Deutschtürken - Minderheit oder Migrantengruppe?

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Julian
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Re: Deutschtürken - Minderheit oder Migrantengruppe?

Beitragvon Julian » Do 18. Feb 2016, 09:41

palulu hat geschrieben:(17 Feb 2016, 20:49)

Welcher Deutsche akzeptiert die gesamtkulturellen Differenzen zwischen einem Deutschen und einem Deutschtürken?


Leider ist da historisch einiges schief gelaufen, wohl von beiden Seiten aus.

Prinzipiell erwarte ich von Einwanderern, dass sie sich für die neue Heimat begeistern; schließlich muss es ja einen Grund geben, dass sie in ein bestimmtes Land einwandern wollen. Selbstverständlich können gewisse kulturelle Eigenheiten mitgenommen werden, aber die Loyalitäten müssen klar sein. Wenn jemand nach Deutschland einwandert, erwarte ich von ihm, dass er Deutscher werden will, und dass er seine Kinder als Deutsche aufwachsen sehen will. "Deutsch" in diesem Sinne hat dann selbstverständlich eine weitere, umfassendere Bedeutung als "deutsch" im traditionellen Sinne.

Auf der anderen Seite dürfen Einwanderer dann auch erwarten, dass sie nach einiger Zeit voll akzeptiert werden, nicht nur als Gäste oder als "ausländische Mitbürger", sondern als vollwertige Staatsbürger. Beispielsweise darf es für die Karriere nicht von Belang sein, ob man nun Schmidt oder Yilmaz heißt, ob man zu Jahwe oder Allah betet, oder ob man Schnitzel oder Döner isst.

All dies hat bisher nur begrenzt stattgefunden. Ich kenne wenige Deutsche türkischer Herkunft, die sich selbstbewusst als Deutsche sehen und zu 100% für dieses Land eintreten; viele sehen sich als Türken, obwohl ihnen bei Türkeibesuchen dann doch häufig klar wird, dass sie dort nicht zu Hause sind. Ich war allerdings ziemlich geschockt, in welchem Ausmaß nach Erdogans Wahlsieg in Deutschland gefeiert wurde. Da gab es Autokorsos und Fahnenschwenken, die die Loyalitäten nur zu schmerzhaft deutlich gemacht haben. Auf der anderen Seite gibt es auch immer noch viele autochthone Deutsche, die Schwierigkeiten haben, einen Deutschen türkischer Herkunft als vollwertigen Deutschen zu betrachten.

In gewissem Sinne ist dies auch ein Teufelskreis und letztlich Folge nicht der aktuellen Politik, sondern den spezifischen Umständen der Gastarbeitermigration in den 1960er- bis 1980er-Jahren geschuldet.
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H2O
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Re: Deutschtürken - Minderheit oder Migrantengruppe?

Beitragvon H2O » Do 18. Feb 2016, 11:31

"Ich war allerdings ziemlich geschockt, in welchem Ausmaß nach Erdogans Wahlsieg in Deutschland gefeiert wurde. Da gab es Autokorsos und Fahnenschwenken, die die Loyalitäten nur zu schmerzhaft deutlich gemacht haben. Auf der anderen Seite gibt es auch immer noch viele autochthone Deutsche, die Schwierigkeiten haben, einen Deutschen türkischer Herkunft als vollwertigen Deutschen zu betrachten."

Diese Fahneschwenker sieht man natürlich; jene,
die sich davon ferngehalten haben sind sicher weniger
auffällig. Das Thema Bildungsferne sollte nicht ver-
nachlässigt werden. Bildungsferne und Begeisterung
für "starke Männer" gehören leider zusammen... das
politische Leben wird durch das Bekenntnis zu "starken
Männern" sehr viel einfacher.

Diese Feststellung ersteckt sich auch auf unsere alt-
eingesessenen Landsleute; das Fremde wird eben nicht
neugierig beäugt und befragt, sondern erst einmal ab-
gelehnt... was oft genug auch nicht unvernünftig ist, wenn
die Kenntnisse erworben wurden. Ohne diese Mühe
lebt es sich einfacher.
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Re: Deutschtürken - Minderheit oder Migrantengruppe?

Beitragvon bakunicus » Do 18. Feb 2016, 11:43

Julian hat geschrieben:(18 Feb 2016, 09:41)

Leider ist da historisch einiges schief gelaufen, wohl von beiden Seiten aus.

Prinzipiell erwarte ich von Einwanderern, dass sie sich für die neue Heimat begeistern; schließlich muss es ja einen Grund geben, dass sie in ein bestimmtes Land einwandern wollen. Selbstverständlich können gewisse kulturelle Eigenheiten mitgenommen werden, aber die Loyalitäten müssen klar sein. Wenn jemand nach Deutschland einwandert, erwarte ich von ihm, dass er Deutscher werden will, und dass er seine Kinder als Deutsche aufwachsen sehen will. "Deutsch" in diesem Sinne hat dann selbstverständlich eine weitere, umfassendere Bedeutung als "deutsch" im traditionellen Sinne.

Auf der anderen Seite dürfen Einwanderer dann auch erwarten, dass sie nach einiger Zeit voll akzeptiert werden, nicht nur als Gäste oder als "ausländische Mitbürger", sondern als vollwertige Staatsbürger. Beispielsweise darf es für die Karriere nicht von Belang sein, ob man nun Schmidt oder Yilmaz heißt, ob man zu Jahwe oder Allah betet, oder ob man Schnitzel oder Döner isst.

All dies hat bisher nur begrenzt stattgefunden. Ich kenne wenige Deutsche türkischer Herkunft, die sich selbstbewusst als Deutsche sehen und zu 100% für dieses Land eintreten; viele sehen sich als Türken, obwohl ihnen bei Türkeibesuchen dann doch häufig klar wird, dass sie dort nicht zu Hause sind. Ich war allerdings ziemlich geschockt, in welchem Ausmaß nach Erdogans Wahlsieg in Deutschland gefeiert wurde. Da gab es Autokorsos und Fahnenschwenken, die die Loyalitäten nur zu schmerzhaft deutlich gemacht haben. Auf der anderen Seite gibt es auch immer noch viele autochthone Deutsche, die Schwierigkeiten haben, einen Deutschen türkischer Herkunft als vollwertigen Deutschen zu betrachten.

In gewissem Sinne ist dies auch ein Teufelskreis und letztlich Folge nicht der aktuellen Politik, sondern den spezifischen Umständen der Gastarbeitermigration in den 1960er- bis 1980er-Jahren geschuldet.


dann frag dich doch mal wie es dazu gekommen ist.
die türkischen einwanderer sind als "gastarbeiter" gekommen, und 35 jahre lang auch so behandelt worden.
"deutschland ist kein einwanderungsland", das war das große ausrufezeichen der CDU/CSU, und in dieser vorstellung sollten die "gäste" alle wieder zurückkehren in die türkei.
wie wir heute wissen ist es ganz anders gekommen, und erst unter der regierung schröder haben nun die kinder der türkischen einwanderer wenigstens die wahl (bis zum 21. lebensjahr), ob sie die deutsche oder türkische staatsbürgerschaft annehmen wollen.

die türken sind (anders als z.b. die rußlanddeutschen) 35 jahre lang niemals eingeladen worden deutsche staatsbürger zu werden, ganz im gegenteil.
sie sollten sogar ihre sprache und kultur bewahren, auch explizit bei ihren kindern, damit sie wieder in ihre heimat zurückkehren.
und dafür verantwortlich ist die deutschtümelei und falsche politik der unionsparteien, niemand anders.

und den gleichen fehler machen wir heute schon wieder, mit den flüchtlingen aus dem irak und syrien.
von denen werden nämlich aller voraussicht und erfahrung nach viele bleiben ...
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Re: Deutschtürken - Minderheit oder Migrantengruppe?

Beitragvon Julian » Do 18. Feb 2016, 11:47

H2O hat geschrieben:(18 Feb 2016, 11:31)
Diese Fahneschwenker sieht man natürlich; jene,
die sich davon ferngehalten haben sind sicher weniger
auffällig. Das Thema Bildungsferne sollte nicht ver-
nachlässigt werden. Bildungsferne und Begeisterung
für "starke Männer" gehören leider zusammen... das
politische Leben wird durch das Bekenntnis zu "starken
Männern" sehr viel einfacher.


Klar, es fällt auf, wenn Erdogan in Deutschland Stadien füllt und es nach seinem Sieg Autokorsos in deutschen Großstädten gibt. Die vielen gut integrierten Deutschen türkischer Herkunft, die ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland sehen und sich hier, und nicht in der Türkei engagieren, sind weniger sichtbar. Es gibt ja mittlerweile auch eine beachtliche, gut integrierte deutschtürkische Mittelschicht, gerade hier in Süddeutschland.

Natürlich war ein Problem der Gastarbeitermigration, dass vor allem wenig gebildete Leute aus ländlich-rückständigen Regionen der Türkei nach Deutschland gekommen sind, und nicht, wie im Falle Irans, eine eher bürgerlich-fortschrittliche Schicht. Deswegen ist es nicht so verwunderlich, dass der Bildungserfolg von Menschen türkischer Herkunft unter dem der deutschen Gesamtbevölkerung liegt, während das Gegenteil für Menschen iranischer Herkunft gilt. Ich hatte einmal auch mit türkischen Austauschstudenten aus urbanen, bildungsbürgerlichen Schichten Istanbuls zu tun; die waren im Schnitt ganz anders drauf als unsere Deutschtürken und haben sich denen auch nicht besonders verbunden gefühlt.
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Re: Deutschtürken - Minderheit oder Migrantengruppe?

Beitragvon Julian » Do 18. Feb 2016, 11:55

bakunicus hat geschrieben:(18 Feb 2016, 11:43)

dann frag dich doch mal wie es dazu gekommen ist.
die türkischen einwanderer sind als "gastarbeiter" gekommen, und 35 jahre lang auch so behandelt worden.
"deutschland ist kein einwanderungsland", das war das große ausrufezeichen der CDU/CSU, und in dieser vorstellung sollten die "gäste" alle wieder zurückkehren in die türkei.
wie wir heute wissen ist es ganz anders gekommen, und erst unter der regierung schröder haben nun die kinder der türkischen einwanderer wenigstens die wahl (bis zum 21. lebensjahr), ob sie die deutsche oder türkische staatsbürgerschaft annehmen wollen.

die türken sind (anders als z.b. die rußlanddeutschen) 35 jahre lang niemals eingeladen worden deutsche staatsbürger zu werden, ganz im gegenteil.
sie sollten sogar ihre sprache und kultur bewahren, auch explizit bei ihren kindern, damit sie wieder in ihre heimat zurückkehren.
und dafür verantwortlich ist die deutschtümelei und falsche politik der unionsparteien, niemand anders.

und den gleichen fehler machen wir heute schon wieder, mit den flüchtlingen aus dem irak und syrien.
von denen werden nämlich aller voraussicht und erfahrung nach viele bleiben ...


Das bestreite ich ja gar nicht. Allerdings ging dies von beiden Seiten aus. Die türkischen Kinder, mit denen ich zur Schule gegangen bin in den Achtzigerjahren, wollten nie Deutsche werden. Selbst heute nehmen viele den Pass, sehen aber ihre Loyalität woanders.

Mit den gegenwärtigen Flüchtlingen werden wir mindestens ebenso viele Probleme bekommen, weil wir viel zu viele hereinlassen. Kein Land der Welt kann so eine hohe Zahl an Menschen integrieren. Auch unterbleibt wieder die Kontrolle der Gesinnung. So sind unter den Flüchtlinge viele, die den Westen und damit auch Deutschland verabscheuen. Die wollen gar nicht integriert werden und sollten folgerichtig auch gar nicht hereingelassen werden.

Die Probleme mit den Flüchtlingen führen dann andererseits auch wieder zu einem dumpfen Ausländerhass in weiten Teilen der Bevölkerung. So pendelt Deutschland eben munter zwischen den Extremen, anstatt endlich einmal ein vernünftiges Maß zu finden für eine rationale Einwanderungspolitik.
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Re: Deutschtürken - Minderheit oder Migrantengruppe?

Beitragvon Liegestuhl » Do 18. Feb 2016, 11:56

H2O hat geschrieben:Diese Fahneschwenker sieht man natürlich; jene,
die sich davon ferngehalten haben sind sicher weniger
auffällig.


Die AKP hat in Deutschland 60% der Stimmen geholt.

http://secim.haberler.com/2015/almanya-secim-sonuclari/

Das ist schon eine deutliche Aussage.
Ein Hütchen mit Federn, die Armbrust über der Schulter, aber ein Jäger ist es nicht.
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Re: Deutschtürken - Minderheit oder Migrantengruppe?

Beitragvon bakunicus » Do 18. Feb 2016, 11:59

Julian hat geschrieben:(18 Feb 2016, 11:47)



Natürlich war ein Problem der Gastarbeitermigration, dass vor allem wenig gebildete Leute aus ländlich-rückständigen Regionen der Türkei nach Deutschland gekommen sind, und nicht, wie im Falle Irans, eine eher bürgerlich-fortschrittliche Schicht. Deswegen ist es nicht so verwunderlich, dass der Bildungserfolg von Menschen türkischer Herkunft unter dem der deutschen Gesamtbevölkerung liegt, während das Gegenteil für Menschen iranischer Herkunft gilt. Ich hatte einmal auch mit türkischen Austauschstudenten aus urbanen, bildungsbürgerlichen Schichten Istanbuls zu tun; die waren im Schnitt ganz anders drauf als unsere Deutschtürken und haben sich denen auch nicht besonders verbunden gefühlt.


das war überhaupt kein problem in der 1. generation.
diese menschen haben alle anstellung und beschäftigung gefunden, hatten einkommen für ihre familien, und sind niemandem zur last gefallen.
es ist die 2. und 3. generation, die überdurchschnittlich viele probleme hat und macht ...

und das trifft sogar auf die gut ausgebildeten zu; mittlerweile gehen die kinder der gastarbeiter mit universitätsabschlüßen zurück in die türkei, weil sie dort bessere berufliche perspektiven finden als in deutschland.
ein türkischer familienname ist ein massives einstellungshindernis
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Re: Deutschtürken - Minderheit oder Migrantengruppe?

Beitragvon H2O » Do 18. Feb 2016, 12:03

"Ich hatte einmal auch mit türkischen Austauschstudenten aus urbanen, bildungsbürgerlichen Schichten Istanbuls zu tun; die waren im Schnitt ganz anders drauf als unsere Deutschtürken und haben sich denen auch nicht besonders verbunden gefühlt."

Diese Erfahrungen habe ich auch gemacht;
dienstlich hatte ich mit gebildeten Türken zu
tun. In der Tat waren die nicht gerade versessen
darauf, mit unseren Gastarbeitern in ein Gespräch
zu gelangen.

Wobei mir fern liegt, mich über unsere türkischen
Gastarbeiter abfällig zu äußern. Dagegen sprechen
Schulerfolge vieler Kinder aus diesen Familien und
ihr beruflicher Aufstieg in unserer Gesellschaft.

Ich bleibe deshalb bei meiner "Theorie", daß Bildung
die bestmögliche Maßnahme für die Integration in
unsere deutsche Gesellschaft ist... auch mit Blick
auf unsere alteingesessenen bildungsfernen Mitbürger.
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Re: Deutschtürken - Minderheit oder Migrantengruppe?

Beitragvon H2O » Do 18. Feb 2016, 12:11

Liegestuhl hat geschrieben:(18 Feb 2016, 11:56)

Die AKP hat in Deutschland 60% der Stimmen geholt.

http://secim.haberler.com/2015/almanya-secim-sonuclari/

Das ist schon eine deutliche Aussage.


Möglicherweise unterliegen Sie hier einem Trugschluß:

An den 60% der abgegebenen Stimmen für die AKP zweifele
ich gar nicht. Die wesentliche Frage wäre aus meiner Sicht
aber, wieviele bekennende "Deutschtürken" sich über-
haupt zur Stimmabgabe entschlossen hatten, ob nun mit
einer alleinig türkischen oder zwei Staatsangehörigkeiten.

Ganz so einfach kann man so eindeutige Statistiken also
doch nicht deuten.
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Re: Deutschtürken - Minderheit oder Migrantengruppe?

Beitragvon jellobiafra » Do 18. Feb 2016, 20:39

Worin besteht denn eine gesamtkulturelle Differenz zwischen den Deutschtürken und den Deutschen. Das muss doch ausgeführt werden.
Dann kann der Deutsche sagen, okay diese Differenz akzeptiere ich, denn so möchte ich nicht sein, aber damit kann ich leben, wenn andere so sind. Und dann kann er auch sagen, diesen Teil der Differenz
aktzeptiere ich nicht, denn so sollte hier in Deutschland niemand sein.
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Re: Deutschtürken - Minderheit oder Migrantengruppe?

Beitragvon Demolit » Do 18. Feb 2016, 20:48

H2O hat geschrieben:(18 Feb 2016, 12:11)

Möglicherweise unterliegen Sie hier einem Trugschluß:

An den 60% der abgegebenen Stimmen für die AKP zweifele
ich gar nicht. Die wesentliche Frage wäre aus meiner Sicht
aber, wieviele bekennende "Deutschtürken" sich über-
haupt zur Stimmabgabe entschlossen hatten, ob nun mit
einer alleinig türkischen oder zwei Staatsangehörigkeiten.

Ganz so einfach kann man so eindeutige Statistiken also
doch nicht deuten.



als Zahlenmaterial aus der ersten vom Sultan später ins nicht mehr Gültige gedrehten Wahl:

http://www.spiegel.de/politik/ausland/w ... 37673.html
The artist formerly known as Bakelit.
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Re: Deutschtürken - Minderheit oder Migrantengruppe?

Beitragvon H2O » Fr 19. Feb 2016, 10:44

Demolit hat geschrieben:(18 Feb 2016, 20:48)

als Zahlenmaterial aus der ersten vom Sultan später ins nicht mehr Gültige gedrehten Wahl:

http://www.spiegel.de/politik/ausland/w ... 37673.html


Ja, vielen Dank, das hatte ich auch schon vermutet!
Wahlbeteiligung zwischen 37% und 44%; dabei muß
man berücksichtigen, daß nur jene sich auf den Weg
zum Konsulat gemacht haben werden, die politisch
ein besonderes Interesse an diesen Wahlen hatten.

Da wir aber hier über "Deutschtürken" reden, müssten
jene Teilnehmer mit 2 Pässen (einer deutsch, einer türkisch)
heraus gezogen werden... das ist natürlich gar nicht
so leicht möglich. Schon gar nicht zu machen sein dürfte
aber eine Aufteilung AKP "Deutschtürken" und AKP "Türken
in Deutschland".

Ist aber auch nicht so wichtig, meine ich.

Dumme Frage an unsere "Deutschtürken": Sind in Deutsch-
land lebende Türken ohne deutschen Paß auch in Ihrem
Sinne "Deutschtürken", oder verstehen Sie darunter
Deutsche mit türkischen Wurzeln, aber nicht mit türkischem
Paß, oder nur Inhaber zweier Pässe?

Wobei Deutsche sich doch gar nicht an türkischen Wahlen
beteiligen konnten... meine ich.
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Re: Deutschtürken - Minderheit oder Migrantengruppe?

Beitragvon H2O » Fr 19. Feb 2016, 10:50

jellobiafra hat geschrieben:(18 Feb 2016, 20:39)

Worin besteht denn eine gesamtkulturelle Differenz zwischen den Deutschtürken und den Deutschen. Das muss doch ausgeführt werden.
Dann kann der Deutsche sagen, okay diese Differenz akzeptiere ich, denn so möchte ich nicht sein, aber damit kann ich leben, wenn andere so sind. Und dann kann er auch sagen, diesen Teil der Differenz
aktzeptiere ich nicht, denn so sollte hier in Deutschland niemand sein.


Das kann Ihnen doch nur ein "Deutschtürke" erklären!

Ich glaube bis dahin weiterhin, daß die kulturelle Spreizung
innerhalb der Gruppe "Deutschtürken" größer sein dürfte
als zwischen Deutschen und "Deutschtürken" der gleichen
Bildungsschicht.

Das sind meine eigenen Erfahrungen, die natürlich nicht zu
einer allgemeinen Aussage taugen!
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Re: Deutschtürken - Minderheit oder Migrantengruppe?

Beitragvon Helmuth_123 » Fr 19. Feb 2016, 20:52

Türken sind keine nationale Minderheit in Deutschland und werden es auch nie werden!
"Ich habe nur ein Vaterland, das heißt Deutschland."-Heinrich Friedrich Karl vom Stein
"Konservativ ist, Dinge zu schaffen, die zu erhalten sich lohnt."-Arthur Moeller van den Bruck
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Re: Deutschtürken - Minderheit oder Migrantengruppe?

Beitragvon jellobiafra » Sa 20. Feb 2016, 09:27

Also die Frage an die "Deutschtürken", wenn denn hier welche sind. Worin besteht die kulturelle Differenz?

Ich persönlich kenne auch einen "Deutschtürken", einen Kollege. Der legt erstens überhaupt keinen Wert auf
irgendeine "kulturelle Differenz",er ist kein Moslem (mehr) und hält Erdogan für einen Faschisten.
Er gehört einer deutschen Partei an und ist seit Jahrzehnten in der Gewerkschaft. Er ist Facharbeiter in einem technischen Beruf,
mir einem überdurchschnittlichen Gehalt.

Ist das jetzt der typische "Deutschtürke." Welcher andere "Deutschtürke" hat irgendein Mandat für ihn zu sprechen.
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Türken als nationale Minderheit? Die neuen Minoritäten in Europa

Beitragvon Deutschtürke » So 28. Feb 2016, 23:29

Hallo Leute .. ich freue mich über eure regen Unterhaltung..

Wir haben uns als Deutschtürken Verband in München geründet...

Wer mehr wissen will bitte melden..
Danke
Vorstand

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Türken als nationale Minderheit? Die neuen Minoritäten in Europa

vom 11. September 2015 Aus der Onlineredaktion

Jan Diedrichsen blickt im neuen Teil seiner Serie auf die „neuen“ Minderheiten. Möglicherweise muss die Frage nach den Minoritäten neu gestellt werden.

Jan Diedrichsen hat sich in einer 20-teiligen Serie für den „Nordschleswiger“ in kritischer Perspektive der Situation der Minderheiten in den Staaten Europas gewidmet. Minderheitenpolitik ist ein ur-schleswig-holsteinisches Thema. Daher freuen wir uns, die Texte aus der Zeitung der deutschen Minderheit in Dänemark auch auf shz.de veröffentlichen zu dürfen.

In einer der ersten Folgen dieser Sommerserie habe ich versucht, die verschiedenen Gruppierungen der Minderheiten in Europa zusammenzufassen. Diese Gruppen spannen weit: von Minderheiten, wie die Deutsche in Dänemark, die ein Produkt der neueren Geschichte und einer Grenzziehung ist, bis hin zu den Urbevölkerungen der Inuit oder auch den vielen Roma-Gemeinschaften in Europa.

Doch es geht noch komplizierter. Bislang haben wir nämlich eine Frage ausgeklammert: Die Frage der „neuen“ Minderheiten. Gemeint ist die in sich selbst komplexe Gruppe der Migranten, im Sinne von Familien, die bereits in dritter und vierter Generation im Land leben. Auch hier ist die Wirklichkeit vielschichtig, vielfältig. In der emotionalen Diskussion über die aktuelle, umfassendste Flüchtlingskatastrophe seit Ende des Zweiten Weltkrieges, werden die Begriffe gerne unreflektiert zusammengewürfelt. Natürlich ist der Türke in Berlin, der seit 50 Jahren in Deutschland lebt, nicht mit einer syrischen Familie gleichzusetzen, die vor Krieg und Elend aus der eigenen Heimat flüchten muss und natürlich auch nicht mit einem Sorben aus der Lausitz. Wobei ab und an aus dem Fokus zu geraten scheint, dass es sich bei allen Beteiligten um Menschen handelt.

Wann ist eine Minderheit „alt“ bzw. kann eine „neue“ Minderheit auch zu einer „alten“ Minderheit werden? Die Deutschen in Rumänien, die Banater Schwaben und die Siebenbürger Sachsen, sind als tüchtige „Arbeitsimmigranten“ ins Land gerufen worden. Das alles hat sich natürlich bereits vor Jahrhunderten ereignet, aber sie sind de facto eingewandert. Die Türken leben in der dritten oder vierten Generation in Deutschland und seit der Einführung der doppelten Staatsbürgerschaft sind viele deutsche Staatsbürger. Wann können die Türken einen Anspruch stellen, als „autochthone Minderheit“ anerkannt zu werden? Der Status der „neuen“ Minderheiten ist ein hoch politisches Thema und wird bislang von Regierungen (und den alten Minderheiten) tabuisiert.

Wenn man einem bundesdeutschen Politiker Schweißperlen auf die Stirn treiben möchte, dann fordert man am besten, dass die türkische Minderheit in Deutschland entsprechend der Sorben, Dänen und Friesen ein Anrecht auf Anerkennung als nationale Minderheit haben soll. Als der türkische Regierungschef Erdogan vor Monaten in Köln eine Rede vor türkischstämmigen Deutschen bzw. in Deutschland lebenden Türken – der türkischen Minderheit – hielt, forderte er just diese Anerkennung. Erdogan wollte zwar keinen minderheitenpolitischen Durchbruch herbeireden. Es war eher der Versuch einer politischen Instrumentalisierung der Minderheit – ein oft gesehenes und gefährliches Phänomen in der Minderheitenpolitik. Dennoch bleibt die prinzipielle Frage der Anerkennung von ursprünglichen „Einwanderungsgruppen“ als nationale Minderheiten virulent.

Selbstverständlich muss es eine Unterscheidung zwischen autochthonen und allochthonen Minderheiten geben. Die Anforderungen und Hintergründe dieser Gruppen sind grundverschieden. Eine Angleichung der völkerrechtlichen Schutzmechanismen, wie es aus Kreisen der Wissenschaft immer wieder gefordert wird, nützt niemandem. Eine Annäherung der „neuen“ Minderheiten an den Rechtsstatus der „alten“ Minderheiten wird nur eines herbeiführen, nämlich eine (weitere) Aushöhlung des Minderheitenschutzes auf europäischer Ebene.

Es gibt einen pragmatischen Ansatz, der mir persönlich gut gefällt. In Schweden und Ungarn kann eine Gruppe den Status einer nationalen Minderheit mit allen Rechten erhalten, wenn diese über 100 Jahre im Land gelebt hat und an einer eigenständigen Identität als autochthone Minderheit festhalten möchte. So wird aus einer neuen eine alte Minderheit.

Der Autor wurde in Sonderburg geboren und war bis 2014 Leiter des Sekretariats der Deutschen Volksgruppe in Kopenhagen und Direktor der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen. Er ist ein ausgewiesener Fachmann auf dem Gebiet der Minderheiten.

http://www.shz.de/deutschland-welt/poli ... 90031.html

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27.02.11 - Die WELT

Erdogan will Deutschtürken als nationale Minderheit behandelt sehen

Freilich ist man in Deutschland meist gerührt, wenn Deutsche in Schlesien oder Siebenbürgen ihre Sprache und ihr Brauchtum wahren. Versuche, deutsche Minderheiten zu "zwangsassimilieren", wie dies im Nachkriegseuropa beispielsweise in Ungarn geschah, gelten heute als Verbrechen, und die deutsche Bundesregierung ist mit Geld und umfangreichen Förderprogrammen zur Stelle, um Donauschwaben in Ungarn enger an die deutsche Kultur zu binden – nicht die eigene, donauschwäbische, sondern an die moderne bundesdeutsche Identität.

Dass dies die Zielrichtung der Erdoganschen Politik ist, wenn es um Deutschlands Türken geht, das ist in der deutschen Debatte noch nicht so richtig verstanden worden. Es geht letztendlich um das langfristige Ziel, die Türken Deutschlands als nationale Minderheit zu behandeln, mit den entsprechenden, international anerkannten Rechten zur kulturellen Selbstbestimmung.

Dieser Kurs ist Teil der neuen, "offensiven, proaktiven und vielschichtigen" türkischen Außenpolitik, die darauf abzielt, den Einfluss, die Macht, mit einem Wort, die Interessen der Türkei in alle Richtungen selbstbewusst zu stärken. Man will, so Außenminister Ahmet Davutoglu, ausdrücklich nicht "Brücke zwischen den Kulturen" sein, sondern ein"Gravitationszentrum", um dass sich Europa und die muslimische Welt drehen. Istanbul würde zum Mittelpunkt einer neu erfundenen Alten Welt.

http://www.welt.de/politik/ausland/arti ... litik.html


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Wer darf Volk sein? Über nationale Minderheiten in Deutschland

12. Juli 2009 von Yoav Sapir in Bundestagblog

"Sie unterscheiden sich vom Mehrheitsvolk durch eigene Sprache, Kultur und Geschichte, also eigene Identität": So lautet eines von fünf Kriterien, die Menschengruppen in Deutschland erfüllen müssen, um die staatliche Anerkennung als nationale Minderheit erlangen zu können.

Diesem Satz bin ich während eines viertägigen Studienseminars begegnet, das vom Bundestag kürzlich für die IPS-Teilnehmer veranstaltet worden ist. Das Seminar hat in der Europäischen Akademie Schleswig-Holstein im süd- bzw. (eigentlich) mittelschleswigen Sankelmark, mithin nahe an der heutigen Grenze zu Dänemark. Denn in Schleswig-Holstein leben die meisten Menschengruppen, die hierzulande als nationale Minderheiten anerkannt sind: Drei von insgesamt vier Minderheiten sind in diesem Bundesland vorhanden - und somit mehr als in jedem anderen.

Im Rahmen des Seminars haben wir uns sowohl mit den anerkannten Minderheiten befasst, nämlich mit den Dänen, den Friesen, den Sorben sowie mit den Sinti und Roma, als auch mit inoffiziellen Minderheiten wie etwa der türkischen. Besonders die anerkannten Minderheiten waren für mich interessant, da mit diesen eine grundsätzliche Differenzierung zwischen der Staatsangehörigkeit und der Volkszugehörigkeit zum Ausdruck kommt, und zwar nicht nur hier in meinem gottverlassenen Blog, sondern auch dort, wo Macht und Pracht zu finden sind: im bundesrepublikanischen Staatsapparat.

Mir hat sich also u. a. die Frage gestellt, wie das in nationaler Hinsicht Andere von dieser Republik wahrgenommen wird, und zwar gerade in jenen Fällen, wo der andere sich nicht unter "Ausländern" subsumieren lässt, sondern dieselbe Staatsangehörigkeit besitzt wie man selbst. Ferner habe ich mich gefragt, was das amtliche Verständnis des national Anderen wiederum über die Auffassung der eigenen Gruppe sagen kann.

Die bundesrepublikanische Regelung basiert auf einer EU-Regelung, nämlich dem 1995 vom Europarat beschlossenen "Rahmenübereinkommen zum Schutz nationaler Minderheiten". Jedoch wird sie nicht direkt von diesem Text abgeleitet, da die Definition des Begriffs "nationale Minderheit" - leider nur aufgrund mangelnden Übereinkunftsvermögens - dem Ermessen der einzelnen Staaten überlassen worden ist.

Neben dem obigen Kriterium hat die Bundesrepublik vier weitere aufgestellt, die erfüllt werden müssen, damit eine Menschengruppe als eine nationale Minderheit angesehen werden kann. Die vollständige Liste findet man etwa in dieser Stellungnahme (S. 7) oder in dieser Broschüre (S. 61). Sie lautet wie folgt:

1) Ihre Angehörigen sind deutsche Staatsangehörige,
2) sie unterscheiden sich vom Mehrheitsvolk durch eigene Sprache, Kultur und Geschichte, also eigene Identität,
3) sie wollen diese Identität bewahren,
4) sie sind traditionell in Deutschland heimisch,
5) sie leben innerhalb Deutschlands in angestammten Siedlungsgebieten.

Das fünfte und letzte Kriterium wird für die Sinti und Roma per Ausnahme gebeugt, denn Sinn und Zweck solcher Voraussetzungen ist m. E. in erster Linie nicht das, was sie angeblich bewirken sollen, nämlich, zur amtlichen Anerkennung zu berechtigen, sondern vielmehr, von dieser auszuschließen - und somit auch von den mit der Anerkennung einhergehenden Privilegien. Im Interesse der Republik liegt es daher, die Sache so zu regeln, dass der Staat über eine außergewöhnliche Aufhebung einer bereits bestehenden Voraussetzung entscheiden darf - und sich keinesfalls dazu gezwungen sieht, die jähe Aufstellung eines bislang gar nicht bestehenden Kriteriums zu beschließen. Nur so kann man wirksam die Chancen verringen, dass es zu einer Erweiterung dieses exklusiven Kreises bzw. zur Anerkennung weiterer nationaler Minderheiten kommen könnte. Meiner Meinung nach ist das der Grund, weshalb man sich zur Erteilung einer Ausnahme entschloss, anstatt auf das letzte Kriterium zu verzichten.

Jedenfalls wurden die Kriterien, soweit ich es verstanden habe, erst im Nachhinein bekannt gegeben: Im Anschluss an die Zeichnung des Rahmenübereinkommens legte Deutschland zunächst keine allgemeinen Kriterien, sondern die Gruppen fest, welche das Rahmenübereinkommen nach dessen Ratifizierung in Anspruch nehmen dürfen sollen. In der dazugehörigen Erklärung der Bundesregierung (ein Zitat finden sie in diesem Dokument aus dem Bundestagsarchiv) heißt es folglich: "Nationale Minderheiten in der Bundesrepublik Deutschland sind die Dänen deutscher Staatsangehörigkeit und die Angehörigen des sorbischen Volkes mit deutscher Staatsangehörigkeit. Das Rahmenübereinkommen wird auch auf die Angehörigen der traditionell in Deutschland heimischen Volksgruppen der Friesen deutscher Staatsangehörigkeit und der Sinti und Roma deutscher Staatsangehörigkeit angewendet." Die allgemeinen Kriterien sind m. W. erst später hinzugekommen - wann genau, das konnte ich nicht herausfinden - und enthalten wohl bereits seit ihrer Konzipierung die Ausnahme zugunsten der Sinti und Roma.

Aber wodurch zeichnen sich diese Gruppen aus? Dazu müssen wir zum anfangs zitierten Kriterium zurückkehren: Wir haben hier also mit inländischen Gruppen zu tun, die sich zumindest aus amtlicher Sicht durch bestimmte Merkmale ihrer kollektiven Identität vom "Mehrheitsvolk" unterscheiden. Diese Merkmale umfassen die Sprache, die Kultur und die Geschichte des jeweiligen Volkes und werden aus amtlicher Sicht offensichtlich für wesentlich gehalten - jedenfalls für wesentlich genug, um in den betroffenen Menschen trotz deren bundesrepublikanischer Staatsangehörigkeit Angehörige anderer Völker zu erblicken.

Nun stellt sich im Rückschluss die Frage, von welchem "Mehrheitsvolk" sie sich durch diese Merkmale zu unterscheiden haben, um als nationale Minderheiten anerkannt zu werden. Das Volk der Mehrheit, nun gut, aber welches Volk ist es? Welchem Volk gehört die Mehrheit der bundesrepublikanischen Staatsbürger an?

Während des Seminars haben wir auch im schleswig-holsteinischen Landtag einen Besuch abgestattet, wo wir mit Mitarbeitern der Landesexekutive diskutiert haben, die sich mit den nationalen Minderheiten in Schleswig-Holstein befassen sowie mit der Betreuung der deutschen Minderheit, die im nunmehr wieder dänischen Nordschleswig lebt. Es hat gedauert, aber schlußendlich hat man mir doch bestätigt, dass in diesem Kriterium zur Bestimmung einer nationalen Minderheit, d.h. durch die Voraussetzung eines mehrfachen Unterschieds vom "Mehrheitsvolk", von einem deutschen Volk ausgegangen wird, das nicht mit der Bürgerschaft der Bundesrepublik identisch ist. Denn "in Deutschland leben mehrere Völker, unter anderem Angehörige des dänischen, des friesischen und des deutschen Volkes", hat mir ein hochrangiger Beamter erklärt.

Diese Aussage hört sich vielleicht ziemlich banal an, ist aber erkenntnistheoretisch durchaus notwendig: Es ist nämlich erst die deutsche Volksgruppe, welche die anderen Gruppen, die hierzulande leben und ebenfalls die bundesrepublikanische Staatsangehörigkeit besitzen, überhaupt "anders" erscheinen und somit als Minderheiten hervortreten lässt. Ohne ein deutsches Volk wäre in der Bundesrepublik, zumindest in rechtlicher Hinsicht, keine dänische Minderheit denkbar, ohne ein slowakisches Volk keine ungarische Minderheit in der Slowakei, ohne ein russisches Volk keine jüdische Minderheit in Russland, ohne ein jüdisches Volk keine arabische Minderheit in Israel usw. usf.

Diese "Erkenntnis" ist freilich keine neue: Gerade aus amtlicher Sicht werden ja bspw. die Siebenbürger Sachsen - trotz deren seit neun Jahrzehnten rumänischer Staatsangehörigkeit - als Menschen "deutscher Volkszugehörigkeit" bzw. Angehörige des deutschen Volkes angesehen. Das ist ein m. E. liberales Volksverständnis, weil es sich demnach um ein Volk handelt, das weder jeden Bürger seines Staates sofort und ausnahmslos für sich beansprucht, noch jede Bürgerin eines fremden Staates schon als solche von sich ausschließt. Diese grundsätzliche Differenzierung zwischen Staatsangehörigkeit und Volkszugehörigkeit kommt auch im Sprachgebrauch der oben zitierten Regierungserklärung zum Ausdruck, wo etwa von den "Angehörigen des sorbischen Volkes mit deutscher Staatsangehörigkeit" die Rede ist.

Dabei bleibt die ganze Sache frewillig: Weder sind Bürger dazu gezwungen, sich etwa zum sorbischen Volk oder zum dänischen zu bekennen, noch werden Sorben oder Dänen daran gehindert, sich gleichzeitig zum deutschen Volk zu bekennen. Gezählt bzw. nach einem etwaigen Bekenntnis gefragt werden darf von Seiten des Staates sowieso nicht, sodass man bestenfalls auf die Schätzungen der Vertretungsorgane bzw. auf deren Mitgliederzahlen angewiesen ist und keiner wirklich wissen kann, wie viele unter den Bürgern der Bundesrepublik sich bspw. zum deutschen, dänischen, sorbischen und/oder türkischen Volk bekennen. Anerkannt ist, wenn überhaupt, lediglich die kollektive Identität: Ob sie in Anspruch genommen wird, also ob z. B. ein Deutscher tatsächlich Hermannstadt verlässt und nach Nürnberg übersiedelt, liegt hierbei im Ermessen des Einzelnen. Deutlich erkennbar wird das an der friesischen Volksgruppe sowie an der sorbischen: Obwohl es anscheinend immer weniger aktive Muttersprachler gibt und diese Volksgruppen zusehends verschwinden, bleiben die Verpflichtungen des Staates gegenüber den Kollektiven bestehen, ja, der Staat hat nach wie vor für Bedingungen zu sorgen, welche die Pflege von Kultur und Identität unter diesen Volksgruppen ermöglichen (s. Rahmenübereinkommen, Art. 5).

Das Mehrheitsvolk und die Minderheiten, die im Nationalstaat des Ersteren leben, sind also voneinander abhängig: Nicht nur, dass die Minderheiten in Deutschland auf die gedankliche Existenz eines mit der Staatsangehörigkeit nicht identischen, ja davon unabhängigen deutschen Volkes angewiesen sind, um überhaupt als Minderheiten erscheinen zu können; durch die Art und Weise, auf welche die Minderheiten wahrgenommen werden, wird zu gleicher Zeit auch das deutsche Volk selbst artikuliert. Man denke in diesem Zusammenhang, ohne das eine mit dem anderen gleichzusetzen, an die Erste Verordnung zum Reichsbürgergesetz 1935 bzw. an deren gedanklichen Mechanismus: Nach außen ging es nur darum, wer aus nationalsozialistischer Sicht Jude ist bzw. als solcher gelten soll; in Wirklichkeit aber trug die juristische Beschäftigung mit dem Juden als dem antithetischen Anderen wesentlich zur Bestimmung bei, wer aus nationalsozialistischer Sicht Deutscher ist bzw. als solcher gilt.

Mit anderen Worten: Wenn die deutschsprachigen Dänen, die hier leben, vom deutschen Gesichtspunkt aus deswegen als Minderheit anzusehen sind, weil sie sich von der deutschen Umgebung durch ihre Sprache, Kultur und Geschichte unterscheiden und dadurch ihre eigene Identität haben, dann heißt es im Rückschluss, dass auch das Volk, dem die Mehrheit angehört, seine Identität aus Sprache, Kultur und Geschichte herausschöpft (sonst wären die Dänen ja gar nicht in der Lage, sich gerade durch diese Merkmale auszuzeichnen). Wer sich skeptisch fragt, was ein deutsches Volk denn ausmachen könnte, mag hierin eine Antwort finden, d.h. im Spiegelbild der amtlichen Wahrnehmung von Minderheiten - vorausgesetzt, man ist überhaupt bereit, die Existenz nationaler Minderheiten zu akzeptieren und zu respektieren.

Natürlich sind solche Konstrukte nichts Absolutes. Das lässt sich gerade am Beispiel der Geschichte leicht nachweisen. Denn inwiefern ist die Geschichte Bayerns wirklich "deutsch"? An der Seite des napoleonischen Frankreich kämpfte es in der Schlacht bei Austerlitz gegen die Habsburger (1805), dann zog es mit den Habsburgern in der Schlacht bei Königgrätz gegen die abtrünnigen Hohenzollern (1866) und nicht viel später folgte es doch den Hohenzollern im Krieg gegen Frankreich (1870-71). Und dennoch: Die Flexibilität von kollektiven Identitäten, also auch von Völkern, bedeutet nicht, dass solche Konstrukte unmöglich oder unwahr sind. Im Gegenteil: Vorstellungen gestalten unsere Welt weitgehend mit und sorgen z. B. dafür, dass die sezessionistische Bayernpartei kaum noch Stimmen bekommt, obwohl Bayern auf ein gutes Stück eigener Geschichte zurückblicken kann; und zu gleicher Zeit sorgen sie z. B dafür, dass es die Tschechoslowakei nicht mehr gibt, obwohl die Slowaken bis 1993 eigentlich kaum Eigenstaatlichkeit hatten.

Die Deutschen können also nicht nur als Bürgerschaft bzw. Staatsnation, sondern auch als Volk agieren. Und das tun sie auch, wenn es nicht um sich selbst geht, sondern um andere: die Minderheiten, die in Deutschland leben, oder die Deutschen, die im Ausland als Minderheiten leben. Wenn es zu diesen Fragen kommt, dann gibt es schon ein deutsches Volk. Ob die Deutschen sich aber erlauben können, auch im Inland, also im eigenen Häusle, wieder Volk zu sein?

Um nach den mannigfaltigen Referenten zu beurteilen, mit denen wir während dieses viertägigen Seminars gesprochen haben und die sich mit solchen Fragen immer sehr schwer getan haben: Nein, das können, sollen und dürfen sich die Deutschen noch immer nicht leisten.

Ein Volk zu sein, ohne diese Identität vom Pass abhängig zu machen bzw. auf diesen zu reduzieren - das wird im heutigen Deutschland vielen gestattet, nur nicht den Deutschen selbst.

http://www.scilogs.de/un-zugehoerig/wer ... utschland/

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