Beginn des modernen Iran - das Reich der Safawiden

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Platon
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Beginn des modernen Iran - das Reich der Safawiden

Beitragvon Platon » Do 16. Jun 2016, 16:54

Liebe Userinnen und User

In diesem Strang soll es um das Reich der Safawiden gehen, welches von 1501 bis 1722 in etwa auf dem Gebiet des heutigen Iran existiert hat.

[ IMG]http://i.gr-assets.com/images/S/photo.goodreads.com/hostedimages/1404136372i/10196277._SX540_.jpg[/IMG]
(QuelleBild)

Einführung

Das historische Vermächtnis dieses Reiches ist vor allem:
a) Der Beginn des Iran in seiner heutigen territorialen Ausprägung, vorher hat es den Iran eigentlich gar nicht gegeben, vielmehr waren nach der islamischen Eroberung im siebten Jahrhundert die Gebiete die wir heute dem Iran zurechnen Teile von Reichen, welches sich nicht wirklich als Iran im heutigen Sinne verstanden haben.
b) Die Schiitisierung des Iran, zwar war in bestimmten Gebieten und Städten des heutigen Irans bereit vorher schiitische Gruppen präsent gewesen, aber dennoch wurden erst im Laufe der Herrschaft der Safawiden im 16ten und 17ten Jahrhundert Iran zur 12er-Schia konvertiert, heute gerade aufgrund der Islamischen Republik und seiner geopolitischen Ambitionen ein wesentliches Merkmal des Landes.
c) Dazu gibt es ein reiches kulturelles Erbe aus dieser Zeit, vor allem in Isfahan, welche Anfang des 17ten Jahrhunderts zur Hauptstadt des Reiches gemacht und mit zahlreichen Bauten zum Imperialen Hauptsitz ausgebaut wurde und der Ordensitz in Ardabil, der Stadt in der die Geschichte der Safawiden ihren Ausgang nahm. Beides für heutige Touristen die den Iran besuchen absolutes Pflichtprogramm. Dazu sind besonders die Miniaturmalereien z.B. eines Reza Abbasi oder die diversen Freskos, welche die Bauten dieser Zeit zieren, auch heute noch nett anzusehen.

Man ist über diese Zeit aufgeklärt durch einheimische Quellen, aber auch durch zahlreiche Reiseberichte europäischer Reisende - auch deutschsprachige - die ihre Eindrücke des fernen Persien notiert haben. Diese waren als Botschafter europäischer Mächte, Händler und/oder Abenteurer in den Iran gekommen. Einige davon findet man sogar online im Internet auf archive.org.
Dr. Kaempfer's Album of Persian Costumes and Animals
Adam Olearius - Vermehrte Newe Beschreibung Der Muscowitischen und Persischen Reyse
Insgesamt gibt es eine Menge Material in Text- oder Bildform dazu viele Gebäude, welche Auskunft über dieser Zeit geben. Wenn man sich ein wenig damit beschäftigt entsteht ein lebhaftes Bild eines Imperium, welches zeitlich mit zwei anderen großen islamischen Imperien entstanden ist, dem Osmanischen Reich in der heutigen Türkei und im arabischen Raum und dem Mogulreich in Indien, zu einer Zeit als es zwar Kontakte nach Europa gegeben hat, es allerdings noch kein eindeutiges Machtgefälle, wie im 19ten Jahrhundert, im Zeitalter des Kolonialismus. Für historisch Interessierte lohnt sich ein Blick. :)

[ IMG]http://www.timediver.de/Islamische_Republik_Iran/Safawidenreich_1501_1733.jpg[/IMG]
(QuelleBild)

Safawiden als Sufi-Orden

In ihrem Ursprung waren die Safawiden ein mystischer Sufi-Orden, der im 14ten Jahrhundert von Safi ad Din im Nordwesten Irans in Ardabil gegründet wurde. Das Grab des Ordensgründers ist mittlerweile auch Unesco-Weltkulturerbe und man kann da auch als Tourist hingehen. Beim Sufismus geht es darum, dass Muslime sich auf einen mystischen Pfad machen um durch spirituelle Übungen und strenge Zucht einen Zustand der Gottesschau zu erreichen. Diese Form des Islams war in den Jahrhunderten nach dem Kommen des Islams entwickelt und ab dem 12ten Jahrhundert, spätestens mit dem Mongolensturm im 13ten Jahrhundert und dem Zusammenbruch der alten islamischen Ordnung zu einer Massenbewegung in der islamischen Welt geworden, die sich in verschiedenen Orden organisiert hat. Dabei spielt auch die Lehrer-Schüler-Beziehung eine wichtige Rolle, weswegen die Oberhäupter dieser Orden eine stark erhöhte spirituelle und eventuell damit auch weltliche Stellung beanspruchen können.


(spanisch, aber hübsche Bilder, vor allem die letzten Sekunden)

Turkstämme aus Zentralasien

Ab dem 11ten Jahrhundert waren aus Zentralasien immer wieder türkische Stämme in das Gebiet des heutigen Irans eingewandert, viele bis rüber nach Anatolien gezogen und hatten dort diverse Reiche gegründet, die zumeist aber aufgrund von Nachfolgestreitigkeiten wieder zerfielen. Die herausragende Figuren in dieser Hinsicht ist natürlich der Mongolensturm von Dschingis Khan und die Reichsgründung durch Timur. Die meisten dieser Stämme waren bereits in Zentralasien zum Islam konvertiert, brachten allerdings einige eher heterodoxe Bräuche mit in die islamische Welt, die Mongolen waren übrigens bei ihren Eroberungen keine Muslime, sondern konvertierten nach einiger Zeit. Ein Mongolenherrscher versuchte sogar einige Zeit lang den Iran zum Buddhismus zu konvertieren. Der springende Punkt ist jedenfalls, dass diese Reiterstämme der sesshaften Bevölkerung militärisch weit überlegen war und vom 11ten Jahrhundert bis zur islamischen Revolution 1979 Iran von Leuten regiert wurde, die aus Zentralasien eingewanderten Turkstämmen angehörten.

Eroberungen unter Ismail I

Was die Safawiden nun gemacht haben, war mit den Kizilbasch einige Stämme in Ostanatolien anzuwerben, die sich der spirituellen und politischen Leitung des Oberhaupts dieses Ordens unterstellt haben in der Person von Ismail I. Sie vertraten dabei extremistisch-schiitische Ansichten, das heißt sie verbanden gnostische mit islamisch-schiitischen Vorstellungen. Man glaubte an die Seelenwanderung, dass Gott sich in bestimmten Personen inkarniert, wie z.B. die 12 Imame. Ebenfalls ist nach gewohnt gnostischer Art die Ausführung der Scharia nicht unbedingt für die Erlösung notwendig, sofern man Kenntnis über die gnostischen Geheimnisse hat. Als Anführer eines Ordens mit solchem Gedankengut behauptete Ismail I nun zum Einen ein Nachkomme Alis zu sein und einige seiner Anhänger mögen in ihm nichts Anderes als eine Inkarnation Gottes, den zurückgekehrten 12ten Imam oder ähnliches gesehen haben. Entsprechend gibt es den Bericht, dass seine Anhänger ohne Rüstung in die Schlacht gezogen seien, weil sie ja die Kämpfer Gottes seien.
In Gedichtsform hört sich das dann so an:
Today I have come to the world as a Master. Know truly that I am Haydar's son.
I am Fereydun, Khosrow, Jamshid, and Zahak. I am Zal's son (Rostam) and Alexander.
The mystery of I am the truth is hidden in this my heart. I am the Absolute Truth and what I say is Truth.
I belong to the religion of the "Adherent of the Ali" and on the Shah's path I am a guide to every one who says: "I am a Muslim." My sign is the "Crown of Happiness".
I am the signet-ring on Sulayman's finger. Muhammad is made of light, Ali of Mystery.
I am a pearl in the sea of Absolute Reality. I am Khatai, the Shah's slave full of shortcomings. At thy gate I am the smallest and the last [servant].

https://en.wikipedia.org/wiki/Ismail_I#Poetry_example_1
Er hat in Azeri-Türkisch gedichtet, weswegen er in Aserbeidschan auch noch als Nationalheld oder so verehrt wird. Weil der Ursprung der Safawiden liegt natürlich in Aserbeidschaft, dass sie dann auch erobert haben und Azeri-Türkisch war auch bis zum Ende der Dynastie die Sprache bei Hofe, weil es waren ja Azeri-Türken und keine Iraner. Ismail krönte sich 1501 zum Schah von Iran und erklärte die 12er schiitische Religion zur Staatsreligion in seinem Reich. Daraufhin eroberte er noch den restlichen Iran. In den Jahren danach kam es allerdings zum Konflikt mit dem osmanischen Reich. Die Kizilbash-Stämme auf denen sich die Eroberungen von Ismail stützten hatten ihre Heimat in Ostanatolien, von wo aus sie die Osmanen bedrohten. Es kam 1514 zur Schlacht bei Tschaldiran, bei denen die Osmanen das safawidische Heer vernichtend schlagen konnten. Das war nicht nur militärisch eine Katastrophe und es kam zwischenzeitlich zur Besetzung von Tabriz, schlimmer war noch, dass Ismail und auch seine Nachfolger für sich selbst und für die Heerführer der Kizilbasch-Stämme den Nimbus der Unbesiegbarkeit verloren. Der Anspruch der Mahdi oder die Inkarnation Gottes zu sein, war damit natürlich dahin.

Schah Abbas und die Etablierung der 12er Schia

In den folgenden 100 Jahren waren die Kizilbasch die dominante militärische und politische Kraft des Reiches. Die safawidischen Prinzen wurden zur Aufzucht einem Kizilbasch-Stammesführer zur Obhut gegeben, welcher sich natürlich, sobald ein Thronwechsel anstand, bemüht war, seinen eigenen Prinzen an die Macht zu bringen. Das führte dann auch zu zwei Bürgerkriegen, die das Land verwüsteten. Diesen Zustand zu beenden gelang schließlich Schah Abbas, welcher ein Heer aus ihm ergebenen Sklaven aufstellte und die Macht der Kizilbasch-Stämme brach. Er verlegte die Hauptstadt von Qazwin nach Isfahan und errichtete dort verschiedene Bauwerke, die auch heute noch Pflicht für Touristen sind, wie vor allem der weltberühmte Meidan-i Imam (früher Meidan-i Schah).
Unesco: https://www.youtube.com/watch?v=QuHamVDB_PY

In religiöser Hinsicht waren die Kizilbasch nach wie vor Vertrter eines extremistisch-schiitischen Sufi-Islams, theoretisch mit dem Schah als Ordensführer an der Spitze. Einen organisierten Sunna-Islam gab es nicht, vielmehr galt die Verfluchung der ersten drei Kalifen als obligatorisch, ein Affront gegen jeden Sunniten, und im Laufe der Jahrzehnte konvertierten weite Teile der Bevölkerung zur Schia. Durch den Schah und seinen Hofstaat wurden dabei von Anfang an vor allem die zwölfer-schiitischen Gelehrten, d.h. die Mullahs gefördert. Sie besetzten die wichtigsten religiösen Ämter, es wurden Moscheen, Lehreinrichtungen gebaut und sie kontrollierten die religiöse Gerichtsbarkeit. Umgekehrt unterstützten sie den Schah und legitimierten seine Herrschaft. So konnte sich im Laufe der Zeit eine schiitische Orthodoxie durchsetzen, die andere religiöse Strömungen wie vor allem die Sufis und extremistischen Schiiten an den Rand drängte und die 1979 dann sogar ganz die Macht übernehmen konnte. Der Wahl der Schahs fiel auf diese Strömung, weil sie massentauglich, flexibel und zur Staatenbildung geeignet war und seine Vertreter im Iran die Autorität des Schahs anerkannten.
Der absolute Inbegriff des Sieges der schiitischen Orthodoxie ist Allamah Majlisi, welcher den neunten und letzten Safawiden-Schah Hussein krönte und dafür von ihm den Erlass erhielt alle Sufis aus Isfahan zu verbannen und Alkohol zu verbieten. Das wird dann als endgültiger Sieg der schiitischen Orthodoxie gesehen. Wenngleich der Erlass langfristig zumindest was den Alkohol angeht nicht umgesetzt wurde, weil der Schah selber diesem später nicht abgeneigt war.

Das Ende des Safawidenreichs

Sein Ende fand das Safawidenreich eher zufällig durch einen Aufstand in Afghanistan, diese marschierten auf das iranische Hochland, besiegten ein safawidischen Heer und belagerten Isfahan, welches nach einigen Monaten ausgehungert aufgeben musste, woraufhin der Safawiden-Schah den afghanischen Eroberern die Stadt 1722 übergeben musste. Das Reich war besiegt, der Iran zerfiel in verschiedene Herrschaften und es sollte bis Ende des 18ten Jahrhunderts dauern, als mit den Kadscharen einer der Kizilbasch-Stämme den Iran erneut dauerhaft unter einer Dynastie vereinen konnte.

Die Grenzen des Iran

Die Außengrenzen des Safawidenreiches waren nicht stabil. Es gab mehrere Kriege mit den Osmanen im Westen und den Usbeken im Nordosten. Am Ende konnten die Safawiden den Irak nicht halten und der Kaukasus wurde zwischen beiden Reichen aufgeteilt. (Osmanisch-Safawidischer Krieg (1623–1639)) Die Grenzen, die sich in dieser Zeit ergaben, entsprechen den heutigen Grenzen abzüglich diverser Gebiete, welche die Kadscharen im 19ten Jahrhundert im Zeitalter des Kolonialismus noch an die Russen abtreten mussten. Dazu der endgültige Verlust von Herat aufgrund englischen Drucks. (Wiki: Kadscharen - Verlorene Kriege und Machtverlust)

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Re: Beginn des modernen Iran - das Reich der Safawiden

Beitragvon Fuerst_48 » Do 16. Jun 2016, 20:07

Und warum sollte uns das brennend interessieren?? Wir schreiben das Jahr 2016...
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Re: Beginn des modernen Iran - das Reich der Safawiden

Beitragvon watisdatdenn? » Do 16. Jun 2016, 20:26

Fuerst_48 hat geschrieben:(16 Jun 2016, 21:07)

Und warum sollte uns das brennend interessieren?? Wir schreiben das Jahr 2016...

wer die vergangenheit nicht kennt, versteht die gegenwart auch nicht..
@Platon, danke für deine interessante ausarbeitung.

die parallelen zum modernen iran sind tatsächlich sehr auffällig. berufen diese sich auf das safawidenreich?
in isfahan gibt es ja heute noch tempel der "feueranbeter". ich finde den widerspruch eines konservativen islams auf der einen seite und die wahrung der heidnischen iranischen tradition auf der anderen seite spannend..
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Re: Beginn des modernen Iran - das Reich der Safawiden

Beitragvon Platon » Do 16. Jun 2016, 21:36

Fuerst_48 hat geschrieben:(16 Jun 2016, 21:07)

Und warum sollte uns das brennend interessieren?? Wir schreiben das Jahr 2016...

Und doch haben die meisten Themen die heute zum Iran interessieren, d.h. die Islamische Republik, der schiitische Halbmond und der entsprechende Krieg von Irak bis Syrien, ihre Ursprünge in dieser Zeit. :)
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Re: Beginn des modernen Iran - das Reich der Safawiden

Beitragvon Platon » Do 16. Jun 2016, 21:49

watisdatdenn? hat geschrieben:[...]die parallelen zum modernen iran sind tatsächlich sehr auffällig. berufen diese sich auf das safawidenreich?

Was meinst du denn genau?
in isfahan gibt es ja heute noch tempel der "feueranbeter".

Die Zoroastrier sind ja eine eigene Religion und waren immer als solche anerkannt. Wenngleich sie hin und wieder auch mal verfolgt wurden und dann in Schüben nach Indien ausgewandert sind. Die meisten Bauten stammen meine ich aber aus der vorislamischen Sassanidenzeit, als der Zoroastrismus die dominante Religion war.
ich finde den widerspruch eines konservativen islams auf der einen seite und die wahrung der heidnischen iranischen tradition auf der anderen seite spannend..

Es kommt drauf an. Es gibt ja einerseits die Zorastrier, andererseits alt-iranische Bräuche und Sagen die vor allem über das Schahnameh in die gebildeten iranischen islamischen Schichten übernommen wurden. Vor allem gehört dazu das persische Neujahr und die entsprechenden Feierlichkeiten.

Konservativer Islam ist dazu eine Vorstellung die im vormodernen Kontext nicht sonderlich viel weiterhilft, meines Erachtens.
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Re: Beginn des modernen Iran - das Reich der Safawiden

Beitragvon Fuerst_48 » Do 16. Jun 2016, 21:57

Vom Hocker reißt mich die Thematik keieswegs. Und ein kausaler Zusammenhang zur Gegenwart ist nicht zu erkennen.
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Re: Beginn des modernen Iran - das Reich der Safawiden

Beitragvon Platon » Do 16. Jun 2016, 22:20

Fuerst_48 hat geschrieben:(16 Jun 2016, 22:57)

Vom Hocker reißt mich die Thematik keieswegs. Und ein kausaler Zusammenhang zur Gegenwart ist nicht zu erkennen.

Das sehen viele anti-iranische Leute in Syrien, Irak und der weiteren arabischen Welt übrigens anders. Diese nennen die Iraner oder pro-iranische Kämpfer z.B. aus dem Irak heute gerne die Safawiden und wollen damit unterstellen, dass die Islamische Republik eine Schiitisierung der arabischen Welt betreibt. Der IS hat diesbezüglich einige Videos hochgeladen wo er von safavid soldier oder safavid army spricht und dabei schiitische Truppen aus dem Irak oder die Revolutionsgarden meint. Das wird aber nicht nur vom IS so gesehen, sondern auch von Gemäßigteren Kreisen mit anti-iranischer Agenda.
In an interview on Al-Jazeera this past May, the commander of the Free Syrian Army, Brig. Gen. Salim Idris, explained that the diversion of Hezbollah forces from Lebanon to Syria to take part in the civil war was part of a “Safavid” plan for the Middle East region.

This past January, an article in the influential Lebanese daily As-Safir accused Iraq’s Shiite Prime Minister Nouri al-Maliki of receiving assistance from his “Safavid allies.” After the powerful Sunni Muslim leader, Sheikh Yousuf al-Qaradawi, condemned Iran for its actions in Syria, the Muslim Scholars Association of Lebanon warned that the Sunni Arabs were facing “the spreading Safawi project.”

Indeed, over the last decade, the term “Safavid” has become a commonly used derogatory word among Arab leaders for the Iranians. American journalist Bob Woodward describes a harsh diplomatic exchange in one of his books between King Abdullah of Saudi Arabia and a high-level U.S. official about the 2003 Iraq War, in which the Saudi leader states: “You have allowed the Persians, the Safavids, to take over Iraq.” By using the term Safavid, Arab leaders were making reference to the Safavid Empire and imputing hegemonic motivations to the current Iranian government, suggesting that Iran is seeking to re-establish their country’s former imperial borders.[...]

http://jcpa.org/article/the-arab-world- ... e-safavid/
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Re: Beginn des modernen Iran - das Reich der Safawiden

Beitragvon Fuerst_48 » Fr 17. Jun 2016, 08:27

Platon hat geschrieben:(16 Jun 2016, 23:20)

Das sehen viele anti-iranische Leute in Syrien, Irak und der weiteren arabischen Welt übrigens anders. Diese nennen die Iraner oder pro-iranische Kämpfer z.B. aus dem Irak heute gerne die Safawiden und wollen damit unterstellen, dass die Islamische Republik eine Schiitisierung der arabischen Welt betreibt. Der IS hat diesbezüglich einige Videos hochgeladen wo er von safavid soldier oder safavid army spricht und dabei schiitische Truppen aus dem Irak oder die Revolutionsgarden meint. Das wird aber nicht nur vom IS so gesehen, sondern auch von Gemäßigteren Kreisen mit anti-iranischer Agenda.

http://jcpa.org/article/the-arab-world- ... e-safavid/

Ich bin in Sachen IRAN, IRAK, SYRIEN etc., weder pro noch contra eingestellt. Dass alles irgendwo wurzelt, ist historisch zumeist erklärbar. Ich nehme zur Kenntnis, dass du offensichtlich ein ErklärBÄR bist.
Tschüß!
Bei Themen zur Geschichte geht es nicht um persönliche Einstellungen/Sichtweisen, sondern um Fakten UND die Darstellung des jeweiligen historischen Kontextes. Genau das tut Platon - er legt dar, wie gegenwärtige Ereignisse mit historischen korrellieren, in welchem historischen Kontext sie stehen.
Wenn Dich das Thema nicht interessiert, dann musst Du a) nicht mitlesen und b) erst recht nicht diskutieren.
Unterlass es bitte, Dein eigenes Desinteresse am Thema durch Spam zum Ausdruck zu bringen!

DA Mod.
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Re: Beginn des modernen Iran - das Reich der Safawiden

Beitragvon Ammianus » Sa 18. Jun 2016, 12:32

Platon hat geschrieben:(16 Jun 2016, 23:20)

Das sehen viele anti-iranische Leute in Syrien, Irak und der weiteren arabischen Welt übrigens anders. Diese nennen die Iraner oder pro-iranische Kämpfer z.B. aus dem Irak heute gerne die Safawiden und wollen damit unterstellen, dass die Islamische Republik eine Schiitisierung der arabischen Welt betreibt. Der IS hat diesbezüglich einige Videos hochgeladen wo er von safavid soldier oder safavid army spricht und dabei schiitische Truppen aus dem Irak oder die Revolutionsgarden meint. Das wird aber nicht nur vom IS so gesehen, sondern auch von Gemäßigteren Kreisen mit anti-iranischer Agenda.

http://jcpa.org/article/the-arab-world- ... e-safavid/


Nun scheint das nicht unberechtigt zu sein. Wobei ich mich dabei nur auf den Delmenhorster Özoguz-Clan berufen kann. Die haben Chomenei als Marja, sind dem absolut und blind ergeben und gehören so wohl zu den Vertretern des konservativsten Flügels in der IRI. Für die ist der sogenannte Revolutionsführer die „Heiligkeit unserer Zeit”, der Islam ihrer Vorstellung eine Befreiungstheologie. Deren Meinung nach muss das Ziel der Ummah die Vereinigung unter der Führung des Imams der Zeit – also Chomeinis sein.

Das auch gemäßigte Sunniten das anders sehen dürfte klar sein. Mich erinnert das immer an den „proletarischen Internationalismus” den die sowjetischen Kommunisten und ihre hiesigen Vasallen predigten. Danach hatte sich auch alles unter der Flagge der KPdSU zu versammeln und wer nicht mitmachte war Revisionist, bürgerlicher Abweichler oder sonst was.
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Re: Beginn des modernen Iran - das Reich der Safawiden

Beitragvon Platon » Di 12. Jul 2016, 16:58

Einige Bemerkungen zur Schiitisierung des Iran

Ich bin recht unzufrieden wie auf Wikipedia die Schiitisierung des Iran dargestellt wird.
Safavid conversion of Iran to Shia Islam
Dort wird so dargestellt, als wenn Ismail I eine Zwangskonversion des Irans zur Schia durchgeführt hätte um dem Iran eine eigene religiöse Identität zu geben. Das gilt es in mancherlei Hinsicht zu korrigieren.

Die Etablierung des Safawidenstaates fällt in die nach-mongolische Phase. Die Mongolen hatten Mitte des 13ten Jahrhunderts den Nahen und Mittleren Osten überrannt und damit die klassische Islamische Welt hinweg gefegt. Es folgten Jahrzehnte und Jahrhunderte von weiteren Kriegen, kurzen Herrschaften, der Zusammenbruch alter Institutionen und ein allgemeiner Niedergang z.B. der Landwirtschaft. In dieser Situation wandten sich viele mysthischen und apokalyptischen Strömungen zu, welche die Familie des Propheten Mohammed in hohen Ehren hielten. Das heißt sie hielten Ali und die Imame für herausragende spirituelle Persönlichkeiten und verehrten sie. Viele Menschen waren also bereits vor der Eroberung durch die Safawiden so etwas wie proto-Schiiten. In einer Art und Weise, dass die Grenze zwischen Sunniten und Schiiten gar nicht immer klar sein musste und es sich eher um einen fließenden Übergang handelte. Beispielsweise gab es Pilgerreisen auch von Sunniten zum Schrein des 8ten Imams Musa al Kazim nach Maschhad. Diese knallharte Unterscheidung zwischen Sunniten und Schiiten, wie wir sie heute kennen, gab es in dieser frühen Zeit nicht. Erst im Laufe der Safawidenzeit verschärfte sich dieser Gegensatz, heutzutage sieht man aufgrund aktueller politischer Entwicklungen ja auch im jeweils Anderen fast schon den Teufel...

Es ist zu betonen, dass Ismail I als er 1501 in Tabriz sich zum Schah krönen ließ und die Schia zur Staatsreligion ausriefen ließ, es sich dabei explizit um die imamitische schiitische Religion handelte. Also keineswegs die extremistisch-mysthische Variante der Schia der die Safawiden eigentlich angehörten, sondern die Variante der zwölfer-schiitischen Gelehrten wie wir sie auch heute im Iran, Irak und Bahrain als Mehrheitsreligion haben. Es ist darauf hingewiesen worden, dass Ismail I zwar die Gelehrten dieser Strömung in den Iran eingeladen hat um ihre Religion dort zu etablieren, diese Gelehrten es in ihrer Mehrheit aber vorgezogen haben nicht in den Iran zu kommen. Das haben sie getan, weil aus ihrer Sicht die Safawiden überhaupt gar keine richtigen Schiiten waren, sondern extremistische Übertreiber und die Ausrufung der Imamitischen Religion im Endeffekt aus völlig heiterem Himmel kam. Ismail I selbst ließ sich zeit seines Lebens als Gott und Mahdi verehren, etwas was für orthodoxe 12er Schiiten völlig inakzeptabel war. Ebenso war nach der Niederlage von Chaldiran die Zukunft des Projektes dieser Dynastie zweifelhaft, die Osmanen hatten die safawidische Hauptstadt zeitweise besetzt und man durfte skeptisch sein, dass das was wird. Auch gab es in der 12er-schiitischen Religion damals die Tendenz die Zusammenarbeit mit weltlichen Herrschern grundsätzlich zu unterlassen. Lediglich eine namhafte Person Ali al Karaki ließ sich von Anfang an mit den Safawiden ein, der zunächst im Irak und später im Iran selbst eine wichtige Rolle bei den Safawiden spielte und dafür auch fürstlich entlohnt wurde. Eine wirkliche Konversionsbewegung hat es in dieser frühen Phase der Safawiden überhaupt nicht gegeben. Was es gegeben hat war die gewaltsame Einführung eines äußerlichen proto-Schiismus, wie er vor allem durch die Verfluchung der ersten drei Kalifen zum Ausdruck kommt. Weil wie man weiß halten alle Schiiten, egal welcher Richtung, die ersten drei Kalifen für Ursupatoren, die die rechtmäßige Herrschaft von Ali als Nachfolger Mohammeds verhindert haben und allgemein die Familie des Propheten schlecht behandelt haben. Das ist aber eher eine repressive Politik gegenüber Sunniten, als eine echte Einführung der Schia.
Erst im Laufe der Herrschaft des zweiten Safawidenschah Tahmasp, der im Wikipedia-Artikel überhaupt nicht erwähnt wurde, begannen die schiitischen Gelehrten in größerer Zahl sich im Iran anzusiedeln und dem Beispiel von Karaki zu folgen. Damit begann eine Tendenz die sich im 17ten Jahrhundert unter Schah Abbas und seinen Nachfolgern durchsetzen konnte, nach der die Oberhäupter der Safawiden ihre Herrschaft nicht mehr dadurch legitimierten, dass sie selbst einen besonderen spirituellen Status besitzen, als Inkarnation Gottes, Imame oder Messiase sondern indem sie sich als Beschützer und Förderer der Religion zeigten. Eine Legitimation wie sie dann auch unter der Nachfolgedynastie der Qajaren von zentraler Bedeutung blieb. Erst jetzt aber begann man so langsam die religiösen Institutionen mit echten Schiiten zu besetzen, anstatt mit lokalen sunnitischen Notablen oder extremistischen Schiiten der Qizilbash. Und wie wenig fortgeschritten diese Schiitisierung des Iran auch nach der Herrschaft von Tahmasp war zeigt sich, dass dessen Nachfolger Ismail II gleich mal versucht hat die Sunna wieder einzuführen, was er aber nicht lange überlebte.

Es ist auch recht gut zu erklären warum die Wahl dabei auf die scharia-zentrierte Variante der Schia fiel. Denn die Durchsetzung der Scharia bot die Möglichkeit einen Staat aufzubauen, welcher religiöse, soziale und ökonomische Stabilität garantieren konnte. Denn die Scharia regelt neben den Gottesdienstlichen Pflichten, die Reinigungsgeboten auch die zwischenmenschlichen Beziehungen wie das Ehe- und Scheidungsrecht und das Erbrecht. Dazu aber liefert die Scharia ein Handelsrecht, welches großen Wert auf den Schutz von Privateigentum und die Einhaltung von Verträgen legt und hohe Strafen z.B. für Wegelagerei vorsieht. Dieses Recht durchzusetzen garantiert also so etwas wie Rechtssicherheit und Stabilität in einer Gegend, die nach der Invasion der Mongolen über Jahrhunderte durch immer neue militärische Auseinandersetzungen verwüstet wurde und in dem sich nie lange eine Herrschaft etablieren konnte. Gleichzeitig mussten aber auch einige Änderungen von Seiten der 12er Schia vorgenommen werden, so hatte man sich eigentlich darauf eingerichtet, dass erst mit der Rückkehr des 12ten Imams eine rechtmäßige islamische Herrschaft errichtet werden würde und damit jegliche weltliche Herrschaft illegitim ist. Diese Einstellung war jetzt natürlich ein wenig problematisch, da man ja zur Staatsreligion der Safawiden ausgerufen worden war. Es setzte dann auch unter Schah Tahmasp so langsam ein Prozess ein, in dem die sich nunmehr als Kollektiv als Stellvertreter des Imam bezeichnenden Gelehrten, immer mehr Aufgaben und Funktionen des 12ten Imams quasi kommissarisch übernahmen. In erster Linie die Leitung des Freitagsgebets, die Eintreibung religiöser Steuern oder allgemein die Durchsetzung der Scharia. Diese Entwicklung hat dann 1979 ihren Höhepunkt erreicht als Khomeini dann meinte man könnte ja auch einfach direkt die Herrschaft übernehmen ^^.

Wann wo welche Bevölkerungsgruppen zur Schia bekehrt wurden, ist meines Wissens nicht bekannt bzw. nicht immer so einfach zu ermitteln. Aber es ist klar, dass diese Konversionen sowohl auf friedlichem als auch auf gewaltsamen Wege erfolgten. Häufig waren auch überhaupt nicht die Sunniten sondern die religiösen Minderheiten wie die Christen, Juden und Zoroastrier hohen Konversionsdruch ausgesetzt, weil sie als einfachere Ziele gesehen wurden.

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