100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

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100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon Kritikaster » Mi 7. Nov 2018, 14:30

In diesem Jahr haben wir Anlass, anlässlich des Endes des Ersten Weltkrieges und des daraus folgenden Unterganges des Kaiserreichs einer Reihe von Ereignissen zu Gedenken. Als Auslöser dieser Ereigniskette ist in diesem Zusammenhang der Kieler Matrosenaufstand zu betrachten.

Natürlich gibt es im schönsten Bundesland mit den glücklichsten Einwohnern hierfür eine entsprechende Ausstellung. https://www.kiel.de/de/kultur_freizeit/ ... ellung.php
Der Bedeutung des Ereignisses für die Entwicklung zur ersten deutschen Demokratie entsprechend, haben alle Fraktionen des schleswig-holsteinischen Landtags beantragt, diese Ausstellung über den Zeitraum der Feierlichkeiten hinaus zu erhalten.

ALLE Fraktionen? Selbstverständlich nicht! :rolleyes:
Antrag
der Fraktionen von SPD, CDU, Bündnis 90/ Die Grünen, FDP und der Abgeordneten des SSW
100 Jahre Matrosenaufstand – für eine starke Demokratie!
http://www.landtag.ltsh.de/infothek/wah ... rch=%22%22

Falls jemand die AfD in dem Antrag vermisst: Die Partei, in der nach wie vor selbsterklärte "Kaisertreue" als Funktionsträger tätig sind, hat sich - einmal mehr - selbst aus dem Kreis der geschichtsbewussten Demokraten ausgeschlossen.

Wie seht Ihr das: Ist es angesichts der heutigen (Des-?)Informationsmöglichkeiten im www noch zeitgemäß, auf einzelne Ereignisse bezogene Ausstellungen zu Dauerveranstaltungen zu machen? Immerhin will so etwas bezahlt sein, kostet also Steuergelder. Ergibt sich daraus ein adäquater erinnerungspolitischer Nutzen?
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon MäckIntaier » Mi 7. Nov 2018, 15:24

Kritikaster hat geschrieben:(07 Nov 2018, 14:30)

Wie seht Ihr das: Ist es angesichts der heutigen (Des-?)Informationsmöglichkeiten im www noch zeitgemäß, auf einzelne Ereignisse bezogene Ausstellungen zu Dauerveranstaltungen zu machen? Immerhin will so etwas bezahlt sein, kostet also Steuergelder. Ergibt sich daraus ein adäquater erinnerungspolitischer Nutzen?


Man könnte sofort die Gegenfrage stellen: Muss sich daraus ein erinnerungspolitischer Nutzen ergeben, muss das ein pädagogisches Ziel haben, um gerechtfertigt zu sein? Oder reicht es, ein Angebot zu machen für Interessierte (und nebenbei damit gleichzeitig fürs kollektive Gedächtnis)? Wenn die Ausstellung also informativ, ansprechend und nicht paternalistisch angelegt ist, würde das als "Nutzen" ausreichen, wenn's denn immer Nutzen sein muss. Und ein bisschen analoge Kultur statt digitaler Kultur ist ja auch ein Angebot.
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon Quatschki » Mi 7. Nov 2018, 15:25

Ist der Matrosenaufstand eigentlich Bestandteil des Traditionsgutes der Bundesmarine?

Kritikaster hat geschrieben:(07 Nov 2018, 14:30)
Falls jemand die AfD in dem Antrag vermisst: Die Partei, in der nach wie vor selbsterklärte "Kaisertreue" als Funktionsträger tätig sind, hat sich - einmal mehr - selbst aus dem Kreis der geschichtsbewussten Demokraten ausgeschlossen.

Ich bezweifele, dass die AfD überhaupt gefragt wurde.
Würde sie sich dem Antrag anschließen, müßten sich ja alle anderen umgehend davon distanzieren
Zuletzt geändert von Quatschki am Mi 7. Nov 2018, 15:29, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon Vongole » Mi 7. Nov 2018, 15:28

Man sollte nicht nur eine Dauer-, sondern eine Wanderausstellung quer durch die Republik daraus machen.

In Zeiten, in denen Abiturienten auf die Fragen nach dem ersten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland mit "Kohl" antworten, Parteien Geschichtsrevisionismus betreiben,
Demokratie als etwas Selbstverständliches angesehen wird, aber immer weniger Menschen bereit sind, sich für diese einzusetzen, statt dessen Politikverdrossenheit sich breit macht,
halte ich es für sehr sinnvoll, immer wieder daran zu erinnern, dass Demokratie auch erkämpft werden muss.
Der Kieler Matrosenaufstand ist dafür ein gutes Beispiel, Teile der 14 Kieler Punkte sind Grundlagen des heutigen Wehrrechts.
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon Kritikaster » Mi 7. Nov 2018, 15:57

Quatschki hat geschrieben:(07 Nov 2018, 15:25)

Ich bezweifele, dass die AfD überhaupt gefragt wurde.
Würde sie sich dem Antrag anschließen, müßten sich ja alle anderen umgehend davon distanzieren

Die deutliche Ablehnung des Antrags durch die AfD-Geschichtsrevisionisten im Plenum zeigt, wie unberechtigt Deine Zweifel sind:
Dr. Frank Brodehl zu TOP 26: Wie SPD, SSW und Jamaika Geschichte umdeuten und instrumentalisieren hat mit Demokratie nichts zu tun
https://www.landtag.ltsh.de/presseticke ... 4-33-6351/

So schaut's aus: Rechte Geschichtsrevisionisten, mit nach wie vor "Kaisertreuen" in ihren Reihen, folgen ihrem "Marschplan" zur 180°-Wende und werfen dafür - schwuppdiwupp - mal eben den geschichtsbewussten Demokraten das eigene Tun vor.
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon Kritikaster » Mi 7. Nov 2018, 16:03

Vongole hat geschrieben:(07 Nov 2018, 15:28)

Man sollte nicht nur eine Dauer-, sondern eine Wanderausstellung quer durch die Republik daraus machen.

In Zeiten, in denen Abiturienten auf die Fragen nach dem ersten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland mit "Kohl" antworten, Parteien Geschichtsrevisionismus betreiben,
Demokratie als etwas Selbstverständliches angesehen wird, aber immer weniger Menschen bereit sind, sich für diese einzusetzen, statt dessen Politikverdrossenheit sich breit macht,
halte ich es für sehr sinnvoll, immer wieder daran zu erinnern, dass Demokratie auch erkämpft werden muss.
Der Kieler Matrosenaufstand ist dafür ein gutes Beispiel, Teile der 14 Kieler Punkte sind Grundlagen des heutigen Wehrrechts.

Die Idee einer Wanderausstellung gefällt mir. Mal schaun, ob die Kieler Verantwortlichen dafür zu gewinnen sind.
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon Vongole » Mi 7. Nov 2018, 16:05

Quatschki hat geschrieben:(07 Nov 2018, 15:25)

Ist der Matrosenaufstand eigentlich Bestandteil des Traditionsgutes der Bundesmarine?


Ich bezweifele, dass die AfD überhaupt gefragt wurde.
Würde sie sich dem Antrag anschließen, müßten sich ja alle anderen umgehend davon distanzieren


Das Thema wurde im Plenum behandelt.
Der AfD-Politiker warf darauf hin den anderen Parteien vor, die Geschichte umzudeuten, und präsentierte, wie kann es anders sein, alternative Fakten.
https://de-de.facebook.com/AfD.Fraktion ... __tn__=K-R

Edit: Kritikaster war schneller.
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon Kritikaster » Mi 7. Nov 2018, 16:14

MäckIntaier hat geschrieben:(07 Nov 2018, 15:24)

Man könnte sofort die Gegenfrage stellen: Muss sich daraus ein erinnerungspolitischer Nutzen ergeben, muss das ein pädagogisches Ziel haben, um gerechtfertigt zu sein? Oder reicht es, ein Angebot zu machen für Interessierte (und nebenbei damit gleichzeitig fürs kollektive Gedächtnis)? Wenn die Ausstellung also informativ, ansprechend und nicht paternalistisch angelegt ist, würde das als "Nutzen" ausreichen, wenn's denn immer Nutzen sein muss. Und ein bisschen analoge Kultur statt digitaler Kultur ist ja auch ein Angebot.

Ein berechtigter Einwand zu meiner Formulierung.

Ich kann also dieser "Nutzen"-Definition durchaus zustimmen. Dass darüber hinaus auch mir selbst ein analoges Kulturangebot durchaus lieb und das Geld wert ist, verstärkt unsere Übereinstimmung nur.
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon MäckIntaier » Mi 7. Nov 2018, 17:53

Kritikaster hat geschrieben:(07 Nov 2018, 15:57)

Die deutliche Ablehnung des Antrags durch die AfD-Geschichtsrevisionisten im Plenum zeigt, wie unberechtigt Deine Zweifel sind:

So schaut's aus: Rechte Geschichtsrevisionisten, mit nach wie vor "Kaisertreuen" in ihren Reihen, folgen ihrem "Marschplan" zur 180°-Wende und werfen dafür - schwuppdiwupp - mal eben den geschichtsbewussten Demokraten das eigene Tun vor.


Die unvermeidliche AfD. Alle Diskurse scheinen nur noch darum zu kreisen: Was denkt die AfD. Die AfD ist wie der historische Behle in jener berühmten Sportübertragung ("Wo bleibt Behle?"), und manchmal wirkt es wie im Sketch "Auf der Rennbahn".
Ob die völlig unspektakulär vorgetragenen "alternativen Fakten" (ein Eigentor sondergleichen) nun gleich Geschichtsrevisionismus sind, kann wohl kaum jemand außer einem Historiker so entscheiden. Fragt sich aber, ob die historischen Menschen Geschichte als von der Geschichtswissenschaft bestätigte Fakten wahrgenommen haben seinerzeit, oder ob die Nachricht vom Matrosenaufstand - Fakt hin oder her - eine ganz bestimmte auch symbolische Bedeutung hatte. Und hierfür spielt es keine Rolle, ob nun der schon dieses oder jenes und jene sowieso nicht oder schon längst oder auch was immer getan hatten, wussten, angeordnet hatten usw.

Man kann ja in die Ausstellung gehen, ohne sich von dem Politikum beeindrucken zu lassen. Vielleicht weckt es dann die Lust auf Fakten, und man beschäftigt sich.
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon Quatschki » Mi 7. Nov 2018, 18:02

Vongole hat geschrieben:(07 Nov 2018, 16:05)

Das Thema wurde im Plenum behandelt.
Der AfD-Politiker warf darauf hin den anderen Parteien vor, die Geschichte umzudeuten, und präsentierte, wie kann es anders sein, alternative Fakten.
https://de-de.facebook.com/AfD.Fraktion ... __tn__=K-R

Edit: Kritikaster war schneller.

Ich kann in den Ausführungen des Dr.Brodehl so auf Anhieb keinen Fehler entdecken? Worin sollen denn die "alternativen Fakten" bestehen?
Ich sehe auch keinen Widerspruch zu meinem Beitrag oder irgendwelche Hinweise darauf, dass die AfD den Kaiser Wilhelm wieder haben möchte.
Mit linksalternativen Fakten bin ich auch vertraut, da ich als Schüler mal einen Fahnenappell zur Novemberrevolution mitorganisiert habe und nach damaliger Leseart der Kieler Matrosenaufstand der Startschuß einer Entwicklung war, die in der DDR ihre glückliche Vollendung fand
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon Dark Angel » Mi 7. Nov 2018, 19:51

Kritikaster hat geschrieben:(07 Nov 2018, 14:30)

In diesem Jahr haben wir Anlass, anlässlich des Endes des Ersten Weltkrieges und des daraus folgenden Unterganges des Kaiserreichs einer Reihe von Ereignissen zu Gedenken. Als Auslöser dieser Ereigniskette ist in diesem Zusammenhang der Kieler Matrosenaufstand zu betrachten.

Natürlich gibt es im schönsten Bundesland mit den glücklichsten Einwohnern hierfür eine entsprechende Ausstellung. https://www.kiel.de/de/kultur_freizeit/ ... ellung.php
Der Bedeutung des Ereignisses für die Entwicklung zur ersten deutschen Demokratie entsprechend, haben alle Fraktionen des schleswig-holsteinischen Landtags beantragt, diese Ausstellung über den Zeitraum der Feierlichkeiten hinaus zu erhalten.

ALLE Fraktionen? Selbstverständlich nicht! :rolleyes:

Falls jemand die AfD in dem Antrag vermisst: Die Partei, in der nach wie vor selbsterklärte "Kaisertreue" als Funktionsträger tätig sind, hat sich - einmal mehr - selbst aus dem Kreis der geschichtsbewussten Demokraten ausgeschlossen.

Wie seht Ihr das: Ist es angesichts der heutigen (Des-?)Informationsmöglichkeiten im www noch zeitgemäß, auf einzelne Ereignisse bezogene Ausstellungen zu Dauerveranstaltungen zu machen? Immerhin will so etwas bezahlt sein, kostet also Steuergelder. Ergibt sich daraus ein adäquater erinnerungspolitischer Nutzen?

Auf keinen Fall sollten die Ereignisse - beginnend im Oktober 1918 - die zur Gründung der ersten deutschen Demokratie führten, in Vergessenheit geraten. Sie sollten allerdings auch nicht instrumentalisiert werden.
Insbesondere den letzten Punkt der Ankündigung finde ich in diesem Zusammenhang sehr wichtig.

"Wie wurde die Revolution bis heute rezipiert, welche Bedeutung hatte und hat sie für die deutsche Geschichte?"

Auch wenn User Quatschki scheinbar keinen Fehler in den Ausführungen entdecken kann - ich finde schon Fehler:
In keiner Quelle, die ich auf die Schnelle gefunden habe, wird - wie von Brodehl unterstellt - behauptet "die oberste Heeresleitung hätte die Hochseeflotte nochmals offensiv einsetzen wollen". Überall ist die Rede von einer eigenmächtigen Entscheidung der Seekriegsleitung - trotz bereits eingeleiteter Waffenstillstandsverhandlungen.
Und gleichgültig ob der Kieler Matrosenaufstand nun "Triebfeder", Initialzündung" oder sonstwie genannt wird - er stellte definitiv einen Wendepunkt in der deutschen Geschichte dar. Denn ohne diese "Triebfeder", "Initialzündung" - what ever - wäre es niemals in ganz Deutschland zu einer Revolution und/oder zur Gründung von Arbeiter- und Soldatenräten gekommen.
Gegen die menschliche Dummheit sind selbst die Götter machtlos.

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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon Julian » Mi 7. Nov 2018, 20:48

Kritikaster hat geschrieben:(07 Nov 2018, 15:57)

Die deutliche Ablehnung des Antrags durch die AfD-Geschichtsrevisionisten im Plenum zeigt, wie unberechtigt Deine Zweifel sind:

So schaut's aus: Rechte Geschichtsrevisionisten, mit nach wie vor "Kaisertreuen" in ihren Reihen, folgen ihrem "Marschplan" zur 180°-Wende und werfen dafür - schwuppdiwupp - mal eben den geschichtsbewussten Demokraten das eigene Tun vor.


Vongole hat geschrieben:(07 Nov 2018, 16:05)

Das Thema wurde im Plenum behandelt.
Der AfD-Politiker warf darauf hin den anderen Parteien vor, die Geschichte umzudeuten, und präsentierte, wie kann es anders sein, alternative Fakten.
https://de-de.facebook.com/AfD.Fraktion ... __tn__=K-R

Edit: Kritikaster war schneller.


Was ist denn nun konkret falsch an den Ausführungen Frank Brodehls? Auf mich wirkt das relativ plausibel, aber ich beanspruche sicher keine Expertise auf diesem Gebiet. Sie beide aber offenbar schon - oder Sie vertrauen blind auf die ideologische Rechtleitung durch SPD & Co.
https://www.landtag.ltsh.de/presseticke ... 4-33-6351/

Woher aber wissen Sie denn, dass SPD & Co. immer recht haben, und die AfD immer unrecht? Ich weiß das nicht, aber die Aussagen Brodehls müssten sich doch anhand historischer Standardwerke recht einfach auf ihre Stichhaltigkeit überprüfen lassen.
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon Julian » Mi 7. Nov 2018, 21:10

Dark Angel hat geschrieben:(07 Nov 2018, 19:51)

Auf keinen Fall sollten die Ereignisse - beginnend im Oktober 1918 - die zur Gründung der ersten deutschen Demokratie führten, in Vergessenheit geraten. Sie sollten allerdings auch nicht instrumentalisiert werden.
Insbesondere den letzten Punkt der Ankündigung finde ich in diesem Zusammenhang sehr wichtig.

"Wie wurde die Revolution bis heute rezipiert, welche Bedeutung hatte und hat sie für die deutsche Geschichte?"

Auch wenn User Quatschki scheinbar keinen Fehler in den Ausführungen entdecken kann - ich finde schon Fehler:
In keiner Quelle, die ich auf die Schnelle gefunden habe, wird - wie von Brodehl unterstellt - behauptet "die oberste Heeresleitung hätte die Hochseeflotte nochmals offensiv einsetzen wollen". Überall ist die Rede von einer eigenmächtigen Entscheidung der Seekriegsleitung - trotz bereits eingeleiteter Waffenstillstandsverhandlungen.
Und gleichgültig ob der Kieler Matrosenaufstand nun "Triebfeder", Initialzündung" oder sonstwie genannt wird - er stellte definitiv einen Wendepunkt in der deutschen Geschichte dar. Denn ohne diese "Triebfeder", "Initialzündung" - what ever - wäre es niemals in ganz Deutschland zu einer Revolution und/oder zur Gründung von Arbeiter- und Soldatenräten gekommen.


Die Antwort auf Ihre Frage ist einfach: Das Dokument wurde still und heimlich korrigiert. Das ursprüngliche Dokument, auf das Brodehl reagierte, las sich so:
Von Kiel ausgehend wandten sich Matrosen und Soldaten der kaiserlichen Armee – trotz drakonischer Strafandrohungen - gegen letzte Versuche der Obersten Heeresleitung, den für Mittelmächte bereits verlorenen Ersten Weltkrieg durch eine neue Offensivegegen Großbritannien zu verlängern und damit das Leiden und das Sterben derSoldaten und der Zivilbevölkerung auf beiden Seiten noch weiter zu verlängern.

Quelle: Schleswig-Holsteinischer Landtag, 19. Wahlperiode, Drucksache 119/1021 vom 23.10.2018
http://webcache.googleusercontent.com/s ... clnk&gl=de

Dies wurde wie folgt geändert:
Von Kiel ausgehend wandten sich Matrosen und Soldaten der kaiserlichen Armee – trotz drakonischer
Strafandrohungen – gegen den Versuch der deutschen Marineleitung, mit einer letzten Entscheidungsschlacht die eigene Ehre in dem für die Mittelmächte bereits verlorenen Ersten Weltkrieg zu retten.

Quelle: Schleswig-Holsteinischer Landtag, 19. Wahlperiode, Drucksache 119/1021(neu), 2. Fassung vom 6.11.2018
http://www.landtag.ltsh.de/infothek/wah ... -01021.pdf

Und das zeigt eben die ganze Problematik, die sich ergibt, wenn ein Provinzparlament aus ideologischen Gründen Geschichtspolitik betreiben soll. Warum überlässt man die historische Forschung nicht den akademischen Institutionen? Warum muss man sich hier mit Fake News zwischenschalten, die dann - offenbar nach Hinweisen der AfD - nachträglich korrigiert werden müssen, ohne freilich den Input der AfD zu würdigen?
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon Skeptiker » Mi 7. Nov 2018, 23:06

Quatschki hat geschrieben:(07 Nov 2018, 18:02)
Ich kann in den Ausführungen des Dr.Brodehl so auf Anhieb keinen Fehler entdecken? Worin sollen denn die "alternativen Fakten" bestehen?
Ich sehe auch keinen Widerspruch zu meinem Beitrag oder irgendwelche Hinweise darauf, dass die AfD den Kaiser Wilhelm wieder haben möchte.
...

Dem schliesse ich mich an. Mir fehlt bislang hier jede sachliche Auseinandersetzung mit Dr. Brodehls Aussagen.

Was hat er denn nun falsches gesagt? Mich würde das wirklich interessieren.
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon Humelix33 » Mi 7. Nov 2018, 23:41

Naja, solche Aufstände sind eher schmeichelhaft und eigentlich weniger bedeutend, als sie heute gemacht werden, aber man braucht ja unbedingt was, um das Kaiserreich zum Ende hin absolut schlecht dastehen zu lassen.

Es gab ja Gründe, warum es einen Aufstand gab. Vor allem war es genau wie 1944 nachher, zu einem Zeitpunkt, wo klar war, das nichts mehr zu gewinnen war. Dennoch nicht vergleichbar, weil vor genau 100 Jahren sowohl Menschen, als auch Maschinen - hier Waffen - verheizt waren, während die Nazis noch Maschinen gehabt haben, aber keine Soldaten mehr. Von daher ja, der Aufstand hat vielleicht eine Kamikazeaktion verhindert, war aber nunmal so oder so nicht mehr bedeutsam, weil zu dem Zeitpunkt die sprichwörtliche Messe bereits gelesen war. Da hat Stauffenberg 1944 z.B. noch weit mehr Optionen für die Deutschen gehabt, wäre das Attentat geglückt.

Was man anerkennen kann, dass die Marinesoldaten ihr Leben gerettet haben, statt in die sinnlose geplante finale Seeschlacht gegen England rauszufahren, mehr und weniger aber auch nicht, weil wie erwähnt, sämtliche Jahrgänge an der Front bereits verheizt wurden. Und der Aufstand resultierte auch nur daraus, weil der Krieg verloren war, bedeutet, wäre man an der Front erfolgreich geblieben, hätten weiterhin alle mitgezogen. Bei Stauffenberg zum Vergleich kann man es ähnlich sehen, hätte er von den Konzentrationslagern gewusst, und daher so gehandelt, wäre es absolut heldenhaft gewesen, aber auch hier war der Grund vorrangig, Ende des Krieges WEIL es nichts mehr zu gewinnen gab, aufgrund der Anzahl der Feinde und eigenen Verluste.

Von daher halte ich die Heroisierung des Matrosenaufstandes für völlig überzogen und überbewertet, bei Stauffenberg sieht das anders aus, weil er damals auch wirklich gehandelt hat, Andere waren vorher zu feige den Versuch zu unternehmen Hitler zu töten, obwohl groß angekündigt.
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon Julian » Do 8. Nov 2018, 06:44

Humelix33 hat geschrieben:(07 Nov 2018, 23:41)

Naja, solche Aufstände sind eher schmeichelhaft und eigentlich weniger bedeutend, als sie heute gemacht werden, aber man braucht ja unbedingt was, um das Kaiserreich zum Ende hin absolut schlecht dastehen zu lassen.

Es gab ja Gründe, warum es einen Aufstand gab. Vor allem war es genau wie 1944 nachher, zu einem Zeitpunkt, wo klar war, das nichts mehr zu gewinnen war. Dennoch nicht vergleichbar, weil vor genau 100 Jahren sowohl Menschen, als auch Maschinen - hier Waffen - verheizt waren, während die Nazis noch Maschinen gehabt haben, aber keine Soldaten mehr. Von daher ja, der Aufstand hat vielleicht eine Kamikazeaktion verhindert, war aber nunmal so oder so nicht mehr bedeutsam, weil zu dem Zeitpunkt die sprichwörtliche Messe bereits gelesen war. Da hat Stauffenberg 1944 z.B. noch weit mehr Optionen für die Deutschen gehabt, wäre das Attentat geglückt.

Was man anerkennen kann, dass die Marinesoldaten ihr Leben gerettet haben, statt in die sinnlose geplante finale Seeschlacht gegen England rauszufahren, mehr und weniger aber auch nicht, weil wie erwähnt, sämtliche Jahrgänge an der Front bereits verheizt wurden. Und der Aufstand resultierte auch nur daraus, weil der Krieg verloren war, bedeutet, wäre man an der Front erfolgreich geblieben, hätten weiterhin alle mitgezogen. Bei Stauffenberg zum Vergleich kann man es ähnlich sehen, hätte er von den Konzentrationslagern gewusst, und daher so gehandelt, wäre es absolut heldenhaft gewesen, aber auch hier war der Grund vorrangig, Ende des Krieges WEIL es nichts mehr zu gewinnen gab, aufgrund der Anzahl der Feinde und eigenen Verluste.

Von daher halte ich die Heroisierung des Matrosenaufstandes für völlig überzogen und überbewertet, bei Stauffenberg sieht das anders aus, weil er damals auch wirklich gehandelt hat, Andere waren vorher zu feige den Versuch zu unternehmen Hitler zu töten, obwohl groß angekündigt.


Auf jeden Fall durfte man noch vor 10, zwanzig Jahren über solche Ereignisse diskutieren, also über ihr Für und Wider, über die tatsächliche und die im Rückblick gewünschte Motivation der Handelnden, über direkte und indirekte Folgen, über die historische Einordnung...

Heute wird offenbar von Parlamenten mehrheitlich beschlossen, wie es gewesen ist und was wir darüber zu denken haben, und wer die beschlossene Auffassung nicht teilt, ist ein Nazi, oder schlimmer, ein AfD-Anhänger. Schon seltsam, was aus diesem Land geworden ist.
Projekt Julian I: 5 Jan 2016 - 14 Aug 2018
Projekt Julian II: 14 Aug 2018 -
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon Kritikaster » Do 8. Nov 2018, 07:18

Julian hat geschrieben:(07 Nov 2018, 21:10)

Die Antwort auf Ihre Frage ist einfach: Das Dokument wurde still und heimlich korrigiert. Das ursprüngliche Dokument, auf das Brodehl reagierte, las sich so:

Quelle: Schleswig-Holsteinischer Landtag, 19. Wahlperiode, Drucksache 119/1021 vom 23.10.2018
http://webcache.googleusercontent.com/s ... clnk&gl=de

Dies wurde wie folgt geändert:

Quelle: Schleswig-Holsteinischer Landtag, 19. Wahlperiode, Drucksache 119/1021(neu), 2. Fassung vom 6.11.2018
http://www.landtag.ltsh.de/infothek/wah ... -01021.pdf

Wir stellen fest: Die im Sinne historischer Korrektheit vorgenommene Korrektur des Beschlußantrags erfolgte am 06.11.2018, also am Tag VOR der Plenarsitzung und damit nicht "still und heimlich" oder gar in Folge des Redebeitrags des AfD-Abgeordneten (die AfD-Urheberschaft der Änderung ist noch gleich wodurch belegt?). Sie lag allen Abgeordneten vor.

Es zeugt von ungenauem Arbeiten Brodehls, wissend um den korrigiert zur Abstimmung gestellten Text (womit ich unterstelle, dass er an der Stelle wusste, worüber er redete), diese behobene Ungenauigkeit aus einer vorangegangenen Fassung hervorzuheben.
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon odiug » Do 8. Nov 2018, 07:39

Kritikaster hat geschrieben:(07 Nov 2018, 15:57)

Die deutliche Ablehnung des Antrags durch die AfD-Geschichtsrevisionisten im Plenum zeigt, wie unberechtigt Deine Zweifel sind:

So schaut's aus: Rechte Geschichtsrevisionisten, mit nach wie vor "Kaisertreuen" in ihren Reihen, folgen ihrem "Marschplan" zur 180°-Wende und werfen dafür - schwuppdiwupp - mal eben den geschichtsbewussten Demokraten das eigene Tun vor.

https://www.landtag.ltsh.de/presseticke ... 4-33-6351/
Das Interview belegt nur eins: Wer hat uns verraten ? Sozialdemokraten !
Schon 1914,bei der Bewilligung der Kriegsanleihen durch die SPD im Reichstag, wie auch 1918, als sie mit nationalistischen Kräften paktierten, um die Revolution zu ersticken.
Das macht der gute Doktor mal wieder klar und dafür kann man ihm beinahe dankbar sein .
Moderatoren sind die Herren des Forums :x
Aber wir sind edel und gut, gerecht und unbestechlich und sorgen uns innig um das Wohlergehen unsrer Foristen.
Ich habe nun eine deutsche Tastatur ... äöüß :cool:
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon MäckIntaier » Do 8. Nov 2018, 08:03

odiug hat geschrieben:(08 Nov 2018, 07:39)

https://www.landtag.ltsh.de/presseticke ... 4-33-6351/
Das Interview belegt nur eins: Wer hat uns verraten ? Sozialdemokraten !
Schon 1914,bei der Bewilligung der Kriegsanleihen durch die SPD im Reichstag, wie auch 1918, als sie mit nationalistischen Kräften paktierten, um die Revolution zu ersticken.
Das macht der gute Doktor mal wieder klar und dafür kann man ihm beinahe dankbar sein .


Manches im Leben ändert sich nie. Die Sozialfaschismustheorie scheint eine solche Konstante zu sein.
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Re: 100 Jahre Matrosenaufstand in Kiel

Beitragvon Quatschki » Do 8. Nov 2018, 08:17

odiug hat geschrieben:(08 Nov 2018, 07:39)

https://www.landtag.ltsh.de/presseticke ... 4-33-6351/
Das Interview belegt nur eins: Wer hat uns verraten ? Sozialdemokraten !
Schon 1914,bei der Bewilligung der Kriegsanleihen durch die SPD im Reichstag, wie auch 1918, als sie mit nationalistischen Kräften paktierten, um die Revolution zu ersticken.
Das macht der gute Doktor mal wieder klar und dafür kann man ihm beinahe dankbar sein .

Stimmt schon, die (damaligen) Sozen haben dir dein Sowjetdeutschland versaut
Aber sie versuchen es ja wieder gut zu machen.

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