:53

DarkLightbringer hat geschrieben:(24 Jul 2017, 12:27)

Beobachten und kommentieren ist ja etwas anderes als mit wenig legitimierten Instrumenten den Kurs eines Nachbarn bestimmen zu wollen. Es widerspricht der Gemeinschaft nicht, wenn die gegenwärtige polnische Regierung die EU-Kommission beobachtet und kommentiert, sei es nun nachvollziehbar oder nicht.
Die EU-Kommission sollte sich aus Europa nicht ausschließen.

Die EU versteht sich als Schicksalsgemeinschaft; jedenfalls die EU, die wir Europäer bauen wollen. Die "Legitimation der EU Kommission" ist die politische Mehrheit, so wie sie für den Ministerrat und das EU-Parlament vereinbart und besiegelt wurden. Insofern bestimmt die EU schon den Kurs der Gemeinschaft und damit auch den Kurs ihrer einzelnen Mitglieder. Es gibt die Möglichkeit, sich davon nachhaltig aus zu schließen. Das muß Wahlfreiheit genug sein.

Natürlich soll jedes Mitglied das Wirken der EU Kommission kommentieren und bewerten; das halte ich für eine Pflicht zur Mitwirkung bei der Ernennung der Kommission und ihrer Mitglieder. Da ist niemand ausgeschlossen. Nur kann kein einzelner Partner der großen Mehrheit der Partner seinen Willen aufnötigen... siehe oben. Dann kann es schon einmal 26:1 stehen.
Sagte ja, die innenpolitischen Vorgänge sprechen für eine starke Zivilgesellschaft. Dennoch kommt man als Demokrat nicht an der Akzeptanz von Wahlen vorbei.

Ja, als Europäer hätte ich auch politisch starke Bauchschmerzen, wenn die Menschen in Polen auf großen Kundgebungen öffentlich Europaflaggen verbrännten. Das tun sie aber zu 87% ganz gewiß nicht. Dann muß wohl die Regierung mit Blick auf die EU-Kommission und die EU den Volkswillen falsch verstanden haben.
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Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon H2O » Mo 24. Jul 2017, 12:04

Nomen Nescio hat geschrieben:(24 Jul 2017, 12:10)

inzwischen habe ich nähere auskünfte bekommen.
es scheint daß duda findet, daß der justizminister zu viel macht bekommt. die gerichte sollten ja nur gummistempel sein.
dennoch ist hiermit alles nicht vorbei. es gab ja vier gesetzentwürfe und zwei müssen noch behandelt werden. außerdem will die bevölkerung offensichtlich auch daß die korruption bestritten wird und die viele sachen aus der kommunistischen zeit (oder mit kommunistischen prägung) geändert werden.
vermutlich muß dieses problem in zwei monaten gelöst sein !!! ???

übrigens soll, wenn der korrespondent gut informiert ist, frau merkel heut morgen auch noch duda angerufen haben.


Wenn die Kanzlerin den Präsidenten Duda angerufen haben sollte, dann sicher aus Besorgnis um den Zusammenhalt der Gemeinschaft. Ich halte das für einen Beweis der Wertschätzung unseres Nachbarn, dem politisches Ungemach erspart bleiben soll. Präsident Duda ist unversehens zu einem Makler zwischen der parlamentarischen sowie der außerparlamentarischen Opposition und der Regierung geworden. Damit ist Präsident Duda ab sofort ein politischer Machtfaktor in Polen unabhängig von Herrn Kaczyński. Hoffentlich weiß er diese Position klug zu nutzen, um nicht Rachehandlungen dieses Strippenziehers aus dem Hinterzimmer zum Opfer zu fallen. Für mich ist Präsident Duda der politische Gewinner des Tages.
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Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon Nomen Nescio » Mo 24. Jul 2017, 13:33

H2O hat geschrieben:(24 Jul 2017, 13:04)

Wenn die Kanzlerin den Präsidenten Duda angerufen haben sollte, dann sicher aus Besorgnis um den Zusammenhalt der Gemeinschaft. Ich halte das für einen Beweis der Wertschätzung unseres Nachbarn, dem politisches Ungemach erspart bleiben soll. Präsident Duda ist unversehens zu einem Makler zwischen der parlamentarischen sowie der außerparlamentarischen Opposition und der Regierung geworden. Damit ist Präsident Duda ab sofort ein politischer Machtfaktor in Polen unabhängig von Herrn Kaczyński. Hoffentlich weiß er diese Position klug zu nutzen, um nicht Rachehandlungen dieses Strippenziehers aus dem Hinterzimmer zum Opfer zu fallen. Für mich ist Präsident Duda der politische Gewinner des Tages.

was aber bedeutet das für sein verhältnis mit K ?
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Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon H2O » Mo 24. Jul 2017, 14:59

Nomen Nescio hat geschrieben:(24 Jul 2017, 14:33)

was aber bedeutet das für sein verhältnis mit K ?


Das bedeutet, daß er sich aus einer Abhängigkeit befreit hat, die ihn ansonsten als Staatsoberhaupt beschädigt hätte. Zugleich hat er sein Ansehen im Wahlvolk verbessert mit Blick auf eine zweite Amtszeit.

Früher oder später hätte Präsident Duda sich ohnehin von Herrn Kaczyńskis Gängelband losreißen müssen, um als Politiker und Persönlichkeit Mehrheiten gewinnen zu können. Sein erster Wahlsieg war mehr oder weniger unerwartet, weil er gegenüber Herrn Komorowski erfrischender auftrat und damit die Herzen der jungen Wähler gewinnen konnte. Als Persönlichkeit und Staatsmann steht er nun als Präsident aller Polen auf sicheren Beinen. Er ist der politische Gewinner des Tages!
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Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon DarkLightbringer » Di 25. Jul 2017, 02:19

H2O hat geschrieben:(24 Jul 2017, 12:53)

Die EU versteht sich als Schicksalsgemeinschaft; jedenfalls die EU, die wir Europäer bauen wollen. Die "Legitimation der EU Kommission" ist die politische Mehrheit, so wie sie für den Ministerrat und das EU-Parlament vereinbart und besiegelt wurden. Insofern bestimmt die EU schon den Kurs der Gemeinschaft und damit auch den Kurs ihrer einzelnen Mitglieder. Es gibt die Möglichkeit, sich davon nachhaltig aus zu schließen. Das muß Wahlfreiheit genug sein.

Natürlich soll jedes Mitglied das Wirken der EU Kommission kommentieren und bewerten; das halte ich für eine Pflicht zur Mitwirkung bei der Ernennung der Kommission und ihrer Mitglieder. Da ist niemand ausgeschlossen. Nur kann kein einzelner Partner der großen Mehrheit der Partner seinen Willen aufnötigen... siehe oben. Dann kann es schon einmal 26:1 stehen.

Die Union ist im Staatenverbund eine Gemeinschaft, die das Schicksal der einzelnen Nation jedoch nicht auflöst. Die UNO ist auch eine Gemeinschaft, geht aber am Selbstbestimmungsrecht nicht vorbei. Wir kennen den Föderalismus, die konkurrierende Gesetzgebung und die kommunale Selbstverwaltung.
Und da alle Staatsgewalt vom Volke ausgeht, kann man die gewählten Parlamente nicht einfach für obsolet erklären.

Ja, als Europäer hätte ich auch politisch starke Bauchschmerzen, wenn die Menschen in Polen auf großen Kundgebungen öffentlich Europaflaggen verbrännten. Das tun sie aber zu 87% ganz gewiß nicht. Dann muß wohl die Regierung mit Blick auf die EU-Kommission und die EU den Volkswillen falsch verstanden haben.

Man sollte der Argumentation der Regierungsnahen, wonach ein von außen gesteuerter Putsch im Gange sei, nicht unnötig Nahrung geben. Niemand hat etwas davon, wenn die polnische Zivilgesellschaft gespalten ist und sich die Situation zuspitzt. Polen ist durchaus diskursfähig, wie die jüngste Entscheidung von Präsident Duda zeigt. Kurz, Ratschläge von außen dürften derzeit eher kontraproduktiv sein.
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Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon H2O » Di 25. Jul 2017, 08:01

DarkLightbringer hat geschrieben:(25 Jul 2017, 03:19)

Die Union ist im Staatenverbund eine Gemeinschaft, die das Schicksal der einzelnen Nation jedoch nicht auflöst. Die UNO ist auch eine Gemeinschaft, geht aber am Selbstbestimmungsrecht nicht vorbei. Wir kennen den Föderalismus, die konkurrierende Gesetzgebung und die kommunale Selbstverwaltung.
Und da alle Staatsgewalt vom Volke ausgeht, kann man die gewählten Parlamente nicht einfach für obsolet erklären.

Die Sache verhält sich höchst einfach: Im Gegensatz zur UNO hat die EU sehr weitgehende Verträge für ihre Gemeinschaft geschlossen, die Teile ihrer Hoheitsrechte auf die Gemeinschaft übertragen; diese Verträge sind ein zu halten. Wenn der Wähler als maßgeblicher Entscheider dafür stimmt, daß sein Land diese Verträge nicht mehr erfüllen sollte, dann bedeutet das ...XIT. Dagegen ist nichts zu sagen, auch wenn man das bedauern mag. Als Störenfried in der Gemeinschaft Stimmung machen, das ist weitaus unangenehmer für alle Beteiligten. Über dieses Verhalten reden wir hier.
Man sollte der Argumentation der Regierungsnahen, wonach ein von außen gesteuerter Putsch im Gange sei, nicht unnötig Nahrung geben. Niemand hat etwas davon, wenn die polnische Zivilgesellschaft gespalten ist und sich die Situation zuspitzt. Polen ist durchaus diskursfähig, wie die jüngste Entscheidung von Präsident Duda zeigt. Kurz, Ratschläge von außen dürften derzeit eher kontraproduktiv sein.

Das Gegenteil ist wahr. Ohne ernsthafte Vorhaltungen wäre den polnischen Nachbarn gar nicht klar, daß die Gemeinschaft sich den gemeinschaftsschädigenden Auftritt ihrer Regierenden nicht länger gefallen lassen will. Die Polen wollen aber zu 87% dieser Gemeinschaft angehören; man kann dieses Umfrageergebnis nicht oft genug wiederholen. Wie soll denn den Polen deutlich gemacht werden, daß sie bei fortgesetzter Stänkerei ihrer Regierungsmitglieder aus der EU hinaus gedrängt werden? Die Zeitungen in Polen sind voll mit Kommentaren dieser Art. Frans Timmermans ist dort allgegenwärtig mit "der Atombombe", nämlich dem drohenden Vertragsverletzungsverfahren.

Hier sind wir schon einige Schritte weiter, indem wir über die Umgestaltung der Eurogruppe nachdenken. Dann braucht man gar keine Vertragsverletzungsverfahren mehr. Dann ist man dabei oder draußen.
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Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 25. Jul 2017, 10:34

H2O hat geschrieben:(24 Jul 2017, 13:04)

Wenn die Kanzlerin den Präsidenten Duda angerufen haben sollte, dann sicher aus Besorgnis um den Zusammenhalt der Gemeinschaft. Ich halte das für einen Beweis der Wertschätzung unseres Nachbarn, dem politisches Ungemach erspart bleiben soll.

Ganz genau und im Gegenteil der Mangel an Wertschätzung von D gegenüber PL wird in einem aktuellen SZ-Artikel als eine der Ursachen für die Schwierigkeit gesehen, diplomatische Lösungswege zur besseren EU-Integration Polens zu finden. Es wird etwa darauf hingewiesen, dass die deutsche Botschaft in Warschau so etwas wie ein Abladeplatz für nicht gebrauchsfähige Diplomaten war. Dass man es jahrelang nicht hinbekam, einen Botschafter zu entsenden, der halberwegs die Landessprache spricht. Was in Paris/Rom/London/Madrid usw. völlig unmöglich wäre.
http://www.sueddeutsche.de/politik/polen-wie-die-eu-polen-auf-den-rechten-weg-zurueckbringen-kann-1.3601614

Und das stimmt! Und ich ergänze mal: Zwischen Berlin und der entfernungsmäßig nächsten Großstadt (über 400 000 EW) Stettin gibts eine eingleisige unelektrifizierte Strecke, auf der passagenweise Radfahrtempo gefahren wird. Nix passiert. In Swinemünde gibts ein modernes LNG-Terminal und ein Angebot seitens Polen, dieses auch von deutscher Seite zu nutzen. Nix passiert. Es gab in dradio mal einen hintergrund zum Thema LNG-Pläne für Deutschland. Die Autorin wusste noch nicht mal etwas über das LNG in Swinemünde. Von weitgehender Ignoranz eines großen bedeutenden Nachbarn würde ich da eher sprechen.
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Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon Ger9374 » Di 25. Jul 2017, 10:34

Es ist positiv zu sehen das Duda sein Veto eingelegt hat. Ob er sich damit von der PIS
distanziert bleibt abzuwarten. Es scheint aber das die Polnische Öffentlichkeit beginnt zu erkennen das nicht alles was die PIS will auch gut für ein Europäisches Polen ist.
:thumbup: Es gibt eine Streitkultur, der Hass gehört ganz gewiss nicht dazu :thumbup: :thumbup: :D

Menschen sind Ausländer irgendwo: :thumbup:
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Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon Dieter Winter » Di 25. Jul 2017, 10:43

Ger9374 hat geschrieben:(25 Jul 2017, 11:34)

Es ist positiv zu sehen das Duda sein Veto eingelegt hat. Ob er sich damit von der PIS
distanziert bleibt abzuwarten. Es scheint aber das die Polnische Öffentlichkeit beginnt zu erkennen das nicht alles was die PIS will auch gut für ein Europäisches Polen ist.


Die Bevölkerung Polens ist wohl ähnlich gespalten, wie die der Türkei. Hier wie da gibt es einen großen Anteil an eher weltoffenen Bürgern und auf der anderen Seites eine knappe Mehrheit an stockkonservativen und demokratiekritischen Vertretern.
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Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon H2O » Di 25. Jul 2017, 13:52

Dieter Winter hat geschrieben:(25 Jul 2017, 11:43)

Die Bevölkerung Polens ist wohl ähnlich gespalten, wie die der Türkei. Hier wie da gibt es einen großen Anteil an eher weltoffenen Bürgern und auf der anderen Seites eine knappe Mehrheit an stockkonservativen und demokratiekritischen Vertretern.


Nein, das ist mir zu "neutral". In Polen wollen 87% der befragten Mitbürger, daß Polen Mitglied in der EU bleibt. Deshalb flattern auf sämtlichen Demonstrationen zur Beibehaltung des demokratischen Rechtsstaats und der Gewaltenteilung neben den Landesflaggen Weiß-Rot auch die EU-Flaggen mit dem Sternenkranz. Die Polen wissen genau, wofür die EU steht.
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Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon H2O » Di 25. Jul 2017, 14:08

schokoschendrezki hat geschrieben:(25 Jul 2017, 11:34)

Ganz genau und im Gegenteil der Mangel an Wertschätzung von D gegenüber PL wird in einem aktuellen SZ-Artikel als eine der Ursachen für die Schwierigkeit gesehen, diplomatische Lösungswege zur besseren EU-Integration Polens zu finden. Es wird etwa darauf hingewiesen, dass die deutsche Botschaft in Warschau so etwas wie ein Abladeplatz für nicht gebrauchsfähige Diplomaten war. Dass man es jahrelang nicht hinbekam, einen Botschafter zu entsenden, der halberwegs die Landessprache spricht. Was in Paris/Rom/London/Madrid usw. völlig unmöglich wäre.
http://www.sueddeutsche.de/politik/polen-wie-die-eu-polen-auf-den-rechten-weg-zurueckbringen-kann-1.3601614

Und das stimmt! Und ich ergänze mal: Zwischen Berlin und der entfernungsmäßig nächsten Großstadt (über 400 000 EW) Stettin gibts eine eingleisige unelektrifizierte Strecke, auf der passagenweise Radfahrtempo gefahren wird. Nix passiert. In Swinemünde gibts ein modernes LNG-Terminal und ein Angebot seitens Polen, dieses auch von deutscher Seite zu nutzen. Nix passiert. Es gab in dradio mal einen hintergrund zum Thema LNG-Pläne für Deutschland. Die Autorin wusste noch nicht mal etwas über das LNG in Swinemünde. Von weitgehender Ignoranz eines großen bedeutenden Nachbarn würde ich da eher sprechen.


Wir sollten uns nicht auf die polnische Dauerkränkung einlassen. Ich bin ganz sicher, daß von deutscher Seite aus gesehen jede sich beiderseits lohnende Zusammenarbeit unterstützt wird. Unsere Wirtschaft ist in dem Sinne nicht nationalistisch. Die will Geld verdienen. Die polnische Seite fürchtet Überfremdung durch Deutsche, die eine Zusammenarbeit unvermeidlich ins Land brächte.

Sehen Sie ganz einfach einmal die Randlage Stettins/Swinemündes durch diese Brille. Das Gelände war und wäre Berlins Seehafen und Sommerfrische. Das müßte Polen ermöglichen, und schon wird diese Region aufblühen.

Aber es ist natürlich ein Unterschied, ob 100.000 Polen in Berlin leben und arbeiten, oder ob eine ähnlich hohe Anzahl Deutscher in die Stettiner Region einwanderte.

Deshalb ist das dort so wie Sie das beklagen. Hilft doch nichts, hier um den heißen Brei herum zu reden. Und das paßt auch in keiner Weise zum europäischen Geist, den die EU fördern möchte. Da muß in Polen ein Umdenken einsetzen... oder das wird nie etwas!
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Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon Dieter Winter » Di 25. Jul 2017, 14:18

H2O hat geschrieben:(25 Jul 2017, 14:52)

In Polen wollen 87% der befragten Mitbürger, daß Polen Mitglied in der EU bleibt.


So lange kohle aus Brüssel kommt, will auch PiS und ihr Häuptling nicht darauf verzichten. Nur sollte sich die EU halt nicht gerade in Dinge einmischen, die Polen was angehen: Flüchtlinge, Gewaltenteilung (bzw. deren Aufhebung) u. ä. Kleinigkeiten.
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Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon H2O » Di 25. Jul 2017, 14:39

Dieter Winter hat geschrieben:(25 Jul 2017, 15:18)

So lange kohle aus Brüssel kommt, will auch PiS und ihr Häuptling nicht darauf verzichten. Nur sollte sich die EU halt nicht gerade in Dinge einmischen, die Polen was angehen: Flüchtlinge, Gewaltenteilung (bzw. deren Aufhebung) u. ä. Kleinigkeiten.

Klar, bei dem Gedanken, daß dieser leicht erworbene Besitzstand verloren gehen könnte, werden dort auch national gesonnene Politiker munter. Dennoch sehen Sie die Sache zu einfach. Die Polen, die mir begegnet sind, waren durchweg europäisch gesonnen. Vor allem habe ich viel Gelegenheit zu solchen Begegnungen, weil ich dort zeitweise wohne.
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Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon Europa2050 » Di 25. Jul 2017, 15:54

H2O hat geschrieben:(25 Jul 2017, 14:52)

Nein, das ist mir zu "neutral". In Polen wollen 87% der befragten Mitbürger, daß Polen Mitglied in der EU bleibt. Deshalb flattern auf sämtlichen Demonstrationen zur Beibehaltung des demokratischen Rechtsstaats und der Gewaltenteilung neben den Landesflaggen Weiß-Rot auch die EU-Flaggen mit dem Sternenkranz. Die Polen wissen genau, wofür die EU steht.


Der Vergleich hinkt tatsächlich.
In Polen, das Widerstand gegen alles und jeden seit 1793 in regelmäßigem Turnus übt, wäre es undenkbar, tausende Oppositionelle einzusperren und Hunderttausende auf die Straße zu werfen. Das haben nicht einmal die Zaren, die Nazis oder die Sowjets wirklich geschafft.
Und auch wenn eine starke katholische konservative Strömung herrscht (die vielleicht mit der islamistischen in der Türkei vergleichbar ist), ist der liberale Geist aus der polnischen Gesellschaft nicht zu verdrängen.
Und die Europabegeisterung speist sich im Wesentlichen nicht aus den Subventionen, sondern aus dem Gefühl Europa könnte das polnische Dilema der bedrohlichen NachbarnDeutschland und Russland lösen.
Denkt an 1914, denkt an 1933 ...
... und macht verdammt nochmal nicht die gleichen Fehler ... :mad2:
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Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon Nomen Nescio » Di 25. Jul 2017, 16:29

Europa2050 hat geschrieben:(25 Jul 2017, 16:54)

Und auch wenn eine starke katholische konservative Strömung herrscht (die vielleicht mit der islamistischen in der Türkei vergleichbar ist), ist der liberale Geist aus der polnischen Gesellschaft nicht zu verdrängen.

vor ± 7-8 jahren hörte ich von polnischen bekannten daß auch da die kirche auf den rückzug war. was meine mutter sogar kemmentarierte mit »not lernt beten«.
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Re: Will Polen die Entwicklung der EU behindern?

Beitragvon Hyde » Di 25. Jul 2017, 16:58

H2O hat geschrieben:(25 Jul 2017, 14:52)

Nein, das ist mir zu "neutral". In Polen wollen 87% der befragten Mitbürger, daß Polen Mitglied in der EU bleibt. Deshalb flattern auf sämtlichen Demonstrationen zur Beibehaltung des demokratischen Rechtsstaats und der Gewaltenteilung neben den Landesflaggen Weiß-Rot auch die EU-Flaggen mit dem Sternenkranz. Die Polen wissen genau, wofür die EU steht.


Weltoffenheit muss nichts mit EU-Freundlichkeit zu tun haben. Dass die polnische Bevölkerung weltoffen wäre, kann niemand ernsthaft behaupten.

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