Motivationen der Gründung des Deutschen Reichs im 19. Jh

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Re: Motivationen der Gründung des Deutschen Reichs im 19. Jh

Beitragvon Progressiver » Fr 26. Mai 2017, 19:15

Das "Deutsche Reich", das 1871 gegründet worden war, stellte meines Erachtens nur ein großpreußisches Konstrukt dar. Man vergisst da leicht, dass es auch in Österreich-Ungarn und anderswo beträchtlich viele Menschen gab, die deutsch sprachen. Die Einigungsidee aller deutschsprachigen Gebiete wurde aber dermaßen übertrieben, dass Hitler sein "Großdeutsches Reich" proklamieren konnte, bevor dann der nationalistische Wahn endgültig alles in Trümmern legte. Es ist also kein Wunder, wenn danach beispielsweise Österreicher und die "richtigen" Deutschen wieder getrennte Wege gingen. Aber Nationalismus aufgrund sprachlicher Gemeinsamkeiten halte ich sowieso für ein überbewertetes theoretisches Konstrukt.

Ich selbst hätte es auch sympathisch gefunden, wenn sich die Deutschen 1848/49 die Republik erkämpft hätten. Aber das hat ja nicht geklappt. Und auch die völlige Einheit war ja damals als konstitutionelle Monarchie nicht möglich, da sich der preußische König standhaft widersetzte, da er kein Bürgerkönig werden wollte. So dauerte es halt noch eine Weile, bis nach Kriegen und Diktatur das heutige Deutschland demokratisch und geeint werden konnte.
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H2O
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Re: Motivationen der Gründung des Deutschen Reichs im 19. Jh

Beitragvon H2O » Fr 26. Mai 2017, 19:25

Brainiac hat geschrieben:(26 May 2017, 20:03)

Aber wie wäre man mit N. an der Spitze "aus dem Monarchismus rausgekommen"? :?: Ich habe da eher so gewisse afrikanische Leader als Negativbeispiele vor Augen, die Demokratie gerade so weit zulassen, dass es ihre Macht nicht zu sehr stört.


Nun ja, das einheitliche Gesetzbuch für Europa, das wäre sicher etwas Gutes gewesen. Auch könnte ich mir bei gutem Willen vorstellen, daß die Gedanken der französischen Revolution, insbesondere die Erklärung der Menschenrechte, auch mit der Amtssprache Französisch in die Breite getragen worden wären. Damit sind schließlich die Gedanken der ersten deutschen Revolution befeuert worden... gegen die Willkür der herrschenden Adelsklasse. Diese Entwicklung hätte unter französischer Leitung schneller die Volksmassen erfassen können, auch gegen Napoleon und Nachfolger, die sich die Vorteile der verjagten Herrschaft aneignen wollten.

Aber meine Hochachtung für den Satz: Da scheint mir das eine Lösung. Wenn wir sie gehabt hätten, würden wir es uns heute vielleicht so wünschen, wie es gekommen ist ...
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Re: Motivationen der Gründung des Deutschen Reichs im 19. Jh

Beitragvon H2O » Fr 26. Mai 2017, 19:42

Progressiver hat geschrieben:(26 May 2017, 20:15)

...Nationalismus aufgrund sprachlicher Gemeinsamkeiten halte ich sowieso für ein überbewertetes theoretisches Konstrukt.

...


Jein; auf Südamerika bezogen haben Sie sicher Recht. Da finden wir viele Staaten mit Spanisch als Landessprache, die sich sogar abgespalten haben von Kolumbien.

In Europa finden wir aber doch überwiegend Staaten mit der einen Landessprache als Nationalstaaten. In Belgien sieht man, wie schwierig Mehrsprachigkeit sein kann, in der Schweiz sieht man, daß die Sache funktionieren kann.

Nach dem verlorenen 1. Weltkrieg gab es doch Bestrebungen, "Deutsch-Österreich" an das Deutsche Reich an zu gliedern. Das fand nicht den Beifall der Siegermächte; den Gedanken hat man dann unter viel schrecklicheren Umständen durchgesetzt. In der EU sind solche Themen hoffentlich bald völlig witzlos! Da arbeiten Regionen grenzüberschreitend zusammen, manche gut und manche eben weniger gut, ganz nach Art der Menschen dort. Schon aufgrund der gemeinsamen Sprache tippe ich auf eine besonders enge Zusammenarbeit der Süddeutschen mit Österreich. Alles andere wäre eigentlich erstaunlich.
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Re: Motivationen der Gründung des Deutschen Reichs im 19. Jh

Beitragvon Brainiac » Fr 26. Mai 2017, 19:55

H2O hat geschrieben:(26 May 2017, 20:25)

Nun ja, das einheitliche Gesetzbuch für Europa, das wäre sicher etwas Gutes gewesen. Auch könnte ich mir bei gutem Willen vorstellen, daß die Gedanken der französischen Revolution, insbesondere die Erklärung der Menschenrechte, auch mit der Amtssprache Französisch in die Breite getragen worden wären. Damit sind schließlich die Gedanken der ersten deutschen Revolution befeuert worden... gegen die Willkür der herrschenden Adelsklasse. Diese Entwicklung hätte unter französischer Leitung schneller die Volksmassen erfassen können, auch gegen Napoleon und Nachfolger, die sich die Vorteile der verjagten Herrschaft aneignen wollten.

Also kurz zusammengefasst, die frühzeitige Einführung einer einheitlichen gesamteuropäischen Sprache hätte es gerissen.

Vielleicht.

Aber meine Hochachtung für den Satz: Da scheint mir das eine Lösung. Wenn wir sie gehabt hätten, würden wir es uns heute vielleicht so wünschen, wie es gekommen ist ...

Danke, das habe ich gar nicht richtig gelesen, bzw. ich ging von einem Schreibfehler aus.

Vielleicht könnte man diesen Gedanken in umgedrehter Form auf den Brexit übertragen.
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Re: Motivationen der Gründung des Deutschen Reichs im 19. Jh

Beitragvon Kael » Sa 27. Mai 2017, 01:48

Das Deutsche Reich wurde auf der einen Seite aus machtpolitischen Gründen gegründet. Es war aber vor allem eine gewollte Deutsche Einigkeit, damit man dem Franzosen, Russen und Briten 'Einhalt' gebieten kann.
Denn was viele nicht wissen:
Die Briten und Franzosen haben TATKRÄFTIG in Deutschland mitgewirkt,Verträge geschlossen die Nachteilig für Deutschland waren.
Das SCHLIMMSTE was einem Briten und Franzosen passieren konnte, war ein geeinigtes Deutsches Volk.

Interessanterweise hatten wie Deutschen nämlich im Deutschen Reich mehr Demokratische Rechte als die Briten. Theoretisch konnte nämlich das Parlament eine Kaiser-Entscheidung kippen wenn sie einig war.


Die Deutschen "brauchten" keine Demokratie, sie hatten ihren Kaiser und waren größtenteils glücklich mit diesem.
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Re: Motivationen der Gründung des Deutschen Reichs im 19. Jh

Beitragvon Europa2050 » Sa 27. Mai 2017, 08:00

Kael hat geschrieben:(27 May 2017, 02:48)

Das Deutsche Reich wurde auf der einen Seite aus machtpolitischen Gründen gegründet. Es war aber vor allem eine gewollte Deutsche Einigkeit, damit man dem Franzosen, Russen und Briten 'Einhalt' gebieten kann.
Denn was viele nicht wissen:
Die Briten und Franzosen haben TATKRÄFTIG in Deutschland mitgewirkt,Verträge geschlossen die Nachteilig für Deutschland waren.
Das SCHLIMMSTE was einem Briten und Franzosen passieren konnte, war ein geeinigtes Deutsches Volk.

Interessanterweise hatten wie Deutschen nämlich im Deutschen Reich mehr Demokratische Rechte als die Briten. Theoretisch konnte nämlich das Parlament eine Kaiser-Entscheidung kippen wenn sie einig war.


Die Deutschen "brauchten" keine Demokratie, sie hatten ihren Kaiser und waren größtenteils glücklich mit diesem.


Die Lage in den '60 ern des 19. Jhd. war reichlich verworren. Gerade deshalb jeden Respekt von den diplomatischen Fähigkeiten deines Avatars.

St. Petersburg war wohl noch das geringste Problem. Verbündeter Preußens und Bruder im Geiste in Sachen Unterdrückung Polens stand man einem mächtigeren Preußen (und nichts anderes war das DR aussenpolitisch) positiv gegenüber.
Für Frankreich und ÖU bedeutete das DR ein Ende ihres Einflusses in Deutschland und die waren dagegen. Dennoch führten die Rivalität in Italien und der alte Französisch-österreichische Beissreflex dazu, das Frankreich 1866 ÖU nicht unterstützte, ein Fehler, den es fünf Jahre später mit Elsass-Lothringen bezahlte.
GB war indifferent. Man hatte Händel mit Preußens Verbündetem Russland, aber auch mit Preußens Gegner Frankreich. Immerhin ließ mal Preußens Annexion Hannovers 1866 geschehen, dazu weiß aber @Welfenprinz mehr als ich Süddeutscher.
Bismarck manövrierte sich da geschickt durch, bevor seine Nachfolger alles verpfuschten.

Im Land waren wohl die Bevölkerung eher begeistert, während die Regenten zu recht skeptisch waren, würden sie doch zu "Frühstücksdirektoren von Preußens Gnaden.

Aber immerhin haben Ludwigs Schlösser Bismarks Reich um Längen überdauert ...
Denkt an 1914, denkt an 1933 ...
... und macht verdammt nochmal nicht die gleichen Fehler ... :mad2:

Mist, hab ich einige Leute doch tatsächlich überfordert. :s
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Re: Motivationen der Gründung des Deutschen Reichs im 19. Jh

Beitragvon Helmuth_123 » So 28. Mai 2017, 09:10

Vielleicht sollte man in die Diskussion das Stichwort der „Erfurter Union“ bringen. Ich denke, dass Wissen um dieses preußische Projekt nach 1848/49 trägt zum Verständnis bei, welche Motivationen hinter der Gründung des Deutschen Reiches standen.
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Re: Motivationen der Gründung des Deutschen Reichs im 19. Jh

Beitragvon Brainiac » So 28. Mai 2017, 10:02

Helmuth_123 hat geschrieben:(28 May 2017, 10:10)

Vielleicht sollte man in die Diskussion das Stichwort der „Erfurter Union“ bringen.

Das ist hiermit ja erfolgt.

Ich denke, dass Wissen um dieses preußische Projekt nach 1848/49 trägt zum Verständnis bei, welche Motivationen hinter der Gründung des Deutschen Reiches standen.

Für mich läuft das unter dem Versuch, auf den losgefahrenen Zug (Paulskirchenverfassung) aufzuspringen und dem Ganzen dabei aber einen konservativeren Anstrich zu geben. Also gar nicht so unterschiedlich zu dem, was Bismarck später gelang.

Kanst ja mal näher ausführen, was du meinst.
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Re: Motivationen der Gründung des Deutschen Reichs im 19. Jh

Beitragvon Helmuth_123 » So 28. Mai 2017, 17:05

Brainiac hat geschrieben:(28 May 2017, 11:02)

Das ist hiermit ja erfolgt.


Für mich läuft das unter dem Versuch, auf den losgefahrenen Zug (Paulskirchenverfassung) aufzuspringen und dem Ganzen dabei aber einen konservativeren Anstrich zu geben. Also gar nicht so unterschiedlich zu dem, was Bismarck später gelang.

Kanst ja mal näher ausführen, was du meinst.


Ich wollte einfach mal ein Stichwort in die Runde werfen, bei dem die Interessierten sich weiter informieren können. Die „Erfurter Union“ gehört zur preußischen Deutschlandpolitik und ich denke, dass man darüber Kenntnisse haben sollte, wenn man sich mit der Frage nach der Motivation Preußens, die Deutschen Einigung herbeizuführen, beschäftigen möchte.
Wenn man die Frage nach der Motivation zur Deutschen Einigung nicht nur spezifisch auf den Staat Preußen bezogen stellt, sondern allgemein. Dann muss man sich natürlich noch weitergehender und tiefer mit der deutschen Nationalbewegung und der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Lage in Deutschland beschäftigen.
In diesem Zusammenhang interessant ist vielleicht auch die Tatsache, dass es alternative Vorstellungen zum Konzept eines Nationalstaat Deutschland gab, etwa eine Reform des Deutschen Bundes. Dort möchte ich den Namen Friedrich Ferdinand von Beust nennen, Außenminister und Vorsitzender des Gesamtministerium (entspricht dem heutigen Ministerpräsident) des Königreich Sachsens.
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Re: Motivationen der Gründung des Deutschen Reichs im 19. Jh

Beitragvon garfield336 » Mo 12. Jun 2017, 08:01

Brainiac hat geschrieben:(26 May 2017, 19:36)

Das scheint mir eine relativ optimistische Betrachtungsweise. ;) Gut, er hat den Code Civil und einiiges andere eingeführt, aber inwieweit ein Alleinherrscher sich tatsächlich auf Dauer den Idealen der Revolution ehrlich verpflichtet fühlt oder nicht doch irgendwann nur noch mit der Machterhaltung beschäftigt ist... des weiteren habe ich das Gefühl, das wäre eine zu schnelle Integration unter Überspringung notwendiger Zwischenschritte, mindestens auf Deutschland bezogen, gewesen.


Napoleon handelte nicht nach den idealen der Revolution, Napoleons Herschaft war eine Konterrevolution. Er verbündete sich mit dem alten Frankreich für seinen neuen Staat. Er hatte viele Gefolgsleute des Ancien Regimes-. Die noch vom Nationalkonvent der revolutionsjahre systematisch bekämpft und Guillotiniert wurden. Er krönte sich zum Kaiser und schaffte die Republik wieder ab.

Grosse Symbolik mus man auch darin erkennen, dass er den Papst für seine Krönung einludt. Im revolutionären Frankreich wäre dies undenkbar gewesen.
Der Klerus war unter den Revolutionären verhasst.
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Re: Motivationen der Gründung des Deutschen Reichs im 19. Jh

Beitragvon garfield336 » Mo 12. Jun 2017, 08:12

Europa2050 hat geschrieben:(26 May 2017, 17:07)
Die Staaten, die 1850 existierten waren entweder multinational und verstanden sich auch so (Österreich, Osmanisches Reich, USA, ...) oder zufällig als Nationalstaat entstanden, aber von Herrschaft und Führung international aufgestellt und auch sonst kulturell und sprachlich nicht homogen (UK, Frankreich, Russland).


Das revolutionäre Frankreich kann durchaus auch als nationalistische Bewegung bezeichnen.

Den vor der revolution gab es keine Bürgerrechte, nur Menschen die zufällig auf dem vom König beherschten Land leben. Durch die revolution und dem Code Civil wurden erst solche Dinge wie "Staatsbürgerschaft" erst erschaffen. Der König war demnach auch nicht mehr le Roi de la France, sondern le Roi des francais.
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Re: Motivationen der Gründung des Deutschen Reichs im 19. Jh

Beitragvon garfield336 » Mo 12. Jun 2017, 08:22

Ich interessiere mich als Luxemburger für das Event in der Paulskirche.

Luxemburg entsendete damals auch 3 abgeordnete.. Auf Legilux.lu (Webseite für amtliche Dokumente und Gesetzesblätter von Luxemburg) findet man noch das Wahlgesetz und Result der Wahl für das Parlament. Auch im Zuge der revolution wurde in Luxemburg eine neue Verfassung in Kraft gesetzt, die zum Teil bis heute noch in Kraft ist.
Was mich aber interessiert ist, was die 3 luxemburgischen Vertreter dort machten. Stimmten sie der Reichsverfassung zu? Sollte Luxemburg Mitglied dieses Reiches sein. ?Was genau war deren Arbeit und was genau die Position unserer Regierung. über diese Frage kann ich leider nichts finden.
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Re: Motivationen der Gründung des Deutschen Reichs im 19. Jh

Beitragvon garfield336 » Mi 14. Jun 2017, 07:09

Schade das dazu niemand was sagt.
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H2O
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Re: Motivationen der Gründung des Deutschen Reichs im 19. Jh

Beitragvon H2O » Do 15. Jun 2017, 12:51

garfield336 hat geschrieben:(14 Jun 2017, 08:09)

Schade das dazu niemand was sagt.


In wiki ist doch aber sehr schön beschrieben, welche Absichten mit der deutschen Revolution von 1848 bis 1849 verbunden waren:

Man wollte einen deutschen Nationalstaat gründen, der im wesentlichen aus den deutschsprachigen Provinzen des Alten Reichs und aus den deutschsprachigen Gebieten des Deutschen Bundes bestehen sollte. Natürlich gab es heftige Widersprüche bei den Vielvölkerstaaten, die ihr Staatsgebiet nicht auflösen wollten, und auch in Preußen, das im Raum Posen eine polnische Mehrheit aufwies. Einen polnischen Staat wollte man nicht bilden, weil der zu schwach wäre, um sich gegen Rußland verteidigen zu können (Polen war ja mehrfach geteilt, und nur der preußische Teil des ehemaligen Polens war gemeint).

Luxemburg und Limburg waren Mitglieder im Parlament... doch wohl zweifellos in der Absicht, auf irgendeine Weise in den angestrebten Nationalstaat eingebracht zu werden. Sogar die Rückkehr der gesamten Niederlande in den deutschen Nationalstaat war im Gespräch. Der alte Reichsadler mit dem Doppelkopf symbolisiert noch diese Ausgangslage. Der Versuch, einen deutschen Nationalstaat zu bilden, scheiterte an Österreich und Preußen. Sicher waren auch die Niederlande nicht übermäßig begeistert, schon weil der Großherzog Luxemburgs zugleich niederländischer König war und Limburg obendrein eine niederländische Provinz.

Was nun die drei Abgesandten Luxemburgs anstrebten... das ist doch etwas für Historiker. Ich vermute, daß sie sich als Reichsbürger (nicht die von heute! :D ) empfanden; vielleicht sogar die Limburger.

Aber die hohe Herrschaft schlug die deutsche Revolution für ein demokratisches Deutsches Reich nieder, und dieser Versuch war damit vergebens. Vielleicht sind sogar die Luxemburger Parlamentatrier ausgewandert nach Amerika, um dem Zorn Ihres Herrschers zu entgehen, oder sie wurden eingesperrt für ihre demokratischen Absichten. Dieses Schicksal teilten sie mit vielen deutschen Abgeordneten. Die deutsche Demokratie hatte ihre erste bittere Niederlage erlitten.

Danach kam es zu etlichen innerdeutschen Kriegen mit Beteiligung Österreichs und Dänemarks... an deren Ende Preußen als übermächtiger Teilstaat das Königreich Österreich als deutsche Großmacht abgelöst hatte. Kurz darauf folgte der französisch-preußische Krieg, an dem sich Österreich nicht beteiligte, so daß erstmals die Mächte auf dem Gebiet des kleindeutschen Reichs gemeinsam in einen Krieg zogen.

Luxemburg war daran ebenso wenig wie Österrreich beteiligt; war sicher auch nicht Mitglied des Deutschen Reichs geworden. Fürstenherrschaft... nicht Volkswille! Frankreich hatte mit dem Deutschen Reich einen neuen "Erbfeind" gewonnen, den es mehrfach unterschätzte. Dieses Deutsche Reich war immer noch eine auf Adelsherrschaft gegründete Macht... nicht zu vergleichen mit unserer gemütlichen Bundesrepublik Deutschland!
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Re: Motivationen der Gründung des Deutschen Reichs im 19. Jh

Beitragvon garfield336 » Do 15. Jun 2017, 13:20

H2O hat geschrieben:(15 Jun 2017, 13:51)

Was nun die drei Abgesandten Luxemburgs anstrebten... das ist doch etwas für Historiker. Ich vermute, daß sie sich als Reichsbürger (nicht die von heute! :D ) empfanden; vielleicht sogar die Limburger.

Aber die hohe Herrschaft schlug die deutsche Revolution für ein demokratisches Deutsches Reich nieder, und dieser Versuch war damit vergebens. Vielleicht sind sogar die Luxemburger Parlamentatrier ausgewandert nach Amerika, um dem Zorn Ihres Herrschers zu entgehen, oder sie wurden eingesperrt für ihre demokratischen Absichten. Dieses Schicksal teilten sie mit vielen deutschen Abgeordneten. Die deutsche Demokratie hatte ihre erste bittere Niederlage erlitten.


Einer der drei abgesandten war Emanuel Servais.

Später (1867) nach einem kurzen Intermezzo durch eine royalistische Konterrevolution, der zweite demokratisch gewählte Premierminister von Luxemburg.
Das heisst nicht alle sind geflüchtet ^^

1848 März Revolution und erste demokratische Verfassung und Wahlen in Luxemburg
1848-1853 erste demokratische Regierung-
1853 (rückkehr der "Königsmacht" )
1867, Luxemburgkrise, endgültige unabhängigkeit Luxemburg, Verfassung von 1848 mit leichten änderungen wieder in Kraft gesetzt,
Servais wird Premierminister.

Die Verfassung ist bis heute gültig.
Zuletzt geändert von garfield336 am Do 15. Jun 2017, 13:27, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Motivationen der Gründung des Deutschen Reichs im 19. Jh

Beitragvon garfield336 » Do 15. Jun 2017, 13:25

H2O hat geschrieben:(15 Jun 2017, 13:51)

Was nun die drei Abgesandten Luxemburgs anstrebten... das ist doch etwas für Historiker. Ich vermute, daß sie sich als Reichsbürger (nicht die von heute! :D ) empfanden; vielleicht sogar die Limburger.

Aber die hohe Herrschaft schlug die deutsche Revolution für ein demokratisches Deutsches Reich nieder, und dieser Versuch war damit vergebens. Vielleicht sind sogar die Luxemburger Parlamentatrier ausgewandert nach Amerika, um dem Zorn Ihres Herrschers zu entgehen, oder sie wurden eingesperrt für ihre demokratischen Absichten. Dieses Schicksal teilten sie mit vielen deutschen Abgeordneten. Die deutsche Demokratie hatte ihre erste bittere Niederlage erlitten.




Zu Jean-Francois Boch (luxemburgischer industrieller, bekannt durch die Keramik Manufaktur Villeroy-Boch) habe ich auf wikipedia folgendes gefunden.

https://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Fran%C3%A7ois_Boch
Als Nachfolger von Jean Jacques Madeleine Willmar war er vom 3. Januar 1849 bis zum 30. Mai 1849 Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung. Er war fraktionslos, stimmte aber mit dem Rechten Zentrum und wählte Friedrich Wilhelm IV. mit zum Kaiser der Deutschen. Wie auch die beiden anderen luxemburger Abgeordneten sprach er sich unter gewissen Bedingungen für einen Anschluss an ein deutsches Reich unter preußischer Führung aus.


das erklärt eigentlich meine Frage.
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Re: Motivationen der Gründung des Deutschen Reichs im 19. Jh

Beitragvon H2O » Do 15. Jun 2017, 13:33

garfield336 hat geschrieben:(15 Jun 2017, 14:20)

Einer der drei abgesandten war Emanuel Servais.

Später (1867) nach einem kurzen Intermezzo durch eine royalistische Konterrevolution, der erste demokratisch gewählte Premierminister von Luxemburg.
Das heisst nicht alle sind geflüchtet ^^

1848 März Revolution und erste demokratische Verfassung und Wahlen in Luxemburg
1848-1853 erste demokratische Regierung-
1853 (rückkehr der "Königsmacht" )
1867, Luxemburgkrise, endgültige unabhängigkeit Luxemburg, Verfassung von 1848 mit leichten änderungen wieder in Kraft gesetzt,
Servais wird Premierminister.

Die Verfassung ist bis heute gültig.


Das hohe Amt in späteren Jahren ist leider kein Beweis dafür, daß der arme Kerl nicht doch in Festungshaft genommen wurde oder in die Schweiz oder die USA geflohen ist. Die Adelsherrschaft verstand damit keinen Spaß! Zumindest nicht in Deutschland.

Da muß man wohl sehr genau hinsehen, denn die Chroniken aus damaliger Zeit konnten auch nur berichten, was berichtet werden durfte. In Preußen war damals dann alles "Hurrah, hurrah, hurrah!" Nur Heinrich Heine hatte damit seine liebe Not... die er in Paris niederschrieb.
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Re: Motivationen der Gründung des Deutschen Reichs im 19. Jh

Beitragvon H2O » Do 15. Jun 2017, 13:36

garfield336 hat geschrieben:(15 Jun 2017, 14:25)

Zu Jean-Francois Boch (luxemburgischer industrieller, bekannt durch die Keramik Manufaktur Villeroy-Boch) habe ich auf wikipedia folgendes gefunden.

https://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Fran%C3%A7ois_Boch


das erklärt eigentlich meine Frage.


Verzeihen Sie mir den Jux: Wenn ich mich mal wieder notgedrungen zu einer Sitzung zurück ziehen muß, dann werde ich dieses Abgeordneten in Ehren gedenken! :D
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Re: Motivationen der Gründung des Deutschen Reichs im 19. Jh

Beitragvon schokoschendrezki » Do 15. Jun 2017, 13:43

Senexx hat geschrieben:(26 May 2017, 14:23)

Ich akzeptiere diese Darstellung jenes Osterhammel nicht. Er überblickt anscheinend nicht die Prozesse der Nationalstaatsbildung In Europa. Anscheinend ignoriert er völlig die "State- and Nationbuildung"-Literatur aus der vergleichenden komparativ-historischen Soziologie, Rokkan, Bendix, Lipset, Moore etc. Vermutlich ein typischer enghorizontierter Vertreter der traditionellen Epochen-Historiographie.

Das deutsche Reich ist nochmal was anderes. Die Cleavage-Theorie von ebenjenen Autoren Rokkan und Lipset, nach der sich politische Parteien entlang langfristiger Konfliktlinien bilden und ausdifferenzieren, verliert jedenfalls in der Gegenwart rapide an Bedeutung. Diese Theorie entstand in einer Phase der Kontinuität des westlichen Systems. Eine Kontinuität, die nicht zuletzt aus der Kontinuität des Gegenübers, der Welt des Ostens basierte. Diese stabilisierenden Klammerungen sind weggefallen und die Konfliktlinien beginnen sich zu überkreuzen, zu vermischen oder ganz aufzulösen. Allein nur die von Rokkan und Lipset ausgemachte Hauptkonfliktlinie Staat gegen Kirche, die sie als eine stetige langsam fortschreitende Säkularisierung begriffen, wird von Entwicklungen wie etwa in Russland, wo die orthodoxe Kirche vom Zustand des jahrzehntelangen Scheintots zu einem enorm wichtigen gesellschaftlichen Faktor wiederaufgestiegen ist, widerlegt. Die Trump-Wahl lässt sich nicht mehr im Entferntesten mit diesem Konfliktllinienmodell mehr beschreiben.
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt
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Re: Motivationen der Gründung des Deutschen Reichs im 19. Jh

Beitragvon garfield336 » Fr 16. Jun 2017, 07:51

H2O hat geschrieben:(15 Jun 2017, 14:36)

Verzeihen Sie mir den Jux: Wenn ich mich mal wieder notgedrungen zu einer Sitzung zurück ziehen muß, dann werde ich dieses Abgeordneten in Ehren gedenken! :D


Dieser Kerl ersetze https://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Jacques_Willmar Jean Jacques Willmar, der ins Staatsministerium wechselte und von 1948-1953 erster demokratisch gewählter Premierminister war.

Denn hätten wir mal alle
Jean Jacques Willmar (januar 1849 durch Jean-Francois Boch ersetzt.)
Emmanuel Servais,
Charles Munchen

(Die Lux-Abgeordneten sind also nicht im Gefängnis gelandet, .... denn soweit ich nachlesen konnte hat auch Boch sein Unternehmen weitergeführt. und laut Wikipedia haben sie für den Bund gestimmt. :| )
Villeicht waren das die einzigen 3 mit französisch Kenntnissen :D


Das Wahlgesetz ist auch noch auffindbar:
http://legilux.public.lu/eli/etat/leg/memorial/1848
Dokument nr 42 und 43.
Allgemeines Wahlrecht nach relativer Mehrheitswahlrecht. Die 3 ersten mit den meisten Stimmen waren gewählt, Jeder Wähler hatte 6 Stimmen.
Aber die Kandidaten wurden vorher von Gemeinden ausgewählt. Somit wohl keine demokratische Wahl, wie wir es heute kennen, eher ein System wie im Iran. :|

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