100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon DarkLightbringer » So 11. Nov 2018, 23:31

Weltregierung hat geschrieben:(11 Nov 2018, 23:15)

R2G kann es hier in Berlin jedenfalls besser als vorher Rot-Schwarz. Aber wir schweifen irgendwie ab.

Meinte eigentlich den Bund. In der Stadt Berlin soll es Wohnungsnot geben. Das hatten wir, glaube ich, schon mal debattiert.

Aber zurück zum Kernthema:

Die Weimarer Republik wird anscheinend von Historikerseite neu bewertet. Demnach ist sie nicht aufgrund eines Konstruktionsfehlers gescheitert und eigentlich auch gar nicht gescheitert, sondern war vielmehr ergebnisoffen herausgefordert.
Traditionell wird ja vom Ende her gedacht, und die Zeit als Vorgeplänkel zur Nazi-Herrschaft betrachtet. Der moderne Ansatz ist etwas komplexer.
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon van Kessel » Mo 12. Nov 2018, 00:09

Die letzten Beiträge lassen ein wenig den Verdacht aufkommen, dass man wenig über das Ende des WK1, aber viel über Herrn Müntefering zu berichten weiß?
Deutschland hätte demokratisch reagieren müssen und die Generäle, den Kaiser und überhaupt alle Kriegstreiber (Krupp z.B?) zum Teufel hätte jagen müssen; so wird argumentiert. So wird versucht einen Krieg den alle wollten mittels einer irgendwie gearteten Demokratie aus der Welt zu schaffen.

Klar, es gab in Deutschland einen Traum von Demokratie, das Hambacher Fest, das Parlament in der Paulskirche zu Frankfurt ... aber dies war ein Traum von 1830, nicht die Realität von 1914 pp. Dazwischen gab es den preußischen Staat, die Reichsbildung 1871, deren Merkmal nicht die Demokratie war. Das Wahlrecht (Frauen durften gar nicht wählen) war ein Mäntelchen der Macht. Deutschland in seinen Grenzen von 1914 war ein Obrigkeitsstaat.

Belgien (ein Staat, welcher vor Deutschland ein solcher wurde [1830]) war ebenso ein 'Fürstenstaat', wie Deutschland 1871. Die Erinnerungen an Hambach, Frankfurt mögen in Studentenzirkeln diskutiert worden sein; Realität war dies alles nicht ...bis zum 11. August 1919 sich das Deutsche Volk in Weimar eine Verfassung gab. Dazwischen gab es den Bau eines Reiches (1871) und dessen Untergang in vier Jahren 1918.

Der Matrosenaufstand war der Aufstand von gequälten Menschen. Die Opfer waren alle an diesem Krieg beteiligten Nationen, aber auch alle Nationen waren Täter in diesem Krieg. Die Kriegsschuld zu benennen ist überflüssig, weil man nach dem WK1 weiß, was Bündnissysteme bewirken können.

https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q ... wqmASnSYlV
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon van Kessel » Mo 12. Nov 2018, 00:27

hey "DarkLightbringer"](11 Nov 2018, 23:31)
Die Weimarer Republik wird anscheinend von Historikerseite neu bewertet. Demnach ist sie nicht aufgrund eines Konstruktionsfehlers gescheitert und eigentlich auch gar nicht gescheitert, sondern war vielmehr ergebnisoffen herausgefordert.
die Herausforderungen der Reparationen und der Weltwirtschaftskrise, Hyperinflation 1922/23, waren wohl "Herausforderungen" welche ein neuer, demokratischer Staat, nicht schultern konnte. Das Prinzip einen ausgemachten Feind (Made in Germany) zu bestrafen, überwog die Vernunft, dass von einem toten Hund, wenig Wachsamkeit verlangt werden kann.
Traditionell wird ja vom Ende her gedacht, und die Zeit als Vorgeplänkel zur Nazi-Herrschaft betrachtet. Der moderne Ansatz ist etwas komplexer.
klar, die Hyperinflation wurde durch Hjalmar Schacht mit Einführung der Rentenmark erstaunlich schnell 'besiegt'. Die Hyperinflation hatte aber die Zeit und die Kraft, dass sich rechte Gruppen dieses Zustandes 'bedienten'. Reparationen, Hyperinflation und die Dolchstoßmär gab den Nährboden für rechte Gesellen.

Der gemeine Deutsche war zu dieser Zeit kein überzeugter Demokrat und wählte halt den Leader (wie auch noch heute mit der Wahl von 'Muttis').
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon DarkLightbringer » Mo 12. Nov 2018, 00:31

Zur modernen Interpretation der Weimarer Republik - zu Wort kommt ein Wissenschaftler, aber auch einer der drei Regisseure von >>Babylon Berlin<<:



Das Überraschende am System Weimar war nicht das Ende, sondern der Umstand, die Anfangsjahre überlebt zu haben.

Die ARD-Produktion >>Babylon Berlin<< spiegelt in gewisser Hinsicht den aktuell majorativen Stand der Historiker - das Wort "Hitler" taucht nur ein einziges mal auf. Die Geschichte der ersten Demokratie wird nicht als Vorgeschichte verstanden, sondern als Geschichte für sich, als Rahmen, in dem etwas geschieht, nicht als Linie, die von A zu B führt.
Zuletzt geändert von DarkLightbringer am Mo 12. Nov 2018, 00:45, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon DarkLightbringer » Mo 12. Nov 2018, 00:43

van Kessel hat geschrieben:(12 Nov 2018, 00:27)

hey "DarkLightbringer"](11 Nov 2018, 23:31)
die Herausforderungen der Reparationen und der Weltwirtschaftskrise, Hyperinflation 1922/23, waren wohl "Herausforderungen" welche ein neuer, demokratischer Staat, nicht schultern konnte. Das Prinzip einen ausgemachten Feind (Made in Germany) zu bestrafen, überwog die Vernunft, dass von einem toten Hund, wenig Wachsamkeit verlangt werden kann.klar, die Hyperinflation wurde durch Hjalmar Schacht mit Einführung der Rentenmark erstaunlich schnell 'besiegt'. Die Hyperinflation hatte aber die Zeit und die Kraft, dass sich rechte Gruppen dieses Zustandes 'bedienten'. Reparationen, Hyperinflation und die Dolchstoßmär gab den Nährboden für rechte Gesellen.

Der gemeine Deutsche war zu dieser Zeit kein überzeugter Demokrat und wählte halt den Leader (wie auch noch heute mit der Wahl von 'Muttis').

Die Hyperinflation war gewiss eine der Herausforderungen, schließlich ausgeglichen durch die späteren Aufschwungjahre - die man als Chance im Vergleich zur Herausforderung verstehen könnte. Dann folgte allerdings wiederum die Weltwirtschaftskrise, eine erneute Herausforderung.

So manches von dem Damaligen erkennen wir heute wieder: Das Thema Gesinnungspartei vs. Gestaltungspartei; Verleumdung des Systems, Legendenbildung; radikale Kräfte.
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon odiug » Mo 12. Nov 2018, 01:01

van Kessel hat geschrieben:(12 Nov 2018, 00:27)

hey "DarkLightbringer"](11 Nov 2018, 23:31)
die Herausforderungen der Reparationen und der Weltwirtschaftskrise, Hyperinflation 1922/23, waren wohl "Herausforderungen" welche ein neuer, demokratischer Staat, nicht schultern konnte. Das Prinzip einen ausgemachten Feind (Made in Germany) zu bestrafen, überwog die Vernunft, dass von einem toten Hund, wenig Wachsamkeit verlangt werden kann.klar, die Hyperinflation wurde durch Hjalmar Schacht mit Einführung der Rentenmark erstaunlich schnell 'besiegt'. Die Hyperinflation hatte aber die Zeit und die Kraft, dass sich rechte Gruppen dieses Zustandes 'bedienten'. Reparationen, Hyperinflation und die Dolchstoßmär gab den Nährboden für rechte Gesellen.

Der gemeine Deutsche war zu dieser Zeit kein überzeugter Demokrat und wählte halt den Leader (wie auch noch heute mit der Wahl von 'Muttis').

Ich weiß ... Wiki ist soooooo bequem und meist gehen die Artikel nicht sonderlich in die Tiefe, aber um sich mal ein erstes Bild zu schaffen, bevor man wild drauf los plappert, dafür sind sie dann doch sehr gut.
Die Hyperinflation war keine Strafe Gottes, die über die Deutschen unvermittelt hereinbrach, sie wurde bewusst herbei geführt von der Reichsregierung.
https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_ ... 4_bis_1923
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon DarkLightbringer » Mo 12. Nov 2018, 01:10

Früher galt die Formel "Bonn ist nicht Weimar", jetzt gilt indes die Formel "Weimar ist Weimar".

Im Gegensatz zur "schwarzen Nationalpädagogik" schlägt das positive Gedenken einen "Demokratiebogen" von der ersten Republik zur bundesdeutschen Nachkriegsdemokratie.

Die These, nochmal anders formuliert - die Demokratie in ungewisser Zeit ist ein Sperrgürtel der Hoffnung.

Ausführliche Reflexion: http://www.bpb.de/apuz/268352/weimar-ni ... nken?p=all
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon KarlRanseier » Mo 12. Nov 2018, 01:21

DarkLightbringer hat geschrieben:(12 Nov 2018, 00:43)

Die Hyperinflation war gewiss eine der Herausforderungen, schließlich ausgeglichen durch die späteren Aufschwungjahre - die man als Chance im Vergleich zur Herausforderung verstehen könnte. Dann folgte allerdings wiederum die Weltwirtschaftskrise, eine erneute Herausforderung.

So manches von dem Damaligen erkennen wir heute wieder: Das Thema Gesinnungspartei vs. Gestaltungspartei; Verleumdung des Systems, Legendenbildung; radikale Kräfte.



Die Hyperinflation wurde von den führenden Politikern in Kauf genommen. Deutschland produzierte Geld wie Klopapier, um die Staatsschulden zu begleichen.

Und weil der Pöbel aufmuckte, wurde er halt zusammengeschossen. Tja, man hatte halt Pech, dass "Gestaltungsparteien" an der Macht waren...
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon DarkLightbringer » Mo 12. Nov 2018, 01:25

odiug hat geschrieben:(12 Nov 2018, 01:01)

Ich weiß ... Wiki ist soooooo bequem und meist gehen die Artikel nicht sonderlich in die Tiefe, aber um sich mal ein erstes Bild zu schaffen, bevor man wild drauf los plappert, dafür sind sie dann doch sehr gut.
Die Hyperinflation war keine Strafe Gottes, die über die Deutschen unvermittelt hereinbrach, sie wurde bewusst herbei geführt von der Reichsregierung.
https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_ ... 4_bis_1923

Der passive Widerstand im Ruhrkampf ist einfach dadurch bezahlt worden, in dem man Geldscheine druckte. Diese "Taktik" trug natürlich zur Entwertung bei.

Ebert und Stresemann riefen denn auch im September 1923 zur Beendigung des passiven Widerstandes auf. Die französisch-belgische Besatzung hielten sie dennoch für illegitim.
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon DarkLightbringer » Mo 12. Nov 2018, 01:29

KarlRanseier hat geschrieben:(12 Nov 2018, 01:21)

Die Hyperinflation wurde von den führenden Politikern in Kauf genommen. Deutschland produzierte Geld wie Klopapier, um die Staatsschulden zu begleichen.

Und weil der Pöbel aufmuckte, wurde er halt zusammengeschossen. Tja, man hatte halt Pech, dass "Gestaltungsparteien" an der Macht waren...

Die "Gesinnungsparteien" waren ja selbst bewaffnet und neigten gern mal zum Hochverrat.

Das müsste man vlt. grob mit dem Libanon vergleichen. Da kannst du den Hisbollah-Führer nicht einfach durch das Ordnungsamt vorladen lassen.
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon odiug » Mo 12. Nov 2018, 08:51

DarkLightbringer hat geschrieben:(12 Nov 2018, 01:29)

Die "Gesinnungsparteien" waren ja selbst bewaffnet und neigten gern mal zum Hochverrat.

Das müsste man vlt. grob mit dem Libanon vergleichen. Da kannst du den Hisbollah-Führer nicht einfach durch das Ordnungsamt vorladen lassen.

Na das kommt darauf an.
Die enttäuschten Genossen erschoss man.
Deren Mörder und die nationalistischen Putschisten lud man eben doch nur beim Ordnungsamt vor.
Dieses Spiel der Weimarer Politik betrieb auch die SPD.
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon Dark Angel » Mo 12. Nov 2018, 11:19

Themenfremden Spam entfernt.
Es geht hier nicht um die aktuelle Politik der SPD, auch nicht um Aussagen irgendwelcher "abgehalfterter" SPD-Politiker und auch nicht um die AfD, sondern immer noch um den Kieler Matrosenaufstand, seine Auswirkungen auf die deutsche Geschichte sowie um die Art der Erinnerungskultur und darum, ob eine Ausstellung ausgeweitet werden soll(te) oder nicht.
Bleibt bitte beim Thema!
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon DarkLightbringer » Mo 12. Nov 2018, 16:11

odiug hat geschrieben:(12 Nov 2018, 08:51)

Na das kommt darauf an.
Die enttäuschten Genossen erschoss man.
Deren Mörder und die nationalistischen Putschisten lud man eben doch nur beim Ordnungsamt vor.
Dieses Spiel der Weimarer Politik betrieb auch die SPD.

Man tat, was man konnte, um die Republik zu verteidigen. Man konnte aber nicht alles.
Während des Kapp-Putsches verweigerte Von Seeckt zunächst den Gehorsam, 1923 musste die Reichsregierung einer Maleste in Bayern tatenlos zusehen, weil die dortige Truppe mit einem Republikfeind sympathisierte. Und das sind nur zwei Beispiele von vielen.

Wenn das Gewaltmonopol mehr oder minder offen zur Disposition steht und die Hoheitsrechte der legalen Regierung nicht umfassend ausgeübt werden können, dann nützt auch das schönste Ordnungsamt nichts und der teuerste Bußgeldbescheid wenig.

Das "Wunder von Weimar" bestand darin, überhaupt 14 Jahre lang durchgehalten zu haben, immerhin zwei Jahre länger als das "Tausendjährige Reich".
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon van Kessel » Di 13. Nov 2018, 00:07

Demokratien benötigen eine Zeit der Reife. Dazwischen gibt es viel innere und äußere Reibereien. England oder die USA (als Prototypen dieser Regierungsform) hatten ihre inneren Kriege, ehe sie in eine gefestigte Demokratie gelangten. Deutschland fehlte diese Zeit (eigentlich schon seit Napoleon, als sich der Reichsgedanke verfestigte). Deutschlands Lage, inmitten Europas, ließ auch kein 'Splendig Isolation' wie bei den USA oder GB zu.

Deutschlands Alleinschuld am Ersten Weltkrieg ist widerlegt worden, weil dieser europäischen Krieg von allen wichtigen Ländern gewollt wurde. Von Deutschland zu verlangen, es hätte vernünftiger als die Briten oder Franzosen sein sollen, widerspricht dem Zeitgeist. Selbst die Abkommen und das gute Einvernehmen zwischen Frankreich und Deutschland nach diesem Krieg (Stresemann, Briant) hatte kein Fundament und konnte zu einem zweiten, schlimmen Krieg führen.

Selbst jetzt, nach über einem halben Jahrhundert nach dem letzten Krieg, fällt es Menschen, welche diesen Krieg nicht erlebten schwer, die Staatsform der Demokratie als die einzig mögliche zu akzeptieren. Um diese Demokratie weiter führen zu können, muss sie bewacht und behütet werden. Dies verlangt manchmal auch die Abwehr des Staates, wenn er sich verselbstständigt und den Willen des Volkes für sich reklamiert.

Parteien haben z.B. nicht das Recht, den Volkswillen repräsentiert zu haben, wenn sie das Mehrheitsprinzip durch Koalition(en) aushebeln. Klar, es steht so nicht geschrieben, aber wenn es eine Gefahr gibt, so ist es der Staat. Dies müssten eigentlich die Deutschen gut beurteilen können, als sie einen Staat des 'sozialen' schufen, welcher aber so 'sorgte', dass er seine Bürger bespitzelte und einsperrte. Den Unterschied zwischen einer Einheitspartei und einer Großen Koalition kann ich auch nicht so richtig 'sehen'.

Die Gefahr ist der Staat, weil er eine seelenlose Maschine ist und - von Interessenten bedient - die Bürger versklavt.

Jetzt wollen sich 'sorgende' Politiker, das Wahlrecht verändern (angeblich wg. des notwendigen Frauenanteils). Die Gleichschaltung, selbst die geschlechtsspezifische, soll nivelliert werden. Aus einem 'gebackenen' Volk kann man schwerlich neue Impulse erwarten, höchstens dumpfbackige Konsumenten.
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon DarkLightbringer » Di 13. Nov 2018, 03:16

Im >>Vorwärts<< vom 10. November 1918 wird ausdrücklich vor einem "Bruderkampf" und dem Chaos (nach Vorbild des russischen Bürgerkrieges) gewarnt:

Wenn Gruppe gegen Gruppe, Sekte gegen Sekte arbeitet, dann entsteht das russische Chaos, der allgemeine Niedergang, das Elend statt des Glückes.
https://www.weimarer-republik.net/1266- ... d-Ordnung;
http://fes.imageware.de/fes/web/

Die neue Regierung unter Ebert hat den Frieden zu bringen, die errungene Freiheit zu festigen und die erste Voraussetzung des politischen Lebens zu erfüllen - die Ernährung des Volkes.
Darüber hinaus gilt es, die Demobilisierung von 10 Millionen Soldaten zu organisieren.
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon odiug » Di 13. Nov 2018, 06:50

DarkLightbringer hat geschrieben:(12 Nov 2018, 16:11)

Man tat, was man konnte, um die Republik zu verteidigen. Man konnte aber nicht alles.
Während des Kapp-Putsches verweigerte Von Seeckt zunächst den Gehorsam, 1923 musste die Reichsregierung einer Maleste in Bayern tatenlos zusehen, weil die dortige Truppe mit einem Republikfeind sympathisierte. Und das sind nur zwei Beispiele von vielen.

Wenn das Gewaltmonopol mehr oder minder offen zur Disposition steht und die Hoheitsrechte der legalen Regierung nicht umfassend ausgeübt werden können, dann nützt auch das schönste Ordnungsamt nichts und der teuerste Bußgeldbescheid wenig.

Das "Wunder von Weimar" bestand darin, überhaupt 14 Jahre lang durchgehalten zu haben, immerhin zwei Jahre länger als das "Tausendjährige Reich".

Wenn das Gewaltmonopol dazu führt, dass Millionen von Menschen auf Schlachtfeldern verheizt werden, um die Großmachtträume einer eingebildeten Elite zu bedienen, dann verstehe ich sehr wohl, dass so einige, die als nichts weiter als Kanonenfutter betrachtet werden, auf dieses Gewaltmonopol schlichtweg scheißen.
Und ich verstehe es auch, wenn sich eine Partei in den Augen der Entrechteten diskreditiert, die sich diesen Großmachtträumen unterwirft in einem Burgfrieden, um ein paar Reförmchen herauszuwinseln von dem Lametta von Gottesgnaden, vor allem dann, wenn dieselbe Partei nach dem grandiosen Scheitern dieser Großmachtträume, mit den Speichelleckern und Kriegsgewinnlern auch noch packtiert, um sich deren Gewaltmonopols zu bedienen.
Dieser Kritik müsste sich die SPD heute in einer historischen Kommission stellen, anstatt in Festreden etwas für sich zu vereinnahmen, was nicht ihres ist!
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon odiug » Di 13. Nov 2018, 06:57

DarkLightbringer hat geschrieben:(12 Nov 2018, 00:31)

Zur modernen Interpretation der Weimarer Republik - zu Wort kommt ein Wissenschaftler, aber auch einer der drei Regisseure von >>Babylon Berlin<<:



Das Überraschende am System Weimar war nicht das Ende, sondern der Umstand, die Anfangsjahre überlebt zu haben.

Die ARD-Produktion >>Babylon Berlin<< spiegelt in gewisser Hinsicht den aktuell majorativen Stand der Historiker - das Wort "Hitler" taucht nur ein einziges mal auf. Die Geschichte der ersten Demokratie wird nicht als Vorgeschichte verstanden, sondern als Geschichte für sich, als Rahmen, in dem etwas geschieht, nicht als Linie, die von A zu B führt.

Ohhh Gott ... Guido Knopp :dead:
Der "Wir waren doch auch nur Opfer" Propagandist des ZDF ... der musste jetzt auch noch sein :rolleyes:
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon DarkLightbringer » Di 13. Nov 2018, 18:08

odiug hat geschrieben:(13 Nov 2018, 06:50)

Wenn das Gewaltmonopol dazu führt, dass Millionen von Menschen auf Schlachtfeldern verheizt werden, um die Großmachtträume einer eingebildeten Elite zu bedienen, dann verstehe ich sehr wohl, dass so einige, die als nichts weiter als Kanonenfutter betrachtet werden, auf dieses Gewaltmonopol schlichtweg scheißen.
Und ich verstehe es auch, wenn sich eine Partei in den Augen der Entrechteten diskreditiert, die sich diesen Großmachtträumen unterwirft in einem Burgfrieden, um ein paar Reförmchen herauszuwinseln von dem Lametta von Gottesgnaden, vor allem dann, wenn dieselbe Partei nach dem grandiosen Scheitern dieser Großmachtträume, mit den Speichelleckern und Kriegsgewinnlern auch noch packtiert, um sich deren Gewaltmonopols zu bedienen.
Dieser Kritik müsste sich die SPD heute in einer historischen Kommission stellen, anstatt in Festreden etwas für sich zu vereinnahmen, was nicht ihres ist!

Die Antidemokraten und Putschisten von links und rechts hätten sofort ein neues Schlachtfeld eröffnet, im Elend eines Bürgerkrieges.
Zunächst ging es ja darum, den Frieden im Äußeren und im Inneren zu gestalten, die Freiheit zu sichern, die Demobilisierung von 10 Millionen Soldaten in geordnete Bahnen zu lenken und das Volk mit Brot zu versorgen.
Ein Außenminister der jungen Republik erhielt 1926 sogar den Friedensnobelpreis.
Die erste Demokratie auf deutschem Boden war ein Sperrgürtel der Hoffnung, wenngleich auch hie und da ein Tanz auf dem Vulkan.
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon Quatschki » Di 13. Nov 2018, 20:04

DarkLightbringer hat geschrieben:(13 Nov 2018, 18:08)

Ein Außenminister der jungen Republik erhielt 1926 sogar den Friedensnobelpreis.

Gustav Stresemann war nicht nur Außenminister, sondern in der entscheidenden Herbstkrise 1923 Reichskanzler mit Ermächtigungsgesetz, also quasi diktatorischen Vollmachten.
Und es gelang ihm, die Umsturzversuche von links und rechts niederzuschlagen und die Hyperinflation zu beenden.
Das kann man eigentlich nicht hoch genug einschätzen.
Die SPD hat damals die Große Koalition nach der Reichsexekution gegen das Rot-Rote Sachsen verlassen, der Reichspräsident Ebert aber weiterhin den Regierungschef gestützt.
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon odiug » Di 13. Nov 2018, 20:11

DarkLightbringer hat geschrieben:(13 Nov 2018, 18:08)

Die Antidemokraten und Putschisten von links und rechts hätten sofort ein neues Schlachtfeld eröffnet, im Elend eines Bürgerkrieges.
Zunächst ging es ja darum, den Frieden im Äußeren und im Inneren zu gestalten, die Freiheit zu sichern, die Demobilisierung von 10 Millionen Soldaten in geordnete Bahnen zu lenken und das Volk mit Brot zu versorgen.
Ein Außenminister der jungen Republik erhielt 1926 sogar den Friedensnobelpreis.
Die erste Demokratie auf deutschem Boden war ein Sperrgürtel der Hoffnung, wenngleich auch hie und da ein Tanz auf dem Vulkan.

Kannst du mir mal einen linken Putschversuch in Deutschland während der Weimarer Republik nennen :?:
Nachdem ja hier immer von der staatsgefährdenden Gewalt von links und recht geschwafelt wird,würde ich mal gerne hören, woher denn die linke Seite der Gleichung kommt :?:
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