68 wird 50

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Alexyessin
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68 wird 50

Beitragvon Alexyessin » Do 11. Jan 2018, 20:09

Hallo Zusammen,

nachdem dieses Jahr, zumindest in den Printmedien, mit einer Reihe "Rückblende auf die 68er" gestartet ist, denke ich das es Zeit ist, dieses Thema auch hier aufzugreifen.

Was also ist dieses "68" genau? Für die Gegner damals wie heute ist 68 gleichbedeutend mit linksideologischem Intellektualismus, für die Romantiker DER Aufbruch in die Moderne. Die Wahrheit dürfte sich wohl dazwischen finden. Richtig ist, das die Bewegung seinerzeit aus den Universtäten heraus entstanden ist, nicht nur hierzulande, sondern auch in Frankreich, in den USA, in Großbritannien und auch in der CSSR. Speziell auf Westdeutschland würzte die Auflehnung gegen die Kriegs- und Nachkriegsgeneration die Frage nach dem NS Regime, die Verbindungen der einzelnen Verwandschaft zur braunen Diktatur wie eben auch der Politik, der Verwaltung - kurzum der Erben des Adenauerstaates in der Gesellschaft. Und wie alle Ideen, die nicht zu Ende gedacht sind hinterliessen auch die 68er manch bösen Samen in der Welt - den Schritt zum Terror und zur Gewalt.

Rein philosophisch war 68 eine Offenbarung. Es durfte nicht nur gedacht werden, es wurde auch gefragt, es wurde vor allem hinterfragt. In manchen Teilen alles hinterfragt, sei es die Vergangenheit und deren Bewältigung, sei es die Gesellschaft, sei es die Form der Demokratie, das Miteinander und das Gegeneinander. Ich meine, das gerade die Betrachtung aus dem philosophischen Blickwinkel die ganze Debatte über das Für und Wieder 68 aus der jeweiligen ideologischen Umklammerung lösen könnte und damit historisch besser einordnen kann.

Meiner Meinung nach hat diese Bewegung natürlich unseren Staat verändert. Und obwohl Willy Brandt mit Jahrgang 1913 alles andere war als ein 68er so konnte er eben auf der Öffnung des Denkens seine "Mehr Demokratie wagen" aufbauen. Auf der anderen Seite hat der meines Erachtens diabolische Selbstzweck der Bankräuberbande RAF den Staat als solches wehrhaft gemacht ohne die Demokratie zu gefährden.

So würde ich gerne mit euch diskutieren - möglichst weg vom ideologischen Kleinkrieg - was eure Betrachtungen zu 68 sind und welche Lehren und Veränderungen ihr dadurch wahrnehmen könnt.
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SpukhafteFernwirkung
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Re: 68 wird 50

Beitragvon SpukhafteFernwirkung » Do 11. Jan 2018, 21:05

ich finde schon, dass die rasterfahndung die demokratie nachhaltig beschädigt hat mit auswirkungen bis heute. außerdem sind 68er bei der personalführung zu weich, finde ich...- :p
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H2O
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Re: 68 wird 50

Beitragvon H2O » Do 11. Jan 2018, 21:09

Für uns biedere Studenten an der TU Berlin kamen die Auftritte von Rudi Dutschke und Co. im Audimax der TU Berlin als hammerharte Störung unseres Studiums. Die TU liegt eben mehr im damaligen Zentrum West-Berlins und bot sich offenbar besonders an, als Ausgangs- und Endpunkt solcher Veranstaltungen und damit verbundenen Demonstrationen zu dienen.

Der Auftritt dieser 68er war ziemlich weit in Richtung des existierenden Sozuialismus gediehen; in den großen Versammlungen gab es üble Schelte, wenn wir biederen Techniker darauf hin wiesen, daß Repression doch gleich nebenan hinter dem Brandenburger Tor zu besichtigen sei. Nein, in der Hochschule gab es doch den Muff der 1.000 Jahre. Gemeint war wohl das ziemlich selbstherrliche Auftreten etlicher Professoren in ihrem ganzen Glanz.

In der Folge wurde die Hochschulhierarchie erweitert um die Wissenschaftlichen Mitarbeiter im Bereich Mitbestimmung. Ob dabei bahnbrechende Forschungsergebnisse heraus kamen... keine Ahnung. Auf jeden Fall kam es zu "sozialhabilitierten" Wissenschaftlern in den Hochschulen, und damit stimmberechtigten Mitgliedern der Institute und Fakultäten. Die wohlgefügte Ordnung mit den kleinen habilitierten Königen wich einem demokratischeren, auf jeden Fall vielstimmigeren Chorgesang. Aber das größere Durcheinander entstand damals wohl in der Freien Universität, mit Störungen von Vorlesungen und "sit ins". Die Technische Universität hatte wohl zu dröge Kost zu verabreichen. Das Geschäft fing sich dann sehr bald wieder: Klausuren, Prüfungen, Diplomprüfungen, Geld verdienen. Nur im Bereich Architektur gab es einiges Theater, worüber auch ziemlich gelästert wurde... ob die Kollegen sich nun als Künstler sähen, und warum sie dann unbedingt mit Ingenieursdiplom die Hochschule verlassen wollten.

Das spielte sich ungefähr von 1967 an so in West-Berlin ab. Ein Auslöser davon war der Tod des Studenten Benno Ohnesorg im Umfeld des persischen Schahbesuchs in West-Berlin. Heute wissen wir, daß der Todesschütze Karras als Agent der Stasi im Polizeidienst in West-Berlin getötet hatte.
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Misterfritz
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Re: 68 wird 50

Beitragvon Misterfritz » Fr 12. Jan 2018, 09:35

SpukhafteFernwirkung hat geschrieben:(11 Jan 2018, 21:05)

ich finde schon, dass die rasterfahndung die demokratie nachhaltig beschädigt hat mit auswirkungen bis heute. außerdem sind 68er bei der personalführung zu weich, finde ich...- :p
Ach, Dir fällt zu 68 nur die Rasterfahndung ein? Die hatte aber nun wirklich nichts mit den Studentenprotesten zu tun. Es sei denn, Du siehst die RAF als dessen direkte Folge an.

Zumindest haben diese Proteste Veränderungen in der Gesellschaft hervorgerufen (wobei man nicht wissen kann, ob diese nicht auch ohne diese Proteste gekommen wären und wenn ja, wie).
Da sich Gesellschaften aber nicht von heute auf morgen verändern, ist es nicht einfach zu sagen, das und jenes hat sich eben wegen der Studentenbewegung geändert und wäre ohne diese Proteste heute immer noch so.
Was ich allerdings dann doch denen zurechnen würde, ist die Auseinandersetzung mit der Nazi-Zeit, die ja in Wirtschaftswunderjahren schlicht unter die neuen Teppiche gekehrt wurde. Und man kann nicht sagen, dass die Gesellschaft sich freudig auf dieses Thema gestürzt hätte.
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Re: 68 wird 50

Beitragvon Keoma » Fr 12. Jan 2018, 09:47

Misterfritz hat geschrieben:(12 Jan 2018, 09:35)

Ach, Dir fällt zu 68 nur die Rasterfahndung ein? Die hatte aber nun wirklich nichts mit den Studentenprotesten zu tun. Es sei denn, Du siehst die RAF als dessen direkte Folge an.

Zumindest haben diese Proteste Veränderungen in der Gesellschaft hervorgerufen (wobei man nicht wissen kann, ob diese nicht auch ohne diese Proteste gekommen wären und wenn ja, wie).
Da sich Gesellschaften aber nicht von heute auf morgen verändern, ist es nicht einfach zu sagen, das und jenes hat sich eben wegen der Studentenbewegung geändert und wäre ohne diese Proteste heute immer noch so.
Was ich allerdings dann doch denen zurechnen würde, ist die Auseinandersetzung mit der Nazi-Zeit, die ja in Wirtschaftswunderjahren schlicht unter die neuen Teppiche gekehrt wurde. Und man kann nicht sagen, dass die Gesellschaft sich freudig auf dieses Thema gestürzt hätte.


Sehe ich ziemlich ähnlich, es waren einige linke Studenten, die den unappetitlichen Nazi Borodajkewycz an der Uni Wien zu Fall brachten.
Unter anderem unser ehemaliger Bundespräsident Fischer.
Es entstand nicht umsonst damals der Spruch "Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren".
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Re: 68 wird 50

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 12. Jan 2018, 10:27

Ich finds ja gut, dass im Eingangsbeitrag unter den vielen politischen Ereignissen 1968 auch die Ereignisse in Prag Erwähnung fanden. Wie lang deren Schatten reicht, erkannte ich erst vor zwei drei Wochen, als ich auf einer Autobahnraststätte bei Humpolec (zwischen Brno und Prag) ein sorgfältig gepflegtes (offenbar privat betriebenes) Ehrenmal für Alexander Dubček, den "Gorbatschow des Prager Frühlings" sah. Mit frischen Kerzen und Ehrenkranz. Dubček war 1992 als letzter tschechoslowakischer Parlamentspräsident und dann als Chef der slowakischen Sozialdemokraten in der Nähe bei einem sehr zwielichtigen Autounfalls ums Leben gekommen. Die Person Dubcek ist offenbar immer noch ziemlich populär.
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Re: 68 wird 50

Beitragvon Dampflok94 » Fr 12. Jan 2018, 10:32

1968ist ja ein Schlagwort. Was es umschreibt begann vorher und lief weiter. Es lüftete die deutsche Gesellschaft durch. Und trotzdem blieb der Einfluß beschränkt. Denn eine gewisse Öffnung ergab sich auch ohne 68er. Denn Willy Brandt mit seinem "Mehr Demokratie wagen" war sicherlich kein 68er. Es waren wohl die wenigsten in den Parteien. Und doch sorgte gerade die sozial-liberale Koalition für Aufbruch.
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Re: 68 wird 50

Beitragvon Alexyessin » Fr 12. Jan 2018, 10:40

Dampflok94 hat geschrieben:(12 Jan 2018, 10:32)

1968ist ja ein Schlagwort. Was es umschreibt begann vorher und lief weiter. Es lüftete die deutsche Gesellschaft durch. Und trotzdem blieb der Einfluß beschränkt. Denn eine gewisse Öffnung ergab sich auch ohne 68er. Denn Willy Brandt mit seinem "Mehr Demokratie wagen" war sicherlich kein 68er. Es waren wohl die wenigsten in den Parteien. Und doch sorgte gerade die sozial-liberale Koalition für Aufbruch.


Aus meinem Eingangsbeitrag:

Meiner Meinung nach hat diese Bewegung natürlich unseren Staat verändert. Und obwohl Willy Brandt mit Jahrgang 1913 alles andere war als ein 68er so konnte er eben auf der Öffnung des Denkens seine "Mehr Demokratie wagen" aufbauen.
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Re: 68 wird 50

Beitragvon Dampflok94 » Fr 12. Jan 2018, 10:56

Alexyessin hat geschrieben:(12 Jan 2018, 10:40)Aus meinem Eingangsbeitrag:

Na dann sind wir uns ja einig. (Hätte ich natürlich auch einfach zitieren können.) ;)
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