20 Jahre Leitkultur

Moderator: Moderatoren Forum 8

Benutzeravatar
Laertes
Beiträge: 596
Registriert: So 1. Nov 2015, 07:56
Benutzertitel: E PLURIBUS UNUM

20 Jahre Leitkultur

Beitragvon Laertes » Di 9. Mai 2017, 07:18

Bereits vor 20 Jahren hat Theo Sommer (ehemaliger Mitherausgeber der 'Zeit') kluge Gedanken zum Reizthema Leitkultur formuliert. Er hat die aktuelle, von Lothar de Maizieres trivialisiertem Aufwärmversuch ausgelöste, Debatte zum Anlass genommen seine damals formulierten Gedanken zum Thema erneut zu reflektieren:

http://www.zeit.de/politik/deutschland/ ... inge-5vor8

Im Kontrast zur heutigen Debatte zeigt die differenzierte und prinzipiengeleitete Argumentation Sommers wie retardiert und vergiftet die heutige Diskussion geführt wird. Zur Illustration einige Punkte Sommers, denen ich mich voll anschließe (Hervorhebungen von mir):

Sosehr jede staatliche Gemeinschaft in Europa auf einen Grundkanon der Zugehörigkeit angewiesen ist und jedes Volk 'einen gewissen Begriff von sich selbst' (Ralf Dahrendorf) braucht, ein Bewusstsein von Identität, so richtig ist es andererseits, dass in unserem Teil der Welt das nationale Erbe der Völker aus einem gemeinsamen Fundus stammt. Dies hat schon Ortega y Gasset erkannt: 'Vier Fünftel unserer inneren Habe sind europäisches Gemeingut.' Wenn schon Leitkultur, dann muss sie europäisch verstanden werden.

Auf der anderen Seite aber hatte ich nicht das Geringste übrig für die unbedarfte Forderung der Grünen nach 'offenen Grenzen' und ihre welt- und wirklichkeitsfremden Multikulti-Illusionen. (...) Gegenüber dem Begriff multikulturell habe ich immer starke Vorbehalte gehabt. Es haftet ihm zu viel Fragwürdiges an. (...) Deswegen redete ich lieber von 'multiethnisch'.

Die Diskussion über die Absorptionskraft unserer Gesellschaft ist keinesfalls eine spezifisch deutsche Erscheinung. Sie wird überall geführt: in Frankreich, in Großbritannien und der Schweiz, in Italien und Spanien, sogar in den klassischen Einwanderungsländern.

Die Diskussion der vergangenen Wochen lehrt, dass der Ausdruck Leitkultur zu Missverständnissen Anlass gibt. Leitkultur? Ähnliche Begriffe gibt es überall: culture dominante, defining culture, cultura dominante, culture de référence, American way of life. Kaum einer nimmt anderswo Anstoß daran.
FAIRNESS, FÜRSORGE und FREIHEIT sind gemeinsame moralische Werte von Linken und Konservativen.
LOYALITÄT, AUTORITÄT und SAKRALITÄT sind aber für Rechts-Konservative genauso wichtig (Jonathan Haidt)
Benutzeravatar
Provokateur
Moderator
Beiträge: 10797
Registriert: Sa 3. Jan 2015, 16:44
Benutzertitel: Alpha by choice&Liberalpatriot
Wohnort: जर्मनी

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon Provokateur » Di 9. Mai 2017, 07:20

Bassam Tibi hat den Begriff meines Wissens geprägt. Er gilt auch als Ideengeber für den Euro-Islam.
Cynic, n.: A blackguard whose faulty vision sees things as they are, not as they ought to be.

Ambrose Bierce

Echte Patrioten wählen NICHT die AfD.
Benutzeravatar
Laertes
Beiträge: 596
Registriert: So 1. Nov 2015, 07:56
Benutzertitel: E PLURIBUS UNUM

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon Laertes » Di 9. Mai 2017, 07:22

Provokateur hat geschrieben:(09 May 2017, 08:20)

Bassam Tibi hat den Begriff meines Wissens geprägt. Er gilt auch als Ideengeber für den Euro-Islam.


Richtig:
a.a.O. hat geschrieben:Den Begriff hatte ich wohl von Bassam Tibi, mit dem ich damals gelegentlich bei öffentlichen Diskussionen auf einem Podium saß und der ihn in seinem Buch Europa ohne Identität geprägt hatte.
FAIRNESS, FÜRSORGE und FREIHEIT sind gemeinsame moralische Werte von Linken und Konservativen.
LOYALITÄT, AUTORITÄT und SAKRALITÄT sind aber für Rechts-Konservative genauso wichtig (Jonathan Haidt)
Benutzeravatar
Provokateur
Moderator
Beiträge: 10797
Registriert: Sa 3. Jan 2015, 16:44
Benutzertitel: Alpha by choice&Liberalpatriot
Wohnort: जर्मनी

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon Provokateur » Di 9. Mai 2017, 07:27

Gerade deswegen finde ich den Begriff auch weniger "belastet", als er heute wahrgenommen wird. Bassam Tibi ist Immigrant und hat einen einwandfreien Leumund. Wenn so jemand sagt, dass Europa und Deutschland eine Leitkultur brauchen, dann muss niemand mit Nazi, Käfig und Freiheitseinschränkung kommen.
Cynic, n.: A blackguard whose faulty vision sees things as they are, not as they ought to be.

Ambrose Bierce

Echte Patrioten wählen NICHT die AfD.
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 8571
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 15:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon schokoschendrezki » Di 9. Mai 2017, 07:42

Der Multikulturalismus ist insofern eine Illusion, als dass nationale und religiöse Zugehörigkeiten nicht einfach als unverfängliches Angebot gemeint waren und sind, als irgendein Baustein in der Konstruktion des eigenen Selbstverständnisses wie etwa Buddhismus oder Veganismus. Sondern tatsächlich ernst und nicht unverfänglich. Und "Leitkultur" ordnet sich da ein. Deutschland befindet sich somit mit Polen, Russland, Ungarn usw. und auch mit Türkei, Iran, Venezuela usw. auf einem gemeinsamen sehr unguten Weg.
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt
Benutzeravatar
watisdatdenn?
Beiträge: 1301
Registriert: Do 19. Jun 2008, 14:08

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon watisdatdenn? » Di 9. Mai 2017, 07:48

Provokateur hat geschrieben:(09 May 2017, 08:27)
Gerade deswegen finde ich den Begriff auch weniger "belastet", als er heute wahrgenommen wird. Bassam Tibi ist Immigrant und hat einen einwandfreien Leumund. Wenn so jemand sagt, dass Europa und Deutschland eine Leitkultur brauchen, dann muss niemand mit Nazi, Käfig und Freiheitseinschränkung kommen.

Sonst wäre es natürlich ein tabu.
Wo kämen wir den dahin, dass jeder seine Meinung frei äußern kann, ohne Repressalien.
Das wäre äusserst undeutsch.. Eva Herman kann ein Lied davon singen.. Sie war für ihre Thesen einfach zu blond und zu Deutsch.

Hauptsache es gibt eine bayrische Leitkultur. Preussische/Deutsche Leitkultur braucht keine Sau.

Eine Leitkultur im Sinne de Mezieres die eine nato beinhaltet braucht erst recht niemand.
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 8571
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 15:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon schokoschendrezki » Di 9. Mai 2017, 07:49

Provokateur hat geschrieben:(09 May 2017, 08:27)

Gerade deswegen finde ich den Begriff auch weniger "belastet", als er heute wahrgenommen wird. Bassam Tibi ist Immigrant und hat einen einwandfreien Leumund. Wenn so jemand sagt, dass Europa und Deutschland eine Leitkultur brauchen, dann muss niemand mit Nazi, Käfig und Freiheitseinschränkung kommen.

Ja sicher. Aber umso mehr mit Überlegungen zu Fragen wie Entpolitisierung, Identität und vor allem Kulturalismus.
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 8571
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 15:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon schokoschendrezki » Di 9. Mai 2017, 07:56

watisdatdenn? hat geschrieben:(09 May 2017, 08:48)

Sonst wäre es natürlich ein tabu.
Wo kämen wir den dahin, dass jeder seine Meinung frei äußern kann, ohne Repressalien.
Das wäre äusserst undeutsch.. Eva Herman kann ein Lied davon singen.. Sie war für ihre Thesen einfach zu blond und zu Deutsch.

Hauptsache es gibt eine bayrische Leitkultur. Preussische/Deutsche Leitkultur braucht keine Sau.

Eine Leitkultur im Sinne de Mezieres die eine nato beinhaltet braucht erst recht niemand.

Es gibt kaum ein langweiligeres Märchen als das vom Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen. Es ist so dermaßen abgegriffen und abgeschliffen und verbraucht und vor allem vollkommen unwahr und daneben. Formuliere ein interessantes Angebot und du wirst gehört/gelesen werden. Und entschuldige deine Phantasielosigkeit nicht damit, dass vermeintlich Meinungsäußerungen unterdrückt werden.
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt
Benutzeravatar
odiug
Moderator
Beiträge: 8352
Registriert: Di 25. Sep 2012, 06:44

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon odiug » Di 9. Mai 2017, 08:03

Der Begriff Leitkultur ist vergiftet worden.
Er wurde aufgesogen von einer Klientel, die ihn mit Inhalten fuellte, die mit einer demokratisch definierten offenen Gesellschaft nicht vereinbar sind.
Die Diskussion geht also darum, was denn die Inhalte einer wie auch immer gearteten Leitkultur sein sollen.
Das gleiche kann man so auch ueber die Bedeutung von Multi-Kulti sagen.
Wobei in Deutschland der Begriff Multi Kulti eh schon immer ein wenig abseits der gesellschaftlichen Realitaet ist.
Eigentlich geht es seit Jahrzehnten um Bi-Kulti.
Wobei dabei eine west-europaeische, pseudo-deutsche Identitaet zu einem diffusen Brei vermanscht wird, die sich gegen eine muslimisch-tuerkische Identitaet richtet, die ebenso aus einem Mus von Vorurteilen und Verallgemeinerungen besteht.
Moderatoren sind die Herren des Forums :x
Aber wir sind edel und gut, gerecht und unbestechlich und sorgen uns innig um das Wohlergehen unsrer Foristen.
Ich habe nun eine deutsche Tastatur ... äöüß :cool:
Benutzeravatar
hafenwirt
Beiträge: 7299
Registriert: Mo 16. Mär 2009, 07:21
Benutzertitel: Dreckspack aus der Mitte
Wohnort: Niedersachsen

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon hafenwirt » Di 9. Mai 2017, 08:41

odiug hat geschrieben:(09 May 2017, 09:03)

Der Begriff Leitkultur ist vergiftet worden.
Er wurde aufgesogen von einer Klientel, die ihn mit Inhalten fuellte, die mit einer demokratisch definierten offenen Gesellschaft nicht vereinbar sind.


Richtig. Es ist ja nicht so, als hätte jemand Leitkultur gesagt und danach "Nazi, Nazi, Nazi!!!" als Antwort bekommen, auch wenn dies erneut von interessierter Seite versucht wird so darzustellen. Die Masche "Wir machen uns zum Opfer, indem wir behaupten, man dürfte etwas nicht sagen" ist ja mehrmals erfolgreich erprobt, warum sollte man nicht bei der Leitkultur-Debatte versuchen, seine Meinung so durchzudrücken?

Das Problem bei der Debatte ist, dass sie eben entweder - wie du anführst - von Spinnern vereinnahmt wird, die damit autoritäre, reaktionäre Gesellschaftsvorstellungen verbinden oder aber Vorstellungen, die zum kaputtlachen sind, wie z.B. vom Mizere. Leitkultur heißt in Deutschland das man sich die Hand gibt zur Begrüßung, da fragt man sich, ob dieser Herr schonmal zu anderen Menschen Kontakt hatte, denn in ziemlich vielen anderen Kulturen geben sich ebenfalls die Menschen zur Begrüßung die Hand. Von all den Menschen (jedem Kontinent außer den Australiern war alles dabei) hat mir bis auf Japaner/Chinesen (ich bin mir grad nicht sicher) jeder die Hand gegeben, wenn nicht gar direkt herzlich umarmt. Vielleicht wollte der Herr Innenminister damit aber auch ausdrücken, dass die deutsche Leitkultur eigentlich eine Weltkultur ist. :D

Diese Debatte existiert aus zweierlei Gründen:

Zum einen aufgrund des psychischen Abgrenzungsbedürfnis gewisser Parteien und Anhängerschaft, welche auf der Straße überall linke Hippies mit Dread-Locks sehen und kriminelle Ausländer, also romantisiert man Vorstellungen eines alten Deutschlands wie es früher mal war (mit perfektem Scheitel) und bemitleidet sich dann, das es heute nicht mehr so ist. Dazu zählen so Kleinigkeiten wie Essen, als jeder noch Kartoffeln mit Sauerkraut machen konnte und man jetzt sauer ist, dass das Enkelkind lieber zur Fast-Food-Kette oder dem Dönerladen geht.

Zum anderen ist die Debatte ein taktisches Manöver der CDU. So hält man ein gewisses Klientel noch bei sich, welches ansonsten resigniert zu einer anderen Rechts-Partei wechseln würde. Man wahrt so den Anschein, dass man für dieses "alte Deutschland" steht, bei dem die Dinge noch richtig liefen. Deswegen füllt man diese Debatte auch nie mit Inhalt. Die meisten wissen ganz genau, dass man daran scheitern würde.

Würde man Leitkultur endlich mal mit vernünftigen Inhalt füllen, wäre ich als freiheitlicher Liberaler Linksgrüner bereit, um zu sagen, "jo, das ist echt ne deutsche Sache, das sollte beibehalten werden als kulturelles Faktum", aber meines Erachtens steht das meiste und wichtigste bereits im Grundgesetz.
...
Benutzeravatar
Provokateur
Moderator
Beiträge: 10797
Registriert: Sa 3. Jan 2015, 16:44
Benutzertitel: Alpha by choice&Liberalpatriot
Wohnort: जर्मनी

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon Provokateur » Di 9. Mai 2017, 08:58

hafenwirt hat geschrieben:Würde man Leitkultur endlich mal mit vernünftigen Inhalt füllen, wäre ich als freiheitlicher Liberaler Linksgrüner bereit, um zu sagen, "jo, das ist echt ne deutsche Sache, das sollte beibehalten werden als kulturelles Faktum", aber meines Erachtens steht das meiste und wichtigste bereits im Grundgesetz.


Das Grundgesetz mag zwar "Vorbildcharakter" haben für andere Gesetze, beschreibt aber erst einmal nur das Verhältnis zwischen Staat und Bürger, nicht zwischen Bürger und Bürger untereinander. Deswegen ist "Das Bekenntnis zum Grundgesetz" relativ billig. Wer sich hingegen zu den "Werten des Grundgesetzes" bekennt, der meint etwas ganz anderes; er lässt nämlich im Umgang mit seinen Mitmenschen die selben Maßstäbe gelten, die der Staat im Umgang mit uns anlegt.
Cynic, n.: A blackguard whose faulty vision sees things as they are, not as they ought to be.

Ambrose Bierce

Echte Patrioten wählen NICHT die AfD.
Benutzeravatar
hafenwirt
Beiträge: 7299
Registriert: Mo 16. Mär 2009, 07:21
Benutzertitel: Dreckspack aus der Mitte
Wohnort: Niedersachsen

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon hafenwirt » Di 9. Mai 2017, 09:04

Provokateur hat geschrieben:(09 May 2017, 09:58)

Das Grundgesetz mag zwar "Vorbildcharakter" haben für andere Gesetze, beschreibt aber erst einmal nur das Verhältnis zwischen Staat und Bürger, nicht zwischen Bürger und Bürger untereinander. Deswegen ist "Das Bekenntnis zum Grundgesetz" relativ billig. Wer sich hingegen zu den "Werten des Grundgesetzes" bekennt, der meint etwas ganz anderes; er lässt nämlich im Umgang mit seinen Mitmenschen die selben Maßstäbe gelten, die der Staat im Umgang mit uns anlegt.


Von mir aus. Ich habe immer das Gefühl, dass, wenn die Menschen über/vom Grundgesetz reden auch in etwa das Verhältnis zwischen Bürger und Bürger meinen. Wie oft hörte man "Meinungsfreiheit" in Deutschland, nur wenn eine Person kritisiert wurde. Die Bekennung zu den Werten des GG wäre ja dann in etwa die Leitkultur. Man könnte damit dann das Thema eigentlich abhaken.
...
Benutzeravatar
watisdatdenn?
Beiträge: 1301
Registriert: Do 19. Jun 2008, 14:08

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon watisdatdenn? » Di 9. Mai 2017, 09:18

schokoschendrezki hat geschrieben:(09 May 2017, 08:56)
Es gibt kaum ein langweiligeres Märchen als das vom Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen. Es ist so dermaßen abgegriffen und abgeschliffen und verbraucht und vor allem vollkommen unwahr und daneben.

Warum ist deiner Meinung nach Eva Herman entlassen worden?
Benutzeravatar
Provokateur
Moderator
Beiträge: 10797
Registriert: Sa 3. Jan 2015, 16:44
Benutzertitel: Alpha by choice&Liberalpatriot
Wohnort: जर्मनी

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon Provokateur » Di 9. Mai 2017, 09:20

watisdatdenn? hat geschrieben:(09 May 2017, 10:18)

Warum ist deiner Meinung nach Eva Herman entlassen worden?


Für Nachrichtensprecher gilt: Read the News, don't be the News.

Dagegen hat sie verstoßen.
Cynic, n.: A blackguard whose faulty vision sees things as they are, not as they ought to be.

Ambrose Bierce

Echte Patrioten wählen NICHT die AfD.
Benutzeravatar
watisdatdenn?
Beiträge: 1301
Registriert: Do 19. Jun 2008, 14:08

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon watisdatdenn? » Di 9. Mai 2017, 09:25

Provokateur hat geschrieben:(09 May 2017, 10:20)
Für Nachrichtensprecher gilt: Read the News, don't be the News.

Dagegen hat sie verstoßen.

Ach das stand so in ihrem Arbeitsvertrag?

Das ist eine faule Ausrede und darum gibt es diese Aussage weder in ihrem Arbeitsvertrag noch gesetzlich verankert.

So lief es in Wirklichkeit ab:
Sie hat an exponierter stellte gesagt, dass deutsche mehr Kinder haben sollten und das hausfrauenmodell nicht so schlecht ist.
Darum wurde sie nach einer medialen Hetzjagd (inklusive Rausschmiss aus einer Talkrunde) gefeuert.
Benutzeravatar
Provokateur
Moderator
Beiträge: 10797
Registriert: Sa 3. Jan 2015, 16:44
Benutzertitel: Alpha by choice&Liberalpatriot
Wohnort: जर्मनी

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon Provokateur » Di 9. Mai 2017, 09:39

watisdatdenn? hat geschrieben:(09 May 2017, 10:25)

Ach das stand so in ihrem Arbeitsvertrag?

Das ist eine faule Ausrede und darum gibt es diese Aussage weder in ihrem Arbeitsvertrag noch gesetzlich verankert.

So lief es in Wirklichkeit ab:
Sie hat an exponierter stellte gesagt, dass deutsche mehr Kinder haben sollten und das hausfrauenmodell nicht so schlecht ist.
Darum wurde sie nach einer medialen Hetzjagd (inklusive Rausschmiss aus einer Talkrunde) gefeuert.


Nein, sie hätte auch den Kommunismus propagieren und nackig die Internationale singen können, dann wäre sie genau so geflogen. Und natürlich steht in den Arbeitsverträgen von Nachrichtensprechern, dass sie bei persönlichen Aussagen Zurückhaltung wahren sollen. Lies dich mal ein und unterhalte dich mit Journalisten.
Cynic, n.: A blackguard whose faulty vision sees things as they are, not as they ought to be.

Ambrose Bierce

Echte Patrioten wählen NICHT die AfD.
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 8571
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 15:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon schokoschendrezki » Di 9. Mai 2017, 09:45

hafenwirt hat geschrieben:(09 May 2017, 09:41)
Diese Debatte existiert aus zweierlei Gründen:

Zum einen aufgrund des psychischen Abgrenzungsbedürfnis gewisser Parteien und Anhängerschaft, welche auf der Straße überall linke Hippies mit Dread-Locks sehen und kriminelle Ausländer, also romantisiert man Vorstellungen eines alten Deutschlands wie es früher mal war (mit perfektem Scheitel) und bemitleidet sich dann, das es heute nicht mehr so ist. Dazu zählen so Kleinigkeiten wie Essen, als jeder noch Kartoffeln mit Sauerkraut machen konnte und man jetzt sauer ist, dass das Enkelkind lieber zur Fast-Food-Kette oder dem Dönerladen geht.

Zum anderen ist die Debatte ein taktisches Manöver der CDU. So hält man ein gewisses Klientel noch bei sich, welches ansonsten resigniert zu einer anderen Rechts-Partei wechseln würde. Man wahrt so den Anschein, dass man für dieses "alte Deutschland" steht, bei dem die Dinge noch richtig liefen. Deswegen füllt man diese Debatte auch nie mit Inhalt. Die meisten wissen ganz genau, dass man daran scheitern würde.

Würde man Leitkultur endlich mal mit vernünftigen Inhalt füllen, wäre ich als freiheitlicher Liberaler Linksgrüner bereit, um zu sagen, "jo, das ist echt ne deutsche Sache, das sollte beibehalten werden als kulturelles Faktum", aber meines Erachtens steht das meiste und wichtigste bereits im Grundgesetz.

Gut dargestellt. Es ist nur, zum letzten Punkt, die Frage, ob es einen Bedarf an einer leitkulturellen Vorgabe tatsächlich gibt. Oder anders gefragt: Wollen wir uns wirklich und tatsächlich einreihen in die Liste der abgekippten Nationen? Von Russland über Polen, Ungarn, die Türkei bis beinahe Frankreich usw?

Selbst ein CDU-Politiker (Ruprecht Polenz nämlich) äußerte im Deutschlandfunk:

Die erste Frage ist, wer definiert, was Leitkultur ist, denn es soll ja eine Richtschnur sein, an die sich alle halten sollen, damit wir hier gut zusammenleben. Und das, an was sich alle halten sollen, ist normalerweise in Gesetzen geregelt. Wo jenseits der Gesetze besteht ein Bedarf an Verbindlichem und wer legt das fest? Das sind meine beiden Haupteinwände gegen die ganze Leitkultur-Debatte.


(http://www.deutschlandfunk.de/debatte-ueber-leitkultur-der-begriff-passt-nicht-in-eine.694.de.html?dram:article_id=385088)

Bitte: Wo jenseits der Gesetze besteht ein Bedarf an Verbindlichem? Wo?

Man könnte eine Diskussion führen, ob und wie die Einhaltung von Gesetzen (vom Grundgesetz über das bürgerliche Gesetzbuch bis hin zu staatlichen Regelungen) vehementer durchgesetzt werden muss. Aber Leitkultur? Zurück zur normativen Gesellschaft a la DDR? Bitte nicht!
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt
Benutzeravatar
Laertes
Beiträge: 596
Registriert: So 1. Nov 2015, 07:56
Benutzertitel: E PLURIBUS UNUM

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon Laertes » Di 9. Mai 2017, 09:51

Provokateur hat geschrieben:(09 May 2017, 09:58)
Das Grundgesetz mag zwar "Vorbildcharakter" haben für andere Gesetze, beschreibt aber erst einmal nur das Verhältnis zwischen Staat und Bürger, nicht zwischen Bürger und Bürger untereinander. Deswegen ist "Das Bekenntnis zum Grundgesetz" relativ billig. Wer sich hingegen zu den "Werten des Grundgesetzes" bekennt, der meint etwas ganz anderes; er lässt nämlich im Umgang mit seinen Mitmenschen die selben Maßstäbe gelten, die der Staat im Umgang mit uns anlegt.


Das ist ein wichtiger Punkt. Bislang konnte ich nicht auf den Punkt bringen, warum mir die Gleichung Leitkultur = Grundgesetz zu reduzierend vorkommt.

Maßstäbe des Umgangs miteinander scheint mir ein wesentlicher Aspekt zu sein, wo Leitkultur über Grundgesetz hinaus geht. Beispiel Händeschütteln: Das zur Norm und identitätsstiftendem Merkmal stilisieren zu wollen, scheint mir albern. Es gibt gute hygienische Gründe dagegen und ich habe auch keine Lust jedem und jeder die Hand zu schütteln. Ein Affront gegen die Leitkultur wird es aber, wenn das diskriminierende Element dazu kommt, dass jemand ausdrücklich nur Frauen grundsätzlich nicht die Hand schüttelt (oder Angehörigen beliebiger anderer Gruppen, die er pauschal als Menschen zweiter Klasse betrachtet). In so einem Fall wird unsere Leitkultur bewusst missachtet, ohne dass Strafgesetz oder Grundgesetz irgendeine Handhabe böten.
FAIRNESS, FÜRSORGE und FREIHEIT sind gemeinsame moralische Werte von Linken und Konservativen.
LOYALITÄT, AUTORITÄT und SAKRALITÄT sind aber für Rechts-Konservative genauso wichtig (Jonathan Haidt)
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 8571
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 15:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon schokoschendrezki » Di 9. Mai 2017, 09:56

watisdatdenn? hat geschrieben:(09 May 2017, 10:18)

Warum ist deiner Meinung nach Eva Herman entlassen worden?


Das ist doch völlig klar. Das öffentliche Bild des NDR war mit den Äußerungen Herrmans nicht mehr vereinbar. Es kann doch überhaupt nicht sein, dass es da keine Grenzen gibt.
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 8571
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 15:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon schokoschendrezki » Di 9. Mai 2017, 10:03

Laertes hat geschrieben:(09 May 2017, 10:51)

Das ist ein wichtiger Punkt. Bislang konnte ich nicht auf den Punkt bringen, warum mir die Gleichung Leitkultur = Grundgesetz zu reduzierend vorkommt.

Maßstäbe des Umgangs miteinander scheint mir ein wesentlicher Aspekt zu sein, wo Leitkultur über Grundgesetz hinaus geht. Beispiel Händeschütteln: Das zur Norm und identitätsstiftendem Merkmal stilisieren zu wollen, scheint mir albern. Es gibt gute hygienische Gründe dagegen und ich habe auch keine Lust jedem und jeder die Hand zu schütteln. Ein Affront gegen die Leitkultur wird es aber, wenn das diskriminierende Element dazu kommt, dass jemand ausdrücklich nur Frauen grundsätzlich nicht die Hand schüttelt (oder Angehörigen beliebiger anderer Gruppen, die er pauschal als Menschen zweiter Klasse betrachtet). In so einem Fall wird unsere Leitkultur bewusst missachtet, ohne dass Strafgesetz oder Grundgesetz irgendeine Handhabe böten.


Aber bitteschön. Das soll er/sie getrost tun. Es gibt etliche gesellschaftliche Mechanismen, die ein aosziales, diskriminierendes Verhalten auf Dauer gesehen unterbinden. Gerade heute früh konnte ich beobachten, wie man einen betrunkenen, schlecht gelaunten und agressiven Bürger daran hinderte, andere Leute tätlich anzugreifen. Ich kann nicht glauben, dass man tatsächlich wollen kann, dass der Staat von oben, Verhaltensweisen diktiert. Nochmal: Das ist eine Wiederkehr von DDR-Verhältnissen.
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt

Zurück zu „80. Integration“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast